Filmkritik: Die Jan-Costin-Wagner-Verfilmung „Das letzte Schweigen“

August 18, 2010

Am 8. Juli 1986 verschwindet irgendwo in der westdeutschen Provinz ein Mädchen. Ihre Leiche wird später gefunden. Der Mörder wird nie gefasst.

23 Jahre später verschwindet am gleichen Ort wieder ein Mädchen. Die Polizei sucht das Mädchen – und befürchtet, dass es bereits tot ist.

Aber Autor und Regisseur Baran bo Odar interessiert sich, wie die Vorlage, nicht für die Ermittlungsarbeiten der Polizei. Er will das Bild eines Zustandes zeichnen. Schon Jan Costin Wagners Buch hieß bedeutungsschwanger „Das Schweigen“. Für den Film wurde der Titel dann in „Das letzte Schweigen“ verschärft und die These noch deutlicher herausgearbeitet.

Denn alle Charaktere haben ihr Päckchen Leid und Schuld zu tragen und, anstatt darüber zu reden, schweigen sie über ihre Gefühle. Die Mutter (Katrin Sass) trauert immer noch über ihre vor 23 Jahren ermordete Tochter. Der damals ermittelnde, inzwischen pensionierte Kommissar Christian Mittich (Burghart Klaußner) sucht immer noch den Mörder. Kommisar David Jahn (Sebastian Blomberg) trauert vor allem um seine kürzlich verstorbene Frau. Die Eltern der jetzt verschwundenen Sinikka Weghamm, Ruth (Karoline Eichhorn) und Karl (Roeland Wiesnekker) werfen sich vor, dass sie ihre Tochter nach einem Streit alleine wegfahren ließen und, wir ahnen es, schweigen sich an. Timo Friedrich (Wotan Wilke Möhring), der 1986 dabei war, ist inzwischen ein glücklich verheirateter Architekt mit zwei Kindern und er schweigt immer noch über den damaligen Mord und seine pädophile Neigung. Und der damalige Mörder, Hausmeister Peer Sommer (Ulrich Thomsen), arbeitet immer noch im gleichen Wohnblock als der allseits beliebte, allein lebende Hausmeister.

Das war jetzt kein Spoiler. Denn diese Tat wird in den ersten Minuten gezeigt und in Rückblenden werden einige weitere Hintergründe präsentiert. Denn man sieht sich dieses Kuriositätenkabinett sich anschweigender Menschen eher gelangweilt wie eine artifizielle Präsentation an. Schöne Bilder. Schöne Musik. Schöne Menschen. Schön langweilig. Denn der Wille zur Kunst ist größer als der Wunsch eine emotional packende Geschichte zu erzählen. Dafür sind die einzelnen Handlungsstränge in schlechter „Short Cuts“-Manier viel zu wenig miteinander verknüpft. Dafür verhalten sich die einzelnen Charaktere alle zu seltsam, ohne jemals auch nur ansatzweise die durchgeknallte Qualität eines David-Lynch-Charakters zu erhalten. Das Verhältnis zwischen den einzelnen Plots bleibt unklar und damit auch, welcher Charakter die Identifikationsfigur (die es auch in einem Ensemblefilm gibt) für den Zuschauer sein soll.

Kommissar Jahn, der sich als ermittelnder Kommissar anböte und in Jan Costin Wagners Kriminalromanen als Kommisar Kimmo Joentaa der Seriencharakter ist, sieht meistens wie ein Penner, der in erster Linie seiner Frau hinterhertrauert, aus. Sein erratisches Verhalten qualifiziert ihn für einen langen Erholungsurlaub, den er sich als trauernder Witwer redlich verdient hat, und eine ausgedehnte psychiatrische Behandlung, aber nicht für den Polizeidienst.

Mittich mischt sich als Pensionär ungefragt und rabiat in die Ermittlungen ein. Er ist von Anfang an überzeugt, dass der gleiche Täter wieder zugeschlagen hat und ignoriert die Frage, warum ein Mörder nach fast 25 Jahren eine Eins-zu-Eins-Kopie seiner Tat machen sollte.

Friedrich ist nach dem Verschwinden von Sinikka über irgendetwas sehr beunruhigt. Er macht sich auf den Weg zu den Orten seiner Vergangenheit und besucht auch Hausmeister Sommer. Warum er dies tut und warum er sich so und nicht anders verhält, darf sich der geneigte Zuschauer, wie schon vorher der Leser von Jan Costin Wagners Buch, selbst ausdenken.

Sowieso darf der geneigte Zuschauer sich viel denken. Denn Baran bo Odar präsentiert, hübsch ausgeleuchtet, meistens schweigende Menschen, die allein, regungslos in Autos, sparsam möblierten Wohnungen und Hotelzimmern sitzen. Es gibt schöne Bilder von sich im Wind bewegenden Baumgruppen und Kornfeldern („Twin Peaks“ lässt grüßen). Garniert von der hypnotischen Musik von Pas de Deux erzeugt er eine träumerische Stimmung. Aber während David Lynch in „Twin Peaks“ seine Ansammlung schräger Charaktere mit schwarzem Humor, zahlreichen Anspielungen und einem Spiel auf vielen verschiedenen Ebenen garnierte, bleibt in „Das letzte Schweigen“ alles monochrom düster und nur in wenigen Szenen (wenn ein Charakter sich wirklich zu unangemessen verhält) blitzt unfreiwilliger Humor auf.

Das ist aber bereits in Jan Costin Wagners mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichneten Roman so. Baran bo Odar hält sich, bis auf das Ende und der damit verbundenen Erklärung für Sinikkas Verschwinden, bis hin zu einzelnen Dialogen an die Vorlage. Das mag die Freunde der Werktreue, die auf der Leinwand nur die bebilderte Version des Romans sehen wollen, erfreuen. Es steht aber einem eigenständigen Zugriff auf das Material im Weg. Denn in dem Film finden sich so auch alle Probleme des Romans, wie die maue, oft unglaubwürdige, sich eher zufällig entwickelnde Geschichte, die mangelhafte psychologische Motivation des Täters (in Buch und Film verschieden und jede Lösung hat ihre Probleme), die schnell langweilende Parallelführung von sich nie berührenden Handlungssträngen und, was das Schlimmste ist, die mangelhafte Differenzierung zwischen den einzelnen Charakteren und ihren Gefühlen. Letztendlich müssen sie alle mit Verlusten, Misserfolgen und charakterlichen Defiziten umgehen und sie haben alle darauf die gleiche Antwort: sie fressen die Erfahrung in sich hinein. Sie sind in sich gekehrt, schweigsam und – Hey, immerhin spielt Wagners Roman in Finnland. – depressiv. Nur der pädophile Kindermörder erscheint als allseits beliebter, freundlicher und in sich ruhender Hausmeister der einzig normale Charakter zu sein. Im Gegensatz zu allen anderen ist er mit sich im Reinen.

Was sagt uns das über den Film und unsere Gesellschaft?

Das letzte Schweigen (D 2010)

Regie: Baran bo Odar

Drehbuch: Baran bo Odar

LV: Jan Costin Wagner: Das Schweigen, 2007

mit Ulrich Thomsen, Wotan Wilke Möhring, Burghart Klaußner, Katrin Sass, Sebastian Blomberg, Karoline Eichhorn, Roeland Wiesnekker, Claudia Michelsen, Oliver Stokowski, Jule Böwe

Vorlage

Jan Costin Wagner: Das Schweigen

Eichborn, 2007 (Hardcover)

Goldmann, 2009 (Taschenbuch)

288 Seiten

7,95 Euro

Hinweise

Homepage zum Film

Facebook-Seite zum Film

Film-Zeit über „Das letzte Schweigen“

Homepage von Baran bo Odar

Homepage von Jan Costin Wagner

Wikipedia über Jan Costin Wagner

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Jan Costin Wagner

Krimi-Couch über Jan Costin Wagner

Alligatorpapiere: Befragung von Jan Costin Wagner (21. Juni 2005)

Meine Besprechung von Jan Costin Wagners „Sandmann träumt“


Robert Brack schreibt über den „Blutsonntag“ in Hamburg-Altona

August 16, 2010

Mit „Blutsonntag“ erkundet Robert Brack weiter die Geschichte seiner Heimatstadt Hamburg. In seinem letzten Roman „Und das Meer gab seine Toten wieder“ schrieb er über die Weibliche Kriminalpolizei, die es in den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Hamburg gab. Der mutmaßliche Doppelselbstmord von zwei Mitgliedern der Weiblichen Kriminalpolizei 1931 führte dann zu ihrer Auflösung. In dem auf Tatsachen basierendem Roman versucht eine Polizistin aus England den Fall aufzuklären. Damals spielte die junge Journalistin Klara Schindler eine Nebenrolle. In „Blutsonntag“ hat sie die Hauptrolle. Sie will jemanden umbringen und auf 250 Seiten erzählt Robert Brack, wie es dazu kommt, dass eine politisch links stehende Journalistin eine Mörderin werden will und wie sie ihre Tat ziemlich dilettantisch ausführt.

Der Grund dafür ist der Altonaer Blutsonntag vom 17. Juli 1932. Damals marschierten SA und SS, unter großem Polizeischutz, durch das Arbeiterviertel Altona. Es kam zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit 18 Toten.

Klara Schindler will herausfinden, was wirklich geschah. Mit einem neuen, von den russischen Brüdern spendiertem Tonbandgerät geht sie auf die Straße und interviewt Menschen, die an dem Sonntag in Altona waren.

Robert Brack schneidet diese Interviews immer wieder in die Geschichte, die vor allem als Sittengemälde Hamburgs am Vorabend der Nazi-Diktatur, mit Krimibeigabe, besticht.

Blutsonntag“ ist, wie bei Brack nicht anders zu erwarten, ein gelungener Rückblick in die Vergangenheit zwischen Zeitungsredaktion, Kaschemmen, Amüsierlokalen, Hinterhöfen und kleinen Mietwohnungen. Was allerdings genau an dem Blutsonntag geschah, erschließt sich für alle, die diesen Teil der deutschen Geschichte nicht präsent haben, nur langsam aus den Zeugenaussagen, die Robert Brack fast wortwörtlich aus zeitgenössischen Protokollen übernahm. Diese Faktentreue ist, wie schon in „Und das Meer gab seine Toten wieder“ der Vor- und Nachteil des Romans. Denn auch für den besten Historiker wird immer einiges ungeklärt bleiben und er wird nur eine plausible Geschichte erzählen können, wie es wahrscheinlich gewesen ist.

Bracks alter ego Virginia Doyle hat sich auch wieder an den Schreibtisch gesetzt. Vor wenigen Tagen erschien „Die Ehre der Nicolosi“ im Heyne Taschenbuchverlag. „Die spannende Geschichte einer Mafia-Familie vom St. Pauli-Kiez“ steht auf dem Klappentext und die Geschichte scheint zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und 1985 zu spielen. Genaueres nach der Lektüre.

Vormerken kann man sich, falls man „Und das Meer gab seine Toten wieder“ nicht schon lange im Regal stehen hat, die für Ende September bei Goldmann angekündigte Taschenbuch-Ausgabe des Krimis.

Robert Brack: Blutsonntag

Edition Nautilus, 2010

256 Seiten

13,90 Euro

Hinweise

Homepage von Robert Brack

Meine Besprechung von Robert Bracks „Schneewittchens Sarg“ (2007)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Und das Meer gab seine Toten wieder“ (2008)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Psychofieber“ (1993, Neuausgabe 2008)

Wikipedia über den Altonaer Blutsonntag


Thriller < 10 Euro (mit Ausnahmen)

August 11, 2010

Wer bei den Hardcover-Ausgaben zögerte, kann jetzt die, teilweise überfälligen Taschenbuch-Ausgaben von einigen guten Büchern kaufen. Beginnen wir ohne bestimmte Reihenfolge in Berlin:


D. B. Blettenberg: Berlin Fidschitown (Pendragon, 12,95 Euro)

Sein bereits 2003 erschienener, hauptsächlich in Berlin, oft im Untergrund, spielender, mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichneter Thriller ist jetzt endlich als Taschenbuch erschienen. Unbedingt lesen!


Jörg Juretzka: Der Willy ist weg (Unionsverlag, 9,90 Euro)

Sein dritter Krimi erschien zuletzt bei Rotbuch als Hardcover. Jetzt gibt es das brüllend komische Abenteuer von Privatdetektiv Kristof Kryszinski als Taschenbuch. Im Anhang gibt es ein dreiseitiges Interview, eine Bio- und eine Bibliografie.


Domingo Villar: Wasserblaue Augen (Unionsverlag, 9,90 Euro)

Ein Debüt aus Spanien: Inspektor Leo Caldas soll den Mörder eines bestialisch ermordeten Saxofonisten finden. Ihre Ermittlungen führen sie in Szenebars und Schwulenclubs – und mit etwas über 200 Seiten kann das Buch in einem Rutsch gelesen werden.


Matti Rönkä: Bruderland (grafit, 8,95 Euro)

Der zweite Krimi mit dem in Helsinki lebendem, russischstämmigem Privatdetektiv Viktor Kärppä. Als einige Jugendliche an verunreinigtem Heroin sterben, wird Kärppä von der Polizei gezwungen, seine alten Kontakte zu benutzen. Guter PI-Krimi, der nicht wallandert, sondern sich an amerikanischen Vorbildern orientiert.


Charles den Tex: Die Zelle (grafit, 11 Euro)

Nach „Die Macht des Mr. Miller“ ein weiterer Thriller mit dem Unternehmensberater Michael Bellicher, dessen Leben wieder aus den geordneten Bahnen gerät. Dieses Mal soll er einen Unfall mit Todesfolge verursacht haben (er erinnert sich nicht daran) und er besitzt plötzlich marode Treibhäuser (die er niemals gekauft hat). „Die Zelle“ erhielt den Goulden Strop.


Max Bronski: München Blues (Heyne, 7,95 Euro)

Drei Jahre nach der Hardcover-Ausgabe erscheint der zweite Krimi von Max Bronski endlich als Taschenbuch. Amateurdetektiv Gossec stolpert während des Oktoberfestes über eine Bierleiche und in den schönsten bayerischen Amigofilz.


Allan Guthrie: Abschied ohne Küsse (Heyne)

Nun, die Taschenbuch-Ausgabe eines Hard-Case-Crime-Taschenbuches. Mir gefällt das originale Pulp-Cover besser. Der Inhalt bleibt gleich und ist nichts für zartbesaitete Gemüter.


Roger Smith: Kap der Finsternis (Heyne, 8,95 Euro)

Ein zünftiger Hardboiled aus Südafrika. Das feine Debüt spart nicht Gewalt und erscheint deshalb auch folgerichtig in der Hardcore-Reihe von Heyne.


Jeffery Deaver: Der Täuscher (Blanvalet, 9,95 Euro)

Lincoln Rhyme ermittelt wieder und wir erfahren einiges über die Möglichkeiten der Überwachung und Datenmanipulation. Da hat Deaver wieder ein halbes Sachbuch in seinen Krimi geschmuggelt.


Michael Connelly: Echo Park (Heyne, 6,65 Euro)

Harry Bosch ermittelt wieder. Muss ich wirklich mehr sagen?


Joe R. Lansdale: Akt der Liebe (Heyne, 8,95 Euro)

Lansdales Debüt erschien 1999 bei pulp master, ist schon seit Ewigkeiten nicht mehr erhältlich und Antiquare verlangen ziemlich viel Geld dafür. Daher ist die, anhand einer kursorischen Überprüfung nur wenig überarbeitete Neuausgabe für alle Lansdale-Fans (neue und alte) die Gelegenheit, einen Klassiker des Serienkillerthrillers (wieder) zu lesen. Immerhin erschien „Akt der Liebe“ in den USA 1981; was uns schmerzlich daran erinnert, dass Lansdale auch schon einige Jahrzehnte auf dem Planeten wandelt.

Lasst euch nicht von dem nichtssagendem Cover, das eher an eine Liebesschnulze in tropischen Hütten erinnert, und dem harmlosen Titel abschrecken.

Und wer doch nicht auf sein geliebtes Hardcover verzichten kann:


Laura Thompson: Agatha Christie (Scherz, 24,95)

Eine fünfhundertseitige Biographie über die enorm produktive Schriftstellerin (15. September 1890 – 12. Januar 1976). In England wurde das Buch gemischt aufgenommen. Denn Thompson, die auch einen exclusiven Zugang zum Archiv von Agatha Christie hatte, schreibt nicht besonders kritisch über die heute immer noch erfolgreiche Krimiautorin. Und das ist wahrscheinlich das größte Rätsel um Agatha Christie.


Hat Ian Rankin „Ein reines Gewissen“?

August 9, 2010

Ein Fall für Malcolm Fox“ steht groß auf dem Cover von Ian Rankins neuem Roman „Ein reines Gewissen“ und damit ist die Botschaft eindeutig: Malcolm Fox soll der neue Seriencharakter von Ian Rankin werden. Seinen vorherigen, sehr erfolgreichen Inspector John Rebus musste er altersbedingt in Pension schicken. Danach probierte Ian Rankin einiges aus: eine Oper, ein Comic, ein Kurzromane und einen Fortsetzungskrimi für die New York Times. Diese Geschichte überarbeitete er für die Buchveröffentlichung gründlich. Der so entstandene Heist-Krimi „Der Mackenzie-Coup“ war eine unterhaltsame Geschichte über den großen Coup. Es war allerdings auch eindeutig ein Zwischenwerk. Ein tiefes Durchatmen vor neuen, großen Taten.

Mit „Ein reines Gewissen“ soll ein neues Kapitel aufgeschlagen werden. DI Malcolm Fox ist jünger. Er arbeitet bei den Internen Ermittlern. Er ist ein Teamspieler. Er lebt zwar auch allein, aber er hat eine Schwester, die er öfters sieht und einen Vater, der in einem Altersheim lebt und den er noch öfters sieht. Er ist ein Ex-Alkoholiker. Und, sicher auch weil Ian Rankin Malcolm Fox zu einem Gegenentwurf von John Rebus machen wollte, hat er einen ziemlichen Langweiler entworfen. Denn auch nach fünfhundert Seiten ist einem dieser nette Malcolm Fox immer noch ziemlich egal.

Auch der Fall verläuft in den gewohnten Bahnen. Malcolm Fox soll der Abteilung für Kinderschutz helfen. Sie glauben, dass DS Jamie Breck sich Kinderpornos auf seinen Computer runtergeladen und mit seiner Kreditkarte bezahlt hat. Fox und sein Team sollen ihnen die nötigen Informationen beschaffen. Schnell findet Fox Breck sympathisch und, je mehr er über ihn erfährt, umso weniger glaubt er, dass der Verdacht richtig ist.

Parallel erzählt Ian Rankin wie Malcolm Fox seinen Vater Mitch in einem Altersheim besucht und wie er sich über Vince Faulkner, den neuen Freund seiner Schwester Jude, ärgert. Denn Faulkner schlägt sie und sie ist nicht bereit ihn zu verlassen. Was auch daran liegt, dass sie selbst, nun, keine unproblematische Person ist.

Als Faulkner ermordet wird, Fox in Verdacht gerät und suspendiert (Gähn!) wird, verbündet er sich mit Breck. Sie wollen den Mörder fangen und herausfinden, wer Breck wegen Kinderpornographie anschwärzen will. Tja, und irgendwann verschwindet der Bauunternehmer Charlie Brogan, der Chef von Faulkner war und verheiratet mit der Tochter von einem Gangsterboss ist, spurlos während eines Segeltörns. Ein Unfall, Selbstmord (denn auch in Edinburgh sind die Immobilienpreise im Keller) oder Mord?

Spätestens ab diesem Moment erzählt Ian Rankin „Ein reines Gewissen“ wie auf Autopilot fertig.

Denn „Ein reines Gewissen“ beginnt unglaublich holprig. Man hat den Eindruck, dass Rankin nachdem er im ersten Viertel des Buches mit viel zu viel Privatgedöns langweilt, irgendwann feststellte, dass er einen Abgabetermin hat und bis dahin eben fünfhundert Seiten gefüllt haben muss.

Das macht „Ein reines Gewissen“ noch nicht zu einem wirklich schlechtem Buch. Es ist aber ein enttäuschendes Ian-Rankin-Werk, das den eher schwachen „Mackenzie-Coup“ (es ist, weil die Genrekonventionen so stark sind, einfach schwer, einen guten Heist-Roman zu schreiben) zu einem besseren Roman macht. Rankin scheint immer noch keinen Plan für seine nächsten Romane zu haben.

Vielleicht sollte er sich in seinem nächsten Malcolm-Fox-Roman wirklich auf die internen Ermittlungen der Polizei konzentrieren oder einfach die Seiten wechseln und einige Gangsterromane schreiben. Da würde dann auch der Vergleich mit dem übermächtigen John Rebus wegfallen. Immerhin sind in England die Rebus-Romane, wie bei uns, Bestseller und zwei Schauspieler verliehen John Rebus für das Fernsehen ihr Gesicht.

À propos Fernsehen: Die Verfilmungen von „Der Mackenzie-Coup“ und „Ein reines Gewissen“ sind für 2011 von ITV und BBC geplant und Rankin darf bei der Besetzung mitreden.

Ian Rankin: Ein reines Gewissen

(übersetzt von Juliane Gräbener-Müller)

Manhattan, 2010

512 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

The Complaints

Orion Books, London 2009

Hinweise

Homepage von Ian Rankin

Deutsche Homepage von Ian Rankin (Goldmann-Verlag)

Ian Rankin: The very last drop (16. – 18. Februar 2010; – eine neue Inspector-Rebus-Geschichte)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Der Mackenzie Coup“ (Doors Open, 2008)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Rebus’s Scotland – A personal journey“ (2005)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Eindeutig Mord – Zwölf Fälle für John Rebus“ (A good hanging, 1992)

Meine Besprechung von Ian Rankins “Ein Rest von Schuld“ (Exit Music, 2007)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Im Namen der Toten” (The Naming of the Dead, 2006)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Die Seelen der Toten“ (Dead Souls, 1999)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Der diskrete Mr. Flint“ (Watchman, 1988)

Ian Rankin in der Kriminalakte


Kurzkritik: Benjamin Black: Der Lemur

Juli 27, 2010

Beginnen wir mit dem Positiven: Benjamin Blacks neues Buch „Der Lemur“ ist schnell gelesen.

Es ist mit 160 Seiten sogar zu schnell gelesen, um es halbgelesen wegzulegen.

Danach fragt man sich, warum Black so wenig aus der vielversprechenden Prämisse gemacht hat.

Der Ex-Journalist John Glass soll die Memoiren seines Schwiegervaters William Big Bill Mulholland schreiben. Mulholland ist Multimilliardär und Ex-CIA-Agent. Glass beauftragt Dylan Riley, den titelgebenden „Lemur“, mit Hintergrundrecherchen. Riley findet auch etwas heraus, er will eine hohe Beteiligung am Buchvertrag (Böse Menschen würden von Erpressung reden.) und kurz darauf ist er tot. Ein Schuss ins linke Auge.

Man muss kein Genie sein, um zu vermuten, dass Riley von irgendjemand in Mulhollands Umfeld, der so ein Geheimnis bewahren wollte, umgebracht wurde.

Theoretisch gibt es jetzt eine Unzahl Verdächtiger: Mulholland selbst, seine Familie, seine Geschäftspartner und, selbstverständlich die CIA, der geübte Krimileser und Paranoiker alles zutrauen. Glass selbst glaubt eher, dass Riley ihn wegen seiner außerehelichen Affäre erpressen wollte. Weil sein Schwiegervater Mulholland strenggläubig ist, hätte Riley damit auch ein gutes Mordmotiv. Zum Glück hat er ein bombensicheres Alibi (Womit der tragfähige Plot des unschuldig Verdächtigten, der seine Unschuld beweisen muss, gestorben wäre.).

Glass und Captain Ambrose vom NYPD tappen, trotz der vielen potentiellen Täter, im Dunkeln. Denn Riley ist wahrscheinlich der Rechercheur mit den wenigsten Telefonaten, der saubersten Festplatte und den wenigsten Dokumenten.

Benjamin Black erzählt diese Geschichte, die er als Serial für das New York Times Magazine schrieb, assoziativ und lustlos. Denn der passiv-introvertierte, von Ängsten geplagte Glass sucht nie zielgerichtet den Täter. Er lässt sich von Gefühlen und Vermutungen leiten. Die anderen Charaktere bleiben austauschbar und blass. Sogar die zahlreichen, eher verwirrenden Rückblenden verraten letztendlich erstaunlich wenig über Mulhollands und Glass‘ Vergangenheit, aber John Huston tritt auf.

Auch die auf den ersten Blick vielversprechende CIA-Geschichte wird nicht weiterverfolgt. Am Ende erweist sie sich, wie vieles in „Der Lemur“, als verzichtbarer pseudo-interessanter Farbtupfer in Mulhollands weitgehend im Dunkeln bleibender Biographie.

Insgesamt entsteht beim Lesen von „Der Lemur“ sowieso der Eindruck, dass Black keine Ahnung hatte, was er mit seiner Prämisse anfangen sollte, er aber jede Woche eine Fortsetzung liefern musste und am Ende nach der Methode „Der Gärtner ist der Mörder“ irgendeine Lösung aus dem Hut zauberte.

Benjamin Black: Der Lemur

(deutsch von Gerlinde Schermer-Rauwolf und Thomas Wollermann)

rororo, 2010

160 Seiten

11 Euro

Originalausgabe

The Lemur

Picador, New York, 2008

Hinweise

Homepage von Benjamin Black

Wikipedia über Benjamin Black (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Benjamin Black

KiWi: John Banville interviewt Benjamin Black (oder umgekehrt; englisch)


Ist der „Rote Zwerg“ „Besser als das Leben“?

Juli 20, 2010

Einige Rätsel werden wahrscheinlich nie gelöst werden. Dazu gehört die deutsche Veröffentlichung der Romane zur BBC-SF-Comedy „Red Dwarf“. Denn die beiden Romane „Roter Zwerg“ und „Besser als das Leben“ von Grant Naylor erschienen in England vor über zwanzig Jahren und auch die Vorlage, die Comedy „Red Dwarf“ hat es nie über den Ärmelkanal gepackt.

Warum sollte ein großer Verlag wie Blanvalet jetzt die Bücher veröffentlichen?

Keine Ahnung, außer dass vielleicht irgendwo in den Gängen des Verlages ein Roter-Zwerg-Fan sitzt.

Der „Rote Zwerg“ ist, wir ahnen es, ein altes, ungefähr fünf Meilen langes Bergbau-Schiff, das nur schlappe zweihunderttausend Meilen pro Stunde schafft. Auf ihm heuert Dave Lister an. Nach einer Sauftour durch London wachte Lister pleite auf dem Saturn-Mond Minas auf und, weil er seinen Pass verloren hat, kann er auch keine Arbeitserlaubnis erhalten. Wenn er beim Space-Korps anheuert, so denkt Lister sich, bekommt er sogar seinen Heimflug bezahlt. Er wird sogar wider Erwarten angenommen und muss auf dem „Roten Zwerg“ Tätigkeiten verrichten, für die sich sogar die Roboter zu fein sind. Nach einem Vergehen wird der stinkfaule Lister zur Strafe in die Stasis-Kammer gesperrt.

Drei Millionen Jahre später, nachdem die nukleare Strahlung eines Cadmium-II-Lecks abgeklungen ist, wird Lister von dem superintelligentem Schiffscomputer Holly geweckt. Etwas später erzeugt Holly, um Lister zu einem disziplinierterem Leben anzuleiten, ein Hologramm von Listers Intimfeind Rimmer. Im Raumschiff entdecken sie Kater, eine Mischung aus Mensch und Katze, die in ihrem Sauberkeits- und Kleiderwahn jede Frau in den Schatten steckt. Auf einem Planeten entdecken sie Kryten, einen neurotischen Roboter, dessen Lebenserfüllung putzen und bedienen ist.

Dass es noch schlimmer kommen kann, erfährt Lister, als er auf einen sprechenden Toaster, dessen Lebenserfüllung das Herstellen von Toastbrot ist, trifft. Gemeinsam fliegen sie durch das Weltall. Ihr Ziel ist die Erde. Ihre Abenteuer sind, auch ohne das Treffen auf außerirdische Lebensformen, grotesk.

Dazu gehören Besuche auf einem vereisten Müllplaneten, der plötzlich auftaut, Zeitparadoxien und der Einstieg in das Spiel „Besser als das Leben“, das seinen Mitspielern alle Wünsche erfüllt und mit dem Tod der Spieler endet. Denn wer will schon aus dem selbstgeschaffenen Paradies aussteigen?

Die von Grant Naylor (einem Pseudonym der Serienerfinder Rob Grant und Doug Naylor) erfundene Science-Fiction-Comedy „Red Dwarf“ und die beiden darauf basierenden Romane „Roter Zwerg“ und „Besser als das Leben“, die sich anscheinend sehr genau an die BBC-Serie halten, stehen in der Tradition von Douglas Adams‘ „Per Anhalter durch die Galaxis“. Allerdings war – aus der Erinnerung – vor allem der erste „Anhalter“-Band der vierbändigen Trilogie in fünf Teilen wesentlich witziger.

Dennoch liefern „Roter Zwerg“ und „Besser als das Leben“ den „Anhalter“-Fans und den Freunden des absurden Humors genug durchgeknallte Ideen und Lacher für ein verlängertes Wochenende. Danach ist dann vielleicht nicht mehr „42“, sondern BADL die Antwort auf die große Frage nach dem Sinn des Lebens und dem ganzen Rest.

Grant Naylor: Roter Zwerg

(übersetzt von Wolfgang Thon)

Blanvalet, 2009

336 Seiten

7,95 Euro

Originalausgabe

Red Dwarf: Infinity Welcoms Careful Drivers

Penguin Books, 1989

Grant Naylor: Besser als das Leben

(übersetzt von Wolfgang Thon)

Blanvalet, 2010

320 Seiten

7,95 Euro

Originalausgabe

Red Dwarf: Better than life

Penguin Books, 1990

Hinweise

„Red Dwarf“-Homepage

Wikipedia über „Red Dwarf“


Schimanski, Thiel und Boerne in Buchform

Juli 16, 2010

In den Achtzigern war Horst Schimanski der beliebteste Tatort-Kommissar. Heute dürfte das für das Team Frank Thiel/Karl-Friedrich Boerne gelten; – jedenfalls wenn man seinen Krimi nicht todernst mag, kann man sich durch neunzig Minuten lachen.

Auch „Tempelräuber“, das jetzt von Martin Schüller zu einem „Roman zum Film“ umgearbeitet wurde, hat einige Lacher. Das beginnt mit der Bemerkung von Staatsanwältin Klemm: „In dieser Stadt zählt ein toter Priester so viel wie zwei tote Bürgermeister. Oder drei tote Polizisten.“

Als sie erfährt, dass der in der Nacht von einem Auto überfahrene Geistliche Ludwig Mühlenberg, der Leiter des Sankt-Vincenz-Seminars, ist, meint sie nur: „Verdoppeln Sie alles, was ich gesagt habe.“

Es geht weiter mit dem Auftritt von Professor Karl-Friedrich Boerne in seinem Institut. Er wurde in der Nacht von dem Mörder überfahren und jetzt sind beide Arme gebrochen (Seltsamerweise hat er sich nicht weiter verletzt). Aber das hält ihn nicht von der Arbeit ab: „Ein paar Kratzer. Unbedeutende Frakturen. (…) Aber das wird mich nicht davon abhalten, meine Pflicht zu erledigen.“

Nur sind diese Szenen im Film witziger. Die rauchige Stimme von Mechthild Grossmann als Staatsanwältin, Der neben ihr kleine Axel Prahl als Kommissar Frank Thiel, dem die ganze Kirchensache als eingefleischtes Nordlicht am Arsch vorbeigeht.

Oder wenn Jan-Josef Liefers als snobistischer Professor Boerne einige Minuten später versucht mit zwei gebrochenen Armen eine Obduktion durchzuführen (geht natürlich nicht) und er alle Anwesenden wie seine persönlichen Diener behandelt (die davon natürlich nicht begeistert sind). Das ist im Buch – auch wenn man den „Tatort“ kennt und das sich lässig die Pointen zuschiebende Team aus Axel Prahl (Kommissar Thiel), Jan-Josef Liefers (Professor Boerne), Christine Urspruch (Silke ‚Alberich‘ Haller) und Mechthild Grossmann (Staatsanwältin Klemm) vor Augen hat – nicht so witzig.

Denn während die Filme vom Zusammenspiel der Schauspieler leben und so der Krimiplot zur Nebensache wird (Gibt es wirklich jemand, der diese Tatorte wegen des Plots sieht?), rückt er im Buch ins Zentrum. Der ist jedoch ein eher schwacher Whodunit mit einer ziemlich weit hergeholten Lösung.

Die einzelnen Verdächtigen (der Einbrecher, die geheimnisvolle Frau, der Nachfolger) werden eher pflichtschuldig abgehandelt. Die Geschichte wird vor allem mit einer gehörigen Portion absurden Humors und Kommissar Zufall vorangetrieben. So ist es im Film witzig, wenn bei der Tat nicht nur Professor Boerne überfahren wird, sondern auch das Taxi von Thiels Vater als Mordwaffe benutzt wird und dann spurlos verschwindet.

Im Buch liest sich das dann arg gewollt nach Drehbuchratgeber und rückt die Schwächen des Plots in den Mittelpunkt.

Moltke“ ist der neunzehnte Schimanski-Film und, abgesehen von dem Auftritt von Dieter Bohlen und seiner Musik (damals und heute: Würg.), ein guter „Tatort“, der den Sozialarbeiter Schimanski während der Weihnachtstage auf Hochtouren arbeiten lässt und, aus Schimanskis Sicht, eine zünftige Rachegeschichte im Gangstermilieu erzählt.

Der Hüne Zbigniew ‚Moltke‘ Pawlak saß neun Jahre im Knast. Er hatte zusammen mit drei Komplizen einen aus dem Ruder gelaufenen Überfall auf einen Supermarkt verübt. Ein Wachmann starb, Pawlaks Bruder erhielt einen Bauchschuss und wurde von einem der Verbrecher erschossen. Moltke blieb bei seinem Bruder, wurde verhaftet und verurteilt. Seine Komplizen verschwanden mit dem Geld. Moltke wartete schweigend auf seine Entlassung und jetzt, so nimmt Schimanski, der den Underdog Moltke ganz sympathisch findet, an, jetzt will Moltke sich rächen.

Schimanski versucht das Schlimmste zu verhindern.

War in „Tempelräuber“ der fehlende Humor und die nur leichte Überzeichnung der Charaktere störend, ist es bei der ebenfalls von Martin Schüller geschriebenen Romanversion von „Moltke“ genau umgekehrt. So wirkt Schimanski öfters wie ein trotziges kleines Kind und geistig, wenn Thanner ihm das Weltall erklärt, etwas beschränkt. Da war der „Tatort“-Schimanski wesentlich erwachsener. Schüller porträtiert eher den Schimanski aus der gleichnamigen, wesentlich schlechteren TV-Serie.

Am Ende der Geschichte, wenn Moltke den letzten seiner Komplize stellt und Schimanski zum letzten Mal versucht Moltke zu helfen, hätte Schüller sich weniger sklavisch an das Drehbuch halten können. Denn anstatt einfach die einzelnen Szenen aufeinander folgen zu lassen, hätte er, wie James Rollins in „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“, die Lücken zwischen den Szenen auffüllen können. So wird das Ende dieses ungewöhnlichen „Tatorts“ in Buchform etwas unrund.

Vielleicht wäre der Roman auch besser geworden, wenn Martin Schüller die Geschichte aus der Sicht Schimanskis in der ersten Person erzählt hätte. Damit hätte er an die Grundidee der ersten Schimanski-Tatorte angeknüpft, in denen der Film ausschließlich Schimanskis Sicht erzählt wurde.

Tempelräuber“ und „Moltke“ sind okaye „Bücher zum Film“, die aber beide Male hinter den Filmen zurückbleiben.

Zur zweiten „Tatort“-Lieferung aus dem Emons-Verlag gehören außerdem „Erntedank“ (mit Charlotte Lindholm), „Seenot“ (mit Klara Blum), „Bevor es dunkel wird“ (mit Charlotte Sänger und Fritz Dellwo) und „Vermisst“ (mit Lena Odenthalo und Mario Kopper).

Für September ist bereits die dritte Lieferung angekündigt: „Schwarzer Peter“ (mit Eva Saalfeld und Andreas Keppler), „Todesbrücke“ (mit Till Ritter und Felix Stark), „Das ewige Böse“ (mit Frank Thiel und Karl-Friedrich Boerne), „Das Phantom“ (mit Max Ballauf und Freddy Schenk), „Borowski und die einsamen Herzen“ (mit Klaus Borowski) und „Starkbier“ (mit Ivo Batic und Franz Leitmayr, ein grandioser „Tatort“ in dem Carlo Menzinger die Ermittlungen leitet).

Martin Schüller: Tempelräuber

Emons, 2010

160 Seiten

8,95 Euro

Vorlage

Tatort: Tempelräuber (D 2009)

Regie: Matthias Tiefenbacher

Drehbuch: Magnus Vattrodt

mit Axel Prahl, Jan Josef Liefers, Friederike Kempter, Christine Urspruch, Mechthild Grossmann, Claus Dieter Clausnitzer, Ulrich Noethen , Rosalie Thomass, Johanna Gastdorf, Wolf-Niklas Schykowski, Marita Breuer

Erstausstrahlung: 25. Oktober 2009 (Folge 745)

Martin Schüller: Moltke

Emons, 2010

160 Seiten

8,95 Euro

Vorlage

Tatort: Moltke (D 1988)

Regie: Hajo Gies

Drehbuch: Axel Götz, Jan Hinter, Thomas Wesskamp

mit Götz George, Eberhard Feik, Ulrich Matschoss, Chiem van Houweninge, Hubert Kramar, Iris Disse, Gerd Silberbauer, Wolfgang Preiss, Jan Biczycki, Jürgen Heinrich, Dieter Bohlen, Ludger Pistor

Erstausstrahlung: 28. Dezember 1988 (Folge 214)

Hinweise

Tatort-Fundus über Kommissar Thiel und Kommissar Schimanski

Horst-Schimanski-Fanseite

Kriminalakte: Gespräch mit Hejo Emons über die Tatort-Reihe

Kriminalakte: Tatort-Romane – zum Ersten (Oliver Wachlin: Blinder Glaube; Martin Schüller: Die Blume des Bösen)

Kriminalakte: Tatort-Romane – zum Zweiten (Martin Schüller: A gmahde Wiesn, Christoph Ernst: Strahlende Zukunft)

Kriminalakte: Tatort-Romane – zum Dritten (Martin Conrath: Aus der Traum…, Oliver Wachlin: Todesstrafe)


Erster Eindruck: Das Science Fiction Jahr 2010

Juli 11, 2010

Dünn.

.

Im Vergleich zu „Das Science Fiction Jahr 2009“ ist die neueste Ausgabe des Science-Fiction-Jahrbuchs mit 1152 Seiten dünn ausgefallen. Die vorherige Ausgabe hatte 1600 Seiten und lag wie ein überdimensionierter Wackelpudding in den Händen.

Dagegen hat man bei der neuesten Ausgabe wieder das Gefühl, ein vom Handling her lesbares Buch in den Händen zu halten. Der Schwerpunkt beschränkt sich dieses Jahr auf den 150-seitigen Text: „Wenn gestern morgen ist – Zeitmaschinen, Zeitreisen und Zeitparadoxien in Science und Fiction“ von Rüdiger Vaas. In den vorherigen Jahren waren es mehrere Texte; zuletzt über 400 Seiten über Superhelden.

Der Rest des Science-Fiction-Jahrbuchs bewegt sich im gewohnten Umfang und in den bekannten Kategorien. Es gibt Interviews mit Stephen Baxter und China Miéville, Porträts über J. G. Ballard, Frank Schätzing, Walter Jon Williams und David Foster Wallace.

Es gibt Essays zu James Camerons „Avatar“, „Star Trek“, „Terminator“ und „Battlestar Galactica“ von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Es wird über „25 Jahre Detroit-Techno“ geschrieben und über die „Weltfabrik der Theoretiker – Wie Annäherungen zur wissenschaftlichen Weltanschauung werden“ nachgedacht.

Es gibt Nachrufe, Buchbesprechungen, Film-, Hörspiel und Computerspielkritiken, Marktberichte und eine Auflistung im letzten Jahr preisgekrönter Science-Fiction-Werke.

Es gibt, auch wenn einen nicht alles interessiert, viel zu lesen.

Damit ist das von Sascha Mamczak und Wolfgang Jeschke herausgegebene Jahrbuch auch im fünfundzwanzigsten (!) Jahr wieder eine Fundgrube für alle an Science-Fiction Interessierte. Denn in keinem anderen Buch wird so intensiv der Austausch über alle Spielarten von Science-Fiction gepflegt. Es ist allerdings auch immer noch das einzige Kompendium dieser Art. Und das obwohl im Kino die erfolgreichsten Filme Science-Fiction- und Fantasy-Filme sind. Zuletzt „Avatar“. Auch einige Science-Fiction-Bücher verkaufen sich ausgesprochen gut. Zuletzt Frank Schätzing mit „Limit“. Science-Fiction-Serien, wie „Raumschiff Enterprise“, „Stargate“ (jeweils mehrere Serien), „Lost“, „Battlestar Galactica“ und „Fringe“, sind im TV und auf DVD erfolgreich.

Daher: Herzlichen Glückwunsch zur 25. Ausgabe des Jahrbuchs. Vor einem viertel Jahrhundert hätte wahrscheinlich niemand vermutet, dass das Science-Fiction-Jahrbuch auch „2010“ erscheint.

Sascha Mamczak/Wolgang Jeschke (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2010

Heyne, 2010

1152 Seiten

29,95 Euro

Hinweise

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschke (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2008“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschke (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2009“


Cable, Hope, die X-Men und das Ende der Welt?

Juli 9, 2010

Die Geschichte von Cable, der von Cyclops in die Zukunft geschickt wurde, geht episodisch und gewohnt knackig weiter. Dabei ist Autor Duane Swierczynski (aka Duane Louis) ziemlich frei, verschiedene zukünftige Welten, die auch in verschiedenen Zeitströmen existieren, zu erfinden. Denn auch wenn diese eine Zukunft fatal endet, kann es noch eine andere geben. Das ist für Science-Fiction-Fans und Philip-K.-Dick-Leser ein alter Hut, der letztes Jahr mit den Reboots von „Terminator: Die Erlösung“ und „Star Trek“ allgemein bekannt wurde.

In dem aus vier Heften bestehenden „Warten auf das Ende der Welt“ haben Cable und sein Schützling in „New Liberty“ eine Zuflucht gefunden. „New Liberty“ ist ein von der Welt abgeschiedenes Paradies, das keinen Kontakt mit der Außenwelt hat. Cable freundet sich mit Hope an und sein Schützling erhält endlich einen Namen: Hope Summers. Die Idylle wird zerstört, als amerikanische Soldaten, die wie Ungeziefer aussehen, „New Liberty“ besetzen. Sie nennen es Befreiung und sogar der unpolitischste Leser wird an die derzeitigen Auslandseinsätze des US-Militärs denken. Bevor Cable und sein Schützling flüchten können, müssen sie allerdings Hope aus den Klauen der Besatzer befreien.

In dem Zweiteiler „Wüstenblues“ entwickelt Hope langsam ihre Superkräfte. Weil Cable und Hope in der Wüste nicht lange überleben können, springen sie weiter in die Zukunft und landen im „Messias-Krieg“, einer umfangreichen Crossover-Geschichte von „Cable“ und der „X-Force“, die in sieben Heften gegen Stryfe, den Herrscher dieser Zukunft, kämpfen müssen.

Nach einem verheißungsvollen Set-Up endet der „Messias-Krieg“ in einem ziemlich verwirrendem Kampf, bei dem nur noch Marvel-Gesamtleser den Überblick behalten werden. Bei den anderen führt das gerade im zweiten Band des „Messias-Krieges“ öfters zu Was-zur-Hölle-geht-hier-eigentlich-ab-Momenten.

Aber im dritten Cable-Band sind zwei hübsche Geschichten enthalten und „Warten auf das Ende der Welt“ liefert auch einen sehr gemeinen, wenig subtilen Kommentar zur militärisch geprägten Außenpolitik der USA.

Duane Swierczynski (Autor)/Ariel Olivetti (Zeichner): Cable 3 – Warten auf das Ende der Welt

(übersetzt von Michael Strittmatter)

Paninic Comics 2010

148 Seiten

16,95 Euro

enthält

Warten auf das Ende der Welt (Waiting for the end of the world, Teil 1 – 4)

Wüstenblues (Wasteland Blues, Teil 1 – 2)

Originalausgabe

Waiting for the end of the world, Chapter 1: The last place on earth (Cable 7, Dezember 2008)

Waiting for the end of the world, Chapter 2: Invasion U. S. A. (Cable 8, Januar 2009)

Waiting for the end of the world, Chapter 3: Little triggers (Cable 9, Februar 2009)

Waiting for the end of the world, Chapter 4: Ain’t no dog (Cable 10, März 2009)

Wasteland Blues, Chapter 1 (Cable 11, April 2009)

Wasteland Blues, Conclusion (Cable 12, Mai 2009)

Duane Swierczynski/Craig Kyle/Christopher Yost (Autoren)/Ariel Olivetti/Clayton Crain (Zeichner): Cable 4: Messias-Krieg – Teil 1 (Teil 1 von 2)

(übersetzt von Michael Strittmatter)

Panini Comics, 2010

100 Seiten

12,95 Euro

enthält

Messiah War, Chapter 1 (X-Force/Cable: Messiah War 1, Mai 2009)

Messiah War, Chapter 2 (Cable 13, Juni 2009)

Messiah War, Chapter 3 (X-Force 14, Juni 2009)

Duane Swierczynski/Craig Kyle/Christopher Yost (Autoren)/Ariel Olivetti/Clayton Crain (Zeichner): X-Force 4: Messias-Krieg – Teil 2 (Teil 2 von 2)

(übersetzt von Michael Strittmatter)

Panini Comics, 2010

100 Seiten

12,95 Euro

enthält

Messiah War, Chapter 4 (Cable [vol. 2] 14, Juli 2009)

Messiah War, Chapter 5 (X-Force [vol. 3] 15, Juli 2009)

Messiah War, Chapter 6 (Cable [vol. 2] 15, August 2009)

Messiah War, Chapter 7 (X-Force [vol. 3] 16, August 2009)

Hinweise

Secret Dead Blog von Duane Swierczynski

Meine Besprechung von Duane Louis (Swierczynskis) „Letzte Order“ (Severance Package, 2008)

Meine Besprechung von Duane Louis (Swierczynskis) „Blondes Gift“ (The Blonde, 2006)

Meine Besprechung von Duane Swierczynskis „Cable: Kriegskind – Band 1″ (Cable: War Child – 1, 2008)

Meine Besprechung von Anthony E. Zuiker/Duane Swierczynskis „Level 26 – Dark Origins“ (Level 26 – Dark Origins, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Michel Lacombe (Zeichner)/Ariel Olivettis (Zeichner) „Cable 2: Heimatfront“ (Cable 2: Homefront)

Duane Swierczynski in der Kriminalakte


Gute Verpackung, schlechter Inhalt

Juli 8, 2010

Die Covers sind gut und, obwohl von verschiedenen Gestaltern entworfen, sogar überraschend ähnlich. Der Inhalt auch. Irgendwie. Denn beide sind Pulp. Beide haben eine schwarzhumorige Note. Beide haben einen guten Anfang. Beide werden teilweise euphorisch gelobt. Vor allem Bazells Debüt „Schneller als der Tod“ gefällt anscheinend allen. Denis Johnsons „Keine Bewegung!“ wird wesentlich reservierter aufgenommen. Und von beiden Büchern hatte ich viel mehr erwartet.

Auf der ersten Seite von „Schneller als der Tod“ wird Assistenzarzt Dr. Peter Brown auf dem Weg zur Arbeit überfallen. Er schlägt den Dieb übel zusammen, vögelt auf dem Weg zur Dienstbesprechung eine Pharmavertreterin und wirft sich wie blöde Pillen ein. Kurz: ein ganz normaler Arbeitstag in einem New Yorker Krankenhaus, bis Brown sich einen neuen Patienten ansieht und mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird.

Denn der Patient ist der Mafiosi Eddy Squillante, der ihn sofort als den ins Zeugenschutzprogramm untergetauchten Mafiakiller Pietro „Bärentatze“ Brnwa erkennt und, damit er seine Operation auch wirklich überlebt, droht, Brown an seine Mafiafreunde zu verraten.

Während Dr. Brown versucht, das Leben des todkranken Mafiosi und sein eigenes zu retten, schneidet Bazell Browns Biographie in die aktuellen Ereignisse. Er erzählt, wie Brown zum Killer wurde, wie er seine Großeltern rächen wollte, wie er seine Arbeit erledigte, wie er sich mit seinem besten Freund zerstritt und wie er letztendlich ausstieg. Diese fast 170-seitige Backstory bringt die Hauptgeschichte des 300-seitigen Krimis nicht voran und gibt dem Helden eine höchst überflüssige, klischeebeladene Vorgeschichte. Denn natürlich wurde Brown nur deshalb zum Killer, um seine feige ermordeten Großeltern zu rächen. Undsoweiterundsofort.

Außerdem, was natürlich bei einem Comic-Crime-Buch (irgendwie klingen die deutschen Übersetzungen „Krimikomödie“ und „witziger Kriminalroman“ blöd) ein großer Nachteil ist, fand ich „Schneller als der Tod“ nicht witzig. Ich konnte, und dabei lache ich mich bei Carl Hiaasen oder Donald Westlake schlapp, nicht einmal lachen.

Dennis Johnsons „Keine Bewegung!“ ist dagegen ein Versuch in Noir.

Freizeitmusiker Jimmy Luntz ist vielleicht kein guter Musiker, aber er ist definitiv ein schlechter Schuldner. Nach einem Konzert möchte Ernest Gambol, dass Luntz endlich seine Schulden zurückzahlt. Als sie gemeinsam unterwegs sind, eskaliert die Situation und plötzlich liegt Gambol verletzt auf der Straße und Luntz ist auf der Flucht. Er trifft Anita Desilvera, die gerade bei ihrer Scheidung gnadenlos über den Tisch gezogen wurde und jetzt mittellos ist. Aber sie weiß, wo ihr Mann, der Bezirksstaatsanwalt, und ihr Geliebter, der Richter, dessen Sekretärin sie war, über zwei Millionen Dollar gebunkert haben. Die beiden tun sich zusammen.

Und dann ist da noch Gambol. Er kuriert seine Verletzung nicht aus, sondern verfolgt hasserfüllt Luntz.

Der mit dem National-Book-Award ausgezeichnete Denis Johnson schrieb „Keine Bewegung!“ als vierteilige Geschichte für den „Playboy“. Aber das entschuldigt nicht die chaotische Geschichte, bei der einem alle Charaktere herzlich unsympathisch und egal sind. Dazu kommt Johnsons eigenwilliger Stil. Er erzählt gerne, leicht achronologisch, die Ereignisse vor einem Vorfall, dann die Auswirkungen und erst anschließend, in einer halbherzigen Rückblende, manchmal erst Seiten später, was geschah. Da fragt man sich als Leser öfters, leicht verwirrt, warum jetzt jemand blutend auf dem Boden liegt oder an einem anderen Ort ist. So liest sich „Keine Bewegung!“ wie ein liebloser Verschnitt verschiedener nicht miteinander zusammenhängender Geschichten.

Da hätte ein echter Pulp-Autor mehr herausholen können.

Josh Bazell: Schneller als der Tod

(übersetzt von Malte Krutzsch)

Fischer Verlag, 2010

304 Seiten

18,95 Euro

Originalausgabe

Beat the Reaper

Little, Brown and Company, 2009

Dennis Johnson: Keine Bewegung!

(übersetzt von Bettina Abarbanell)

Rowohlt, 2010

208 Seiten

17,95 Euro

Originalausgabe

Nobody Move

Farrar, Straus and Giroux, 2009

Hinweise

Homepage zu „Beat the Reaper“

Focus interviewt Josh Bazell (11. März 2010)

Krimi-Forum interviewt Josh Bazell (März 2010)

Wikipedia über Dennis Johnson (deutsch, englisch)

Lesung

Am Dienstag, den 12. Oktober, besucht Josh Bazell Berlin. Die Lesung beginnt um 20.00 Uhr im Babylon-Kino (Rosa-Luxemburg-Straße 30; Nähe S/U-Bahnhof Alexanderplatz).

Keine Angst, ich werd sicher nochmal darauf hinweisen.


Joe Pitt sorgt wieder für Ärger

Juli 7, 2010

Was soll ich über das vierte Joe-Pitt-Buch sagen, das ich nicht schon so ähnlich bei den vorherigen Pitt-Krimis gesagt habe? Es ist gut und kann ohne die Kenntnis der vorherigen Bücher gelesen werden. Aber chronologisch macht es mehr Spaß.

Wem das zu kurz war:

Am Ende von „Das Blut von Brooklyn“ musste Privatdetektiv, Troubleshooter und Vampyr Joe Pitt (so eine Art Bastard-Sohn von Phil Marlowe und Mike Hammer) Manhattan verlassen.

Ein Jahr später schlägt er sich in der South Bronx mehr schlecht als recht durch. Näher kann er nicht zu seiner früheren, an AIDS erkrankten und inzwischen mit dem Vyrus infizierten Freundin Evie gelangen. Denn er darf sich nicht von seinen früheren Freunden, die den mächtigen Vampyrclans der Koalition oder der Society angehören und ihn immer noch töten wollen, erwischen lassen.

Eines Abends wird er von Verbündeten der Koalition geschnappt, gefoltert (er verliert dabei einen Zeh und ein Auge) und Predo, der Chef der Koalition (dem mächtigsten Vampyrclan Manhattans), bietet ihm, wenn er einen Auftrag erfüllt, eine Rückkehr nach Manhattan an. Die nicht-infizierte Millionenerbin Amanda Horde hat einen neuen Clan gegründet, der jeden aufnimmt. Außerdem sucht sie ein Heilmittel gegen das Vyrus. Sie gefährdet mit ihren Handlungen das Überleben der Vampyre, die seit Jahrhunderten alles tun, damit die Menschen nichts von ihrer Existenz erfahren.

Joe Pitt nimmt das Angebot, auch wenn er weiß, dass er den Auftrag wahrscheinlich nicht überleben wird, an. In Manhattan gerät Pitt schnell zwischen die Fronten der Clans und er versucht mit allen Mitteln seine eigene Haut zu retten. Dummerweise weiß er nie, wer ihn belügt. Aber auch seine Gegner wissen nicht, wann er sie belügt.

Das klingt jetzt – Vampyre, Koalition, Clans, Vyrus – ziemlich nach einem Mix aus Fantasy und Horrorroman. Dabei ist „Bis zum letzten Tropfen“, wie die vorherigen Joe-Pitt-Romane, vor allem ein Hardboiled-Privatdetektivkrimi in dem die Vampirclans nur eine andere Form von Verbrecherbanden (vulgo Mafia) sind und Joe Pitt als auf seine Autonomie bedachter Einzelgänger versucht, halbwegs ehrlich über die Runden zu kommen.

In „Bis zum letzten Tropfen“ erzählt Charlie Huston gewohnt pointiert, wie Joe Pitt in sein altes Jagdgebiet zurückkehrt, wieder keinem Ärger aus dem Weg geht, vielen davon selbst provoziert und er sich so wahrscheinlich alle Chancen auf ein Leben in Manhattan verbaut. Wie die Geschichte von Joe Pitt endet, erzählt Charlie Huston im fünften und letzten Joe-Pitt-Krimi „My dead body“, der nächstes Jahr bei Heyne erscheinen dürfte.

Charlie Huston: Bis zum letzten Tropfen

(übersetzt von Kristof Kurz)

Heyne, 2010

336 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

Every last drop

Ballantine Books, 2008

Hinweise

Pulp Noir: Homepage/Blog von Charlie Huston

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Killing Game“ (The Shotgun Rule, 2007)

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Das Clean-Team“ (The mystic arts of erasing all signs of death, 2009)

Mein Interview mit Charlie Huston

Charlie Huston in der Kriminalakte


The Walking Dead: Die Geschichte der letzten Menschen

Juli 5, 2010

Dank George A. Romero wissen wir, was Zombies sind und wie sie am besten getötet werden. Ein Schuss in den Kopf. Alternativ kann auch der Kopf abgeschlagen werden.

Dank Robert Kirkman und seiner Comicserie „The Walking Dead“ entwickeln wir eine Vorstellung, wie es ist, in einer von Zombies bevölkerten Welt zu überleben. Denn, wie bei Romero, tauchen die Zombies plötzlich auf. Die Gründe dafür sind, ebenfalls wie bei Romero, unklar.

Kleinstadtpolizist Rick Grimes lag die entscheidenden Wochen im Koma. Als er aufwacht, ist die Welt fast menschenleer. Er fährt, in der Hoffnung seine Frau Lori und seinen siebenjährigen Sohn Carl zu finden, nach Atlanta. Fast zufällig findet er sie und eine kleine Gruppe Überlebender. Schnell wird Grimes zu ihrem Anführer.

Als die Lage für sie immer gefährlicher wird, beschließen sie, in der Hoffnung irgendwo andere Menschen zu finden, aufzubrechen.

In den folgenden Bänden der Eisner-nominierten Comicserie „The Walking Dead“ schildert Robert Kirkman, wie Rick Grimes und die von ihm angeführte Menschen versuchen zu überleben und eine neue Gesellschaft zu gründen. Dabei treffen sie – insofern ähnelt die Serie einem klassischen Western, in dem gezeigt wird, wie die Siedler von der Ost- zur Westküste reisen und mit vielen Gefahren (vor allem mörderische Rothäute und verbrecherische Bleichgesichter) zu kämpfen haben – auf viele Gefahren und verlieren auch einige Gefährten.

Über eine längere Zeit findet die von Grimes angeführte Gruppe in einem Gefängnis eine sichere Unterkunft. Denn die Zäune, die früher einen Ausbruch der Insassen verhindern sollten, verhindern jetzt einen Einbruch der Zombies.

Dass sie nicht ewig in diesem Heim bleiben können, wissen sie, nachdem sie sich mit Philip, dem selbsternannten und ziemlich durchgeknallten Gouverneur von Woodbury, anlegen. Gegen ihn ist Aunty Entity (Tina Turner im dritten Mad-Max-Film „Mad Max – Jenseits der Donnerkuppel“) ein Ausbund an Menschlichkeit.

Im Ende des neunten Bandes „Im finsteren Tal“ machen sich Grimes und seine Freunde zusammen mit Army-Sergeant Abe Ford (einem Geistesverwandten von Grimes, was natürlich für Konflikt zwischen ihnen sorgt), der von ihm angeführten Gruppe Überlebender und dem Wissenschaftler Eugene Porter, der behauptet ein Gegenmittel gegen die Zombie-Plage zu kennen, auf den Weg nach Washington, D. C.. Denn dort soll es, so Porter, die Möglichkeit zur Heilung geben.

Die Idee zu „The Walking Dead“ entstammt meiner Begeisterung für Zombiestreifen. Ich habe mir diese Filme damals reingezogen, als ob es kein Morgen gäbe, und ich wollte immer wissen, wie es eigentlich nach dem Ende des Films weitergeht. Also kam mir die Idee, einen Comic zu machen, der wie ein Zombiefilm sein würde – nur eben ohne jemals zu enden. Ich wollte die Zombie-Apokalypse erforschen, ohne mich dabei auf einen bestimmten Schluss festzulegen, und das bis zur letzten Konsequenz durchziehen. Daraus entstand dann „The Walking Dead“. Das war ungefähr im Oktober 2002.

Robert Kirkman

Obwohl immer wieder über mehrere Seiten Zombies getötet werden und es immer wieder zwischen den Menschen äußerst gewalttätig zugeht, ist die von Robert Kirkman erfundene und sehr erfolgreiche Serie „The Walking Dead“ kein primitives Gewaltepos. Im Zentrum steht nämlich die Frage, was den Menschen ausmacht und wie Menschen in extremen Situationen, wenn alle vorherigen Gewissheiten und zivilisatorischen Barrieren nicht mehr gelten, reagieren. So bringt Rick Grimes, der als Polizist ausgebildet wurde Menschen zu beschützen, immer wieder andere Menschen um oder verletzt sie schwer. Teils weil er es muss, teils weil er annimmt, dass sie das Überleben der von ihm angeführten Gruppe oder seiner Familie gefährden.

Die Afroamerikanerin Michonne war früher eine Anwältin mit Mann und Kindern. Jetzt ist sie eine eiskalte Killerin, die am liebsten Zombies mit einem Samurai-Schwert köpft.

Die Anwaltsgehilfin Andrea wird eine Scharfschützin, Einige der Gefängnisinsassen werden zu wichtigen Stützen der Gemeinschaft. Denn ihre alten Verfehlungen, soweit sie überhaupt bekannt sind, zählen heute nicht mehr.

Andere kommen mit der Situation nicht klar und versuchen sich umzubringen. Sie alle fragen sich immer wieder, wie sie mit den Zombies umgehen sollen. Denn einige der Zombies sind ihre Kinder, Frauen, Männer, Freunde – und wenn es ein Heilmittel gibt, könnten sie doch vielleicht wieder Menschen werden. Und sie fragen sich, ob sie noch geistig zurechnungsfähig sind in dieser unnormalen Situation in der sie ständig Dinge tun, die sie vorher für undenkbar gehalten haben.

Auch Philip, der sadistische Gouverneur von Woodsbury, ist eine zerrissene Gestalt. Er wohnt mit seiner kleinen Tochter, die ein Zombie ist, zusammen, sieht jeden Tag, dass sein Kind kein Mensch mehr ist und dennoch versucht er, obwohl er sie wie ein gefährliches Haustier hält, für sie ein Vater zu sein. Ein schlimmeres Bild für den moralischen Verfall gibt es wahrscheinlich in keinem der bis jetzt erschienenen zehn Bände.

Gleichzeitig zeigt Kirkman, wie die Überlebenden versuchen, eine neue Gesellschaft aufzubauen, obwohl es immer mehr Zombies gibt, sie selbst immer weniger werden und sie sich manchmal der schlimmste Feind sind. Ein Ende von „The Walking Dead“ ist, auch weil die Verkaufszahlen stimmen, nicht abzusehen.

Die deutschen Ausgaben sind, wie bei Cross Cult gewohnt, vorbildlich. Jeder Band hat Bonusmaterial. Zum Standard gehört die „Zombie-Guide“, in der über Zombie-Filme, -Comics und -Bücher, den Zombie-Paten George A. Romero, die Ursprünge des Zombie-Mythoses und die Zombie-Walks geschrieben wird. Es gibt auch Vor- und Nachworte, Interviews mit Autor Robert Kirkman (Band 1 und Band 10), Zeichner Tony Moore (Band 1), Zeichner Charlie Adlard, der nach dem sechsten Heft die Serie von Moore übernahm (Band 5), eine ausführliche Charakter-Guide (Band 10, die für Neueinsteiger viele Spoiler enthält) und den im Image Holiday Special 2005 veröffentlichten sechsseitigen Comic „Eine Weihnachtsgeschichte“ (Band 10).

In den USA startet im Oktober bei AMC eine vorerst sechsteilige Verfilmung von „The Walking Dead“. Frank Darabont (Die Verurteilten, The Green Mile) ist verantwortlich für die Serie. Er schrieb auch das Buch für die erste Folge und inszenierte sie. Es spielen unter anderem Andrew Lincoln (Rick Grimes), Sarah Wayne Callies (Lori Grimes, bekannt aus „Prison Break“), Jon Bernthal (Shane Walsh), Laurie Holden (Andrea, unter anderem „The Shield“, „X-Files“), Jeffrey DeMunn (Dale), Steven Yeun (Glenn) mit und die ersten Bilder sehen verdammt gut aus. Das könnte nach „Dexter“, „Californication“ und „Breaking Bad“ eine weitere TV-Serie werden, die auch vor einer satten Portion Sex, Gewalt und Amoralität nicht zurückschreckt. Denn eine Zombie-TV-Serie sollte nicht viel harmloser als ein zünftiger Zombie-Film oder die Vorlage sein.

Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburn: The Walking Dead – Dämonen (Band 10)

(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)

Cross Cult, 2010

168 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

The Walking Dead – Vol. 10: What we become

Image, 2009

(enthält Issue 55 – 60)

Die bisherigen Bände

The Walking Dead: Gute alte Zeit (Band 1)

The Walking Dead – Vol. 1: Days gone bye

(enthält Issue 1 – 6)

The Walking Dead: Ein langer Weg (Band 2)

The Walking Dead – Vol. 2: Miles behind us

(enthält Issue 7 – 12)


The Walking Dead: Die Zuflucht (Band 3)

The Walking Dead – Vol. 3: Safety behind bars

(enthält Issue 13 – 18)

The Walking Dead: Was das Herz begehrt (Band 4)

The Walking Dead – Vol. 4: The hearts desire

(enthält Issue 19 – 24)


The Walking Dead: Die beste Verteidigung (Band 5)

The Walking Dead – Vol. 5: The best defense

(enthält Issue 25 – 30)

The Walking Dead: Dieses sorgenvolle Leben (Band 6)

The Walking Dead – Vol. 6: This sorrowful life

(enthält Issue 31 – 36)


The Walking Dead: Vor dem Sturm (Band 7)

The Walking Dead – Vol. 7: The calm before

(enthält Issue 37 – 42)

The Walking Dead: Auge um Auge (Band 8)

The Walking Dead – Vol. 8: Made to suffer

(enthält Issue 43 – 48)


The Walking Dead:Im finsteren Tal (Band 9)

The Walking Dead – Vol. 9: Here we remain

(enthält Issue 49 – 54)

The Walking Dead: Dämonen (Band 10)

The Walking Dead – Vol. 10: What we become

(enthält Issue 55 – 60)

Hinweise

Offizielle „The Walking Dead“-Seite

Wikipedia über „The Walking Dead“ (deutsch, englisch)

AMC-Blog zu „The Walking Dead“ (derzeit: Berichte und Bilder von den Dreharbeiten)

The Walking Dead“-Fanseite

The Walking Dead“-Wiki


Monsieur Raynal besucht die „Suite Noire“

Juli 1, 2010

Die Idee ist einfach genial. Mit der Betonung auf „einfach“ und auf „genial“.

Jean-Bernard Pouy, ein in Frankreich bekannt-beliebter, einfallsreicher Noir-Autor, der auch die langlebige „Pulp“-Serie initiierte (einige Bücher wurden auch übersetzt) und dem bei uns trotz etlicher Übersetzungen der große Durchbruch versagt blieb, fungierte als Herausgeber für die „Suite Noire“.

In dieser Serie erscheinen kurze Krimis von Noir-Autoren wie Colin Thibert, Chantal Pelletier, Patrick Raynal und Didier Daeninckx. Jede Geschichte ist eine Hommage an einen bereits erschienenen Krimi. Acht Geschichten wurden anschließend als einstündige TV-Krimis verfilmt. Die DVD mit den „Suite Noir“-Filmen ist für Herbst bei edel angekündigt. Die Vorlagen erscheinen davor im Distel Literaturverlag.

Zur ersten, aus vier „Suite Noire“-Krimis bestehenden, Lieferung gehört Patrick Raynals Privatdetektiv-Geschichte „Landungsbrücke für Engel“, die eine Hommage an den mir unbekannten Pulp-Autor Verne Chute und seinen 1946 bei Dell erschienenen Krimi „Flight of an Angel“ ist.

Raynal, der wie Pouy und Jean-Patrick Manchette in der Tradition des politisch links stehenden, sich US-amerikanischer Vorbilder bedienenden und die Gesellschaft radikal kritisierenden Néo-Polar steht und der von 1991 bis 2005 Herausgeber der „Série Noire“ bei Gallimard war, schickt in „Landungsbrücke für Engel“ Privatdetektiv Giuseppe Corbucci in seinem ersten Auftrag los, den Tod einer kerngesunden Frau zu überprüfen. Die Tochter Florence Pelletier „mit Kurven wie Ava Gardner“ glaubt an einen Mord und, nachdem Corbucci sich mit einem Einbruch die Krankenakte der Toten besorgt und dabei eine beachtliche Menge an Spuren hinterlassen hat, wird der Verdacht der Tochter erhärtet. Corbuccis Ermittlungen führen geradewegs in die sehr mächtige, gut vernetzte und sehr skrupellose High Society von Nizza.

Auf knapp hundert kurzweiligen Seiten wühlt sich Patrick Raynal höchst vergnüglich durch den reichhaltigen Fundus des Privatdetektivkrimis und kredenzt dem Popkulturaficionado eine Vielzahl von Anspielungen. So hießen die Macher des bahnbrechenden Italo-Western „Django“ (mit Franco Nero) Sergio und Bruno Corbucci. Der nicht-existierende Docteur Pouy spielt auf den sehr existierenden Herausgeber Pouy an. Eine Freundin erinnert Ich-Erzähler Corbucci an Thelma Ritter und dass er erzählt, er habe nach seiner Entlassung bei einer Zeitung den Beruf des Privatdetektivs gewählt, weil „ich durch meine hervorragenden Kenntnis von Chandler eindeutig prädestiniert war“ sagt einiges über seine Prinzipien aus.

Corbucci macht dabei auf Chandlers Spuren eine ziemlich gute Figur, obwohl die Gesellschaft noch korrupter als zu Phil Marlowes Tagen ist und er öfters verprügelt wird. Denn niemals hat ein Doktor Marlowe gesagt, er brauche ein halbes Jahr um sich von einer Tracht Prügel zu erholen.

Landungsbrücke für Engel“ ist, auch wenn das Ende etwas überstürzt kommt, ein feiner Quickie für die Freunde eines zitatreichen französischen Noir.

Patrick Raynal: Landungsbrücke für Engel

(übersetzt von Katarina Grän)

Distel Literaturverlag, 2010

108 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

Le débarcadère des anges

Èditions La Brance, Paris 2007

Verfilmung

Schönheit muss sterben (Le débarcadère des anges, F 2009)

Regie: Brigitte Roüan

Drehbuch: Brigitte Roüan, Santiago Amigorena (Adaption)

Hinweise

Krimi-Couch über Patrick Raynal

Wikipedia über Patrick Raynal

Homepage der „Suite Noire“ (englische Version)

Seite der Éditions La Branche über die „Suite Noire“


„Scenario 4“ – Hier spricht der Drehbuchautor

Juni 28, 2010

Auch für die vierte Ausgabe des Film- und Drehbuchalmanachs „Scenario“ änderte Herausgeber Jochen Brunow nichts am bewährten Aufbau. Es beginnt mit einem langen Interview. Es gibt einige verschieden interessante Essays, ein Tagebuch, Erinnerungen von Drehbuchautoren und die Splitter einer Geschichte des Drehbuchs. Es gibt einige ausführliche Buchbesprechungen und es endet mit dem vollständigen Abdruck des „Drehbuch des Jahres“. Dieses Jahr wurde der Deutsche Drehbuchpreis für das beste unverfilmte Drehbuch an „Mein Bruder, Hitlerjunge Quex“ von Karsten Laske verliehen.

Es gibt natürlich auch einige enttäuschende Texte. Aber insgesamt hat Jochen Brunow wieder eine Menge guter Texte zusammengetragen.

Das beginnt schon mit Jochen Brunows Interview mit Michael Gutmann. Gutmann schrieb die Bücher für „Nach Fünf im Urwald“, „23“, „Crazy“, „Lichter“, „Krakat“ und „Mein Leben – Marcel Reich-Ranicki“ und er führte Regie bei „Rohe Ostern“ und den Tatorten „Der oide Depp“, „Das namenlose Mädchen“ und „Der König kehrt zurück“ (dafür schrieb er auch das Drehbuch). In dem Gespräch werden neben den biographischen Stationen auch Gutmanns Zusammenarbeit mit Hans-Christian Schmid und seine Meinung zu den verschiedenen Drehbuchtheorien erörtert. Die dann folgenden Essays sind durchwachsen. Gerhard Midding schreibt über die Zunahme von Filmen, die auf wahren Ereignissen beruhen. Wieland Bauder über Musiker-Biographien. Beide Texte sind nicht uninteressant, aber in erster Linie liefern sie einen Überblick über einige neue Filme und wie die Macher sich ihrem Sujet nähern. Damit könnten die Essays in jedem Filmbuch stehen.

Keith Cunninghams Manifest „Neue Story-Welten“ ist in seinem Glauben an die Kraft fiktionaler Geschichten sympathisch. Denn für ihn ist die Klimakatastrophe eine Tatsache, die, wie der Kalte Krieg, in jeder Geschichte (auch wenn es nur im Hintergrund ist) thematisiert werden muss. Er hofft so die Menschen zum Schutz des Klimas animieren zu können (und ich fürchte schon den nächsten „Tatort“, in dem die Kommissare über den Schutz des Klimas reden). Gewinnbringender ist die Besprechung von Keith Cunninghams „The Soul of Screenwriting“ und seinem Versuch seiner Lösung des Konflikts zwischen Plot und Charakter: „Cunninghams einfache Antwort auf die Gretchenfrage der Dramaturgen besteht darin, den Übergang von der Figur zur Handlung in der Figurenkonstellation zu suchen – das konventionelle binäre Modell (Figur und Plot) also durch ein ternäres Model aus Figur, Figurenkonstellation und Plot zu ersetzen. (…) Der Plot trägt die als Figurenkonstellation externalisierte innere Spannung einer Figur aus. Andere Figuren sind primär Externalisierungen innerer Spannungen unserer Hauptfigur, die sich im Plot entladen.“

Dorothee Schön, die auch etliche „Tatorte“ schrieb, bietet in ihrem 2009 geführtem Tagebuch einen launigen Überblick über die Kämpfe in der Filmakademie und die Verfilmung von ihrem Drehbuch „Frau Böhm sagt nein“. Das ist ein kleiner Blick hinter die Kulisse. Auf ihre Arbeit als Autorin geht sie kaum ein.

Das tut Thomas Knauf, indem er von seinem letzten DDR-Film „Die Architekten“ (der während der Wende an der Kasse natürlich gnadenlos unterging) und seinem Leben zwischen Hollywood und Babelsberg in den vergangenen zwanzig Jahren. Das liest sich ziemlich ernüchternd.

Ernüchternd sind auch die, von Michael Töteberg aufgeschriebenen, Erfahrungen von Drehbuchautor Johannes Mario Simmel. Bevor er Bestsellerautor wurde, schrieb Simmel auch etliche Drehbücher von heute vergessenen Filmen. Damals hatte er immer wieder Probleme mit den Produzenten und Regisseuren über die Bezahlung und die Geschichte. Mit den Verfilmungen seiner Bücher war er auch nicht zufrieden.

Samson Raphaelson liefert einen sehr lesenswerten und amüsant-lebensweisen Rückblick auf seine Zusammenarbeit mit Ernst Lubitsch. Der bereits 1981 geschriebene Text wurde in „Scenario 4“ erstmals auf Deutsch veröffentlicht.

In seinem Drehbuch „Mein Bruder, Hitlerjunge Quex“ erzählt Karsten Laske die Geschichte des jüngeren Bruders von Alfred Norkus von dessen Tod 1932 bis zu den ersten Nachkriegstagen. Erwin ist das vollkommene Gegenteil des Heldenimages von seinem Bruder, der als „Hitlerjunge Quex“ in dem Propagandabuch und -film bekannt wurde. Laske erzählt die Geschichte episodisch und lässt Erwin durch die Nazi-Diktatur treiben. Weil Erwin keine eigenen Ziele hat und er während seiner Jugend, den Jahren zwischen 1932 und 1946 auf keine größeren Probleme stößt, bleibt er uns als Charakter letztendlich gleichgültig.

Jochen Brunow (Hrsg.): Scenario 4 – Film- und Drehbuchalmanach

Bertz + Fischer, 2010

352 Seiten

24 Euro

Hinweise

Homepage zum Buch

Homepage von Jochen Brunow

Meine Besprechung von „Scenario 3 – Film und Drehbuchalmanach“


Noch ein Alfred-Hitchcock-Buch…

Juni 21, 2010

…denkt sich der Hitchcock-Fan und wirft einen Blick auf seine deutschsprachigen Hitchcock-Bücher: die dicken Biographien von John Russell Taylor und Donald Spoto, das legendäre Interview von Francois Truffaut, den schönen Bildband von Paul Duncan, das schmale Buch von Enno Patalas, den informativen Sammelband von Lars-Olav Beier und Georg Seeßlen.

Das dürfte doch genug Stoff sein.

Aber für den bekennenden Hitchcock-Fan ist Thilo Wydras in der Suhrkamp-Reihe „BasisBiographie“ erschienenes Büchlein auch nicht gemacht. Es ist für den Einsteiger, der noch nichts über Hitchcock weiß und den Gang in die staubigen Antiquariate scheut. Denn fast alle der eben genannten, empfehlenswerten Bücher sind nicht mehr erhältlich.

Wydras Buch ist in zwei große Abschnitte gegliedert: zuerst gibt es eine Tour de Force durch Alfred Hitchcocks Leben von der Geburt bis zum Tod. Dabei widmet er sich vergleichsweise ausführlich Hitchcocks letzten Jahren und seinem körperlichen Verfall. Hier werden auch alle Filme von Hitchcock kurz angesprochen. Wydras Bewertungen bewegen sich dabei fast immer im Mainstream: die bekannten Klassiker werden gelobt, die Fehlschläge werden als Fehlschläge bezeichnet.

Die Fernseharbeiten von Hitchcock und wie es ihm gelang als Präsentator von „Alfred Hitchcock presents“ und „The Alfred Hitchcock Hour“ zu einer nationalen Berühmtheit zu werden (und dabei war Hitchcock als begnadeter Selbstdarsteller schon immer sehr bekannt gewesen), werden nur gestreift.

Im zweiten großen Abschnitt „Werk“ stellt Wydra elf Hitchcock-Filme vor, „die exemplarisch für einzelne Perioden oder Gattungen stehen“. Es sind „Die 39 Stufen“, „Rebecca“, „Im Schatten des Zweifels“, „Berüchtigt“, „Der Fremde im Zug“, „Das Fenster zum Hof“, „Über den Dächern von Nizza“, „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“, „Psycho“, „Die Vögel“ und „Frenzy“. Obwohl diese Auswahl weitgehend okay ist, fehlen „Der Mieter“ (The Lodger; der erste echte Hitchcock-Film, der bereits alle wichtigen Hitchcock-Topoi enthält), „Ich beichte“ (gerade weil der Katholik Hitchcock hier das Beichtgeheimnis in den Mittelpunkt stellt) und „Der unsichtbare Dritte“ (ein Hitchcock-Cocktail oder die Big-Budget-Variante von „Die 39 Stufen“). „Familiengrab“ hätte ich als letzten Hitchcock-Film, verknüpft mit einem Fan-Bonus, ebenfalls aufgenommen. Dagegen hätte ich auf „Die 39 Stufen“ (zugunsten von „Der unsichtbare Dritte“), „Rebecca“ (nur erwähnenswert als Hitchcocks Hollywood-Debüt) und „Frenzy“ (seine Rückkehr nach London) verzichtet.

Bei den Filmvorstellungen reichert Wydra seine umfangreichen Inhaltsangaben nur spärlich mit Interpretationen an. Dafür gibt es aber viele, den Hitchcock-Fans vertraute, Anekdoten. Teilweise, wie bei „Über den Dächern von Nizza“ (Wirklich einer „der am meisten unterschätzten Hitchcock-Filme“?), wird zu sehr auf den Spitznamen des Juwelendiebes, die „Katze“, eingegangen. Dabei verrät schon der Originaltitel „To Catch a Thief“, was alle in dem Film wollen: jeder will einen Dieb (egal ob einen echten oder einen falschen) fangen. In jeder Szene geht es darum, einen Dieb zu fangen – und am Ende sind die Diebe auch gefangen.

Bei „Psycho“ hätte die Frage, warum ein Film, bei dem nach einem Drittel die Hauptfigur gewechselt wird, beim Publikum funktioniert, beantwortet werden müssen. Die Antwort ist, dass wir uns mit Marion Crane und Norman Bates identifizieren können, weil sie aus einem Gefängnis und dem damit verbundenen Druck auf ihr Leben ausbrechen wollen.

Überhaupt nicht erwähnt werden die von Alfred Hitchcock oft liebevoll inszenierten Trailer für seine Filme. Vor allem der Trailer für „Psycho“ ist grandios:

Thilo Wydra liefert mit „Alfred Hitchcock“ einen schnell zu lesenden, guten Einblick in das Leben und Werk des Regisseurs. Denn auf 160 Seiten, inclusive einem zwanzigseitigem Anhang mit Zeittafel, Biblio- und Filmografie, ist mehr kaum möglich.

Thilo Wydra: Alfred Hitchcock

Suhrkamp, 2010

160 Seiten

8,90 Euro

Hinweise

Wikipedia über Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2“

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte


Im Verhörzimmer nebenan: Thomas Assheuer befragt Michael Haneke

Juni 18, 2010

Mit seinem neuesten Film „Das weiße Band“ ist Michael Haneke wahrscheinlich an einem Ort angekommen, an dem er nie ankommen wollte. Denn der Schwarzweiß-Film wird von den Kritikern abgefeiert (bei Haneke normal), mit Preisen überhäuft (auch bei Haneke nicht ungewöhnlich, aber die Menge ist dann doch besorgniserregend: Cannes, Golden Globe, Deutscher Filmpreis,…) und auch vom Publikum geliebt. In Österreich haben über 100.000 Menschen den Film gesehen. In Deutschland über 600.000. Hier in Berlin hält der Film sich seit Monaten in den Kinos. Und dabei kann man dem Film alles vorwerfen, außer dass er leichte Kost ist.

Leichte Kost waren die Filme von Michael Haneke noch nie. Meistens geht es um Gewalt: wie sie entsteht und wie sie in den Medien vermittelt wird. „Bennys Video“, „Funny Games“, „Code unbekannt“, „Die Klavierspielerin“, „Wolfzeit“ und „Caché“ sind seine bekanntesten und auch kontroversesten Filme. Seine früheren, vor allem für das Fernsehen gedrehten, Filme sind dagegen, auch weil sie kaum gezeigt werden, unbekannter.

So ein Filmemacher lädt natürlich zu einer eingehenderen Betrachtung ein. „Zeit“-Journalist Thomas Assheuer wählte in „Nahaufnahme Michael Haneke“ den direkten Weg. Er interviewte Haneke zu seinem Werk. Den Hauptteil des Buches bildet dabei ein vom 14. bis zum 16. Juni 2007 in Wien geführtes Interview in dem Assheuer mit Haneke über dessen Leben, seine ästhetischen Vorstellungen und sein Werk, vor allem das Spätwerk, sprach. Sie unterhielten sich vor allem über wiederkehrende Themen in Hanekes Filmen und weniger über einzelne Filme.

Ich sage immer: Was unter den Teppich gekehrt wird, wird den Teppich irgendwann in Bewegung setzen. Wir leben alle mit Schuldgefühlen. Man kann gar nicht anders, denn es scheint die condition humaine zu sein. Man wird immer, willentlich oder unwillentlich, schuldig an anderen. Schuld ist immer dort, wo Leid entsteht. Wir können nicht schuldfrei leben, als Teil einer Gemeinschaft und eines Systems wird man zwangsläufig schuldig. Die Frage ist nur, wie wir damit umgehen. Meistens drücken wir uns.

Michael Haneke, S. 65

Dabei, und das macht den Österreicher Michael Haneke in dem Gespräch sympathisch, wehrt er sich gegen platte Interpretationen. Ebenso rigoros wehrt er viele persönliche Fragen und (vulgär-)psychologische Interpretationen seiner Filme ab. Er präsentiert sich als einen sehr nachdenklichen Menschen, der durchaus selbstironisch über seine Filme und die verschiedenen Reaktionen des Publikums spricht. So sind einige Filme in Frankreich (seinem zweiten Land, in dem er regelmäßig dreht) erfolgreich, aber nicht in Österreich oder Deutschland – und in den USA sieht es wieder anders aus.

Wenn mich die Leute in New York auf der Straße an sprechen und mir sagen, Caché habe sie bewegt wie noch lange kein Film mehr, dann freut mich das natürlich. Und in Frankreich passiert mir das auch oft. In Frankreich kennt man mich ohnehin besser als hier. Dort gibt es ein Kinopublikum, das wirklich enthusiastisch ist, und die Leute zeigen es einem auch. Natürlich gibt’s dann auch Lob von der falschen Seite. Mir sind die kritischen Äußerungen eines intelligenten Kritikers lieber als die Begeisterung von Dummköpfen. Aber selbst die freut einen – wer ist schon frei von Eitelkeit?

Michael Haneke, S. 126

Für die zweite Auflage von „Nahaufnahme Michael Haneke“ interviewte Assheuer am 7. November 2009 den Regisseur über seinen neuen Film „Das weiße Band“. Dabei geht Haneke vor allem auf die Schwierigkeiten vor und während des Drehs ein: die langwierige Suche nach den Kinderdarstellern und dem richtigen Drehort und die ebenfalls langwierige Überzeugungsarbeit bei Geldgebern, dass „Das weiße Band“ in Schwarzweiß gedreht wird. Eine Entscheidung, die aus ästhetischen Gründen nachvollziehbar ist, aber normalerweise den Tod an der Kasse bedeutet.

Als nette Beigabe gibt es die beiden von Michael Haneke geschriebenen Texte „Schrecken und Utopie der Form – Bressons ‚Au hasard Balthazar’“ und der Vortrag „Gewalt und Medien“ zu einer Vorführung von „Bennys Video“.

Die Interviews laden zum Nachdenken über das eigene Sehen und zum wiederholten (?) Sehen der Filme von Michael Haneke, die ja ziemlich regelmäßig im Fernsehen laufen und auf DVD erhältlich sind, ein.

Nahaufnahme Michael Haneke – Gespräche mit Thomas Assheuer

(Zweite, aktualisierte Auflage)

Berlin, 2010

224 Seiten

14,90 Euro

Hinweise

Wikipedia über Michael Haneke (deutsch, englisch)

Arte: Interview mit Michael Haneke zu „Das weiße Band“



Diese „Losers“ sind Gewinner

Juni 16, 2010

Sie sind eine Geheimeinheit der CIA.

Sie wurden von ihrem Land verraten.

Sie wollen sich rächen.

Sie sind das „A-Team“ aus dieser 80er-Jahre-TV-Serie.

Äh, nein, sie sind viel gewalttätiger als John ‚Hannibal‘ Smith (George Peppard mit Zigarre) und seine Jungs.

Nun, dann sind sie das „A-Team“ aus dem neuen Kinofilm von Joe Carnahan.

Ähem, wieder falsch. Sie sind die „Losers“. Sie haben im Auftrag von Max für die Agency geheime Operationen durchgeführt. Aber eines Tages setzte Max sie auf die Abschussliste und jetzt wollen sie sich dafür rächen. Sie sind irgendwie zu sechst und sie haben, als Neuzugang, sogar eine Frau im Team. Aber die Ur-Losers wissen nicht, ob sie Aisha al-Fadhil trauen könne. Immerhin ist sie eine Überläuferin, die immer noch für die Agency arbeitet und ihnen die Informationen für ihr neues Ziel beschafft.

Das ist im ersten Abenteuer der von den Briten Andy Diggle und Jock erfundenen „Losers“ das Goliath-Ölterminal im Hafen von Houston. Es ist eine Tarnfirma der Regierung und in den Büros sind geheime Informationen, die Franklin Clay und sein Team wollen. Die geräuschlose Infiltration geht schief und die Loser und ihre Gegner, die von dem brutalen Wade (einem alten Bekannten von Clay aus Special-Forces-Zeiten) angeführt werden, liefern sich eine erbarmungslose Schlacht, bei der natürlich keine Rücksicht auf Gebäude und Menschenleben genommen wird.

Denn, so Wade: „Zivilisten werden erst umgelegt, wenn es nötig ist.“

Goliath“, die Sammlung der ersten sechs, Eisner-prämierten „The Losers“-Hefte, liest wie die Erwachsenen-Version von „The A-Team“ minus dem Humor der TV-Serie. Es gibt höchstens schwarzen Humor und viele Hinweise auf die schmutzigen Geschäfte der C. I. A..

Diese Verschwörung gegen die Losers ist, für die aufmerksamen Zeitungs- und Polit-Thriller-Leser, noch sehr zahm. Denn dass die USA ihre Außenpolitik auch mit Tarnorganisationen betreibt, dass sie mit Bösewichtern Geschäfte macht, dass es einen florierenden Militärisch-Industriellen Komplex gibt, ist bekannt und wird auf der letzten Seite von „The Losers“ mit einem Zitat von Dennis Dayle, dem im August 2009 81-jährig verstorbenen, ehemaligen Leiter der Einsatzkommandos der Drug Enforcement Administration (DEA), bekräftigt: „Während meiner dreißigjährigen Tätigkeit für die Drug Enforcement Administration und andere Behörden stellte sich heraus, dass die Zielperson meiner Ermittlungen fast immer für die C. I. A. arbeiteten.“

Das Zitat ist Teil eines ganzseitigen Panels, in dem der geheimnisumwitterte Max mit einem Mitglied der Losers telefoniert. Der Cliffhanger macht nach dem furios-bleihaltigem und in sich abgeschlossenem ersten Abenteuer der Losers neugierig auf die kommenden 26 Hefte.

Denn Autor Andy Diggle und Zeichner Jock (dessen Stil an den von „100 Bullets“-Zeichner Eduardo Risso erinnert) haben die Geschichte der rachedurstigen Flüchtlinge einfach ohne große Erklärungen mitten in der Handlung begonnen. Die Losers sind schon die gejagten Losers. Die Vorgeschichte und die Biographien der einzelnen Charaktere werden höchstens in Halbsätzen angesprochen. Es gibt keine überflüssigen Erklärungen, sondern nur Action. Teilweise über mehrere Seiten und mit erheblichen Schäden an Gebäuden, Einrichtungen, Fahrzeugen und Menschen.


Die gleichnamige Verfilmung ist in den USA bereits gestartet, der Trailer sieht ziemlich krachig aus (also das Richtige für das Multiplex ihres Vertrauens) und den deutschen Starttermin kann ich nicht herausfinden.

Andy Diggle/Jock: The Losers – Goliath (Band 1)

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Vertigo, 2010

164 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

The Losers, 1- 6

DC Comics, 2003/2004

Hinweise

Homepage von Andy Diggle

Blog von Andy Diggle

Homepage von Jock

Little White Lies: Interview mit Andy Diggle und Jock zur Verfilmung

Graphic Content (Vertigo): Andy Diggle über die Anfänge der „Losers“ (10. Februar 2010)

Wikipedia über „The Losers“

Amerikanische Homepage zum Film


Der doppelte Ani

Juni 16, 2010

Bei der Berliner Literaturkritik ist meine Besprechung von Friedrich Anis neuen Krimis „Totsein verjährt nicht“ (mit Kommissar Polonius Fischer) und „Die Tat“ (mit dem Seher und Ex-Kommissar Jonas Vogel) online.


Thor Kunkel und der Sex mit der „Schaumschwester“

Juni 14, 2010

Frank Nowatzki ist schuld.

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Ja, Frank Nowatzki ist schuld. Denn wenn er nicht „Kuhls Kosmos“ veröffentlicht hätte, hätte ich Thor Kunkels neuen Roman „Schaumschwester“ keines Blickes gewürdigt. Ich meine Zukunft, Sexpuppen, und so. Das klingt nach Science-Fiction, vielleicht sogar Pulp, aber der Verlag „Matthes & Seitz“ ist doch eher als Verlag für das Hochliterasche und Anspruchsvolle bekannt. Da ändert auch die Veröffentlichung des Drehbuchs „Welt am Draht“ für den gleichnamigen Rainer-Werner-Fassbinder-Film in der Reihe „Neue Welt“ nichts.

Außerdem hat Thor Kunkel die literarische Bühne mit dem Erhalt des Ingeborg-Bachmann-Preises betreten. Für mich hat der Bachmann-Preis höchstens eine abschreckende Wirkung; aber auch dafür müsste ich die Preisträger überhaupt erst einmal wirklich wahrnehmen. Dass er danach mit „Endstufe“ einen veritablen Literaturskandal produzierte, machte ihn mir grundsätzlich sympathisch, aber weil das meiste, was in den Feuilletons abgefeiert wird, mich höchstens gotterbärmlich langweilt, interessierte Thor Kunkel mich nicht weiter.

Bis Frank Nowatzki „Kuhls Kosmos“, eine Tour de Force durch die Siebziger in Frankfurt und auf den Bahamas, veröffentlichte und es mir gefiel.

Mit seinem neuesten Roman „Schaumschwester“ liefert Kunkel eine spannende Mischung aus Science-Fiction und Agententhriller, geschmückt mit einigen philosophischen Exkursen, ab.

In der sehr nahen Zukunft wird der desillusioniert-melancholische Kryptologe Robert Kolther von der Loge, einem geheimen Machtzirkel beauftragt, bei einem Treffen der Puppenfreunde in Nizza, Scheinbergs Computer zu knacken.

Paddy Scheinberg macht ein Vermögen mit Sexpuppen, die sich in vielen Teilen nicht von echten Frauen unterscheiden, immer perfekter werden und, in unterschiedlichen Modellen, die unterschiedlichsten Wünsche befriedigen können. Aber sie können keine Kinder zeugen und Kolthers Auftraggeber befürchten, dass auf lange Sicht die zeugungsunwilligen Europäer aussterben. Dass es viel schlimmer kommt, verrät Kunkel schon auf der ersten Seite:

Mit dem unseligen Fortpflanzungsdrang von Schmeißfliegen ausgestattet, vermehrten sie sich in kürzester Zeit und überlebten nur, indem sie Raubbau an der Substanz des Planeten betrieben.

Heute, am Beginn des vierten Jahrtausends, stellen wir fest, dass eine Überbevölkerung durch diese Spezies nicht länger existiert.

Die Krankheit namens Mensch ist verschwunden.“

Wie es dazu kam und welche Rolle ein kleiner Kryptologe, der selbst so eine Schaumschwester besitzt, dabei spielt, erzählt Kunkel auf 270 kurzweiligen Seiten, die mit allem gefüllt sind, was das Herz des Pulp-Fans begehrt.

Schaumschwester“ von Thor Kunkel ist der zweite Band der Reihe „Neue Welt“ und wenn die Verleger das Niveau halten, könnte das mit der Zeit eine schöne kleine SF-Reihe, die spannende Geschichten mit philosophischen Gedanken verbindet, werden.

Thor Kunkel: Schaumschwester

Matthes & Seitz, 2010

288 Seiten

14,80 Euro

Hinweise

Homepage von Thor Kunkel

Wikipedia über Thor Kunkel

Meine Besprechung von Thor Kunkels „Kuhls Kosmos“


Kurzkritik: Charlie Huston – Das Clean-Team

Juni 11, 2010

Auch wenn die ersten Zeilen von Charlie Hustons neuem Roman „Das Clean-Team“ einen zünftigen Noir erwarten lassen, ist der Krimiplot letztendlich nur die Tarnung für eine Entwicklungsgeschichte. Der Ich-Erzähler Webster Fillmore Goodhue muss endlich wieder ins Leben zurückkehren. Denn obwohl er am Anfang des Romans faul bei seinem Kumpel Chev herumhängt, sich von ihm durchfüttern lässt und sich erfolgreich bemüht, ein möglichst großes Arschloch zu sein, war er früher ein Lehrer, der sich für seine Schüler engagierte. Bis es einen Anschlag gab, der sein gesamtes Leben auf den Kopf stellte.

Jetzt stellt ihn Chev vor die Alternative, entweder etwas zum gemeinsamen Junggesellenhaushalt beizutragen oder sich eine neue Bleibe zu suchen. Zähneknirschend nimmt Goodhue daher den Tagesjob bei Po Sin an und er wird Tatortreiniger.

Aber auch da kann er seine große Klappe nicht halten. Als er sich bei der Tochter eines reichen Selbstmörders für eine dumme Bemerkung entschuldigen soll, versteht er sich überraschend gut mit ihr und er wird kurz darauf von ihr gebeten, mitten in der Nacht unter den wachsamen Augen eines bewaffneten Psychopathen, ein billiges Motelzimmer zu reinigen.

Während er das macht, wird bei Po Sin der Wagen gestohlen und er ist auch mitten in einem Krieg der Tatortreiniger um Aufträge.

Während um Goodhue die Kacke am Dampfen ist, muss er sich entscheiden, ob er endlich wieder die Verantwortung für sein Leben übernehmen will.

Das alles erzählt Hank-Thompson- und Joe-Pitt-Erfinder Charlie Huston gewohnt pointiert aus der Sicht des letztendlich liebenswerten Arschlochs und Möchtegern-Marlowes Goodhue; – jedenfalls wenn man nicht die Wohnung mit ihm teilen muss.

Das Clean-Team“ ist ein feiner Hardboiled, der vollkommen zu recht auf einigen Nominierungslisten landete. Mal sehen, ob er auch die Preise erhält.

Charlie Huston: Das Clean-Team

(übersetzt von Alexander Wagner)

Heyne, 2009

496 Seiten

8,95

Originalausgabe

The Mystic Arts of Erasing all Signs of Death

Ballantime Books, 2009

Hinweise

Pulp Noir: Homepage/Blog von Charlie Huston

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Killing Game“ (The Shotgun Rule, 2007)

Mein Interview mit Charlie Huston

Charlie Huston in der Kriminalakte

Trailerpark