Claudie Piñeiro, die Donnerstagswitwen und Elena

September 24, 2010

Die Donnerstagswitwen“ und „Elena weiß Bescheid“ von Claudia Piñeiro sind einerseits-andererseits-Bücher. Einerseits sind sie gut geschrieben und gut konstruiert, andererseits sind sie zäh zu lesen. So ist bei „Elena weiß Bescheid“ die Pointe bereits sehr früh erahnbar. Nur Elena leugnet die offensichtliche Wahrheit. So könnte „Die Donnerstagswitwen“ als Sammlung thematisch miteinander verknüpfter Kurzgeschichten locker hundert Seiten kürzer oder länger sein.

Denn bereits nach den ersten Kapiteln hat man verstanden, dass in der Gated Community unter der prächtigen Oberfläche die üblichen Probleme von Neid, Hass, Gier, Selbstverleugnung, der Angst vor dem Statusverlust und der damit verbundenen gesellschaftlichen Ächtung lauern. Claudia Piñeiro zeichnet das Bild einer Gesellschaft, in der nur der äußere Schein zählt, mit jedem der 48 Kapitel (wobei jedes Kapitel eine eigene Kurzgeschichte mit wiederkehrenden Charakteren ist) nur immer detaillierter. Aber an der Aussage ändert sich nichts.

Die Donnerstagswitwen“ wirkt letztendlich wie der übermäßige Verzehr von guten Pralinen. Die ersten sind noch richtig lecker, aber danach ist man irgendwann satt und hat keine große Lust mehr auf die nächste. Genau dieser Effekt stellt sich nach den ersten zehn Kapiteln von Piñeiros episodischem und, wegen der zahlreichen thematischen Wiederholungen, schnell ermüdendem Roman ein.

Auch das wesentlich kürzeren Charakterporträt „Elena weiß Bescheid“ wirkt schnell ähnlich ermüdend. Die titelgebende, 63-jährige Elena hat Parkinson. Vor kurzem brachte ihre Tochter Rita sich um. Sie ist überzeugt, dass Rita ermordet wurde. Weil die Polizei ihr nicht glaubt, macht sie sich auf den Weg in die Stadt zu einer Frau, der sie vor zwanzig Jahren geholfen haben. Während Elena sich langsam ihrem Ziel nähert, erinnert sie sich an ihre Tochter. Schnell wird deutlich, dass Elena eine sehr herrischer Frau ist, die über das Leben ihrer Tochter bestimmte und damit auch wer sie „ermordete“.

Nach Claudia Piñeiros gelungenem Debüt „Ganz die Deine“ sind „Die Donnerstagswitwen“ und „Elena weiß Bescheid“ (für den sie auf der Frankfurter Buchmesse den LiBeraturpreis erhält) Enttäuschungen.

Claudia Piñeiro: Die Donnerstagswitwen

(übersetzt von Peter Kultzen)

Unionsverlag, 2010

320 Seiten

19,90 Euro

Originalausgabe

Las viudas de los jueves

Alfaguara Argentina, 2005

Verfilmung

Las viudas de los jueves (Argentinien/Spanien 2009)

Regie:: Marcelo Piñeyro

Drehbuch: Marcelo Figueras, Marcelo Piñeyro

mit Ernesto Alterio, Juan Diego Botto, Gloria Carrá, Ana Celentano, Camilo Cuello Vitale, Pablo Echarri, Adrián Navarro, Leonardo Sbaraglia, Vera Spinetta, Gabriela Toscano, Juana Viale

Claudia Piñeiro: Elena weiß Bescheid

(übersetzt von Peter Kultzen)

Unionsverlag, 2009

192 Seiten

16,90 Euro

Originalausgabe

Elena sabe

Alfaguara Argentina, 2007

Claudia Piñeiro besucht Deutschland – und liest

Donnerstag, 30. September, Köln

Freitag, 1. Oktober, Bönen

Sonntag, 3. Oktober, Hagen

Sonntag, 3. Oktober, Frankfurt

Sonntag, 3. Oktober, »Die Donnerstagswitwen« – im Bayerischen Rundfunk 2

Sonntag, 3. Oktober, »Die Donnerstagswitwen« im WDR 3

Montag, 4. Oktober, Bad Berleburg

Dienstag, 5. Oktober, »Die Donnerstagswitwen« – in München

Dienstag, 5. Oktober, Frankfurt

Mittwoch, 6. Oktober, Frankfurter Buchmesse

Freitag, 8. Oktober, Frankfurter Buchmesse

Freitag, 8. Oktober, ARD-Radionacht der Bücher

Sonntag, 10. Oktober, Frankfurter Buchmesse

Sonntag, 10. Oktober, Marburg

Dienstag, 12. Oktober, Leipzig


Hinweise

Unionsverlag über Claudia Piñeiro

Homepage zum Film

Meine Besprechung von Claudia Piñeiros „Ganz die Deine“ (Tuya, 2003)


Ein Abend mit Ken Bruen und Jason Starr – Einige Abende mit Jason Starr

September 15, 2010

Mit „Attica“ beenden Ken Bruen und Jason Starr furios die Trilogie über die beiden Genies Max Fisher und Angela Petrakos. In „Flop“ versuchte er seine Frau ermorden zu lassen, um mit seiner großbusigen Sekretärin abzuhauen. Der Plan ging schief und in „Crack“ versuchten Max und Angela allein über die Runden zu kommen. Auch in „Attica“ gehen sie die meiste Zeit getrennte Wege. Denn Max Fisher sitzt in Attica und arbeitet sich, gut präpariert mit einigen Knastfilmen und Büchern, in der Knasthierarchie nach oben. Das gelingt ihm mit seinem angeborenen Talent, jede Situation konsequent falsch einzuschätzen und sich selbst, als Nabel der Welt, konsequent zu überschätzen. Seine ehemalige Sekretärin Angela Petrakos steckt dagegen in einer ausgewachsenen Midlife-Crisis (so nach der Art: „Ich bin dreißig, habe große Titten und mein Leben versaut.“) und gerät in Griechenland in eine wirklich üble Mordgeschichte, die sie über den Umweg griechischer Knast zurück in die USA verschlägt. Denn Max soll ihr helfen. Dass er im Knast sitzt, weiß sie allerdings nicht..

„Attica“ ist die konsequente, schwarzhumorig-durchgeknallte Fortsetzung von „Flop“ und „Crack“. Wieder garnieren Ken Bruen und Jason Starr die Story mit vielen Zitaten und Anspielungen, bevorzugt natürlich auf Noirs, Krimis und Kollegen. Das macht Spaß und bringt einen höchst kurzweilig durch einen verregneten Nachmittag. Bei all dem Wahnsinn und Chaos, das die beiden Herren anrichten, ist zu hoffen, dass sie sich bald für ein weiteres Gemeinschaftswerk zusammensetzen.

Bis dahin kann man, wenn man auf schwarzhumorige Noirs steht, mit Ken Bruens grandioser Jack-Taylor-Reihe trösten.

Denn Jason Starr hat sich in seinen Solowerken inzwischen vom Noir verabschiedet. Seine letzten Bücher haben über fünfhundert Seiten und sind deutlich mainstreamiger. „Panik“ hat über 560 Seiten und im Mittelpunkt steht keine gescheiterte Existenz, sondern der geachtete, glücklich verheiratete, knapp fünfzigjährige Psychologe und Vater Adam Bloom. Eines Abends dringen zwei Einbrecher in sein gut gesichertes Vorstadthaus ein. Er erschießt in Panik den einen. Der andere kann flüchten und er will sich an Adam Bloom rächen. Er macht sich an Blooms 22-jährige Tochter Marissa heran.

Schon in seinem vorherigen Roman „Stalking“ setzte Jason Starr weniger auf hohes Erzähltempo und überraschende Plotwendungen, als auf die genaue psychologische Zeichnung seiner Charaktere. In „Panik“ experimentiert er zunehmend mit wechselnden Perspektiven, die er nicht parallel, sondern hintereinander abarbeitet. So wird der Einbruch und das anschließende Verhör zuerst aus der Sicht des Vaters erzählt. Anschließend springt Starr zurück und erzählt diese Ereignisse aus der Sicht der Tochter.

Ken Bruen/Jason Starr: Attica

(übersetzt von Richard Betzenbichler)

Rotbuch Verlag, 2010

208 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

The MAX

Hard Case Crime, 2008

Jason Starr: Panik

(übersetzt von Ulla Kösters)

Diogenes, 2010

560 Seiten

11,90 Euro

Originalausgabe

Panic Attack

Minotaur Books, 2009

Ken Bruen & Jason Starr lesen

Donnerstag, 16. September, 22.00 Uhr

Admiralspalast, Studio 101 (Friedrichstr. 101, Berlin)

LATE-NIGHT LESUNG präsentiert von Radio eins

Ken Bruen und Jason Starr »Attica«

Moderation: Knut Elstermann

Lesung deutscher Text: David Nathan (deutsche. Stimme von Johnny Depp)

Kartenreservierung unter der Telefonnummer: 47997499 und an allen bekannten VVK-Stellen

Jason Starr liest allein

Hamburg, 15. September 2010, 20.00 Uhr

Berlin, 17. September 2010, 20.00 Uhr, Dorotheenstädtische Buchhandlung (Turmstraße 5)

Unna, 18. September 2010, 19.30 Uhr

Dortmund, 19. September 2010, 18.00 Uhr

Gütersloh, 20. September 2010, 20.00 Uhr

Stuttgart, 21. September 2010, 20.00 Uhr

(alle weiteren Infos bei Diogenes)

Nachtrag (16. September): Da sind mir doch tatsächlich einige Termine durch die Lappen gegangen (Tja, der Horizont eines echten Berliners endet an der Mauer, äh, an der Staadtgrenze):

Freitag, 17. September:

Ken Bruen solo in Bremen bei der Kriminacht

Samstag, 18. September

Ken Bruen und Jason Starr zusammen in Unna,

Crime Night, Eröffnungsgala des Krimifestivals „Mord am Hellweg“

Sonntag, 19. September

Ken Bruen und Jason Starr in Dortmund als „Blutiges Doppel“

Hinweise

Homepage von Ken Bruen

Homepage von Jason Starr

Meine Besprechung der von Ken Bruen geschriebenen Jack-Taylor-Reihe

Meine Besprechung von Ken Bruens „Sanctuary“ (2008)

Meine Besprechung von Jason Starrs „Stalking“ (The Follower, 2007)


Wellenreiten mit Don Winslow in deutschen Häusern

September 14, 2010

Eigentlich wollte ich einen langen, schönen Text über Don Winslow und seine erste (?) Lesetour in Deutschland schreiben, aber mangelhafte Planung (Aufschieberitis) und wichtige Dinge (Solitär. Solitär. Und, öh, Solitär.) haben das verhindert.

Daher gibt’s jetzt nur die harten Fakten, leicht aufgehübscht:

Don Winslow, der sich in den vergangenen Jahren zum Chronisten der kalifornischen Surferszene, entwickelte,stellt in den kommenden Tagen in Deutschland sein bereits 2005 erschienenes Opus Magnum (Fremdwort für „verdammt dickes Buch“) „Tage der Toten“ (erscheint demnächst) und sein fast neuestes Buch „Pacific Paradise“ vor. In den USA ist nämlich vor wenigen Tagen sein wirklich neuester Roman „Savages“ erschienen.

In „Pacific Paradise“ soll der bereits aus „Pacific Private“ bekannte Surfer und Teilzeit-Privatdetektiv Boone Daniels für die Verteidigung das Geständnis von Corey Blasingame überprüfen. Blasingame ist angeklagt die Surferlegende Kelly Kuhio umgebracht zu haben. Selbstverständlich sind seine Surferkumpels, die Dawn Patrol, von diesem Auftrag nicht begeistert. Besonders nachdem Boone Daniels nicht mehr hundertprozentig von der Blasingames Schuld überzeugt ist, wollen sie nichts mehr mit ihm zu tun haben.

Zur gleichen Zeit beauftragt ihn der vermögende Dan Nichols, ein Mitglied der Gentlemen’s Hour (aka die alten Surfer, die die meiste Zeit am Strand herumhängen), seine Frau zu überwachen. Er glaubt, dass sie ihn betrügt. Sie tut’s und kurz darauf wird ihr Liebhaber ermordet.

Pacific Paradise“ bewegt sich in den vertrauten Bahnen des Privatdetektiv-Krimis. Denn dass Boone Daniels sich bei seinen Ermittlungen gewaltig in die Scheiße hineinreitet, dürfte niemand überraschen. Ebensowenig, dass seine Auftraggeber ihn für ihre Zwecke benutzen wollen, dass San Diego korrupt ist und dass die Utopie vom sauberen Surferleben brüchig ist.

Don Winslow erzählt „Pacific Paradise“ in seinem wunderschön entspannten Tonfall, der aus der bekannten, kleinen Geschichte ein kurzweiliges Vergnügen macht. .

Mit „Tage der Toten“ beendete Don Winslow 2005 seine sechsjährige Veröffentlichtlichungspause. Das siebenhundertseitige engbedruckte, für den Macavity-Preis nominierte Werk ist, ein vor dem Hintergrund der Iran-Contra-Affäre spielender Krimi über den Drogenhandel in Kalifornien und Mexiko. US-Drogenfahnder Art Keller will mit allen Mitteln die mexikanische Drogenmafia zur Strecke bringen.

James Ellroy meint zu dem Roman: „’The Power of the Dog‘ is the first great dope novel since ‚Dog Soldiers‘ thirty years ago. It’s frightening and sad, with a superbly sustained intensity. It’s a beautiful compressed vision of hell, with all its attendant moral madness.“

Und welcher Sterbliche würde schon James Ellroy widersprechen?

Don Winslow: Pacific Paradise

(übersetzt von Conny Lösch)

Suhrkamp, 2010

400 Seiten

9,95 Euro

Originaltitel

The Gentlemen’s Hour

William Heinemann, 2009

Don Winslow: Tage der Toten

(übersetzt von Chris Hirte)

Suhrkamp, 2010

704 Seiten

14,95 Euro (erscheint am 20. September 2010)

Originaltitel

The Power of the Dog

Alfred A. Knopf, 2005

Don Winslow auf der Suhrkamp-Welle

Pacific Private, 2009 (The Dawn Patrol, 2008)

Frankie Machine, 2009 (The Winter of Frankie Machine, 2006)

Pacific Paradise, 2010 (The Gentlemen’s Hour, 2009)

Tage der Toten (The Power of the Dog, 2005 – erscheint offiziell am 20. September 2010)


Don Winslow und die „Tage der Toten“ in Deutschland

Dienstag, 14. September 2010, BUCHPREMIERE

Berlin; 20:00 Uhr; English Theatre Berlin, Fidicinstraße 40

In Kooperation mit der Krimibuchhandlung Hammett und dem English Theatre Berlin

Mittwoch, 15. September 2010

Bremen; 20:00 Uhr; Thalia Buchhandlung, Obernstraße 44-54.

Lesung des deutschen Textes: Erik Roßbander

Donnerstag, 16. September 2010

Rostock; 20:00 Uhr; Thalia Buchhandlung, Breite Straße 15-17.

Lesung des deutschen Textes: Oliver Mommsen

Freitag, 17. September 2010

Köln; 20:00 Uhr; Buchhandlung Bittner, Albertusstraße 6.

Lesung des deutschen Textes: Dietmar Wunder

Samstag, 18. September 2010

München; 21:00 Uhr; Theater Drehleier, Rosenheimer Straße 123.

Große Jubiläumsveranstaltung der Krimi-Buchhandlung Glatteis.

Lesung des deutschen Textes: Hans Jürgen Stockerl

Hinweise

Homepage von Don Winslow

Deutsche Homepage von Don Winslow

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Private“ (The Dawn Patrol, 2008)


Madame Pelletier besucht die „Suite Noire“

September 8, 2010

Für Noir-Fans ist offensichtlich, dass Chantal Pelletiers „Schießen Sie auf den Weinhändler“ eine Hommage an David Goodis‘ „Schießen Sie auf den Pianisten“ („Tirez sur la pianiste“; der Originaltitel „Down there“ zählt im Moment nicht.) ist. Dabei hat Pelletiers Geschichte, wir ahnen es, nichts mit Goodis‘ Werk zu tun. Denn zwischen einem in einer Vorstadtkneipe vegetierendem Klavierspieler und geachteten, in der Provinz lebendem Weinhändlern gibt es nicht so viele Gemeinsamkeiten.

Gleich auf der ersten Seite erschießt dieser Weinhändler seine Frau, weil sie mal wieder die Sellerie-Remoulade falsch zubereitet hat. Danach bessert sich sein Leben. Jedenfalls in kulinarischer Hinsicht. Er trifft sogar auf eine junge Frau, die er als seine Köchin engagiert. Aber nach kurzem ist er auch mit ihren Leistungen in der Küche unzufrieden.

In der Mitte von „Schießen Sie auf den Weinhändler“ ändert Chantal Pelletier dann plötzlich die Perspektive und erzählt aus der Perspektive einer jüngeren Person, die sich mit einer älteren Frau als Verbrecherpaar durchs Leben schlägt. Erst viel später wird deutlich, dass diese Person die junge Köchin des Weinhändlers wird.

Weil nach diesem Perspektivenwechsel lange unklar ist, wie und ob die die zweite Geschichte mit der ersten zusammenhängt, ist man viel zu lange mit eben dieser formalen Frage beschäftigt und man distanziert sich von der großen Geschichte.

Deshalb ist „Schießen Sie auf den Weinhändler“ der schwächste Noir der ersten, aus vier Kurzromanen bestehenden „Suite Noire“-Lieferung.

Demnächst erscheint im Distel Literturverlag mit Didier Daeninckxs „Nur DJs gibt man den Gnadenschuss“, Marc Villards „Die Stadt beißt“, Laurent Martins „Die Königin der Pfeifen“ und Romain Slocombes „Das Tamtam der Angst“ die zweite „Suite Noire“-Lieferung. Auch diese Bücher wurden verfilmt.

Die DVD-Box mit den Verfilmungen dieser „Suite Noire“-Geschichten erschient im Herbst bei Edel.

Chantal Pelletier: Schießen Sie auf den Weinhändler

(übersetzt von Katarina Grän)

Distel Literaturverlag, 2010

96 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

Tirez sur la caviste

Éditions La Branche, 2007

Verfilmung

Tirez sur le caviste (Frankreich 2009)

Regie: Emmanuelle Bercot

Drehbuch: Emmanuelle Bercot

mit Julie-Marie Parmentier, Niels Arestrup, Christine Citti, Pierre-Félix Gravière

Hinweise

Homepage der „Suite Noire“ (englische Version)

Seite der Éditions La Branche über die „Suite Noire“

Homepage von Chantal Pelletier

Krimi-Couch über Chantal Pelletier

Meine Besprechung von Patrick Raynals „Suite Noire“-Buch „Landungsbrücke für Engel“ (Le débarcadère des anges, 2007)

Meine Besprechung von Colin Thiberts „Nächste Ausfahrt Mord“ (Vitrage à la corde, 2007)

Meine Besprechung von José-Louis Bocquets „Papas Musik“ (La musique de papa, 2007)


Monsieur Bocquet besucht die „Suite Noire“

September 6, 2010

Papas Musik“ von José-Louis Bocquet konnte „Suite Noire“-Herausgeber Jean-Bernard Pouy nicht ablehnen. Denn Bocquets Noir ist eine Hommage an den Roman „Le Cinéma de papa“ (Papas Kino) von Jean-Bernard Pouy. Dass Bocquets Geschichte, soweit ich weiß, nichts mehr mit Pouys Geschichte zu tun hat, hat auch bei den anderen „Suite Noire“-Romanen nicht gestört. Auch dass der Krimianteil (gemessen an den normalen Krimibeigaben) eher klein ausfällt, aber dafür der Noir-Anteil größer, stört nicht weiter.

In „Papas Musik“ muss sich ein inzwischen vom Pech verfolgter, geschiedener Musikproduzent notgedrungen um seinen Sohn kümmern. Jules hat die Schule geschmissen und ist bei seiner Mutter ausgezogen. Denn beim Vater, den er am Buchanfang bei einem Selbstmordversuch stört, ist es einfach entspannter. Aber dann versucht dieser, für seinen Sohn ein Vater zu sein und sich aus seiner finanziellen Misere zu befreien. Er schenkt Jules eine Gitarre und als er während eines Konzerts bemerkt, dass Jules und seine Rockband talentiert sind, will er eine Platte mit ihnen machen. Dafür nimmt er weitere Schulden auf.

Natürlich, immerhin ist „Papas Musik“ ein Noir und die kennen für den Helden nur einen Weg, nämlich abwärts, endet das nicht gut. Bocquet erzählt diese Geschichte einiger kleiner Leute angenehm pathosfrei, illusionslos und mit einger guten Portion trockenen Humors auf hundert Seiten. Es gibt einige Einblicke in das sich in den vergangenen Jahrzehnten radikal gewandelte Musikgeschäft und dem alltäglichen Überlebenskampf eines kleinen Produzenten. Außerdem gibt es eine Vater-Sohn-Geschichte, in der keiner um die Gunst des anderen buhlt. Für den Vater ist sein Sohn am Anfang nur das „kleine Arschloch“, das wegen der Art des Schuleschwänzens von ihm respektiert wird. Und der Vater ist eine gescheiterte Existenz, der regelmäßig vom Gerichtsvollzieher besucht wird. Dabei ist er kein schlechter Mensch, sondern nur ein Pechvogel.

José-Louis Bocquet: Papas Musik

(übersetzt von Katarina Grän)

Distel Literaturverlag, 2010

108 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

La musique de papa

Éditions La Branche, 2007

Verfilmung

La musique de papa (Frankreich 2009)

Regie: Patrick Grandperret

Drehbuch: ?

Mit Antoine Chappey, Léo Grandperret, Marilyne Canto, Agnès Soral, Florence Thomassin, Eric Defosse

Hinweise

Homepage der „Suite Noire“ (englische Version)

Seite der Éditions La Branche über die „Suite Noire“

Wikipedia über José-Louis Bocquet

Evene.fr über José-Louis Bocquet

Meine Besprechung von Patrick Raynals „Suite Noire“-Buch „Landungsbrücke für Engel“ (Le débarcadère des anges, 2007)

Meine Besprechung von Colin Thiberts „Nächste Ausfahrt Mord“ (Vitrage à la corde, 2007)


Monsieur Thibert besucht die „Suite Noire“

September 1, 2010

Gabriel Landry ist der Leiter eines großen, in der tiefsten Provinz liegendem Verkaufsgebietes für PVC-Fensterrahmen an die dort lebenden Bauern. Sein ganzer Stolz ist ein gerade gekaufter Porsche Cayenne, der das offensichtliche Symbol für seinen Erfolg als Vertreter ist. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und ist am Abschlussabend des Lehrgangs für die neuen Vertreter, wieder einmal, einem Seitensprung mit einer der neuen, jungen Vertreterinnen nicht abgeneigt. Landry ist ein auf seinen Status und den äußeren Schein fixierter, überheblicher Bourgeois. Deshalb nimmt er an dem Abend mit der ebenfalls alkoholisierten Vertreterin auf dem Beifahrersitz seines Porsches, als er eine Polizeikontrolle sieht, eine Abkürzung, fährt zu schnell, rammt einen Kleinwagen, ist zuerst nur um seinen Porsche besorgt, hört dann ein Baby schreien, setzt das andere Auto mit der toten Fahrerin und dem Baby in Brand und wird dabei dummerweise von seiner Beifahrerin, die inzwischen aufgewacht ist, beobachtet. Also muss auch sie sterben. Dann verschafft er sich ein Alibi und die Sache könnte er auf sich beruhen lassen, wenn er nicht eine ordentliche falsche Spur legen möchte und deshalb weitere Morde begehen muss.

Nächste Ausfahrt Mord“ von Colin Thibert ist eine weitere, sehr kurzweilige, schwarzhumorige Variante der Geschichte des Biedermannes, der durch einen Zufall jemand tötet und, weil er sein bürgerliches Leben schützen möchte, weitere Morde begehen muss. Gleichzeitig ist, was regelmäßige Leser französischer Krimis nicht erstaunt, Landry ein arrogantes Arschloch, dem man alles Schlechte wünscht. Und weil die Geschichten in der von Jean-Bernard Pouy herausgegebenen „Suite Noire“ nur hundert Seiten haben dürfen, bleibt den Autoren keine Zeit für zeitraubende Umwege und Subplots. Stattdessen wird der Hauptplot angenehm zügig zu Ende erzählt.

Neben der Länge ist jedes „Suite Noire“-Buch eine Hommage an einen älteren Kriminalroman ist. Colin Thibert wählte Stephen Marlowes 1955 erschienener Krimi „Turn Left for Murder“, der in Frankreich „Virage à la corde“ heißt, aus.

Colin Thibert: Nächste Ausfahrt Mord

(übersetzt von Katarina Grän)

Distel Literaturverlag, 2010

108 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

Vitrage à la corde

Éditions La Branche, 2007

Verfilmung

Vitrage à la corde (Frankreich 2009)

Regie: Laurent Bouhnik

Drehbuch: Bibi Naceri

Hinweise

Homepage der „Suite Noire“ (englische Version)

Seite der Éditions La Branche über die „Suite Noire“

Wikipedia über Colin Thibert

Polar Noir über Colin Thibert

Meine Besprechung von Patrick Raynals „Suite Noire“-Buch „Landungsbrücke für Engel“ (Le débarcadère des anges, 2007)

Meine Besprechung von Bibi Naceris „Go Fast“ (er schrieb das Drehbuch für den Franco-Krimi)


„100 Bullets“ für „Loveless“?

August 31, 2010

Gleich zwei Serien von Brian Azzarello steuern auf ihr Ende zu. Einmal die geniale, auf hundert Hefte angelegte Noir-Serie „100 Bullets“, einmal die eher konfuse Westernserie „Loveless“, die ursprünglich als ein großes Epos geplant war, aber nach 24 Heften eingestellt wurde.

Bereits in den ersten „Loveless“-Heften fragte man sich, was Brian Azzarello da eigentlich anstellt. Die Prämisse (Wes Cutter kehrt aus dem Krieg zurück und will sich rächen) ist einfach, aber tragfähig. Die Idee, die Zeit nach dem Bürgerkrieg ungeschminkt zu zeigen, verspricht durchaus einige spannende Geschichten, die ein unbekanntes Licht auf die amerikanische Geschichte werfen und gegen einen zünftigen Western ist auch nichts einzuwenden. Besonders wenn die ersten Seiten einen Mix aus Spaghetti-Western und Deadwood versprechen. Aber schon in den ersten Heften wurde die Rachegeschichte zugunsten verschiedener heftlanger Episoden und unmotivierter Aktionen von Wes Cutter, die vielleicht die Bewohner von Blackwater provozieren, ihn aber nicht näher an sein Ziel bringen, vernachlässigt. Am Ende des zweiten „Loveless“-Bandes „Begraben in Blackwater“ gab es dann den großen Schock: Wes Cutter wird von einem gedungenen Mörder erschossen.

Im dritten, jetzt erschienenen Band „Saat der Vergeltung“ nimmt Cutters Frau Ruth das Heft des Handelns in die Hand. Immerhin hat sie jetzt einen weiteren Grund, sich an den Einwohnern von Blackwater und den dort brutal agierenden Nordstaaten-Soldaten zu rächen. Aber vor der Rache gibt es erst einmal ein Bündel Charakterstudien, die den einzelnen Charakteren mehr Tiefe verleihen, ohne den Hauptplot (der jetzt wohl ‚Ruth Cutter will sich rächen‘ ist) erkennbar voranzutreiben. Dafür erzählt Azzarello in der drei Hefte umfassenden Geschichte „Stunde der Abrechnung“, wie ein ultrabrutaler Nordstaatler den Grundstein für den Klu Klux Klan legt und es entsteht langsam ein düsteres Bild, wie sich der Hass zwischen Nord- und Südstaatlern, politische und ökonomische Interessen miteinander verknüpfen. Es bleibt aber immer noch die Frage, wie das alles in dem vierten und abschließendem, für Ende September angekündigten „Loveless“-Band „Stunde der Abrechnung“ enden soll.

Wie das Enden soll fragt man sich auch bei „100 Bullets“. Denn Autor Brian Azzarello und Zeichner Eduardo Risso haben nur noch siebzehn Hefte um den Kampf zwischen den Minutemen und den verschiedenen Häusern des Trusts zu einem sicher für viele Charaktere tödlichem Ende zu führen und die vielen offenen Fragen zu klären.

In dem elften „100 Bullets“-Sammelband „Das Einmaleins der Macht“ springen Azzarello und Risso so sehr zwischen den einzelnen Subplots und Zeitebenen, dass die Geschichte kaum noch nacherzählt werden kann.

Aber das ist auch irgendwie müßig. Denn die „100 Bullets“-Fans werden die Story verschlingen, Neueinsteiger werden sich im elften „100 Bullets“-Sammelband sehr verloren vorkommen. Daran ändert auch die kurze Zusammenfassung am Anfang des Buches nichts.

Hier muss wirklich mit dem ersten Heft begonnen werden. Denn letztendlich ist kein Charakter und keine Geschichte überflüssig. Sie alle (Tote ausgenommen) tauchen irgendwann wieder auf und oft erscheint ihr früheres Handeln in einem neuen Licht.

Im Gegensatz zu der verunglückten Westernserie „Loveless“ (außer Brian Azzarello findet noch einen überraschenden Abschluss) ist die Noir-Serie „100 Bullets“ absolut empfehlenswert.

Brian Azzarello/Danijel Zezelj/Werther Dell’Edera: Loveless – Saat der Vergeltung (Band 3)

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Vertigo/Panini 2010

148 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

Loveless – Blackwater Falls

Vertigo Comics, 2008

(die Originalausgabe enthält Volume 13 – 24)

Die deutsche Ausgabe Volume 13 – 18, Vertigo Comics 2007

Brian Azzarello/Eduardo Risso: 100 Bullets – Das Einmaleins der Macht (Band 11)

(übersetzt von Claudia Fliege)

Vertigo/Panini 2010

196 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

100 Bullets – Once upon a crime

Vertigo, 2007

(enthält Volume 27 – 83, DC Comics 2006/2007)

Hinweise

Wikipedia über „100 Bullets“ (deutsch, englisch)

Britische Fanseite zu „100 Bullets“

News A Rama: Interview mit Brian Azzarello (Oktober 2006)

UGO: Interview mit Brian Azzarello (circa 2006)

Comics Bulletin: Interview mit Brian Azzarello (circa 2006/2007)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “Jonny Double” (Jonny Double, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins “Loveless 1 – Blutrache” (Loveless: A Kin’ of Homecoming, 2006)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins „Loveless 2 – Begraben in Blackwater“ (Loveless: Thicker than Blackwater, 2007)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “100 Bullets 3 – Alle guten Dinge” (100 Bullets: Hang up on the Hang Low, 2001)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets 5 – Du sollst nicht töten“ (100 Bullets Vol. 5: The Counterfifth Detective, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets – Dekadent (Band 10)“ (100 Bullets: Decayed, Volume 68 – 75)


„Martha Washington“ – Frank Millers und Dave Gibbons‘ Vision von der Gegenwart

August 23, 2010

Was passiert, wenn „Sin City“, „The Dark Knight Returns“ (Batman: Die Rückkehr des Dunklen Ritters) und „Watchmen“ aufeinander stoßen?

Das ist eine interessante Frage, die bereits 1990 beantwortet wurde.

Frank Miller und Dave Gibbons haben sich damals zusammengetan und mit der vierteiligen Serie „Martha Washington“ (die später aufgrund des Erfolgs einige Fortsetzungen erhielt, die jetzt, teilweise erstmals, bei uns erscheinen) eine vollkommen andere Welt geschaffen, die als Science-Fiction-Geschichte damalige Entwicklungen fortschrieb und, teilweise, an Frank Millers äußerst gewalttätige dystopische, fast zeitgleich entstandene Philip-K.-Dick-Hommage „Hardboiled“ erinnert. Weil Dave Gibbons „Watchmen“ und „Martha Washington“ zeichnete, sind die Parallelen zu Alan Moores in einer Parallelwelt spielendem Epos unübersehbar. Auch der Einsatz von erklärenden Zeitungsreportagen, Titelseiten und Anzeigen ist aus „Watchmen“ vertraut und zeichnet ein vielschichtiges, satirisches Bild einer totalitären Zukunft, die in erster Linie ein unübersehbarer Kommentar zur Tagespolitik war.

Heute, zwanzig Jahre später, ist es natürlich interessant zu sehen, was um 1990 heftig diskutiert wurde, was immer noch aktuell ist und was sich ganz anders entwickelte.

So ist die USA in „Martha Washington“ in verschiedene Staaten zerfallen. Es gibt „God’s Country“ („ein Paradies ohne Zigaretten und Drogen“ in dem „schlechte Musik, schlechtes Essen, schmutzige Wörter, Verhütung, Pornographie und Ehebruch“ verboten sind), „Wunderland“ (nun ja: Hollywood), das „Mexikanische Territorium“ (Hauptquelle für billige Arbeitskräfte), „Real America“ (regiert von dem Fastfood-Konzern Fat Boy Burgers), die „Lone-Star-Republik“ (Texas), „Florida“ (das wahrscheinlich demnächst von Kuba annektiert wird), die „Frauen-Konföderation“ (liegt natürlich an der Ostküste und glaubt, dass „alles Schlimme in dieser Welt von Männern verursacht wird“), die „Kapitalistische Ostküsten-Diktatur“ (Manhattan und anliegende Gebiete), die „New-England-Staatenföderation“ (die alle Verfassungszusätze ab 1990 annullieren möchte und 2009 den Crash der Datenbank des Finanzamtes verursachte) und noch einige Reststaaten, die in den „Vereinigten Staaten von Amerika“ verblieben sind und seit mehreren Wahlperioden von dem gleichen Präsidenten regiert werden.

Die 1995 geborene Afroamerikanerin Martha Washington wächst in Chicago in einem gescheiterten Projekt für Soziales Wohnen auf, kommt in eine Geschlossene Anstalt (eine Möglichkeit dem Ghetto zu entkommen) und geht zum US-Militär, das jetzt „PAX“ heißt. Für Martha gibt es dafür drei gute Gründe: „Jeder, der zu PAX geht, kriegt eine saubere Akte. Man kann nicht verhaftet werden. Das wird Mama echt anpissen.“

In Südamerika kämpft sie als PAX-Friedenskämpferin gegen internationale Fastfood-Konzerne, die den Urwald abholzen. Damals war das Abholzen der Regenwälder ein großes Thema (Na, ihr alten Säcke, erinnert ihr euch noch an die Demos mit dem „MacDonalds holzt den Regenwald ab“-Plakaten?), heute redet niemand mehr darüber.

Dafür ist aber die schlechte Situation der Indianer in den Reservaten bekannter. Marthas Abenteuer verschlagen sie nämlich auch in das unbewohnbare Reservat der Apachen. Fast die Hälfte der Apachen leidet, aufgrund von umweltverschmutzenden Ölraffinerien, an verschiedenen Lungenkrankheiten.

In dem Apachengebiet landete sie, nachdem sie im Weltall eine Mission gegen die Arische Achse, eine militante schwule Rassistengruppe, die als Racheakt mit einer Laserkanone das Weiße Haus einäschern wollen, mehr oder weniger erfolgreich beendete.

Aber auch dort wird Martha Washington von ihrem Intimfeind Moretti verfolgt. Sie rettete dem Feigling mit hochfliegenden Ambitionen im Dschungel das Leben. Danach baute er seine Karriere auf einer falschen Heldentat auf und er will die einzige Zeugin dafür töten. Diese Rachegeschichte ist die am Ende des ersten Heftes „Heim & Garten“ beginnende heftübergreifende Geschichte für die nächsten drei, hübsch ironisch betitelten Hefte „Freizeit & Vergnügen“, „Gesundheit & Wohlergehen“ und „Tod & Steuern“ von „Das Leben und Wirken der Martha Washington im 21. Jahrhundert“, wie der vollständige, an die offiziell-pompöse Geschichtsschreibung erinnernde Titel der Sammelausgaben der Martha-Washington-Geschichten lautet.

Ende August erscheint bei Panini mit „Martha zieht in den Krieg“ der zweite Band der dreibändigen „Martha Washington“-Komplettausgabe.

Frank Miller (Autor)/Dave Gibbons /(Zeichner): Martha Washington – Ein amerikanischer Traum (Band 1)

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2010

212 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

Give me liberty

Dark Horse Comics, 1990 (Vier Hefte)

später auch als Sammelband erschienen

Hinweise

Blog/Homepage von Frank Miller

Wikipedia über Frank Miller (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Frank Miller/Geoff Darrows “Hard Boiled” (Hard Boiled, 1990/1992)

Homepage von Dave Gibbons (coming soon…)

Dave-Gibbons-Fanseite

Wikipedia über Dave Gibbons (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Alan Moore/Dave Gibbons‘ „Watchmen“ (Watchmen, 1986/1987)


Filmkritik: Die Jan-Costin-Wagner-Verfilmung „Das letzte Schweigen“

August 18, 2010

Am 8. Juli 1986 verschwindet irgendwo in der westdeutschen Provinz ein Mädchen. Ihre Leiche wird später gefunden. Der Mörder wird nie gefasst.

23 Jahre später verschwindet am gleichen Ort wieder ein Mädchen. Die Polizei sucht das Mädchen – und befürchtet, dass es bereits tot ist.

Aber Autor und Regisseur Baran bo Odar interessiert sich, wie die Vorlage, nicht für die Ermittlungsarbeiten der Polizei. Er will das Bild eines Zustandes zeichnen. Schon Jan Costin Wagners Buch hieß bedeutungsschwanger „Das Schweigen“. Für den Film wurde der Titel dann in „Das letzte Schweigen“ verschärft und die These noch deutlicher herausgearbeitet.

Denn alle Charaktere haben ihr Päckchen Leid und Schuld zu tragen und, anstatt darüber zu reden, schweigen sie über ihre Gefühle. Die Mutter (Katrin Sass) trauert immer noch über ihre vor 23 Jahren ermordete Tochter. Der damals ermittelnde, inzwischen pensionierte Kommissar Christian Mittich (Burghart Klaußner) sucht immer noch den Mörder. Kommisar David Jahn (Sebastian Blomberg) trauert vor allem um seine kürzlich verstorbene Frau. Die Eltern der jetzt verschwundenen Sinikka Weghamm, Ruth (Karoline Eichhorn) und Karl (Roeland Wiesnekker) werfen sich vor, dass sie ihre Tochter nach einem Streit alleine wegfahren ließen und, wir ahnen es, schweigen sich an. Timo Friedrich (Wotan Wilke Möhring), der 1986 dabei war, ist inzwischen ein glücklich verheirateter Architekt mit zwei Kindern und er schweigt immer noch über den damaligen Mord und seine pädophile Neigung. Und der damalige Mörder, Hausmeister Peer Sommer (Ulrich Thomsen), arbeitet immer noch im gleichen Wohnblock als der allseits beliebte, allein lebende Hausmeister.

Das war jetzt kein Spoiler. Denn diese Tat wird in den ersten Minuten gezeigt und in Rückblenden werden einige weitere Hintergründe präsentiert. Denn man sieht sich dieses Kuriositätenkabinett sich anschweigender Menschen eher gelangweilt wie eine artifizielle Präsentation an. Schöne Bilder. Schöne Musik. Schöne Menschen. Schön langweilig. Denn der Wille zur Kunst ist größer als der Wunsch eine emotional packende Geschichte zu erzählen. Dafür sind die einzelnen Handlungsstränge in schlechter „Short Cuts“-Manier viel zu wenig miteinander verknüpft. Dafür verhalten sich die einzelnen Charaktere alle zu seltsam, ohne jemals auch nur ansatzweise die durchgeknallte Qualität eines David-Lynch-Charakters zu erhalten. Das Verhältnis zwischen den einzelnen Plots bleibt unklar und damit auch, welcher Charakter die Identifikationsfigur (die es auch in einem Ensemblefilm gibt) für den Zuschauer sein soll.

Kommissar Jahn, der sich als ermittelnder Kommissar anböte und in Jan Costin Wagners Kriminalromanen als Kommisar Kimmo Joentaa der Seriencharakter ist, sieht meistens wie ein Penner, der in erster Linie seiner Frau hinterhertrauert, aus. Sein erratisches Verhalten qualifiziert ihn für einen langen Erholungsurlaub, den er sich als trauernder Witwer redlich verdient hat, und eine ausgedehnte psychiatrische Behandlung, aber nicht für den Polizeidienst.

Mittich mischt sich als Pensionär ungefragt und rabiat in die Ermittlungen ein. Er ist von Anfang an überzeugt, dass der gleiche Täter wieder zugeschlagen hat und ignoriert die Frage, warum ein Mörder nach fast 25 Jahren eine Eins-zu-Eins-Kopie seiner Tat machen sollte.

Friedrich ist nach dem Verschwinden von Sinikka über irgendetwas sehr beunruhigt. Er macht sich auf den Weg zu den Orten seiner Vergangenheit und besucht auch Hausmeister Sommer. Warum er dies tut und warum er sich so und nicht anders verhält, darf sich der geneigte Zuschauer, wie schon vorher der Leser von Jan Costin Wagners Buch, selbst ausdenken.

Sowieso darf der geneigte Zuschauer sich viel denken. Denn Baran bo Odar präsentiert, hübsch ausgeleuchtet, meistens schweigende Menschen, die allein, regungslos in Autos, sparsam möblierten Wohnungen und Hotelzimmern sitzen. Es gibt schöne Bilder von sich im Wind bewegenden Baumgruppen und Kornfeldern („Twin Peaks“ lässt grüßen). Garniert von der hypnotischen Musik von Pas de Deux erzeugt er eine träumerische Stimmung. Aber während David Lynch in „Twin Peaks“ seine Ansammlung schräger Charaktere mit schwarzem Humor, zahlreichen Anspielungen und einem Spiel auf vielen verschiedenen Ebenen garnierte, bleibt in „Das letzte Schweigen“ alles monochrom düster und nur in wenigen Szenen (wenn ein Charakter sich wirklich zu unangemessen verhält) blitzt unfreiwilliger Humor auf.

Das ist aber bereits in Jan Costin Wagners mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichneten Roman so. Baran bo Odar hält sich, bis auf das Ende und der damit verbundenen Erklärung für Sinikkas Verschwinden, bis hin zu einzelnen Dialogen an die Vorlage. Das mag die Freunde der Werktreue, die auf der Leinwand nur die bebilderte Version des Romans sehen wollen, erfreuen. Es steht aber einem eigenständigen Zugriff auf das Material im Weg. Denn in dem Film finden sich so auch alle Probleme des Romans, wie die maue, oft unglaubwürdige, sich eher zufällig entwickelnde Geschichte, die mangelhafte psychologische Motivation des Täters (in Buch und Film verschieden und jede Lösung hat ihre Probleme), die schnell langweilende Parallelführung von sich nie berührenden Handlungssträngen und, was das Schlimmste ist, die mangelhafte Differenzierung zwischen den einzelnen Charakteren und ihren Gefühlen. Letztendlich müssen sie alle mit Verlusten, Misserfolgen und charakterlichen Defiziten umgehen und sie haben alle darauf die gleiche Antwort: sie fressen die Erfahrung in sich hinein. Sie sind in sich gekehrt, schweigsam und – Hey, immerhin spielt Wagners Roman in Finnland. – depressiv. Nur der pädophile Kindermörder erscheint als allseits beliebter, freundlicher und in sich ruhender Hausmeister der einzig normale Charakter zu sein. Im Gegensatz zu allen anderen ist er mit sich im Reinen.

Was sagt uns das über den Film und unsere Gesellschaft?

Das letzte Schweigen (D 2010)

Regie: Baran bo Odar

Drehbuch: Baran bo Odar

LV: Jan Costin Wagner: Das Schweigen, 2007

mit Ulrich Thomsen, Wotan Wilke Möhring, Burghart Klaußner, Katrin Sass, Sebastian Blomberg, Karoline Eichhorn, Roeland Wiesnekker, Claudia Michelsen, Oliver Stokowski, Jule Böwe

Vorlage

Jan Costin Wagner: Das Schweigen

Eichborn, 2007 (Hardcover)

Goldmann, 2009 (Taschenbuch)

288 Seiten

7,95 Euro

Hinweise

Homepage zum Film

Facebook-Seite zum Film

Film-Zeit über „Das letzte Schweigen“

Homepage von Baran bo Odar

Homepage von Jan Costin Wagner

Wikipedia über Jan Costin Wagner

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Jan Costin Wagner

Krimi-Couch über Jan Costin Wagner

Alligatorpapiere: Befragung von Jan Costin Wagner (21. Juni 2005)

Meine Besprechung von Jan Costin Wagners „Sandmann träumt“


Robert Brack schreibt über den „Blutsonntag“ in Hamburg-Altona

August 16, 2010

Mit „Blutsonntag“ erkundet Robert Brack weiter die Geschichte seiner Heimatstadt Hamburg. In seinem letzten Roman „Und das Meer gab seine Toten wieder“ schrieb er über die Weibliche Kriminalpolizei, die es in den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Hamburg gab. Der mutmaßliche Doppelselbstmord von zwei Mitgliedern der Weiblichen Kriminalpolizei 1931 führte dann zu ihrer Auflösung. In dem auf Tatsachen basierendem Roman versucht eine Polizistin aus England den Fall aufzuklären. Damals spielte die junge Journalistin Klara Schindler eine Nebenrolle. In „Blutsonntag“ hat sie die Hauptrolle. Sie will jemanden umbringen und auf 250 Seiten erzählt Robert Brack, wie es dazu kommt, dass eine politisch links stehende Journalistin eine Mörderin werden will und wie sie ihre Tat ziemlich dilettantisch ausführt.

Der Grund dafür ist der Altonaer Blutsonntag vom 17. Juli 1932. Damals marschierten SA und SS, unter großem Polizeischutz, durch das Arbeiterviertel Altona. Es kam zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit 18 Toten.

Klara Schindler will herausfinden, was wirklich geschah. Mit einem neuen, von den russischen Brüdern spendiertem Tonbandgerät geht sie auf die Straße und interviewt Menschen, die an dem Sonntag in Altona waren.

Robert Brack schneidet diese Interviews immer wieder in die Geschichte, die vor allem als Sittengemälde Hamburgs am Vorabend der Nazi-Diktatur, mit Krimibeigabe, besticht.

Blutsonntag“ ist, wie bei Brack nicht anders zu erwarten, ein gelungener Rückblick in die Vergangenheit zwischen Zeitungsredaktion, Kaschemmen, Amüsierlokalen, Hinterhöfen und kleinen Mietwohnungen. Was allerdings genau an dem Blutsonntag geschah, erschließt sich für alle, die diesen Teil der deutschen Geschichte nicht präsent haben, nur langsam aus den Zeugenaussagen, die Robert Brack fast wortwörtlich aus zeitgenössischen Protokollen übernahm. Diese Faktentreue ist, wie schon in „Und das Meer gab seine Toten wieder“ der Vor- und Nachteil des Romans. Denn auch für den besten Historiker wird immer einiges ungeklärt bleiben und er wird nur eine plausible Geschichte erzählen können, wie es wahrscheinlich gewesen ist.

Bracks alter ego Virginia Doyle hat sich auch wieder an den Schreibtisch gesetzt. Vor wenigen Tagen erschien „Die Ehre der Nicolosi“ im Heyne Taschenbuchverlag. „Die spannende Geschichte einer Mafia-Familie vom St. Pauli-Kiez“ steht auf dem Klappentext und die Geschichte scheint zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und 1985 zu spielen. Genaueres nach der Lektüre.

Vormerken kann man sich, falls man „Und das Meer gab seine Toten wieder“ nicht schon lange im Regal stehen hat, die für Ende September bei Goldmann angekündigte Taschenbuch-Ausgabe des Krimis.

Robert Brack: Blutsonntag

Edition Nautilus, 2010

256 Seiten

13,90 Euro

Hinweise

Homepage von Robert Brack

Meine Besprechung von Robert Bracks „Schneewittchens Sarg“ (2007)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Und das Meer gab seine Toten wieder“ (2008)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Psychofieber“ (1993, Neuausgabe 2008)

Wikipedia über den Altonaer Blutsonntag


Thriller < 10 Euro (mit Ausnahmen)

August 11, 2010

Wer bei den Hardcover-Ausgaben zögerte, kann jetzt die, teilweise überfälligen Taschenbuch-Ausgaben von einigen guten Büchern kaufen. Beginnen wir ohne bestimmte Reihenfolge in Berlin:


D. B. Blettenberg: Berlin Fidschitown (Pendragon, 12,95 Euro)

Sein bereits 2003 erschienener, hauptsächlich in Berlin, oft im Untergrund, spielender, mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichneter Thriller ist jetzt endlich als Taschenbuch erschienen. Unbedingt lesen!


Jörg Juretzka: Der Willy ist weg (Unionsverlag, 9,90 Euro)

Sein dritter Krimi erschien zuletzt bei Rotbuch als Hardcover. Jetzt gibt es das brüllend komische Abenteuer von Privatdetektiv Kristof Kryszinski als Taschenbuch. Im Anhang gibt es ein dreiseitiges Interview, eine Bio- und eine Bibliografie.


Domingo Villar: Wasserblaue Augen (Unionsverlag, 9,90 Euro)

Ein Debüt aus Spanien: Inspektor Leo Caldas soll den Mörder eines bestialisch ermordeten Saxofonisten finden. Ihre Ermittlungen führen sie in Szenebars und Schwulenclubs – und mit etwas über 200 Seiten kann das Buch in einem Rutsch gelesen werden.


Matti Rönkä: Bruderland (grafit, 8,95 Euro)

Der zweite Krimi mit dem in Helsinki lebendem, russischstämmigem Privatdetektiv Viktor Kärppä. Als einige Jugendliche an verunreinigtem Heroin sterben, wird Kärppä von der Polizei gezwungen, seine alten Kontakte zu benutzen. Guter PI-Krimi, der nicht wallandert, sondern sich an amerikanischen Vorbildern orientiert.


Charles den Tex: Die Zelle (grafit, 11 Euro)

Nach „Die Macht des Mr. Miller“ ein weiterer Thriller mit dem Unternehmensberater Michael Bellicher, dessen Leben wieder aus den geordneten Bahnen gerät. Dieses Mal soll er einen Unfall mit Todesfolge verursacht haben (er erinnert sich nicht daran) und er besitzt plötzlich marode Treibhäuser (die er niemals gekauft hat). „Die Zelle“ erhielt den Goulden Strop.


Max Bronski: München Blues (Heyne, 7,95 Euro)

Drei Jahre nach der Hardcover-Ausgabe erscheint der zweite Krimi von Max Bronski endlich als Taschenbuch. Amateurdetektiv Gossec stolpert während des Oktoberfestes über eine Bierleiche und in den schönsten bayerischen Amigofilz.


Allan Guthrie: Abschied ohne Küsse (Heyne)

Nun, die Taschenbuch-Ausgabe eines Hard-Case-Crime-Taschenbuches. Mir gefällt das originale Pulp-Cover besser. Der Inhalt bleibt gleich und ist nichts für zartbesaitete Gemüter.


Roger Smith: Kap der Finsternis (Heyne, 8,95 Euro)

Ein zünftiger Hardboiled aus Südafrika. Das feine Debüt spart nicht Gewalt und erscheint deshalb auch folgerichtig in der Hardcore-Reihe von Heyne.


Jeffery Deaver: Der Täuscher (Blanvalet, 9,95 Euro)

Lincoln Rhyme ermittelt wieder und wir erfahren einiges über die Möglichkeiten der Überwachung und Datenmanipulation. Da hat Deaver wieder ein halbes Sachbuch in seinen Krimi geschmuggelt.


Michael Connelly: Echo Park (Heyne, 6,65 Euro)

Harry Bosch ermittelt wieder. Muss ich wirklich mehr sagen?


Joe R. Lansdale: Akt der Liebe (Heyne, 8,95 Euro)

Lansdales Debüt erschien 1999 bei pulp master, ist schon seit Ewigkeiten nicht mehr erhältlich und Antiquare verlangen ziemlich viel Geld dafür. Daher ist die, anhand einer kursorischen Überprüfung nur wenig überarbeitete Neuausgabe für alle Lansdale-Fans (neue und alte) die Gelegenheit, einen Klassiker des Serienkillerthrillers (wieder) zu lesen. Immerhin erschien „Akt der Liebe“ in den USA 1981; was uns schmerzlich daran erinnert, dass Lansdale auch schon einige Jahrzehnte auf dem Planeten wandelt.

Lasst euch nicht von dem nichtssagendem Cover, das eher an eine Liebesschnulze in tropischen Hütten erinnert, und dem harmlosen Titel abschrecken.

Und wer doch nicht auf sein geliebtes Hardcover verzichten kann:


Laura Thompson: Agatha Christie (Scherz, 24,95)

Eine fünfhundertseitige Biographie über die enorm produktive Schriftstellerin (15. September 1890 – 12. Januar 1976). In England wurde das Buch gemischt aufgenommen. Denn Thompson, die auch einen exclusiven Zugang zum Archiv von Agatha Christie hatte, schreibt nicht besonders kritisch über die heute immer noch erfolgreiche Krimiautorin. Und das ist wahrscheinlich das größte Rätsel um Agatha Christie.


Hat Ian Rankin „Ein reines Gewissen“?

August 9, 2010

Ein Fall für Malcolm Fox“ steht groß auf dem Cover von Ian Rankins neuem Roman „Ein reines Gewissen“ und damit ist die Botschaft eindeutig: Malcolm Fox soll der neue Seriencharakter von Ian Rankin werden. Seinen vorherigen, sehr erfolgreichen Inspector John Rebus musste er altersbedingt in Pension schicken. Danach probierte Ian Rankin einiges aus: eine Oper, ein Comic, ein Kurzromane und einen Fortsetzungskrimi für die New York Times. Diese Geschichte überarbeitete er für die Buchveröffentlichung gründlich. Der so entstandene Heist-Krimi „Der Mackenzie-Coup“ war eine unterhaltsame Geschichte über den großen Coup. Es war allerdings auch eindeutig ein Zwischenwerk. Ein tiefes Durchatmen vor neuen, großen Taten.

Mit „Ein reines Gewissen“ soll ein neues Kapitel aufgeschlagen werden. DI Malcolm Fox ist jünger. Er arbeitet bei den Internen Ermittlern. Er ist ein Teamspieler. Er lebt zwar auch allein, aber er hat eine Schwester, die er öfters sieht und einen Vater, der in einem Altersheim lebt und den er noch öfters sieht. Er ist ein Ex-Alkoholiker. Und, sicher auch weil Ian Rankin Malcolm Fox zu einem Gegenentwurf von John Rebus machen wollte, hat er einen ziemlichen Langweiler entworfen. Denn auch nach fünfhundert Seiten ist einem dieser nette Malcolm Fox immer noch ziemlich egal.

Auch der Fall verläuft in den gewohnten Bahnen. Malcolm Fox soll der Abteilung für Kinderschutz helfen. Sie glauben, dass DS Jamie Breck sich Kinderpornos auf seinen Computer runtergeladen und mit seiner Kreditkarte bezahlt hat. Fox und sein Team sollen ihnen die nötigen Informationen beschaffen. Schnell findet Fox Breck sympathisch und, je mehr er über ihn erfährt, umso weniger glaubt er, dass der Verdacht richtig ist.

Parallel erzählt Ian Rankin wie Malcolm Fox seinen Vater Mitch in einem Altersheim besucht und wie er sich über Vince Faulkner, den neuen Freund seiner Schwester Jude, ärgert. Denn Faulkner schlägt sie und sie ist nicht bereit ihn zu verlassen. Was auch daran liegt, dass sie selbst, nun, keine unproblematische Person ist.

Als Faulkner ermordet wird, Fox in Verdacht gerät und suspendiert (Gähn!) wird, verbündet er sich mit Breck. Sie wollen den Mörder fangen und herausfinden, wer Breck wegen Kinderpornographie anschwärzen will. Tja, und irgendwann verschwindet der Bauunternehmer Charlie Brogan, der Chef von Faulkner war und verheiratet mit der Tochter von einem Gangsterboss ist, spurlos während eines Segeltörns. Ein Unfall, Selbstmord (denn auch in Edinburgh sind die Immobilienpreise im Keller) oder Mord?

Spätestens ab diesem Moment erzählt Ian Rankin „Ein reines Gewissen“ wie auf Autopilot fertig.

Denn „Ein reines Gewissen“ beginnt unglaublich holprig. Man hat den Eindruck, dass Rankin nachdem er im ersten Viertel des Buches mit viel zu viel Privatgedöns langweilt, irgendwann feststellte, dass er einen Abgabetermin hat und bis dahin eben fünfhundert Seiten gefüllt haben muss.

Das macht „Ein reines Gewissen“ noch nicht zu einem wirklich schlechtem Buch. Es ist aber ein enttäuschendes Ian-Rankin-Werk, das den eher schwachen „Mackenzie-Coup“ (es ist, weil die Genrekonventionen so stark sind, einfach schwer, einen guten Heist-Roman zu schreiben) zu einem besseren Roman macht. Rankin scheint immer noch keinen Plan für seine nächsten Romane zu haben.

Vielleicht sollte er sich in seinem nächsten Malcolm-Fox-Roman wirklich auf die internen Ermittlungen der Polizei konzentrieren oder einfach die Seiten wechseln und einige Gangsterromane schreiben. Da würde dann auch der Vergleich mit dem übermächtigen John Rebus wegfallen. Immerhin sind in England die Rebus-Romane, wie bei uns, Bestseller und zwei Schauspieler verliehen John Rebus für das Fernsehen ihr Gesicht.

À propos Fernsehen: Die Verfilmungen von „Der Mackenzie-Coup“ und „Ein reines Gewissen“ sind für 2011 von ITV und BBC geplant und Rankin darf bei der Besetzung mitreden.

Ian Rankin: Ein reines Gewissen

(übersetzt von Juliane Gräbener-Müller)

Manhattan, 2010

512 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

The Complaints

Orion Books, London 2009

Hinweise

Homepage von Ian Rankin

Deutsche Homepage von Ian Rankin (Goldmann-Verlag)

Ian Rankin: The very last drop (16. – 18. Februar 2010; – eine neue Inspector-Rebus-Geschichte)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Der Mackenzie Coup“ (Doors Open, 2008)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Rebus’s Scotland – A personal journey“ (2005)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Eindeutig Mord – Zwölf Fälle für John Rebus“ (A good hanging, 1992)

Meine Besprechung von Ian Rankins “Ein Rest von Schuld“ (Exit Music, 2007)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Im Namen der Toten” (The Naming of the Dead, 2006)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Die Seelen der Toten“ (Dead Souls, 1999)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Der diskrete Mr. Flint“ (Watchman, 1988)

Ian Rankin in der Kriminalakte


Kurzkritik: Benjamin Black: Der Lemur

Juli 27, 2010

Beginnen wir mit dem Positiven: Benjamin Blacks neues Buch „Der Lemur“ ist schnell gelesen.

Es ist mit 160 Seiten sogar zu schnell gelesen, um es halbgelesen wegzulegen.

Danach fragt man sich, warum Black so wenig aus der vielversprechenden Prämisse gemacht hat.

Der Ex-Journalist John Glass soll die Memoiren seines Schwiegervaters William Big Bill Mulholland schreiben. Mulholland ist Multimilliardär und Ex-CIA-Agent. Glass beauftragt Dylan Riley, den titelgebenden „Lemur“, mit Hintergrundrecherchen. Riley findet auch etwas heraus, er will eine hohe Beteiligung am Buchvertrag (Böse Menschen würden von Erpressung reden.) und kurz darauf ist er tot. Ein Schuss ins linke Auge.

Man muss kein Genie sein, um zu vermuten, dass Riley von irgendjemand in Mulhollands Umfeld, der so ein Geheimnis bewahren wollte, umgebracht wurde.

Theoretisch gibt es jetzt eine Unzahl Verdächtiger: Mulholland selbst, seine Familie, seine Geschäftspartner und, selbstverständlich die CIA, der geübte Krimileser und Paranoiker alles zutrauen. Glass selbst glaubt eher, dass Riley ihn wegen seiner außerehelichen Affäre erpressen wollte. Weil sein Schwiegervater Mulholland strenggläubig ist, hätte Riley damit auch ein gutes Mordmotiv. Zum Glück hat er ein bombensicheres Alibi (Womit der tragfähige Plot des unschuldig Verdächtigten, der seine Unschuld beweisen muss, gestorben wäre.).

Glass und Captain Ambrose vom NYPD tappen, trotz der vielen potentiellen Täter, im Dunkeln. Denn Riley ist wahrscheinlich der Rechercheur mit den wenigsten Telefonaten, der saubersten Festplatte und den wenigsten Dokumenten.

Benjamin Black erzählt diese Geschichte, die er als Serial für das New York Times Magazine schrieb, assoziativ und lustlos. Denn der passiv-introvertierte, von Ängsten geplagte Glass sucht nie zielgerichtet den Täter. Er lässt sich von Gefühlen und Vermutungen leiten. Die anderen Charaktere bleiben austauschbar und blass. Sogar die zahlreichen, eher verwirrenden Rückblenden verraten letztendlich erstaunlich wenig über Mulhollands und Glass‘ Vergangenheit, aber John Huston tritt auf.

Auch die auf den ersten Blick vielversprechende CIA-Geschichte wird nicht weiterverfolgt. Am Ende erweist sie sich, wie vieles in „Der Lemur“, als verzichtbarer pseudo-interessanter Farbtupfer in Mulhollands weitgehend im Dunkeln bleibender Biographie.

Insgesamt entsteht beim Lesen von „Der Lemur“ sowieso der Eindruck, dass Black keine Ahnung hatte, was er mit seiner Prämisse anfangen sollte, er aber jede Woche eine Fortsetzung liefern musste und am Ende nach der Methode „Der Gärtner ist der Mörder“ irgendeine Lösung aus dem Hut zauberte.

Benjamin Black: Der Lemur

(deutsch von Gerlinde Schermer-Rauwolf und Thomas Wollermann)

rororo, 2010

160 Seiten

11 Euro

Originalausgabe

The Lemur

Picador, New York, 2008

Hinweise

Homepage von Benjamin Black

Wikipedia über Benjamin Black (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Benjamin Black

KiWi: John Banville interviewt Benjamin Black (oder umgekehrt; englisch)


Ist der „Rote Zwerg“ „Besser als das Leben“?

Juli 20, 2010

Einige Rätsel werden wahrscheinlich nie gelöst werden. Dazu gehört die deutsche Veröffentlichung der Romane zur BBC-SF-Comedy „Red Dwarf“. Denn die beiden Romane „Roter Zwerg“ und „Besser als das Leben“ von Grant Naylor erschienen in England vor über zwanzig Jahren und auch die Vorlage, die Comedy „Red Dwarf“ hat es nie über den Ärmelkanal gepackt.

Warum sollte ein großer Verlag wie Blanvalet jetzt die Bücher veröffentlichen?

Keine Ahnung, außer dass vielleicht irgendwo in den Gängen des Verlages ein Roter-Zwerg-Fan sitzt.

Der „Rote Zwerg“ ist, wir ahnen es, ein altes, ungefähr fünf Meilen langes Bergbau-Schiff, das nur schlappe zweihunderttausend Meilen pro Stunde schafft. Auf ihm heuert Dave Lister an. Nach einer Sauftour durch London wachte Lister pleite auf dem Saturn-Mond Minas auf und, weil er seinen Pass verloren hat, kann er auch keine Arbeitserlaubnis erhalten. Wenn er beim Space-Korps anheuert, so denkt Lister sich, bekommt er sogar seinen Heimflug bezahlt. Er wird sogar wider Erwarten angenommen und muss auf dem „Roten Zwerg“ Tätigkeiten verrichten, für die sich sogar die Roboter zu fein sind. Nach einem Vergehen wird der stinkfaule Lister zur Strafe in die Stasis-Kammer gesperrt.

Drei Millionen Jahre später, nachdem die nukleare Strahlung eines Cadmium-II-Lecks abgeklungen ist, wird Lister von dem superintelligentem Schiffscomputer Holly geweckt. Etwas später erzeugt Holly, um Lister zu einem disziplinierterem Leben anzuleiten, ein Hologramm von Listers Intimfeind Rimmer. Im Raumschiff entdecken sie Kater, eine Mischung aus Mensch und Katze, die in ihrem Sauberkeits- und Kleiderwahn jede Frau in den Schatten steckt. Auf einem Planeten entdecken sie Kryten, einen neurotischen Roboter, dessen Lebenserfüllung putzen und bedienen ist.

Dass es noch schlimmer kommen kann, erfährt Lister, als er auf einen sprechenden Toaster, dessen Lebenserfüllung das Herstellen von Toastbrot ist, trifft. Gemeinsam fliegen sie durch das Weltall. Ihr Ziel ist die Erde. Ihre Abenteuer sind, auch ohne das Treffen auf außerirdische Lebensformen, grotesk.

Dazu gehören Besuche auf einem vereisten Müllplaneten, der plötzlich auftaut, Zeitparadoxien und der Einstieg in das Spiel „Besser als das Leben“, das seinen Mitspielern alle Wünsche erfüllt und mit dem Tod der Spieler endet. Denn wer will schon aus dem selbstgeschaffenen Paradies aussteigen?

Die von Grant Naylor (einem Pseudonym der Serienerfinder Rob Grant und Doug Naylor) erfundene Science-Fiction-Comedy „Red Dwarf“ und die beiden darauf basierenden Romane „Roter Zwerg“ und „Besser als das Leben“, die sich anscheinend sehr genau an die BBC-Serie halten, stehen in der Tradition von Douglas Adams‘ „Per Anhalter durch die Galaxis“. Allerdings war – aus der Erinnerung – vor allem der erste „Anhalter“-Band der vierbändigen Trilogie in fünf Teilen wesentlich witziger.

Dennoch liefern „Roter Zwerg“ und „Besser als das Leben“ den „Anhalter“-Fans und den Freunden des absurden Humors genug durchgeknallte Ideen und Lacher für ein verlängertes Wochenende. Danach ist dann vielleicht nicht mehr „42“, sondern BADL die Antwort auf die große Frage nach dem Sinn des Lebens und dem ganzen Rest.

Grant Naylor: Roter Zwerg

(übersetzt von Wolfgang Thon)

Blanvalet, 2009

336 Seiten

7,95 Euro

Originalausgabe

Red Dwarf: Infinity Welcoms Careful Drivers

Penguin Books, 1989

Grant Naylor: Besser als das Leben

(übersetzt von Wolfgang Thon)

Blanvalet, 2010

320 Seiten

7,95 Euro

Originalausgabe

Red Dwarf: Better than life

Penguin Books, 1990

Hinweise

„Red Dwarf“-Homepage

Wikipedia über „Red Dwarf“


Schimanski, Thiel und Boerne in Buchform

Juli 16, 2010

In den Achtzigern war Horst Schimanski der beliebteste Tatort-Kommissar. Heute dürfte das für das Team Frank Thiel/Karl-Friedrich Boerne gelten; – jedenfalls wenn man seinen Krimi nicht todernst mag, kann man sich durch neunzig Minuten lachen.

Auch „Tempelräuber“, das jetzt von Martin Schüller zu einem „Roman zum Film“ umgearbeitet wurde, hat einige Lacher. Das beginnt mit der Bemerkung von Staatsanwältin Klemm: „In dieser Stadt zählt ein toter Priester so viel wie zwei tote Bürgermeister. Oder drei tote Polizisten.“

Als sie erfährt, dass der in der Nacht von einem Auto überfahrene Geistliche Ludwig Mühlenberg, der Leiter des Sankt-Vincenz-Seminars, ist, meint sie nur: „Verdoppeln Sie alles, was ich gesagt habe.“

Es geht weiter mit dem Auftritt von Professor Karl-Friedrich Boerne in seinem Institut. Er wurde in der Nacht von dem Mörder überfahren und jetzt sind beide Arme gebrochen (Seltsamerweise hat er sich nicht weiter verletzt). Aber das hält ihn nicht von der Arbeit ab: „Ein paar Kratzer. Unbedeutende Frakturen. (…) Aber das wird mich nicht davon abhalten, meine Pflicht zu erledigen.“

Nur sind diese Szenen im Film witziger. Die rauchige Stimme von Mechthild Grossmann als Staatsanwältin, Der neben ihr kleine Axel Prahl als Kommissar Frank Thiel, dem die ganze Kirchensache als eingefleischtes Nordlicht am Arsch vorbeigeht.

Oder wenn Jan-Josef Liefers als snobistischer Professor Boerne einige Minuten später versucht mit zwei gebrochenen Armen eine Obduktion durchzuführen (geht natürlich nicht) und er alle Anwesenden wie seine persönlichen Diener behandelt (die davon natürlich nicht begeistert sind). Das ist im Buch – auch wenn man den „Tatort“ kennt und das sich lässig die Pointen zuschiebende Team aus Axel Prahl (Kommissar Thiel), Jan-Josef Liefers (Professor Boerne), Christine Urspruch (Silke ‚Alberich‘ Haller) und Mechthild Grossmann (Staatsanwältin Klemm) vor Augen hat – nicht so witzig.

Denn während die Filme vom Zusammenspiel der Schauspieler leben und so der Krimiplot zur Nebensache wird (Gibt es wirklich jemand, der diese Tatorte wegen des Plots sieht?), rückt er im Buch ins Zentrum. Der ist jedoch ein eher schwacher Whodunit mit einer ziemlich weit hergeholten Lösung.

Die einzelnen Verdächtigen (der Einbrecher, die geheimnisvolle Frau, der Nachfolger) werden eher pflichtschuldig abgehandelt. Die Geschichte wird vor allem mit einer gehörigen Portion absurden Humors und Kommissar Zufall vorangetrieben. So ist es im Film witzig, wenn bei der Tat nicht nur Professor Boerne überfahren wird, sondern auch das Taxi von Thiels Vater als Mordwaffe benutzt wird und dann spurlos verschwindet.

Im Buch liest sich das dann arg gewollt nach Drehbuchratgeber und rückt die Schwächen des Plots in den Mittelpunkt.

Moltke“ ist der neunzehnte Schimanski-Film und, abgesehen von dem Auftritt von Dieter Bohlen und seiner Musik (damals und heute: Würg.), ein guter „Tatort“, der den Sozialarbeiter Schimanski während der Weihnachtstage auf Hochtouren arbeiten lässt und, aus Schimanskis Sicht, eine zünftige Rachegeschichte im Gangstermilieu erzählt.

Der Hüne Zbigniew ‚Moltke‘ Pawlak saß neun Jahre im Knast. Er hatte zusammen mit drei Komplizen einen aus dem Ruder gelaufenen Überfall auf einen Supermarkt verübt. Ein Wachmann starb, Pawlaks Bruder erhielt einen Bauchschuss und wurde von einem der Verbrecher erschossen. Moltke blieb bei seinem Bruder, wurde verhaftet und verurteilt. Seine Komplizen verschwanden mit dem Geld. Moltke wartete schweigend auf seine Entlassung und jetzt, so nimmt Schimanski, der den Underdog Moltke ganz sympathisch findet, an, jetzt will Moltke sich rächen.

Schimanski versucht das Schlimmste zu verhindern.

War in „Tempelräuber“ der fehlende Humor und die nur leichte Überzeichnung der Charaktere störend, ist es bei der ebenfalls von Martin Schüller geschriebenen Romanversion von „Moltke“ genau umgekehrt. So wirkt Schimanski öfters wie ein trotziges kleines Kind und geistig, wenn Thanner ihm das Weltall erklärt, etwas beschränkt. Da war der „Tatort“-Schimanski wesentlich erwachsener. Schüller porträtiert eher den Schimanski aus der gleichnamigen, wesentlich schlechteren TV-Serie.

Am Ende der Geschichte, wenn Moltke den letzten seiner Komplize stellt und Schimanski zum letzten Mal versucht Moltke zu helfen, hätte Schüller sich weniger sklavisch an das Drehbuch halten können. Denn anstatt einfach die einzelnen Szenen aufeinander folgen zu lassen, hätte er, wie James Rollins in „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“, die Lücken zwischen den Szenen auffüllen können. So wird das Ende dieses ungewöhnlichen „Tatorts“ in Buchform etwas unrund.

Vielleicht wäre der Roman auch besser geworden, wenn Martin Schüller die Geschichte aus der Sicht Schimanskis in der ersten Person erzählt hätte. Damit hätte er an die Grundidee der ersten Schimanski-Tatorte angeknüpft, in denen der Film ausschließlich Schimanskis Sicht erzählt wurde.

Tempelräuber“ und „Moltke“ sind okaye „Bücher zum Film“, die aber beide Male hinter den Filmen zurückbleiben.

Zur zweiten „Tatort“-Lieferung aus dem Emons-Verlag gehören außerdem „Erntedank“ (mit Charlotte Lindholm), „Seenot“ (mit Klara Blum), „Bevor es dunkel wird“ (mit Charlotte Sänger und Fritz Dellwo) und „Vermisst“ (mit Lena Odenthalo und Mario Kopper).

Für September ist bereits die dritte Lieferung angekündigt: „Schwarzer Peter“ (mit Eva Saalfeld und Andreas Keppler), „Todesbrücke“ (mit Till Ritter und Felix Stark), „Das ewige Böse“ (mit Frank Thiel und Karl-Friedrich Boerne), „Das Phantom“ (mit Max Ballauf und Freddy Schenk), „Borowski und die einsamen Herzen“ (mit Klaus Borowski) und „Starkbier“ (mit Ivo Batic und Franz Leitmayr, ein grandioser „Tatort“ in dem Carlo Menzinger die Ermittlungen leitet).

Martin Schüller: Tempelräuber

Emons, 2010

160 Seiten

8,95 Euro

Vorlage

Tatort: Tempelräuber (D 2009)

Regie: Matthias Tiefenbacher

Drehbuch: Magnus Vattrodt

mit Axel Prahl, Jan Josef Liefers, Friederike Kempter, Christine Urspruch, Mechthild Grossmann, Claus Dieter Clausnitzer, Ulrich Noethen , Rosalie Thomass, Johanna Gastdorf, Wolf-Niklas Schykowski, Marita Breuer

Erstausstrahlung: 25. Oktober 2009 (Folge 745)

Martin Schüller: Moltke

Emons, 2010

160 Seiten

8,95 Euro

Vorlage

Tatort: Moltke (D 1988)

Regie: Hajo Gies

Drehbuch: Axel Götz, Jan Hinter, Thomas Wesskamp

mit Götz George, Eberhard Feik, Ulrich Matschoss, Chiem van Houweninge, Hubert Kramar, Iris Disse, Gerd Silberbauer, Wolfgang Preiss, Jan Biczycki, Jürgen Heinrich, Dieter Bohlen, Ludger Pistor

Erstausstrahlung: 28. Dezember 1988 (Folge 214)

Hinweise

Tatort-Fundus über Kommissar Thiel und Kommissar Schimanski

Horst-Schimanski-Fanseite

Kriminalakte: Gespräch mit Hejo Emons über die Tatort-Reihe

Kriminalakte: Tatort-Romane – zum Ersten (Oliver Wachlin: Blinder Glaube; Martin Schüller: Die Blume des Bösen)

Kriminalakte: Tatort-Romane – zum Zweiten (Martin Schüller: A gmahde Wiesn, Christoph Ernst: Strahlende Zukunft)

Kriminalakte: Tatort-Romane – zum Dritten (Martin Conrath: Aus der Traum…, Oliver Wachlin: Todesstrafe)


Erster Eindruck: Das Science Fiction Jahr 2010

Juli 11, 2010

Dünn.

.

Im Vergleich zu „Das Science Fiction Jahr 2009“ ist die neueste Ausgabe des Science-Fiction-Jahrbuchs mit 1152 Seiten dünn ausgefallen. Die vorherige Ausgabe hatte 1600 Seiten und lag wie ein überdimensionierter Wackelpudding in den Händen.

Dagegen hat man bei der neuesten Ausgabe wieder das Gefühl, ein vom Handling her lesbares Buch in den Händen zu halten. Der Schwerpunkt beschränkt sich dieses Jahr auf den 150-seitigen Text: „Wenn gestern morgen ist – Zeitmaschinen, Zeitreisen und Zeitparadoxien in Science und Fiction“ von Rüdiger Vaas. In den vorherigen Jahren waren es mehrere Texte; zuletzt über 400 Seiten über Superhelden.

Der Rest des Science-Fiction-Jahrbuchs bewegt sich im gewohnten Umfang und in den bekannten Kategorien. Es gibt Interviews mit Stephen Baxter und China Miéville, Porträts über J. G. Ballard, Frank Schätzing, Walter Jon Williams und David Foster Wallace.

Es gibt Essays zu James Camerons „Avatar“, „Star Trek“, „Terminator“ und „Battlestar Galactica“ von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Es wird über „25 Jahre Detroit-Techno“ geschrieben und über die „Weltfabrik der Theoretiker – Wie Annäherungen zur wissenschaftlichen Weltanschauung werden“ nachgedacht.

Es gibt Nachrufe, Buchbesprechungen, Film-, Hörspiel und Computerspielkritiken, Marktberichte und eine Auflistung im letzten Jahr preisgekrönter Science-Fiction-Werke.

Es gibt, auch wenn einen nicht alles interessiert, viel zu lesen.

Damit ist das von Sascha Mamczak und Wolfgang Jeschke herausgegebene Jahrbuch auch im fünfundzwanzigsten (!) Jahr wieder eine Fundgrube für alle an Science-Fiction Interessierte. Denn in keinem anderen Buch wird so intensiv der Austausch über alle Spielarten von Science-Fiction gepflegt. Es ist allerdings auch immer noch das einzige Kompendium dieser Art. Und das obwohl im Kino die erfolgreichsten Filme Science-Fiction- und Fantasy-Filme sind. Zuletzt „Avatar“. Auch einige Science-Fiction-Bücher verkaufen sich ausgesprochen gut. Zuletzt Frank Schätzing mit „Limit“. Science-Fiction-Serien, wie „Raumschiff Enterprise“, „Stargate“ (jeweils mehrere Serien), „Lost“, „Battlestar Galactica“ und „Fringe“, sind im TV und auf DVD erfolgreich.

Daher: Herzlichen Glückwunsch zur 25. Ausgabe des Jahrbuchs. Vor einem viertel Jahrhundert hätte wahrscheinlich niemand vermutet, dass das Science-Fiction-Jahrbuch auch „2010“ erscheint.

Sascha Mamczak/Wolgang Jeschke (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2010

Heyne, 2010

1152 Seiten

29,95 Euro

Hinweise

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschke (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2008“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschke (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2009“


Cable, Hope, die X-Men und das Ende der Welt?

Juli 9, 2010

Die Geschichte von Cable, der von Cyclops in die Zukunft geschickt wurde, geht episodisch und gewohnt knackig weiter. Dabei ist Autor Duane Swierczynski (aka Duane Louis) ziemlich frei, verschiedene zukünftige Welten, die auch in verschiedenen Zeitströmen existieren, zu erfinden. Denn auch wenn diese eine Zukunft fatal endet, kann es noch eine andere geben. Das ist für Science-Fiction-Fans und Philip-K.-Dick-Leser ein alter Hut, der letztes Jahr mit den Reboots von „Terminator: Die Erlösung“ und „Star Trek“ allgemein bekannt wurde.

In dem aus vier Heften bestehenden „Warten auf das Ende der Welt“ haben Cable und sein Schützling in „New Liberty“ eine Zuflucht gefunden. „New Liberty“ ist ein von der Welt abgeschiedenes Paradies, das keinen Kontakt mit der Außenwelt hat. Cable freundet sich mit Hope an und sein Schützling erhält endlich einen Namen: Hope Summers. Die Idylle wird zerstört, als amerikanische Soldaten, die wie Ungeziefer aussehen, „New Liberty“ besetzen. Sie nennen es Befreiung und sogar der unpolitischste Leser wird an die derzeitigen Auslandseinsätze des US-Militärs denken. Bevor Cable und sein Schützling flüchten können, müssen sie allerdings Hope aus den Klauen der Besatzer befreien.

In dem Zweiteiler „Wüstenblues“ entwickelt Hope langsam ihre Superkräfte. Weil Cable und Hope in der Wüste nicht lange überleben können, springen sie weiter in die Zukunft und landen im „Messias-Krieg“, einer umfangreichen Crossover-Geschichte von „Cable“ und der „X-Force“, die in sieben Heften gegen Stryfe, den Herrscher dieser Zukunft, kämpfen müssen.

Nach einem verheißungsvollen Set-Up endet der „Messias-Krieg“ in einem ziemlich verwirrendem Kampf, bei dem nur noch Marvel-Gesamtleser den Überblick behalten werden. Bei den anderen führt das gerade im zweiten Band des „Messias-Krieges“ öfters zu Was-zur-Hölle-geht-hier-eigentlich-ab-Momenten.

Aber im dritten Cable-Band sind zwei hübsche Geschichten enthalten und „Warten auf das Ende der Welt“ liefert auch einen sehr gemeinen, wenig subtilen Kommentar zur militärisch geprägten Außenpolitik der USA.

Duane Swierczynski (Autor)/Ariel Olivetti (Zeichner): Cable 3 – Warten auf das Ende der Welt

(übersetzt von Michael Strittmatter)

Paninic Comics 2010

148 Seiten

16,95 Euro

enthält

Warten auf das Ende der Welt (Waiting for the end of the world, Teil 1 – 4)

Wüstenblues (Wasteland Blues, Teil 1 – 2)

Originalausgabe

Waiting for the end of the world, Chapter 1: The last place on earth (Cable 7, Dezember 2008)

Waiting for the end of the world, Chapter 2: Invasion U. S. A. (Cable 8, Januar 2009)

Waiting for the end of the world, Chapter 3: Little triggers (Cable 9, Februar 2009)

Waiting for the end of the world, Chapter 4: Ain’t no dog (Cable 10, März 2009)

Wasteland Blues, Chapter 1 (Cable 11, April 2009)

Wasteland Blues, Conclusion (Cable 12, Mai 2009)

Duane Swierczynski/Craig Kyle/Christopher Yost (Autoren)/Ariel Olivetti/Clayton Crain (Zeichner): Cable 4: Messias-Krieg – Teil 1 (Teil 1 von 2)

(übersetzt von Michael Strittmatter)

Panini Comics, 2010

100 Seiten

12,95 Euro

enthält

Messiah War, Chapter 1 (X-Force/Cable: Messiah War 1, Mai 2009)

Messiah War, Chapter 2 (Cable 13, Juni 2009)

Messiah War, Chapter 3 (X-Force 14, Juni 2009)

Duane Swierczynski/Craig Kyle/Christopher Yost (Autoren)/Ariel Olivetti/Clayton Crain (Zeichner): X-Force 4: Messias-Krieg – Teil 2 (Teil 2 von 2)

(übersetzt von Michael Strittmatter)

Panini Comics, 2010

100 Seiten

12,95 Euro

enthält

Messiah War, Chapter 4 (Cable [vol. 2] 14, Juli 2009)

Messiah War, Chapter 5 (X-Force [vol. 3] 15, Juli 2009)

Messiah War, Chapter 6 (Cable [vol. 2] 15, August 2009)

Messiah War, Chapter 7 (X-Force [vol. 3] 16, August 2009)

Hinweise

Secret Dead Blog von Duane Swierczynski

Meine Besprechung von Duane Louis (Swierczynskis) „Letzte Order“ (Severance Package, 2008)

Meine Besprechung von Duane Louis (Swierczynskis) „Blondes Gift“ (The Blonde, 2006)

Meine Besprechung von Duane Swierczynskis „Cable: Kriegskind – Band 1″ (Cable: War Child – 1, 2008)

Meine Besprechung von Anthony E. Zuiker/Duane Swierczynskis „Level 26 – Dark Origins“ (Level 26 – Dark Origins, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Michel Lacombe (Zeichner)/Ariel Olivettis (Zeichner) „Cable 2: Heimatfront“ (Cable 2: Homefront)

Duane Swierczynski in der Kriminalakte


Gute Verpackung, schlechter Inhalt

Juli 8, 2010

Die Covers sind gut und, obwohl von verschiedenen Gestaltern entworfen, sogar überraschend ähnlich. Der Inhalt auch. Irgendwie. Denn beide sind Pulp. Beide haben eine schwarzhumorige Note. Beide haben einen guten Anfang. Beide werden teilweise euphorisch gelobt. Vor allem Bazells Debüt „Schneller als der Tod“ gefällt anscheinend allen. Denis Johnsons „Keine Bewegung!“ wird wesentlich reservierter aufgenommen. Und von beiden Büchern hatte ich viel mehr erwartet.

Auf der ersten Seite von „Schneller als der Tod“ wird Assistenzarzt Dr. Peter Brown auf dem Weg zur Arbeit überfallen. Er schlägt den Dieb übel zusammen, vögelt auf dem Weg zur Dienstbesprechung eine Pharmavertreterin und wirft sich wie blöde Pillen ein. Kurz: ein ganz normaler Arbeitstag in einem New Yorker Krankenhaus, bis Brown sich einen neuen Patienten ansieht und mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird.

Denn der Patient ist der Mafiosi Eddy Squillante, der ihn sofort als den ins Zeugenschutzprogramm untergetauchten Mafiakiller Pietro „Bärentatze“ Brnwa erkennt und, damit er seine Operation auch wirklich überlebt, droht, Brown an seine Mafiafreunde zu verraten.

Während Dr. Brown versucht, das Leben des todkranken Mafiosi und sein eigenes zu retten, schneidet Bazell Browns Biographie in die aktuellen Ereignisse. Er erzählt, wie Brown zum Killer wurde, wie er seine Großeltern rächen wollte, wie er seine Arbeit erledigte, wie er sich mit seinem besten Freund zerstritt und wie er letztendlich ausstieg. Diese fast 170-seitige Backstory bringt die Hauptgeschichte des 300-seitigen Krimis nicht voran und gibt dem Helden eine höchst überflüssige, klischeebeladene Vorgeschichte. Denn natürlich wurde Brown nur deshalb zum Killer, um seine feige ermordeten Großeltern zu rächen. Undsoweiterundsofort.

Außerdem, was natürlich bei einem Comic-Crime-Buch (irgendwie klingen die deutschen Übersetzungen „Krimikomödie“ und „witziger Kriminalroman“ blöd) ein großer Nachteil ist, fand ich „Schneller als der Tod“ nicht witzig. Ich konnte, und dabei lache ich mich bei Carl Hiaasen oder Donald Westlake schlapp, nicht einmal lachen.

Dennis Johnsons „Keine Bewegung!“ ist dagegen ein Versuch in Noir.

Freizeitmusiker Jimmy Luntz ist vielleicht kein guter Musiker, aber er ist definitiv ein schlechter Schuldner. Nach einem Konzert möchte Ernest Gambol, dass Luntz endlich seine Schulden zurückzahlt. Als sie gemeinsam unterwegs sind, eskaliert die Situation und plötzlich liegt Gambol verletzt auf der Straße und Luntz ist auf der Flucht. Er trifft Anita Desilvera, die gerade bei ihrer Scheidung gnadenlos über den Tisch gezogen wurde und jetzt mittellos ist. Aber sie weiß, wo ihr Mann, der Bezirksstaatsanwalt, und ihr Geliebter, der Richter, dessen Sekretärin sie war, über zwei Millionen Dollar gebunkert haben. Die beiden tun sich zusammen.

Und dann ist da noch Gambol. Er kuriert seine Verletzung nicht aus, sondern verfolgt hasserfüllt Luntz.

Der mit dem National-Book-Award ausgezeichnete Denis Johnson schrieb „Keine Bewegung!“ als vierteilige Geschichte für den „Playboy“. Aber das entschuldigt nicht die chaotische Geschichte, bei der einem alle Charaktere herzlich unsympathisch und egal sind. Dazu kommt Johnsons eigenwilliger Stil. Er erzählt gerne, leicht achronologisch, die Ereignisse vor einem Vorfall, dann die Auswirkungen und erst anschließend, in einer halbherzigen Rückblende, manchmal erst Seiten später, was geschah. Da fragt man sich als Leser öfters, leicht verwirrt, warum jetzt jemand blutend auf dem Boden liegt oder an einem anderen Ort ist. So liest sich „Keine Bewegung!“ wie ein liebloser Verschnitt verschiedener nicht miteinander zusammenhängender Geschichten.

Da hätte ein echter Pulp-Autor mehr herausholen können.

Josh Bazell: Schneller als der Tod

(übersetzt von Malte Krutzsch)

Fischer Verlag, 2010

304 Seiten

18,95 Euro

Originalausgabe

Beat the Reaper

Little, Brown and Company, 2009

Dennis Johnson: Keine Bewegung!

(übersetzt von Bettina Abarbanell)

Rowohlt, 2010

208 Seiten

17,95 Euro

Originalausgabe

Nobody Move

Farrar, Straus and Giroux, 2009

Hinweise

Homepage zu „Beat the Reaper“

Focus interviewt Josh Bazell (11. März 2010)

Krimi-Forum interviewt Josh Bazell (März 2010)

Wikipedia über Dennis Johnson (deutsch, englisch)

Lesung

Am Dienstag, den 12. Oktober, besucht Josh Bazell Berlin. Die Lesung beginnt um 20.00 Uhr im Babylon-Kino (Rosa-Luxemburg-Straße 30; Nähe S/U-Bahnhof Alexanderplatz).

Keine Angst, ich werd sicher nochmal darauf hinweisen.


Joe Pitt sorgt wieder für Ärger

Juli 7, 2010

Was soll ich über das vierte Joe-Pitt-Buch sagen, das ich nicht schon so ähnlich bei den vorherigen Pitt-Krimis gesagt habe? Es ist gut und kann ohne die Kenntnis der vorherigen Bücher gelesen werden. Aber chronologisch macht es mehr Spaß.

Wem das zu kurz war:

Am Ende von „Das Blut von Brooklyn“ musste Privatdetektiv, Troubleshooter und Vampyr Joe Pitt (so eine Art Bastard-Sohn von Phil Marlowe und Mike Hammer) Manhattan verlassen.

Ein Jahr später schlägt er sich in der South Bronx mehr schlecht als recht durch. Näher kann er nicht zu seiner früheren, an AIDS erkrankten und inzwischen mit dem Vyrus infizierten Freundin Evie gelangen. Denn er darf sich nicht von seinen früheren Freunden, die den mächtigen Vampyrclans der Koalition oder der Society angehören und ihn immer noch töten wollen, erwischen lassen.

Eines Abends wird er von Verbündeten der Koalition geschnappt, gefoltert (er verliert dabei einen Zeh und ein Auge) und Predo, der Chef der Koalition (dem mächtigsten Vampyrclan Manhattans), bietet ihm, wenn er einen Auftrag erfüllt, eine Rückkehr nach Manhattan an. Die nicht-infizierte Millionenerbin Amanda Horde hat einen neuen Clan gegründet, der jeden aufnimmt. Außerdem sucht sie ein Heilmittel gegen das Vyrus. Sie gefährdet mit ihren Handlungen das Überleben der Vampyre, die seit Jahrhunderten alles tun, damit die Menschen nichts von ihrer Existenz erfahren.

Joe Pitt nimmt das Angebot, auch wenn er weiß, dass er den Auftrag wahrscheinlich nicht überleben wird, an. In Manhattan gerät Pitt schnell zwischen die Fronten der Clans und er versucht mit allen Mitteln seine eigene Haut zu retten. Dummerweise weiß er nie, wer ihn belügt. Aber auch seine Gegner wissen nicht, wann er sie belügt.

Das klingt jetzt – Vampyre, Koalition, Clans, Vyrus – ziemlich nach einem Mix aus Fantasy und Horrorroman. Dabei ist „Bis zum letzten Tropfen“, wie die vorherigen Joe-Pitt-Romane, vor allem ein Hardboiled-Privatdetektivkrimi in dem die Vampirclans nur eine andere Form von Verbrecherbanden (vulgo Mafia) sind und Joe Pitt als auf seine Autonomie bedachter Einzelgänger versucht, halbwegs ehrlich über die Runden zu kommen.

In „Bis zum letzten Tropfen“ erzählt Charlie Huston gewohnt pointiert, wie Joe Pitt in sein altes Jagdgebiet zurückkehrt, wieder keinem Ärger aus dem Weg geht, vielen davon selbst provoziert und er sich so wahrscheinlich alle Chancen auf ein Leben in Manhattan verbaut. Wie die Geschichte von Joe Pitt endet, erzählt Charlie Huston im fünften und letzten Joe-Pitt-Krimi „My dead body“, der nächstes Jahr bei Heyne erscheinen dürfte.

Charlie Huston: Bis zum letzten Tropfen

(übersetzt von Kristof Kurz)

Heyne, 2010

336 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

Every last drop

Ballantine Books, 2008

Hinweise

Pulp Noir: Homepage/Blog von Charlie Huston

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Killing Game“ (The Shotgun Rule, 2007)

Meine Besprechung von Charlie Hustons „Das Clean-Team“ (The mystic arts of erasing all signs of death, 2009)

Mein Interview mit Charlie Huston

Charlie Huston in der Kriminalakte


The Walking Dead: Die Geschichte der letzten Menschen

Juli 5, 2010

Dank George A. Romero wissen wir, was Zombies sind und wie sie am besten getötet werden. Ein Schuss in den Kopf. Alternativ kann auch der Kopf abgeschlagen werden.

Dank Robert Kirkman und seiner Comicserie „The Walking Dead“ entwickeln wir eine Vorstellung, wie es ist, in einer von Zombies bevölkerten Welt zu überleben. Denn, wie bei Romero, tauchen die Zombies plötzlich auf. Die Gründe dafür sind, ebenfalls wie bei Romero, unklar.

Kleinstadtpolizist Rick Grimes lag die entscheidenden Wochen im Koma. Als er aufwacht, ist die Welt fast menschenleer. Er fährt, in der Hoffnung seine Frau Lori und seinen siebenjährigen Sohn Carl zu finden, nach Atlanta. Fast zufällig findet er sie und eine kleine Gruppe Überlebender. Schnell wird Grimes zu ihrem Anführer.

Als die Lage für sie immer gefährlicher wird, beschließen sie, in der Hoffnung irgendwo andere Menschen zu finden, aufzubrechen.

In den folgenden Bänden der Eisner-nominierten Comicserie „The Walking Dead“ schildert Robert Kirkman, wie Rick Grimes und die von ihm angeführte Menschen versuchen zu überleben und eine neue Gesellschaft zu gründen. Dabei treffen sie – insofern ähnelt die Serie einem klassischen Western, in dem gezeigt wird, wie die Siedler von der Ost- zur Westküste reisen und mit vielen Gefahren (vor allem mörderische Rothäute und verbrecherische Bleichgesichter) zu kämpfen haben – auf viele Gefahren und verlieren auch einige Gefährten.

Über eine längere Zeit findet die von Grimes angeführte Gruppe in einem Gefängnis eine sichere Unterkunft. Denn die Zäune, die früher einen Ausbruch der Insassen verhindern sollten, verhindern jetzt einen Einbruch der Zombies.

Dass sie nicht ewig in diesem Heim bleiben können, wissen sie, nachdem sie sich mit Philip, dem selbsternannten und ziemlich durchgeknallten Gouverneur von Woodbury, anlegen. Gegen ihn ist Aunty Entity (Tina Turner im dritten Mad-Max-Film „Mad Max – Jenseits der Donnerkuppel“) ein Ausbund an Menschlichkeit.

Im Ende des neunten Bandes „Im finsteren Tal“ machen sich Grimes und seine Freunde zusammen mit Army-Sergeant Abe Ford (einem Geistesverwandten von Grimes, was natürlich für Konflikt zwischen ihnen sorgt), der von ihm angeführten Gruppe Überlebender und dem Wissenschaftler Eugene Porter, der behauptet ein Gegenmittel gegen die Zombie-Plage zu kennen, auf den Weg nach Washington, D. C.. Denn dort soll es, so Porter, die Möglichkeit zur Heilung geben.

Die Idee zu „The Walking Dead“ entstammt meiner Begeisterung für Zombiestreifen. Ich habe mir diese Filme damals reingezogen, als ob es kein Morgen gäbe, und ich wollte immer wissen, wie es eigentlich nach dem Ende des Films weitergeht. Also kam mir die Idee, einen Comic zu machen, der wie ein Zombiefilm sein würde – nur eben ohne jemals zu enden. Ich wollte die Zombie-Apokalypse erforschen, ohne mich dabei auf einen bestimmten Schluss festzulegen, und das bis zur letzten Konsequenz durchziehen. Daraus entstand dann „The Walking Dead“. Das war ungefähr im Oktober 2002.

Robert Kirkman

Obwohl immer wieder über mehrere Seiten Zombies getötet werden und es immer wieder zwischen den Menschen äußerst gewalttätig zugeht, ist die von Robert Kirkman erfundene und sehr erfolgreiche Serie „The Walking Dead“ kein primitives Gewaltepos. Im Zentrum steht nämlich die Frage, was den Menschen ausmacht und wie Menschen in extremen Situationen, wenn alle vorherigen Gewissheiten und zivilisatorischen Barrieren nicht mehr gelten, reagieren. So bringt Rick Grimes, der als Polizist ausgebildet wurde Menschen zu beschützen, immer wieder andere Menschen um oder verletzt sie schwer. Teils weil er es muss, teils weil er annimmt, dass sie das Überleben der von ihm angeführten Gruppe oder seiner Familie gefährden.

Die Afroamerikanerin Michonne war früher eine Anwältin mit Mann und Kindern. Jetzt ist sie eine eiskalte Killerin, die am liebsten Zombies mit einem Samurai-Schwert köpft.

Die Anwaltsgehilfin Andrea wird eine Scharfschützin, Einige der Gefängnisinsassen werden zu wichtigen Stützen der Gemeinschaft. Denn ihre alten Verfehlungen, soweit sie überhaupt bekannt sind, zählen heute nicht mehr.

Andere kommen mit der Situation nicht klar und versuchen sich umzubringen. Sie alle fragen sich immer wieder, wie sie mit den Zombies umgehen sollen. Denn einige der Zombies sind ihre Kinder, Frauen, Männer, Freunde – und wenn es ein Heilmittel gibt, könnten sie doch vielleicht wieder Menschen werden. Und sie fragen sich, ob sie noch geistig zurechnungsfähig sind in dieser unnormalen Situation in der sie ständig Dinge tun, die sie vorher für undenkbar gehalten haben.

Auch Philip, der sadistische Gouverneur von Woodsbury, ist eine zerrissene Gestalt. Er wohnt mit seiner kleinen Tochter, die ein Zombie ist, zusammen, sieht jeden Tag, dass sein Kind kein Mensch mehr ist und dennoch versucht er, obwohl er sie wie ein gefährliches Haustier hält, für sie ein Vater zu sein. Ein schlimmeres Bild für den moralischen Verfall gibt es wahrscheinlich in keinem der bis jetzt erschienenen zehn Bände.

Gleichzeitig zeigt Kirkman, wie die Überlebenden versuchen, eine neue Gesellschaft aufzubauen, obwohl es immer mehr Zombies gibt, sie selbst immer weniger werden und sie sich manchmal der schlimmste Feind sind. Ein Ende von „The Walking Dead“ ist, auch weil die Verkaufszahlen stimmen, nicht abzusehen.

Die deutschen Ausgaben sind, wie bei Cross Cult gewohnt, vorbildlich. Jeder Band hat Bonusmaterial. Zum Standard gehört die „Zombie-Guide“, in der über Zombie-Filme, -Comics und -Bücher, den Zombie-Paten George A. Romero, die Ursprünge des Zombie-Mythoses und die Zombie-Walks geschrieben wird. Es gibt auch Vor- und Nachworte, Interviews mit Autor Robert Kirkman (Band 1 und Band 10), Zeichner Tony Moore (Band 1), Zeichner Charlie Adlard, der nach dem sechsten Heft die Serie von Moore übernahm (Band 5), eine ausführliche Charakter-Guide (Band 10, die für Neueinsteiger viele Spoiler enthält) und den im Image Holiday Special 2005 veröffentlichten sechsseitigen Comic „Eine Weihnachtsgeschichte“ (Band 10).

In den USA startet im Oktober bei AMC eine vorerst sechsteilige Verfilmung von „The Walking Dead“. Frank Darabont (Die Verurteilten, The Green Mile) ist verantwortlich für die Serie. Er schrieb auch das Buch für die erste Folge und inszenierte sie. Es spielen unter anderem Andrew Lincoln (Rick Grimes), Sarah Wayne Callies (Lori Grimes, bekannt aus „Prison Break“), Jon Bernthal (Shane Walsh), Laurie Holden (Andrea, unter anderem „The Shield“, „X-Files“), Jeffrey DeMunn (Dale), Steven Yeun (Glenn) mit und die ersten Bilder sehen verdammt gut aus. Das könnte nach „Dexter“, „Californication“ und „Breaking Bad“ eine weitere TV-Serie werden, die auch vor einer satten Portion Sex, Gewalt und Amoralität nicht zurückschreckt. Denn eine Zombie-TV-Serie sollte nicht viel harmloser als ein zünftiger Zombie-Film oder die Vorlage sein.

Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburn: The Walking Dead – Dämonen (Band 10)

(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)

Cross Cult, 2010

168 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

The Walking Dead – Vol. 10: What we become

Image, 2009

(enthält Issue 55 – 60)

Die bisherigen Bände

The Walking Dead: Gute alte Zeit (Band 1)

The Walking Dead – Vol. 1: Days gone bye

(enthält Issue 1 – 6)

The Walking Dead: Ein langer Weg (Band 2)

The Walking Dead – Vol. 2: Miles behind us

(enthält Issue 7 – 12)


The Walking Dead: Die Zuflucht (Band 3)

The Walking Dead – Vol. 3: Safety behind bars

(enthält Issue 13 – 18)

The Walking Dead: Was das Herz begehrt (Band 4)

The Walking Dead – Vol. 4: The hearts desire

(enthält Issue 19 – 24)


The Walking Dead: Die beste Verteidigung (Band 5)

The Walking Dead – Vol. 5: The best defense

(enthält Issue 25 – 30)

The Walking Dead: Dieses sorgenvolle Leben (Band 6)

The Walking Dead – Vol. 6: This sorrowful life

(enthält Issue 31 – 36)


The Walking Dead: Vor dem Sturm (Band 7)

The Walking Dead – Vol. 7: The calm before

(enthält Issue 37 – 42)

The Walking Dead: Auge um Auge (Band 8)

The Walking Dead – Vol. 8: Made to suffer

(enthält Issue 43 – 48)


The Walking Dead:Im finsteren Tal (Band 9)

The Walking Dead – Vol. 9: Here we remain

(enthält Issue 49 – 54)

The Walking Dead: Dämonen (Band 10)

The Walking Dead – Vol. 10: What we become

(enthält Issue 55 – 60)

Hinweise

Offizielle „The Walking Dead“-Seite

Wikipedia über „The Walking Dead“ (deutsch, englisch)

AMC-Blog zu „The Walking Dead“ (derzeit: Berichte und Bilder von den Dreharbeiten)

The Walking Dead“-Fanseite

The Walking Dead“-Wiki