TV-Tipp für den 11. September: Mogadischu

September 10, 2009

SWR, 20.15

Mogadischu (D 2008, R.: Roland Suso Richter)

Drehbuch: Maurice Philip Remy

Buch zum Film: Timo Kortner: Mogadischu – Das Entführungsdrama der Landshut, 2008

Nach Heinrich Breloers hochgelobtem Zweiteiler „Todesspiel“ (auch schon über zehn Jahre alt) über den Deutschen Herbst 1977, diversen Dokumentationen (zum Beispiel letztes Jahr ein Zweiteiler) über die RAF, dem noch im Kino laufendem „Baader Meinhof Komplex“ mutet „Mogadischu“ etwas akademisch an. Denn die Fakten sind bekannt. Am 13. Oktober 1977 entführt ein palästinensisches Kommando die Lufthansa-Maschine Landshut. Nach einem mehrtägigen Irrflug landet das Flugzeug in Mogadischu und die GSG 9 beendet die Geiselnahme.

Neue Erkenntnisse, wie die Beteiligung des KGB an der Entführung und was Lufthansa-Pilot Jürgen Schumann machte, als er nach einer Notlandung in Aden zwanzig Minuten verschwand, ändern nichts an dem großen Bild.

Aber Autor Remy und Regisseur Richter verarbeiteten diese Geschichte jetzt zu einem die damaligen Ereignisse konzentriert nacherzählendem TV-Spielfilm, der auch im Kino überzeugt hätte. Einziger Kritikpunkt ist die derzeit angesagte Wackelkamera

Es ist ein ernsthafter Versuch der Annäherung (an die Wahrheit, A. d. V.). Wir bemühen uns, mit Verantwortung an ein Thema heranzugehen. Die Menschen, die das erlebt haben, sollen nicht davor sitzen und sagen: Was machen die denn da? Was erzählen die da?“ (Remy in der FAZ)

Das gleichnamige „Begleitbuch zum Film ‚Mogadischu’“ von Timo Kortner nimmt eine seltsame Zwischenstellung zwischen einem traditionellem Buch zum Film, also einer höchstens sparsam erweiterten Romanfassung des Drehbuchs, und einem Sachbuch über die Entführung ein. Denn Kortner führt relativ ausführlich in das gesellschaftliche Klima während der Schleyer-Entführung ein und er fügt immer wieder erklärende Passagen ein. Dabei gibt es im Buch und im Film eine Verschiebung der Perspektive von den Tätern zu den Opfern. Der Tatsachenroman „Mogadischu“ erzählt von Menschen in einer Ausnahmesituation und wie sie versuchen, diese zu überleben. Die Entführer bleiben dagegen, bis auf den durchgeknallten Captain Martyr Mahmud, blass. Und die Ideologie der Terroristen wird höchstens in einem Nebensatz gestreift; – was sie als Bösewichter noch bedrohlicher macht.

Kortners „Mogadischu“ ist ein packendes Drama, das auch eine gehörige Portion historisches Wissen vermittelt. Ein feines Buch.

Mit Nadja Uhl, Thomas Kretschmann, Christian Berkel, Said Tagmaqoui, Herbert Knaup, Simon Verhoeven, Jürgen Tarrach

Hinweise

ARD zum Film

FAZ: Interview mit Maurice Philip Remy über “Mogadischu” (24. November 2008)

FAZ (Michael Hahnfeld), Die Welt (Eckhard Fuhr), Spiegel Online (Christian Buß), Süddeutsche Zeitung (Christopher Keil), taz (René Martens), Die Zeit (Margit Gerste) über den Film „Mogadischu“

Kortner - Mogadischu

Das Buch zum Film

Timo Kortner: Mogadischu – Das Entführungsdrama der ‚Landshut’

Knaur, 2008

272 Seiten

9,95 Euro


Kurzkritik: Jack Ketchum „Beutegier“

September 7, 2009

Ketchum - Beutegier

Beutegier“ in drei wenigen Sätzen:

Beutegier“ ist die Fortsetzung von „Beutezeit“. Die Kannibalen sind zurück. Sie bringen in einem einsamen Landhaus in einer Mainacht in Maine mehrere Menschen um und verschleppen einige weitere. Sheriff George Peters, inzwischen pensioniert und passionierter Trinker, wird um Hilfe gebeten. Die Kannibalen werden wieder zu ihrer am Meer gelegene Höhle verfolgt.

Beutegier“ ist ein Remake von „Beutezeit“, bei dem die erfolgreichen Elemente des ersten Buches beibehalten wurden. Denn die Unterschiede sind gering. In „Beutegier“ erfahren wir mehr über die Kannibalen und wie sie zusammenleben. Einer der von den Kannibalen bedrohten Menschen ist ein soziopathischer Mörder. Das führt zu der durchaus interessanten Frage, wer schlimmer ist: die Kannibalen oder der Psychopath. Davon abgesehen ist das Blutzoll in der Frühlingsnacht, wie schon in Ketchums Debütroman „Beutezeit“, sehr hoch.

Aber im Gegensatz zu „Beutezeit“ tauchen in „Beutegier“ verdächtig viele Menschen, die nach menschlichem Ermessen tot sind, einige Seiten später wieder auf und beteiligen sich, wenn auch schwer verwundet, weiter an der Kannibalenjagd.

Also: spannend, blutig und schnell gelesen.

Aber insgesamt zu wenig neues aus der Welt der Kannibalen um vollkommen zu überzeugen.


Sunfilm will die gleichnamige Verfilmung Anfang 2010 auf DVD veröffentlichen. Und wenn der Film das Versprechen des aktuellen Trailers erfüllt, wäre das die vierte Ketchum-Verfilmung (von vier), mit der Ketchum sehr zufrieden sein kann.

Jack Ketchum: Beutegier

(übersetzt von Joannis Stefanidis)

Heyne, 2009

288 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

Offspring

Overlook Connection Press, 1991

Verfilmung

Offspring (USA 2009)

Regie: Andrew van den Houten

Drehbuch: Jack Ketchum

mit Jessica Butler, Leigh Feldpausch, Stephen Grey, Amy Hargreaves, Art Hindle, Erick Kastel, Spencer List, Pollyanna McIntosh, Scott Mellema, Emma Elizabeth Messing, Andrew Elvis Miller, Will Miller, Preston Mulligan, Ed Nelson, Tommy Nelson, Taylor John Piedmonte, Ahna Tessler, Jana Veldheer, Rachel White

Hinweise

Homepage von Jack Ketchum

Homepage zur Verfilmung

Meine Besprechung von „Red“ (DVD)

Meine Besprechung von „Jack Ketchum’s The Lost“ (DVD)

Kriminalakte: Interview mit Jack Ketchum

Meine Besprechung von Jack Ketchums “Amokjagd” (Joyride, 1995)

Meine Besprechung von Jack Ketchums “Blutrot” (Red, 1995)


Der kriminelle Buchherbst – Teil 7: Random Murders, Part 1

September 2, 2009

Blanvalet

Oktober

Jeffery Deaver: Ein einfacher Mord (im Aktionspreis; Deaver veröffentlichte den Krimi ursprünglich als William Jefferies)

November

Steve Berry: Der Pandora-Effekt (Mystery-Thriller: Ex-Agent Cotton Malone sucht, um eine Gegenmittel gegen B-Waffen zu finden, das Grab von Alexander.)

Sandra Brown: Eisnacht (Taschenbuch-Ausgabe)

Jordan Dane: Assassin (Christian Delacorte soll auf Wunsch einer Mörderin seinen Vater, einen in Brasilien entführen Unterweltboss, befreien.)

Michael McBride: Reiter der Apokalypse (Auftakt einer Mystery-Trilogie)

Stephan M. Rother: Die letzte Offenbarung (Mystery-Thriller: Restaurator Amadeo Fanelli legt sich wegen den geheimen Aufzeichnungen des Apostels Johannes mit dem Vatikan an.)

Patrick Woodrow: Kalter Sog (Taschenbuch-Ausgabe. „Als hätte Clive Cussler das Drehbuch zu einem Alfred-Hitchcock-Film geschrieben.“ verspricht der Verlag)

Dezember

Dale Brown: Überschall (High-Tech-Thriller)

Robin Cook: Schock (Taschenbuch-Ausgabe eines Medizin-Thrillers)

Jeffery Deaver: Die Menschenleserin (Taschenbuch-Ausgabe)

Rob Grant/Doug Naylor: Roter Zwerg (ist SF, aber die Abteilung „Per Anhalter durch die Galaxis“ und basiert auf der BBC-Sitcom „Red Dwarf“)

Lucretia Grindle: Namenstag (Taschenbuch-Ausgabe eines in Florenz spielenden Psychothrillers)

Helena Reich: Engelsfall (Kommissar David Andel ermittelt in Prag)

Januar

Cindy Gerard: Wer den Tod begrüßt/Wer das Feuer sucht (Doppelband der unterhaltsamen Thriller mit der in Florida residierenden Bodguard-Agentur E. D. E. N..)

Laura Griffin: Der sanfte Kuss des Todes (Eine Phantomzeichnerin der Polizei muss gegen einen Serienkiller kämpfen.)

Martin Langfield: Maleficus (Mystery-Thriller: dieses Mal ist es Sir Isaac Newtons Formel für das Geheime Feuer, die eine Katastrophe verhindern kann.)

Chloe Palov: Die Saat des Feuers (Mystery-Thriller: Fundamentalistische Christen und Juden wollen, mit Hilfe der Bundeslade, die Ungläubigen aus dem Heiligen Land vertreiben. Nur zwei Menschen können sie aufhalten.)

Karin Slaughter: Verstummt (Taschenbuch-Ausgabe)

Vanda Symon: Der ungeschminkte Tod (Neuseeland-Thriller: Als die junge Polizistin Sam Shepard eine Zirkus überprüft, stößt sie auf die Spur zu einem Serienkiller. Der New Zealand Listener meint „Spannende Unterhaltung“.)

Februar

Clive Cussler/Dirk Cussler: Der Fluch des Khan (Taschenbuch-Ausgabe eines Dirk-Pitt-Thrillers)

Patrick Graham: Die Brut des Bösen (Eine FBI-Profilerin sucht ein elfjähriges Mädchen, das die letzte Hoffnung für die Menschheit gegen ein Virus ist.)

Colin Greenland: Sternendieb (Auftakt einer SF-Trilogie, die mit dem Arthur-C.-Clarke-Award und dem BSFA-Award ausgezeichnet wurde)

Mike Lawson: Hardliner (ist der dritte Thriller mit Joe DeMarco. Dieses Mal muss er einen Senator stoppen, der muslimische Attentate für seine Zwecke ausnutzen will.)

J. D. Robb: Das Herz des Mörders (Lieutenant Eve Dallas jagt einen Mörder, der Serienkiller kopiert.)

März

Katherine Howell: Ein grausames Versprechen (ein in Sydney spielender Lady-Thriller über einen Serienkiller, der eine Sanitäterin und eine Polizistin in Lebensgefahr bringt)

Tara Moss: Fetisch-Mörder/Freiwild (ein Doppelband mit einem Model als Ermittlerin)

James Rollins: Der Judas-Code (Taschenbuch-Ausgabe eines Sigma-Force-Thirllers)

Lisa Scott: Fatal (Ist der Adoptivsohn von Journalistin Ellen Gleeson vor der Adoption entführt worden? Oder hat er einen vermissten Zwillingsbruder? Gleeson recherchiert.)

April

Clive Cussler/Jack Du Brul: Seuchenschiff (Auf einem Kreuzfahrschiff entdeckt die Crew der „Oregon“ hunderte von Leichen. Sie wollen herausfinden, warum die Menschen sterben mussten und stoßen auf eine Verschwörung.)

Linda Fairstein: Tödliches Vermächtnis (Ein neuer Fall für Alex Cooper.)

Phillip Gwynne: Vor dem Regen (Der Krimi aus Australien ist das Krimidebüt eines preisgekrönten Jugendbuchautors.)

Iris Johansen: Riskante Träume (Daniel will die von Terroristen entführte Zilah befreien. Auf ihrer anschließenden Flucht kommen sie sich näher.)

James Patterson: Die 6. Geisel (Taschenbuch-Ausgabe des sechsten Auftritts von Lieutenant Lindsay Boxer und dem Women’s Murder Club)

Hinweis

Der kriminelle Buchherbst – Teil 1: Ein Halleluja für Hollywood (Alexander Verlag, Belleville, Bertz + Fischer, Henschel)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 2: Zurück in die Provinz (Emons, Gmeiner)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 3: Regionale Küche, teils mit ausländischem Einschlag (Edition Nautilus, Grafit, Pendragon)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 4: Gemischte Küche, hauptsächlich aus fremden Gefilden (Edition Phantasia, Liebeskind, Rotbuch, Tropen, Unionsverlag)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 5: Nochmal gemischte Küche (Fischer Verlag)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 6: Hauptsächlich regional, aber mit südamerikanischem Einschlag (Edition Köln, Matthes & Seitz, Verbrecher Verlag)


Mörderischer Ruhrpott – die True Crime Edition

August 26, 2009

Bohn - Ein Mord genügt

Weil das Buch schon etwas länger gelesen bei mir herumliegt und ich die für eine geplante Sammelbesprechung anderen Bücher immer noch nicht gelesen habe (Warum hat ein Tag nur 24 Stunden? Warum muss ich schlafen?), gibt es heute eine Kurzkritik von Nicolette Bohns „Ein Mord genügt“. Neben „Die Macht des Bösen – Wahre Kriminalfälle aus Österreich“ von Helga Schimmer war das im Frühjahr der Auftakt der neuen Reihe „emons: True Crime“ .

Bohn schildert in „Ein Mord genügt“ neun wahre Kriminalfälle aus dem Ruhrgebiet aus den Sechzigern und Siebzigern. Es sind eher kleine, alltägliche Fälle, die allerdings alle etwas über die damaligen moralischen Standards erzählen. Bei der Schilderung der Fälle steht meist der Weg zur Tat im Mittelpunkt. Sie versucht zu beantworten, wie ein Mensch zum Mörder wird. Und warum ein anderer Mensch das Opfer ist. Insofern orientiert sie sich an dem Forschungsprogramm der Viktimologie. Die Ermittlungen der Polizei interessieren sie dagegen weniger.

Schade ist allerdings, dass ihre Schilderungen normalerweise beim Urteilsspruch aufhören und sich wie eine Zusammenfassung der, von ihr auch zitierten, Gerichtsakten und einschlägiger Zeitungsartikel lesen. Denn gerade weil zwischen den Taten und der Veröffentlichung von „Ein Mord genügt“ so viel Zeit vergangen ist, wäre es interessant zu wissen, was die damals Beteiligten heute denken. Wie sie die Ereignisse verarbeitet haben und wie sie heute leben.

Ebenfalls schade ist, dass Bohn ihre Auswahl der Fälle nicht genauer begründet. Ich vermute, dass sie die Mordfälle danach ausgewählt hat, wie sehr sie gerade aufgrund der damaligen moralische Standards, wie dem Verschweigen von Homosexualität, Gewalt in der Familie und Borniertheit, geschehen konnten. Hier hätte die Chance bestanden, die Fälle viel stärker zu einem Sittengemälde des Ruhrgebiets in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auszubauen. So bleiben sie nur eine Sammlung von neun, etwas willkürlich zusammengestellten Kriminalfällen, die ohne große Änderungen auch vor dreißig Jahren hätte erscheinen können.

Also: kein Pflichtkauf, aber auch keine Zeitverschwendung und ein okayer Auftakt einer neuen Reihe.

Nicolette Bohn: Ein Mord genügt – Neun wahre Kriminalfälle aus den 60er und 70er Jahren

Emons, 2009

192 Seiten

9,90 Euro


Inglourious Basterds: Seeßlen, Tarantino und die Nazis

August 23, 2009

Seesslen - Quentin Tarantino gegen die Nazis

Die Hunderttausend-Euro-Frage ist: Soll ich zuerst Quentin Tarantinos neuen Film „Inglourious Basterds“ ansehen oder Georg Seeßlens Buch über den Film lesen? Denn auf sechzig Seiten erzählt der Filmhistoriker und Kritiker die Handlung, ergänzt um die wenigen Szenen, die im Drehbuch standen, es aber nicht in die Kinoversion geschafft haben, haarklein nach. Da gibt’s dann im Kino keine Überraschung mehr. Aber dafür kann jedes Bild, jeder Ton, jeder Name, jeder Fetzen Dialog (und davon gibt es hier mehr als Tarantino-üblich) in die Filmgeschichte einsortiert werden. Denn erstens ist Quentin Tarantino ein Filmfanatiker, der ebenso schamlos wie gekonnt seine Vorbilder zitiert, und zweitens ist Georg Seeßlen mindestens ein genauso großer Filmfanatiker, der ebenso schamlos sein Wissen ausbreitet und jede Anspielung erklärt. Manchmal tut er dabei des Guten zuviel. Wenn Seeßlen ausführt, dass der Name des Ortes Nadine wahrscheinlich nicht von Christoph Martin Wielands Erzählung, sondern von Robert Bentons eher unbekanntem Film inspiriert sei, ist fraglich, ob Tarantino überhaupt an eines der Werke dachte oder nur einen eingängigen Namen gesucht hat. Bei der in Nadine spielenden Kneipenszene, in der deutsche Soldaten, einige Basterds und ein deutscher Filmstar ein Ratespiel spielen, kann Seeßlen richtig loslegen und ein gutes Dutzend Namensreferenzen erklären. Filmische Anspielungen, deren zahlreichen Umkehrungen und Variationen innerhalb des Films erklärt er sowieso auf den 170 engbedruckten Buchseiten.

Seeßlen ordnet Tarantinos Film auch in die Geschichte des während der Nazidiktatur spielenden Kriegsfilms ein. Dabei sei für „Inglourious Basterds“ vor allem die Variante des „Dirty War Movies“, wie „Das dreckige Dutzend“, und dessen italienische Spielart wichtig. Immerhin ist Tarantinos Film ein Remake von Enzo G. Castellaris „The Inglorious Bastards“ und Tarantino ist seit Jahrzehnten ein Fan von dem Werk. Bei Seeßlen sind die „Dirty War Movies“ vor allem durch eine unklare Grenze zwischen Gut und Böse und der damit verbundenen Abwesenheit von eindeutigen Vorbildern gekennzeichnet. Bei den italienischen Kriegsfilmen (vulgo Italo-Trash) kommt dann noch eine deutliche Verwandtschaft zum Italo-Western (eigentlich wurden die gleichen Drehbücher mal als Western, mal als Kriegsfilm verfilmt) hinzu. Der gemeinsame Nenner all dieser in einem moralischen Niemandsland spielenden Filme ist die zynische Weltsicht. Auch in „Inglourious Basterds“ sind alle Protagonisten, ohne zu zögern, bereit für ihre Ziele Gewalt anzuwenden und zu morden.

Vor allem das erste Kapitel (Tarantino hat „Inglourious Basterds“ wie üblich in einzelne Kapitel aufgeteilt) ist ohne die Breitwand-Italo-Western von Sergio Leone nicht denkbar. In ihm taucht der Judenjäger Hans Landa auf einem einsamen Bauernhof auf. Er glaubt, dass dort Juden versteckt sind. In einem langen, unglaublich spannenden Gespräch findet er heraus, wo sie versteckt sind und er lässt sie töten. Nur Shosanna kann entkommen.

In seinem deutlich von Leone inspiriertem Ensemblefilm erzählt Tarantino mehrere Geschichten, die in einem Kino in Paris explosiv zusammenstoßen. Das sind die Basterds. Eine von Lt. Aldo Raine geführte Gruppe Juden, die in Frankreich Nazis skalpieren. Das ist die Jüdin Shosanna Dreyfus, die in Paris untergetaucht ist, ein Kino betreibt und jetzt, auf Wunsch des in sie verliebten Kriegshelden Fredrick Zoller, in einer großen Premiere mit Nazi-Prominenz einen wichtigen Kriegsfilm zeigen soll. Und natürlich ist es die Geschichte des gnadenlosen Judenjägers Col. Hans Landa, der bei der Premiere die Sicherheit garantieren soll. Dazu kommt noch, quasi als Subplot die Geschichte des Filmstars Bridget von Hammersmark, die als Agentin für die Briten arbeitet.

Inglourious Basterds“, führt Seeßlen aus, „ist eine Rachephantasie, die sich um die historische Realität nicht kümmert, weil für Tarantino sowieso schon immer das Kino die bessere Wirklichkeit war. Diese Unverschämtheit, die Geschichte einfach zu ignorieren, hat bislang noch kein Film gehabt. Das Kino rächt sich nicht nur an jenen Personen, die, bevor sie selber sterben mussten, der Welt viel Unheil und Tod brachten. Das Kino rächt sich an der ungerechten Wirklichkeit selber.

Dass dies einer der wenigen Filme ist, die nicht gleichsam die Geschichte des deutschen Faschismus weitererzählen, die nicht auf den Nazi-Todeskitsch hereinfallen, die sich rüpelhaft und mühelos über die Schwere des Mythos hinwegsetzen, liegt nicht zuletzt an seiner Erzählweise. ‚Inglourious Basterds‘ ist keine Heldenreise und kein Erziehungsroman.“

Sein Buch „Quentin Tarantino gegen die Nazis“ funktioniert prächtig als schnell geschriebenes Kompendium zum Film und als Interpretationshilfe. Sicher hätte man einiges straffen und gerade das letzte Kapitel „Mr. Tarantinos Kriegserklärung“ stringenter auf einen Punkt hin formulieren können. Aber dafür liefert Seeßlen in der ersten, umfassenden Einschätzung und Einordnung von Tarantinos neuestem Film ein Übermaß an Informationen und inspirierenden Gedanken.

Wer also zuerst Tarantinos Film gesehen hat, wird nach der Lektüre von Seeßlens Buch wieder ins Kino gehen wollen. Allein schon, um die vielen in „Quentin Tarantino gegen die Nazis“ erwähnten Bezüge und Querverweise zu überprüfen.

Wenn möglich sollte spätestens dann die Originalfassung mit dem bunten (natürlich untertitelten) Sprachgemisch aus Deutsch, Englisch, Französisch und etwas Italienisch genossen werden. Denn nur dann kann der sehr unterhaltsame, episodische 150-minütige Mix aus Italo-Western und Nazi-Kriegsfilmen, garniert mit unzähligen filmischen Anspielungen, guten Mono- und Dialogen und einem grandiosen Ensemble, seine volle Wirkung entfalten.

Georg Seeßlen: Quentin Tarantino gegen die Nazis – Alles über „Inglourious Basterds“

(Kleine Schriften zum Film: 1)

Bertz + Fischer, 2009

176 Seiten

9,90 Euro

Der Film

Inglourious Basterds (Inglourious Basterds, USA/D 2009)

Regie: Quentin Tarantino

(Regie „Nation’s Pride“: Eli Roth)

Drehbuch: Quentin Tarantino

(deutsche Dialoge: Tom Tykwer; französische Dialoge: Nicholas Richard)

mit Brad Pitt, Mélanie Laurent, Eli Roth, Christoph Waltz, Michael Fassbender, Diane Kruger, Daniel Brühl, Til Schweiger, Gedeon Burkhard, Jacky Ido, B. J. Novak, Omar Doom, August Diehl, Sylvester Groth, Martin Wuttke, Mike Myers, Julie Dreyfus, Mike Myers, Rod Taylor, Sönke Möhring, Ken Duken, Christian Berkel, Ludger Pistor, Jana Pallaske, Bo Svenson, Enzo G. Castellari (als er selbst), Samuel L. Jackson (Erzähler in der Originalversion)

Ein älterer Trailer mit der Rede von Lt. Aldo Raine (war glaube ich der erste Trailer)


Ein neuer Trailer, der viel vom Ende verrät (und einen anderen Film verspricht)


Und nun die Rede von Lt. Raine im Original

Oder so?

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Inglourious Basterds“

Collider: Interviews zum Film mit Christoph Waltz, Eli Roth, Samm Levine, B. J. Novak, Diane Kruger und Melanie Laurent

YouTube: Cannes-Pressekonferenz „Inglourious Basterds“ (Teil 1, Teil 2)

The Quentin Tarantino Archives (Fanseite)

Everthing Tarantino (dito)

Q-Tarantino.de (noch eine Fanseite)


Dr. Siris zweites Abenteuer

August 20, 2009

Cotterill - Dr Siri sieht Gespenster

Mitte Juli erhielt Colin Cotterill den Dagger in the Library. „Dr. Siri und seine Toten“ war für den Barry und Dagger Award nominiert. „Dr. Siri sieht Gespenster“ erhielt den Dily Award. 2008 erschien Cotterills erster Dr.-Siri-Roman „Dr. Siri und seine Toten“ bei uns, wurde breit abgefeiert und war auch zweimal auf der KrimiWelt-Bestenliste.

Also muss Cotterill irgendetwas richtig machen. Allerdings ist sein zweiter auf Deutsch erschienener Roman „Dr. Siri sieht Gespenster“ absolut kein Buch für mich. Durch das erste Drittel habe ich mich gequält. Danach wurde es als humoristische Nummernrevue aus einem anderen Land und einer inzwischen doch sehr fernen Zeit, okay. Aber wirkliche genossen habe ich „Dr. Siri sieht Gespenster“ nicht.

Das lag nicht an dem Ort und der Zeit der Handlung: Laos in den späten Siebzigern, nachdem die Kommunisten den König verjagt haben, alles kontrollieren und vieles nicht funktioniert. Denn auch wenn ich kein großer Freund von historischen Kriminalromanen bin, sind die Siebziger noch nicht so lange Vergangenheit, um das Label „historischer Kriminalroman“ draufzukleben. Außerdem zeichnet Colin Cotterill in erster Linie ein pittoreskes Bild einer exotischen Gegend, in der weltliche Machthaber (egal ob Könige oder Kommunisten; die Kapitalisten waren da gerade nicht in Laos) nur im Einklang mit der übernatürlichen Welt leben können.

Das lag auch nicht an der Verbindung von realer und Geisterwelt. Ich bin zwar kein Fantasy-Fan, aber gegen eine gute Gruselgeschichte habe ich wenig einzuwenden. Gleiches gilt für die Geschichte von Charlie Huston, Jim Butcher oder Malcolm Pryce. Auch die in James Lee Burkes Romanen auftauchenden Geister kann ich akzeptieren.

Das lag auch nicht an Cotterills Desinteresse an dem Krimiplot. Immerhin gibt es neben der Kriminalliteratur auch eine andere Literatur. Dennoch werden Cotterills „Dr. Siri“-Romane in der Krimiabteilung einsortiert. Immerhin muss sich Cotterills Held mit einigen seltsamen Todesfällen herumschlagen.

Der 72-jährige Dr. Siri Paibouns ist nicht nur der einzige Gerichtsmediziner von Laos, sondern auch der menschliche Körper eines noch viel älteren Geistes. Seitdem Siri das weiß, hat er exzellente Beziehungen zur Geisterwelt, die in Laos immer wieder in die andere, die reale Welt eingreift. So ist auch anfangs unklar, ob der Tod von zwei Fahrradfahrern, die an einem Brunnen vor einem Ministerium gefunden wurden, von einem Menschen oder einer im Ministerium stehenden Truhe mit bösem Karma verursacht wurde. Dr. Siri glaubt an letzteres.

Gleichzeitig frisst sich ein aus seinem Käfig ausgebrochener Bär, dessen Bissspuren nicht nach denen eines Bären aussehen, durch die Straßen der Hauptstadt. Und in einer abgelegenen Provinz soll Dr. Siri die Herkunft von zwei abgeschossenen und verbrannten Hubschrauberpiloten klären. Dort trifft er den geschassten König und – eine der witzigsten Szenen des Buches – erlebt eine Parteiversammlung, die zu einer Geisterbeschwörung wird.

Die Morde werden am Ende mehr oder weniger nebenbei aufgeklärt. Im Zweifelsfall waren es irgendwie Taten der Geister gegen die Lebenden. Dabei werden Fragen nach der geschichtsinternen Logik und Wahrscheinlichkeit von Cotterill ziemlich umfassend ignoriert.

Es lag daher vielleicht an falschen Erwartungen. Denn es dauerte gut hundert Seiten bis ich akzeptierte, dass in „Dr. Siri sieht Gespenster“ nicht mit irgendwie herkömmlichen Ermittlungen gerechnet werden kann. Eher schon mit dem Vermeiden von Ermittlungen und einem betonten Desinteresse an auch nur halbwegs herkömmlichen Ermittlungen (verstanden als Handlungen die dazu geeignet sind, das Ziel [aka die Auflösung des Falles] zu erreichen).

Allerdings kann ich gut mit den Werken von Ken Bruen und James Sallis leben, die die Genrekonventionen bis zum Gehtnichtmehr (und teilweise darüber hinaus) dehnen. Denn deren Tonfall gefällt mir und sie porträtieren einen Charakter und eine Welt, die ich nachempfinden kann.

Bei „Dr. Siri sieht Gespenster“ ließen mich die Charaktere kalt und Laos wirkte auf mich wie ein tropisches Disneyland, in dem sich auch in einer Diktatur mit etwas Mutterwitz (irgendwie musste ich immer an alte Heinz-Rühmann- und Heinz-Erhardt-Filme denken) noch jedes Problem lösen lässt.

Es lag auch an der Sprache. Jedenfalls in der Übersetzung.

Colin Cotterill: Dr. Siri sieht Gespenster

(übersetzt von Thomas Mohr)

Manhattan, 2009

320 Seiten

17,95 Euro

Originaltitel

Thirty-Three Teeth

Soho Press, New York 2005

Dr. Siri Paibouns Fälle

Dr. Siri und seine Toten (The Coroner’s Lunch, 2004)

Dr. Siri sieht Gespenster (Thirty-Three Teeth, 2005)

Disco for the Departed (2006)

Anarchy and Old Dogs (2007)

Curse of the Pogo Stick (2008)

The Merry Misogynist (2009)

Hinweise

Homepage von Colin Cotterill

International Crime Authors Reality Check (Kollektiv-Blog von Colin Cotterill und anderen)


Der kriminelle Buchherbst – Teil 6: Hauptsächlich regional, aber mit südamerikanischem Einschlag

August 19, 2009

Edition Köln

September

Peter Faecke: Der Kardinal, ganz in Rot und frisch gebügelt (Kommissar Kleefisch muss sich mit den Morden an einer jungen Türkin und einer Marokkanerin herumschlagen. In Köln brodelt es mächtig zwischen den Kulturen.)

H. B. Lüttke: Ich liebe dich, Du tötest mich (Ein Lehrer verknallt sich in eine kurdische Schülerin. In einem Krimi kann das nur in Mord und Totschlag enden.)

Oktober

Adolf Streckfuß: Der tolle Hans (Criminalbibliothek 1850 – 1933 – Band IV, ein Krimi aus dem Jahr 1871 über einen Raubmord und die Beweisführung anhand von Indizien)

Ernst von Wildenbruch: Das wandernde Licht (Criminalbibliothek 1850 – 1933 – Band V, psychologisch fundierte Kriminalliteratur aus dem Jahr 1893 verspricht der Verlag)

November

Barolomé Leal: Tod in La Paz (Ein Antiquar und Privatdetektiv soll den Mord eines von Drogenhändlern Ermordeten aufklären.)

Dezember

Barbara Keller: „Sieht so eine Mörderin aus?“ (die BerlinKriminell-Macherin schreibt über ihre Begegnungen mit Frauen vor dem Kriminalgericht Berlin-Moabit. Es ist der Start der neuen Reihe „Wahre Kriminalgeschichten“.)

Bereits erhältlich

Die von Frank Göhre herausgegebene „Kriminelle Sittengeschichte Deutschlands“ (eine zehnbändige Geschichte des deutschen Krimis und des Landes von 1957 bis 1993) gibt’s jetzt im 10er-Pack für 48 Euro beim Verlag:

Egon Eis: Duell im Dunkel (1957)

Hansjörg Martin: Kein Schnaps für Tamara (1966)

Friedhelm Werremeier: Taxi nach Leipzig (1970)

-ky: Einer von uns beiden (1972)

Michael Molsner: Rote Messe (1973)

Irene Rodrian: Schlaf, Bübchen, schlaf (1980)

Helge Riedel: Einer muss tot (1983)

Peter Schmidt: Die Regeln der Gewalt (1984)

Peter Zeindler: Feuerprobe (1991)

Robert Brack: Psychofieber (1993)

Matthes & Seitz

August

Manfred Iwan Grunert: Amerikanskij Wolp (ein Kriegsreporter soll auf Wunsch der Russenmafia sterben, damit sein Doppelgänger weiterleben kann. Der Reporter versucht das zu verhindern – und der geneigte Leser darf sich durch gut 1000 Seiten kämpfen.)

Verbrecher Verlag

November

Tobias Ebbrecht: Bilder hinter den Worten – Spurensuche im Zwischenraum: Der Filmemacher Romuald Karmakar (eine Annäherung an den umstrittenen Regisseur.)

Hinweis

Der kriminelle Buchherbst – Teil 1: Ein Halleluja für Hollywood (Alexander Verlag, Belleville, Bertz + Fischer, Henschel)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 2: Zurück in die Provinz (Emons, Gmeiner)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 3: Regionale Küche, teils mit ausländischem Einschlag (Edition Nautilus, Grafit, Pendragon)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 4: Gemischte Küche, hauptsächlich aus fremden Gefilden (Edition Phantasia, Liebeskind, Rotbuch, Tropen, Unionsverlag)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 5: Nochmal gemischte Küche (Fischer Verlag)


Der kriminelle Buchherbst – Teil 5: Nochmal gemischte Küche

August 15, 2009

Fischer Verlag

12. August

Sigrid Neudecker: Wie war ich? – Der Mythos vom perfekten Sex (ein Ratgeber, der zu mehr Entspannung beim Geschlechtsverkehr rät. Also nix mehr mit stundenlangen Orgasmen, flotten Dreiern und Hochleistungssport im Bett. Endlich!)

Simon Schott: Der Barpianist – Kriegserinnerungen eines Überlebenskünstlers (Schott schrieb auch „Die Foldex-Krimis“)

Raffi Yessayan: Blutbad (Debüt: In Boston hinterlässt ein Serienkiller von seinen Opfern nur eine mit Blut gefüllte Badewanne. Zwei Polizisten jagen ihn.)

9. September

Helen Black: Schweigepflicht (Debüt: eine Pflichtverteidigerin hilft einer Vierzehnjährigen und stößt auf ein Geflecht aus Drogengeschäften, Kinderpornographie und Erpressung. – Tja, nun.)

13. Oktober

John Follain: Die letzten Paten – Aufstieg und Fall der Corleones (Sachbuch über den titelgebenden Mafia-Clan, geschrieben vom langjährigen Italienkorrespondent der „Sunday Times“ und des „Sunday Times Magazine“)

Robert Masello: Eiskaltes Blut (Als Journalist Michael Wilde über das Leben in einer Antarktis-Forschungsstation recherchiert, werden in einem Gletscher zwei vor 150 Jahren aneinander gekettete Leichen gefunden. Wilde will herausfinden, warum sie starben.)

11. November

Sabine Alt: Gegen das Licht (Auf einer Vernissage entdeckt die erfolgreiche Stefanie Plessen, dass es einen Zeugen für ein früheres Verbrechen gibt. Sie wird – denke ich mal – versuchen, den Zeugen zum Schweigen zu bringen.)

Felix Huby: Bienzle und das ewige Kind (ein neuer Bienzle, der sich verdächtig nach der Romanfassung seines Tatortes „Bienzle und der Tod in der Markhalle“ liest. Aber nach Hubys Biographie „Fast wie von selbst“ habe ich „Bienzle im Reich des Paten“, eine unterhaltsame Räuberpistole mit viel Berlin und Konstanz, gelesen. Ich bin also gespannt auf den neuen Bienzle-Roman. Bis dahin probier ich’s mit seinem neuen Heiland-Krimi „Null Chance“.)

8. Dezember

Yrsa Sigurdardóttir: Die eisblaue Spur (führt in ihrem vierten Fall die Anwältin Gudmundsdóttir auf ein entlegenes Forschungscamp und zu feindseligen Einheimischen.)

Carlene Thompson: Du wirst die Nächste sein (An einem einsamen See verschwindet Zoey. Jahre später will ihre Freundin Chyna Greer das Geheimnis ihres Verschwindens lösen und – Überraschung! – der Mörder wartet bereits auf sie.)

Hinweis

Der kriminelle Buchherbst – Teil 1: Ein Halleluja für Hollywood (Alexander Verlag, Belleville, Bertz + Fischer, Henschel)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 2: Zurück in die Provinz (Emons, Gmeiner)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 3: Regionale Küche, teils mit ausländischem Einschlag (Edition Nautilus, Grafit, Pendragon)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 4: Gemischte Küche, hauptsächlich aus fremden Gefilden (Edition Phantasia, Liebeskind, Rotbuch, Tropen, Unionsverlag)


Der kriminelle Buchherbst – Teil 4: Gemischte Küche, hauptsächlich aus fremden Regionen

August 13, 2009

oder einmal quer durch den Gemüsegarten, mal mit Mord, mal mit Terror, mal sogar ganz ohne Verbrechen

Edition Phantasia

August

Brian W. Aldiss: Terror (ist ein gesellschaftskritischer Science-Fiction-Roman. England wurde durch den Krieg gegen den Terror zum Polizeistaat. Der unschuldige Schriftsteller Autor Paul Fadhil Abbas Ali wird verdächtigt ein Terrorist zu sein. – Das neue Werk eines Altmeisters.)

Rex Miller: Im Blutrausch (ist der „Fettsack“-Autor auch in diesem Splatterkrimi. Jack Eichord jagt in dieser Erstausgabe einen Auftragskiller mit desolatem Privatleben.)

Liebeskind

August

Philip K. Dick: Unterwegs in einem kleinen Land (Deutsche Erstveröffentlichung eines posthum erschienen Werkes, das KEIN S-F-Roman, sondern eine Milieuschilderung der amerikanischen Mittelschicht zu Beginn der fünfziger Jahre ist.)

David Peace: Tokio im Jahr Null (Nach dem Red-Riding-Quartett jagt David Peace in Tokio einen Serienmörder.)

Rotbuch

August

Richard Aleas: Lieder der Unschuld (ein Hard-Case-Crime-Buch und der zweite Fall für den aus „Tod einer Stripperin“ bekannten Privatdetektiv John Blake)

Robert Bloch: Shooting Star (ein Hard-Case-Crime-Buch, mit diesem schönen Originalcovertext: „When Murder comes to Hollywood, only a one-eyed Private Eye can spot the Killer“)

Max Allan Collins: Der letzte Quarry (ein Hard-Case-Crime-Buch; der spannende letzte Auftrag für Collins‘ Auftragskiller)

Allan Guthrie: Hard Man (die weiteren Abenteuer des aus „Post Mortem“ bekannten Pearce. Jetzt soll er eine schwangere 16-jährige beschützen. Garantiert kein betulicher Häkelkrimi.)

Jörg Juretzka: Der Willy ist weg (aber dafür ist Juretzkas 2002 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnetes Werk wieder da.)

September

Jürgen Ebertkowski: Blutwäsche (der vierte Fall für Eugen Meunier ist sicher ein spannender Wirtschaftskrimi)

Christa Faust: Control Freak (deutsche Erstausgabe des Debüts der Autorin des von mir und vielen anderen geliebten „Hardcore Angel“)

Tropen

31. August

Jonas T. Bengtsson: Submarino (klingt nach einem gut abgehangenen Noir: zwei gescheiterte Existenzen, die nach dem Tod ihrer Mutter einen Neuanfang versuchen. In Dänemark ist’s ein Bestseller und „Das Fest“-Regisseur Thomas Vinterberg will’s verfilmen.)

Massimo Carlotto/Marco Videtta: Wo die Zitronen blühen („Carlotto und Videtta erzählen die bittere Wahrheit über unsere korrupte Gesellschaft“, sagt der Verlag. Mal sehen, ob’s stimmt.)

Mehmet Murat Sommer: Der Kuss-Mord (geschieht in Istanbul und eine Transe ermittelt im Milieu. – Könnte mir, weil’s so angenehm untouristisch klingt und der nächste Remzi-Ünal-Krimi von Celil Oker noch nicht angekündigt ist, gefallen.)

Unionsverlag

Wenig neues bei Metro, aber dafür die Gelegenheit, Lücken in der Sammlung zu schließen:

bereits erschienen

Chester Himes: Harlem-Romane (enthält „Die Geldmacher von Harlem“, „Heiße Nacht für kühle Killer“ und „Fenstersturz in Harlem“. – Sein 100. Geburtstag war am 29. Juli und niemand hat’s bemerkt.)

Petra Ivanov: Fremde Hände – Ein Fall für Flint und Cavalli (Taschenbuch-Ausgabe; die Erstausgabe erschien 2005 im Appenzeller Verlag)

Claudia Pineiro: Elena weiß Bescheid (ihr neues Buch – Besprechung demnächst)

Claudia Pineiro: Ganz die Deine (Taschenbuch-Ausgabe)

Nury Vittachi: Der Fengshui-Detektiv im Auftrag Ihrer Majestät (Die Briten benötigen die Hilfe von. C. F. Wong, der nach den ersten Toten seine Honorarforderungen beträchtlich erhöht.)

23. September

Hannelore Cayre: Der Lumpenadvokat (Taschenbuch-Ausgabe)

Frank Göhre: Mo – Der Lebensroman des Friedrich Glauser (Taschenbuch-Ausgabe eines ursprünglich bei Pendragon erschienenen Werkes)

Jean-Claude Izzo: Die Marseille-Trilogie (enthält „Total Cheops“, „Chourmo“ und „Solea“ – also, wenn sie die Bücher immer noch nicht gekauft haben, können sie jetzt zuschlagen)

Manfred Wieninger: Rostige Flügel (Taschenbuch-Ausgabe eines erstmals 2008 im Haymon Verlag erschienenen Krimis.)

Hinweis

Der kriminelle Buchherbst – Teil 1: Ein Halleluja für Hollywood (Alexander Verlag, Belleville, Bertz + Fischer, Henschel)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 2: Zurück in die Provinz (Emons, Gmeiner)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 3: Regionale Küche, teils mit ausländischem Einschlag (Edition Nautilus, Grafit, Pendragon)


Sherlock Holmes und der Fall der „Berliner Literaturkritik“

August 12, 2009

In der Berliner Literaturkritik ist mein, hm, Porträt von Sherlock Holmes erschienen. Der Anlass waren der Geburtstag von Sir Arthur Conan Doyle und das Erscheinen von drei Werken mit Sherlock-Holmes-Geschichten: das von David Ian Davies gelesene Hörbuch „The Adventures of Sherlock Holmes“, die Neuauflage der „Sherlock Holmes Geschichten“ (Diogenes) und die wahrscheinlich Erstauflage von „Sherlock Holmes Kriminalgeschichten“ (dtv). Das erste Buch ist ein reguläres, von Doyle zusammengestelltes Werk. Die letzten beiden sind neue Zusammenstellungen.

Doyle - The Adventures of Sherlock Holmes

The Adventures of Sherlock Holmes“ enthält:

A Scandal in Bohemia

The Red-headed League

A Case of Identity

The Boscombe Valley Mystery

The Five Orange Pips

The Man with the Twisted Lip

The Adventure of the Blue Carbuncle

The Adventure of the Speckled Band

The Adventure of the Enginieer’s Thumb

The Adventure of the Noble Bachelor

The Adventure of the Beryl Coronet

The Adventure of the Copper Beeches

Doyle - Sherlock Holmes Geschichten

Sherlock Holmes Geschichten“ (Diogenes) enthält:

Das gefleckte Band (The Adventure of the Speckled Band, aus The Adventures of Sherlock Holmes)

Der zweite Fleck (The Adventure of the Second Stain, aus The Return of Sherlock Holmes)

Der Mann mit der Narbe (The Man with the Twisted Lip, aus The Adventures of Sherlock Holmes)

Ein Skandal in Böhmen (A Scandal in Bohemia, aus The Adventures of Sherlock Holmes)

Der Bund der Rothaarigen (The Red-Headed League, aus The Adventures of Sherlock Holmes)

Der blaue Karfunkel (The Adventure of the Blue Carbuncle, aus The Adventure of Sherlock Holmes)

Der Teufelsfuß (The Adventure of the Devil’s Foot, aus His Last Bow)

Der Rote Kreis (The adventure of the Red Circle, aus His Last Bow)

Doyle - Sherlock Holmes Kriminalgeschichten

Sherlock Holmes Kriminalgeschichten“ (dtv) Zusammenstellung enthält:

Silberstern (Silver Blaze, aus The Memoirs of Sherlock Holmes)

Das Ritual der Musgrave (The Musgrave Ritual, aus The Memoirs of Sherlock Holmes)

Der Verein der Rothaarigen (The Red-Headed League, aus The Adventures of Sherlock Holmes)

Die Geschichte mit dem zweiten Fleck (The Adventure of the Second Stain, aus The Return of Sherlock Holmes)

Der griechische Dolmetscher (The greek Interpreter, aus The Memoirs of Sherlock Holmes)

Die Geschichte mit dem gesprengelten Bande (The Adventure of the Speckled Band, aus The Adventures of Sherlock Holmes)

Die Geschichte mit der Pappschachtel (The Adventure of the Cardboard Box, aus His Last Bow)


Der kriminelle Buchherbst – Teil 3: Regionale Küche, teils mit ausländischem Einschlag

August 11, 2009

Edition Nautilus

26. August

Andrea Maria Schenkel: Tannöd (in einer Geschenkausgabe mit einem Titelbild von Tomi Ungerer. Die Verfilmung soll am 19. November starten.)

Jan Costin Wagner: Sandmann träumt (ein Kaliber.64-Buch über einen Lehrer, der sich in eine Schülerin verliebt)

Grafit

bereits erschienen

Hagemann & Stitz: Jung stirbt, wen die Götter lieben (historischer Krimi aus der Zeit, als die Römer in Germanien das Sagen hatten)

Andreas Hoppert: Der Thule-Code (Marc Hagen ist zurück)

August

Frank Bresching: Der Teufel von Grimaud (hat eine 14-jährige ermordet. Kommissar Balleroy sucht den Mörder und findet auch eine jahrzehntelang gehütete Geheimnisse.)

Ella Theis: Die Spucke des Teufels (historischer Krimi aus der Zeit, als Friedrich II. die Kartoffel entdeckte)

September

Leo P. Ard/Reinhard Junge: Mordsschnellweg (Kurzgeschichten)

Thomas Hoeps/Jac. Toes: Das Lügenarchiv (Haben Dritte-Welt-Aktivisten irrtümlich einen Kunstrestaurator umgebracht. – Die erste Zusammenarbeit von Hoeps und Toes wurde für den Gouden Stroup nominiert.)

Harri Nykänen: Ariel – Mord vor Jom Kippur (in Helsinki. Zum Glück ermittelt der jüdische Kommissar Ariel Kafka.)

Oktober

Ralph Gerstenberg: Feuer im Aquarium (Hat Al Qaida in Berlin einen Anschlag verübt? Und was hat der Arbeitslose Henry Palmer damit zu tun? Die Lösung gibt’s nach 280 Seiten.)

Michael Herzig: Die Stunde der Töchter (oder: eine Polizistin sitzt bei der Suche nach einem entführtem Raubgutkunsthändler zwischen allen Stühlen.)

Jan Zweyer: Goldfasan (historischer Krimis aus der Zeit, als die Nazis im Ruhrpott wüteten)

Pendragon

So langsam wird der Pendragon-Verlag zur Auffangstation für renommierte deutsche Krimiautoren aus den Siebzigern und Achtzigern, die in den vergangenen Jahren ganz weit abseits des Rampenlichtes standen und in den Wühlkisten überlebten. Ich sage nur Frank Göhre, Wolfgang Schweiger, Friedhelm Werremeier. Und die Renaissance der alten Helden geht weiter.

Bereits erschienen

Roger Strub: Waches Auge (ist anscheinend eine weitere Variation zum Thema „Selbstjustiz“, in dem eine Kommissarin den Mörder jagt.)

Klaus-Peter Wolf: Samstags, wenn Krieg ist (Neuauflage eines Krimis über rechtsradikale Jugendliche in der Provinz. Vor gut fünfzehn Jahren gefiel mir das Buch ganz gut.)

12. August

Günthr Butkus (Hrsg.): Mord-Westfalen II – Kriminelle Geschichten aus Westfalen (erzählt von -ky, Max von der Grün, Frank Göhre, Willi Voss, u. a.)

Sabine Ernst: Der Krieger (Kommissarin Hanna Brandt sucht in Herford einen Dreifachmörder. Die Spur führt in die Vergangenheit.)

Wolfgang Schweiger: Kein Ort für eine Leiche – Chiemgau-Krimi (Die Kommissare Gruber und Bischoff suchen den Mörder eines 59-jährigen.)

Franz Zeller: Herzlos (Debüt: In Salzburg wird munter gestorben und der ‚liebeswunde‘ Chefinspektor Franco Moll ermittelt ‚in alle Richtungen‘. – Hm.)

16. September

Sandra Lüpkes: In Hermanns Schatten – Kriminelle Geschichten aus Nordrhein-Westfalen

Robert B. Parker: Hundert Dollar Baby (Hundred-Dollar Baby, 2006 – Tja, ein neuer Spenser, in dem auch April Kyle dabei ist.)

Willi Voss: Pforte des Todes (klingt nach einem 08/15-Mystery-Thriller um eine Sekte, die weiß, wie man aus dem Jenseits zurückkehren kann. – Weil Willi Voss ein Guter ist, ist „Pforte des Todes“ sicher kein 08/15-Mystery-Thriller)

Hinweis

Der kriminelle Buchherbst – Teil 1: Ein Halleluja für Hollywood (Alexander Verlag, Belleville, Bertz + Fischer, Henschel)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 2: Zurück in die Provinz (Emons, Gmeiner)


Der kriminelle Buchherbst – Teil 2: Zurück in die Provinz

August 9, 2009

Nach Hollywood (schöne Bilder, aber auch zu viel Bildung) geht’s zurück in heimische Gefilde und ziemlich oft in die Vergangenheit. Werfen wir einen Blick auf die Speisekarte von zwei sehr in den Regionen verwurzelten Gasthäusern:

Emons

Im Frühling begann Emons mit einer Reihe „True Crime“ und im Herbst beginnt der Kölner Verlag mit einer „Tatort“-Reihe. Es sind klassische Romane zum Film und ich bin schon ziemlich gespannt auf das Ergebnis.

Natürlich gibt’s auch eine Ladung Regionalkrimis.

August

Udo Bürger: Bleche Botz und Klingelpütz – Kölner Kriminalfälle von 1815 – 1918

Volker Mauersberger: Kalte Wut – Der Fall Ellen Rinsche (Rekonstruktion eines wahren Mordfalls aus dem Nachkriegsdeutschland)

Renate Naber/Cornelia Ehses: Zeit der Strafe (Köln-Krimi mit einer Pfarrerin als Mörderjägerin.)

September

Rudolf Jagusch: Nebelspur (Ein Kommissar will herausfinden, warum seine Schwester vor vielen Jahren verschwunden ist.)

Dietmar Lykk: Totenuhr (ein Flensburg-Krimi)

Edgar Noske: Letzte Ausfahrt Eifel (Ähem, ein Eifel-Krimi mit Kommissar Roger Lemberg. Dieses Mal sucht er einen Polizistenmörder.)

Hannes Nygaard: Der Inselkönig (ein weiterer Hinterm-Deich-Krimi des sehr produktiven Nygaard)

Silke Urbanksi: Störtebekers Henker (ein Krimi aus dem Mittelalter)

Tatort

Martin Conrath: Aus der Traum (nach dem Tatort-Krimi von Fred und Léonie Breinersdorfer, mit Frank Kappl und Stefan Deininger)

Günther Jurczyk: Strahlende Zukunft (nach dem Tatort-Krimi von Christian Jeltsch, mit Inga Lürsen und Nils Stedefreund)

Martin Schüller: Die Blume des Bösen (nach dem Tatort-Krimi von Thomas Stiller, mit Max Ballauf und Freddy Schenk)

Martin Schüller: A gmahde Wiesn (nach dem Tatort-Krimi von Friedrich Ani, mit Franz Leitmayr und Ivo Batic)

Oliver Wachlin: Blinder Glaube (nach dem Tatort-Krimi von Andreas Pflüger, mit Till Ritter und Felix Stark)

Oliver Wachlin: Todesstrafe (nach dem Tatort-Krimi von Mario Giordano und Andreas Schlüter, mit Eva Saalfeld und Andreas Keppler)

Oktober

Sybille Baecker: Körperstrafen (auch die Schwaben morden)

Luc Bahl: Der Jakobs-Tarot (Was haben heutige Morde auf dem Jakobsweg mit Albrecht Dürer zu tun? Die Kommissare Pier und Kaiser wollen es wissen.)

Ralf Dorweiler: Badische Blutsbrüder (oder: was die Schwaben können, können die Badenser schon lange)

Edgar Franzmann: Millionenallee (Köln-Krimi über verbrecherische Umtriebe in einem Parfüm-Konzern und hilfsbereite Bettler)

Peter Freudenberger: Stiller und die Finsternis (in Aschaffenburg. Denn dort wurde während eines Ritterspiels ein bizarrer Mord verübt. Journalist Stiller recherchiert.)

Brigitte Glaser: Bienenstich (Spitzenköchin Katharina muss wieder Mörder jagen.)

Georg Gracher: Hanbalz (ein Energie-Lobbyist wird in den Alpen erschossen. Gendarmerie-Major Oskar Jacobi ermittelt.)

Hannsdieter Loy: Rosenmörder (ist der abschließende Band der in Oberbayern spielenden Rosen-Trilogie)

Manfred Megerle: Seeteufel (Am Bodensee sterben Obdachlose und alte Frauen wie die Fliegen. Kommissar Wolf ermittelt.)

Jutta Mehler: Saure Milch (In Fannis Garten wird eine Leiche entdeckt und bevor die Polizei den Falschen verhaftet, beginnt sie den Täter zu suchen.)

Antonia Pauly: Tod auf dem Mühlenschiff (ein Krimi aus dem Mittelalter)

Oliver Pautsch: Seelentöter (geht im Rheinland um: er tötet Frauen, die wie Kommissarin Broder aussehen.)

Marcus Raffelsberger: Menschenteufel (ein Wien-Krimi)

Britt Reißmann: Zimmer ohne Aussicht (ein Stuttgart-Krimi mit einem ermordeten Zugbegleiter, einem 23 Jahre zurückliegendem Bankraub und zwei Ermittlern, die auch ihre Beziehung zueinander klären müssen)

November

Thomas Roth: „Verbrechensbekämpfung“ und soziale Ausgrenzung im nationalsozialistischen Köln (Schriften des NS-Dokumentationszentrums 15, erhielt 2007 den Köln-Preis und ist mit 900 Seiten wahrlich keine leichte Lektüre)

Frank Schmitter: Die Stille nach dem letzten Satz (Niederrhein-Krimi: Hat die Mullmafia eine Journalistin umgebracht? Oder waren’s neidische Kollegen?)

Gmeiner

Der Krimiverlag aus dem Süden der Republik haut, wie immer, seine gesamtes Halbjahresprogramm an einem Tag heraus. Deshalb müssten alle Titel in der gutsortierten Buchhandlung ihres Vertrauens gegen einen geringen Obulus erhältlich sein.

Die historischen Krimis

Herbert Beckmann: Die indiskreten Briefe des Giacomo Casanova (historischer Krimi aus dem alten Preußen)

Dagmar Fohl: Das Mädchen und sein Henker (spielt im Hamburg des 18. Jahrhunderts)

Uwe Klausner: Pilger des Zorns (fallen 1416 in Mainfranken ein und Bruder Hilpert muss wieder für Gerechtigkeit sorgen)

Sabine Klewe: Die schwarzseidene Dame (läuft 1819 durch Düsseldorf)

Norbert Klugmann: Die Adler von Lübeck (ist ein neuer, in Lübeck 1602 spielender Fall, für die Hebamme Trine Deichmann)

Gerhard Loibelsberger: Die Naschmarkt-Morde (im Wien der Jahrhundertwende)

Die zeitgenössischen Krimis

Beate Baum: Ruchlos (In Dresden stirbt ein rechthaberischer Rentner. Journalistin Kirsten Bertram glaubt nicht an einen natürlichen Tod und beginnt zu recherchieren.)

Burger/Imbsweiler/Schöbel (Hrsg.): Tödliche Wasser (ist die offizielle Anthologie der „Krimitage Heidelberg“ mit Geschichten von -ky, Marcus Imbsweiler, Carlo Schäfer und Friederike Schmöe.)

Anni Bürkl: Schwarztee (Während einer Lesung in ihrem Teesalon nibbelt ein Besucher ab. Die Salon-Besitzerin sucht den Mörder.)

Norbert Horst Bosetzky (-ky): Unterm Kirschbaum (Ein Theodor-Fontane-Krimi mit Kommissar Mannhardt. – [Sorry, -ky. Wird nie wieder vorkommen.])

Anke Clausen: Dinnerparty (aka Fressen bis zum Tod. Denn bei dieser Promi-Kochshow stirbt die Gastgeberin und alle Promi-Köche haben einen guten Grund, der Gastgeberin etwas Gift in das Essen zu mischen.)

Pierre Emme: Pasta Mortale (müsste der letzte Roman des 2008 verstorbenen Autors sein)

Bernd Franzinger: Leidenstour (Kommissar Tannenberg muss herausfinden, wer den Mechaniker eines Trainingslagers für die Tour de France ermordete.)

Matthias P. Gibert: Eiszeit (In Kassel wird der Besitzer einer Eisdiele ermordet. Kommissar Lenz hält einen Investor, der ein wasserdichtes Alibi und gute Beziehungen hat, für den Mörder.)

Christian Gude: Homunculus (Kommissar Rünz muss sich in Darmstadt mit humanoiden Robotern und deren Erschaffern herumschlagen.)

Sigrid Hunold-Reime: Schattenmorellen (Eine alte Frau erinnert sich an einen Jahrzehnte zurückliegenden Mordfall. Aber auch die Gegenwart ist mörderisch. – Wird als „Frauenroman“ beworben und ist daher nichts für mich.)

Marcus Imbsweiler: Altstadtfest (Dort läuft jemand Amok. Es gibt Tote. Die Polizei, Geheimdienste und Privatdetektiv Max Koller ermitteln. – Einmal dürfen Sie raten, wer den Täter überführt.)

Paul Lascaux: Feuerwasser (ist der dritte Fall für die Berner Detektei Heinrich Müller und Nicole Himmel)

Kurt Lehmkuhl: Nürburghölle (Wurde ein Anschlag auf zwei Rennfahrer während des 24-Stunden-Rennens verübt? Der pensionierte Kommissar Böhnke ermittelt.)

Bernd Leix: Fächertraum (Dieses Mal scheint Kommissar Oskar Lindt eine ausgewachsene Herbstdepression zu pflegen. Zigarettenschmuggel und seltsame Tatorte lenken da kaum ab.)

Isabel Morf: Schrottreif (Debüt: In einem Fahrradladen liegt eine Leiche. Die Züricher Polizei und die Ladenbesitzerin ermitteln.)

Reinhard Pelte: Inselkoller (ist der Debüt-Tipp des Verlages: Kommissar Tomas Jung will herausfinden, wer eine Sylter Immobilienmaklerin ermordete.)

Harald Schneider: Erfindergeist (Wenn ein Kommissar Urlaub macht, ist die nächste Leiche nicht weit weg. Aktuelles Erholungsziel ist der Holiday Park Haßlich.)

Friederike Schmöe: Fliehganzleis (ist ein Krimi zum 20. Jahrestag des Mauerfalls. Aber schnell geht es noch weiter in die Vergangenheit.)

Erich Schütz: Judengold (Ein Journalist stößt bei Recherchen auf einen lange zurückliegenden Goldschmuggel.)

Willibald Spatz: Alpendöner (In Kempten wird eine alte Frau erstochen. Ein Dönerbudenbesitzer ist verdächtig und Jungjournalist Birne beginnt zu recherchieren. – Schöner Titel.)

Franziska Steinhauer: Wortlos (In Cottbus wird eine Studentin aus Haiti ermordet. Kommissar Nachtigall ermittelt.)

Hinweis

Der kriminelle Buchherbst – Teil 1: Ein Halleluja für Hollywood (Alexander Verlag, Belleville, Bertz + Fischer, Henschel)


Will Holden Carver immer noch aussteigen?

August 7, 2009

Brubaker - Sleeper 3 - Die Gretchenfrage

Die von Autor Ed Brubaker und Zeichner Sean Phillips erfundene Saga von Holden Carver, eines guten Menschen, der Böses tun muss, geht mit dem dritten „Sleeper“-Band „Die Gretchenfrage“ furios weiter. Carver ist ein für International Operations in ein weltumspannendes Verbrecherimperium eingeschleuster Undercover-Agent. Am Ende des zweiten „Sleeper“-Bandes wurde er von Tao, dem Chef des Verbrecherimperiums, enttarnt. Aber Tao hat ihn nicht getötet. Denn der genial-skrupellose Tao ist sich sicher, dass Carver inzwischen zu einem von ihnen geworden ist. Außerdem hat Carver keine Verbindungen mehr zu seinem früheren Arbeitgeber. Denn sein Führungsoffizier John Lynch (der einzige Mann, der bei I. O. von dieser Operation weiß) liegt im Koma liegt.

Also fügt Carver sich resigniert seinem Schicksal.

Aber jetzt ist Lynch aus dem Koma erwacht und er versucht, letztendlich erfolgreich, Carver zu kontaktieren. Tao schickt Carver zu dem Treffen nach Kairo. Aber Carver hat Tao nicht alles gesagt. Er will in Kairo noch etwas anderes erledigen. Als Carver am vereinbarten Treffpunkt ist, wird auf ihn geschossen. Er flüchtet.

Carver, der abgesehen von seinem nicht existierendem Schmerzempfinden, ein gewöhnlicher Mensch ist, ist für Lynch und Tao nur ein Spielball. Sie stoßen ihn herum und sagen ihm immer nur den Teil der Wahrheit, der ihnen gerade in ihre Pläne passt. Carver weiß nicht, wem er vertrauen kann. Er weiß auch nicht mehr, auf welcher Seite er steht. Denn er hat bei den Verbrechern neue Freunde gefunden, die von seinen alten Freunden ermordet wurden. Diese halten ihn für einen Verräter. Sie jagen ihn. Sie foltern ihn. Sie wollen ihn töten. Und vor allem fragt Carver sich inzwischen, wer die Bösen sind.

Als er in Kairo seine frühere Freundin Veronica trifft, versucht sie ihn zur Rückkehr zu bewegen und sagt: „Er ist ein Terrorist, Holden. Er hat Regierungen rund um den Globus destabilisiert. Er hat Unschuldige getötet und Gott weiß was noch getan, von dem wir nichts wissen.“

Er antwortet: „Was habe ich denn deiner Meinung für I. O. getan? Regierungen destabilisiert, Unschuldige getötet und jede Menge Sachen, über die du wirklich nichts wissen möchtest. (…) Für Typen wie Lynch und Tao ist die ganze Welt nur ein Spielplatz.“

In solchen Momenten wird „Sleeper“ auch zu einem illusionslosem und pathosfreiem Spiegelbild der US-amerikanischen Politik und, immerhin erschienen die im dritten „Sleeper“-Band versammelten Einzelhefte 2004 und 2005, zu einer Metapher für den Kampf des Westens gegen den islamistischen Terrorismus. Dann ist „Sleeper“ gar nicht so weit weg von den erfolgreichen TV-Serien „24“ und „Battlestar Galactica“.

Und wenn Carver in „Die Gretchenfrage“ erzählt, wie Taos Männer nach 9/11 reisen, dann ist das eine lakonische Absage an den staatlichen Sicherheitswahn.

Am Ende von „Die Gretchenfrage“ liegen für Carver und seine Freundin Gretchen die Karten auf dem Tisch. Wie es Carver gelingt, sein altes Leben wieder zurückzugewinnen (falls er das überhaupt noch will), wird im vierten und abschließenden „Sleeper“-Band „Das lange Erwachen“ erzählt. Er ist für Dezember angekündigt.

Bis dahin ist also noch genug Zeit, die vorherigen „Sleeper“-Bände zu lesen.

Ed Brubaker/Sean Phillips: Sleeper 3 – Die Gretchenfrage

(übersetzt von Maria Morlock)

Cross Cult, 2009

152 Seiten

19,80 Euro

Originalausgabe

Sleeper 3: A crooked line

Wildstorm/DC Comics 2005

enthält

Sleeper: Season 2, 1 – 6

DC Comis, 2004/2005

Hinweise

Homepage von Ed Brubaker

Blog von Sean Phillips

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips” “Criminal 1 – Feigling” (Criminal 1: Coward, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Criminal 2 – Blutsbande” (Criminal 2: Lawless, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips‘ „Criminal 3 – Grabgesang“ (Criminal 3: The Dead and the Dying, 2008)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Colin Wilsons “Point Blank” (Point Blank, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 1 – Das Schaf im Wolfspelz” (Sleeper: Out in the cold, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 2 – Die Schlinge zieht sich zu” (Sleeper: All false moves, 2004)


Meine Besprechung von Martin Leidenfrosts „Die Tote im Fluss“ ist online

August 7, 2009

Leidenfrost - Die Tote im Fluss

In der Berliner Literaturkritik ist meine Besprechung von Martin Leidenfrosts „Die Tote im Fluss – Der ungeklärte Fall Denisa S.“ (Residenz Verlag, 2009) erschienen. In dem Sachbuch schreibt Leidenfrost über den rätselhaften Tod einer slowakischen 24-Stunden-Pflegerin in Österreich.


Erster Eindruck: Das Science Fiction Jahr 2009

August 4, 2009

Das Science Fiction Jahr 2009

Wie ein Rundum-Glücklich-Jahrbuch aussehen kann, zeigt die vierundzwanzigste Ausgabe des von Sascha Mamczak und Wolfgang Jeschke herausgegebenen Jahrbuchs „Das Science Fiction Jahr“. Die Struktur, mit einem Schwerpunktthema, Interviews, Porträts, Nachrufen, Texten zur Science in der Fiction, zur Kunst in der Science Fiction, Überblicken zu neuen Filmen, Hörspielen, Comics, Computerspielen und Büchern, Listen von Preisträgern, Marktberichten über die deutsche, amerikanische und britische SF-Szene (inclusive Hinweisen auf die neuen Werke wichtiger Autoren) und den im Heyne Verlag erschienenen SF-Büchern (naja, soviel Eigenwerbung darf sein), wurde beibehalten. Ebenso die üppigen Illustrationen, die es leider nur in SW gibt.

Der Umfang der einzelnen Rubriken ist, ebenfalls wie gewohnt, erschlagend. Dem Schwerpunktthema „Quo vadis, Superhelden?“ sind über vierhundert Seiten gewidmet und, nach dem Erfolg von Superhelden-Comics und den vielen aktuellen Superhelden-Kinofilmen, wie „Watchmen“, „Ironman“, „Hellboy“ und „Hancock“ (Batman, Superman und Spiderman lasse ich mal links liegen) hat sich das Thema förmlich aufgedrängt. Im „Science Fiction Jahr 2009“ wird dabei der Rundumschlag vom Grafen von Monte Christo über die klassischen Superhelden-Comics hin zu den Dekonstruktionen des Superhelden gemacht. Auf über hundert Seiten geht’s auch um die Frage, ob Superhelden eine reine Ausgeburt der Fantasie sind, ober ob sie und ihre Fähigkeiten naturwissenschaftlich irgendwie möglich sind. Es wird über den schwierigen Weg zum „Watchmen“-Film, über die moralische Verantwortung von Superhelden und über „Superhelden – Helden wie du und ich“ geschrieben.

Es gibt einen über vierzigseitigen Artikel über die „Stahlfront“-Romane von Torn Chaines. Dierk Spreen erklärt, inwiefern der Vorwurf, dass die Romane rechtsextrem seien, zu recht besteht. Christopher Ecker schreibt einen über fünfzigseitigen Nachruf über den SF-Autor Thomas M. Disch, der sich am 4. Juli 2008 umbrachte. Dagegen sind die elf Seiten für Philip José Farmer und die fünf Seiten für Michael Crichton wahrlich bescheiden. Es gibt Interviews mit Greg Bear und John Scalzi. Es gibt eine wirklich kurze Geschichte des österreichischen Science-Fiction-Films und, mehr oder wenig kurze, Kritiken von Büchern, Computerspielen, Filmen und Hörspielen.

Das ist eine volle Ladung Informationen, die mich die kommenden Tage und Wochen (denn mit 1600 Seiten ist das Werk zu dick für die Hosentasche) beschäftigen wird. Ich weiß zwar, dass dreißig Euro eine stattliche Investition sind, aber es lohnt sich. Denn „Das Science Fiction Jahr 2009“ ist, mal wieder, ein gutes halbes Dutzend verschiedener Bücher in einem.

Und in einem Jahr gibt’s die fünfundzwanzigste Ausgabe von „Das Science Fiction Jahr“.

Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2009

Heyne, 2009

1600 Seiten

29,95 Euro

Hinweis

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2008


Meine Besprechung von Tillacks „Die korrupte Republik“ ist online

August 4, 2009

Tillack - Die korrupte Republik

Bei der Berliner Literaturkritik ist meine Besprechung von Hans-Martin Tillacks „Die korrupte Republik – Über die einträgliche Kungelei von Politik, Bürokratie und Wirtschaft“ (Hoffmann und Campe) erschienen. Tillack beschäftigt sich in dem sehr lesenswertem Sachbuch mit aktuellen Fällen. Schreiber, Strauß und Kohl lässt er links liegen. Dafür gibt’s einen Ausflug nach Brüssel.


Adrian Monk besucht Paris

Juli 30, 2009

Goldberg - Bonjour Mr Monk

Adrian Monk war, wie wir in „Mr. Monk in Germany“ erfahren haben, von Berlin begeistert. Es war alles so schön symmetrisch und gleich. Paradiesisch eben. Doch Berlin war nur ein kurzer Abstecher. Die meiste Zeit war er in Lohr (ein Synonym für Vorhölle) und löste Mordfälle (was die Gegend erträglich machte). Jetzt, nachdem sein Psychiater Dr. Kroger (der Grund für Monks Reise von San Francisco nach Deutschland) wieder nach Hause zurückkehrt, möchte auch Monk den nächsten Flieger in die USA besteigen. Aber seine Sekretärin Natalie Teeger erpresst ihn zu einem Abstecher nach Paris; – was sie besser nicht getan hätte.

Schon im Flugzeug klärt Monk den ersten Mord auf.

Die ersten Stunden in Paris verlaufen dann fast normal. Es gibt zwar ein Problem mit der zweiten Etage im Hotel (die Franzosen zählen die Stockwerke falsch) und dass er die Nacht in einem Zimmer mit Natalie verbringen muss, ist auch nicht okay. Dafür darf er am nächsten Tag die Kanalisation besichtigen und in den Katakomben entdeckt Monk unter den Millionen von Knochen einen nagelneuen Schädel. Damit ist, auch weil dieser Ermordete eine Verbindung nach San Francisco hatte, für Natalie der geplante Urlaub vorbei.

Aber Monk tröstet sie. Jetzt werde sie von Paris Seiten kennen lernen, die sie als Touristin niemals gesehen hätte. Dazu zählen Besuche bei Künstlern (schlimm), Hausbesetzern (noch schlimmer) und einer im Untergrund lebenden Gruppe von Freeganern (barbarisch). Sie ernähren sich von Abfällen. Weil sie den Abfall von Nobelrestaurants plündern, ist ihr Lebensstandard gar nicht so schlecht. Jedenfalls nach normalen Standards. Für Monk gehören sie selbstverständlich alle eingesperrt.

Lee Goldbergs siebtes Monk-Abenteuer schließt unmittelbar an „Mr. Monk in Germany“ an und bietet all das, was auch die vorherigen Monk-Romane zu einem Lesegenuss machte: ein verzwickter Kriminalfall (Der hier allerdings nicht so verzwickt ist. Immerhin ist Monk im Urlaub.), Situationskomik (Monk im Hotel, Monk im Untergrund, Lt. Randy Disher in Paris), witzige Dialoge auf jeder Seite und für den genialen Ermittler ungeahnte Herausforderungen. Denn natürlich konfrontiert Lee Goldberg den neurotischen Detektiv immer wieder mit Situationen, die für normale Menschen einfach zu bewältigen sind, aber Adrian Monk vor teilweise kaum zu überwältigende Herausforderungen stellen und überraschend löst.

Gleichzeitig liefert Goldberg genug Impressionen von Paris, um einen Paris-Ausflug auf das nächste Jahr zu verschieben. Denn die interessantesten Seiten von Paris lernen wir in „Bonjour, Mr. Monk“ kennen.

Lee Goldberg: Bonjour, Mr. Monk

(übersetzt von Caspar D. Friedrich)

Panini Books, 2009

336 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

Mr. Monk is miserable

Obsidian, 2008

Hinweise

Homepage von Lee Goldberg

USA Network über “Monk”

Thrilling Detective über Adrian Monk

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk und die Feuerwehr“ (Mr. Monk goes to the Firehouse, 2006)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs “Mr. Monk besucht Hawaii“ (Mr. Monk goes to Hawaii, 2006)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs “Mr. Monk und die Montagsgrippe“ (Mr. Monk and the Blue Flu, 2007)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk und seine Assistentinnen“ (Mr. Monk and the two Assistants, 2008)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk und die Außerirdischen“ (Mr. Monk in outer space, 2008)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk in Germany“ (Mr. Monk goes to Germany, 2008)


Der kriminelle Buchherbst – Teil 1: Ein Halleluja für Hollywood

Juli 30, 2009

Beginnen wir unsere Vorschau auf die Herbstnovitäten mit einem alten Bekannten (Ross Thomas) und einer Busladung Filmbücher, die etwas mit dem von uns geliebten Genre zu tun haben:

Alexander Verlag

Oktober

Dominik Graf: Schläft ein Lied in allen Dingen – Texte zum Film (ist eine Auswahl der von Regisseur Graf in den vergangenen Jahren geschriebenen Texten zu seiner Arbeit im Speziellen und im Allgemeinen. Sehr, sehr lesenswert.)

Ross Thomas: Voodoo Ltd. (Voodoo, Ltd. 1992 – ein weiteres grandioses Abenteuer von Artie Wu und Quincy Durant; – auch wenn’s fast eine konventionelle Detektivgeschichte ist. Denn die beiden betreiben inzwischen die Detektei „Voodoo Ltd.“ und sie sollen einen Hollywood-Mord aufklären. Wobei wir doch wieder beim Film gelandet sind.)

Belleville

Juni

Christine Pozsár/Michael Farin (Hrsg.): Die Haarmann-Protokolle – Alles über den „Werwolf von Hannover“ (Neuauflage des bereits 1995 bei Rowohlt erschienenen Buches, das die Grundlage für das Kammerspiel „Der Totmacher“ bildete.)

November

Ulli Lommel: Zärtlichkeit der Wölfe – Begegnungen und Geschichten (klingt nach einer Art Biographie. Lommels arbeitete lange mit Rainer Werner Fassbinder zusammen und seit 1977 dreht er in den USA Horrorfilme, die regelmäßig Probleme mit der Zensur haben.)

? (Angekündigt für dieses Jahr, aber ohne genauen Erscheinungstermin)

Michael Fürst/Florian Krautkrämer/Serjoscha Wiemer (Hrsg.): Untot – Zombies in den Medien (Texte zur Theorie und Geschichte des Zombiefilms.)

Bertz + Fischer

August

Georg Seeßlen: Quentin Tarantino gegen die Nazis – Alles über INGLOURIOUS BASTERDS (erscheint zum Filmstart und ein Seeßlen-Buch ist immer eine lohnenswerte Anschaffung.)

September

Ivo Ritzer: Walter Hill – Welt in Flammen (Deep Focus 2) (das dürfte die erste Biographie über den Actionfilm-Regisseur sein. Seine bekanntesten Werke, wie „Nur 48 Stunden“ entstanden in den Achtzigern. „Straßen in Flammen“ hab ich auch mal abgefeiert. Und bei „Alien“ und hat er als Autor und Produzent mitgemacht. Und – – – alles weitere in der Buchbesprechung.)

Harald Steinwender: Sergio Leone – Es war einmal in Europa (Deep Focus 7) (Eine Bio über den König des Italo-Westerns, der aus dem Mann ohne Namen den Mann mit dem Namen machte.)

Frühjahr 2010

Marcus Stiglegger (Hrsg.): David Cronenberg – film: 16 (Schon länger angekündigt und, da bin ich mir sicher, das Warten wird sich lohnen.)

Henschel

August

Yann-Brice Dherbier (Hrsg.): Cary Grant – Bilder eines Lebens (ein schön gestalteter Bildband, der Cary Grants Leben in 170, teilweise unveröffentlichten Bildern erzählt. Dürfte ein gutes Weihnachtsgeschenk sein.)

November

Daniela Sannwald/Peter Mänz (Hrsg.): Romy Schneider: Wien – Berlin – Paris (Parallel zur Ausstellung der Deutschen Kinemathek gibt es dieses Buch mit zahlreichen unbekannten Dokumenten. Noch ein Weihnachtsgeschenk.)


Die perfekte Welle für die „Dawn Patrol“

Juli 29, 2009

Winslow - Pacific Private

Beim Lesen von Don Winslows neuem Roman „Pacific Private“ hatte ich immer die Stimme von Keith Carradine im Ohr. Er spielt in der unterhaltsamen Don-Winslow-Verfilmung „Kill Bobby Z.“ den Erzähler: den am Strand stehenden älteren Surfer Johnson. Er erzählt mir jetzt, während sich die Pazifikwellen an der kalifornischen Küste brechen, Surfermusik aus den Boxen dröhnt, die untergehende Sonne uns wärmt und wir gemütlich einige Flaschen Bier trinken (hm, wahrscheinlich eher Dosen), die Geschichte von Boone Daniels und der Dawn Patrol. Dass die Abenteuer von Boone Daniels dabei für einen langjährigen Krimileser durchaus vorhersehbar sind, stört nicht weiter. Denn, um es in den Worten von Boone Daniels zu sagen, wichtig ist, wie man eine Welle reitet. Und Don Winslow reitet, wie ein guter Surfer, perfekt die Wellen des Privatdetektivromans und der hohen Kunst des scheinbar mühelosen Erzählens.

In seinem neuesten Roman „Pacific Private“ erzählt Don Winslow daher einerseits die Geschichte von Boone Daniels und seinen Freunden, der Dawn Patrol, andererseits einen typischen Hardboiled-Krimi in einem ungewohnten Umfeld und in jedem Fall ist es eine Liebeserklärung an einen bestimmten Lebensstil und eine Region.

Boone Daniels ist ein ehemaliger Cop, ein lässiger, an Geld nicht interessierter Teilzeit-Privatdetektiv und ein begeisterter Surfer. Deshalb will er auch die Junganwältin Petra Hall sofort aus seinem Büro werfen. Denn anstatt eine verschwundene Zeugin zu suchen, will er auf die sich ankündigende Monsterwelle warten. Aus einer Mischung aus Eitelkeit und finanzieller Not beginnt er dann doch sofort die Stripperin Tamara ‚Tammy‘ Roddick zu suchen. Sie soll vor Gericht aussagen, dass sie gesehen hat, wie der Stripclubbesitzer Dan Silver ein Lagerhaus abgefackelt hat.

Daniels findet sie schnell. Tot. Sie wurde aus einem Hotelzimmer geschubst. Als er kurz darauf herausfindet, dass nicht Roddick, sondern ihre beste Freundin starb, beginnt Boone Daniels ernsthaft die in Lebensgefahr schwebende Stripperin zu suchen.

Dass er sich bei dieser Suche mit dem örtlichen, sehr multikulturellem Organisierten Verbrechen anlegt, versteht sich von selbst.

Gleichzeitig wird auch die Kameradschaft der Dawn Patrol auf eine harte Probe gestellt. Denn Johnny Banzai ist Polizist, andere verdienen auch mit illegalen Aktivitäten (Ja, ich bin gerade dabei einen Spoiler zu vermeiden) ihr Geld und Boones Freundin Sunny will die Monsterwelle benutzen, um Pacific Beach zu verlassen.

Don Winslow entwickelt diese nur auf den ersten Blick einfache Geschichte um Freundschaften, verschiedene Begriffe von Ehre und enttäuschte Hoffnungen mit der Lässigkeit eines Schriftstellers, der in den vergangenen Jahren in zehn Büchern beständig den Kreis seiner Fans erweiterte, den Shamus für „Califonia Life and Fire“ gewann, für das Opus „The Power of the Dog“ (ein engbedruckter über fünfhundertseitiger Wälzer über den US-amerikanischen Krieg gegen Drogen) abgefeiert wurde, für den Macavity, Dily, Barry und den Los Angeles Book Prize nominiert war und dessen „The Winter of Frankie Machine“ immer noch verfilmt werden soll. Zuletzt hieß es, dass Robert de Niro die Hauptrolle spielt und Michael Mann Regie führt. Die deutsche Übersetzung von „The Winter of Frankie Machine“ ist als „Frankie Machine“ für Mitte September angekündigt und der Roman spielt natürlich auch an der kalifornischen Küste.

Bis dahin ist „Pacific Private“ eine spannende Sommerlektüre, auch wenn das Reisebudget nur bis zur nächsten Strandbar reicht.

Noch ein Wort zum Titel: Im Moment geben die Verlage englischsprachigen Krimis gerne einen anderen englischen Titel. So wurde aus Don Winslows „The Dawn Patrol“ bei uns „Pacific Private“. Den deutschen Titel verstehe ich auch nach der Lektüre absolut nicht; vor allem weil der Name Dawn Patrol für das frühmorgendliche Surfertreffen von Boone Daniels und seinen Freunden in der Übersetzung beibehalten wurde. Da hätte Suhrkamp besser den sehr guten Originaltitel beibehalten, als einen vollkommen sinnlosen pseudo-englischen Titel zu erfinden.

Don Winslow: Pacific Private

(übersetzt von Conny Lösch)

Suhrkamp, 2009

400 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

The Dawn Patrol

Alfred A. Knopf, 2008

Hinweise

Homepage von Don Winslow

Mystery Books: Interview mit Don Winslow (circa 2006)

Curled up with a good Book: Interview mit Don Winslow (2007)

Los Angeles Times: Scott Timberg porträtiert Don Winslow (9. Juni 2008)


Erich Kästner und „Die verschwundene Miniatur“

Juli 27, 2009

Kästner - Die verschwundene Miniatur

Ein Todestag ist eine gute Gelegenheit, mal wieder ein Werk des Verstorbenen zu genießen. Lesen wir also zum 35. Todestag von Erich Kästner seine Krimikomödie „Die verschwundene Miniatur – oder auch Die Abenteuer eines empfindsamen Fleischermeisters“. Sie erschien erstmals 1935 und zählt zu den unbekannteren Werken des am 29. Juli 1974 in München verstorbenen Schriftstellers.

Kästners Held, Fleischermeister Oskar Külz, steckt in der Midlife-Crisis. In den vergangenen Jahrzehnten hat er, zusammen mit seiner Frau, eine eigene Metzgerei geführt, für seine Söhne etliche weitere Geschäfte eröffnet und keinen einzigen Tag Urlaub gehabt. Jetzt ist er einfach für einige Tage nach Skandinavien verschwunden und genießt die Ruhe.

In Kopenhagen trifft er auf einer Hotelterrasse die junge, selbstverständlich gutaussehende Privatsekretärin Irene Trübner. Sie soll eine wertvolle Miniatur nach Berlin befördern und hat Angst bestohlen zu werden. Deshalb bittet sie Külz ihr zu helfen. Er ist sofort einverstanden. Allerdings ahnt er nicht, dass sie von einer skrupellosen Gangsterbande beobachet werden.

Als sie am nächsten Tag den Zug zurück nach Berlin nehmen, steckt Irene Trübner dem Fleischermeister, wie besprochen, die Miniatur zu. Kurz darauf wird sie ihm bei einer falschen Zollkontrolle gestohlen. Anstatt sofort zur Polizei zu gehen, versuchen Külz, Trübner und Rudi Struwe, ein junger Mann, der hartnäckig die unverheiratete Sekretärin umwirbt, die Verbrecher auszutricksen.

Dass ab jetzt die Guten und die Bösen sich gegenseitig die Miniatur abluchsen, dass es die echte, sehr wertvolle und eine billige Kopie gibt, dass irgendwann niemand mehr weiß, welches die echte Miniatur ist und dass Struwe mit einer Miniatur verschwindet, gehört zu den Konventionen einer Krimikomödie.

Allerdings hat Erich Kästner seine Hauptfigur, den Fleischermeister Külz als einen zu leichtgläubigen Einfaltspinsel gezeichnet. Er ist ein reiner Tor, der sich in der Fremde sprichwörtlich wie der Elefant im Porzellanladen benimmt, nicht Lügen kann und vertrauensselig bis zum gehtnichtmehr ist. Aber dieser Külz ist der erfolgreiche Geschäftsführer einer Metzgerei. Er kann also gar nicht so naiv sein, wie Kästner ihn beschreibt.

Und die Geschichte ist einfach zu unglaubwürdig. Denn auch wenn eine Krimikomödie, in der ein von allen begehrter Gegenstand ständig den Besitzer wechselt, nicht auf Glaubwürdigkeit, sondern auf schnelle und überraschende Täuschungen angelegt ist, muss doch ein Minimum an geschichtsimmanenter Logik gewahrt bleiben.

Aber spätestens wenn Fräulein Trübner gegen jede Vernunft dem Fleischermeister Külz noch im Zug sagt, sie habe ihm die Fälschung gegeben und ihre Urlaubsbekanntschaft Struwe mit am Tisch sitzt, implodiert die Geschichte. Dass die Verbrecher kurz darauf ganz plötzlich wissen, dass sie die Fälschung geklaut haben und jetzt die echte Miniatur wollen, versetzt ihr den zweiten Todesstoß.

Da kann auch Kästners mild-ironischer Tonfall und seine vereinzelten präzisen Beobachtungen des deutschen Kleinbürgers nichts mehr retten. „Die verschwundene Miniatur“ ist auch als locker-leichte Krimikomödie, die sich um Wahrscheinlichkeit und Glaubwürdigkeit nicht kümmert, einfach zu unglaubwürdig um zu unterhalten.

Erich Kästner: Die verschwundene Miniatur

Atrium Verlag, 2009

256 Seiten

19,90 Euro

Originalausgabe

Atrium Verlag, 1935

Verfilmungen

Die verschwundene Miniatur (D 1954)

Regie: Carl-Heinz Schroth

Drehbuch: Erich Kästner

mit Paola Loew, Ralph Lothar, Paul Westermeier, Lina Carstens, Hubert von Meyerinck, Liesl Karlstadt

Die verschwundene Miniatur (DDR 1990)

Regie: Vera Loebner

Drehbuch: Friedemann Schreiter

mit Kurt Böwe, Ursula Karusseit, Susanne Lüning, Carl Martin Spengler

Hinweise

Wikipedia über Erich Kästner

Kästner-im-Netz

Kästner für Kinder

Erich-Kästner-Gesellschaft