Dr. Siris zweites Abenteuer

August 20, 2009

Cotterill - Dr Siri sieht Gespenster

Mitte Juli erhielt Colin Cotterill den Dagger in the Library. „Dr. Siri und seine Toten“ war für den Barry und Dagger Award nominiert. „Dr. Siri sieht Gespenster“ erhielt den Dily Award. 2008 erschien Cotterills erster Dr.-Siri-Roman „Dr. Siri und seine Toten“ bei uns, wurde breit abgefeiert und war auch zweimal auf der KrimiWelt-Bestenliste.

Also muss Cotterill irgendetwas richtig machen. Allerdings ist sein zweiter auf Deutsch erschienener Roman „Dr. Siri sieht Gespenster“ absolut kein Buch für mich. Durch das erste Drittel habe ich mich gequält. Danach wurde es als humoristische Nummernrevue aus einem anderen Land und einer inzwischen doch sehr fernen Zeit, okay. Aber wirkliche genossen habe ich „Dr. Siri sieht Gespenster“ nicht.

Das lag nicht an dem Ort und der Zeit der Handlung: Laos in den späten Siebzigern, nachdem die Kommunisten den König verjagt haben, alles kontrollieren und vieles nicht funktioniert. Denn auch wenn ich kein großer Freund von historischen Kriminalromanen bin, sind die Siebziger noch nicht so lange Vergangenheit, um das Label „historischer Kriminalroman“ draufzukleben. Außerdem zeichnet Colin Cotterill in erster Linie ein pittoreskes Bild einer exotischen Gegend, in der weltliche Machthaber (egal ob Könige oder Kommunisten; die Kapitalisten waren da gerade nicht in Laos) nur im Einklang mit der übernatürlichen Welt leben können.

Das lag auch nicht an der Verbindung von realer und Geisterwelt. Ich bin zwar kein Fantasy-Fan, aber gegen eine gute Gruselgeschichte habe ich wenig einzuwenden. Gleiches gilt für die Geschichte von Charlie Huston, Jim Butcher oder Malcolm Pryce. Auch die in James Lee Burkes Romanen auftauchenden Geister kann ich akzeptieren.

Das lag auch nicht an Cotterills Desinteresse an dem Krimiplot. Immerhin gibt es neben der Kriminalliteratur auch eine andere Literatur. Dennoch werden Cotterills „Dr. Siri“-Romane in der Krimiabteilung einsortiert. Immerhin muss sich Cotterills Held mit einigen seltsamen Todesfällen herumschlagen.

Der 72-jährige Dr. Siri Paibouns ist nicht nur der einzige Gerichtsmediziner von Laos, sondern auch der menschliche Körper eines noch viel älteren Geistes. Seitdem Siri das weiß, hat er exzellente Beziehungen zur Geisterwelt, die in Laos immer wieder in die andere, die reale Welt eingreift. So ist auch anfangs unklar, ob der Tod von zwei Fahrradfahrern, die an einem Brunnen vor einem Ministerium gefunden wurden, von einem Menschen oder einer im Ministerium stehenden Truhe mit bösem Karma verursacht wurde. Dr. Siri glaubt an letzteres.

Gleichzeitig frisst sich ein aus seinem Käfig ausgebrochener Bär, dessen Bissspuren nicht nach denen eines Bären aussehen, durch die Straßen der Hauptstadt. Und in einer abgelegenen Provinz soll Dr. Siri die Herkunft von zwei abgeschossenen und verbrannten Hubschrauberpiloten klären. Dort trifft er den geschassten König und – eine der witzigsten Szenen des Buches – erlebt eine Parteiversammlung, die zu einer Geisterbeschwörung wird.

Die Morde werden am Ende mehr oder weniger nebenbei aufgeklärt. Im Zweifelsfall waren es irgendwie Taten der Geister gegen die Lebenden. Dabei werden Fragen nach der geschichtsinternen Logik und Wahrscheinlichkeit von Cotterill ziemlich umfassend ignoriert.

Es lag daher vielleicht an falschen Erwartungen. Denn es dauerte gut hundert Seiten bis ich akzeptierte, dass in „Dr. Siri sieht Gespenster“ nicht mit irgendwie herkömmlichen Ermittlungen gerechnet werden kann. Eher schon mit dem Vermeiden von Ermittlungen und einem betonten Desinteresse an auch nur halbwegs herkömmlichen Ermittlungen (verstanden als Handlungen die dazu geeignet sind, das Ziel [aka die Auflösung des Falles] zu erreichen).

Allerdings kann ich gut mit den Werken von Ken Bruen und James Sallis leben, die die Genrekonventionen bis zum Gehtnichtmehr (und teilweise darüber hinaus) dehnen. Denn deren Tonfall gefällt mir und sie porträtieren einen Charakter und eine Welt, die ich nachempfinden kann.

Bei „Dr. Siri sieht Gespenster“ ließen mich die Charaktere kalt und Laos wirkte auf mich wie ein tropisches Disneyland, in dem sich auch in einer Diktatur mit etwas Mutterwitz (irgendwie musste ich immer an alte Heinz-Rühmann- und Heinz-Erhardt-Filme denken) noch jedes Problem lösen lässt.

Es lag auch an der Sprache. Jedenfalls in der Übersetzung.

Colin Cotterill: Dr. Siri sieht Gespenster

(übersetzt von Thomas Mohr)

Manhattan, 2009

320 Seiten

17,95 Euro

Originaltitel

Thirty-Three Teeth

Soho Press, New York 2005

Dr. Siri Paibouns Fälle

Dr. Siri und seine Toten (The Coroner’s Lunch, 2004)

Dr. Siri sieht Gespenster (Thirty-Three Teeth, 2005)

Disco for the Departed (2006)

Anarchy and Old Dogs (2007)

Curse of the Pogo Stick (2008)

The Merry Misogynist (2009)

Hinweise

Homepage von Colin Cotterill

International Crime Authors Reality Check (Kollektiv-Blog von Colin Cotterill und anderen)


Der kriminelle Buchherbst – Teil 6: Hauptsächlich regional, aber mit südamerikanischem Einschlag

August 19, 2009

Edition Köln

September

Peter Faecke: Der Kardinal, ganz in Rot und frisch gebügelt (Kommissar Kleefisch muss sich mit den Morden an einer jungen Türkin und einer Marokkanerin herumschlagen. In Köln brodelt es mächtig zwischen den Kulturen.)

H. B. Lüttke: Ich liebe dich, Du tötest mich (Ein Lehrer verknallt sich in eine kurdische Schülerin. In einem Krimi kann das nur in Mord und Totschlag enden.)

Oktober

Adolf Streckfuß: Der tolle Hans (Criminalbibliothek 1850 – 1933 – Band IV, ein Krimi aus dem Jahr 1871 über einen Raubmord und die Beweisführung anhand von Indizien)

Ernst von Wildenbruch: Das wandernde Licht (Criminalbibliothek 1850 – 1933 – Band V, psychologisch fundierte Kriminalliteratur aus dem Jahr 1893 verspricht der Verlag)

November

Barolomé Leal: Tod in La Paz (Ein Antiquar und Privatdetektiv soll den Mord eines von Drogenhändlern Ermordeten aufklären.)

Dezember

Barbara Keller: „Sieht so eine Mörderin aus?“ (die BerlinKriminell-Macherin schreibt über ihre Begegnungen mit Frauen vor dem Kriminalgericht Berlin-Moabit. Es ist der Start der neuen Reihe „Wahre Kriminalgeschichten“.)

Bereits erhältlich

Die von Frank Göhre herausgegebene „Kriminelle Sittengeschichte Deutschlands“ (eine zehnbändige Geschichte des deutschen Krimis und des Landes von 1957 bis 1993) gibt’s jetzt im 10er-Pack für 48 Euro beim Verlag:

Egon Eis: Duell im Dunkel (1957)

Hansjörg Martin: Kein Schnaps für Tamara (1966)

Friedhelm Werremeier: Taxi nach Leipzig (1970)

-ky: Einer von uns beiden (1972)

Michael Molsner: Rote Messe (1973)

Irene Rodrian: Schlaf, Bübchen, schlaf (1980)

Helge Riedel: Einer muss tot (1983)

Peter Schmidt: Die Regeln der Gewalt (1984)

Peter Zeindler: Feuerprobe (1991)

Robert Brack: Psychofieber (1993)

Matthes & Seitz

August

Manfred Iwan Grunert: Amerikanskij Wolp (ein Kriegsreporter soll auf Wunsch der Russenmafia sterben, damit sein Doppelgänger weiterleben kann. Der Reporter versucht das zu verhindern – und der geneigte Leser darf sich durch gut 1000 Seiten kämpfen.)

Verbrecher Verlag

November

Tobias Ebbrecht: Bilder hinter den Worten – Spurensuche im Zwischenraum: Der Filmemacher Romuald Karmakar (eine Annäherung an den umstrittenen Regisseur.)

Hinweis

Der kriminelle Buchherbst – Teil 1: Ein Halleluja für Hollywood (Alexander Verlag, Belleville, Bertz + Fischer, Henschel)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 2: Zurück in die Provinz (Emons, Gmeiner)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 3: Regionale Küche, teils mit ausländischem Einschlag (Edition Nautilus, Grafit, Pendragon)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 4: Gemischte Küche, hauptsächlich aus fremden Gefilden (Edition Phantasia, Liebeskind, Rotbuch, Tropen, Unionsverlag)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 5: Nochmal gemischte Küche (Fischer Verlag)


Der kriminelle Buchherbst – Teil 5: Nochmal gemischte Küche

August 15, 2009

Fischer Verlag

12. August

Sigrid Neudecker: Wie war ich? – Der Mythos vom perfekten Sex (ein Ratgeber, der zu mehr Entspannung beim Geschlechtsverkehr rät. Also nix mehr mit stundenlangen Orgasmen, flotten Dreiern und Hochleistungssport im Bett. Endlich!)

Simon Schott: Der Barpianist – Kriegserinnerungen eines Überlebenskünstlers (Schott schrieb auch „Die Foldex-Krimis“)

Raffi Yessayan: Blutbad (Debüt: In Boston hinterlässt ein Serienkiller von seinen Opfern nur eine mit Blut gefüllte Badewanne. Zwei Polizisten jagen ihn.)

9. September

Helen Black: Schweigepflicht (Debüt: eine Pflichtverteidigerin hilft einer Vierzehnjährigen und stößt auf ein Geflecht aus Drogengeschäften, Kinderpornographie und Erpressung. – Tja, nun.)

13. Oktober

John Follain: Die letzten Paten – Aufstieg und Fall der Corleones (Sachbuch über den titelgebenden Mafia-Clan, geschrieben vom langjährigen Italienkorrespondent der „Sunday Times“ und des „Sunday Times Magazine“)

Robert Masello: Eiskaltes Blut (Als Journalist Michael Wilde über das Leben in einer Antarktis-Forschungsstation recherchiert, werden in einem Gletscher zwei vor 150 Jahren aneinander gekettete Leichen gefunden. Wilde will herausfinden, warum sie starben.)

11. November

Sabine Alt: Gegen das Licht (Auf einer Vernissage entdeckt die erfolgreiche Stefanie Plessen, dass es einen Zeugen für ein früheres Verbrechen gibt. Sie wird – denke ich mal – versuchen, den Zeugen zum Schweigen zu bringen.)

Felix Huby: Bienzle und das ewige Kind (ein neuer Bienzle, der sich verdächtig nach der Romanfassung seines Tatortes „Bienzle und der Tod in der Markhalle“ liest. Aber nach Hubys Biographie „Fast wie von selbst“ habe ich „Bienzle im Reich des Paten“, eine unterhaltsame Räuberpistole mit viel Berlin und Konstanz, gelesen. Ich bin also gespannt auf den neuen Bienzle-Roman. Bis dahin probier ich’s mit seinem neuen Heiland-Krimi „Null Chance“.)

8. Dezember

Yrsa Sigurdardóttir: Die eisblaue Spur (führt in ihrem vierten Fall die Anwältin Gudmundsdóttir auf ein entlegenes Forschungscamp und zu feindseligen Einheimischen.)

Carlene Thompson: Du wirst die Nächste sein (An einem einsamen See verschwindet Zoey. Jahre später will ihre Freundin Chyna Greer das Geheimnis ihres Verschwindens lösen und – Überraschung! – der Mörder wartet bereits auf sie.)

Hinweis

Der kriminelle Buchherbst – Teil 1: Ein Halleluja für Hollywood (Alexander Verlag, Belleville, Bertz + Fischer, Henschel)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 2: Zurück in die Provinz (Emons, Gmeiner)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 3: Regionale Küche, teils mit ausländischem Einschlag (Edition Nautilus, Grafit, Pendragon)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 4: Gemischte Küche, hauptsächlich aus fremden Gefilden (Edition Phantasia, Liebeskind, Rotbuch, Tropen, Unionsverlag)


Der kriminelle Buchherbst – Teil 4: Gemischte Küche, hauptsächlich aus fremden Regionen

August 13, 2009

oder einmal quer durch den Gemüsegarten, mal mit Mord, mal mit Terror, mal sogar ganz ohne Verbrechen

Edition Phantasia

August

Brian W. Aldiss: Terror (ist ein gesellschaftskritischer Science-Fiction-Roman. England wurde durch den Krieg gegen den Terror zum Polizeistaat. Der unschuldige Schriftsteller Autor Paul Fadhil Abbas Ali wird verdächtigt ein Terrorist zu sein. – Das neue Werk eines Altmeisters.)

Rex Miller: Im Blutrausch (ist der „Fettsack“-Autor auch in diesem Splatterkrimi. Jack Eichord jagt in dieser Erstausgabe einen Auftragskiller mit desolatem Privatleben.)

Liebeskind

August

Philip K. Dick: Unterwegs in einem kleinen Land (Deutsche Erstveröffentlichung eines posthum erschienen Werkes, das KEIN S-F-Roman, sondern eine Milieuschilderung der amerikanischen Mittelschicht zu Beginn der fünfziger Jahre ist.)

David Peace: Tokio im Jahr Null (Nach dem Red-Riding-Quartett jagt David Peace in Tokio einen Serienmörder.)

Rotbuch

August

Richard Aleas: Lieder der Unschuld (ein Hard-Case-Crime-Buch und der zweite Fall für den aus „Tod einer Stripperin“ bekannten Privatdetektiv John Blake)

Robert Bloch: Shooting Star (ein Hard-Case-Crime-Buch, mit diesem schönen Originalcovertext: „When Murder comes to Hollywood, only a one-eyed Private Eye can spot the Killer“)

Max Allan Collins: Der letzte Quarry (ein Hard-Case-Crime-Buch; der spannende letzte Auftrag für Collins‘ Auftragskiller)

Allan Guthrie: Hard Man (die weiteren Abenteuer des aus „Post Mortem“ bekannten Pearce. Jetzt soll er eine schwangere 16-jährige beschützen. Garantiert kein betulicher Häkelkrimi.)

Jörg Juretzka: Der Willy ist weg (aber dafür ist Juretzkas 2002 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnetes Werk wieder da.)

September

Jürgen Ebertkowski: Blutwäsche (der vierte Fall für Eugen Meunier ist sicher ein spannender Wirtschaftskrimi)

Christa Faust: Control Freak (deutsche Erstausgabe des Debüts der Autorin des von mir und vielen anderen geliebten „Hardcore Angel“)

Tropen

31. August

Jonas T. Bengtsson: Submarino (klingt nach einem gut abgehangenen Noir: zwei gescheiterte Existenzen, die nach dem Tod ihrer Mutter einen Neuanfang versuchen. In Dänemark ist’s ein Bestseller und „Das Fest“-Regisseur Thomas Vinterberg will’s verfilmen.)

Massimo Carlotto/Marco Videtta: Wo die Zitronen blühen („Carlotto und Videtta erzählen die bittere Wahrheit über unsere korrupte Gesellschaft“, sagt der Verlag. Mal sehen, ob’s stimmt.)

Mehmet Murat Sommer: Der Kuss-Mord (geschieht in Istanbul und eine Transe ermittelt im Milieu. – Könnte mir, weil’s so angenehm untouristisch klingt und der nächste Remzi-Ünal-Krimi von Celil Oker noch nicht angekündigt ist, gefallen.)

Unionsverlag

Wenig neues bei Metro, aber dafür die Gelegenheit, Lücken in der Sammlung zu schließen:

bereits erschienen

Chester Himes: Harlem-Romane (enthält „Die Geldmacher von Harlem“, „Heiße Nacht für kühle Killer“ und „Fenstersturz in Harlem“. – Sein 100. Geburtstag war am 29. Juli und niemand hat’s bemerkt.)

Petra Ivanov: Fremde Hände – Ein Fall für Flint und Cavalli (Taschenbuch-Ausgabe; die Erstausgabe erschien 2005 im Appenzeller Verlag)

Claudia Pineiro: Elena weiß Bescheid (ihr neues Buch – Besprechung demnächst)

Claudia Pineiro: Ganz die Deine (Taschenbuch-Ausgabe)

Nury Vittachi: Der Fengshui-Detektiv im Auftrag Ihrer Majestät (Die Briten benötigen die Hilfe von. C. F. Wong, der nach den ersten Toten seine Honorarforderungen beträchtlich erhöht.)

23. September

Hannelore Cayre: Der Lumpenadvokat (Taschenbuch-Ausgabe)

Frank Göhre: Mo – Der Lebensroman des Friedrich Glauser (Taschenbuch-Ausgabe eines ursprünglich bei Pendragon erschienenen Werkes)

Jean-Claude Izzo: Die Marseille-Trilogie (enthält „Total Cheops“, „Chourmo“ und „Solea“ – also, wenn sie die Bücher immer noch nicht gekauft haben, können sie jetzt zuschlagen)

Manfred Wieninger: Rostige Flügel (Taschenbuch-Ausgabe eines erstmals 2008 im Haymon Verlag erschienenen Krimis.)

Hinweis

Der kriminelle Buchherbst – Teil 1: Ein Halleluja für Hollywood (Alexander Verlag, Belleville, Bertz + Fischer, Henschel)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 2: Zurück in die Provinz (Emons, Gmeiner)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 3: Regionale Küche, teils mit ausländischem Einschlag (Edition Nautilus, Grafit, Pendragon)


Sherlock Holmes und der Fall der „Berliner Literaturkritik“

August 12, 2009

In der Berliner Literaturkritik ist mein, hm, Porträt von Sherlock Holmes erschienen. Der Anlass waren der Geburtstag von Sir Arthur Conan Doyle und das Erscheinen von drei Werken mit Sherlock-Holmes-Geschichten: das von David Ian Davies gelesene Hörbuch „The Adventures of Sherlock Holmes“, die Neuauflage der „Sherlock Holmes Geschichten“ (Diogenes) und die wahrscheinlich Erstauflage von „Sherlock Holmes Kriminalgeschichten“ (dtv). Das erste Buch ist ein reguläres, von Doyle zusammengestelltes Werk. Die letzten beiden sind neue Zusammenstellungen.

Doyle - The Adventures of Sherlock Holmes

The Adventures of Sherlock Holmes“ enthält:

A Scandal in Bohemia

The Red-headed League

A Case of Identity

The Boscombe Valley Mystery

The Five Orange Pips

The Man with the Twisted Lip

The Adventure of the Blue Carbuncle

The Adventure of the Speckled Band

The Adventure of the Enginieer’s Thumb

The Adventure of the Noble Bachelor

The Adventure of the Beryl Coronet

The Adventure of the Copper Beeches

Doyle - Sherlock Holmes Geschichten

Sherlock Holmes Geschichten“ (Diogenes) enthält:

Das gefleckte Band (The Adventure of the Speckled Band, aus The Adventures of Sherlock Holmes)

Der zweite Fleck (The Adventure of the Second Stain, aus The Return of Sherlock Holmes)

Der Mann mit der Narbe (The Man with the Twisted Lip, aus The Adventures of Sherlock Holmes)

Ein Skandal in Böhmen (A Scandal in Bohemia, aus The Adventures of Sherlock Holmes)

Der Bund der Rothaarigen (The Red-Headed League, aus The Adventures of Sherlock Holmes)

Der blaue Karfunkel (The Adventure of the Blue Carbuncle, aus The Adventure of Sherlock Holmes)

Der Teufelsfuß (The Adventure of the Devil’s Foot, aus His Last Bow)

Der Rote Kreis (The adventure of the Red Circle, aus His Last Bow)

Doyle - Sherlock Holmes Kriminalgeschichten

Sherlock Holmes Kriminalgeschichten“ (dtv) Zusammenstellung enthält:

Silberstern (Silver Blaze, aus The Memoirs of Sherlock Holmes)

Das Ritual der Musgrave (The Musgrave Ritual, aus The Memoirs of Sherlock Holmes)

Der Verein der Rothaarigen (The Red-Headed League, aus The Adventures of Sherlock Holmes)

Die Geschichte mit dem zweiten Fleck (The Adventure of the Second Stain, aus The Return of Sherlock Holmes)

Der griechische Dolmetscher (The greek Interpreter, aus The Memoirs of Sherlock Holmes)

Die Geschichte mit dem gesprengelten Bande (The Adventure of the Speckled Band, aus The Adventures of Sherlock Holmes)

Die Geschichte mit der Pappschachtel (The Adventure of the Cardboard Box, aus His Last Bow)


Der kriminelle Buchherbst – Teil 3: Regionale Küche, teils mit ausländischem Einschlag

August 11, 2009

Edition Nautilus

26. August

Andrea Maria Schenkel: Tannöd (in einer Geschenkausgabe mit einem Titelbild von Tomi Ungerer. Die Verfilmung soll am 19. November starten.)

Jan Costin Wagner: Sandmann träumt (ein Kaliber.64-Buch über einen Lehrer, der sich in eine Schülerin verliebt)

Grafit

bereits erschienen

Hagemann & Stitz: Jung stirbt, wen die Götter lieben (historischer Krimi aus der Zeit, als die Römer in Germanien das Sagen hatten)

Andreas Hoppert: Der Thule-Code (Marc Hagen ist zurück)

August

Frank Bresching: Der Teufel von Grimaud (hat eine 14-jährige ermordet. Kommissar Balleroy sucht den Mörder und findet auch eine jahrzehntelang gehütete Geheimnisse.)

Ella Theis: Die Spucke des Teufels (historischer Krimi aus der Zeit, als Friedrich II. die Kartoffel entdeckte)

September

Leo P. Ard/Reinhard Junge: Mordsschnellweg (Kurzgeschichten)

Thomas Hoeps/Jac. Toes: Das Lügenarchiv (Haben Dritte-Welt-Aktivisten irrtümlich einen Kunstrestaurator umgebracht. – Die erste Zusammenarbeit von Hoeps und Toes wurde für den Gouden Stroup nominiert.)

Harri Nykänen: Ariel – Mord vor Jom Kippur (in Helsinki. Zum Glück ermittelt der jüdische Kommissar Ariel Kafka.)

Oktober

Ralph Gerstenberg: Feuer im Aquarium (Hat Al Qaida in Berlin einen Anschlag verübt? Und was hat der Arbeitslose Henry Palmer damit zu tun? Die Lösung gibt’s nach 280 Seiten.)

Michael Herzig: Die Stunde der Töchter (oder: eine Polizistin sitzt bei der Suche nach einem entführtem Raubgutkunsthändler zwischen allen Stühlen.)

Jan Zweyer: Goldfasan (historischer Krimis aus der Zeit, als die Nazis im Ruhrpott wüteten)

Pendragon

So langsam wird der Pendragon-Verlag zur Auffangstation für renommierte deutsche Krimiautoren aus den Siebzigern und Achtzigern, die in den vergangenen Jahren ganz weit abseits des Rampenlichtes standen und in den Wühlkisten überlebten. Ich sage nur Frank Göhre, Wolfgang Schweiger, Friedhelm Werremeier. Und die Renaissance der alten Helden geht weiter.

Bereits erschienen

Roger Strub: Waches Auge (ist anscheinend eine weitere Variation zum Thema „Selbstjustiz“, in dem eine Kommissarin den Mörder jagt.)

Klaus-Peter Wolf: Samstags, wenn Krieg ist (Neuauflage eines Krimis über rechtsradikale Jugendliche in der Provinz. Vor gut fünfzehn Jahren gefiel mir das Buch ganz gut.)

12. August

Günthr Butkus (Hrsg.): Mord-Westfalen II – Kriminelle Geschichten aus Westfalen (erzählt von -ky, Max von der Grün, Frank Göhre, Willi Voss, u. a.)

Sabine Ernst: Der Krieger (Kommissarin Hanna Brandt sucht in Herford einen Dreifachmörder. Die Spur führt in die Vergangenheit.)

Wolfgang Schweiger: Kein Ort für eine Leiche – Chiemgau-Krimi (Die Kommissare Gruber und Bischoff suchen den Mörder eines 59-jährigen.)

Franz Zeller: Herzlos (Debüt: In Salzburg wird munter gestorben und der ‚liebeswunde‘ Chefinspektor Franco Moll ermittelt ‚in alle Richtungen‘. – Hm.)

16. September

Sandra Lüpkes: In Hermanns Schatten – Kriminelle Geschichten aus Nordrhein-Westfalen

Robert B. Parker: Hundert Dollar Baby (Hundred-Dollar Baby, 2006 – Tja, ein neuer Spenser, in dem auch April Kyle dabei ist.)

Willi Voss: Pforte des Todes (klingt nach einem 08/15-Mystery-Thriller um eine Sekte, die weiß, wie man aus dem Jenseits zurückkehren kann. – Weil Willi Voss ein Guter ist, ist „Pforte des Todes“ sicher kein 08/15-Mystery-Thriller)

Hinweis

Der kriminelle Buchherbst – Teil 1: Ein Halleluja für Hollywood (Alexander Verlag, Belleville, Bertz + Fischer, Henschel)

Der kriminelle Buchherbst – Teil 2: Zurück in die Provinz (Emons, Gmeiner)


Der kriminelle Buchherbst – Teil 2: Zurück in die Provinz

August 9, 2009

Nach Hollywood (schöne Bilder, aber auch zu viel Bildung) geht’s zurück in heimische Gefilde und ziemlich oft in die Vergangenheit. Werfen wir einen Blick auf die Speisekarte von zwei sehr in den Regionen verwurzelten Gasthäusern:

Emons

Im Frühling begann Emons mit einer Reihe „True Crime“ und im Herbst beginnt der Kölner Verlag mit einer „Tatort“-Reihe. Es sind klassische Romane zum Film und ich bin schon ziemlich gespannt auf das Ergebnis.

Natürlich gibt’s auch eine Ladung Regionalkrimis.

August

Udo Bürger: Bleche Botz und Klingelpütz – Kölner Kriminalfälle von 1815 – 1918

Volker Mauersberger: Kalte Wut – Der Fall Ellen Rinsche (Rekonstruktion eines wahren Mordfalls aus dem Nachkriegsdeutschland)

Renate Naber/Cornelia Ehses: Zeit der Strafe (Köln-Krimi mit einer Pfarrerin als Mörderjägerin.)

September

Rudolf Jagusch: Nebelspur (Ein Kommissar will herausfinden, warum seine Schwester vor vielen Jahren verschwunden ist.)

Dietmar Lykk: Totenuhr (ein Flensburg-Krimi)

Edgar Noske: Letzte Ausfahrt Eifel (Ähem, ein Eifel-Krimi mit Kommissar Roger Lemberg. Dieses Mal sucht er einen Polizistenmörder.)

Hannes Nygaard: Der Inselkönig (ein weiterer Hinterm-Deich-Krimi des sehr produktiven Nygaard)

Silke Urbanksi: Störtebekers Henker (ein Krimi aus dem Mittelalter)

Tatort

Martin Conrath: Aus der Traum (nach dem Tatort-Krimi von Fred und Léonie Breinersdorfer, mit Frank Kappl und Stefan Deininger)

Günther Jurczyk: Strahlende Zukunft (nach dem Tatort-Krimi von Christian Jeltsch, mit Inga Lürsen und Nils Stedefreund)

Martin Schüller: Die Blume des Bösen (nach dem Tatort-Krimi von Thomas Stiller, mit Max Ballauf und Freddy Schenk)

Martin Schüller: A gmahde Wiesn (nach dem Tatort-Krimi von Friedrich Ani, mit Franz Leitmayr und Ivo Batic)

Oliver Wachlin: Blinder Glaube (nach dem Tatort-Krimi von Andreas Pflüger, mit Till Ritter und Felix Stark)

Oliver Wachlin: Todesstrafe (nach dem Tatort-Krimi von Mario Giordano und Andreas Schlüter, mit Eva Saalfeld und Andreas Keppler)

Oktober

Sybille Baecker: Körperstrafen (auch die Schwaben morden)

Luc Bahl: Der Jakobs-Tarot (Was haben heutige Morde auf dem Jakobsweg mit Albrecht Dürer zu tun? Die Kommissare Pier und Kaiser wollen es wissen.)

Ralf Dorweiler: Badische Blutsbrüder (oder: was die Schwaben können, können die Badenser schon lange)

Edgar Franzmann: Millionenallee (Köln-Krimi über verbrecherische Umtriebe in einem Parfüm-Konzern und hilfsbereite Bettler)

Peter Freudenberger: Stiller und die Finsternis (in Aschaffenburg. Denn dort wurde während eines Ritterspiels ein bizarrer Mord verübt. Journalist Stiller recherchiert.)

Brigitte Glaser: Bienenstich (Spitzenköchin Katharina muss wieder Mörder jagen.)

Georg Gracher: Hanbalz (ein Energie-Lobbyist wird in den Alpen erschossen. Gendarmerie-Major Oskar Jacobi ermittelt.)

Hannsdieter Loy: Rosenmörder (ist der abschließende Band der in Oberbayern spielenden Rosen-Trilogie)

Manfred Megerle: Seeteufel (Am Bodensee sterben Obdachlose und alte Frauen wie die Fliegen. Kommissar Wolf ermittelt.)

Jutta Mehler: Saure Milch (In Fannis Garten wird eine Leiche entdeckt und bevor die Polizei den Falschen verhaftet, beginnt sie den Täter zu suchen.)

Antonia Pauly: Tod auf dem Mühlenschiff (ein Krimi aus dem Mittelalter)

Oliver Pautsch: Seelentöter (geht im Rheinland um: er tötet Frauen, die wie Kommissarin Broder aussehen.)

Marcus Raffelsberger: Menschenteufel (ein Wien-Krimi)

Britt Reißmann: Zimmer ohne Aussicht (ein Stuttgart-Krimi mit einem ermordeten Zugbegleiter, einem 23 Jahre zurückliegendem Bankraub und zwei Ermittlern, die auch ihre Beziehung zueinander klären müssen)

November

Thomas Roth: „Verbrechensbekämpfung“ und soziale Ausgrenzung im nationalsozialistischen Köln (Schriften des NS-Dokumentationszentrums 15, erhielt 2007 den Köln-Preis und ist mit 900 Seiten wahrlich keine leichte Lektüre)

Frank Schmitter: Die Stille nach dem letzten Satz (Niederrhein-Krimi: Hat die Mullmafia eine Journalistin umgebracht? Oder waren’s neidische Kollegen?)

Gmeiner

Der Krimiverlag aus dem Süden der Republik haut, wie immer, seine gesamtes Halbjahresprogramm an einem Tag heraus. Deshalb müssten alle Titel in der gutsortierten Buchhandlung ihres Vertrauens gegen einen geringen Obulus erhältlich sein.

Die historischen Krimis

Herbert Beckmann: Die indiskreten Briefe des Giacomo Casanova (historischer Krimi aus dem alten Preußen)

Dagmar Fohl: Das Mädchen und sein Henker (spielt im Hamburg des 18. Jahrhunderts)

Uwe Klausner: Pilger des Zorns (fallen 1416 in Mainfranken ein und Bruder Hilpert muss wieder für Gerechtigkeit sorgen)

Sabine Klewe: Die schwarzseidene Dame (läuft 1819 durch Düsseldorf)

Norbert Klugmann: Die Adler von Lübeck (ist ein neuer, in Lübeck 1602 spielender Fall, für die Hebamme Trine Deichmann)

Gerhard Loibelsberger: Die Naschmarkt-Morde (im Wien der Jahrhundertwende)

Die zeitgenössischen Krimis

Beate Baum: Ruchlos (In Dresden stirbt ein rechthaberischer Rentner. Journalistin Kirsten Bertram glaubt nicht an einen natürlichen Tod und beginnt zu recherchieren.)

Burger/Imbsweiler/Schöbel (Hrsg.): Tödliche Wasser (ist die offizielle Anthologie der „Krimitage Heidelberg“ mit Geschichten von -ky, Marcus Imbsweiler, Carlo Schäfer und Friederike Schmöe.)

Anni Bürkl: Schwarztee (Während einer Lesung in ihrem Teesalon nibbelt ein Besucher ab. Die Salon-Besitzerin sucht den Mörder.)

Norbert Horst Bosetzky (-ky): Unterm Kirschbaum (Ein Theodor-Fontane-Krimi mit Kommissar Mannhardt. – [Sorry, -ky. Wird nie wieder vorkommen.])

Anke Clausen: Dinnerparty (aka Fressen bis zum Tod. Denn bei dieser Promi-Kochshow stirbt die Gastgeberin und alle Promi-Köche haben einen guten Grund, der Gastgeberin etwas Gift in das Essen zu mischen.)

Pierre Emme: Pasta Mortale (müsste der letzte Roman des 2008 verstorbenen Autors sein)

Bernd Franzinger: Leidenstour (Kommissar Tannenberg muss herausfinden, wer den Mechaniker eines Trainingslagers für die Tour de France ermordete.)

Matthias P. Gibert: Eiszeit (In Kassel wird der Besitzer einer Eisdiele ermordet. Kommissar Lenz hält einen Investor, der ein wasserdichtes Alibi und gute Beziehungen hat, für den Mörder.)

Christian Gude: Homunculus (Kommissar Rünz muss sich in Darmstadt mit humanoiden Robotern und deren Erschaffern herumschlagen.)

Sigrid Hunold-Reime: Schattenmorellen (Eine alte Frau erinnert sich an einen Jahrzehnte zurückliegenden Mordfall. Aber auch die Gegenwart ist mörderisch. – Wird als „Frauenroman“ beworben und ist daher nichts für mich.)

Marcus Imbsweiler: Altstadtfest (Dort läuft jemand Amok. Es gibt Tote. Die Polizei, Geheimdienste und Privatdetektiv Max Koller ermitteln. – Einmal dürfen Sie raten, wer den Täter überführt.)

Paul Lascaux: Feuerwasser (ist der dritte Fall für die Berner Detektei Heinrich Müller und Nicole Himmel)

Kurt Lehmkuhl: Nürburghölle (Wurde ein Anschlag auf zwei Rennfahrer während des 24-Stunden-Rennens verübt? Der pensionierte Kommissar Böhnke ermittelt.)

Bernd Leix: Fächertraum (Dieses Mal scheint Kommissar Oskar Lindt eine ausgewachsene Herbstdepression zu pflegen. Zigarettenschmuggel und seltsame Tatorte lenken da kaum ab.)

Isabel Morf: Schrottreif (Debüt: In einem Fahrradladen liegt eine Leiche. Die Züricher Polizei und die Ladenbesitzerin ermitteln.)

Reinhard Pelte: Inselkoller (ist der Debüt-Tipp des Verlages: Kommissar Tomas Jung will herausfinden, wer eine Sylter Immobilienmaklerin ermordete.)

Harald Schneider: Erfindergeist (Wenn ein Kommissar Urlaub macht, ist die nächste Leiche nicht weit weg. Aktuelles Erholungsziel ist der Holiday Park Haßlich.)

Friederike Schmöe: Fliehganzleis (ist ein Krimi zum 20. Jahrestag des Mauerfalls. Aber schnell geht es noch weiter in die Vergangenheit.)

Erich Schütz: Judengold (Ein Journalist stößt bei Recherchen auf einen lange zurückliegenden Goldschmuggel.)

Willibald Spatz: Alpendöner (In Kempten wird eine alte Frau erstochen. Ein Dönerbudenbesitzer ist verdächtig und Jungjournalist Birne beginnt zu recherchieren. – Schöner Titel.)

Franziska Steinhauer: Wortlos (In Cottbus wird eine Studentin aus Haiti ermordet. Kommissar Nachtigall ermittelt.)

Hinweis

Der kriminelle Buchherbst – Teil 1: Ein Halleluja für Hollywood (Alexander Verlag, Belleville, Bertz + Fischer, Henschel)


Will Holden Carver immer noch aussteigen?

August 7, 2009

Brubaker - Sleeper 3 - Die Gretchenfrage

Die von Autor Ed Brubaker und Zeichner Sean Phillips erfundene Saga von Holden Carver, eines guten Menschen, der Böses tun muss, geht mit dem dritten „Sleeper“-Band „Die Gretchenfrage“ furios weiter. Carver ist ein für International Operations in ein weltumspannendes Verbrecherimperium eingeschleuster Undercover-Agent. Am Ende des zweiten „Sleeper“-Bandes wurde er von Tao, dem Chef des Verbrecherimperiums, enttarnt. Aber Tao hat ihn nicht getötet. Denn der genial-skrupellose Tao ist sich sicher, dass Carver inzwischen zu einem von ihnen geworden ist. Außerdem hat Carver keine Verbindungen mehr zu seinem früheren Arbeitgeber. Denn sein Führungsoffizier John Lynch (der einzige Mann, der bei I. O. von dieser Operation weiß) liegt im Koma liegt.

Also fügt Carver sich resigniert seinem Schicksal.

Aber jetzt ist Lynch aus dem Koma erwacht und er versucht, letztendlich erfolgreich, Carver zu kontaktieren. Tao schickt Carver zu dem Treffen nach Kairo. Aber Carver hat Tao nicht alles gesagt. Er will in Kairo noch etwas anderes erledigen. Als Carver am vereinbarten Treffpunkt ist, wird auf ihn geschossen. Er flüchtet.

Carver, der abgesehen von seinem nicht existierendem Schmerzempfinden, ein gewöhnlicher Mensch ist, ist für Lynch und Tao nur ein Spielball. Sie stoßen ihn herum und sagen ihm immer nur den Teil der Wahrheit, der ihnen gerade in ihre Pläne passt. Carver weiß nicht, wem er vertrauen kann. Er weiß auch nicht mehr, auf welcher Seite er steht. Denn er hat bei den Verbrechern neue Freunde gefunden, die von seinen alten Freunden ermordet wurden. Diese halten ihn für einen Verräter. Sie jagen ihn. Sie foltern ihn. Sie wollen ihn töten. Und vor allem fragt Carver sich inzwischen, wer die Bösen sind.

Als er in Kairo seine frühere Freundin Veronica trifft, versucht sie ihn zur Rückkehr zu bewegen und sagt: „Er ist ein Terrorist, Holden. Er hat Regierungen rund um den Globus destabilisiert. Er hat Unschuldige getötet und Gott weiß was noch getan, von dem wir nichts wissen.“

Er antwortet: „Was habe ich denn deiner Meinung für I. O. getan? Regierungen destabilisiert, Unschuldige getötet und jede Menge Sachen, über die du wirklich nichts wissen möchtest. (…) Für Typen wie Lynch und Tao ist die ganze Welt nur ein Spielplatz.“

In solchen Momenten wird „Sleeper“ auch zu einem illusionslosem und pathosfreiem Spiegelbild der US-amerikanischen Politik und, immerhin erschienen die im dritten „Sleeper“-Band versammelten Einzelhefte 2004 und 2005, zu einer Metapher für den Kampf des Westens gegen den islamistischen Terrorismus. Dann ist „Sleeper“ gar nicht so weit weg von den erfolgreichen TV-Serien „24“ und „Battlestar Galactica“.

Und wenn Carver in „Die Gretchenfrage“ erzählt, wie Taos Männer nach 9/11 reisen, dann ist das eine lakonische Absage an den staatlichen Sicherheitswahn.

Am Ende von „Die Gretchenfrage“ liegen für Carver und seine Freundin Gretchen die Karten auf dem Tisch. Wie es Carver gelingt, sein altes Leben wieder zurückzugewinnen (falls er das überhaupt noch will), wird im vierten und abschließenden „Sleeper“-Band „Das lange Erwachen“ erzählt. Er ist für Dezember angekündigt.

Bis dahin ist also noch genug Zeit, die vorherigen „Sleeper“-Bände zu lesen.

Ed Brubaker/Sean Phillips: Sleeper 3 – Die Gretchenfrage

(übersetzt von Maria Morlock)

Cross Cult, 2009

152 Seiten

19,80 Euro

Originalausgabe

Sleeper 3: A crooked line

Wildstorm/DC Comics 2005

enthält

Sleeper: Season 2, 1 – 6

DC Comis, 2004/2005

Hinweise

Homepage von Ed Brubaker

Blog von Sean Phillips

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips” “Criminal 1 – Feigling” (Criminal 1: Coward, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Criminal 2 – Blutsbande” (Criminal 2: Lawless, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips‘ „Criminal 3 – Grabgesang“ (Criminal 3: The Dead and the Dying, 2008)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Colin Wilsons “Point Blank” (Point Blank, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 1 – Das Schaf im Wolfspelz” (Sleeper: Out in the cold, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 2 – Die Schlinge zieht sich zu” (Sleeper: All false moves, 2004)


Meine Besprechung von Martin Leidenfrosts „Die Tote im Fluss“ ist online

August 7, 2009

Leidenfrost - Die Tote im Fluss

In der Berliner Literaturkritik ist meine Besprechung von Martin Leidenfrosts „Die Tote im Fluss – Der ungeklärte Fall Denisa S.“ (Residenz Verlag, 2009) erschienen. In dem Sachbuch schreibt Leidenfrost über den rätselhaften Tod einer slowakischen 24-Stunden-Pflegerin in Österreich.


Erster Eindruck: Das Science Fiction Jahr 2009

August 4, 2009

Das Science Fiction Jahr 2009

Wie ein Rundum-Glücklich-Jahrbuch aussehen kann, zeigt die vierundzwanzigste Ausgabe des von Sascha Mamczak und Wolfgang Jeschke herausgegebenen Jahrbuchs „Das Science Fiction Jahr“. Die Struktur, mit einem Schwerpunktthema, Interviews, Porträts, Nachrufen, Texten zur Science in der Fiction, zur Kunst in der Science Fiction, Überblicken zu neuen Filmen, Hörspielen, Comics, Computerspielen und Büchern, Listen von Preisträgern, Marktberichten über die deutsche, amerikanische und britische SF-Szene (inclusive Hinweisen auf die neuen Werke wichtiger Autoren) und den im Heyne Verlag erschienenen SF-Büchern (naja, soviel Eigenwerbung darf sein), wurde beibehalten. Ebenso die üppigen Illustrationen, die es leider nur in SW gibt.

Der Umfang der einzelnen Rubriken ist, ebenfalls wie gewohnt, erschlagend. Dem Schwerpunktthema „Quo vadis, Superhelden?“ sind über vierhundert Seiten gewidmet und, nach dem Erfolg von Superhelden-Comics und den vielen aktuellen Superhelden-Kinofilmen, wie „Watchmen“, „Ironman“, „Hellboy“ und „Hancock“ (Batman, Superman und Spiderman lasse ich mal links liegen) hat sich das Thema förmlich aufgedrängt. Im „Science Fiction Jahr 2009“ wird dabei der Rundumschlag vom Grafen von Monte Christo über die klassischen Superhelden-Comics hin zu den Dekonstruktionen des Superhelden gemacht. Auf über hundert Seiten geht’s auch um die Frage, ob Superhelden eine reine Ausgeburt der Fantasie sind, ober ob sie und ihre Fähigkeiten naturwissenschaftlich irgendwie möglich sind. Es wird über den schwierigen Weg zum „Watchmen“-Film, über die moralische Verantwortung von Superhelden und über „Superhelden – Helden wie du und ich“ geschrieben.

Es gibt einen über vierzigseitigen Artikel über die „Stahlfront“-Romane von Torn Chaines. Dierk Spreen erklärt, inwiefern der Vorwurf, dass die Romane rechtsextrem seien, zu recht besteht. Christopher Ecker schreibt einen über fünfzigseitigen Nachruf über den SF-Autor Thomas M. Disch, der sich am 4. Juli 2008 umbrachte. Dagegen sind die elf Seiten für Philip José Farmer und die fünf Seiten für Michael Crichton wahrlich bescheiden. Es gibt Interviews mit Greg Bear und John Scalzi. Es gibt eine wirklich kurze Geschichte des österreichischen Science-Fiction-Films und, mehr oder wenig kurze, Kritiken von Büchern, Computerspielen, Filmen und Hörspielen.

Das ist eine volle Ladung Informationen, die mich die kommenden Tage und Wochen (denn mit 1600 Seiten ist das Werk zu dick für die Hosentasche) beschäftigen wird. Ich weiß zwar, dass dreißig Euro eine stattliche Investition sind, aber es lohnt sich. Denn „Das Science Fiction Jahr 2009“ ist, mal wieder, ein gutes halbes Dutzend verschiedener Bücher in einem.

Und in einem Jahr gibt’s die fünfundzwanzigste Ausgabe von „Das Science Fiction Jahr“.

Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2009

Heyne, 2009

1600 Seiten

29,95 Euro

Hinweis

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2008


Meine Besprechung von Tillacks „Die korrupte Republik“ ist online

August 4, 2009

Tillack - Die korrupte Republik

Bei der Berliner Literaturkritik ist meine Besprechung von Hans-Martin Tillacks „Die korrupte Republik – Über die einträgliche Kungelei von Politik, Bürokratie und Wirtschaft“ (Hoffmann und Campe) erschienen. Tillack beschäftigt sich in dem sehr lesenswertem Sachbuch mit aktuellen Fällen. Schreiber, Strauß und Kohl lässt er links liegen. Dafür gibt’s einen Ausflug nach Brüssel.


Adrian Monk besucht Paris

Juli 30, 2009

Goldberg - Bonjour Mr Monk

Adrian Monk war, wie wir in „Mr. Monk in Germany“ erfahren haben, von Berlin begeistert. Es war alles so schön symmetrisch und gleich. Paradiesisch eben. Doch Berlin war nur ein kurzer Abstecher. Die meiste Zeit war er in Lohr (ein Synonym für Vorhölle) und löste Mordfälle (was die Gegend erträglich machte). Jetzt, nachdem sein Psychiater Dr. Kroger (der Grund für Monks Reise von San Francisco nach Deutschland) wieder nach Hause zurückkehrt, möchte auch Monk den nächsten Flieger in die USA besteigen. Aber seine Sekretärin Natalie Teeger erpresst ihn zu einem Abstecher nach Paris; – was sie besser nicht getan hätte.

Schon im Flugzeug klärt Monk den ersten Mord auf.

Die ersten Stunden in Paris verlaufen dann fast normal. Es gibt zwar ein Problem mit der zweiten Etage im Hotel (die Franzosen zählen die Stockwerke falsch) und dass er die Nacht in einem Zimmer mit Natalie verbringen muss, ist auch nicht okay. Dafür darf er am nächsten Tag die Kanalisation besichtigen und in den Katakomben entdeckt Monk unter den Millionen von Knochen einen nagelneuen Schädel. Damit ist, auch weil dieser Ermordete eine Verbindung nach San Francisco hatte, für Natalie der geplante Urlaub vorbei.

Aber Monk tröstet sie. Jetzt werde sie von Paris Seiten kennen lernen, die sie als Touristin niemals gesehen hätte. Dazu zählen Besuche bei Künstlern (schlimm), Hausbesetzern (noch schlimmer) und einer im Untergrund lebenden Gruppe von Freeganern (barbarisch). Sie ernähren sich von Abfällen. Weil sie den Abfall von Nobelrestaurants plündern, ist ihr Lebensstandard gar nicht so schlecht. Jedenfalls nach normalen Standards. Für Monk gehören sie selbstverständlich alle eingesperrt.

Lee Goldbergs siebtes Monk-Abenteuer schließt unmittelbar an „Mr. Monk in Germany“ an und bietet all das, was auch die vorherigen Monk-Romane zu einem Lesegenuss machte: ein verzwickter Kriminalfall (Der hier allerdings nicht so verzwickt ist. Immerhin ist Monk im Urlaub.), Situationskomik (Monk im Hotel, Monk im Untergrund, Lt. Randy Disher in Paris), witzige Dialoge auf jeder Seite und für den genialen Ermittler ungeahnte Herausforderungen. Denn natürlich konfrontiert Lee Goldberg den neurotischen Detektiv immer wieder mit Situationen, die für normale Menschen einfach zu bewältigen sind, aber Adrian Monk vor teilweise kaum zu überwältigende Herausforderungen stellen und überraschend löst.

Gleichzeitig liefert Goldberg genug Impressionen von Paris, um einen Paris-Ausflug auf das nächste Jahr zu verschieben. Denn die interessantesten Seiten von Paris lernen wir in „Bonjour, Mr. Monk“ kennen.

Lee Goldberg: Bonjour, Mr. Monk

(übersetzt von Caspar D. Friedrich)

Panini Books, 2009

336 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

Mr. Monk is miserable

Obsidian, 2008

Hinweise

Homepage von Lee Goldberg

USA Network über “Monk”

Thrilling Detective über Adrian Monk

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk und die Feuerwehr“ (Mr. Monk goes to the Firehouse, 2006)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs “Mr. Monk besucht Hawaii“ (Mr. Monk goes to Hawaii, 2006)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs “Mr. Monk und die Montagsgrippe“ (Mr. Monk and the Blue Flu, 2007)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk und seine Assistentinnen“ (Mr. Monk and the two Assistants, 2008)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk und die Außerirdischen“ (Mr. Monk in outer space, 2008)

Meine Besprechung von Lee Goldbergs „Mr. Monk in Germany“ (Mr. Monk goes to Germany, 2008)


Der kriminelle Buchherbst – Teil 1: Ein Halleluja für Hollywood

Juli 30, 2009

Beginnen wir unsere Vorschau auf die Herbstnovitäten mit einem alten Bekannten (Ross Thomas) und einer Busladung Filmbücher, die etwas mit dem von uns geliebten Genre zu tun haben:

Alexander Verlag

Oktober

Dominik Graf: Schläft ein Lied in allen Dingen – Texte zum Film (ist eine Auswahl der von Regisseur Graf in den vergangenen Jahren geschriebenen Texten zu seiner Arbeit im Speziellen und im Allgemeinen. Sehr, sehr lesenswert.)

Ross Thomas: Voodoo Ltd. (Voodoo, Ltd. 1992 – ein weiteres grandioses Abenteuer von Artie Wu und Quincy Durant; – auch wenn’s fast eine konventionelle Detektivgeschichte ist. Denn die beiden betreiben inzwischen die Detektei „Voodoo Ltd.“ und sie sollen einen Hollywood-Mord aufklären. Wobei wir doch wieder beim Film gelandet sind.)

Belleville

Juni

Christine Pozsár/Michael Farin (Hrsg.): Die Haarmann-Protokolle – Alles über den „Werwolf von Hannover“ (Neuauflage des bereits 1995 bei Rowohlt erschienenen Buches, das die Grundlage für das Kammerspiel „Der Totmacher“ bildete.)

November

Ulli Lommel: Zärtlichkeit der Wölfe – Begegnungen und Geschichten (klingt nach einer Art Biographie. Lommels arbeitete lange mit Rainer Werner Fassbinder zusammen und seit 1977 dreht er in den USA Horrorfilme, die regelmäßig Probleme mit der Zensur haben.)

? (Angekündigt für dieses Jahr, aber ohne genauen Erscheinungstermin)

Michael Fürst/Florian Krautkrämer/Serjoscha Wiemer (Hrsg.): Untot – Zombies in den Medien (Texte zur Theorie und Geschichte des Zombiefilms.)

Bertz + Fischer

August

Georg Seeßlen: Quentin Tarantino gegen die Nazis – Alles über INGLOURIOUS BASTERDS (erscheint zum Filmstart und ein Seeßlen-Buch ist immer eine lohnenswerte Anschaffung.)

September

Ivo Ritzer: Walter Hill – Welt in Flammen (Deep Focus 2) (das dürfte die erste Biographie über den Actionfilm-Regisseur sein. Seine bekanntesten Werke, wie „Nur 48 Stunden“ entstanden in den Achtzigern. „Straßen in Flammen“ hab ich auch mal abgefeiert. Und bei „Alien“ und hat er als Autor und Produzent mitgemacht. Und – – – alles weitere in der Buchbesprechung.)

Harald Steinwender: Sergio Leone – Es war einmal in Europa (Deep Focus 7) (Eine Bio über den König des Italo-Westerns, der aus dem Mann ohne Namen den Mann mit dem Namen machte.)

Frühjahr 2010

Marcus Stiglegger (Hrsg.): David Cronenberg – film: 16 (Schon länger angekündigt und, da bin ich mir sicher, das Warten wird sich lohnen.)

Henschel

August

Yann-Brice Dherbier (Hrsg.): Cary Grant – Bilder eines Lebens (ein schön gestalteter Bildband, der Cary Grants Leben in 170, teilweise unveröffentlichten Bildern erzählt. Dürfte ein gutes Weihnachtsgeschenk sein.)

November

Daniela Sannwald/Peter Mänz (Hrsg.): Romy Schneider: Wien – Berlin – Paris (Parallel zur Ausstellung der Deutschen Kinemathek gibt es dieses Buch mit zahlreichen unbekannten Dokumenten. Noch ein Weihnachtsgeschenk.)


Die perfekte Welle für die „Dawn Patrol“

Juli 29, 2009

Winslow - Pacific Private

Beim Lesen von Don Winslows neuem Roman „Pacific Private“ hatte ich immer die Stimme von Keith Carradine im Ohr. Er spielt in der unterhaltsamen Don-Winslow-Verfilmung „Kill Bobby Z.“ den Erzähler: den am Strand stehenden älteren Surfer Johnson. Er erzählt mir jetzt, während sich die Pazifikwellen an der kalifornischen Küste brechen, Surfermusik aus den Boxen dröhnt, die untergehende Sonne uns wärmt und wir gemütlich einige Flaschen Bier trinken (hm, wahrscheinlich eher Dosen), die Geschichte von Boone Daniels und der Dawn Patrol. Dass die Abenteuer von Boone Daniels dabei für einen langjährigen Krimileser durchaus vorhersehbar sind, stört nicht weiter. Denn, um es in den Worten von Boone Daniels zu sagen, wichtig ist, wie man eine Welle reitet. Und Don Winslow reitet, wie ein guter Surfer, perfekt die Wellen des Privatdetektivromans und der hohen Kunst des scheinbar mühelosen Erzählens.

In seinem neuesten Roman „Pacific Private“ erzählt Don Winslow daher einerseits die Geschichte von Boone Daniels und seinen Freunden, der Dawn Patrol, andererseits einen typischen Hardboiled-Krimi in einem ungewohnten Umfeld und in jedem Fall ist es eine Liebeserklärung an einen bestimmten Lebensstil und eine Region.

Boone Daniels ist ein ehemaliger Cop, ein lässiger, an Geld nicht interessierter Teilzeit-Privatdetektiv und ein begeisterter Surfer. Deshalb will er auch die Junganwältin Petra Hall sofort aus seinem Büro werfen. Denn anstatt eine verschwundene Zeugin zu suchen, will er auf die sich ankündigende Monsterwelle warten. Aus einer Mischung aus Eitelkeit und finanzieller Not beginnt er dann doch sofort die Stripperin Tamara ‚Tammy‘ Roddick zu suchen. Sie soll vor Gericht aussagen, dass sie gesehen hat, wie der Stripclubbesitzer Dan Silver ein Lagerhaus abgefackelt hat.

Daniels findet sie schnell. Tot. Sie wurde aus einem Hotelzimmer geschubst. Als er kurz darauf herausfindet, dass nicht Roddick, sondern ihre beste Freundin starb, beginnt Boone Daniels ernsthaft die in Lebensgefahr schwebende Stripperin zu suchen.

Dass er sich bei dieser Suche mit dem örtlichen, sehr multikulturellem Organisierten Verbrechen anlegt, versteht sich von selbst.

Gleichzeitig wird auch die Kameradschaft der Dawn Patrol auf eine harte Probe gestellt. Denn Johnny Banzai ist Polizist, andere verdienen auch mit illegalen Aktivitäten (Ja, ich bin gerade dabei einen Spoiler zu vermeiden) ihr Geld und Boones Freundin Sunny will die Monsterwelle benutzen, um Pacific Beach zu verlassen.

Don Winslow entwickelt diese nur auf den ersten Blick einfache Geschichte um Freundschaften, verschiedene Begriffe von Ehre und enttäuschte Hoffnungen mit der Lässigkeit eines Schriftstellers, der in den vergangenen Jahren in zehn Büchern beständig den Kreis seiner Fans erweiterte, den Shamus für „Califonia Life and Fire“ gewann, für das Opus „The Power of the Dog“ (ein engbedruckter über fünfhundertseitiger Wälzer über den US-amerikanischen Krieg gegen Drogen) abgefeiert wurde, für den Macavity, Dily, Barry und den Los Angeles Book Prize nominiert war und dessen „The Winter of Frankie Machine“ immer noch verfilmt werden soll. Zuletzt hieß es, dass Robert de Niro die Hauptrolle spielt und Michael Mann Regie führt. Die deutsche Übersetzung von „The Winter of Frankie Machine“ ist als „Frankie Machine“ für Mitte September angekündigt und der Roman spielt natürlich auch an der kalifornischen Küste.

Bis dahin ist „Pacific Private“ eine spannende Sommerlektüre, auch wenn das Reisebudget nur bis zur nächsten Strandbar reicht.

Noch ein Wort zum Titel: Im Moment geben die Verlage englischsprachigen Krimis gerne einen anderen englischen Titel. So wurde aus Don Winslows „The Dawn Patrol“ bei uns „Pacific Private“. Den deutschen Titel verstehe ich auch nach der Lektüre absolut nicht; vor allem weil der Name Dawn Patrol für das frühmorgendliche Surfertreffen von Boone Daniels und seinen Freunden in der Übersetzung beibehalten wurde. Da hätte Suhrkamp besser den sehr guten Originaltitel beibehalten, als einen vollkommen sinnlosen pseudo-englischen Titel zu erfinden.

Don Winslow: Pacific Private

(übersetzt von Conny Lösch)

Suhrkamp, 2009

400 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

The Dawn Patrol

Alfred A. Knopf, 2008

Hinweise

Homepage von Don Winslow

Mystery Books: Interview mit Don Winslow (circa 2006)

Curled up with a good Book: Interview mit Don Winslow (2007)

Los Angeles Times: Scott Timberg porträtiert Don Winslow (9. Juni 2008)


Erich Kästner und „Die verschwundene Miniatur“

Juli 27, 2009

Kästner - Die verschwundene Miniatur

Ein Todestag ist eine gute Gelegenheit, mal wieder ein Werk des Verstorbenen zu genießen. Lesen wir also zum 35. Todestag von Erich Kästner seine Krimikomödie „Die verschwundene Miniatur – oder auch Die Abenteuer eines empfindsamen Fleischermeisters“. Sie erschien erstmals 1935 und zählt zu den unbekannteren Werken des am 29. Juli 1974 in München verstorbenen Schriftstellers.

Kästners Held, Fleischermeister Oskar Külz, steckt in der Midlife-Crisis. In den vergangenen Jahrzehnten hat er, zusammen mit seiner Frau, eine eigene Metzgerei geführt, für seine Söhne etliche weitere Geschäfte eröffnet und keinen einzigen Tag Urlaub gehabt. Jetzt ist er einfach für einige Tage nach Skandinavien verschwunden und genießt die Ruhe.

In Kopenhagen trifft er auf einer Hotelterrasse die junge, selbstverständlich gutaussehende Privatsekretärin Irene Trübner. Sie soll eine wertvolle Miniatur nach Berlin befördern und hat Angst bestohlen zu werden. Deshalb bittet sie Külz ihr zu helfen. Er ist sofort einverstanden. Allerdings ahnt er nicht, dass sie von einer skrupellosen Gangsterbande beobachet werden.

Als sie am nächsten Tag den Zug zurück nach Berlin nehmen, steckt Irene Trübner dem Fleischermeister, wie besprochen, die Miniatur zu. Kurz darauf wird sie ihm bei einer falschen Zollkontrolle gestohlen. Anstatt sofort zur Polizei zu gehen, versuchen Külz, Trübner und Rudi Struwe, ein junger Mann, der hartnäckig die unverheiratete Sekretärin umwirbt, die Verbrecher auszutricksen.

Dass ab jetzt die Guten und die Bösen sich gegenseitig die Miniatur abluchsen, dass es die echte, sehr wertvolle und eine billige Kopie gibt, dass irgendwann niemand mehr weiß, welches die echte Miniatur ist und dass Struwe mit einer Miniatur verschwindet, gehört zu den Konventionen einer Krimikomödie.

Allerdings hat Erich Kästner seine Hauptfigur, den Fleischermeister Külz als einen zu leichtgläubigen Einfaltspinsel gezeichnet. Er ist ein reiner Tor, der sich in der Fremde sprichwörtlich wie der Elefant im Porzellanladen benimmt, nicht Lügen kann und vertrauensselig bis zum gehtnichtmehr ist. Aber dieser Külz ist der erfolgreiche Geschäftsführer einer Metzgerei. Er kann also gar nicht so naiv sein, wie Kästner ihn beschreibt.

Und die Geschichte ist einfach zu unglaubwürdig. Denn auch wenn eine Krimikomödie, in der ein von allen begehrter Gegenstand ständig den Besitzer wechselt, nicht auf Glaubwürdigkeit, sondern auf schnelle und überraschende Täuschungen angelegt ist, muss doch ein Minimum an geschichtsimmanenter Logik gewahrt bleiben.

Aber spätestens wenn Fräulein Trübner gegen jede Vernunft dem Fleischermeister Külz noch im Zug sagt, sie habe ihm die Fälschung gegeben und ihre Urlaubsbekanntschaft Struwe mit am Tisch sitzt, implodiert die Geschichte. Dass die Verbrecher kurz darauf ganz plötzlich wissen, dass sie die Fälschung geklaut haben und jetzt die echte Miniatur wollen, versetzt ihr den zweiten Todesstoß.

Da kann auch Kästners mild-ironischer Tonfall und seine vereinzelten präzisen Beobachtungen des deutschen Kleinbürgers nichts mehr retten. „Die verschwundene Miniatur“ ist auch als locker-leichte Krimikomödie, die sich um Wahrscheinlichkeit und Glaubwürdigkeit nicht kümmert, einfach zu unglaubwürdig um zu unterhalten.

Erich Kästner: Die verschwundene Miniatur

Atrium Verlag, 2009

256 Seiten

19,90 Euro

Originalausgabe

Atrium Verlag, 1935

Verfilmungen

Die verschwundene Miniatur (D 1954)

Regie: Carl-Heinz Schroth

Drehbuch: Erich Kästner

mit Paola Loew, Ralph Lothar, Paul Westermeier, Lina Carstens, Hubert von Meyerinck, Liesl Karlstadt

Die verschwundene Miniatur (DDR 1990)

Regie: Vera Loebner

Drehbuch: Friedemann Schreiter

mit Kurt Böwe, Ursula Karusseit, Susanne Lüning, Carl Martin Spengler

Hinweise

Wikipedia über Erich Kästner

Kästner-im-Netz

Kästner für Kinder

Erich-Kästner-Gesellschaft


Meine Besprechung von Garry Dishers „Beweiskette“ ist online in der BLK

Juli 27, 2009

Disher - Beweiskette

In der Berliner Litarturkritik ist meine Besprechung von Garry Dishers viertem Hal-Challis-Roman „Beweiskette“ (Chain of Evidence, 2007) online. Disher erhielt dafür den Ned-Kelly-Preis und auch mir hat der Krimi gefallen.


Vom Film zum Comic: M

Juli 23, 2009

Muth - M

Neben dem Buch zum Film gibt es auch den Comic zum Film. Sie erscheinen parallel zum Filmstart und verschwinden danach, bis auf ganz wenige Ausnahmen, ziemlich schnell vom Markt. Wenn Jahrzehnte nach dem Filmstart ein Zeichner den Comic zu einem Film zeichnet, dann stellt sich natürlich die Frage, warum er das tut. Die nächste ist, was er Neues zu dem Werk beitragen kann. Denn Jon J. Muth nahm sich nicht irgendeinen Film, sondern einen wahren Klassiker vor: Fritz Langs „M“.

M“ erzählt, inspiriert von mehreren wahren Fällen, die Geschichte eines von der Polizei und Verbrechern im Berlin der frühen dreißiger Jahre gejagten mehrfachen Kindermörders. Bei der Jagd nach dem Mörder zeigt Fritz Lang in seinem ersten Tonfilm einen auch heute noch beeindruckend souveränen Umgang mit den Möglichkeiten des Tonfilms. Dennoch bleiben vor allem die Bilder im Gedächtnis. Wenn der mit einem „M“ aus Kreide gekennzeichnete Mörder verfolgt wird. Wenn er sich auf einem Speicher versteckt. Wenn die Verbrecher ihn in dem leeren Bürogebäude suchen. Oft ist es auch die Kombination aus Schnitten, Geräuschen und Dialogen. Da werden plötzlich die Erzfeinde, Polizisten und Verbrecher, vor unseren Augen zu Verbündeten. Fritz Lang schneidet zwischen einer Besprechung der Polizisten und einer der Verbrecher bruchlos hin und her. Die Botschaft ist so klar, wie erschreckend: Sie stehen zwar auf verschiedenen Seiten des Gesetzes, aber bei der Jagd nach dem Mörder haben sie, wenn auch teilweise aufgrund verschiedener Motive, das gleiche Ziel.

Lang wiederholt diese Parallelität zwischen Polizisten und Verbrechern bei der Entdeckung des Mörders. Während die Polizei die Wohnung des Mörders entdeckt und die Fahndung einleitet, hat ein blinder Luftballonverkäufer den Mörder an seinem Pfeifen wiedererkannt und er lässt ihn mit einem Kreide-“M“ am Mantel kennzeichnen. So kann der Kindermörder von den Verbrechern einfacher verfolgt werden.

Auch das Ende des Films hat nichts von seiner Kraft verloren. In einem riesigen Saal stehen hunderte Verbrecher und Huren. Es ist ein Querschnitt durch die Bevölkerung und ein lynchwütiger Mob. Denn nach einer Pro-Forma-Gerichtsverhandlung wollen sie den Kindermörder zum Tode verurteilen und so ihrer Lynchjustiz einen rechtstaatlichen Anschein geben. Da beginnt der Mörder um sein Leben zu betteln. Er erzählt, dass er morden muss, während sie die Wahl hätten.

Peter Lorre verlieh in seiner ersten Hauptrolle dem Mörder und seinen Ängsten ein einprägsames Gesicht. Damit empfahl er sich, bis auf die „Mr. Moto“-Serie, für die nächsten Jahrzehnte für die Rolle des Bösewichtes.

Bereits in den ersten Minuten des Films und fast bildgleich in Muths Comic wird die Stimmung in der Großstadt greifbar. In einem Hinterhof spielen Kinder. Sie singen einen Abzählreim über den Angst und Schrecken verbreitenden Kindermörder. Eine Mutter deckt den Mittagstisch, ruft ihre Tochter und, anstatt ihr erschrockenes Gesicht zu zeigen, als sie begreift, dass der Mörder ihre Tochter hat, sehen wir nur den Tisch und hören die Rufe der Mutter. Muth verband dabei in einem ganzseitigem Panel, in dem wir die Dächer der Stadt sehen, den letzten Ruf der Mutter („Elsie!!!) mit dem ersten Ruf des Zeitungsjungen („Extraausgabe!“).

Muth gelingt es bereits auf den ersten Seiten, die Stimmung des Films in den Comic zu transportieren. Auch wenn die Skyline in seinem Comic nicht die von Berlin ist. Er hat sowieso seine Version von „M“ um den spezifischen historischen Kontext (das Berliner der Weimarer Jahre), der die meisten zeitgenössischen Leser auch nicht interessieren dürfte, erleichtert. Ebenso fehlt der detaillierte, fast dokumentarischen Blick auf die Polizeiarbeit, die Verhöre bei einer Polizeirazzia (eine wunderschöne Ansammlung schauspielerischer Kabinettstücke) und die Gefühle des Volkes. Lang wechselt hier zwischen detaillierten Einzelporträts und der Darstellung einer lynchwütigen Masse, aus der er immer wieder, besonders am Ende bei der Gerichtsverhandlung, einzelne Gesichter hervorhebt.

Muth beschäftigt sich stattdessen genauer mit der Psychologie des Mörders. Das wird besonders deutlich als der Mörder im Traum von seinen Opfern besucht wird.

Aber – und hier zeigt sich, wie prägend ein Schauspieler für eine Geschichte sein kann – Muths Mörder sieht nicht wie Peter Lorre, der im Film erstaunlich selten zu sehen ist, aus. Er sieht weniger bedrohlich aus. Er erinnert an ein ängstliches Kind und am Ende, wenn er sich vor dem Verbrechergericht verteidigt, an einen jungen, wild gestikulierenden Strafverteidiger, der vor einer Jury seinen großen Auftritt hat. Peter Lorre ist in diesem Moment nur noch ein bedauernswertes, um Gnade winselndes Häufchen Elend.

Sowieso sehen in Muths Comic alle Charaktere anders aus als in Langs Film. Denn Muth stellte den gesamten Film mit Freunden nach, fotografierte sie und bearbeitete dann die Fotografien. Dabei stellt sich beim Betrachten seiner Schwarzweiß-Zeichnungen (die ganz selten um einige Farbtupfer ergänzt werden) ein eigentümlicher Effekt ein. Denn sie erscheinen viel flüchtiger als die gestochen scharfen Bilder aus dem Film.

Mit diesen kleinen Änderungen beweist Muths Interpretation des klassischen Films genug Eigenständigkeit, um auch den Kennern des Films zu gefallen.

Wie eigentlich immer bei CrossCult ist die Ausstattung vorzüglich. Neben einem Nachwort von Jon J. Muth gibt es auch zwei sehr informative Texte von Georg Seeßlen und Jochen Ecke zum Film, zum Comic, den Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Sie runden „M“ perfekt ab.

Und warum hat Jon J. Muth ausgerechnet „M“ als Comic inszeniert? „’M‘ gehört zu der Sorte Film, deren Summe gehaltvoller ist als ihre Teile. Ich habe mich immer schon zu einfachen Geschichten mit komplexen Implikationen hingezogen gefühlt. Solche Geschichten finden sich selten in der Literatur, wohl, weil man sie am Leichtesten missverstehen kann. Moral ist ein konstanter Prozess in uns allen. Alle großen Werke der Literatur dramatisieren diesen Prozess, und er hat mich auch dazu gebracht, ‚M‘ als Graphic Novel umzusetzen.“ schreibt Muth in seinem Nachwort zu „M“.

Jon J. Muth – M

CrossCult, 2009

208 Seiten

25 Euro

Originalausgabe

Abrams, 2008 (erste Ausgabe in gebundener Form)

Erstausgabe

Eclipse, 1990 (4 Hefte, out of print)

Der Film

M – Mörder unter uns (D 1931)

Regie: Fritz Lang

Drehbuch: Thea von Harbou, Fritz Lang

mit Peter Lorre, Ellen Widmann, Inge Landgut, Gustav Gründgens, Otto Wernicke, Theo Lingen

Hinweise

Quasi-Homepage von Jon J. Muth

Wikipedia über Jon J. Muth

Wikipedia über den Spielfilm „M“

Internet Archive: „M“ (mit englischen Untertiteln; die wir natürlich nicht brauchen – und wenn Sie den Film bis jetzt nicht gesehen haben, dann tun Sie es jetzt. Ich habe ihn mir für diese Besprechung wieder angesehen und ich war wieder begeistert. „M“ ist immer noch ein spannender Thriller.)


Neu im Kino (und Hörbuch): Killshot

Juli 16, 2009

Killshot (Killshot, USA 2008)

Regie: John Madden

Drehbuch: Hossein Amini

LV: Elmore Leonard: Killshot, 1989 (Beruf: Killer; Killshot)

Nachdem „Killshot“ lange im Weinstein-Giftschrank eingesperrt war (der Hauptdreh war im Januar 2006 erledigt, dann gab’s Nachdrehs und endlose Umschnitte) und in den USA vor wenigen Wochen nur auf DVD erschien, habe ich mit einem deutschen Kinostart schon nicht mehr gerechnet.

Die Story ist typischer Leonard: Profikiller Armand „Blackbird“ Degas hinterlässt niemals Zeugen. Als er bei einem Verbrechen von einem Ehepaar beobachtet wird, hilft ihnen auch das Zeugenschutzprogramm der Polizei nicht weiter.

Die Kritiken sind durchwachsen, aber noch auf der positiven Seite. Denn irgendwo scheint in der Produktion ein guter Film verloren gegangen zu sein.

Elmore Leonard hat vor über zwei eine frühere Version von „Killshot“ gesehen und war begeistert:

I was thrilled to see my story adapted the way it was. John captured my characters and their tone, and I think has a winner in Killshot. Fans of my work will see and hear my book on the screen. (…) The secret to a good adaptation is you start with a good screenwriter, a guy who knows how to write, a guy who respects and understands the work. The combination of screenwriter Hossein Amini, and director John Madden was great, for Killshot because they both got my sound, and that’s what my writing is all about.

Vor wenigen Tagen erschien bei Bertz + Fischer das von Rider Strong gelesene Hörbuch. In knapp acht Stunden liest er den gesamten Roman im Original ohne große Effekthaschereien vor. „Killshot“. Das macht es auch für mich (der kein großer Freund von Hörbüchern ist) zu einem sehr anhörbarem Werk. Denn dass mir die Story, klassischer Leonard, der sich auf wenige Charaktere und einen Western-Showdown konzentriert, gefällt, ist klar.

mit Thomas Jane, Diane Lane, Mickey Rourke, Hal Holbrook, Joseph Gordon-Levitt

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film (derzeit nur DVD-Info und Trailer)

Film-Zeit über „Killshot“

Homepage von Elmore Leonard

Meine Besprechung von „Up in Honey’s Room“ (2007)

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Leonard - Killshot - Hörbuch

Das Hörbuch

Elmore Leonard: Killshot

(gelesen von Rider Strong)

Bertz + Fischer Audiobooks, 2009

7:47 Stunden

19,90 Euro


Glauser 2009: Gisa Klönne – Nacht ohne Schatten

Juli 16, 2009

Klönne - Nacht ohne Schatten

Vor dem Lesen der ersten Zeilen sortierte ich Gisa Klönnes dritten Kriminalroman „Nacht ohne Schatten“ in die Kategorie „Für mich uninteressant“ ein, denn

– mir gefiel das Cover nicht

– mir gefiel der Titel nicht

– der Klappentext sprach mich nicht an

Trotzdem könnte mir „Nacht ohne Schatten“ gefallen.

Dann gab es einige Besprechungen, die meine Meinung, dass „Nacht ohne Schatten“ mir nicht gefallen würde, bestätigten.

Trotzdem könnte mir „Nacht ohne Schatten“ gefallen.

In einem Interview sagte Gisa Klönne, dass es um Frauenhass und –verachtung gehe. Dabei schien sie zu viele Dinge einfach in einen Topf zu werfen und mehr am Beweisen einer These als am Erzählen einer spannenden Geschichte interessiert zu sein.

Trotzdem könnte mir „Nacht ohne Schatten“ gefallen, aber andere Bücher interessierten mich mehr.

Aber dann erhielt „Nacht ohne Schatten“ den Glauser als bester Kriminalroman des Jahres und ich dachte mir: „Dann muss ich es doch mal lesen. Denn Cover, Titel, Klappentext und Besprechungen können ja die falschen Signale aussenden. Manchmal sind Autoren einfach nicht gut darin, ihre Geschichte in wenigen Worten zu verkaufen und ich verpasse einen guten Krimi.“

Nach den ersten Zeilen hätte ich das Werk am liebsten in die Ecke gefeuert. Nicht wegen des Themas „Frauenverachtung“, sondern wegen der Sprache. Es gibt eine missglückte Formulierung nach der nächsten. Einige Beispiele gefällig?

„Nur der Reporter Sanders schnürt zum Podium.“

„Der Tag schwimmt bleigrau auf die Windschutzscheibe zu, während Judith den Dienstwagen auf die Zoobrücke lenkt.“

„Ein hämmerndes Geräusch am Fenster der Beifahrertür reißt ihn aus seinen Gedanken, der Wagen würgt und macht einen Satz vorwärts, weil Mannis Fuß vor Schreck von der Kupplung rutscht.“

Schnürende Reporter? Schwimmende Tage? Würgende Wagen?

Das ist kein falsch verstandener Chandler. Das ist kein poetisches Spiel mit der Sprache. Das ist Murks; – und eine kleine, von mir unter Autoren gestartete Umfrage bestätigte das. Alle fanden die Sätze schlecht formuliert. Über die Erzählzeit gab’s geteilte Ansichten.

Aber in einem Kriminalroman kommt es ja nicht nur auf die Sprache an (dennoch sollte sie nicht ständig von der Lektüre ablenken) und wenn eine Krimijury das Buch eines Kollegen auszeichnet, dann muss es nach Adam Riese als Genrewerk irgendwie besser als die anderen innerhalb des Jahres erschienenen Werke sein und, auch wenn ich eine Jury-Entscheidung nicht unbedingt teile, kann ich normalerweise erahnen, warum ein Werk ausgezeichnet wurde.

Nacht ohne Schatten“ beginnt ohne lange Vorrede (aber mit einem vollkommen überflüssigem Prolog) mit dem ersten Mord. Auf den ersten vierzig Seiten liefert Klönne einen erstochenen S-Bahn-Fahrer, einen verbrannten Pizzeria-Wirt und eine in der Pizzeria in einem verschlossenen Raum gefundene jungen Frau (die während des gesamten Romans im Koma liegt). Kommissarin Judith Krieger weiß sofort, dass die Taten miteinander zusammenhängen, dass es um Frauenhass geht und dass ein in Steinwurfweite der beiden Tatorte liegendes Künstlerhaus etwas mit den Straftaten zu tun hat.

Aus dieser Prämisse, immerhin sind wir erst auf Seite fünfzig, könnte man etwas machen. Aber Gisa Klönne lässt ihre Charaktere bis wenige Seiten vor Schluss nur sinnlos herumhängen. Es wird vermutet, räsoniert und über Gott und die Welt sinniert. Ab und zu stolpern die Polizisten über einen Beweis. Dann wird wieder vermutet, aber nichts getan, um die Vermutungen mit Fakten zu untermauern. Falls dann doch mal Ermittlungen stattfinden, finden sie meisten außerhalb der Geschichte statt und wir erfahren nur die Ergebnisse. Über den toten Pizzabäcker und seine Geschäfte, immerhin soll er ein ganz schlimmer Frauenhändler sein, erfahren wir überhaupt nichts. Über den S-Bahn-Fahrer nicht viel mehr.

Stattdessen wird einem die Botschaft „Männer sind Schweine“ wie das heilige Evangelium um die Ohren gehauen. Es geht um Frauenhass und Frauenverachtung. Es geht um Gewalt in der Ehe, um Prostitution, um Sexsklavinnen. Es geht um (zu viele) wichtige Themen, die Gisa Klönne dem Leser ohne einen erzählerischen Fokus, nennt und mit einer feministischen Botschaft verkleistert, die höchstens von den bereits Überzeugten geglaubt wird.

Nur; in einem Roman muss diese Botschaft in eine Geschichte transformiert werden, in der der Leser selbst zu dieser Erkenntnis gelangen kann. Anderen Autoren, zuletzt Jason Starr in „Stalking“, gelingt das, woran Gisa Klönne komplett scheitert: eine Geschichte über verschiedene Formen von (falscher) Liebe in einer angemessenen Sprache zu erzählen.

Gisa Klönne: Nacht ohne Schatten

Ullstein, 2009

384 Seiten

8,95 Euro

Erstausgabe

Ullstein, 2008

Hinweise

Homepage von Gisa Klönne

Das Syndikat: Pressemitteilung, Laudatio


Der Lone Ranger ruft wieder: „Hi-Yo, Silver!“

Juli 10, 2009

Matthews - Cariello - The Lone Ranger 1

In den USA ist der Lone Ranger ein Volksheld. Naja, vielleicht nicht mehr bei den heutigen Teenagern. Obwohl diese mit dem Comic „The Lone Ranger“ von Autor Brett Matthews und Zeichner Sergio Cariello mit dem edlen Gesetzeshüter ihre Bekanntschaft machen konnten. Aber bei den Älteren schon. Denn der „Lone Ranger“ hatte seinen ersten Auftritt 1933 im Radio. Später dann auch im Film, Fernsehen, Comics und Büchern. Bei uns wurden einige „Lone Ranger“-Filme in den frühen Achtzigern in der Reihe „Western von gestern“ verbraten.

Der „Lone Ranger“ ist vor allem ein eindimensionaler Kinderheld, an den Erwachsene sich gerne erinnern. Denn der „Lone Ranger“ ist edel, ritterlich, höflich, rücksichtsvoll, gesetzestreu, Nichtraucher, Abstinenzler und bei der Jagd nach den Bösewichtern immer darauf bedacht, diese nicht verletzten und, wenn er doch als letztes Mittel Gewalt anwenden muss, dann versucht er dies für die Bösewichter möglichst schmerzfrei zu tun. Selbstverständlich verwendet er auch keine Kraftausdrücke. Ja, die Erfinder des Lone Rangers, Fran Striker und George Trendle, formulierten sogar einige Statuten für den Ranger, der für das jugendliche Publikum ein Vorbild sein soll.

In ihrer ursprünglich auf sechs Hefte geplanten Neubelebung des „Lone Rangers“ hielten sich Brett Matthews und Sergio Cariello an diese Regeln. Allerdings erneuerten sie sie teilweise für ein zeitgenössisches Publikum. Das wird besonders deutlich in den an einen Italo-Western erinnernden Breitwand-Panels von Cariello. Die Perspektiven sind oft extrem. Die Gewalt auch. Bei den Schusswechseln spritzt das Blut wie in einem Hongkong-Actionfilm. Der einäugige Killer scheint direkt einem Italo-Western entsprungen zu sein; die maskierten Bösewichter aus einem Horrorfilm. Cariellos Bilder haben nichts von der Putzigkeit älterer Comics und sie sind so ausdruckstark, dass Matthwes die Dialoge auf ein Minimum beschränken kann.

Im ersten „Lone Rangers“-Sammelband „Für immer und ewig“ erzählen sie, wie Texas Ranger John Raid zum Lone Ranger wird. Zusammen mit seinem Vater, seinem Bruder und weiteren Rangers gerät er in einen Hinterhalt, den nur Raid schwerverletzt überlebt. Er wird von dem Indianer Tonto gepflegt. Sie werden Freunde. Raid setzt als offiziell Toter eine Maske auf (Naja, eine Augenbinde ist nicht gerade eine gute Maske, aber beim „Spirit“ hat’s auch gereicht.) und wird zum Lone Ranger, der den Tod seiner Freunde rächen will und am Ende seine Bestimmung findet.

In den USA waren die ersten „Lone Ranger“-Hefte von Brett Matthews und Sergio Cariello bereits nach dem ersten Heft so erfolgreich, dass Matthews und Carriello mit dem Erzählen weiterer „Lone Ranger“-Abenteuer beauftragt wurden. Außerdem wurde die Serie 2007 unter anderem für einen Eisner Award als „Beste Serie“ nominiert.

Die deutsche Ausgabe hat ein sehr informatives Nachwort von Christian Endres und mehrere Skizzen von Sergio Cariello, in denen er zeigt, wie sich die verschiedenen Charaktere vom ersten Entwurf bis zum Endergebnis veränderten.

Der Schlachtruf des „Lone Rangers“ „Hi-Yo, Silver!“, mit dem er sein Pferd antreibt, ertönt jetzt auch wieder in Deutschland.

Brett Matthews (Text)/Sergio Cariello (Zeichungen): The Lone Ranger 1 – Für immer und ewig

(übersetzt von Marc-Oliver Fritsch)

CrossCult 2009

144 Seiten

19,80 Euro

Originalausgabe

The Lone Ranger – Volume 1: Now and Forewer

Classic Media/Dynamite Entertainment 2007, 2009

Hinweise

Wikipedia über „The Lone Ranger“

Internet Archive: The Lone Ranger (Filme und Comics)

National Film and Sound Archive: The Lone Ranger

Fanseite zu „Western von Gestern“

Noch eine „Western von Gestern“-Fanseite

Comic Book Resources: Interview mit Brett Matthews zu „The Lone Ranger“ (30. Juni 2009)

Sergio Cariello: Blog