Kommissar Kirchenbergs enttäuschender vierter Auftritt

November 28, 2008

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Kann man einen Krimi schrieben, ohne den Täter zu präsentieren?

Ja, natürlich.

Kann man dafür gute Kritiken erhalten?

Ja, auch.

Aber nicht von mir. Denn für mich ist „Sterbezeit“ von Norbert Horst ein Roman, der den unsichtbaren Vertrag zwischen Erzähler und Publikum verneint. Dieser Vertrag besagt, dass der Erzähler am Ende eine Lösung für die von ihm eingangs aufgeworfene Frage liefert. Bei einem Krimi ist die Frage meistens „Wer ist der Täter?“ und am Ende wird der Täter überführt.

Schon in dem Polizeiroman „Blutskizzen“ strapazierte Horst diesen Vertrag, weil der Täter zwar ermittelt, aber entkommen konnte. In „Sterbezeit“, geht Horst auf diesem Weg noch einen Schritt weiter. Denn der Täter wird nicht mehr ermittelt, sondern am Ende hat Kommissar Konstantin Kirchenberg eine Vermutung, wer der Täter in einem alten Mordfall ist und wie sich die Tat abgespielt haben könnte.

Dieser zentrale Fall von „Sterbezeit“ beginnt mit dem Fund von zwei säuberlich abgetrennten, skelettierten Händen im Keller eines Mietshauses. Erst nachdem die Polizei eine neue wissenschaftliche Methode anwendet, können der Zeitpunkt der Tat und damit auch die zu befragenden Mieter genauer eingrenzt werden. Kirchenberg beginnt, mit einem neuen Kollegen, die ehemaligen Mieter zu befragen und die Vermisstenanzeigen durchzuforsten.

Dieser Mordfall wird mit dem Tod eines Drogensüchtigen und einer alten, kranken Frau, einem Fall von Drogenkonsum in der Verwandtschaft und Kirchenbergs Liebesgeschichte zu Ayse mühsam auf knappe dreihundert Seiten gestreckt.

Keiner dieser Subplots ist sonderlich interessant. Im Gegenteil. Die beiden privaten Plots bewegen sich auf dem Niveau einer Daily-Soap. Die drei Todesfälle sind letztendlich auch nicht viel besser. Doch während der Tod des Junkies und der alten Frau ohne große Mühe irgendwo in der Mitte des Buches aufgeklärt werden, gibt es bei dem Hauptfall keine Lösung.

Das ist, nachdem Horst in „Sterbezeit“ seinen vorherigen Roman mit keinem Wort erwähnt, nicht der Beginn eines zweiteiligen Romans (wie es Donn Cortez mit den „CSI: Miami“-Romanen „Mörderisches Fest“ und „Todsicheres Alibi“ tat), sondern einfach Verrat am Publikum. Denn das eingangs von dem Autor aufgeworfene Rätsel wird nicht gelöst. Er löst ein gegebenes Versprechen nicht ein, sondern beendet das Buch einfach indem er seinen Ich-Erzähler vage eine Vermutung äußern lässt, wer der Täter sei. Dieser Verstoß gegen die Genrekonventionen (und die Konventionen des Erzählens von Geschichten) könnte funktionieren, wenn Norbert Horst innerhalb der Geschichte ein anderes Thema präsentiert hätte, das er zu einem befriedigenden Schluss führen würde. Doch das tut er nicht. Deshalb ist „Sterbezeit“, genau wie ein Agatha-Christie-Roman bei dem die letzten Seiten fehlen, Zeitverschwendung.

Norbert Horst: Sterbezeit

Goldmann, 2008

288 Seiten

7,95 Euro

Hinweise

Homepage von Norbert Horst

Meine Besprechung von Norbert Horsts „Blutskizzen“

Nachtrag

Nachdem es in anderen Blogs eine Diskussion über diesen Text (vor allem meine Verwendung des Wortes „Vertrag“ gab), habe ich hier meine anderen Kritikpunkte gepostet.


Eisige Stunden mit US-Marshal Carrie Stetko

November 26, 2008

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Greg Rucka – – – ist in den USA bereits seit über zehn Jahren ein in der Krimi- und Comicszene bekannter Name. In Deutschland dauerte es, obwohl der große Druchbruch immer noch nicht gekommen ist, etwas länger. Denn seine Romane mit dem Bodyguard Atticus Kodiak wurden bislang nicht übersetzt. Die von Rucka geschriebenen, von Steve Lieber gezeichneten Comics „Whiteout“ und „Whiteout: Melt“, das einen Eisner Award erhielt, erschienen erst gute zehn Jahre nach ihrem Erscheinen in den USA in Deutschland. Die zwei auf dem gleichnamigem Spiel basierenden „Perfect Dark“-Romanen erschienen in der Heyne Science-Fiction-Reihe und sind nur noch antiquarisch erhältlich. Die später entstandene Comicserie „Queen & Country“ mit der britischen Agentin Tara Chace wurde fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit veröffentlicht. Aber der erste Tara-Chace-Roman „Dschihad“ (A Gentleman’s Game, 2004) wurde schon breiter wahrgenommen. Und wenn die lange angekündigte Verfilmung von „Whiteout“ von Dominic Sena mit Kate Beckinsale in der Hauptrolle am 11. September 2009 in den USA (nach einigem Hin und Her ist das der derzeit aktuelle Starttermin) und, sicher, kurz darauf in Deutschland startet, wird Greg Rucka endlich auch beim breiten Publikum bekannt werden.

Beckinsale spielt den in die Antarktis versetzten toughen US-Marshal Carrie Stetko. In dem Comic „Whiteout“ muss sie wenige Tage bevor die Stationen auf den Winterbetrieb umschalten und fast alle Beschäftigen die Antarktis verlassen, den Mord an einem Amerikaner aufklären. Schnell gibt es weitere Morde und der Mörder versucht Stetko zu töten.

Während „Whiteout“ ein Whodunit ist, der vor allem in den verschiedenen Polarstationen spielt, geht es in dem zweiten Abenteuer mit Carrie Stetko „Whiteout: Melt“ in die arktische Weite. Eine Gruppe russischer Ex-Elitesoldaten klaut aus einer russischen Station mehrere Atomwaffen. Dabei töten sie die dort stationierten Polarforscher. Stetko wird von ihrer Regierung zurück in das Eis geschickt. Sie soll die Atomwaffen finden und so die Verhandlungsposition der USA gegenüber Russland stärken. Denn nach dem Antarktisvertrag sind dort Atomwaffen verboten. Zusammen mit dem russischen Ermittler Kapitän Alexander Iwanowitsch Kuchin verfolgt sie die Söldner durch das Eis.

Wie Greg Rucka in dem in „Whiteout: Melt“ abgedrucktem Interview mit Jochen Ecke sagt, habe er sich nach einigen Romanen mit Atticus Kodiak bewusst dafür entschieden, auch Comics zu schreiben, weil die verschiedenen Medien wie Comic, Roman und Film ihre spezifischen Stärken hätten und mit Steve Lieber habe er den Partner gefunden, der die Stetko-Geschichten kongenial in sparsame Schwarz-Weiß-Zeichnungen, was vor dem Manga-Boom sehr ungewöhnlich war, übertrug.

In den beiden Hardboiled-Geschichten „Whiteout“ und „Whiteout: Melt“ ergänzen die Zeichnungen und den Text in mehr als nur einer Beziehung. Neben der Geschichte verhandeln die Beiden immer auch weitere Themen, wie das Leben einer Frau in einer reinen Männergesellschaft, und sie geben ein Gefühl für die eisige Landschaft.

Derzeit arbeiten Greg Rucka und Steve Lieber nach einer fast zehnjährigen Pause an einem dritten Carrie-Stetko-Abenteuer: „Whiteout: Night“.

Ein dickes Lob verdient „Crosscult“ für die liebevolle Ausstattung der beiden Bände. Im ersten Band gibt es eine Covergalerie und ein aktuelles Nachwort von Steve Lieber. Im zweiten Band ausführliche Interviews mit Greg Rucka und Steve Lieber, ein kurzes Porträt von Greg Rucka und ein Vorwort von Brian Michael Bendis, einem bekannten Marvel-Comics-Autor: „wenn ein Comic so vielschichtig und oft gelobt wird wie dieser, ertappe ich mich immer wieder bei dem Wunsch, dass dies der Standard für Comics sein, nicht die Ausnahme. (…) Glückwunsch zu einer außergewöhnlichen Geschichte, die gut erzählt ist, Greg und Steve.“

Yeah.


Greg Rucka/Steve Lieber: Whiteout

(übersetzt von Stefan Pannor)

Cross Cult, 2007

128 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

Whiteout

Oni Press, 1999 (die Einzelhefte erschienen 1998)

Greg Rucka/Steve Lieber: Whiteout: Melt

(übersetzt von Stefan Pannor)

Cross Cult, 2008

128 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

Whiteout: Melt

Oni Press, 2000 (die Einzelhefte erschienen 1999/2000)

Hinweise

Homepage von Greg Rucka

YouTube: PressPass-Inteview mit Greg Rucka (Oktober 2008)

CrossCult über “Whiteout” und “Whiteout: Melt” (jeweils mit Leseprobe)

Crimespree Cinema über die Verfilmung “Whiteout”


The Spirit schlägt wieder zu

November 19, 2008

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Mit einem Diamantendiebstahl beginnt der zweite “The Spirit”-Band. Danach gibt es, als kleine Sozialstudie, im hochsommerlichen Central City eine rasante Verfolgungsjagd durch ein Mietshaus und den Mord an dem Butler einer bekannten Action-Schauspielerin. Aber diese drei Geschichten sind nicht von Darwyn Cooke, der im ersten „The Spirit“-Band den von Will Eisner erfundenen Charakter fit für das neue Jahrhundert machte, sondern von Walter Simonson, Jimmy Palmiotti und Kyle Baker. Sie schrieben das im August 2007 veröffentlichte „Summer Special“. Mit dem achten Heft übernahm Darwyn Cooke dann wieder das monatliche erscheinende Heft.

In „Zeitbombe“ trifft The Spirit wieder auf die knallharte Agentin Silk Satin. Octopus will mit einer Atombombe Central City vernichten. Nach einem heftigen Kampf mit dem Spirit kann Octopus den Countdown für die Bombe starten und, mal wieder, unerkannt fliehen. Satin soll die Bombe entschärfen. Aber während des Kampfs wurde sie verletzt. Sie erinnert sich an nichts und die Zeit läuft ab.

In „El Morte“ muss The Spirit gegen Alvarro Mortez kämpfen. Mortez starb, wie wir aus der dritten Spirit-Geschichte „Auferstehung“ wissen, vor einigen Jahren, als er als Handlanger für einen Terroristen arbeitete. Denny Colt, der als The Spirit wiederauferstand, „starb“ ebenfalls bei diesem Kampf. Mortez ist jetzt ein unverwundbarer Untoter, der nur von dem Gedanken an Rache beseelt ist. In „El Morte“ wird vor allem die Geschichte der Auferstehung von Alvarro Mortez geschildert.

Der „Tag der Toten“ findet in auch Central City an dem mexikanischen Feiertag statt. Aber das ist auch das einzig folkloristische an diesem Zombie-Reißer. Denn El Morte erweckt eine scheinbar unbesiegbare, wild mordende Zombie-Armee und schickt sie nach Central City.

In „Tod via TV“ tritt, wenig überraschend, die bereits aus dem ersten neuen The-Spirit-Abenteuer „Ginger Coffee auf Eis“ bekannte TV-Journalistin Ginger Coffee auf. Mehrere TV-Moderatoren wurden ermordet. The Spirit versucht, mit Ginger Coffees Hilfe, den Mörder zu finden. „Tod via TV“ ist ein Whodunit, der auch als ironisches Spiel mit den verschiedenen Ebenen von Realität und Fiktion funktioniert: ein Comic spielt im TV-Milieu und die verschiedenen Charaktere (die behandelt werden, als ob sie wirklich leben würden) durchbrechen immer wieder die Geschichte, um sich – mehr oder weniger direkt – an die Leser zu wenden.

Bereits auf der ersten Seite ruft Commissioner Dolan Ellen und Ebony, die sich mit mehreren Personen wegen des gesundheitlichen Zustandes von Denny Colt und dem Erscheinen des nächsten Spirit-Abenteuers unterhalten, zur Ordnung. Die Geschichte müsse beginnen. Auf der zweiten Seite, mit dem Titel als „BoobTube“-Bild (auch bei Darwyn Cooke sind die Titelbilder wie bei Spirit-Erfinder Will Eisner ein individuell gestalteter Teil der Geschichte), stampft Dolan missmutig ‚Wenn ich eins hasse, sind es diese Multimedia-Crossover-Krimis’ knurrend durch das Bild.

Zum Abschluss trifft Denny Colt in „Sand“ seine erste Liebe Sand Saref wieder. Schon als sie Kinder waren, war ihre Beziehung, wie die zahlreichen Rückblenden zeigen, nicht einfach. Sand wurde zu einer Verbrecherin. Jetzt ist sie im Besitz von einem tödlichen Virus, das in wenigen Stunden den Besitzer wechseln soll.

Damit bietet auch der zweite „The Spirit“-Sammelband in jeder Beziehung abwechslungsreiche und spannende Unterhaltung. Nach dem zwölften Heft hörte Darwyn Cooke, wegen Umstrukturierungen bei dem Herausgeber DC Comics und weil Zeichner J. Bone sich anderen Projekten zuwandte, auf. Die erfolgreiche neue „The Spirit“-Reihe wird seitdem von Sergio Aragones und Mark Evanier weitergeschrieben. Und Frank Millers nach den bisher bekannten Filmbildern wesentlich düstere „The Spirit“-Verfilmung startet Ende Januar 2009 in Deutschland.

Darwyn Cooke/Walter Simonson/Jimmy Palmiotti: Will Eisner’s The Spirit 2

(übersetzt von Gerlinde Althoff)

Panini Comics 2008

148 Seiten

16,95 Euro

Enthält die Spirit-Abenteuer 7 bis 12:

The Spirit 7: Summer Special, August 2007 (Harder than Diamonds/Härter als Diamant, Synchron, Hammer Handy)

The Spirit 8: Timebomb, September 2007 (Zeitbombe)

The Spirit 9: El Morte, Oktober 2007 (El Morte)

The Spirit 10: Death by Television, November 2007 (Tod via TV)

The Spirit 11: Day of the Dead, Dezember 2007 (Tag der Toten)

The Spirit 12: Sand, Januar 2008 (Sand)

.

Originaltitel

Darwyn Cooke, Walter Simonson, Gail Simone, Jimmy Palmiotti and others: The Spirit Vol. 2

DC Universe, 2008

176 Seiten

(enthält die Spirit-Abenteuer 7 – 13)

Hinweise

Meine Besprechung von Darwyn Cookes „Will Eisner’s The Spirit 1“

Comic Con: Interview mit Darwyn Cooke (2007)

Revisions 3: Interview mit Darwyn Cooke (Januar 2008)



Erste Eindrücke vom James-Sallis-Berlinbesuch

November 10, 2008

Am Ende seiner ersten Lesereise durch Deutschland besuchte James Sallis Berlin und ich nutzte die Gelegenheit für ein längeres Gespräch mit dem Erfinder von Lew Griffin und Turner. Die ersten beiden Griffin-Romane erschienen vor Ewigkeiten in der kurzlebigen Dumont-Noir-Reihe. Jetzt wagte der Liebeskind-Verlag mit „Driver“ und „Deine Augen hat der Tod“ einen zweiten und sehr erfolgreichen Versuch den in den USA unter Fans und Kollegen angesehenen Autor (2007 erhielt er auf der Bouchercon den Lifetime Achievement Award) auch in Deutschland zu etablieren. „Driver“ erhielt den Deutschen Krimipreis und war der Jahressieger der KrimiWelt-Bestenliste. Hugh Jackman sicherte sich die Filmrechte an „Driver“. Während des Gesprächs am Nachmittag verriet James Sallis mir, dass es inzwischen ein überarbeitetes Drehbuch gibt und der Drehbeginn für Frühjahr 2010 geplant ist. Außerdem hat Heyne die Rechte an seinen drei Turner-Romanen „Cypress Grove“, „Cripple Creek“ und „Salt River“ gekauft. Wir sprachen über Philip K. Dick, Lawrence Block (später auch über James Crumley und Joe R. Lansdale), warum seine Bücher so kurz sind (bei der Turner-Serie nimmt die Seitenzahl mit jedem Band ab), was für ein Gefühl es sei, in Deutschland ein zehn Jahre altes Buch zu promoten, und über New Orleans.

Nach dem Gespräch ging’s dann von seinem Hotel durch die Bergmannstraße (die etwas von New Orleans hat) zu „Hammett“. Die Buchhandlung erinnerte Sallis an den „Poisoned Pen Bookstore“ und wahrscheinlich nur zwei Gründe (Sprache, zulässiges Gewicht für den Flug) hinderten Sallis an einer kostspieligen Tour durch den Laden.

Am Abend las James Sallis im vollen Valentin Gasthaus am Südstern (eine schönes Lokal mit viel zu aufmerksamen Bedienungen) aus „Driver“ (weniger) und „Deine Augen hat der Tod“ (mehr), beantwortete Fragen (so erzählte er von seiner Band), signierte Bücher und dann ging’s zum gemütlichen Teil (mit den schon erwähnten aufmerksamen Bedienungen). Ich beichtete ihm, dass ich ihm am Nachmittag nur die Hälfte der geplanten Fragen gestellt hatte. Aber dafür hätte er ein gutes Dutzend anderer Fragen beantwortet. Das passiert halt, wenn man nicht blind seinen Fragenkatalog abarbeitet.

Am Freitag machte James Sallis sich auf den Heimweg nach Phoenix, Arizona – und ich sitze hier in Berlin über meinen Notizen, die die Grundlage für einen längeren Text über James Sallis sind.


Vier Volltreffer für die Hardboiled-Fans

November 5, 2008

Die zweite deutschsprachige Lieferung von Hard Case Crime enthält zwei bekannten Namen, zwei Debüts (eines wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, eines ist von einer Frau), drei neue Krimis und eine Wiederveröffentlichung. Damit ist auch die zweite Auswahl aus den inzwischen fast fünfzig originalen Hard-Case-Crime-Büchern überzeugend ausgefallen. Christa Fausts „Hardcore Angel“, Richard Aleas’ „Tod einer Stripperin“, Mickey Spillanes „Das Ende der Straße“ und, als einzige Wiederveröffentlichung, Donald E. Westlakes Frühwerk „Mafiatod“ sind alle höchst unterhaltsame Hardboiled-Geschichten, die sich nicht sonderlich um politische Korrektheit bemühen und, salopp gesagt, der Gegenentwurf zum skandinavischen Krimi und dem biederen Regiokrimi sind.

Die Großmeister: Mickey Spillane und Donald Westlake

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Als Erfinder des knallharte Privatdetektivs Mike Hammer wurde Mickey Spillane weltweit bekannt. Sein anderer Seriencharakter Tiger Mann und Einzelwerke, wozu auch prämierte Kinderbücher gehören, standen immer im Schatten dieses Erfolges. Die Leser liebten seine Geschichten voller Gewalt und Sex. Die Tugendwächter schlugen auf ihn ein, als ob er der Teufel persönlich wäre. Und in Deutschland erschienen seine Bücher immer wieder gekürzt und wanderten öfters auf den Index.

In den letzten Jahren veröffentlichte Spillane, der noch nie ein besonders produktiver Schreiber war, fast nichts mehr. Nach seinem Tod 2006 begann Max Allan Collins, ein glühender Spillane-Fan und sehr produktiver Autor, auf Spillanes Wunsch, deren unvollendete Manuskripte, wozu auch mehrere Mike-Hammer-Geschichten gehören, fertig zu stellen.

Als erstes erschien vor einem Jahr bei Hard Case Crime „Dead Street“, das jetzt als „Das Ende der Straße“ auf Deutsch veröffentlicht wurde. Es erzählt vom New Yorker Ex-Cop Jack Stang, einem typischen harten Dirty-Harry-Cop, der weiß, dass er ein Dinosaurier ist und der nie über den Tod seiner vor zwanzig Jahren ermordeten Freundin hinweggekommen ist. Doch jetzt, nach seiner Pensionierung, erfährt er, dass sie noch lebt und die Personen, die sie damals umbringen wollten, es heute immer noch tun wollen. Stang versucht seine alte Liebe wieder für sich zu gewinnen und sie vor den Bösewichtern zu beschützen. Dafür muss er zuerst herausfinden, warum die Mafia eine gewöhnliche Sekretärin umbringen will.

Im Gegensatz zu den früheren Spillane-Werken geht der Grandmaster der Mystery Writers of America hier wesentlich ruhiger zu Werk. Der gesamte Mittelteil widmet sich hauptsächlich dem Werben von Stang um seine totgeglaubte Liebe. Erst am Ende, in dem von Max Allan Collins geschriebenen Teil, wird geschossen.

Als Donald E. Westlake „Mafiatod“ schrieb, stand er ganz am Anfang seiner langen und erfolgreichen Karriere. Unter seinem Namen ist er heute vor allem als Autor der komischen Dortmunder-Serie bekannt; als Richard Stark schreibt er seit 1962 die düsteren Parker-Serie und einige Grofield-Romane. Daneben hat er, neben zahlreichen Einzelwerken, die meistens unter seinem richtigen Namen erschienen, unter verschiedenen Pseudonymen, wie Tucker Coe, mehrere kürzere Serien veröffentlicht. Außerdem schrieb Westlake zahlreiche Drehbücher. 1993 ernannte ihn die Mystery Writers of America zum Grandmaster und 1997 erhielt er für sein Lebenswerk den Anthony.

Davon ahnte er 1962, als er „Mafiatod“ veröffentlichte, noch nichts. Der Krimi beginnt mit der Rückkehr des dreiundzwanzigjährigen Ray Kelly von seinem dreijährigen Dienst bei der Air Force in Deutschland. Als er mit seinem Vater, dem Anwalt Willard Kelly, auf dem Highway von Manhattan unterwegs zum in einer Vorstadt von New York gelegenen elterlichen Haus ist, wird auf sie ein Anschlag verübt. Ray Kelly überlebt schwer verwundet. Er verliert sein rechtes Auge. Sein Vater das Leben. Als Kelly aus dem Krankenhaus entlassen wird, fordert ihn ein Mann auf, sofort die Stadt zu verlassen und ganz weit weg ein neues Leben zu beginnen. Aber Kelly möchte herausfinden, warum sein Vater sterben musste.

Als erstes findet er heraus, dass sein Vater in den Dreißigern in New York für den Schnapsschmuggler und Gangsterboss Eddie Kapp arbeitete. Und es kommt noch schlimmer für Ray Kelly.

Auf knapp zweihundert Seiten packt Donald E. Westlake, wie in den Parker-Romanen, mehr Twists, als ein heutiger Thriller auf der zwei- bis dreifachen Länge hat, und das Ende der Hardboiled-Geschichte ist immer noch schockierend-überraschend. Denn, soviel kann verraten werden, Familie ist die Hölle.

Junges Blut: Richard Aleas und Christa Faust

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Richard Aleas heißt im wirklichen Leben Charles Ardai und er gibt die Hard-Case-Crime-Reihe heraus. In seinem Romandebüt „Tod einer Stripperin“ überzeugt er, nach einigen Kurzgeschichten, auch als Romanautor.

Sein Debüt war für den Edgar- und den Shamus-Award nominiert. Der zweite Krimi mit Privatdetektiv John Blake „Songs of Innocence“ wurde in den Staaten ebenfalls abgefeiert und nur wegen einer Änderung der Zulassungskriterien wurde er, zum Bedauern vieler Autoren und Kritiker, nicht für den Shamus-Award nominiert.

In „Tod einer Stripperin“ will Privatdetektiv John Blake herausfinden, warum seine Schulfreundin Miranda Sugarmann keine geachtete Ärztin, sondern eine Stripperin in dem noch nicht einmal zweitklassigen New-Yorker-Nachtclub „The Sin Factory“ wurde und ermordet wurde. Dass John Blakes Chef Leo Hauser (der Name erinnert sicher nicht zufällig an Leo Haig, einem von Lawrence Block erfundenem Privatdetektiv. Ardai ist ein bekennender Block-Fan.) ihm rät, die Sache nicht zu verfolgen, kann Blake in seinem jugendlichen Leichtsinn nicht von diesem Fehler abhalten. Blake ermittelt einige unschöne Dinge über seine Highschoolliebe. Er beschäftigt sich mit seinen in den vergangenen zehn Jahren verlorenen Träumen. Denn als er die Schule verließ, wollte er nicht Privatdetektiv werden. Und er muss sich mit einigen wirklich üblen Gangstern auseinandersetzen.

Als erste und bislang einzige Frau bei Hard Case Crime wurde Christa Faust mit ihrem „Hardcore Angel“ von den Hardboiled-Fans begeistert aufgenommen. In den USA wurde der Roman bereits Monate vor dem offiziellen Erscheinen in den einschlägigen Blogs gelobt, nächstes Jahr wird er mit Sicherheit auf einigen Nominierungslisten stehen und Christa Faust schließt weitere Angel-Dare-Geschichten nicht aus.

In „Hardcore Angel“ gerät Angel Dare, ein ehemaliger Pornostar und Geschäftsführerin einer Sexmodelagentur, zufällig in eine leichenhaltige Geschichte um einen Koffer voller Geld und einen schwunghaften Sexsklavinnenhandel. Nach 250 Seiten hat Los Angeles einige Einwohner weniger und Angel Dare ist um einige Erfahrungen, wozu auch verschiedene Arten des Tötens gehören, reicher.

„Hardcore Angel“ ist ein wilder 250-seitiger Ritt durch die Schattenseiten Hollywoods mit einer glaubwürdigen Heldin und etlichen, sarkastisch geschilderten, Einblicken in das Sexfilmgeschäft.

Mickey Spillane: Das Ende der Straße

(übersetzt von Lisa Kuppler)

Rotbuch, 2008

224 Seiten

9,90 Euro

Originalausgabe

Dead Street

Hard Case Crime, 2007

224 Seiten

Hinweise

Meine Besprechung von Mickey Spillanes “Dead Street”

Weitere Informationen über Mickey Spillane

Donald E. Westlake: Mafiatod

(übersetzt von Ursula von Wiese – Ungekürzte, überarbeitete und nach dem Original ergänzte Fassung von Almuth Heuner)

Rotbuch, 2008

208 Seiten

9,90 Euro

Originalausgabe

361

Random House, 1962

Neuausgabe

Hard Case Crime, 2005

208 Seiten

Deutsche Erstausgabe

Höllenfahrt

Kurt Desch Verlag (Mitternachtsbücher), 1963

Hinweise

Homepage von Donald E. Westlake

Meine Besprechung des Dortmunder-Romans „What’s so funny?“

Meine Besprechung des Dortmunder-Romans „Watch your back!“

Meine Besprechung des Dortmunder-Kurzromans „Die Geldmacher“ (Walking around money; erschienen in „Die hohe Kunst des Mordens“ [Transgressions])

Meine Vorstellung der Parker-Serie, die Westlake als Richard Stark schreibt

Meine Besprechung des Parker-Romans „Ask the Parrot“

Meine Doppelbesprechung der Parker-Romane „Fragen Sie den Papagei“ (Ask the Parrot) und „Dirty Money“

Richard Aleas: Tod einer Stripperin

(übersetzt von Conny Lösch)

Rotbuch, 2008

256 Seiten

9,90 Seiten

Originalausgabe

Little Girl Lost

Hard Case Crime, 2004

224 Seiten

Hinweise

Richard Aleas stellt bei “My Book, the Movie” seinen Traumcast vor

Richard Aleas testet die Seite 69 von „Little Girl Lost“

Christa Faust: Hardcore Angel

(übersetzt von Almuth Heuner)

Rotbuch, 2008

256 Seiten

9,90 Euro

Originalausgabe

Money Shot

Hard Case Crime, 2008

256 Seiten

Hinweise

Homepage von Christa Faust

Meine Besprechung von „Hardcore Angel“ (Money Shot, 2008)

Kriminalakte über Christa Faust

Bonushinweise

Meine Besprechung der ersten drei deutschen Hard-Case-Crime-Bücher

Amerikanische Hard-Case-Crime-Seite

Deutsche Hard-Case-Crime-Seite


James Sallis besucht Deutschland

Oktober 31, 2008

Für „Driver“ erhielt James Sallis den Deutschen Krimipreis, war Jahressieger der KrimiWelt-Bestenliste, sammelte euphorische Kritiken und auch den Lesern gefiel der schmale Band über einen Stuntman und Fluchtwagenfahrer, der in eine böse Geschichte hineingerät und alle seine Prinzipien zur Disposition stellen muss.

Der vor wenigen Wochen erschienene Roman „Deine Augen hat der Tod“ erschien bereits 1999 in der kurzlebigen Dumont-Noir-Reihe und ist eine sperrige Mischung aus Agententhriller und Road-Movie. In ihm muss Ex-Agent David sein beschauliches Leben hinter sich lassen und einen Kameraden suchen, der mordend durch Amerika zieht.

Bei Dumont erschienen auch die ersten beiden Lew-Griffin-Romane „Die langbeinige Fliege“ (The Long-Legged Fly, 1992) und „Nachtfalter“ (Moth, 1993). Griffin ist Privatdetektiv, Professor, Dichter, Blues-Fan, Autor, Alkoholiker und Afroamerikaner. In New Orleans ist das keine erfolgversprechende Mischung. Nach sechs Bänden beendete Sallis die hochgelobte Lew-Griffin-Serie und startete 2003 eine inzwischen aus drei, noch nicht übersetzten, Bänden bestehende Serie mit John Turner. Auch er ist als Ex-Polizist, Ex-Betrüger, Ex-Therapeut und, ab dem zweiten Band, Deputy Sheriff in einer Kleinstadt in der Nähe von Memphis, Tennessee, ein vielschichtiger Charakter. Die Geschichten mit Griffin und Turner sind, im Gegensatz zu den Einzelwerken „Driver“ und „Deine Augen hat der Tod“, tief in den Südstaaten verwurzelt. Vergleiche mit James Lee Burke und seinem Helden Dave Robicheaux liegen nahe und sind auch gar nicht so verkehrt.

Bevor James Sallis unter die Krimiautoren ging, schrieb er mehrere Bücher über Jazzgitarristen, Biographien und Essays über Samuel R. Delany, Chester Himes, Jim Thompson und David Goodis, übersetzte Raymond Queneau und war, als Science-Fiction-Fan, in den Sechzigern Redakteur des avantgardistischen britischen Science-Fiction-Magains „New World“.

Musikalisch ausgedrückt sind die Einzelwerke von James Sallis Cool Jazz und die Serien Blues. Beide Male spielt er souverän mit bekannten Formen. Bei den Lesungen wird es daher literarischen Cool Jazz geben. Den Sallis-Blues wird Liebeskind in den nächsten Jahren veröffentlichen.

Die Tournee:

Sonntag, 2. November, 11:00 bis 13:00 Uhr
Katholische Akademie Schwerte

“Mord am Hellweg“

Bergerhofweg 24 – 58239 Schwerte

Moderation: Ekkehard Knörer

Eintritt: VVK 7/5 €; TK 10/8 €

Karten: Ruhrtal-Buchhandlung 02304 / 18 0 40

Montag, 3. November, 20:00 Uhr

Stage Club in der Neuen Flora

„Krimifestival Hamburg“

Stresemannstraße 163 – 22769 Hamburg

Moderation: Denis Scheck

Deutsche Textlesung: Mechthild Großmann

Eintritt: 10 €

Karten: Buchhandlung Heymann 480 93-0 / Abendblatt-Ticket-Hotline 30 30 98 98

Dienstag, 4. November, 20:00 Uhr
Literaturhaus Stuttgart

Breitscheidstraße 4 – 70174 Stuttgart
Moderation: Denis Scheck

Deutsche. Textlesung: Rudolf Guckelsberger

Eintritt: 8,- € / 6,- €

Karten: Buchhandlung im Literaturhaus, 28 42 90 4

Mittwoch, 5. November, 20:00 Uhr

Ampere / Muffatwerk, München

Zellstraße 4, 81667 München

Moderation/Deutsche. Textlesung: Hans Jürgen Stockerl

Eintritt: VVK 6,- € / Abendkasse 8,- €

Karten an allen bekannten Vorverkaufsstellen und München Ticket, 54 81 81 81

Kooperation: Krimibuchhandlung Glatteis

Donnerstag, 6. November, 20:00 Uhr

Valentin Gasthaus Am Südstern, Berlin

Körtestraße 21 / 10967 Berlin
Moderation Thomas Wörtche

Deutsche Textlesung: Karsten Weinert

In Kooperation mit der Krimibuchhandlung Hammett

Eintritt: € 5 / € 4

Karten bei Hammett 691 58 34

Die derzeit auf Deutsch erhältlichen Werke:

James Sallis: Deine Augen hat der Tod

(Death will have your eyes, 1997)

Aus dem Englischen von Bernd W. Holzrichter

Liebeskind, München 2008 (Neuausgabe)

192 Seiten

16,90 Euro

James Sallis: Driver

(Drive, 2005)

Aus dem Englischen von Jürgen Bürger

Liebeskind, München 2007

160 Seiten

16,90 Euro

Hinweise

Homepage von James Sallis

Meine Besprechung von “Driver” (Drive, 2005)

(Das ist der erste Teil eines sechsteiligen Gesprächs mit James Sallis)


Blicke in die Vergangenheit in die Zukunft

Oktober 29, 2008

Dieses Buch ist eine Frechheit! Jedes Jahr wirft Wolfgang Jeschke, inzwischen zusammen mit Sascha Mamczak, auf’s schäbigste unterstützt vom Heyne Verlag ein über tausendseitiges Werk auf den Markt. Dieses Jahr hat „Das Science Fiction Jahr 2008“ 1504 Seiten. Als Taschenbuch! Es kann kaum in der Hand gehalten werden. Es passt in keine Hosentasche. Auch nicht in die großen Taschen einer dieser modischen Cargo-Hosen oder einer Jacke. Es kann nur zu Hause gelesen werden. Und dann scheint den Autoren auf die Frage „Wie lang soll mein Text sein?“ immer „Ist egal. Wir haben Platz.“ gesagt worden zu sein. Immerhin schreibt Uwe Neuhold 100 Seiten über den Klimawandel: „Science oder Fiction?“. Für den Besuch im Museum des neuen Menschen benötigt er nur knappe 80 Seiten.

Dieser Text ist ein Teil des über 300-seitigen Schwerpunkts „Utopia mon amour“, in dem es – und das ist die nächste Frechheit des Werkes – zu viele lesenswerte Texte zu den Vorstellungen von Zukunft im Wandel der Zeit gibt: von den großen Zukunftsentwürfen der vergangenen Jahrhunderte über das ambivalente Verhältnis von positiver und negativer Utopie (Betrachten Sie einmal die positiven Utopien und fragen sich dann, ob Sie, erstens, wirklich in dieser Welt leben wollen und, zweitens, zu welchem Preis dieses Paradies erkauft wurde.), wie wir die großen Utopien des vergangenen Jahrhunderts, wie die Besiedlung des Weltalls, in den letzten Jahrzehnten immer stärker ad acta legten und welche Utopien es heute gibt.

Es gibt selbstverständlich auch lesenswerte Texte von bekannten S-F-Autoren. Thomas M. Disch fragt: „Was wird aus der Science Fiction, wenn wir alle intelligenter und gleichzeitig dümmer werden?“. Die Rede von John Clute vor dem „Centre for the Future“ vom September 2007 ist abgedruckt. Es gibt Interviews mit Ursula K. Le Guin, Charles Stross und Andreas Brandhorst.

Auf über 200 Seiten werden die S-F-Filme und S-F-Serien des Jahres 2007 Revue passieren gelassen. Auch dies geschieht, wie in den vergangenen Jahren, mit einem Gesamtüberblick, Schwerpunktartikeln (hier über Hollywoods Hang zu nicht immer geglückten Remakes) und Nachrufen auf Michelangelo Antonioni (eine eher ungewöhnliche Wahl, aber einige Seiten vorher wurde Christian Petzolds „Yella“ mit fünf von sechs möglichen Sternen gewürdigt), Freddie Francis und Curtis Harrington, zwei in Fankreisen anerkannte Regisseure. Die Nachrufe auf die unlängst verstorbenen Autoren, wie Arthur C. Clarke, Kurt Vonnegut, Ira Levin, Marc Behm und John Gardner (die auch Krimis schrieben), gibt es einige hundert Seiten früher.

Es gibt Kapitel über „Kunst“ (unter anderem über Michael Moorcocks Beziehung zu den Rockbands „Hawkwind“, „Blue Öyster Cult“ und „The Deep Fix“), „Hörspiel“ (die S-F-Hörspiele des vergangenen Jahres), „Comic“ (aufgeteilt wie die „Film“-Kategorie), „Computer“, „Rezensionen“ (knappe 100 Seiten mit oft mehrere Seiten langen Buchbesprechungen) und die „Marktberichte“ aus Deutschland, USA und England. Oh, und die 2007 vergebenen S-F-Preise werden ebenfalls aufgelistet.

Den Abschluss bildet, wie gewohnt und soviel Eigenwerbung darf sein, die Bibliographie der 2007 bei Heyne erschienenen phantastischen Literatur.

Damit wurde das seit dem ersten „Science Fiction Jahr“-Buch 1986 erprobte Konzept kein Jota geändert. Und das ist gut so. Denn einen besseren Überblick (in jeder Hinsicht) über das Science-Fiction-Jahr gibt es in Deutschland nicht. Deshalb ist es erfreulich, dass der Heyne Verlag jedes Jahr einen neuen Band vorlegt. Denn ein Verkaufsschlager kann das voluminöse Werk nicht sein. Aber für S-F-Fans und an dem S-F-Genre Interessierte ist es unverzichtbar.

Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2008

Heyne Verlag, 2008

1504 Seiten

22 Euro

Hinweis

Das vollständige Inhaltsverzeichnis


Die Rückkehr von Will Eisners „The Spirit“

Oktober 22, 2008

Will Eisners „The Spirit“ gehört in den USA zu den langlebigen Comicserien und, als Beilage in den Zeitungen, war es auch 1940 eine Serie, die sich explizit an ein erwachsenes Publikum und nicht an Kinder richtete. Ob es die erste oder eine der ersten Serien für Erwachsene war, mögen die Historiker irgendwann entscheiden. In jedem Fall war „The Spirit“ eine Alternative zu den gängigen Superheldencomics.

Der „Spirit“ ist der ehemaliger Polizist Denny Colt, der beim Kampf gegen den irren Wissenschaftler Dr. Cobra, der Central City mit einer Chemikalie vergiften wollte, starb. Jedenfalls glaubt das die Bevölkerung. Denn er überlebte, zog sich eine blaue Augenbinde über (Tja, das waren noch Zeiten, als eine so minimale Verkleidung unkenntlich machte.) und begann das Böse zu bekämpfen. Will Eisner erzählt die Geschichte mit der Verkleidung so: „Die wollten einen heldenhaften Charakter, einen verkleideten Charakter. Sie fragten mich, ob er eine Verkleidung habe. Und ich setzte ihm die Maske auf und sagte: ‚Ja, er hat ein Kostüm!’“

Legendär und ein Kennzeichen der Spirit-Serie war vom ersten Abenteuer an das erste Bild, in dem Eisner ähnlich einem Buchumschlag in die Geschichte einführte und den Titel „The Spirit“ spielerisch und jedes Mal in einem anderen Stil in das Bild integrierte. Auch wenn die meisten „The Spirit“-Geschichten zwischen 1940 und 1952 erschienen, veröffentlichte Will Eisner bis zu seinem Tod 2005 immer wieder neue „The Spirit“-Comics.

Der zweifache Eisner-Preisträger Darwyn Cooke hat im Februar 2007, nach dem gemeinsamen Auftritt von Batman und The Spirit in „Batman/The Spirit“, mit „Ginger Coffee auf Eis“ eine neue „The Spirit“-Serie gestartet, die den Charme der alten Serie von Will Eisner bewahrt und sie für ein neues Publikum gelungen relauncht. Die wichtigsten Neuerungen sind dabei ein modernerer Zeichenstil, längere Geschichten (von den früheren sieben Seiten als Zeitungsbeilage auf zweiundzwanzig Seiten als eigenständiges Heft) und ein behutsam modernisiertes Ensemble. Immerhin war, als vor fast siebzig Jahren die ersten „The Spirit“-Comics veröffentlicht wurden, die Macho-Traumwelt noch in Ordnung. Auch wenn „The Spirit“ sich stilistisch stark am Film Noir orientierte und die Männer da immer die schlechten Karten haben.

Der „Spirit“ des neuen Jahrhunderts ist immer noch ein beherzter Kämpfer gegen das Verbrechen, ein leicht blauäugiger Retter von Frauen in Not und ein guter Kämpfer. Aber obwohl er oft Schläge austeilt, muss er inzwischen auch viele Schläge einstecken. Eigentlich wird er fast immer verprügelt.

„Na ja, wenn ich mit Hut und blauer Maske auf offiziellen Partys aufkreuze, endet es meist damit, dass ich von einer Bande Türsteher in der Größe von Bierlastern hinterm Haus vermöbelt werde“, sagt er in „Mit den Waffen einer Frau“, verkleidet sich dann als blinder Mann – und wird vermöbelt.

Auf dem Empfang möchte er Madam P’Gell davor bewahren, sich an den diktatorischen Herrschers Prinz Farouk heranzuschmeißen. Doch Madam P’Gell (Die Spezialität der Femme Fatale ist reiche Männer heiraten) hat andere Pläne.

Auch in „Ginger Coffee auf Eis“ wäre seine Mission einfacher, wenn die entführte TV-Journalistin sich einfach von ihm retten ließe. Aber dann ginge ihre große Story flöten.

„Hart wie Satin“ beginnt in der Wüste. Dorthin hat es „The Spirit“ und die stahlharte CIA-Agentin Silk Satin verschlagen. Sie verfolgten von Central City aus eine Spur, die sie zum Kopf der Octagon-Bande führen sollte. Und hier wäre die Mission von Silk Satin einfacher, wenn sie nicht den Spirit durch die Wüste schleppen müsste.

In „Auferstehung“ erinnert „The Spirit“ sich, nachdem Mortez in einem Restaurant vierzehn Triaden-Mitglieder niedermetzelte, an seine letzte Begegnung mit Alvaro Mortez. Damals gehörte Mortez zur Terrorgruppe Octagon, die einen Giftanschlag auf Central City plante. Denny Colt erfuhr davon und wollte den Anschlag auf eigene Faust verhindern. Das gelang ihm, aber er selbst starb in dieser Nacht mit den Verbrechern und tauchte später als „The Spirit“ mit der legendären blauen Maske wieder auf. Darwyn Cooke erzählt diese altbekannte „The Spirit“-Geschichte gelungen aus verschiedenen Perspektiven.

In „Der Werbestar“ klatschen Gangster ein jubelndes Kind mit einer „The Spirit“-Maske auf alte russische Armeekonserven und machen Kinder süchtig nach dem Fraß. Als der Kosake, ein berüchtigter Gangster, seinen Teil vom Geschäft haben will, geraten die Dinge außer Kontrolle.

„Almost Blue“ beendet den ersten „The Spirit“-Band, trotz der Explosion auf der ersten Seite, fast besinnlich mit der in einer Rückblende erzählten Geschichte des jungen Musikgenies August Blue, seinem Aufstieg in der Punkszene und seiner Sucht nach der aus dem Weltraum stammenden Droge Blue.

Die ersten sechs Abenteuer des neuen „The Spirit“ sind kurz, spannend, abwechslungsreich und machen neugierig auf den zweiten, gerade erschienenen „The Spirit“-Sammelband mit sechs weiteren Abenteuern des maskierten Helden. In den Kurzgeschichten bedient Darwyn Cooke sich hemmungslos aller erzählerischen Mittel und bekannten Stile aus Literatur und Film. Es gibt Perspektivenwechsel, mehrere Erzähler, Wechsel im Zeichenstil, Zeitsprünge, organisch eingebaute Rückblenden. Das alles handhabt der mehrfache Eisner-Preisträger souverän und pointiert im Dienst der Geschichte. Dass er dabei fast von Geschichte zu Geschichte das Genre wechselt, erhöht nur die Lust auf das nächste „The Spirit“-Abenteuer. Denn langweilig wird es mit Denny Colt nie.

Darwyn Cooke/J. Bone/Dave Stewart: Will Eisner’s „The Spirit“ – 1

(übersetzt von Gerlinde Althoff)

Panini Comics/DC, 2008

148 Seiten

16,95 Euro

Originaltitel

Darwyn Cooke/J. Bone/Dave Stewart: Will Eisner’s „The Spirit“ – 1

DC Comics, 2007

Enthält

The Spirit 1: Ice Ginger Coffee, Februar 2007 (Ginger Coffee auf Eis)

The Spirit 2: The Maneater, März 2007 (Mit den Waffen einer Frau)

The Spirit 3: Resurrection, April 2007 (Auferstehung)

The Spirit 4: Hard Like Satin, Mai 2007 (Hart wie Satin)

The Spirit 5: Media Man, Juni 2007 (Der Werbestar)

The Spirit 6: Almost Blue, Juli 2007 (Almost Blue)

Hinweise

Offizielle Will-Eisner-Seite

Will Eisner: A spirited Life Blog: Interview mit Darwyn Cooke (August 2006 über „The Spirit“)

Comics Podcast Network: Interview mit Darwyn Cooke (Januar 2008)

Wikipedia über Darwyn Cooke, Will Eisner und „The Spirit“

Bonushinweis

Darwyn Cooke adaptiert die ersten Parker-Romane von Richard Stark (24. Juli 2008)


Angel Dare räumt auf

Oktober 20, 2008

Das erste Mal begegnen wir Angel Dare, als sie gefesselt und für tot zurückgelassen im Kofferraum eines Honda Civic liegt. Auf den folgenden Seiten von Christa Fausts grandiosem „Hardcore Angel“ wird Angel Dare noch einige weitere Kofferräume kennenlernen und sich bis zu einem Chrysler 300 hocharbeiten. Doch zunächst muss sie sich aus dem Civic befreien. Während sie ihre Fesseln in mühseliger Kleinarbeit löst, erzählt sie uns, wie sie im Kofferraum landete. Es begann wenige Stunden früher mit einem Anruf von ihrem alten Freund Sam Hammer. Er drehte mit ihr in der Vergangenheit etliche Pornos und sie wurde zum Porno-Star. Später eröffnete Angel Dare, die inzwischen auf die vierzig zugeht und eindeutig zu alt für Pornos ist, die hochklassige Pornomodel-Agentur „Daring Angels“ und vermittelt seitdem nur noch Jobs. Doch jetzt bittet Sam sie um Hilfe. Ein Mädchen hat ihn bei einem Dreh sitzengelassen und Hauptdarsteller Jesse Black, der neue Stern am Pornohimmel, will unbedingt eine Szene mit ihr haben. Sie ist einverstanden (Hey, immerhin will Jesse Black sie vor laufender Kamera vögeln!), fährt zum Drehort und stolpert in eine Falle. Zwei Männer verlangen von ihr einen Koffer voll Geld, den eine verzweifelte Blondine mit Dracula-Akzent bei sich hatte, als sie vor der Mittagspause bei „Daring Angels“ auftauchte und nach Zandora Dior (natürlich ein…) fragte. Angel Dare hilft der Blondine Lia, indem sie einen von Lia geschriebenen Brief an Zandora faxt. Dann haut Lia ab und zwei Schläger fragen nach Lia. Da ahnen Angel Dare und ihre Empfangsdame Didi, die zu Zeiten von „Deep Throat“ ein Star gewesen war, noch nicht, dass sie in die Schusslinie von einigen skrupellosen Gangstern geraten sind.

Angel Dare kann sich schließlich aus dem Kofferraum befreien und über eine verlassene Industriebrache zu einem Telefon stolpern. Sie ruft Malloy, einen Ex-Cop, den sie neuerdings als Begleitschutz für ihre Models engagiert, an. Er sagt ihr, dass sie untertauchen müsse, weil die Polizei sie als Mörderin von Sam Hammer sucht.

Und dann – wir sind jetzt erst auf Seite 45 – beginnen sie gemeinsam den Koffer mit dem Geld und den Mörder von Sam Hammer zu suchen.

Mit „Hardcore Angel“ wurde Christa Faust vor gut neun Monaten in den USA zur „the ‚First Lady’ of Hard Case Crime“ ernannt. Das war einerseits keine große Leistung. Denn bis zum vierzigsten Hard-Case-Crime-Band veröffentlichte Hard-Case-Crime-Herausgeber Charles Ardai nur von Männern geschriebene Krimis. Andererseits ist es eine große Leistung, denn bis dahin hatte Charles Ardai keine Frau gefunden, die gelungen den kaltschnäuzigen Hardboiled-Stil der Hard-Case-Crime-Reihe bedient. Christa Faust, die in den USA bereits mehrere Bücher und das mit dem Scribe-Award der International Association of Media Tie-In Writers ausgezeichnete „Snakes in a Plane“ veröffentlichte, gelingt dies.

Ihre Heldin und Ich-Erzählerin Angel Dare ist, obwohl sie im Pornofilmgeschäft arbeitet, eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Sie ist eine normale Frau, die ihre Geschichte angenehm illusionslos und sarkastisch erzählt. Dabei wird das immer noch etwas schmuddelige Pornofilmmilieu zwar realistisch gezeichnet, aber gegen das eindeutig verbrecherische Gebaren von den Sexsklavinnenhändlern, mit denen Angel Dare sich in „Hardcore Angel“ anlegen muss, wird es zur lichten Seite des Geschäftes mit käuflichem Sex.

Wie es sich für einen richtigen Pulp gehört, wird das Milieu ohne erhobenen moralischen Zeigefinger dargestellt. Es bietet nur den Hintergrund für etliche Schlägereien, Morde (In „Hardcore Angel“ hat niemand ein schlechtes Gewissen, wenn er jemand umbringt. Und Angel Dare trägt auch ihr Scherflein zu der steigenden Mordrate in Los Angeles bei.), Sex, und einem, von der Atmosphäre, an Raymond Chandler erinnernden Plot. Nur kommt Angel Dare kein rettender Philip Marlowe zu Hilfe. Auch wenn Malloy ihr zuerst verdächtig selbstlos hilft. Am Ende muss Angel Dare, entsprechend den Genrekonventionen als rächender und rettender Engel, mit ihren natürlichen Talenten allein gegen die bösen Jungs kämpfen.

„Hardcore Angel“ ist ein höllisch guter Ritt durch eine Welt in der ein Menschenleben nicht mehr zählt als ein Blowjob. In ihrer Heimat dürfte ihr mit dem zeitgenössischen Noir „Hardcore Angel“, der nächstes Jahr sicher auf einigen Nominierungslisten zu finden sein wird, der Durchbruch gelungen sein. In Deutschland auch. Denn nach der Lesung im Kaffee Burger wurde der Verkaufstisch gestürmt und Rotbuch will im Frühjahr ein weiteres Buch von Christa Faust veröffentlichen.

Christa Faust: Hardcore Angel

(übersetzt von Almuth Heuner)

Rotbuch, 2008

256 Seiten

9,90 Euro

Originalausgabe

Money Shot

Hard Case Crime, 2008

256 Seiten

Hinweise

Homepage von Christa Faust

In for Questioning: Audiointerview mit Christa Faust (Februar 2008)

Behind the Black Mask: Audiointerview mit Christ Faust (Juni 2008)

ChuckPalahniuk Homepage: Rob Hart interviewt Christa Faust (August 2008)

Kriminalakte über Christa Faust


Washington, D. C.: Pelecanos berichtet aus den innerstädtischen Kampfzonen

Oktober 15, 2008

George Pelecanos hat es in Deutschland wirklich nicht leicht. Während er in seiner Heimat Amerika und in England schon seit Jahren bei den gleichen Verlagen ist, diese ihn auch fördern und die Verkaufszahlen inzwischen seinem Ruf innerhalb der Krimiszene entsprechen, wandert er in Deutschland von einem Verlag zum nächsten. Nach Dumont, Rotbuch und Aufbau Verlag versucht jetzt der Rowohlt Taschenbuch Verlag sein Glück. Dass ich, als langjähriger Pelecanos-Fan, dem Verlag die Daumen drücke, dürfte kein großes Geheimnis sein. Auch wenn das Wort „Thriller“ auf dem Cover von „Der Totengarten“ (The night gardener) und der Klappentext die Erwartungen in eine falsche Richtung lenken. Denn „Der Totengarten“ ist alles außer einem 08/15-Serienkillerthriller. George Pelecanos schrieb auch noch nie einen herkömmlichen Rätselkrimi. Für ihn sind die Charaktere und deren Welt wichtiger als reine die Krimihandlung.

Deshalb ist in dem mit dem Barry ausgezeichneten „Der Totengarten“ die Frage nach dem Täter, obwohl Pelecanos die Identität des Serienmörders auf der letzten Seite enthüllt, vollkommen nebensächlich. In „Der Totengarten“ steht nicht die Jagd nach dem Serienmörder, sondern das Leben von drei Männern im Mittelpunkt.

1985 ermordete ein Serienkiller in Washington, D. C., mehrere Jugendliche, deren Name ein Palindrom (wie Ava oder Otto) war. Er tötete sie mit einem Kopfschuss und in ihrem Rektum wurden Spermaspuren entdeckt. Die Leichen wurden immer in Gemeindegärten gefunden. Sergeant T. C. Cook leitete damals die erfolglosen Ermittlungen.

Zwanzig Jahre später wird wieder eine Leiche gefunden. Detective Sergeant Gus Ramone fallen sofort die Ähnlichkeiten zu der alten Mordserie auf. Im Lauf seiner Ermittlungen bildet er mit dem pensionierten T. C. Cook und dem Ex-Polizisten Dan ‚Doc’ Holiday, der inzwischen als Chauffeur und Bodyguard arbeitet, ein Team. Dieses Mal wollen sie den ‚Palindrom-Mörder’ fangen.

In Pelecanos Werk hat „Der Totengarten“ eine Ausnahmestellung. Bis dahin waren seine Helden Privatdetektive, Kleinunternehmer, meistens Coffee-Shop-Betreiber oder Inhaber eines LP-Ladens, und Gangster. In „Der Totengarten“ sind es ein Polizist, ein pensionierter Polizist und ein Bodyguard.

Pelecanos konzentriert sich in „Der Totengarten“ vor allem auf die tägliche Polizeiarbeit des Polizisten Ramone und dessen Privatleben. Er ist verheiratet, hat eine Tochter, einen vierzehnjährigen Sohn, dessen Freund Asa Johnson das jüngste Opfer des Killers ist, und versucht ein guter Vater zu sein. Letzteres, die Beziehungen der Generationen zueinander, ist natürlich ein vertrautes Pelecanos-Thema. Neu ist dagegen der starke Fokus auf die Arbeit der Polizei. Weil Pelecanos damals auch einer der Produzenten und Drehbuchautoren der hochgelobten, realistischen Polizeiserie „The Wire“, für die auch Dennis Lehane und Richard Price Drehbücher schrieben, war, erstaunt das nicht so sehr.

In den USA wurde „Der Totengarten“ von den Kritikern abgefeiert, schaffte es auf zahlreiche Jahresbestenlisten und auch auf die New-York-Times-Bestsellerliste.

In seinem neuesten Roman „The Turnaround“ sind die traditionellen Genreelemente, ähnlich dem nicht übersetzten „Shame the Devil“, noch unwichtiger. Es wird zwar fünfunddreißig Jahre nach der Tat ein Mord aufgeklärt. Es gibt Erpressungen, Drogenhandel und mehrere Morde. Also alles das, was zu einem zünftigen Krimi gehört.

Aber in erster Linie erzählt Pelecanos ausführlich von dem normal-alltäglichen Leben von drei Männern, die sich 1972 in einer Nacht begegneten und heute wieder aufeinander treffen. Damals fuhren drei Jugendliche in das Schwarzenviertel Heathrow Heights. Als es zu einer von den Weißen provozierten Konfrontation kam, flüchtete Pete Whitten, Billy Cachoris wurde erschossen und Alex Pappas im Gesicht verunstaltet. Heute führt Pappas den von seinem Vater gegründeten Imbiss und er überlegt, ob er seinem Sohn das Geschäft übergeben soll. Der Afroamerikaner Raymond Monroe arbeitet als Therapeut im Walter-Reed-Veteranenhospital. Als sie sich dort treffen, will Monroe erfahren, wie Pappas heute lebt und ihn mit seinem Bruder James Monroe, der damals für die Tat verurteilt wurde und heute als Automechaniker arbeitet, bekannt machen.

Und der Kleingangster Charles Baker, der auch 1972 dabei war, versucht mit Erpressungen aus seinem Wissen Kapital bei Whitten und Pappas zu schlagen. Denn er glaubt, dass damals sein Leben verpfuscht wurde.

Aber Pelecanos entwickelt in „The Turnaround“ den Krimiplot nicht weiter. Er schleift ihn fast lustlos mit. So verteilt er die nicht sonderlich rätselhaften Ereignisse während der Nacht 1972 und wer damals der Todesschütze war über die gesamte Geschichte. Die amateurhafte Erpressung von Baker führt, wie es auch in der Realität wäre, nicht zu einer sich konflikthaft entwickelnden Dynamik zwischen Erpresser und Erpressten und Drogenhandel ist in Großstädten etwas sehr alltägliches.

Genau an diesem Punkt überzeugt Pelecanos. Er ist der düstere Chronist des Lebens in der Großstadt Washington, D. C., der Konflikte zwischen den Ethnien und des kleinen Mannes. „The Turnaround“ ist sicher die in jeder Hinsicht alltäglichste Chronik des Lebens in einer Großstadt. Nur das Ende ist zu märchenhaft-schmalzig.

George Pelecanos: Der Totengarten

(übersetzt von Anja Schünemann)

Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2008

464 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

George Pelecanos: The night gardener

Little, Brown and Company, 2006

George Pelecanos: The Turnaround

Little, Brown and Company, 2008

304 Seiten

HInweise

Homepage von George Pelecanos

Newsweek: George Pelecanos nennt die für ihn fünf wichtigsten Romane (September 2008)

Film in Focus: Interview mit George Pelecanos (September 2008)

Newsvine: Interview mit George Pelecanos (September 2008)

Express Night Out: Georges Pelecanos, James Grady und andere beantworten Fragen zu Noir anläßlich der Veröffentlichung von „D. C. Noir 2“ (September 2008)

Meine Besprechung von George Pelecanos’ “Wut im Bauch” (Hell to pay, 2002)

Meine Besprechung von George Pelecanos’ „Drama City“ (2005)

Ansehbare Beweise

George Pelecanos spricht über „The Turnaround“

Der Trailer zu „Der Totengarten“


Rebus gegen die bösen Russen

Oktober 14, 2008

Die ewige Jugend beliebter Charaktere wie Spenser, Mike Hammer, James Bond und Jerry Cotton ist unrealistisch, aber dank dieser alterslosen Helden kann eine Serie bis in alle Ewigkeit fortgeschrieben werden. Wenn die Charaktere, wie Harry Bosch und John Rebus, in Echtzeit altern, rückt irgendwann die Pensionsgrenze und damit das Ende der Serie in greifbare Nähe. Bei dem von Ian Rankin erfundenen Detective John Rebus war es vergangenes Jahr soweit. Rankin schrieb mit „Exit Music“ die Chronik der letzten Dienstwoche von John Rebus. Jetzt ist der im November 2006 spielende Roman als „Ein Rest von Schuld“ auf Deutsch erschienen.

Detective John Rebus beschäftigt seine Partnerin Siobhan Clarke mit alten, ungeklärten Fällen. Da wird in einer dunklen Gasse neben einem Parkhaus der russische Dissidentendichter Alexander Todorow erschlagen. Als Rebus und Clarke kurz darauf herausfinden, dass eine russische Handelsdelegation sich in Edinburgh einkaufen will und ‚Big Ger’ Cafferty sich mit den Russen getroffen hat, vermuten sie einen Zusammenhang zwischen der Delegation, den Interessen schottischer Politiker und Banker und dem Mord an Todorow.

Kurz darauf verbrennt Charlie Riordan in seinem Haus. Der Toningenieur nahm zuletzt unter anderem eine Lesung von Todorow auf und hatte für ein Kunstprojekt eine umfangreiche Tondokumentation über die Arbeit des Parlamentes erstellt. Diese Tondokumente wurden im Brand fast vollständig vernichtet.

Für John Rebus hängen die beiden Morde miteinander zusammen. Für seine Vorgesetzten nicht und es gelingt ihm, wenige Tage vor seiner Pensionierung, suspendiert zu werden. Doch davon lässt er sich nicht weiter irritieren. Denn für Rebus ist der Fall die letzte Gelegenheit, sich an seinem Intimfeind Cafferty zu rächen.

Auch wenn Rankin den letzten Auftritt von Detective John Rebus mit „Exit Music“ (es gibt einen gleichnamigen Radiohead-Song) betitelte, ist er keine laue Abschiedsvorstellung und auch keine wehmütige Versammlung der aus den früheren Romanen bekannten Charaktere, die hier noch einmal auftreten und sich versöhnlich die Hand geben. „Exit Music“ (ich halte diesen Titel für treffender und schöner als „Ein Rest von Schuld“) ist eine leicht melancholische Abschiedsvorstellung, in der Rebus noch einmal zu großer Form aufläuft. Er legt sich mit seinen Vorgesetzten, Politikern, Diplomaten und Bankern an. Er fragt sich, was er nach seiner Pensionierung tun wird. Er weiß es nicht. Schließlich hat der Single neben seiner Arbeit keine Hobbys, – außer Rauchen (inzwischen vor der Bar) und Trinken.

Und Rankin verknüpft den Krimiplot von „Exit Music“, wie zuletzt in „Im Namen der Toten“, mit aktuellen politischen Ereignissen. Da war es der G-8-Gipfel in Gleneagles. Hier ist es die nahende Abstimmung über die schottische Unabhängigkeit, die geplanten Investitionen von Russen und der Tod des Regimekritikers Alexander Litwinenko.

Der Kriminalfall ist dagegen eher zweitrangig und die Lösung nach über fünfhundert spannenden Seiten mau. Mehr kann ich allerdings nicht verraten, ohne allzu deutliche Hinweise auf die Lösung zu geben. In Gesprächen gibt Ian Rankin zu, dass für ihn die Frage, wer der Täter sei, nicht besonders wichtig sei. Und das ist auch hier spürbar.

Insgesamt ist „Ein Rest von Schuld“ der würdige Abschluss einer grandiosen Krimireihe. Jedenfalls vorläufig. Denn Ian Rankin schließt weitere Romane mit John Rebus nicht aus.

Ian Rankin: Ein Rest von Schuld

(übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini)

Manhattan, 2008

544 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

Exit Music

Orion Books, London, 2007

Hinweise

Homepage von Ian Rankin

Ian Rankin über „Exit Music“

Meine Besprechung von Ian Rankins „Im Namen der Toten” (The Naming of the Dead, 2006)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Die Seelen der Toten“ (Dead Souls, 1999)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Der diskrete Mr. Flint“ (Watchman, 1988)

Anmerkungen

Bei der Besprechung zu „Im Namen der Toten“ gibt es eine John-Rebus-Bibliographie und, wie üblich, weiterführende Links.

Die Taschenbuch-Ausgabe von „Der diskrete Mr. Flint“ ist jetzt erhältlich.


Besprechung „Das Profil eines Mörders“ online

Oktober 8, 2008

Meine Besprechung des von Ex-FBI-Profiler John Douglas, zusammen mit dem Journalisten Johnny Dodd, geschriebenen Sachbuchs „Das Profil eines Mörders – Die lange Jagd nach dem BTK-Serienkiller“ (Inside the Mind of the BTK, 2007) ist online in der Berliner Literaturkritik. In dem Buch werden die Taten und die über dreißigjährige Jagd in Kansas nach Dennis Rader, dem BTK-Killer, geschildert. BTK stand für Bind (fesseln), Torture (foltern), Kill (töten).


Besprechung „Clint Eastwood – Bilder eines Lebens“ online

Oktober 2, 2008

Meine Besprechung des wunderschönen Bildbandes „Clint Eastwood – Bilder eines Lebens“ (herausgegeben von Pierre-Henri Verlhac, mit einem biographischen Essay von Peter Bogdanovich, Henschel Verlag) ist online in der Berliner Literaturkritik.


Mamet meckert über seine große Liebe Hollywood

Oktober 1, 2008

Zwiespältig, sehr zwiespältig ist David Mamets neues Buch „Bambi vs. Gorilla: Über Wesen, Zweck und Praxis des Filmbusiness“. Einerseits schreibt er pointierte Spitzen über Hollywood, andererseits fehlt dem Buch der große Bogen. Denn es ist eine Sammlung von 41 kurzen Texten, die schon an anderen Orten publiziert wurden. In der deutschen Ausgabe fehlt jeder Hinweis darauf und im Original steht auch nur, dass einige Texte im Guardian und ein Teil im Harper’s Magazine erschienen. Für die Buchausgabe wurden sie, nach dem Impressum, überarbeitet. Aber letztendlich ist „Bambi vs. Godzilla“ immer noch eine Sammlung von assoziativen Kolumnen, die wie Pralinen nur in kleinen Dosen genossen werden sollten.

Für ein Buch fehlt, abgesehen von einigen wiederkehrenden Themen (die bösen Produzenten, die schlechter werdenden Filme), der rote Faden und damit die von Mamet bei Filmen eingeforderte Dramaturgie. „Bambi vs. Godzilla“ ist, wie die von ihm kritisierten Filmen, eine Ansammlung von Gags und Kunststücken. „Diese Vorfälle, die früher nur eine richtige Geschichte ein wenig ausgeschmückt haben, sind nun mehr oder weniger der einzige Grund für die Existenz des Films.“

Die meist fünfseitigen Texte wurden etwas in die Chronologie der Filmproduktion sortiert. Es beginnt mit Texten über Produzenten und das Verhältnis der einzelnen Berufsgruppen zueinander (Die guten Leute von Hollywood; Der Unterdrückungsmechanismus), geht über das Drehbuch (Das Drehbuch; Technik) zu den heutigen Spielfilmen (Einige Prinzipien; Genre) und schließt mit eher unsortierten Anmerkungen (Urteile in Nebensachen; Verbrechen und andere Kleinigkeiten).

Auch in den einzelnen Kolumnen bewegt Mamet sich oft weit weg vom Titel. Teils bietet er dann grandiose Einsichten, teils räsoniert er wie ein alter Mann über die gute alte Zeit, als alles besser war.

Dieses Lästern über das neue Hollywood-Blockbuster-Kino für ein Teenager-Publikum ist natürlich berechtigt. Aber es wirkt auch etwas seltsam. Denn David Mamet gehört in Hollywood zu den geachteten Drehbuchautoren. Stars reißen sich um eine Rolle in einem seiner Filme, zu denen „The Winslow Boy“, „Heist – Der letzte Coup“, „Spartan“ und zuletzt „Redbelt“ gehören. Er schrieb die Drehbücher zu „Wenn der Postmann zweimal klingelt“, „The Verdict – Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit“, „The Untouchables – Die Unbestechlichen“, „Glengarry Glen Ross“, „Wag the Dog – Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt“, „Ronin“ (als Richard Weisz) und der Thomas-Harris-Verfilmung „Hannibal“. Außerdem ist er einer der Produzenten der erfolgreichen TV-Serie „The Unit“. Kurz: er hat seine Nische im gehobenen Unterhaltungskino gefunden und er hat nie Filme für ein jugendliches Publikum gemacht.

Vor seiner Hollywood-Karriere hatte er bereits einen Namen als Theatorautor. Er schrieb „American Buffalo“, das mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete „Glengarry Glen Ross“ und „Oleana“.

Gerade im Hinblick auf diese lange, erfolgreiche Karriere als Autor, der immer wieder für seinen Stil gelobt wird, sind einige der Essays erstaunlich schlecht geschrieben. Den Übersetzter trifft hier nur eine Teilschuld. Denn letztendlich gehört es nicht zu den Aufgaben eines Übersetzter, die Sprache zu polieren.

David Mamet: Bambi vs. Gorilla – Über Wesen, Zweck und Praxis des Filmbusiness

(übersetzt von Bert Rebhandl)

Alexander Verlag, 2008

264 Seiten

19,90 Euro

Originalausgabe

Bambi vs. Gorilla – On the Nature, Purpose, and Practice of the Movie Business

Pantheon Books, New York 2007

Hinweise

Wikipedia über David Mamet (deutsch, englisch)

Village Voice: David Mamet: Why I am no longer a „Brain-Dead-Liberal“ (11. März 2008)

Vanity Fair: David Mamet beantwortet den Proust Fragebogen (Mai 2008)


Harry Bosch auf Terroristenhatz

September 19, 2008

„It was nice to revisit the story and pace it the way I wanted to. I think the original story in the Times had a lot of velocity but I think it has more in what I call the final version. The second level of enjoyment I got out of this is that I got a chance to revisit a story about eight months after it was supposedly finished”, sagt Michael Connelly in einem “Q & A” in der US-amerikanischen Taschenbuch-Ausgabe von “The Overlook”. Diese Harry-Bosch-Geschichte erschien zuerst zwischen September 2006 und Januar 2007 als sechzehnteiliger Fortsetzungsroman im New York Times Magazin. Für die Buchausgabe überarbeitete und erweiterte Connelly den Roman. Trotzdem ist „The Overlook“ immer noch um ein gutes Drittel kürzer als ein normaler Harry-Bosch-Roman. Wahrscheinlich hat der Heyne Verlag deshalb „The Overlook“, als „Kalter Tod“, gleich als großzügig gelayoutetes Taschenbuch veröffentlicht. Als Bonusmaterial gibt es das bereits aus Connellys Reportageband „L. A. Crime Report“ bekannte Nachwort „Das schwarze Herz“ von Jochen Stremmel und das seitdem nicht überarbeitete Werkverzeichnis. Fehlen tut in der deutschen Ausgabe dagegen Connellys für seine Mailingliste geschriebene und in der US-amerikanischen Taschenbuch-Ausgabe abgedruckte Bonuskapitel.

Soviel zu den verschiedenen Versionen, die es bei diesem Werk locker mit dem Versionenwirrwarr bei einigen DVDs aufnehmen kann. Die Geschichte ist dagegen in allen Buchveröffentlichungen gleich geblieben.

Sie beginnt mit einem nächtlichen Anruf bei Harry Bosch. Sein Supervisor bei Homicide Special schickt ihn, nachdem der „Echo Park“-Fall (deutsche Ausgabe im Februar 2009) chaotisch endete und er die Abteilung für ungelöste, alte Mordfälle verlassen musste, zu seinem ersten Außeneinsatz in seiner neuen Dienststelle.

An einem Aussichtspunkt am Mulholland Drive wurde Dr. Stanley Kent erschossen aufgefunden. Noch bevor Bosch und sein neuer Partner Ignacio „Iggy“ Ferras mit ihren Ermittlungen beginnen können, taucht FBI-Agentin Rachel Walling auf. Denn Kent war Medizinphysiker und hatte Kontakt zu radioaktivem Material, das auch für Terroristen interessant ist.

In Kents Haus finden Bosch und Walling dessen Frau Alicia nackt und gefesselt auf dem Bett liegend. Sie sagt, dass zwei maskierte Männer sie überwältigten. Sie schickten ihrem Mann ein Bild von ihr und forderten ihn auf, Caesium zu stehlen. Kent stahl das Caesium aus der St.-Aggy-Krebsklinik und brachte es den Erpressern zum Aussichtspunkt am Mulholland Drive.

Nach dem Caesium-Diebstahl wird Kents Tod für das FBI nur noch als Teil einer terroristischen Bedrohung gesehen. Für Harry Bosch bleibt es hingegen in erster Linie ein Mordfall. Er ist überzeugt, dass er das verschwundene Caesium findet, wenn er die Mörder von Kent gefunden hat.

In „Kalter Tod“ muss Harry Bosch sich erstmals in einer langen Nacht mit dem Problem des internationalen Terrorismus auseinandersetzen. Innerhalb von zwölf Stunden klärt er den Mordfall auf. Neben den Mordermittlungen muss er dieses Mal an mehreren Fronten kämpfen. Das FBI will ihm den Fall hinterrücks aus den Händen nehmen. Captain Don Hadley, der überforderten Leiter der Heimatschutz-Abteilung des LAPD und intern Captain Done Badley genannt, will sich wieder einmal vor der Presse als erfolgreichen Kämpfer gegen die terroristische Gefahr inszenieren. Und Harry Boschs neuer Partner ist überhaupt nicht begeistert von Boschs ruppigem und einzelgängerischem Ermittlungsstil. Denn Bosch ist inzwischen in dem Alter angelangt, in dem er die Vorschriften noch lässiger ignoriert als früher.

„Kalter Tod“ ist, wie die vorherigen Harry-Bosch-Romane, ein spannender Polizeithriller. Der einzige wirklich erkennbare Unterschied ist die Länge. „Kalter Tod“ ist deutlich kürzer als die anderen Bosch-Romane von Michael Connelly. Damit kann er gut als Einstiegsdroge in die Welt von Harry Bosch funktionieren. Für die Michael-Connelly-Fans verkürzt „Kalter Tod“ nur das halbe Jahr bis zum Erscheinen der schon lange überfälligen deutschen Ausgabe von „Echo Park“.

Michael Connelly: Kalter Tod

(übersetzt von Sepp Leeb)

Heyne, 2008

336 Seiten

7,95 Euro

Originalausgabe

The Overlook

Little, Brown and Company, 2007

Hinweise

Homepage von Michael Connelly

Meine Besprechung von Michael Connellys „Der Mandant“ (The Lincoln Lawyer, 2005)

Meine Besprechung von Michael Connellys „Vergessene Stimmen“ (The Closers, 2005)

Meine Besprechung von Michael Connellys “L. A. Crime Report“ (Crime Beat, 2004)

Eye on Books: Bill Thompson redet mit Michael Connelly über “The Overlook”

Michael Connelly redet über „The Overlook“ und “The Brass Verdict”

Bonusmaterial


Fitzeks vierter Streich

September 17, 2008

Auf das Cover von Sebastian Fitzeks neuestem Buch „Der Seelenbrecher“ klebte der Knaur-Verlag bereits vor der Veröffentlichung den Aufkleber „Der Bestseller“. Keine sieben Tage nach dem Erscheinen bewahrheitet sich die Vorhersage der Werbeabteilung. Amazon verkaufte bereits jetzt über 75.000 Exemplare und, mit den restlichen Buchläden, ist damit die 100.000er Grenze deutlich überschritten. Dabei ist die Geschichte von Fitzeks neuestem Roman im Kern nicht besonders originell. Es geht um eine in einem Gebäude eingeschlossene Gruppe, die von einem Killer gejagt wird.

Aber natürlich ist es, wie sich die Leser von Fitzeks vorherigen Bestsellern „Die Therapie“, „Amokspiel“ und „Das Kind“ denken können, nicht so einfach. Denn die Geschichte spielt am Vorweihnachtsabend in einer abgelegenen, eingeschneiten Klinik für psychosomatische Störungen, vulgo Nobelirrenanstalt. Der Klinikleiter Professor Samuel Raßfeld hat vor einigen Tagen Caspar, einen interessanten Fall von vollkommenem Gedächtnisverlust, aufgenommen. Als die Caspar behandelnde Psychiaterin Dr. Sophia Dorn ihn mit dem Foto eines Mädchens konfrontiert, ist er überzeugt, dass das seine Tochter ist, sie in Lebensgefahr schwebt und er sie retten muss. Zur gleichen Zeit jagt in Berlin der „Seelenbrecher“ junge Frauen. Er versetzt sie in einen komatösen Zustand und legt ihnen einen kryptischen Zettel in die Hand.

Als Caspar aus der Klinik flüchten will, verunglückt an der Einfahrt ein Krankenwagen. Der schwerverletzte Dr. Jonathan Bruck wird in die Klinik gebracht. Kurz darauf flüchtet Bruck aus dem Krankenbett und Caspar findet Dorn als das neueste Opfer des Seelenbrechers.

Caspar und die anderen Insassen sind überzeugt, dass Bruck der Seelenbrecher ist und sie in dieser Nacht alle umbringen will. Gleichzeitig kehrt Caspars Gedächtnis schubweise zurück. Das ärztliche Vokabular ist ihm vertraut und er hat irgendeine Beziehung zu Bruck.

Wie diese Beziehung aussieht, soll hier nicht verraten werden. Aber sie ist anders, als es auf den ersten Blick scheint. Auch die Rahmengeschichte, in der zwei Studenten als Experiment die Patientenakte 131071/VL über die tödliche Nacht in der Klinik lesen, wartet mit einigen hübschen Überraschungen auf.

Keine Überraschung sind dagegen, – auch bedingt durch das Genre, den Plot und das Echtzeit-Element -, die stereotypen Figuren, die bekannten Handlungselemente (Natürlich bleiben die Eingeschlossenen nicht zusammen, sondern begeben sich immer wieder grundlos in Lebensgefahr. Natürlich gibt es Streit in der Gruppe.), die eher auf Überraschungen als auf sich aus den einzelnen Charakteren heraus entwickelnden Konflikte setzende Geschichte und die im Nachhinein teilweise unlogische Handlung (Ein kompletter Gedächtnisverlust? Ein zufälliger Unfall genau vor der Klinik, bei dem der Mörder sich fast selbst umbringt? Der Mann ohne Gedächtnis als Anführer?); – obwohl das alles auch an dem unzuverlässigen Schreiber der Patientenakte liegen könnte. Es könnte auch ein Teil des Versuchs sein, den der Psychiater mit den beiden Studenten macht. Er befiehlt ihnen: „Sie müssen die gesamte Akte lesen und dürfen dabei nur wenige kurze Pausen machen.“

Diesem Befehl sollten die Leser von Sebastian Fitzeks neuestem Buch ebenfalls folgen. Dann ist „Der Seelenbrecher“ ein spannender Thriller für eine schlaflose Nacht. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Sebastian Fitzek: Der Seelenbrecher

Knaur, 2008

368 Seiten

7,95 Euro

Lesung

Am Donnerstag, den 18. September, stellt Sebastian Fitzek sein neues Buch „Der Seelenbrecher“ um 20.00 Uhr in der Thalia-Buchhandlung „Das Schloss“ (Schlossstraße 34, S/U-Bahnhof Rathaus Steglitz) vor.

Hinweise

Homepage von Sebastian Fitzek (mit weiteren Terminen, Trailern für das Buch und vielen weiteren Informationen)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Das Kind“


Eine Nacht mit dem October Boy

September 11, 2008

Halloween, 1963, ein kleines Kaff im Nirgendwo des Mittleren Westens: jedes Jahr gibt es dort ein seltsam-archaisches Ritual. Die männlichen Jugendlichen zwischen 16 und 18 Jahren werden fünf Tage eingesperrt und hungern gelassen. Dann, an Halloween, müssen sie den October Boy, eine mit Süßigkeiten behängte Vogelscheuche, jagen. Wer ihn tötet, bevor dieser um Mitternacht die Kirche erreicht, darf die Stadt verlassen und seine Familie erhält viel Geld. Die anderen Jungs müssen weiterhin in der Stadt bleiben.

Dieses Jahr will Peter McCormick den Lauf gewinnen. Allerdings gerät der Lauf, weil sich keiner mehr an die Spielregeln hält, schnell vollkommen außer Kontrolle.

„Die dunkle Saat“ von Norman Partridge wurde von Publishers Weekly in die Liste der hundert besten Romane des Jahres aufgenommen und erhielt den Bram-Stoker-Preis in der Kategorie „Long Fiction“. Dieser zu Recht erhaltene Preis zeigt, auch wenn der Bram-Stoker-Preis manchmal an Thriller vergeben wird, die Marschrichtung der Geschichte an. Denn obwohl es in „Die dunkle Saat“ etliche Morde gibt, ist die Jagd nach dem October Boy letztendlich ein übernatürliches Ritual, das dafür sorgt, dass auch im kommenden Jahr der Mais geerntet werden kann. Für diese Fruchtbarkeit des Bodens müssen Opfer gebracht werden.

Partridge versucht in seiner Horror-Geschichte überhaupt nicht, das jährliche Erscheinen des October Boys rational zu erklären. Er ist als ein Bote aus vergangenen Zeiten einfach immer schon da. Die Erwachsenen halten sich an die an sein Erscheinen geknüpften Regeln. Die meisten Jungen auch. Nur Peter McCormick und Kelly Haines, die er während des Laufs trifft und entgegen der Regeln mitnimmt, wollen ein neues, freieres Denken. Diese Geschichte erzählt Partridge spannend aus der Sicht eines allwissenden Erzählers.

Gleichzeitig fällt es beim Lesen nicht schwer, politische Botschaften in „Die dunkle Saat“ hinein zu interpretieren. Denn Partridge hat sicher nicht zufällig die Halloweennacht von 1963 gewählt. Wenige Tage später, am 22. November, wurde John F. Kennedy ermordet, am 28. August 1963 hielt Martin Luther King, als Abschluss des Marsches auf Washington, seine berühmte „I have a dream“-Rede, die 1964 zum Civil Rights Act und der erstarkenden Bürgerrechts- und Hippiebewegung führten. Insofern markiert das Jahr 1963 in der amerikanischen Geschichte einen wichtigen Markstein zwischen der heilen und geordneten Welt der Fünfziger und der aufkommenden neuen Freiheit. Dass diese heile Welt in den USA, wie auch in Deutschland, nicht so heil war, zeigt er in „Die dunkle Saat“, selbstverständlich in einer abstrakten Form, sehr nachdrücklich.

Mit 192 großzügig bedruckten Seiten ist „Die dunkle Saat“ eher eine Novelle, die bequem in einem Rutsch gelesen werden kann. Allerdings werden die in ihr aufgeworfenen Fragen zum Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft, von Tradition und Erneuerung, einen länger verfolgen.

Norman Partridge: Die dunkle Saat

(übersetzt von Bernhard Kleinschmidt)

Rowohlt, 2008

192 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

Dark Harvest

St. Martin’s Press, New York, 2007

Hinweise

Homepage von Norman Partridge

Dark Echo: Interview mit Norman Partridge (2001)


Überzeugendes Debüt

September 10, 2008

In den USA wurde Alex Berensons Debüt „Kurier des Todes“ abgefeiert, für den Barry und Ian Fleming Steel Dagger nominiert und erhielt den Edgar für das beste Debüt. In Deutschland wurde „Kurier des Todes“ dagegen kaum beachtet. Zu Unrecht. Denn Berenson greift in seinem Polit-Thriller das aktuelle Thema des islamistischen Terrorismus auf und verarbeitet es zu einer spannenden Geschichte, die nah an der Wirklichkeit ist.

Berensons Held ist CIA-Agent John Wells. Als Jalal begann er in den Neunzigern einen Undercover-Einsatz mit dem Ziel in das Zentrum von Al Kaida vorzustoßen. Seine Vorgesetzten, vor allem sein Verbindungsmann Jennifer Exley, haben schon seit langem keinen Kontakt mehr zu ihm. Wenige Monate nach 9/11 meldet er sich in den afghanischen Bergen bei einer Spezialeinheit der US-Army, sagt ihnen, was er in den vergangenen Jahren erfahren hat und verschwindet wieder. Seitdem haben seine Vorgesetzten nichts mehr von ihm gehört.

Heute, zehn Jahre nachdem er seinen gefährlichen Undercover-Einsatz begann, ist er Muslim. Außerdem hat er in zahlreichen Kämpfen langsam den Respekt und das Vertrauen der Al-Kaida-Führungsspitze erworben. Wells wird zu einem Treffen mit Aiman al-Sawahiri, Bin Ladens Stellvertreter, gebracht. Er erhält den Auftrag, zurück in die USA reisen, sich eine Tarnexistenz aufzubauen und auf seinen Einsatzbefehl, der ihn via E-Mail erreichen soll, zu warten.

In den Vereinigten Staaten genießt er nach langen Jahren in den afghanischen Bergen seine ersten Tage als freier Mann. Da verübt Al-Kaida-Planer Omar Khadri, als Auftakt für eine Anschlagserie, in Los Angeles zwei Bombenattentate.

Wells meldet sich bei Exley. Doch die CIA hält ihn inzwischen für einen Überläufer. Also flüchtet Wells aus dem CIA-Schutz, der eigentlich eine kaum verhüllte Haft ist, und taucht unter. Er weiß, dass er seine Vorgesetzten nur überzeugen kann, indem er den Anschlag verhindert und Khadri überführt.

Zwischen Wells Suche nach Khadri, was eigentlich eher ein Warten im Untergrund auf das vereinbarte Signal und ein mühsames Wiederanpassen an den amerikanischen Lebensstil ist, fügt Berenson spannungssteigernd die Vorbereitungen von Al Kaida für den großen Anschlag und die weltweite Suche der CIA nach Al-Kaida-Gefolgsleuten ein. Diese Erzählstränge führt Berenson teilweise genauer aus, als es für den reinen Fortgang der Geschichte notwendig wäre. So stellt er die Täter und einige der Opfer des ersten Doppelanschlages in Los Angeles vor und bringt sie dann um. Oder er erzählt über viele Seiten von einer Militärpatrouille in Bagdad, die eher zufällig einen wichtigen Al-Kaida-Mann verhaftet und wie dieser anschließend in einem Geheimgefängnis gefoltert wird. Aber Berenson präsentiert diese Szenen so kurzweilig, dass der sich in diesen Moment nur langsam fortbewegende Plot kaum auffällt. Denn in diesen Leseminuten werden die Opfer und Täter zu Menschen. Gleichzeitig vermittelt der New-York-Times-Reporter, als integralen Teil der Geschichte, viele Fakten über Al Kaida, B- und C-Waffen, den Geheimdienstapparat und den Antiterrorkampf der USA.

Alex Berenson zeichnet in seinem Debüt „Kurier des Todes“ im Gewand eines spannenden Thrillers das beklemmende Porträt eines schmutzigen Krieges, der nichts mehr von der Beschaulichkeit des Kalten Krieges hat. Berenson gehört damit zur neuen Garde von Agententhrillerautoren, die mit glaubhaften Geschichten ein Bild der aktuellen internationalen Politik zeichnen, in dem die Frage nach dem richtigem und falschem Handeln komplexer behandelt wird und die Antworten weniger eindeutig als vor zwanzig Jahren sind.

Alex Berenson: Kurier des Todes

(übersetzt von Elisabeth Parada Schönleitner)

Heyne, 2008

512 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

The Faithful Spy

Random House, 2006

Hinweise

Homepage von Alex Berenson

Random House: Interview mit Alex Berenson

Readers Read: Interview mit Alex Berenson


Nicht so überzeugendes Debüt

September 9, 2008

Hier in Berlin ist das Romandebüt „Zwillingsspiel“ des Drehbuchautors und ehemaligen Journalisten Markus Stromiedel Stapelware. Das liegt sicher zu einem guten Teil an dem Ort der Handlung: nämlich Berlin. Das Thema – terroristische Anschläge in der Hauptstadt – ist auch interessant. Schließlich sollen nicht immer nur in Washington und New York Bomben explodieren. Aber eine terroristische Anschlagserie in Hintertupfingen wirkt auch nicht besonders glaubwürdig.

Bei einem Blick in das Buch fällt auf, dass es mit den vielen Kapiteln und Dialogen wie ein US-amerikanisches Buch aussieht. Die ersten Seiten bestätigen den Eindruck. Nach einem kurzen Prolog beginnt „Zwillingsspiel“ gleich mit einem Attentat, der Kommissar tritt auf und Stromiedel entwirft auf den ersten Seiten zügig die verschiedenen Handlungsstränge und präsentiert gelungen die wichtigen Charaktere. Neben Kommissar Paul Selig sind das seine als persönliche Referentin des Innenministers arbeitende Zwillingsschwester Lisa Westphal und der geschasste Politikberater und Quartalstrinker Alexander Kaskan.

Dennoch ist „Zwillingsspiel“ kein vollkommen überzeugendes Buch.

Das beginnt mit der gekünstelten Ausgangslage. Kommissar Paul Selig, die Lusche vom Dienst, soll die Ermittlungen in einem Bombenattentat am S-Bahnhof Savignyplatz leiten. Der Anschlag, bei dem sieben Menschen starben, ist der dritte Anschlag innerhalb von zwei Wochen. Selig wird, zu seinem Erstaunen, der Fall nicht sofort entzogen. Stattdessen soll er die Ermittlungen, als eigenverantwortlicher Zuarbeiter zur Sonderkommission, leiten.

Als er feststellt, dass der Dienstplan vor dem Anschlag so manipuliert wurde, dass der Kommissar mit der schlechtesten Aufklärungsrate den Fall erhält, packt ihn der Ehrgeiz, das Komplott in den eigenen Reihen aufzudecken.

Mit dieser unnötig vertrackten Ausgangslage macht Stromiedel es dem Leser unnötig schwer, in die Geschichte einzusteigen. Gleichzeitig ist es schon erstaunlich, wie mühelos Selig und seine Mitarbeiter das Komplott in den eigenen Reihen (immerhin vermutet er, dass ein Kollege in den Tod von sieben Menschen involviert ist) akzeptieren.

Noch merkwürdiger – oder einfach vollkommen unglaubwürdig ist, dass sich ganz Deutschland von den drei schweren Anschlägen innerhalb eines halben Monats auf die S-Bahnhöfe Alexanderplatz, Friedrichstraße und Savignyplatz in ihrem Alltagsleben überhaupt nicht stören lässt.

Stromiedel streift die zwei vorherigen Anschläge, die über siebzig Tote forderten, mit wenigen Worten. Auch den islamistischen Terrorismus streift er nur kurz. Und, immerhin lässt er seine Geschichte wenige Monate vor einer Bundestagswahl spielen, die Regierung legt in diesem Moment, milde beunruhigt von den sinkenden Umfragewerten, die Hände in den Schoß. Kein Aktionismus. Nichts. Der wirkliche Politikbetrieb wäre dagegen schon nach dem ersten Anschlag – wir erinnern uns an 9/11 und die umfassenden Gesetzespakete von Otto Schily, die Rasterfahndung nach islamistischen Terroristen, den Initiativen auf EU-Ebene zum Abbau der Bürgerrechte, der Folterdebatte – bereits Amok gelaufen und spätestens nach dem dritten Anschlag würden sie schon nicht mehr über die Anwendung der Notstandsgesetze nachdenken.

Dieses Verkennen der politischen Wirklichkeit findet seinen Höhepunkt in diesem Dialog, der drei Monate nach dem letzten Anschlag stattfindet:

„Das Beste“, fuhr Lisa fort, „was einem Kandidaten im Wahlkampf passieren kann, ist eine nationale Katastrophe. Deine Worte.“

Kaskan grinste. „Soll ich in der Eifel ein Erdbeben bestellen? Oder Liechtenstein den Krieg erklären?“

Lisa blieb ernst. „Wir haben längst eine nationale Katastrophe. Bei welchen Ereignissen sind erst kürzlich achtundsiebzig Menschen gestorben?“

Kaskan winkte ab. „Das ist längst kein Thema mehr. Die Bombenanschläge liegen Monate zurück.“

Ein weiteres Problem liegt in der Struktur der Geschichte. „Zwillingsspiel“ zerfällt in zwei etwa gleich lange Teile, die beide innerhalb weniger Tage, im Abstand von mehreren Monaten spielen. Durch diese Struktur liegt, auch wenn Stromiedel „Zwillingsspiel“ von Anfang an als Roman konzipierte, der Gedanke an einen TV-Zweiteiler nahe. Im ersten Teil stehen die Ermittlungen von Selig im Vordergrund. Sie enden mit dem Tod des mutmaßlichen Täters.

Der zweite Teil beginnt vierzehn Wochen nach diesen Ereignissen. Die gesamte Dynamik des ersten Teils ist weg. Stattdessen muss erst langwierig erzählt werden, was in den vergangenen Wochen geschah und Selig ein triftiger Grund für weitere Ermittlungen geliefert werden. Für alle, die ein Buch nicht in der Mitte beginnen, geschieht über viele Seiten nichts Weltbewegendes. Außerdem rücken jetzt, immerhin befinden wir uns in den letzten Tagen des Wahlkampfs, die politischen Ränkespiele in den Vordergrund. Selig wird zu einer Nebenfigur, die den Hintermann für den Anschlag am S-Bahnhof Savignyplatz sucht. Er vermutet, dass der Anschlag einer bestimmten, im Zug sitzenden Person galt. Gleichzeitig nimmt die Geschichte, wie Titel und Prolog andeuten, eine Wende ins Familiäre. Oh, und die für die beiden anderen Anschläge verantwortliche Terrorzelle wird von Stromiedel quasi nebenbei zwischen zwei U-Bahn-Stationen erledigt.

Der Mordplan ist dann elaboriert genug für die Freunde des abseitigen Rätselns und wirklichkeitsfremder Verschwörungsthriller. Denn der für den Anschlag auf dem S-Bahnhof Savignyplatz verantwortliche Hintermann musste in seinen Plan viele Menschen mehr oder weniger einweihen, dafür sorgen dass eine bestimmte Person zu einer bestimmten Zeit in einer S-Bahn sitzt, die dann bei der Einfahrt in den Bahnhof so zerstört wird, dass das Ziel auch wirklich tot ist. Dafür hat er zahlreiche andere Opfer billigend in Kauf genommen und gehofft, dass trotzt der umfassenden Ermittlungen, keine Spuren auf ihn deuten. Das ist ziemlich viel Vorbereitung und Beherrschen von vielen Unbekannten, wenn das gleiche Ziel auch mit einem popeligen Autounfall mit Fahrerflucht oder einem als Selbstmord getarnten Sturz aus hoher Höhe erreicht worden wäre.

Letztendlich liest sich „Zwillingsspiel“ wie das Buch zum Film für einen heftig umworbenen TV-Zweiteiler, bei dem bereits vor dem Dreh die Vision des Autors auf das vom Budget leistbare (so richtet die Bombe am S-Bahnhof Savignyplatz nur einen verhältnismäßig geringen Sachschaden an und die beiden vorherigen Anschlagsorte werden nicht besichtigt) und von den Gremien akzeptierte (siehe das Motiv für den dritten Anschlag und die positive Darstellung des Islam) zurechtgestutzt wurde. Dennoch ist „Zwillingsspiel“ gut genug geschrieben, um Markus Stromiedel eine zweite Chance zu geben. Aber dann bitte mit einer glaubwürdigeren Geschichte.

Markus Stromiedel: Zwillingsspiel

Knaur, 2008

432 Seiten

7,95 Euro

Hinweise

Homepage von Markus Stromiedel (Romanautor – schöne Seite)

Homepage von Markus Stromiedel (Drehbuchautor)

Markus Stromiedel im Knaur Killer Club: Das Phantom (Teil 5)

Markus Stromiedel im Knaur Krimi Podcast

Stichwort Drehbuch: Audiointerview mit Markus Stromiedel (Hörenswert)

Homepage zu „Zwillingsspiel“


P. I. Spenser schlägt wieder zu

August 29, 2008

Der neue Spenser ist vor allem der neue Spenser. Denn selbstverständlich unterscheidet sich das neueste Abenteuer des Bostoner Privatdetektivs Spenser, „Der gute Terrorist“ von Robert B. Parker, im Guten wie im Schlechten kaum von den vorherigen Fällen.

Es beginnt mit einem für Spenser alltäglichen Fall: er soll die Ehefrau Jordan Doherty, eine Dozentin am Concord College, beschatten. Ihr Mann Dennis glaubt, dass sie ihn betrügt. Spenser beschattet sie und nimmt heimlich einen außerehelichen Geschlechtsverkehr auf. So weit, so normal. Doch nach dem Sex redet sie mit ihrem Liebhaber über ihren Ehemann und seine Arbeit als FBI-Agent. Doherty beschäftigt sich mit der Terrorismusbekämpfung und Gruppen wie „Freedom’s Front Line“ und „Last Hope“. Ihr Liebhaber Perry Alderson soll, so das FBI, der Anführer von „Last Hope“ sein und diese Gruppe soll vor allem als Vermittler zwischen Attentätern und Leuten, die einen Attentäter brauchen, fungieren.

Spenser informiert Doherty über den Ehebruch und damit könnte die Sache zu Ende sein. Doch kurz darauf wird Jordan Doherty erschossen, Vinnie erschießt den Killer und etwas später ist auch Doherty tot. Spenser ist fest davon überzeugt, dass Perry Alderson die Dohertys umbringen ließ. Aber er hat keine Beweise.

Robert B. Parker entwirft auf den ersten Seiten gewohnt souverän die Prämisse. Aber nachdem bekannt ist, dass Alderson ein Terroristenhelfer ist, beginnt die Geschichte zu stagnieren. Denn Spenser versucht nichts über „Last Hope“ und die damit verbundenen terroristischen Aktivitäten von Alderson herauszufinden, sondern wälzt immer wieder die gleichen Probleme mit seiner Freundin Susan, seinem Buddy Hawk und seinen Vertrauten bei Polizei und FBI. Denn Spenser verbeißt sich in diesen Fall, so analysiert Susan scharfsinnig, weil sie ihn vor zwanzig Jahren verlassen hatte und er sie aus den Händen von Bösewichtern retten musste. „Spenser auf der Flucht“ (A Catskill Eagle, 1985) erzählt diese Geschichte und der Roman gehört zu den besten Spenser-Abenteuern.

Auf der Strecke bleibt dabei zuerst das Terrornetzwerk von Alderson. Denn darüber schreibt Robert B. Parker nichts. Danach die Motive des „guten Terroristen“. Denn außer einigen Halbsätzen zu 1968 schreibt Parker nichts dazu. Dabei hat Parker sich in früheren Spenser-Romanen immer wieder mit den Auswirkungen von 1968, wie dem Feminismus und der Rassendiskriminierung, beschäftigt. So musste der Macho Spenser in „Bodyguard für eine Bombe“ (Looking for Rachel Wallace, 1980) eine Feministin beschützen. Und wenn Robert B. Parker sich schon nicht für eine Neubetrachtung von 1968 interessiert, hätte er wenigstens – immerhin war es die freie Entscheidung des Autors, aus dem Bösewicht einen Unidozenten, Ehebrecher und, letztendlich für die gesamte Story völlig überflüssig, Terroristen zu machen – die Veränderungen in den USA nach 9/11 thematisieren müssen. Doch „Der gute Terrorist“ könnte genauso gut vor zehn, zwanzig oder auch vierzig Jahren spielen. Aber auch dann wäre der 35. Spenser-Roman – besonders nach der Lektüre von einigen Ed-Brubaker-Werken – nur ein müdes Routineprodukt, das Spensers erste Terroristenjagd „Kopfpreis für neun Mörder (The Judas Goat, 1978), eine langatmige Ich-knall-einen-Terroristen-nach-dem-nächsten-ab-Geschichte, in einem milderen Licht erscheinen lässt.

Robert B. Parker: Der gute Terrorist – Ein Auftrag für Spenser

(übersetzt von Frank Böhmert)

Pendragon, 2008

208 Seiten

9,90 Euro

Originalausgabe

Now & Then

G. P. Putnam’s Son, 2007

Hinweise

Homepage von Robert B. Parker

Pendragon-Homepage zu Robert B. Parker

Mein Porträt von Robert B. Parker und der Spenser-Serie in der Spurensuche

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der stille Schüler“ (School Days, 2005)