Angel Dare räumt auf

Oktober 20, 2008

Das erste Mal begegnen wir Angel Dare, als sie gefesselt und für tot zurückgelassen im Kofferraum eines Honda Civic liegt. Auf den folgenden Seiten von Christa Fausts grandiosem „Hardcore Angel“ wird Angel Dare noch einige weitere Kofferräume kennenlernen und sich bis zu einem Chrysler 300 hocharbeiten. Doch zunächst muss sie sich aus dem Civic befreien. Während sie ihre Fesseln in mühseliger Kleinarbeit löst, erzählt sie uns, wie sie im Kofferraum landete. Es begann wenige Stunden früher mit einem Anruf von ihrem alten Freund Sam Hammer. Er drehte mit ihr in der Vergangenheit etliche Pornos und sie wurde zum Porno-Star. Später eröffnete Angel Dare, die inzwischen auf die vierzig zugeht und eindeutig zu alt für Pornos ist, die hochklassige Pornomodel-Agentur „Daring Angels“ und vermittelt seitdem nur noch Jobs. Doch jetzt bittet Sam sie um Hilfe. Ein Mädchen hat ihn bei einem Dreh sitzengelassen und Hauptdarsteller Jesse Black, der neue Stern am Pornohimmel, will unbedingt eine Szene mit ihr haben. Sie ist einverstanden (Hey, immerhin will Jesse Black sie vor laufender Kamera vögeln!), fährt zum Drehort und stolpert in eine Falle. Zwei Männer verlangen von ihr einen Koffer voll Geld, den eine verzweifelte Blondine mit Dracula-Akzent bei sich hatte, als sie vor der Mittagspause bei „Daring Angels“ auftauchte und nach Zandora Dior (natürlich ein…) fragte. Angel Dare hilft der Blondine Lia, indem sie einen von Lia geschriebenen Brief an Zandora faxt. Dann haut Lia ab und zwei Schläger fragen nach Lia. Da ahnen Angel Dare und ihre Empfangsdame Didi, die zu Zeiten von „Deep Throat“ ein Star gewesen war, noch nicht, dass sie in die Schusslinie von einigen skrupellosen Gangstern geraten sind.

Angel Dare kann sich schließlich aus dem Kofferraum befreien und über eine verlassene Industriebrache zu einem Telefon stolpern. Sie ruft Malloy, einen Ex-Cop, den sie neuerdings als Begleitschutz für ihre Models engagiert, an. Er sagt ihr, dass sie untertauchen müsse, weil die Polizei sie als Mörderin von Sam Hammer sucht.

Und dann – wir sind jetzt erst auf Seite 45 – beginnen sie gemeinsam den Koffer mit dem Geld und den Mörder von Sam Hammer zu suchen.

Mit „Hardcore Angel“ wurde Christa Faust vor gut neun Monaten in den USA zur „the ‚First Lady’ of Hard Case Crime“ ernannt. Das war einerseits keine große Leistung. Denn bis zum vierzigsten Hard-Case-Crime-Band veröffentlichte Hard-Case-Crime-Herausgeber Charles Ardai nur von Männern geschriebene Krimis. Andererseits ist es eine große Leistung, denn bis dahin hatte Charles Ardai keine Frau gefunden, die gelungen den kaltschnäuzigen Hardboiled-Stil der Hard-Case-Crime-Reihe bedient. Christa Faust, die in den USA bereits mehrere Bücher und das mit dem Scribe-Award der International Association of Media Tie-In Writers ausgezeichnete „Snakes in a Plane“ veröffentlichte, gelingt dies.

Ihre Heldin und Ich-Erzählerin Angel Dare ist, obwohl sie im Pornofilmgeschäft arbeitet, eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Sie ist eine normale Frau, die ihre Geschichte angenehm illusionslos und sarkastisch erzählt. Dabei wird das immer noch etwas schmuddelige Pornofilmmilieu zwar realistisch gezeichnet, aber gegen das eindeutig verbrecherische Gebaren von den Sexsklavinnenhändlern, mit denen Angel Dare sich in „Hardcore Angel“ anlegen muss, wird es zur lichten Seite des Geschäftes mit käuflichem Sex.

Wie es sich für einen richtigen Pulp gehört, wird das Milieu ohne erhobenen moralischen Zeigefinger dargestellt. Es bietet nur den Hintergrund für etliche Schlägereien, Morde (In „Hardcore Angel“ hat niemand ein schlechtes Gewissen, wenn er jemand umbringt. Und Angel Dare trägt auch ihr Scherflein zu der steigenden Mordrate in Los Angeles bei.), Sex, und einem, von der Atmosphäre, an Raymond Chandler erinnernden Plot. Nur kommt Angel Dare kein rettender Philip Marlowe zu Hilfe. Auch wenn Malloy ihr zuerst verdächtig selbstlos hilft. Am Ende muss Angel Dare, entsprechend den Genrekonventionen als rächender und rettender Engel, mit ihren natürlichen Talenten allein gegen die bösen Jungs kämpfen.

„Hardcore Angel“ ist ein höllisch guter Ritt durch eine Welt in der ein Menschenleben nicht mehr zählt als ein Blowjob. In ihrer Heimat dürfte ihr mit dem zeitgenössischen Noir „Hardcore Angel“, der nächstes Jahr sicher auf einigen Nominierungslisten zu finden sein wird, der Durchbruch gelungen sein. In Deutschland auch. Denn nach der Lesung im Kaffee Burger wurde der Verkaufstisch gestürmt und Rotbuch will im Frühjahr ein weiteres Buch von Christa Faust veröffentlichen.

Christa Faust: Hardcore Angel

(übersetzt von Almuth Heuner)

Rotbuch, 2008

256 Seiten

9,90 Euro

Originalausgabe

Money Shot

Hard Case Crime, 2008

256 Seiten

Hinweise

Homepage von Christa Faust

In for Questioning: Audiointerview mit Christa Faust (Februar 2008)

Behind the Black Mask: Audiointerview mit Christ Faust (Juni 2008)

ChuckPalahniuk Homepage: Rob Hart interviewt Christa Faust (August 2008)

Kriminalakte über Christa Faust


Washington, D. C.: Pelecanos berichtet aus den innerstädtischen Kampfzonen

Oktober 15, 2008

George Pelecanos hat es in Deutschland wirklich nicht leicht. Während er in seiner Heimat Amerika und in England schon seit Jahren bei den gleichen Verlagen ist, diese ihn auch fördern und die Verkaufszahlen inzwischen seinem Ruf innerhalb der Krimiszene entsprechen, wandert er in Deutschland von einem Verlag zum nächsten. Nach Dumont, Rotbuch und Aufbau Verlag versucht jetzt der Rowohlt Taschenbuch Verlag sein Glück. Dass ich, als langjähriger Pelecanos-Fan, dem Verlag die Daumen drücke, dürfte kein großes Geheimnis sein. Auch wenn das Wort „Thriller“ auf dem Cover von „Der Totengarten“ (The night gardener) und der Klappentext die Erwartungen in eine falsche Richtung lenken. Denn „Der Totengarten“ ist alles außer einem 08/15-Serienkillerthriller. George Pelecanos schrieb auch noch nie einen herkömmlichen Rätselkrimi. Für ihn sind die Charaktere und deren Welt wichtiger als reine die Krimihandlung.

Deshalb ist in dem mit dem Barry ausgezeichneten „Der Totengarten“ die Frage nach dem Täter, obwohl Pelecanos die Identität des Serienmörders auf der letzten Seite enthüllt, vollkommen nebensächlich. In „Der Totengarten“ steht nicht die Jagd nach dem Serienmörder, sondern das Leben von drei Männern im Mittelpunkt.

1985 ermordete ein Serienkiller in Washington, D. C., mehrere Jugendliche, deren Name ein Palindrom (wie Ava oder Otto) war. Er tötete sie mit einem Kopfschuss und in ihrem Rektum wurden Spermaspuren entdeckt. Die Leichen wurden immer in Gemeindegärten gefunden. Sergeant T. C. Cook leitete damals die erfolglosen Ermittlungen.

Zwanzig Jahre später wird wieder eine Leiche gefunden. Detective Sergeant Gus Ramone fallen sofort die Ähnlichkeiten zu der alten Mordserie auf. Im Lauf seiner Ermittlungen bildet er mit dem pensionierten T. C. Cook und dem Ex-Polizisten Dan ‚Doc’ Holiday, der inzwischen als Chauffeur und Bodyguard arbeitet, ein Team. Dieses Mal wollen sie den ‚Palindrom-Mörder’ fangen.

In Pelecanos Werk hat „Der Totengarten“ eine Ausnahmestellung. Bis dahin waren seine Helden Privatdetektive, Kleinunternehmer, meistens Coffee-Shop-Betreiber oder Inhaber eines LP-Ladens, und Gangster. In „Der Totengarten“ sind es ein Polizist, ein pensionierter Polizist und ein Bodyguard.

Pelecanos konzentriert sich in „Der Totengarten“ vor allem auf die tägliche Polizeiarbeit des Polizisten Ramone und dessen Privatleben. Er ist verheiratet, hat eine Tochter, einen vierzehnjährigen Sohn, dessen Freund Asa Johnson das jüngste Opfer des Killers ist, und versucht ein guter Vater zu sein. Letzteres, die Beziehungen der Generationen zueinander, ist natürlich ein vertrautes Pelecanos-Thema. Neu ist dagegen der starke Fokus auf die Arbeit der Polizei. Weil Pelecanos damals auch einer der Produzenten und Drehbuchautoren der hochgelobten, realistischen Polizeiserie „The Wire“, für die auch Dennis Lehane und Richard Price Drehbücher schrieben, war, erstaunt das nicht so sehr.

In den USA wurde „Der Totengarten“ von den Kritikern abgefeiert, schaffte es auf zahlreiche Jahresbestenlisten und auch auf die New-York-Times-Bestsellerliste.

In seinem neuesten Roman „The Turnaround“ sind die traditionellen Genreelemente, ähnlich dem nicht übersetzten „Shame the Devil“, noch unwichtiger. Es wird zwar fünfunddreißig Jahre nach der Tat ein Mord aufgeklärt. Es gibt Erpressungen, Drogenhandel und mehrere Morde. Also alles das, was zu einem zünftigen Krimi gehört.

Aber in erster Linie erzählt Pelecanos ausführlich von dem normal-alltäglichen Leben von drei Männern, die sich 1972 in einer Nacht begegneten und heute wieder aufeinander treffen. Damals fuhren drei Jugendliche in das Schwarzenviertel Heathrow Heights. Als es zu einer von den Weißen provozierten Konfrontation kam, flüchtete Pete Whitten, Billy Cachoris wurde erschossen und Alex Pappas im Gesicht verunstaltet. Heute führt Pappas den von seinem Vater gegründeten Imbiss und er überlegt, ob er seinem Sohn das Geschäft übergeben soll. Der Afroamerikaner Raymond Monroe arbeitet als Therapeut im Walter-Reed-Veteranenhospital. Als sie sich dort treffen, will Monroe erfahren, wie Pappas heute lebt und ihn mit seinem Bruder James Monroe, der damals für die Tat verurteilt wurde und heute als Automechaniker arbeitet, bekannt machen.

Und der Kleingangster Charles Baker, der auch 1972 dabei war, versucht mit Erpressungen aus seinem Wissen Kapital bei Whitten und Pappas zu schlagen. Denn er glaubt, dass damals sein Leben verpfuscht wurde.

Aber Pelecanos entwickelt in „The Turnaround“ den Krimiplot nicht weiter. Er schleift ihn fast lustlos mit. So verteilt er die nicht sonderlich rätselhaften Ereignisse während der Nacht 1972 und wer damals der Todesschütze war über die gesamte Geschichte. Die amateurhafte Erpressung von Baker führt, wie es auch in der Realität wäre, nicht zu einer sich konflikthaft entwickelnden Dynamik zwischen Erpresser und Erpressten und Drogenhandel ist in Großstädten etwas sehr alltägliches.

Genau an diesem Punkt überzeugt Pelecanos. Er ist der düstere Chronist des Lebens in der Großstadt Washington, D. C., der Konflikte zwischen den Ethnien und des kleinen Mannes. „The Turnaround“ ist sicher die in jeder Hinsicht alltäglichste Chronik des Lebens in einer Großstadt. Nur das Ende ist zu märchenhaft-schmalzig.

George Pelecanos: Der Totengarten

(übersetzt von Anja Schünemann)

Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2008

464 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

George Pelecanos: The night gardener

Little, Brown and Company, 2006

George Pelecanos: The Turnaround

Little, Brown and Company, 2008

304 Seiten

HInweise

Homepage von George Pelecanos

Newsweek: George Pelecanos nennt die für ihn fünf wichtigsten Romane (September 2008)

Film in Focus: Interview mit George Pelecanos (September 2008)

Newsvine: Interview mit George Pelecanos (September 2008)

Express Night Out: Georges Pelecanos, James Grady und andere beantworten Fragen zu Noir anläßlich der Veröffentlichung von „D. C. Noir 2“ (September 2008)

Meine Besprechung von George Pelecanos’ “Wut im Bauch” (Hell to pay, 2002)

Meine Besprechung von George Pelecanos’ „Drama City“ (2005)

Ansehbare Beweise

George Pelecanos spricht über „The Turnaround“

Der Trailer zu „Der Totengarten“


Rebus gegen die bösen Russen

Oktober 14, 2008

Die ewige Jugend beliebter Charaktere wie Spenser, Mike Hammer, James Bond und Jerry Cotton ist unrealistisch, aber dank dieser alterslosen Helden kann eine Serie bis in alle Ewigkeit fortgeschrieben werden. Wenn die Charaktere, wie Harry Bosch und John Rebus, in Echtzeit altern, rückt irgendwann die Pensionsgrenze und damit das Ende der Serie in greifbare Nähe. Bei dem von Ian Rankin erfundenen Detective John Rebus war es vergangenes Jahr soweit. Rankin schrieb mit „Exit Music“ die Chronik der letzten Dienstwoche von John Rebus. Jetzt ist der im November 2006 spielende Roman als „Ein Rest von Schuld“ auf Deutsch erschienen.

Detective John Rebus beschäftigt seine Partnerin Siobhan Clarke mit alten, ungeklärten Fällen. Da wird in einer dunklen Gasse neben einem Parkhaus der russische Dissidentendichter Alexander Todorow erschlagen. Als Rebus und Clarke kurz darauf herausfinden, dass eine russische Handelsdelegation sich in Edinburgh einkaufen will und ‚Big Ger’ Cafferty sich mit den Russen getroffen hat, vermuten sie einen Zusammenhang zwischen der Delegation, den Interessen schottischer Politiker und Banker und dem Mord an Todorow.

Kurz darauf verbrennt Charlie Riordan in seinem Haus. Der Toningenieur nahm zuletzt unter anderem eine Lesung von Todorow auf und hatte für ein Kunstprojekt eine umfangreiche Tondokumentation über die Arbeit des Parlamentes erstellt. Diese Tondokumente wurden im Brand fast vollständig vernichtet.

Für John Rebus hängen die beiden Morde miteinander zusammen. Für seine Vorgesetzten nicht und es gelingt ihm, wenige Tage vor seiner Pensionierung, suspendiert zu werden. Doch davon lässt er sich nicht weiter irritieren. Denn für Rebus ist der Fall die letzte Gelegenheit, sich an seinem Intimfeind Cafferty zu rächen.

Auch wenn Rankin den letzten Auftritt von Detective John Rebus mit „Exit Music“ (es gibt einen gleichnamigen Radiohead-Song) betitelte, ist er keine laue Abschiedsvorstellung und auch keine wehmütige Versammlung der aus den früheren Romanen bekannten Charaktere, die hier noch einmal auftreten und sich versöhnlich die Hand geben. „Exit Music“ (ich halte diesen Titel für treffender und schöner als „Ein Rest von Schuld“) ist eine leicht melancholische Abschiedsvorstellung, in der Rebus noch einmal zu großer Form aufläuft. Er legt sich mit seinen Vorgesetzten, Politikern, Diplomaten und Bankern an. Er fragt sich, was er nach seiner Pensionierung tun wird. Er weiß es nicht. Schließlich hat der Single neben seiner Arbeit keine Hobbys, – außer Rauchen (inzwischen vor der Bar) und Trinken.

Und Rankin verknüpft den Krimiplot von „Exit Music“, wie zuletzt in „Im Namen der Toten“, mit aktuellen politischen Ereignissen. Da war es der G-8-Gipfel in Gleneagles. Hier ist es die nahende Abstimmung über die schottische Unabhängigkeit, die geplanten Investitionen von Russen und der Tod des Regimekritikers Alexander Litwinenko.

Der Kriminalfall ist dagegen eher zweitrangig und die Lösung nach über fünfhundert spannenden Seiten mau. Mehr kann ich allerdings nicht verraten, ohne allzu deutliche Hinweise auf die Lösung zu geben. In Gesprächen gibt Ian Rankin zu, dass für ihn die Frage, wer der Täter sei, nicht besonders wichtig sei. Und das ist auch hier spürbar.

Insgesamt ist „Ein Rest von Schuld“ der würdige Abschluss einer grandiosen Krimireihe. Jedenfalls vorläufig. Denn Ian Rankin schließt weitere Romane mit John Rebus nicht aus.

Ian Rankin: Ein Rest von Schuld

(übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini)

Manhattan, 2008

544 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

Exit Music

Orion Books, London, 2007

Hinweise

Homepage von Ian Rankin

Ian Rankin über „Exit Music“

Meine Besprechung von Ian Rankins „Im Namen der Toten” (The Naming of the Dead, 2006)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Die Seelen der Toten“ (Dead Souls, 1999)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Der diskrete Mr. Flint“ (Watchman, 1988)

Anmerkungen

Bei der Besprechung zu „Im Namen der Toten“ gibt es eine John-Rebus-Bibliographie und, wie üblich, weiterführende Links.

Die Taschenbuch-Ausgabe von „Der diskrete Mr. Flint“ ist jetzt erhältlich.


Besprechung „Das Profil eines Mörders“ online

Oktober 8, 2008

Meine Besprechung des von Ex-FBI-Profiler John Douglas, zusammen mit dem Journalisten Johnny Dodd, geschriebenen Sachbuchs „Das Profil eines Mörders – Die lange Jagd nach dem BTK-Serienkiller“ (Inside the Mind of the BTK, 2007) ist online in der Berliner Literaturkritik. In dem Buch werden die Taten und die über dreißigjährige Jagd in Kansas nach Dennis Rader, dem BTK-Killer, geschildert. BTK stand für Bind (fesseln), Torture (foltern), Kill (töten).


Besprechung „Clint Eastwood – Bilder eines Lebens“ online

Oktober 2, 2008

Meine Besprechung des wunderschönen Bildbandes „Clint Eastwood – Bilder eines Lebens“ (herausgegeben von Pierre-Henri Verlhac, mit einem biographischen Essay von Peter Bogdanovich, Henschel Verlag) ist online in der Berliner Literaturkritik.


Mamet meckert über seine große Liebe Hollywood

Oktober 1, 2008

Zwiespältig, sehr zwiespältig ist David Mamets neues Buch „Bambi vs. Gorilla: Über Wesen, Zweck und Praxis des Filmbusiness“. Einerseits schreibt er pointierte Spitzen über Hollywood, andererseits fehlt dem Buch der große Bogen. Denn es ist eine Sammlung von 41 kurzen Texten, die schon an anderen Orten publiziert wurden. In der deutschen Ausgabe fehlt jeder Hinweis darauf und im Original steht auch nur, dass einige Texte im Guardian und ein Teil im Harper’s Magazine erschienen. Für die Buchausgabe wurden sie, nach dem Impressum, überarbeitet. Aber letztendlich ist „Bambi vs. Godzilla“ immer noch eine Sammlung von assoziativen Kolumnen, die wie Pralinen nur in kleinen Dosen genossen werden sollten.

Für ein Buch fehlt, abgesehen von einigen wiederkehrenden Themen (die bösen Produzenten, die schlechter werdenden Filme), der rote Faden und damit die von Mamet bei Filmen eingeforderte Dramaturgie. „Bambi vs. Godzilla“ ist, wie die von ihm kritisierten Filmen, eine Ansammlung von Gags und Kunststücken. „Diese Vorfälle, die früher nur eine richtige Geschichte ein wenig ausgeschmückt haben, sind nun mehr oder weniger der einzige Grund für die Existenz des Films.“

Die meist fünfseitigen Texte wurden etwas in die Chronologie der Filmproduktion sortiert. Es beginnt mit Texten über Produzenten und das Verhältnis der einzelnen Berufsgruppen zueinander (Die guten Leute von Hollywood; Der Unterdrückungsmechanismus), geht über das Drehbuch (Das Drehbuch; Technik) zu den heutigen Spielfilmen (Einige Prinzipien; Genre) und schließt mit eher unsortierten Anmerkungen (Urteile in Nebensachen; Verbrechen und andere Kleinigkeiten).

Auch in den einzelnen Kolumnen bewegt Mamet sich oft weit weg vom Titel. Teils bietet er dann grandiose Einsichten, teils räsoniert er wie ein alter Mann über die gute alte Zeit, als alles besser war.

Dieses Lästern über das neue Hollywood-Blockbuster-Kino für ein Teenager-Publikum ist natürlich berechtigt. Aber es wirkt auch etwas seltsam. Denn David Mamet gehört in Hollywood zu den geachteten Drehbuchautoren. Stars reißen sich um eine Rolle in einem seiner Filme, zu denen „The Winslow Boy“, „Heist – Der letzte Coup“, „Spartan“ und zuletzt „Redbelt“ gehören. Er schrieb die Drehbücher zu „Wenn der Postmann zweimal klingelt“, „The Verdict – Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit“, „The Untouchables – Die Unbestechlichen“, „Glengarry Glen Ross“, „Wag the Dog – Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt“, „Ronin“ (als Richard Weisz) und der Thomas-Harris-Verfilmung „Hannibal“. Außerdem ist er einer der Produzenten der erfolgreichen TV-Serie „The Unit“. Kurz: er hat seine Nische im gehobenen Unterhaltungskino gefunden und er hat nie Filme für ein jugendliches Publikum gemacht.

Vor seiner Hollywood-Karriere hatte er bereits einen Namen als Theatorautor. Er schrieb „American Buffalo“, das mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete „Glengarry Glen Ross“ und „Oleana“.

Gerade im Hinblick auf diese lange, erfolgreiche Karriere als Autor, der immer wieder für seinen Stil gelobt wird, sind einige der Essays erstaunlich schlecht geschrieben. Den Übersetzter trifft hier nur eine Teilschuld. Denn letztendlich gehört es nicht zu den Aufgaben eines Übersetzter, die Sprache zu polieren.

David Mamet: Bambi vs. Gorilla – Über Wesen, Zweck und Praxis des Filmbusiness

(übersetzt von Bert Rebhandl)

Alexander Verlag, 2008

264 Seiten

19,90 Euro

Originalausgabe

Bambi vs. Gorilla – On the Nature, Purpose, and Practice of the Movie Business

Pantheon Books, New York 2007

Hinweise

Wikipedia über David Mamet (deutsch, englisch)

Village Voice: David Mamet: Why I am no longer a „Brain-Dead-Liberal“ (11. März 2008)

Vanity Fair: David Mamet beantwortet den Proust Fragebogen (Mai 2008)


Harry Bosch auf Terroristenhatz

September 19, 2008

„It was nice to revisit the story and pace it the way I wanted to. I think the original story in the Times had a lot of velocity but I think it has more in what I call the final version. The second level of enjoyment I got out of this is that I got a chance to revisit a story about eight months after it was supposedly finished”, sagt Michael Connelly in einem “Q & A” in der US-amerikanischen Taschenbuch-Ausgabe von “The Overlook”. Diese Harry-Bosch-Geschichte erschien zuerst zwischen September 2006 und Januar 2007 als sechzehnteiliger Fortsetzungsroman im New York Times Magazin. Für die Buchausgabe überarbeitete und erweiterte Connelly den Roman. Trotzdem ist „The Overlook“ immer noch um ein gutes Drittel kürzer als ein normaler Harry-Bosch-Roman. Wahrscheinlich hat der Heyne Verlag deshalb „The Overlook“, als „Kalter Tod“, gleich als großzügig gelayoutetes Taschenbuch veröffentlicht. Als Bonusmaterial gibt es das bereits aus Connellys Reportageband „L. A. Crime Report“ bekannte Nachwort „Das schwarze Herz“ von Jochen Stremmel und das seitdem nicht überarbeitete Werkverzeichnis. Fehlen tut in der deutschen Ausgabe dagegen Connellys für seine Mailingliste geschriebene und in der US-amerikanischen Taschenbuch-Ausgabe abgedruckte Bonuskapitel.

Soviel zu den verschiedenen Versionen, die es bei diesem Werk locker mit dem Versionenwirrwarr bei einigen DVDs aufnehmen kann. Die Geschichte ist dagegen in allen Buchveröffentlichungen gleich geblieben.

Sie beginnt mit einem nächtlichen Anruf bei Harry Bosch. Sein Supervisor bei Homicide Special schickt ihn, nachdem der „Echo Park“-Fall (deutsche Ausgabe im Februar 2009) chaotisch endete und er die Abteilung für ungelöste, alte Mordfälle verlassen musste, zu seinem ersten Außeneinsatz in seiner neuen Dienststelle.

An einem Aussichtspunkt am Mulholland Drive wurde Dr. Stanley Kent erschossen aufgefunden. Noch bevor Bosch und sein neuer Partner Ignacio „Iggy“ Ferras mit ihren Ermittlungen beginnen können, taucht FBI-Agentin Rachel Walling auf. Denn Kent war Medizinphysiker und hatte Kontakt zu radioaktivem Material, das auch für Terroristen interessant ist.

In Kents Haus finden Bosch und Walling dessen Frau Alicia nackt und gefesselt auf dem Bett liegend. Sie sagt, dass zwei maskierte Männer sie überwältigten. Sie schickten ihrem Mann ein Bild von ihr und forderten ihn auf, Caesium zu stehlen. Kent stahl das Caesium aus der St.-Aggy-Krebsklinik und brachte es den Erpressern zum Aussichtspunkt am Mulholland Drive.

Nach dem Caesium-Diebstahl wird Kents Tod für das FBI nur noch als Teil einer terroristischen Bedrohung gesehen. Für Harry Bosch bleibt es hingegen in erster Linie ein Mordfall. Er ist überzeugt, dass er das verschwundene Caesium findet, wenn er die Mörder von Kent gefunden hat.

In „Kalter Tod“ muss Harry Bosch sich erstmals in einer langen Nacht mit dem Problem des internationalen Terrorismus auseinandersetzen. Innerhalb von zwölf Stunden klärt er den Mordfall auf. Neben den Mordermittlungen muss er dieses Mal an mehreren Fronten kämpfen. Das FBI will ihm den Fall hinterrücks aus den Händen nehmen. Captain Don Hadley, der überforderten Leiter der Heimatschutz-Abteilung des LAPD und intern Captain Done Badley genannt, will sich wieder einmal vor der Presse als erfolgreichen Kämpfer gegen die terroristische Gefahr inszenieren. Und Harry Boschs neuer Partner ist überhaupt nicht begeistert von Boschs ruppigem und einzelgängerischem Ermittlungsstil. Denn Bosch ist inzwischen in dem Alter angelangt, in dem er die Vorschriften noch lässiger ignoriert als früher.

„Kalter Tod“ ist, wie die vorherigen Harry-Bosch-Romane, ein spannender Polizeithriller. Der einzige wirklich erkennbare Unterschied ist die Länge. „Kalter Tod“ ist deutlich kürzer als die anderen Bosch-Romane von Michael Connelly. Damit kann er gut als Einstiegsdroge in die Welt von Harry Bosch funktionieren. Für die Michael-Connelly-Fans verkürzt „Kalter Tod“ nur das halbe Jahr bis zum Erscheinen der schon lange überfälligen deutschen Ausgabe von „Echo Park“.

Michael Connelly: Kalter Tod

(übersetzt von Sepp Leeb)

Heyne, 2008

336 Seiten

7,95 Euro

Originalausgabe

The Overlook

Little, Brown and Company, 2007

Hinweise

Homepage von Michael Connelly

Meine Besprechung von Michael Connellys „Der Mandant“ (The Lincoln Lawyer, 2005)

Meine Besprechung von Michael Connellys „Vergessene Stimmen“ (The Closers, 2005)

Meine Besprechung von Michael Connellys “L. A. Crime Report“ (Crime Beat, 2004)

Eye on Books: Bill Thompson redet mit Michael Connelly über “The Overlook”

Michael Connelly redet über „The Overlook“ und “The Brass Verdict”

Bonusmaterial


Fitzeks vierter Streich

September 17, 2008

Auf das Cover von Sebastian Fitzeks neuestem Buch „Der Seelenbrecher“ klebte der Knaur-Verlag bereits vor der Veröffentlichung den Aufkleber „Der Bestseller“. Keine sieben Tage nach dem Erscheinen bewahrheitet sich die Vorhersage der Werbeabteilung. Amazon verkaufte bereits jetzt über 75.000 Exemplare und, mit den restlichen Buchläden, ist damit die 100.000er Grenze deutlich überschritten. Dabei ist die Geschichte von Fitzeks neuestem Roman im Kern nicht besonders originell. Es geht um eine in einem Gebäude eingeschlossene Gruppe, die von einem Killer gejagt wird.

Aber natürlich ist es, wie sich die Leser von Fitzeks vorherigen Bestsellern „Die Therapie“, „Amokspiel“ und „Das Kind“ denken können, nicht so einfach. Denn die Geschichte spielt am Vorweihnachtsabend in einer abgelegenen, eingeschneiten Klinik für psychosomatische Störungen, vulgo Nobelirrenanstalt. Der Klinikleiter Professor Samuel Raßfeld hat vor einigen Tagen Caspar, einen interessanten Fall von vollkommenem Gedächtnisverlust, aufgenommen. Als die Caspar behandelnde Psychiaterin Dr. Sophia Dorn ihn mit dem Foto eines Mädchens konfrontiert, ist er überzeugt, dass das seine Tochter ist, sie in Lebensgefahr schwebt und er sie retten muss. Zur gleichen Zeit jagt in Berlin der „Seelenbrecher“ junge Frauen. Er versetzt sie in einen komatösen Zustand und legt ihnen einen kryptischen Zettel in die Hand.

Als Caspar aus der Klinik flüchten will, verunglückt an der Einfahrt ein Krankenwagen. Der schwerverletzte Dr. Jonathan Bruck wird in die Klinik gebracht. Kurz darauf flüchtet Bruck aus dem Krankenbett und Caspar findet Dorn als das neueste Opfer des Seelenbrechers.

Caspar und die anderen Insassen sind überzeugt, dass Bruck der Seelenbrecher ist und sie in dieser Nacht alle umbringen will. Gleichzeitig kehrt Caspars Gedächtnis schubweise zurück. Das ärztliche Vokabular ist ihm vertraut und er hat irgendeine Beziehung zu Bruck.

Wie diese Beziehung aussieht, soll hier nicht verraten werden. Aber sie ist anders, als es auf den ersten Blick scheint. Auch die Rahmengeschichte, in der zwei Studenten als Experiment die Patientenakte 131071/VL über die tödliche Nacht in der Klinik lesen, wartet mit einigen hübschen Überraschungen auf.

Keine Überraschung sind dagegen, – auch bedingt durch das Genre, den Plot und das Echtzeit-Element -, die stereotypen Figuren, die bekannten Handlungselemente (Natürlich bleiben die Eingeschlossenen nicht zusammen, sondern begeben sich immer wieder grundlos in Lebensgefahr. Natürlich gibt es Streit in der Gruppe.), die eher auf Überraschungen als auf sich aus den einzelnen Charakteren heraus entwickelnden Konflikte setzende Geschichte und die im Nachhinein teilweise unlogische Handlung (Ein kompletter Gedächtnisverlust? Ein zufälliger Unfall genau vor der Klinik, bei dem der Mörder sich fast selbst umbringt? Der Mann ohne Gedächtnis als Anführer?); – obwohl das alles auch an dem unzuverlässigen Schreiber der Patientenakte liegen könnte. Es könnte auch ein Teil des Versuchs sein, den der Psychiater mit den beiden Studenten macht. Er befiehlt ihnen: „Sie müssen die gesamte Akte lesen und dürfen dabei nur wenige kurze Pausen machen.“

Diesem Befehl sollten die Leser von Sebastian Fitzeks neuestem Buch ebenfalls folgen. Dann ist „Der Seelenbrecher“ ein spannender Thriller für eine schlaflose Nacht. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Sebastian Fitzek: Der Seelenbrecher

Knaur, 2008

368 Seiten

7,95 Euro

Lesung

Am Donnerstag, den 18. September, stellt Sebastian Fitzek sein neues Buch „Der Seelenbrecher“ um 20.00 Uhr in der Thalia-Buchhandlung „Das Schloss“ (Schlossstraße 34, S/U-Bahnhof Rathaus Steglitz) vor.

Hinweise

Homepage von Sebastian Fitzek (mit weiteren Terminen, Trailern für das Buch und vielen weiteren Informationen)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Das Kind“


Eine Nacht mit dem October Boy

September 11, 2008

Halloween, 1963, ein kleines Kaff im Nirgendwo des Mittleren Westens: jedes Jahr gibt es dort ein seltsam-archaisches Ritual. Die männlichen Jugendlichen zwischen 16 und 18 Jahren werden fünf Tage eingesperrt und hungern gelassen. Dann, an Halloween, müssen sie den October Boy, eine mit Süßigkeiten behängte Vogelscheuche, jagen. Wer ihn tötet, bevor dieser um Mitternacht die Kirche erreicht, darf die Stadt verlassen und seine Familie erhält viel Geld. Die anderen Jungs müssen weiterhin in der Stadt bleiben.

Dieses Jahr will Peter McCormick den Lauf gewinnen. Allerdings gerät der Lauf, weil sich keiner mehr an die Spielregeln hält, schnell vollkommen außer Kontrolle.

„Die dunkle Saat“ von Norman Partridge wurde von Publishers Weekly in die Liste der hundert besten Romane des Jahres aufgenommen und erhielt den Bram-Stoker-Preis in der Kategorie „Long Fiction“. Dieser zu Recht erhaltene Preis zeigt, auch wenn der Bram-Stoker-Preis manchmal an Thriller vergeben wird, die Marschrichtung der Geschichte an. Denn obwohl es in „Die dunkle Saat“ etliche Morde gibt, ist die Jagd nach dem October Boy letztendlich ein übernatürliches Ritual, das dafür sorgt, dass auch im kommenden Jahr der Mais geerntet werden kann. Für diese Fruchtbarkeit des Bodens müssen Opfer gebracht werden.

Partridge versucht in seiner Horror-Geschichte überhaupt nicht, das jährliche Erscheinen des October Boys rational zu erklären. Er ist als ein Bote aus vergangenen Zeiten einfach immer schon da. Die Erwachsenen halten sich an die an sein Erscheinen geknüpften Regeln. Die meisten Jungen auch. Nur Peter McCormick und Kelly Haines, die er während des Laufs trifft und entgegen der Regeln mitnimmt, wollen ein neues, freieres Denken. Diese Geschichte erzählt Partridge spannend aus der Sicht eines allwissenden Erzählers.

Gleichzeitig fällt es beim Lesen nicht schwer, politische Botschaften in „Die dunkle Saat“ hinein zu interpretieren. Denn Partridge hat sicher nicht zufällig die Halloweennacht von 1963 gewählt. Wenige Tage später, am 22. November, wurde John F. Kennedy ermordet, am 28. August 1963 hielt Martin Luther King, als Abschluss des Marsches auf Washington, seine berühmte „I have a dream“-Rede, die 1964 zum Civil Rights Act und der erstarkenden Bürgerrechts- und Hippiebewegung führten. Insofern markiert das Jahr 1963 in der amerikanischen Geschichte einen wichtigen Markstein zwischen der heilen und geordneten Welt der Fünfziger und der aufkommenden neuen Freiheit. Dass diese heile Welt in den USA, wie auch in Deutschland, nicht so heil war, zeigt er in „Die dunkle Saat“, selbstverständlich in einer abstrakten Form, sehr nachdrücklich.

Mit 192 großzügig bedruckten Seiten ist „Die dunkle Saat“ eher eine Novelle, die bequem in einem Rutsch gelesen werden kann. Allerdings werden die in ihr aufgeworfenen Fragen zum Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft, von Tradition und Erneuerung, einen länger verfolgen.

Norman Partridge: Die dunkle Saat

(übersetzt von Bernhard Kleinschmidt)

Rowohlt, 2008

192 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

Dark Harvest

St. Martin’s Press, New York, 2007

Hinweise

Homepage von Norman Partridge

Dark Echo: Interview mit Norman Partridge (2001)


Überzeugendes Debüt

September 10, 2008

In den USA wurde Alex Berensons Debüt „Kurier des Todes“ abgefeiert, für den Barry und Ian Fleming Steel Dagger nominiert und erhielt den Edgar für das beste Debüt. In Deutschland wurde „Kurier des Todes“ dagegen kaum beachtet. Zu Unrecht. Denn Berenson greift in seinem Polit-Thriller das aktuelle Thema des islamistischen Terrorismus auf und verarbeitet es zu einer spannenden Geschichte, die nah an der Wirklichkeit ist.

Berensons Held ist CIA-Agent John Wells. Als Jalal begann er in den Neunzigern einen Undercover-Einsatz mit dem Ziel in das Zentrum von Al Kaida vorzustoßen. Seine Vorgesetzten, vor allem sein Verbindungsmann Jennifer Exley, haben schon seit langem keinen Kontakt mehr zu ihm. Wenige Monate nach 9/11 meldet er sich in den afghanischen Bergen bei einer Spezialeinheit der US-Army, sagt ihnen, was er in den vergangenen Jahren erfahren hat und verschwindet wieder. Seitdem haben seine Vorgesetzten nichts mehr von ihm gehört.

Heute, zehn Jahre nachdem er seinen gefährlichen Undercover-Einsatz begann, ist er Muslim. Außerdem hat er in zahlreichen Kämpfen langsam den Respekt und das Vertrauen der Al-Kaida-Führungsspitze erworben. Wells wird zu einem Treffen mit Aiman al-Sawahiri, Bin Ladens Stellvertreter, gebracht. Er erhält den Auftrag, zurück in die USA reisen, sich eine Tarnexistenz aufzubauen und auf seinen Einsatzbefehl, der ihn via E-Mail erreichen soll, zu warten.

In den Vereinigten Staaten genießt er nach langen Jahren in den afghanischen Bergen seine ersten Tage als freier Mann. Da verübt Al-Kaida-Planer Omar Khadri, als Auftakt für eine Anschlagserie, in Los Angeles zwei Bombenattentate.

Wells meldet sich bei Exley. Doch die CIA hält ihn inzwischen für einen Überläufer. Also flüchtet Wells aus dem CIA-Schutz, der eigentlich eine kaum verhüllte Haft ist, und taucht unter. Er weiß, dass er seine Vorgesetzten nur überzeugen kann, indem er den Anschlag verhindert und Khadri überführt.

Zwischen Wells Suche nach Khadri, was eigentlich eher ein Warten im Untergrund auf das vereinbarte Signal und ein mühsames Wiederanpassen an den amerikanischen Lebensstil ist, fügt Berenson spannungssteigernd die Vorbereitungen von Al Kaida für den großen Anschlag und die weltweite Suche der CIA nach Al-Kaida-Gefolgsleuten ein. Diese Erzählstränge führt Berenson teilweise genauer aus, als es für den reinen Fortgang der Geschichte notwendig wäre. So stellt er die Täter und einige der Opfer des ersten Doppelanschlages in Los Angeles vor und bringt sie dann um. Oder er erzählt über viele Seiten von einer Militärpatrouille in Bagdad, die eher zufällig einen wichtigen Al-Kaida-Mann verhaftet und wie dieser anschließend in einem Geheimgefängnis gefoltert wird. Aber Berenson präsentiert diese Szenen so kurzweilig, dass der sich in diesen Moment nur langsam fortbewegende Plot kaum auffällt. Denn in diesen Leseminuten werden die Opfer und Täter zu Menschen. Gleichzeitig vermittelt der New-York-Times-Reporter, als integralen Teil der Geschichte, viele Fakten über Al Kaida, B- und C-Waffen, den Geheimdienstapparat und den Antiterrorkampf der USA.

Alex Berenson zeichnet in seinem Debüt „Kurier des Todes“ im Gewand eines spannenden Thrillers das beklemmende Porträt eines schmutzigen Krieges, der nichts mehr von der Beschaulichkeit des Kalten Krieges hat. Berenson gehört damit zur neuen Garde von Agententhrillerautoren, die mit glaubhaften Geschichten ein Bild der aktuellen internationalen Politik zeichnen, in dem die Frage nach dem richtigem und falschem Handeln komplexer behandelt wird und die Antworten weniger eindeutig als vor zwanzig Jahren sind.

Alex Berenson: Kurier des Todes

(übersetzt von Elisabeth Parada Schönleitner)

Heyne, 2008

512 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

The Faithful Spy

Random House, 2006

Hinweise

Homepage von Alex Berenson

Random House: Interview mit Alex Berenson

Readers Read: Interview mit Alex Berenson


Nicht so überzeugendes Debüt

September 9, 2008

Hier in Berlin ist das Romandebüt „Zwillingsspiel“ des Drehbuchautors und ehemaligen Journalisten Markus Stromiedel Stapelware. Das liegt sicher zu einem guten Teil an dem Ort der Handlung: nämlich Berlin. Das Thema – terroristische Anschläge in der Hauptstadt – ist auch interessant. Schließlich sollen nicht immer nur in Washington und New York Bomben explodieren. Aber eine terroristische Anschlagserie in Hintertupfingen wirkt auch nicht besonders glaubwürdig.

Bei einem Blick in das Buch fällt auf, dass es mit den vielen Kapiteln und Dialogen wie ein US-amerikanisches Buch aussieht. Die ersten Seiten bestätigen den Eindruck. Nach einem kurzen Prolog beginnt „Zwillingsspiel“ gleich mit einem Attentat, der Kommissar tritt auf und Stromiedel entwirft auf den ersten Seiten zügig die verschiedenen Handlungsstränge und präsentiert gelungen die wichtigen Charaktere. Neben Kommissar Paul Selig sind das seine als persönliche Referentin des Innenministers arbeitende Zwillingsschwester Lisa Westphal und der geschasste Politikberater und Quartalstrinker Alexander Kaskan.

Dennoch ist „Zwillingsspiel“ kein vollkommen überzeugendes Buch.

Das beginnt mit der gekünstelten Ausgangslage. Kommissar Paul Selig, die Lusche vom Dienst, soll die Ermittlungen in einem Bombenattentat am S-Bahnhof Savignyplatz leiten. Der Anschlag, bei dem sieben Menschen starben, ist der dritte Anschlag innerhalb von zwei Wochen. Selig wird, zu seinem Erstaunen, der Fall nicht sofort entzogen. Stattdessen soll er die Ermittlungen, als eigenverantwortlicher Zuarbeiter zur Sonderkommission, leiten.

Als er feststellt, dass der Dienstplan vor dem Anschlag so manipuliert wurde, dass der Kommissar mit der schlechtesten Aufklärungsrate den Fall erhält, packt ihn der Ehrgeiz, das Komplott in den eigenen Reihen aufzudecken.

Mit dieser unnötig vertrackten Ausgangslage macht Stromiedel es dem Leser unnötig schwer, in die Geschichte einzusteigen. Gleichzeitig ist es schon erstaunlich, wie mühelos Selig und seine Mitarbeiter das Komplott in den eigenen Reihen (immerhin vermutet er, dass ein Kollege in den Tod von sieben Menschen involviert ist) akzeptieren.

Noch merkwürdiger – oder einfach vollkommen unglaubwürdig ist, dass sich ganz Deutschland von den drei schweren Anschlägen innerhalb eines halben Monats auf die S-Bahnhöfe Alexanderplatz, Friedrichstraße und Savignyplatz in ihrem Alltagsleben überhaupt nicht stören lässt.

Stromiedel streift die zwei vorherigen Anschläge, die über siebzig Tote forderten, mit wenigen Worten. Auch den islamistischen Terrorismus streift er nur kurz. Und, immerhin lässt er seine Geschichte wenige Monate vor einer Bundestagswahl spielen, die Regierung legt in diesem Moment, milde beunruhigt von den sinkenden Umfragewerten, die Hände in den Schoß. Kein Aktionismus. Nichts. Der wirkliche Politikbetrieb wäre dagegen schon nach dem ersten Anschlag – wir erinnern uns an 9/11 und die umfassenden Gesetzespakete von Otto Schily, die Rasterfahndung nach islamistischen Terroristen, den Initiativen auf EU-Ebene zum Abbau der Bürgerrechte, der Folterdebatte – bereits Amok gelaufen und spätestens nach dem dritten Anschlag würden sie schon nicht mehr über die Anwendung der Notstandsgesetze nachdenken.

Dieses Verkennen der politischen Wirklichkeit findet seinen Höhepunkt in diesem Dialog, der drei Monate nach dem letzten Anschlag stattfindet:

„Das Beste“, fuhr Lisa fort, „was einem Kandidaten im Wahlkampf passieren kann, ist eine nationale Katastrophe. Deine Worte.“

Kaskan grinste. „Soll ich in der Eifel ein Erdbeben bestellen? Oder Liechtenstein den Krieg erklären?“

Lisa blieb ernst. „Wir haben längst eine nationale Katastrophe. Bei welchen Ereignissen sind erst kürzlich achtundsiebzig Menschen gestorben?“

Kaskan winkte ab. „Das ist längst kein Thema mehr. Die Bombenanschläge liegen Monate zurück.“

Ein weiteres Problem liegt in der Struktur der Geschichte. „Zwillingsspiel“ zerfällt in zwei etwa gleich lange Teile, die beide innerhalb weniger Tage, im Abstand von mehreren Monaten spielen. Durch diese Struktur liegt, auch wenn Stromiedel „Zwillingsspiel“ von Anfang an als Roman konzipierte, der Gedanke an einen TV-Zweiteiler nahe. Im ersten Teil stehen die Ermittlungen von Selig im Vordergrund. Sie enden mit dem Tod des mutmaßlichen Täters.

Der zweite Teil beginnt vierzehn Wochen nach diesen Ereignissen. Die gesamte Dynamik des ersten Teils ist weg. Stattdessen muss erst langwierig erzählt werden, was in den vergangenen Wochen geschah und Selig ein triftiger Grund für weitere Ermittlungen geliefert werden. Für alle, die ein Buch nicht in der Mitte beginnen, geschieht über viele Seiten nichts Weltbewegendes. Außerdem rücken jetzt, immerhin befinden wir uns in den letzten Tagen des Wahlkampfs, die politischen Ränkespiele in den Vordergrund. Selig wird zu einer Nebenfigur, die den Hintermann für den Anschlag am S-Bahnhof Savignyplatz sucht. Er vermutet, dass der Anschlag einer bestimmten, im Zug sitzenden Person galt. Gleichzeitig nimmt die Geschichte, wie Titel und Prolog andeuten, eine Wende ins Familiäre. Oh, und die für die beiden anderen Anschläge verantwortliche Terrorzelle wird von Stromiedel quasi nebenbei zwischen zwei U-Bahn-Stationen erledigt.

Der Mordplan ist dann elaboriert genug für die Freunde des abseitigen Rätselns und wirklichkeitsfremder Verschwörungsthriller. Denn der für den Anschlag auf dem S-Bahnhof Savignyplatz verantwortliche Hintermann musste in seinen Plan viele Menschen mehr oder weniger einweihen, dafür sorgen dass eine bestimmte Person zu einer bestimmten Zeit in einer S-Bahn sitzt, die dann bei der Einfahrt in den Bahnhof so zerstört wird, dass das Ziel auch wirklich tot ist. Dafür hat er zahlreiche andere Opfer billigend in Kauf genommen und gehofft, dass trotzt der umfassenden Ermittlungen, keine Spuren auf ihn deuten. Das ist ziemlich viel Vorbereitung und Beherrschen von vielen Unbekannten, wenn das gleiche Ziel auch mit einem popeligen Autounfall mit Fahrerflucht oder einem als Selbstmord getarnten Sturz aus hoher Höhe erreicht worden wäre.

Letztendlich liest sich „Zwillingsspiel“ wie das Buch zum Film für einen heftig umworbenen TV-Zweiteiler, bei dem bereits vor dem Dreh die Vision des Autors auf das vom Budget leistbare (so richtet die Bombe am S-Bahnhof Savignyplatz nur einen verhältnismäßig geringen Sachschaden an und die beiden vorherigen Anschlagsorte werden nicht besichtigt) und von den Gremien akzeptierte (siehe das Motiv für den dritten Anschlag und die positive Darstellung des Islam) zurechtgestutzt wurde. Dennoch ist „Zwillingsspiel“ gut genug geschrieben, um Markus Stromiedel eine zweite Chance zu geben. Aber dann bitte mit einer glaubwürdigeren Geschichte.

Markus Stromiedel: Zwillingsspiel

Knaur, 2008

432 Seiten

7,95 Euro

Hinweise

Homepage von Markus Stromiedel (Romanautor – schöne Seite)

Homepage von Markus Stromiedel (Drehbuchautor)

Markus Stromiedel im Knaur Killer Club: Das Phantom (Teil 5)

Markus Stromiedel im Knaur Krimi Podcast

Stichwort Drehbuch: Audiointerview mit Markus Stromiedel (Hörenswert)

Homepage zu „Zwillingsspiel“


P. I. Spenser schlägt wieder zu

August 29, 2008

Der neue Spenser ist vor allem der neue Spenser. Denn selbstverständlich unterscheidet sich das neueste Abenteuer des Bostoner Privatdetektivs Spenser, „Der gute Terrorist“ von Robert B. Parker, im Guten wie im Schlechten kaum von den vorherigen Fällen.

Es beginnt mit einem für Spenser alltäglichen Fall: er soll die Ehefrau Jordan Doherty, eine Dozentin am Concord College, beschatten. Ihr Mann Dennis glaubt, dass sie ihn betrügt. Spenser beschattet sie und nimmt heimlich einen außerehelichen Geschlechtsverkehr auf. So weit, so normal. Doch nach dem Sex redet sie mit ihrem Liebhaber über ihren Ehemann und seine Arbeit als FBI-Agent. Doherty beschäftigt sich mit der Terrorismusbekämpfung und Gruppen wie „Freedom’s Front Line“ und „Last Hope“. Ihr Liebhaber Perry Alderson soll, so das FBI, der Anführer von „Last Hope“ sein und diese Gruppe soll vor allem als Vermittler zwischen Attentätern und Leuten, die einen Attentäter brauchen, fungieren.

Spenser informiert Doherty über den Ehebruch und damit könnte die Sache zu Ende sein. Doch kurz darauf wird Jordan Doherty erschossen, Vinnie erschießt den Killer und etwas später ist auch Doherty tot. Spenser ist fest davon überzeugt, dass Perry Alderson die Dohertys umbringen ließ. Aber er hat keine Beweise.

Robert B. Parker entwirft auf den ersten Seiten gewohnt souverän die Prämisse. Aber nachdem bekannt ist, dass Alderson ein Terroristenhelfer ist, beginnt die Geschichte zu stagnieren. Denn Spenser versucht nichts über „Last Hope“ und die damit verbundenen terroristischen Aktivitäten von Alderson herauszufinden, sondern wälzt immer wieder die gleichen Probleme mit seiner Freundin Susan, seinem Buddy Hawk und seinen Vertrauten bei Polizei und FBI. Denn Spenser verbeißt sich in diesen Fall, so analysiert Susan scharfsinnig, weil sie ihn vor zwanzig Jahren verlassen hatte und er sie aus den Händen von Bösewichtern retten musste. „Spenser auf der Flucht“ (A Catskill Eagle, 1985) erzählt diese Geschichte und der Roman gehört zu den besten Spenser-Abenteuern.

Auf der Strecke bleibt dabei zuerst das Terrornetzwerk von Alderson. Denn darüber schreibt Robert B. Parker nichts. Danach die Motive des „guten Terroristen“. Denn außer einigen Halbsätzen zu 1968 schreibt Parker nichts dazu. Dabei hat Parker sich in früheren Spenser-Romanen immer wieder mit den Auswirkungen von 1968, wie dem Feminismus und der Rassendiskriminierung, beschäftigt. So musste der Macho Spenser in „Bodyguard für eine Bombe“ (Looking for Rachel Wallace, 1980) eine Feministin beschützen. Und wenn Robert B. Parker sich schon nicht für eine Neubetrachtung von 1968 interessiert, hätte er wenigstens – immerhin war es die freie Entscheidung des Autors, aus dem Bösewicht einen Unidozenten, Ehebrecher und, letztendlich für die gesamte Story völlig überflüssig, Terroristen zu machen – die Veränderungen in den USA nach 9/11 thematisieren müssen. Doch „Der gute Terrorist“ könnte genauso gut vor zehn, zwanzig oder auch vierzig Jahren spielen. Aber auch dann wäre der 35. Spenser-Roman – besonders nach der Lektüre von einigen Ed-Brubaker-Werken – nur ein müdes Routineprodukt, das Spensers erste Terroristenjagd „Kopfpreis für neun Mörder (The Judas Goat, 1978), eine langatmige Ich-knall-einen-Terroristen-nach-dem-nächsten-ab-Geschichte, in einem milderen Licht erscheinen lässt.

Robert B. Parker: Der gute Terrorist – Ein Auftrag für Spenser

(übersetzt von Frank Böhmert)

Pendragon, 2008

208 Seiten

9,90 Euro

Originalausgabe

Now & Then

G. P. Putnam’s Son, 2007

Hinweise

Homepage von Robert B. Parker

Pendragon-Homepage zu Robert B. Parker

Mein Porträt von Robert B. Parker und der Spenser-Serie in der Spurensuche

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der stille Schüler“ (School Days, 2005)


Besprechung „Zukunft Kino“ online

August 29, 2008

Meine Besprechung von „Zukunft Kino – The End of the Reel World„, herausgegeben von Daniela Kloock, ist online in der Berliner Literaturkritik. Mit den meisten Artikeln konnte ich nichts anfangen, aber dafür ist es hübsch gelayoutet und hat auch eine Homepage.


„Fettsack“ oder der etwas andere Serienkillerroman

August 28, 2008

Das Werk steht auf der aktuellen KrimiWelt-Bestenliste, die Kritiker sind unisono begeistert und auch ich habe mich auf „Fettsack“ von Rex Miller gefreut. Das vor zwanzig Jahren in den USA erschiene Buch „Fettsack“ war für den Bram-Stoker-Preis in der Kategorie Debüt nominiert. Stephen King, um nur den Bekanntesten zu nennen, blurbt (allerdings ist der König des Horrorromans ein notorischer Blurber). „Fettsack“ dürfte, so dachte ich zutreffend, weniger die Freunde von kriminalistischen Serienkillerthrillern à la Thomas Harris und seinem „Roter Drache“, sondern eher die Horrorfans bedienen. Und Horror ist das Buch auch. Aber anders als erwartet.

Die Story ist in ihren Grundzügen einfach, effektiv und lässt viel Raum für Variationen: Daniel ‚Chaingang’ Bunkowski, ein fünfhundert Pfund schweres Monstrum auf zwei Beinen, hat während des Vietnam-Krieges das Morden gelernt. In den heutigen USA (circa 1986) ermordet er grundlos in einem wahren Blutrausch Menschen. Weil er seine Spuren gut verwischt, weiß die Polizei nichts von ihm. Doch jetzt, in Chicago, wird er nachlässig. Die dortige Polizei zieht Serienkiller-Spezialist Jack Eichord hinzu.

Dieses Duell zwischen Killer und Polizist ist bei Rex Miller allerdings nicht die Grundlage für einen Thriller. “Fettsack” ist, höflich formuliert, ein essayistischer Roman, der eher der Logik eines Alptraums gehorcht, eine Collage aus verschiedenen Stimmen und Erzählhaltungen, oder einfach ein Griff in den Zettelkasten.

Denn die Hinweise auf Chaingangs schlimme Jugend, die skrupellosen Geheimdienste und die bösen Medien sind so plakative wie austauschbare Red Herrings für willige Interpretatoren, die allerdings für Chaingangs Entwicklung letztendlich absolut bedeutungslos sind. Denn er war einfach schon immer böse. „Er war ein Autodidakt, ein Selfmade-Killer, dessen erschreckender Hang zu Gewalttätigkeit, wie es aussah, allenfalls vom Intellekt eines Genies übertroffen wurde.“ Das geheime Regierungsprojekt in den sechziger Jahren, das ihn zum Ein-Mann-Kampfkommando für den Dschungelkrieg machte, perfektionierte Chaingangs skrupelloses Wesen nur noch.

Die plakative Medienkritik erschöpft sich weitgehend in einen Auftritt von Eichord im Fernsehen. Eichord sitzt, auf Wunsch seiner Vorgesetzten, die einen schnellen Abschluss der Ermittlungen wollten und dafür auch einen Mann als Serienmörder präsentieren, der es nach Eichords Ansicht nicht war, in einer Talkshow, beantwortet einige Fragen und wird anschließend vom zweiten Moderator Onkel George nachdrücklich nach den Fehlern in den Ermittlungen gefragt. In dieser Szene kommt das Fernsehen, auch wenn Miller es als alptraumhaftes Ereignis für Eichord schildert, einfach nur seiner Informationspflicht nach.

(Joe R. Lansdale hat in seinem grandiosen Debüt „Akt der Liebe“ (Act of love, 1981) die Rolle der Medien bei der Jagd nach einem Serienmörder schon besser und zynischer thematisiert.)

Polizeiliche Ermittlungen, die in einem Kriminalroman das Rückgrat der Erzählung bilden, finden überhaupt nicht statt. Stattdessen verliebt sich der nett-verständnisvoll-unauffällige Jack Eichord in Edie Lynch, deren Mann von Chaingang umgebracht wurde. Miller schildert diese Liebesgeschichte in epischer Breite. Erst auf Seite 185 stolpert Eichord, dank eines Fehlers in der Verwaltung, über den Eintrag „Offiziell gelöscht“. Jetzt weiß er, dass die Daten des Killers in staatlichen Akten gespeichert sind. Nach einigen Telefonaten kennt er dann die Akte und hat auf Seite 193 Namen und Foto des von ihm gesuchten Mannes. Doch die polizeiliche Suche nach Chaingang ist erfolglos und schon wieder kommt der Zufall Eichord zur Hilfe: Chaingang entführt Edie Lynch und alles ist bereit für den Showdown.

Durch den Verzicht auf den normalen Ballast einer Krimigeschichte könnte Rex Miller sich seinen Charakteren und ihren Problemen zuwenden. Doch gerade der Bösewicht Daniel „Chaingang“ Bunkowski bleibt letztendlich nur ein eindimensional als Monstrum ohne irgendwelche Gefühle geschildertes Wesen: „ein menschlicher King Kong“, „Müllschlucker auf zwei Beinen“, „Monster“, „Killer von fünfhundert, Killer von Familien, Killer von Profisöldnern, Killer von Kopfgeldjägern, Killer von Elitesoldaten, der Mörder von Mördern“. So bleibt der in der Kanalisation hausende Chaingang dank der ständigen abwertenden Beschreibungen bis zum Ende nur eine Cartoon-Figur, die mampfend und mordend durch die Geschichte geht.

Dass ihr dies allerdings ungefähr fünfzehn Jahre – die Zeit zwischen Vietnam und der Handlungszeit der Geschichte – ohne entdeckt zu werden gelang, ist nicht logisch. Dafür sind seine Morde zu einmalig (er reißt das Herz heraus), zu viel (auch ohne Vietnam einige hundert), er selbst ist zu auffällig (groß, ungewaschen, primitiv). Es ist auch nicht nachvollziehbar, weshalb Chaingang jetzt beginnt, Spuren zu hinterlassen. Und natürlich müsste der Geheimdienst, der ihn ausgebildet hat, ein Interesse daran haben, die von ihnen geschaffene Killermaschine aus der Welt zu schaffen.

Das Ende des langweilig-chaotischen Romans spekuliert schamlos in schlechter B-Picture-Manier auf eine Fortsetzung, die es dann auch drei Jahre später gab.

Rex Miller: Fettsack

(neu übersetzt von Joachim Körber)

Edition Phantasia, 2008

272 Seiten

15,90 Euro

Deutsche Erstausgabe

Im Namen des Todes

Bastei-Luebbe, 1991

Originalausgabe

Slob

Signet, 1987

Hinweise

A pictorial Tribute to Rex Miller

Wikipedia über Rex Miller


Dreimal Hochspannung mit Ed Brubaker

August 22, 2008

In seiner Heimat ist Ed Brubaker bereits seit Jahren als einer der besten Comic-Autoren bekannt. Mehrere prestigeträchtige Eisner-Nominierungen und erhaltene Eisner-Preise sprechen eine deutliche Sprache. Inzwischen wollen die Hollywood-Größen Sam Raimi und Tom Cruise seine Graphic-Novel „Sleeper“ verfilmen.

In Deutschland kennen ihn, außerhalb der Hardcore-Comic-Szene, Unterabteilung Superhelden-Comics/Marvel-Universum, bislang nur wenige. Mit dem ersten „Criminal“-Band „Feigling“, in dem er zusammen mit Zeichner Sean Phillips eine Überfall-Geschichte erzählte, änderte sich das etwas. Mit dem zweiten „Criminal“-Band „Blutsbande“, dem ersten „Sleeper“-Band „Das Schaf im Wolfspelz“ und „Point Blank“, dem eigenständigen Vorspiel zur „Sleeper“-Serie, die alle die Tage erschienen sind, müsste sich das grundlegend ändern. Denn alle drei Comic-Bücher erzählen schnelle, wendungsreiche Hardboiled-Geschichten, die einer alten Formel so viel neues Blut verpassen, dass sie frisch und neu sind, ohne ihre Ursprünge zu verraten.

Die Comics „Point Blank“ und „Sleeper“, beide erschienen 2003 bei Wildstorm/DC Comics, verknüpfen gekonnt gewalttätigen Noir mit etwas abgehalftertem Superhelden-Gedöns. Denn einerseits haben die wichtigen Charaktere, teilweise bekannt aus dem WildC.A.T.S.-Kosmos, nach genetischen Manipulationen (Gen-Faktor genannt) übermenschliche Fähigkeiten, andererseits können sie letztendlich nichts Richtiges damit anfangen. Die Superkräfte scheinen sogar eher eine Belastung zu sein.

Der Held von „Point Blank“ ist der abgebrannt in Kneipen herumhängende Ex-Elitesoldat Cole „Grifter“ Cash. Er gehörte zur supergeheimen von John Lynch geleiteten Regierungsorganisation International Operations.

Eines Tages bittet ihn sein alter Chef Lynch um Hilfe. Er braucht, um einen von ihm gemachten „Fehler“ zu korrigieren jemand, dem er vertrauen kann. Diese Korrektur bedeutet, dass sie auf der Suche nach einem Carver mehrere Menschen foltern und töten müssen.

Als Lynch bei einem Mordversuch lebensgefährlich verletzt wird, beginnt Cash den Täter zu suchen. Seine Spur führt ihn zum kriminellen Superhirn Tao, der eine geheime Superwesen-Organisation befehligt.

Zusammengefasst klingt „Point Blank“ (dass der Comic den gleichen Titel wie der erste Parker-Roman von Richard Stark hat, ist sicher kein Zufall) nach einer banalen Rachegeschichte. Aber Ed Brubaker erzählt die Geschichte mit zahlreichen Rückblenden, die sich organisch in die Geschichte einfügen und nur durch den wechselnden Zeichenstil von Colin Wilson auffallen. So spiegelt die Erzählweise auch den geistigen Zustand von Cash wieder. Gleichzeitig bewegt sich die Geschichte in dem vertrauten Noir-Kosmos, in dem ein Mann, der mit seinen eigenen Dämonen kämpft, sich für einen Mord (auch wenn Lynch dank seiner Superheldenkräfte nur im Koma liegt) verantwortlich fühlt. Als er am Ende Tao gegenübersteht, endet die Begegnung ganz anders, als er es sich in seinen schlimmsten Alpträumen ausmalen hätte können.

„Ich dachte mir: Es wäre doch interessant, einen Comic über jemanden zu machen, der vorgibt, jemand anderes zu sein, und dann nach und nach nicht mehr unterscheiden kann zwischen sich selbst und der Rolle, die er spielt.“

Ed Brubaker über „Sleeper“

Am Ende von „Point Blank“ findet Cash den von Lynch verzweifelt gesuchten Holden Carver, der von Lynch als Undercover-Agent in die Organisation von Tao eingeschleust wurde. Carver soll herausfinden, was Tao vorhat. Denn Lynch kann sich keinen Reim auf die Anschläge und Verbrechen von Tao machen. Carvers Einsatz ist so gefährlich und geheim, dass nur Lynch die Wahrheit kennt.

Nachdem in „Point Blank“ ein ziemlich verrückter Einzelkämpfer im Mittelpunkt stand und die Erzählung entsprechend fragmentiert war, ist „Das Schaf im Wolfspelz“ eine Übung in Selbstbeherrschung – und sich langsam auflösenden Grenzen. Entsprechend der ursprünglichen Erscheinungsweise als einzelne Comichefte hat der erste „Sleeper“-Band „Das Schaf im Wolfspelz“ eine weitgehend episodische Struktur, die in sechs relativ klar getrennten Episoden vom Aufstieg Carvers in der Superwesen-Organisation von Tao und seiner entflammenden Liebe zu Miss Misery, der Vertrauten Taos, erzählt. Gleichzeitig versucht Holden, tief im Inneren, seine ursprüngliche Identität zu bewahren.

Denn Carver ist nach dem jahrelangen Undercover-Einsatz immer mehr zwischen den beiden Identitäten aufgerieben und besonders seitdem Lynch im Koma liegt, fragt er sich, wie er jemals wieder in sein altes Leben zurückkehren kann; – falls er das überhaupt will.

Der erste „Sleeper“-Band „Das Schaf im Wolfspelz“ eröffnet fulminant die düstere Geschichte eines Undercover-Agenten, dessen Weg zurück in ein bürgerliches Leben ihm zunehmend versperrt ist. Brubaker/Phillips erzählten die Geschichte von Carver in den noch folgenden drei „Sleeper“-Bänden weiter. Sie etablierten sich in der Comicszene mit dieser Serie als ein Team für düstere Hardboiled-Geschichten.

Dabei ist Carvers Geschichte von einem Undercover-Mann, der sich die Finger schmutzig machen muss und bei den Verbrechern immer mehr Freunde findet, keine neue Geschichte. Zahlreiche, teilweise auf wahren Begebenheiten beruhende, Kriminaldramen über die langen Undercover-Einsätze von Polizisten, die zunehmend zwischen ihren verschiedenen Loyalitäten zerrissen sind, und der fast zeitgleich entstandene Hongkong-Thriller „Infernal Affairs“ (der in den USA erst nach der Veröffentlichung von „Sleeper“ startete) erzählen in Teilen ähnliche Geschichten. Doch „Sleeper“ ist düsterer und gewalttätiger als die meisten anderen Geschichten. Brubaker verknüpft hier schamlos eine Noir-Geschichte, die irgendwo zwischen Gangster- und Spionagethriller schwankt, mit einer Superheldengeschichte, baut mehr Storytwists ein als bei „24“ und lässt auf kein gutes Ende hoffen.

„Point Blank“ und „Sleeper: Das Schaf im Wolfspelz“ haben in der deutschen Ausgabe mit den informativen Nachworten von Jochen Ecke auch ein lohnenswertes Bonus-Feature, das an die US-amerikanischen Heftausgaben von „Criminal“ erinnert. Dort gibt es, geschrieben von Brubaker und anderen Autoren, als Bonus zu den Comics Texte über die für die „Criminal“-Gesichte n wichtigen Noir-Einflüsse und, jüngst, ein Interview mit Hard-Case-Crime-Herausgeber Charles Ardai.

„One of my intentions with this series was to create a book that could handle any and every story I wanted to tell. The cast of the book is a loose-knit gang of crooks – a pickpocket, a hit-man, and a crooked cop, for starters – who each take center stage at different times. This way I can do a heist story, follow that with a revenge drama, and then a prison breakout, all while using the same characters. And as each story unfolds, the mysterious past that connects these characters is revealed, so readers can watch the puzzle of their twisted history being put together.“

Ed Brubaker über “Criminal”

Nach „Sleeper“ schrieb Ed Brubaker etliche Geschichten für bekannte Marvel-Charaktere, wie Captain America, Catwoman, Daredevil und X-Men, und erfand zusammen mit Greg Rucka die im Batman-Universum spielende Serie „Gotham Central“. 2006 widmete Brubaker sich dann, wieder zusammen mit Zeichner Sean Phillips, kompromisslos dem Noir und startete die gefeierte, im heutigen Amerika spielende „Criminal“-Serie. Letztes Jahr erhielt „Criminal“ den Eisner Award für Beste neue Serie und Ed Brubaker einen Eisner als Bester Autor des Jahres. Der erste Band „Feigling“, in dem die Geschichte eines misslungenen Überfalls erzählt wird, überzeugte restlos als sehr stilbewusste und eigenständige Genregeschichte. „Blutsbande“, der zweite „Criminal“-Band erzählt, nicht minder überzeugend, eine eiskalte Rachegeschichte.

Als Alternative zum Knast ging Tracy Lawless zum Militär, kämpfte in Bosnien, Afghanistan und dem Irak, verweigerte Befehle, wurde in ein Militärgefängnis eingesperrt und erfuhr erst ein Jahr nach dem Tod seines kleineren Bruders Broderick davon. Lawless kehrt, um den feige ermordeten Rick zu rächen, unter falschem Namen in seine alte Heimatstadt zurück, hängt in der Bar „The Undertow“ ab und beobachtet Rickys alte Bande. Als sie kurz vor einem neuen kriminellen Coup stehen, bringt er ihren Fahrer Davey um und bietet sich ihnen als neuer Fluchtwagenfahrer an. Als Fürsprecher benutzt er den in Untersuchungshaft sitzenden Fluchtwagenfahrer und Rickys besten Freund Leo Patterson (Genau, der „Feigling“ hat seine selbstmörderische Aktion am Ende des ersten Bandes überlebt.).

Tracy Lawless wird in der Bande aufgenommen und beginnt die Gangster gegeneinander auszuspielen. Denn er will wissen, wer von ihnen seinen Bruder ermordete.

Dank des geschickten Einsatzes von Rückblenden, ein von Brubaker gerne benutztes Stilmittel, wird genug von Tracy Lawless Vergangenheit bekannt, um ihn als tragischen Charakter, der immer seinen kleinen Bruder beschützen wollte, zu erkennen. Der auf den ersten Blick illusionslos-harte Lawless kann nämlich seiner Vergangenheit und den Verpflichtungen gegenüber der Familie, auch wenn alle Familienmitglieder tot sind, nicht entkommen. So ist das Ende von „Blutsbande“ für Tracy Lawless ähnlich bitter wie das Ende von „Feigling“ für Leo Patterson.

„Nur wenige Leute wissen, was eine gute Kriminal-Story ausmacht. Man denke nur an die alten Batman-Filme und so ziemlich jeden Versuch in Sachen Film Noir, seit das Kino farbig wurde: das Dunkle und das Schmutzige ist nur Fassade. Aber die innere Finsternis, die jede gute Kriminal-Story enthüllt und befreit, findet nie statt. Deine Geschichten sind haargenau richtig und wunderbar unerbittlich. Und das Beste: Sie nehmen sich ernst, und das mit erhobenen Haupt.“

Frank Miller (Sin City) über „Criminal“

Ed Brubaker/Colin Wilson: Point Blank

(übersetzt von Maria Morlock)

Cross Cult, 2008

144 Seiten

19,80 Euro

Originalausgabe

Point Blank

Wildstorm, DC Comics 2003

(Erstausgabe in Einzelheften: Point Blank 1 – 5, 2002/2003)

Ed Brubaker/Sean Phillips: Sleeper 1 – Das Schaf im Wolfspelz

(übersetzt von Maria Morlock)

Cross Cult, 2008

144 Seiten

19,80 Euro

Originalausgabe

Sleeper: Out in the Cold

Wildstorm, DC Comics 2004

(Erstausgabe in Einzelheften: Sleeper 1 – 6, 2003)

Ed Brubaker/Sean Phillips: Criminal 2 – Blutsbande

(übersetzt von Claudia Fliege)

Panini Comics, 2008

128 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

Criminal 2: Lawless

Marvel Comics, 2007

(Erstausgabe in Einzelheften: Criminal 6 – 10, 2007)

Hinweise

Homepage von Ed Brubaker

Blog von Sean Phillips

Blog über „Criminal“

Meine Besprechung von „Criminal 1: Feigling“ (mit weiteren Hinweisen)

Der zweite „Sleeper“-Band „Die Schlinge zieht sich zu“ erscheint im November.


Zwei neue Autoren, zwei Frauen und drei Treffer

August 22, 2008

Die drei Metro-Romane „Das Meisterspiel“ von Hannelore Cayre, „Chamäleon Cacho“ von Raúl Argemí und „Ganz die Deine“ von Claudia Piñeiro sind mit 160, 160 und 192 Seiten kurz genug, um während einiger Metro-Fahrten gelesen zu werden. Sie können natürlich auch an einem anderen Ort genossen werden. Denn in jedem Fall lohnt sich die Lektüre.

Vergangenes Jahr eroberte Hannelore Cayre mit ihrem schnoddrigen Pariser Pflichtverteidiger Christophe Leibowitz im Sturm die Herzen der Leser. In „Der Lumpenadvokat“ ließ Leibowitz sich auf einen Gefangenenausbruch ein und landete im Knast. Den hat er am Anfang von „Das Meisterstück“ gerade hinter sich. Er hat einige Euro mehr auf seinem Bankkonto, ist schnell des müßigen Lebens überdrüssig und beginnt wieder zu arbeiten. Dieses Mal sogar in einem größeren Büro.

Er verteidigt Aziz Choukri. Aziz, einer der jüngeren Brüder der Kokainschieber und Verbrecherfamilie Choukri und passionierter Einbrecher in Nobelvillen mit einem jungfräulichen Strafregister, soll bei einem hohen Beamten des Finanzministeriums sieben wertvolle Bilder geklaut haben. Leibowitz fällt aus allen Wolken, als Aziz ihm sagt, die Bilder lägen noch im Versteck. Er veranlasst, dass die Gemälde zu einem anderen Versteck gebracht werden.

Sein zweiter Mandant ist der Mittsiebziger Marcel Lazare. Der Knaststammkunde verbüßt gerade eine fünfzehnjährige Haftstrafe. Er hat Darmkrebs im Endstadium und möchte seine letzten Tage in Freiheit genießen. Allerdings hält der Staatsanwalt ihn für einen Simulanten. Leibowitz erreicht die vorzeitige Entlassung von Lazare, befreundet sich mit ihm und bittet ihn später, als er von Aziz erfährt, dass die Bilder noch im Versteck sind, ihm zu helfen die sieben Bilder an einen sicheren Ort zu bringen. Da entdeckt Leibowitz ein achtes, ebenfalls von Aziz bei dem Beamten gestohlenes, Bild. Es wurde von Egon Schiele gemalt, ist in keinem der offiziellen Werkverzeichnisse und wurde nicht als gestohlen gemeldet. Es ist, wie er herausfindet, Beutekunst.

Leibowitz könnte jetzt zufrieden dem Lauf der Dinge folgen, wenn Aziz nicht seine Schwester, der wegen des Diebstahls eine Haftstrafe droht, beschützen möchte und Leibowitz deshalb die Bilder wieder in das Versteck zurückbringen müsste. Allerdings ist Lazare inzwischen mit den Gemälden verschwunden.

Und, schließlich ist auch Ärger im Dutzend billiger, glaubt die knallharte Steuerinspektorin Marie-France Rongier, dass Leibowitz in seiner Steuererklärung nicht alle seine Einkünfte angegeben hat.

Leibowitz steckt also wieder bis zum Hals im, teilweise selbstverschuldeten, Schlamassel.

Das ist mehr als genug Stoff für einige entspannte Stunden mit einem Rechtsanwalt, der wahrlich keine Zierde für seinen Berufsstand ist. Die sich über mehrere Monate erstreckende Geschichte in „Das Meisterstück“ ist trotz zweier sich gegenseitig beeinflussender Plots eher locker gestrickt und dient immer wieder als Aufhänger für die sarkastischen Bemerkungen von Ich-Erzähler Leibowitz über seinen Berufsstand, das Justizwesen und die Verbrechen der Reichen. Da werden dann notorische, aber altmodische Verbrecher wie Aziz und Lazare zu liebenswerten Gestalten. Außerdem erfreuen die kleinen Bosheiten, Winkelzüge und subtilen Beleidigungen während der verschiedenen Verfahren den stillen Beobachter.

Ebenfalls ziemlich tief im Schlamassel steckt in Raúl Argemís „Chamäleon Cacho“ der Journalist Manuel Carraspique. Während eines schweren Verkehrsunfalls starb sein Beifahrer. Er liegt vollgepumpt mit Betäubungsmitteln in einem Provinzkrankenhaus. Er fragt sich was vorher geschah, überlegt sich schon für die Polizei die geschönte Version und wittert im Nachbarbett die Geschichte seines Lebens. Dort liegt Márquez. Er soll auf einer abgelegenen Farm zuerst eine Teufelsaustreibung begangen, dann die Anwesenden getötet und sich selbst in Brand gesteckt haben. Jetzt liegt er mit schweren Brandwunden und ohne die Möglichkeit einer Identifizierung im Krankenhaus. Deshalb könnte er auch, wie ein Bundespolizist glaubt, ein gesuchter Drogenhändler sein. Die Krankenschwestern sind dagegen felsenfest davon überzeugt, dass der Mann mit den schweren Verbrennungen Marquez ist.

Carraspique beginnt Márquez auszuquetschen. Er soll ihm erzählen, was auf der Farm geschah. Doch Márquez erzählt ihm immer wieder von einem Mann namens Cacho, der nach seiner Zeit beim Militär eine bunte Karriere als skrupelloser Verbrecher hinter sich hat. Carraspique fragt sich, wer neben ihm liegt: ein abergläubisch-dummer Bauer, ein eiskalter Verbrecher oder einfach nur ein Märchenerzähler.

Raúl Argemis Noir lebt vor allem von der Frage, wer hier wen belügt und, damit verbunden, wie zuverlässig der unzuverlässige Erzähler Carraspique ist. Schließlich wird er ständig mit Sedativen ruhig gestellt, pendelt zwischen Wachsein und Traum, hat kein Zeitgefühl, kann die Krankenschwestern nicht auseinanderhalten und ist keineswegs ein Unschuldslamm.

„Bei ‚Chamäleon Cacho’ habe ich mich bewusst für einen kurzen Roman entschieden, um zu verhindern, dass der Leser das Buch aus der Hand legt oder nicht mehr fühlt, was da passiert. Der ‚Faustschlag’ dient letzlich dazu, den Leser zum Weiterdenken zu bewegen. Selbst ich denke noch viel über diesen Roman nach“, sagt Raúl Argemi über seinen kurzen Noir, der auch ein Fiebertraum ist.

Der auf den ersten Blick traditionellste Kriminalroman in dieser Kolumne ist Claudia Piñeiros Debütroman „Ganz die Deine“. Ich-Erzählerin Inés Pereyra ist die perfekte Ehefrau und Mutter. Sie managt den Haushalt mit soviel Verve, dass sie eigentlich ganz froh ist, sexuell von ihrem Mann Ernesto, der mit Beruf und Fortbildungen beschäftigt ist, nur selten belästigt zu werden. Schließlich gibt es dafür zur Not Konkubinen. Deshalb ist Inés auch nur mäßig beunruhigt von dem mit einem Lippenstift verzierten Zettelchen auf dem „Ich liebe dich – Die Deine“ steht. Sie ärgert sich vor allem über das mangelnde Feingefühl ihres Mannes, der den inkriminierenden Zettel in seinem Jackett vergaß, und beginnt ihn zu überwachen. Denn sicher ist sicher.

Als sie ihn eines Nachts in einen Park verfolgt, beobachtet sie ein Treffen von Ernesto mit seiner Geliebten, wie sie sich streiten, er sie von sich wegstößt und sie unglücklich fällt. Inés beschließt ihrem von dieser Situation hoffnungslos überforderten Mann heimlich zu helfen. Denn er versenkt zwar ohne ihre Hilfe die Leiche seiner Geliebten, die gleichzeitig seine Sekretärin war, in einem See. Aber ansonsten ist er furchtbar nachlässig im Verwischen seiner Spuren und die Tote hatte eine Nichte mit einem, aus Sicht von Inés, erschreckend großem Busen. Langsam, aber sicher, nehmen die Ereignisse ihren fatalen Lauf. Denn die eingestreuten Berichte der Polizei lassen keine Zweifel am Ende des Ehedramas aufkommen.

Claudia Piñeiros „Ganz die Deine“ ist ein kleiner, durchaus sarkastisch erzählter Krimi über eine argentinische Ehefrau, deren Versuche heimlich das Leben ihres untreuen Mannes zu beschützen zu einem tödlichen Eifersuchtsdrama führen. Dabei demontiert Piñeiro von der ersten Zeile an die heilig-heile Familie: der Vater geht heimlich fremd, die Mutter schafft heimlich Geld beiseite und die Tochter verheimlicht ihre Schwangerschaft und die geplante Abtreibung. Nur Inés glaubt noch an den nach Außen zu schützenden Schein der heilen Familie. Da ist es kein Wunder, dass ihr Versuch diese schon lange nicht mehr existierende Familie mit einigen Verbrechen zusammen zu halten, zum Scheitern verurteilt ist.

Alleinstehende können dieses Treiben besonders schadenfroh betrachten.

Hannelore Cayre: Das Meisterstück

(übersetzt von Rudolf Schmitt)

Unionsverlag, 2008

160 Seiten

14,90 Euro

Originalausgabe

Toiles de maitre

Èditions Métailié, Paris, 2005

Hinweise

Unionsverlag über Hannelore Cayre

Meine Besprechung von Hannelore Cayres “Der Lumpenadvokat”

Raúl Argemí: Chamäleon Cacho

(übersetzt von Susanna Mende)

Unionsverlag, 2008

160 Seiten

14,90 Euro

Originalausgabe

Penúltimo nombre de guerra

Algaida Editores, Sevilla, 2004

Hinweis

Unionsverlag über Raúl Argemí

Claudia Piñeiro: Ganz die Deine

(übersetzt von Peter Kultzen)

Unionsverlag, 2008

192 Seiten

14,90 Euro

Originalausgabe

Tuya

Ediciones Colihue, Buenos Aires 2003

Hinweis

Unionsverlag über Claudia Piñeiro


Besprechung Garry Disher „Niederschlag“ online

August 20, 2008

Meine Besprechung von Garry Dishers letztem Wyatt-Roman „Niederschlag“ (The Fallout, 1997) ist online in der Berliner Literaturkritik. Nachdem ich bereits den vorletzten Wyatt-Roman „Port Vila Blues“ abgefeiert habe, dürte es niemanden erstaunen, dass mir auch „Niederschlag“ gefallen hat. Vielleicht setzt Disher sich ja irgendwann ein seinen Schreibtisch und schreibt einen siebten Wyatt.


„Jonny Double“ – Der erste Streich von Azzarello/Risso

August 18, 2008

San-Fransisco-Privatdetektiv Jonny Double ist in den ersten Bildern der typische Hardboiled-Detektiv, der in einer verkommenen Welt, mal mehr, mal weniger erfolgreich den rettenden Ritter spielt. Auch wenn die Welt ihm dies nicht dankt. Denn der Bedarf an edlen Rittern ist heute noch geringer als zu Chandlers Zeiten. Double haust in einem Hotelzimmer, ist notorisch pleite, trinkfest und seine letzte Rasur liegt schon einige Tage zurück. Ebenso seine Tage bei der Polizei. Das war in den Sechzigern. „Damals“, so Double, „gab’s Gemeinschaftssinn, kapito? Einer für alle, und so.“

Diesen Gemeinschaftssinn gibt es heute nicht mehr. Und die Sonnenseite des Lebens hat Jonny Double auch seit Jahren nicht mehr gesehen. Bereits auf der ersten Seite der grandiosen Noir-Graphic-Novel „Jonny Double“ von Autor Brian Azzarello und Zeichner Eduardo Risso wird Doubles Klient Earl Keegan ermordet. Double konstatiert lakonisch, dass damit sein Honorar flöten ging und er geht schnurstracks in seine Stammkneipe ein Bier trinken. Kurz darauf erwartet ihn in seinem Bruchbuden-Zimmer der vermögende Mr. Hart, der ihn trotz fehlenden Büros gefunden und schlechter Manieren beauftragt seine Tochter Faith zu suchen. Inzwischen haben Genre-Fans sich gemütlich in Doubles Welt eingerichtet. Denn das alles gehört, wenn auch etwas weniger desillusioniert, seit Chandlers Tagen zum festen Mobiliar einer Hardboiled-Privatdetektivgeschichte. Auch dass Double Faith schnell findet und ihr helfen will, dürfte für Genre-Aficionados keine große Überraschung sein.

Schließlich taucht Faith mit ihren Freunden regelmäßig in Doubles Stammkneipe auf. Double hängt mit ihnen in Angels Loft ab. Er erzählt von seiner Zeit als Polizist in den Sechzigern und warum er kündigte. Angel erzählt ihm von ihren großen und vollkommen ungefährlichen Plan. Sie haben zufällig das Bankkonto von Al Capone gefunden und möchten es jetzt auflösen. Jonny Double soll für sie den Strohmann spielen. Double lehnt zuerst ab. Aber dann verliebt er sich in Faith, macht wider besseres Wissen mit und spätestens jetzt, am Ende des ersten von vier Kapiteln, verlässt das Team Azzarello/Risso die bekannten Pfade einer Privatdetektivgeschichte, in denen der Detektiv sich niemals an kriminellen Geschäften beteiligt.

Nachdem sie das Bankkonto aufgelöst haben, beginnt der alte Mafiosi Vic „Die Blutwurst“ Dalenozzo sie zu suchen. Sein geheimnisumwitterter Killer Tommy Shiver soll die Diebe auf Mafia-Art bestrafen. Als in Doubles Hotel ein Päckchen mit abgehackten Händen abgegeben wird, weiß Double, dass sie alle sterben sollen.

„Jonny Double“, die erste Zusammenarbeit des Teams Azzarello/Risso, ist der hübsch doppeldeutig-eindeutige Titel für eine schnell erzählte, wendungsreiche Hardboiled-Geschichte, in der letztendlich jeder mit gezinkten Karten spielt. Sie ist spannend, düster, schwarzhumorig und mit einer satten Portion Sex und Gewalt. Ein feines Teil.

Nach der Miniserie „Jonny Double“ schufen Autor Brian Azzarello und Zeichner Eduardo Risso die mit mehreren Eisner Awards ausgezeichnete Serie „100 Bullets“. Doch das ist eine andere Geschichte.

Brian Azzarello/Eduardo Risso: Jonny Double

(übersetzt von Christian Langhagen)

Cross Cult/Amigo Grafik, 2007

104 Seiten

14,80 Euro

Originalausgabe

Jonny Double: Two Finger Discount

DC Comics, 2002

Erstausgabe als Einzelhefte “Jonny Double 1 – 4“, 1998

Hinweise

Cross Cult über „Jonny Double“

Homepage von Eduardo Risso

Standard Attrition: Blog von Brian Azzarello und anderen Vertigo-Künstlern

Comics Bulletin: Interview mit Brian Azzarello

Sequential Tart – A Comics Industry Web Zine: Interview mit Brian Azzarello (1999)

Thrilling Detective über Jonny Double


Krimiautoren besuchen Wien

August 14, 2008

Zur diesjährigen Criminale in Wien veröffentlichte Das Syndikat, die „Autorengruppe deutschsprachige Kriminalliteratur“, wieder einen Band von Kurzgeschichten, die in der gastgebenden Stadt spielen. „Schöne Leich’ in Wien“ heißt der von Angela Esser herausgegebene Band mit 25, meist von bekannten Krimi-Autoren geschriebenen Kurzgeschichten, die in den verschiedenen Wiener Bezirken spielen. Es besteht also die Möglichkeit, eine Stadt durch die Augen verschiedener Autoren und gleichzeitig viele Autoren kennen zu lernen. Ob ersteres gelingt, weiß ich nicht. Denn Wien kenne ich vor allem durch den „Dritten Mann“, verschiedene Tatorte und „Kottan ermittelt“. Außerdem sind die Orte, wie in jeder größeren Stadt abseits der touristischen Trampelpfade dank ähnlicher sozialer Probleme relativ austauschbar. Teilweise wird auch einfach Wien-Kitsch geboten.

Das zweite Ziel bei einem Sammelband ist immer, Interesse an den weiteren Werken des Autors zu wecken (So lernte ich Jeffery Deaver über seine Kurzgeschichten kennen.). Somit ist eine Kurzgeschichte eine kurze Talentprobe. Leider hat mich in „Schöne Leich’ in Wien“ kaum eine dieser Proben beeindruckt.

Dass ich bei den meisten Kurzgeschichten bereits nach wenigen Zeilen wusste, wie sie ausgehen, ist hier nicht unbedingt das Knock-Out-Kriterium. Im Gegenteil: das waren oft die besseren Geschichten; geschrieben Ernst Solèr, Ralf Kramp, Stefan Slupetzky, Jürgen Ehlers, Nessa Altura, Leo P. Ard (eine weitere Geschichte aus seiner Vegetarier-Welt mit einem verunglückten Anfang) und Jürgen Kehrer (allerdings ist das Ende schwach).

Die restlichen und damit die meisten Geschichten waren einfach nur abstrus konstruiert oder ließen nicht-motivierte Charaktere durch die Geschichte stolpern. Dass dann die Lösung überraschend kommt (Naja, eigentlich nicht. Denn erstens werden in einer Kriminalgeschichte die ‚Probleme’ mit einem Mord gelöst, und zweitens kann ich nur überrascht werden, wenn ich etwas Bestimmtes erwarte. Ich war eher schockiert.), ist vielleicht nett, aber absolut keine Empfehlung für den Autor.

Angela Eßer (Hrsg.): Schöne Leich’ in Wien – Kriminalstorys

Grafit, 2008

288 Seiten

9,50 Euro

Enthält

Alfred Komarek: Kellerleichen

Nina George: Ich mach’s dir mexikanisch

Jürgen Kehrer: Wilsberg und der dritte Mann

Ernst Hinterberger: Der Handtaschenmörder

Ralf Kramp: Marikas Wanne

Heinrich Steinfest: Exo-Force

Andreas P. Pittler: Selbst regiert sich Margareten

Edith Kneifl: Mariahilf

Sabina Naber: Liebeswahn

Barbara Krohn: Auf den Hund gekommen

Stefan Slupetzky: Dopplermord

Jürgen Ehler: Im falschen Film

Andrea Maria Schenkel: Zentralfriedhof

Sabine Thomas: Drah di ned um

Thomas Raab: Herr Heinrich beschließt zu sterben

Tatjana Kruse: Vier Häuptl in Penzing

Nessa Altura: Der Tafelspitz

Thomas Askan Vierich: Wasserfarbe und Pendel

Susanne Schubarsky: Die liebe Familie und andere Unannehmlichkeiten

Klaus Seehafer: In der Batkagasse Nummer zwölf

Leo P. Ard: Wiener Schnitzel

Susanne Ayoub: Hier ist ein Mensch

Ernst Solèr: Der Hydrograf

Eva Rossmann: Volkszorn

Angela Eßer: Staub aus dem Dom


Andrew Vachss ist zurück

August 11, 2008

Mit „Der Fahrer“ betritt Andrew Vachss für ihn neues Territorium. Ältere Krimileser werden sich noch an den Mann mit der Augenklappe erinnern. In den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war Andrew Vachss mit seinen Burke-Romanen sehr präsent in Deutschland. Die düsteren und umstrittenen Werke wurden übersetzt und er gab etliche Interviews in deutschen Zeitschriften. Er erzählte von seiner Arbeit als Anwalt für Kinder und Jugendliche. Er erzählte von seinem Kampf für missbrauchte Kinder. Und er schrieb die düsteren, in New York spielenden Burke-Romane, in denen ein nicht-lizensierter Privatdetektiv zusammen mit seinen Kampfgefährten Selbstjustiz an Kinderschändern übt. Dagegen war sogar Batmans Gotham City ein heimeliger Ort (Oh, Vachss schrieb 1995 auch die Batman-Geschichte „The ultimate evil“.).

Und dann wurden seine neuen Werke nicht mehr übersetzt. Wahrscheinlich lag es an einem unguten Gemisch aus Umstrukturierungen im Verlag und nicht zufrieden stellenden Verkaufszahlen. In den USA veröffentlichte er dagegen acht weitere Burke-Romane und zwei Einzelwerke.

„Der Fahrer“, mit dem Andrew Vachss jetzt auf den deutschen Buchmarkt zurückkehrt ist eines seiner wenigen Einzelwerke und man muss kein Noir-Experte oder Krimifan sein, um zu wissen, wie die Story des nicht übermäßig intelligenten Fluchtwagenfahrers Eddie ausgeht. Immerhin geht es um den letzten Coup und die Liebe zur falschen Frau.

Bereits als Jugendlicher ist Eddie ständiger Gast in den verschiedenen staatlichen Besserungsanstalten. Er wurde immer wieder mit einem gestohlenen Auto erwischt. Denn er liebt das Fahren. Doch damit würde er in der Hierarchie der Gefängnisse ganz unten stehen. Also beginnt er seine Geschichte etwas aufzupäppen. Bei einer Verhaftung kommt es sogar zu einem großen Polizeieinsatz. Anschließend gibt er auch von der Polizei fälschlich erhobene Anklagepunkte zu. Danach ist seine Karriere als Fluchtwagenfahrer vorgezeichnet. Doch erst nach dem er J. C. kennen lernt und der ihn unter seine Fuchtel nimmt, beginnt Eddie wirklich Geld zu verdienen. Da plant J. C. als letzten Raubzug den Überfall auf den Geldtransporter eines Indianercasinos.

Während J. C. und Gus zur Vorbereitung immer wieder für mehrere Tage den Unterschlupf verlassen, richtet Eddie das Fahrzeug her. Bei ihm ist J. C.s Freundin Vonda. Sie kommen sich, wenig überraschend, näher.

Vachss „Der Fahrer“ ist eine feine Hommage an die klassischen Pulps. Er erzählt diese kleine Geschichte, die bequem an einem Abend gelesen werden kann, aus Eddies Sicht. Sein Erzähler ist zwar intelligent genug, um die einfachen Regeln der Gangsterwelt zu verstehen und seinen Job gut zu machen. Aber er wird niemals selbst Verbrechen planen. Er hat auch überhaupt keinen Ehrgeiz dazu – bis er Vonda trifft und die Ereignisse ihren fatalen Lauf nehmen.

Die Variationen zu anderen Noir-Gangsterkrimis liegen deshalb in den Details. Vachss skizziert die verschiedenen Orte nur kurz und nennt keine Städtenamen. So wird Eddies Geschichte fast schon zu einer nüchternen Fallstudie über das Leben eines Kleingangsters, der nie die Chance auf ein anderes Leben hatte; garniert mit einigen Anmerkungen zur Popkultur.

Denn Eddie ist ein junger Mann, der das Fahren liebt, deshalb immer nur Fluchtwagenfahrer werden wollte und der daher auch Filme über das Fahren liebt. „Moonshine Highway“, ein kaum bekannter TV-Krimi von 1996 über Schnapsschmuggler („ein kleiner Klassiker. Unterschätzt und unaufdringlich. Sehr noir.“), und „Thunder Road“ (Letzte Fahrt nach Memphis, Kilometerstein 375), der „größte Schnapsschmugglerfilm, der je gedreht wurde“ von 1958 mit Robert Mitchum, sind seine Lieblingsfilme. „Vanishing Point“ (Fluchtpunkt San Francisco) gefällt ihm auch. „Driver“, dagegen, mag er nicht, weil Ryan O’Neal „ein Fluchtwagenfahrer sein sollte, aber er machte es nicht richtig“.

„Der Fahrer“ ist ein kleiner, schnörkelloser Gangsterkrimi. Nicht mehr und auch nicht weniger.

Andrew Vachss: Der Fahrer

(übersetzt von Georg Schmidt)

rororo, 2008

224 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

The Getaway Man

Vintage Books/Random House, New York 2003

Hinweise

Homepage von Andrew Vachss (deutsch/englisch)

Wikipedia über Andrew Vachss (deutsch/englisch)

Krimi-Couch über Andrew Vachss

You Tube: Vierteiliges Interview mit Andrew Vachss

UGO: Interview mit Andrew Vachss

Thrilling Detective über Burke