Überzeugendes Debüt

September 10, 2008

In den USA wurde Alex Berensons Debüt „Kurier des Todes“ abgefeiert, für den Barry und Ian Fleming Steel Dagger nominiert und erhielt den Edgar für das beste Debüt. In Deutschland wurde „Kurier des Todes“ dagegen kaum beachtet. Zu Unrecht. Denn Berenson greift in seinem Polit-Thriller das aktuelle Thema des islamistischen Terrorismus auf und verarbeitet es zu einer spannenden Geschichte, die nah an der Wirklichkeit ist.

Berensons Held ist CIA-Agent John Wells. Als Jalal begann er in den Neunzigern einen Undercover-Einsatz mit dem Ziel in das Zentrum von Al Kaida vorzustoßen. Seine Vorgesetzten, vor allem sein Verbindungsmann Jennifer Exley, haben schon seit langem keinen Kontakt mehr zu ihm. Wenige Monate nach 9/11 meldet er sich in den afghanischen Bergen bei einer Spezialeinheit der US-Army, sagt ihnen, was er in den vergangenen Jahren erfahren hat und verschwindet wieder. Seitdem haben seine Vorgesetzten nichts mehr von ihm gehört.

Heute, zehn Jahre nachdem er seinen gefährlichen Undercover-Einsatz begann, ist er Muslim. Außerdem hat er in zahlreichen Kämpfen langsam den Respekt und das Vertrauen der Al-Kaida-Führungsspitze erworben. Wells wird zu einem Treffen mit Aiman al-Sawahiri, Bin Ladens Stellvertreter, gebracht. Er erhält den Auftrag, zurück in die USA reisen, sich eine Tarnexistenz aufzubauen und auf seinen Einsatzbefehl, der ihn via E-Mail erreichen soll, zu warten.

In den Vereinigten Staaten genießt er nach langen Jahren in den afghanischen Bergen seine ersten Tage als freier Mann. Da verübt Al-Kaida-Planer Omar Khadri, als Auftakt für eine Anschlagserie, in Los Angeles zwei Bombenattentate.

Wells meldet sich bei Exley. Doch die CIA hält ihn inzwischen für einen Überläufer. Also flüchtet Wells aus dem CIA-Schutz, der eigentlich eine kaum verhüllte Haft ist, und taucht unter. Er weiß, dass er seine Vorgesetzten nur überzeugen kann, indem er den Anschlag verhindert und Khadri überführt.

Zwischen Wells Suche nach Khadri, was eigentlich eher ein Warten im Untergrund auf das vereinbarte Signal und ein mühsames Wiederanpassen an den amerikanischen Lebensstil ist, fügt Berenson spannungssteigernd die Vorbereitungen von Al Kaida für den großen Anschlag und die weltweite Suche der CIA nach Al-Kaida-Gefolgsleuten ein. Diese Erzählstränge führt Berenson teilweise genauer aus, als es für den reinen Fortgang der Geschichte notwendig wäre. So stellt er die Täter und einige der Opfer des ersten Doppelanschlages in Los Angeles vor und bringt sie dann um. Oder er erzählt über viele Seiten von einer Militärpatrouille in Bagdad, die eher zufällig einen wichtigen Al-Kaida-Mann verhaftet und wie dieser anschließend in einem Geheimgefängnis gefoltert wird. Aber Berenson präsentiert diese Szenen so kurzweilig, dass der sich in diesen Moment nur langsam fortbewegende Plot kaum auffällt. Denn in diesen Leseminuten werden die Opfer und Täter zu Menschen. Gleichzeitig vermittelt der New-York-Times-Reporter, als integralen Teil der Geschichte, viele Fakten über Al Kaida, B- und C-Waffen, den Geheimdienstapparat und den Antiterrorkampf der USA.

Alex Berenson zeichnet in seinem Debüt „Kurier des Todes“ im Gewand eines spannenden Thrillers das beklemmende Porträt eines schmutzigen Krieges, der nichts mehr von der Beschaulichkeit des Kalten Krieges hat. Berenson gehört damit zur neuen Garde von Agententhrillerautoren, die mit glaubhaften Geschichten ein Bild der aktuellen internationalen Politik zeichnen, in dem die Frage nach dem richtigem und falschem Handeln komplexer behandelt wird und die Antworten weniger eindeutig als vor zwanzig Jahren sind.

Alex Berenson: Kurier des Todes

(übersetzt von Elisabeth Parada Schönleitner)

Heyne, 2008

512 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

The Faithful Spy

Random House, 2006

Hinweise

Homepage von Alex Berenson

Random House: Interview mit Alex Berenson

Readers Read: Interview mit Alex Berenson


Nicht so überzeugendes Debüt

September 9, 2008

Hier in Berlin ist das Romandebüt „Zwillingsspiel“ des Drehbuchautors und ehemaligen Journalisten Markus Stromiedel Stapelware. Das liegt sicher zu einem guten Teil an dem Ort der Handlung: nämlich Berlin. Das Thema – terroristische Anschläge in der Hauptstadt – ist auch interessant. Schließlich sollen nicht immer nur in Washington und New York Bomben explodieren. Aber eine terroristische Anschlagserie in Hintertupfingen wirkt auch nicht besonders glaubwürdig.

Bei einem Blick in das Buch fällt auf, dass es mit den vielen Kapiteln und Dialogen wie ein US-amerikanisches Buch aussieht. Die ersten Seiten bestätigen den Eindruck. Nach einem kurzen Prolog beginnt „Zwillingsspiel“ gleich mit einem Attentat, der Kommissar tritt auf und Stromiedel entwirft auf den ersten Seiten zügig die verschiedenen Handlungsstränge und präsentiert gelungen die wichtigen Charaktere. Neben Kommissar Paul Selig sind das seine als persönliche Referentin des Innenministers arbeitende Zwillingsschwester Lisa Westphal und der geschasste Politikberater und Quartalstrinker Alexander Kaskan.

Dennoch ist „Zwillingsspiel“ kein vollkommen überzeugendes Buch.

Das beginnt mit der gekünstelten Ausgangslage. Kommissar Paul Selig, die Lusche vom Dienst, soll die Ermittlungen in einem Bombenattentat am S-Bahnhof Savignyplatz leiten. Der Anschlag, bei dem sieben Menschen starben, ist der dritte Anschlag innerhalb von zwei Wochen. Selig wird, zu seinem Erstaunen, der Fall nicht sofort entzogen. Stattdessen soll er die Ermittlungen, als eigenverantwortlicher Zuarbeiter zur Sonderkommission, leiten.

Als er feststellt, dass der Dienstplan vor dem Anschlag so manipuliert wurde, dass der Kommissar mit der schlechtesten Aufklärungsrate den Fall erhält, packt ihn der Ehrgeiz, das Komplott in den eigenen Reihen aufzudecken.

Mit dieser unnötig vertrackten Ausgangslage macht Stromiedel es dem Leser unnötig schwer, in die Geschichte einzusteigen. Gleichzeitig ist es schon erstaunlich, wie mühelos Selig und seine Mitarbeiter das Komplott in den eigenen Reihen (immerhin vermutet er, dass ein Kollege in den Tod von sieben Menschen involviert ist) akzeptieren.

Noch merkwürdiger – oder einfach vollkommen unglaubwürdig ist, dass sich ganz Deutschland von den drei schweren Anschlägen innerhalb eines halben Monats auf die S-Bahnhöfe Alexanderplatz, Friedrichstraße und Savignyplatz in ihrem Alltagsleben überhaupt nicht stören lässt.

Stromiedel streift die zwei vorherigen Anschläge, die über siebzig Tote forderten, mit wenigen Worten. Auch den islamistischen Terrorismus streift er nur kurz. Und, immerhin lässt er seine Geschichte wenige Monate vor einer Bundestagswahl spielen, die Regierung legt in diesem Moment, milde beunruhigt von den sinkenden Umfragewerten, die Hände in den Schoß. Kein Aktionismus. Nichts. Der wirkliche Politikbetrieb wäre dagegen schon nach dem ersten Anschlag – wir erinnern uns an 9/11 und die umfassenden Gesetzespakete von Otto Schily, die Rasterfahndung nach islamistischen Terroristen, den Initiativen auf EU-Ebene zum Abbau der Bürgerrechte, der Folterdebatte – bereits Amok gelaufen und spätestens nach dem dritten Anschlag würden sie schon nicht mehr über die Anwendung der Notstandsgesetze nachdenken.

Dieses Verkennen der politischen Wirklichkeit findet seinen Höhepunkt in diesem Dialog, der drei Monate nach dem letzten Anschlag stattfindet:

„Das Beste“, fuhr Lisa fort, „was einem Kandidaten im Wahlkampf passieren kann, ist eine nationale Katastrophe. Deine Worte.“

Kaskan grinste. „Soll ich in der Eifel ein Erdbeben bestellen? Oder Liechtenstein den Krieg erklären?“

Lisa blieb ernst. „Wir haben längst eine nationale Katastrophe. Bei welchen Ereignissen sind erst kürzlich achtundsiebzig Menschen gestorben?“

Kaskan winkte ab. „Das ist längst kein Thema mehr. Die Bombenanschläge liegen Monate zurück.“

Ein weiteres Problem liegt in der Struktur der Geschichte. „Zwillingsspiel“ zerfällt in zwei etwa gleich lange Teile, die beide innerhalb weniger Tage, im Abstand von mehreren Monaten spielen. Durch diese Struktur liegt, auch wenn Stromiedel „Zwillingsspiel“ von Anfang an als Roman konzipierte, der Gedanke an einen TV-Zweiteiler nahe. Im ersten Teil stehen die Ermittlungen von Selig im Vordergrund. Sie enden mit dem Tod des mutmaßlichen Täters.

Der zweite Teil beginnt vierzehn Wochen nach diesen Ereignissen. Die gesamte Dynamik des ersten Teils ist weg. Stattdessen muss erst langwierig erzählt werden, was in den vergangenen Wochen geschah und Selig ein triftiger Grund für weitere Ermittlungen geliefert werden. Für alle, die ein Buch nicht in der Mitte beginnen, geschieht über viele Seiten nichts Weltbewegendes. Außerdem rücken jetzt, immerhin befinden wir uns in den letzten Tagen des Wahlkampfs, die politischen Ränkespiele in den Vordergrund. Selig wird zu einer Nebenfigur, die den Hintermann für den Anschlag am S-Bahnhof Savignyplatz sucht. Er vermutet, dass der Anschlag einer bestimmten, im Zug sitzenden Person galt. Gleichzeitig nimmt die Geschichte, wie Titel und Prolog andeuten, eine Wende ins Familiäre. Oh, und die für die beiden anderen Anschläge verantwortliche Terrorzelle wird von Stromiedel quasi nebenbei zwischen zwei U-Bahn-Stationen erledigt.

Der Mordplan ist dann elaboriert genug für die Freunde des abseitigen Rätselns und wirklichkeitsfremder Verschwörungsthriller. Denn der für den Anschlag auf dem S-Bahnhof Savignyplatz verantwortliche Hintermann musste in seinen Plan viele Menschen mehr oder weniger einweihen, dafür sorgen dass eine bestimmte Person zu einer bestimmten Zeit in einer S-Bahn sitzt, die dann bei der Einfahrt in den Bahnhof so zerstört wird, dass das Ziel auch wirklich tot ist. Dafür hat er zahlreiche andere Opfer billigend in Kauf genommen und gehofft, dass trotzt der umfassenden Ermittlungen, keine Spuren auf ihn deuten. Das ist ziemlich viel Vorbereitung und Beherrschen von vielen Unbekannten, wenn das gleiche Ziel auch mit einem popeligen Autounfall mit Fahrerflucht oder einem als Selbstmord getarnten Sturz aus hoher Höhe erreicht worden wäre.

Letztendlich liest sich „Zwillingsspiel“ wie das Buch zum Film für einen heftig umworbenen TV-Zweiteiler, bei dem bereits vor dem Dreh die Vision des Autors auf das vom Budget leistbare (so richtet die Bombe am S-Bahnhof Savignyplatz nur einen verhältnismäßig geringen Sachschaden an und die beiden vorherigen Anschlagsorte werden nicht besichtigt) und von den Gremien akzeptierte (siehe das Motiv für den dritten Anschlag und die positive Darstellung des Islam) zurechtgestutzt wurde. Dennoch ist „Zwillingsspiel“ gut genug geschrieben, um Markus Stromiedel eine zweite Chance zu geben. Aber dann bitte mit einer glaubwürdigeren Geschichte.

Markus Stromiedel: Zwillingsspiel

Knaur, 2008

432 Seiten

7,95 Euro

Hinweise

Homepage von Markus Stromiedel (Romanautor – schöne Seite)

Homepage von Markus Stromiedel (Drehbuchautor)

Markus Stromiedel im Knaur Killer Club: Das Phantom (Teil 5)

Markus Stromiedel im Knaur Krimi Podcast

Stichwort Drehbuch: Audiointerview mit Markus Stromiedel (Hörenswert)

Homepage zu „Zwillingsspiel“


P. I. Spenser schlägt wieder zu

August 29, 2008

Der neue Spenser ist vor allem der neue Spenser. Denn selbstverständlich unterscheidet sich das neueste Abenteuer des Bostoner Privatdetektivs Spenser, „Der gute Terrorist“ von Robert B. Parker, im Guten wie im Schlechten kaum von den vorherigen Fällen.

Es beginnt mit einem für Spenser alltäglichen Fall: er soll die Ehefrau Jordan Doherty, eine Dozentin am Concord College, beschatten. Ihr Mann Dennis glaubt, dass sie ihn betrügt. Spenser beschattet sie und nimmt heimlich einen außerehelichen Geschlechtsverkehr auf. So weit, so normal. Doch nach dem Sex redet sie mit ihrem Liebhaber über ihren Ehemann und seine Arbeit als FBI-Agent. Doherty beschäftigt sich mit der Terrorismusbekämpfung und Gruppen wie „Freedom’s Front Line“ und „Last Hope“. Ihr Liebhaber Perry Alderson soll, so das FBI, der Anführer von „Last Hope“ sein und diese Gruppe soll vor allem als Vermittler zwischen Attentätern und Leuten, die einen Attentäter brauchen, fungieren.

Spenser informiert Doherty über den Ehebruch und damit könnte die Sache zu Ende sein. Doch kurz darauf wird Jordan Doherty erschossen, Vinnie erschießt den Killer und etwas später ist auch Doherty tot. Spenser ist fest davon überzeugt, dass Perry Alderson die Dohertys umbringen ließ. Aber er hat keine Beweise.

Robert B. Parker entwirft auf den ersten Seiten gewohnt souverän die Prämisse. Aber nachdem bekannt ist, dass Alderson ein Terroristenhelfer ist, beginnt die Geschichte zu stagnieren. Denn Spenser versucht nichts über „Last Hope“ und die damit verbundenen terroristischen Aktivitäten von Alderson herauszufinden, sondern wälzt immer wieder die gleichen Probleme mit seiner Freundin Susan, seinem Buddy Hawk und seinen Vertrauten bei Polizei und FBI. Denn Spenser verbeißt sich in diesen Fall, so analysiert Susan scharfsinnig, weil sie ihn vor zwanzig Jahren verlassen hatte und er sie aus den Händen von Bösewichtern retten musste. „Spenser auf der Flucht“ (A Catskill Eagle, 1985) erzählt diese Geschichte und der Roman gehört zu den besten Spenser-Abenteuern.

Auf der Strecke bleibt dabei zuerst das Terrornetzwerk von Alderson. Denn darüber schreibt Robert B. Parker nichts. Danach die Motive des „guten Terroristen“. Denn außer einigen Halbsätzen zu 1968 schreibt Parker nichts dazu. Dabei hat Parker sich in früheren Spenser-Romanen immer wieder mit den Auswirkungen von 1968, wie dem Feminismus und der Rassendiskriminierung, beschäftigt. So musste der Macho Spenser in „Bodyguard für eine Bombe“ (Looking for Rachel Wallace, 1980) eine Feministin beschützen. Und wenn Robert B. Parker sich schon nicht für eine Neubetrachtung von 1968 interessiert, hätte er wenigstens – immerhin war es die freie Entscheidung des Autors, aus dem Bösewicht einen Unidozenten, Ehebrecher und, letztendlich für die gesamte Story völlig überflüssig, Terroristen zu machen – die Veränderungen in den USA nach 9/11 thematisieren müssen. Doch „Der gute Terrorist“ könnte genauso gut vor zehn, zwanzig oder auch vierzig Jahren spielen. Aber auch dann wäre der 35. Spenser-Roman – besonders nach der Lektüre von einigen Ed-Brubaker-Werken – nur ein müdes Routineprodukt, das Spensers erste Terroristenjagd „Kopfpreis für neun Mörder (The Judas Goat, 1978), eine langatmige Ich-knall-einen-Terroristen-nach-dem-nächsten-ab-Geschichte, in einem milderen Licht erscheinen lässt.

Robert B. Parker: Der gute Terrorist – Ein Auftrag für Spenser

(übersetzt von Frank Böhmert)

Pendragon, 2008

208 Seiten

9,90 Euro

Originalausgabe

Now & Then

G. P. Putnam’s Son, 2007

Hinweise

Homepage von Robert B. Parker

Pendragon-Homepage zu Robert B. Parker

Mein Porträt von Robert B. Parker und der Spenser-Serie in der Spurensuche

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der stille Schüler“ (School Days, 2005)


Besprechung „Zukunft Kino“ online

August 29, 2008

Meine Besprechung von „Zukunft Kino – The End of the Reel World„, herausgegeben von Daniela Kloock, ist online in der Berliner Literaturkritik. Mit den meisten Artikeln konnte ich nichts anfangen, aber dafür ist es hübsch gelayoutet und hat auch eine Homepage.


„Fettsack“ oder der etwas andere Serienkillerroman

August 28, 2008

Das Werk steht auf der aktuellen KrimiWelt-Bestenliste, die Kritiker sind unisono begeistert und auch ich habe mich auf „Fettsack“ von Rex Miller gefreut. Das vor zwanzig Jahren in den USA erschiene Buch „Fettsack“ war für den Bram-Stoker-Preis in der Kategorie Debüt nominiert. Stephen King, um nur den Bekanntesten zu nennen, blurbt (allerdings ist der König des Horrorromans ein notorischer Blurber). „Fettsack“ dürfte, so dachte ich zutreffend, weniger die Freunde von kriminalistischen Serienkillerthrillern à la Thomas Harris und seinem „Roter Drache“, sondern eher die Horrorfans bedienen. Und Horror ist das Buch auch. Aber anders als erwartet.

Die Story ist in ihren Grundzügen einfach, effektiv und lässt viel Raum für Variationen: Daniel ‚Chaingang’ Bunkowski, ein fünfhundert Pfund schweres Monstrum auf zwei Beinen, hat während des Vietnam-Krieges das Morden gelernt. In den heutigen USA (circa 1986) ermordet er grundlos in einem wahren Blutrausch Menschen. Weil er seine Spuren gut verwischt, weiß die Polizei nichts von ihm. Doch jetzt, in Chicago, wird er nachlässig. Die dortige Polizei zieht Serienkiller-Spezialist Jack Eichord hinzu.

Dieses Duell zwischen Killer und Polizist ist bei Rex Miller allerdings nicht die Grundlage für einen Thriller. “Fettsack” ist, höflich formuliert, ein essayistischer Roman, der eher der Logik eines Alptraums gehorcht, eine Collage aus verschiedenen Stimmen und Erzählhaltungen, oder einfach ein Griff in den Zettelkasten.

Denn die Hinweise auf Chaingangs schlimme Jugend, die skrupellosen Geheimdienste und die bösen Medien sind so plakative wie austauschbare Red Herrings für willige Interpretatoren, die allerdings für Chaingangs Entwicklung letztendlich absolut bedeutungslos sind. Denn er war einfach schon immer böse. „Er war ein Autodidakt, ein Selfmade-Killer, dessen erschreckender Hang zu Gewalttätigkeit, wie es aussah, allenfalls vom Intellekt eines Genies übertroffen wurde.“ Das geheime Regierungsprojekt in den sechziger Jahren, das ihn zum Ein-Mann-Kampfkommando für den Dschungelkrieg machte, perfektionierte Chaingangs skrupelloses Wesen nur noch.

Die plakative Medienkritik erschöpft sich weitgehend in einen Auftritt von Eichord im Fernsehen. Eichord sitzt, auf Wunsch seiner Vorgesetzten, die einen schnellen Abschluss der Ermittlungen wollten und dafür auch einen Mann als Serienmörder präsentieren, der es nach Eichords Ansicht nicht war, in einer Talkshow, beantwortet einige Fragen und wird anschließend vom zweiten Moderator Onkel George nachdrücklich nach den Fehlern in den Ermittlungen gefragt. In dieser Szene kommt das Fernsehen, auch wenn Miller es als alptraumhaftes Ereignis für Eichord schildert, einfach nur seiner Informationspflicht nach.

(Joe R. Lansdale hat in seinem grandiosen Debüt „Akt der Liebe“ (Act of love, 1981) die Rolle der Medien bei der Jagd nach einem Serienmörder schon besser und zynischer thematisiert.)

Polizeiliche Ermittlungen, die in einem Kriminalroman das Rückgrat der Erzählung bilden, finden überhaupt nicht statt. Stattdessen verliebt sich der nett-verständnisvoll-unauffällige Jack Eichord in Edie Lynch, deren Mann von Chaingang umgebracht wurde. Miller schildert diese Liebesgeschichte in epischer Breite. Erst auf Seite 185 stolpert Eichord, dank eines Fehlers in der Verwaltung, über den Eintrag „Offiziell gelöscht“. Jetzt weiß er, dass die Daten des Killers in staatlichen Akten gespeichert sind. Nach einigen Telefonaten kennt er dann die Akte und hat auf Seite 193 Namen und Foto des von ihm gesuchten Mannes. Doch die polizeiliche Suche nach Chaingang ist erfolglos und schon wieder kommt der Zufall Eichord zur Hilfe: Chaingang entführt Edie Lynch und alles ist bereit für den Showdown.

Durch den Verzicht auf den normalen Ballast einer Krimigeschichte könnte Rex Miller sich seinen Charakteren und ihren Problemen zuwenden. Doch gerade der Bösewicht Daniel „Chaingang“ Bunkowski bleibt letztendlich nur ein eindimensional als Monstrum ohne irgendwelche Gefühle geschildertes Wesen: „ein menschlicher King Kong“, „Müllschlucker auf zwei Beinen“, „Monster“, „Killer von fünfhundert, Killer von Familien, Killer von Profisöldnern, Killer von Kopfgeldjägern, Killer von Elitesoldaten, der Mörder von Mördern“. So bleibt der in der Kanalisation hausende Chaingang dank der ständigen abwertenden Beschreibungen bis zum Ende nur eine Cartoon-Figur, die mampfend und mordend durch die Geschichte geht.

Dass ihr dies allerdings ungefähr fünfzehn Jahre – die Zeit zwischen Vietnam und der Handlungszeit der Geschichte – ohne entdeckt zu werden gelang, ist nicht logisch. Dafür sind seine Morde zu einmalig (er reißt das Herz heraus), zu viel (auch ohne Vietnam einige hundert), er selbst ist zu auffällig (groß, ungewaschen, primitiv). Es ist auch nicht nachvollziehbar, weshalb Chaingang jetzt beginnt, Spuren zu hinterlassen. Und natürlich müsste der Geheimdienst, der ihn ausgebildet hat, ein Interesse daran haben, die von ihnen geschaffene Killermaschine aus der Welt zu schaffen.

Das Ende des langweilig-chaotischen Romans spekuliert schamlos in schlechter B-Picture-Manier auf eine Fortsetzung, die es dann auch drei Jahre später gab.

Rex Miller: Fettsack

(neu übersetzt von Joachim Körber)

Edition Phantasia, 2008

272 Seiten

15,90 Euro

Deutsche Erstausgabe

Im Namen des Todes

Bastei-Luebbe, 1991

Originalausgabe

Slob

Signet, 1987

Hinweise

A pictorial Tribute to Rex Miller

Wikipedia über Rex Miller


Dreimal Hochspannung mit Ed Brubaker

August 22, 2008

In seiner Heimat ist Ed Brubaker bereits seit Jahren als einer der besten Comic-Autoren bekannt. Mehrere prestigeträchtige Eisner-Nominierungen und erhaltene Eisner-Preise sprechen eine deutliche Sprache. Inzwischen wollen die Hollywood-Größen Sam Raimi und Tom Cruise seine Graphic-Novel „Sleeper“ verfilmen.

In Deutschland kennen ihn, außerhalb der Hardcore-Comic-Szene, Unterabteilung Superhelden-Comics/Marvel-Universum, bislang nur wenige. Mit dem ersten „Criminal“-Band „Feigling“, in dem er zusammen mit Zeichner Sean Phillips eine Überfall-Geschichte erzählte, änderte sich das etwas. Mit dem zweiten „Criminal“-Band „Blutsbande“, dem ersten „Sleeper“-Band „Das Schaf im Wolfspelz“ und „Point Blank“, dem eigenständigen Vorspiel zur „Sleeper“-Serie, die alle die Tage erschienen sind, müsste sich das grundlegend ändern. Denn alle drei Comic-Bücher erzählen schnelle, wendungsreiche Hardboiled-Geschichten, die einer alten Formel so viel neues Blut verpassen, dass sie frisch und neu sind, ohne ihre Ursprünge zu verraten.

Die Comics „Point Blank“ und „Sleeper“, beide erschienen 2003 bei Wildstorm/DC Comics, verknüpfen gekonnt gewalttätigen Noir mit etwas abgehalftertem Superhelden-Gedöns. Denn einerseits haben die wichtigen Charaktere, teilweise bekannt aus dem WildC.A.T.S.-Kosmos, nach genetischen Manipulationen (Gen-Faktor genannt) übermenschliche Fähigkeiten, andererseits können sie letztendlich nichts Richtiges damit anfangen. Die Superkräfte scheinen sogar eher eine Belastung zu sein.

Der Held von „Point Blank“ ist der abgebrannt in Kneipen herumhängende Ex-Elitesoldat Cole „Grifter“ Cash. Er gehörte zur supergeheimen von John Lynch geleiteten Regierungsorganisation International Operations.

Eines Tages bittet ihn sein alter Chef Lynch um Hilfe. Er braucht, um einen von ihm gemachten „Fehler“ zu korrigieren jemand, dem er vertrauen kann. Diese Korrektur bedeutet, dass sie auf der Suche nach einem Carver mehrere Menschen foltern und töten müssen.

Als Lynch bei einem Mordversuch lebensgefährlich verletzt wird, beginnt Cash den Täter zu suchen. Seine Spur führt ihn zum kriminellen Superhirn Tao, der eine geheime Superwesen-Organisation befehligt.

Zusammengefasst klingt „Point Blank“ (dass der Comic den gleichen Titel wie der erste Parker-Roman von Richard Stark hat, ist sicher kein Zufall) nach einer banalen Rachegeschichte. Aber Ed Brubaker erzählt die Geschichte mit zahlreichen Rückblenden, die sich organisch in die Geschichte einfügen und nur durch den wechselnden Zeichenstil von Colin Wilson auffallen. So spiegelt die Erzählweise auch den geistigen Zustand von Cash wieder. Gleichzeitig bewegt sich die Geschichte in dem vertrauten Noir-Kosmos, in dem ein Mann, der mit seinen eigenen Dämonen kämpft, sich für einen Mord (auch wenn Lynch dank seiner Superheldenkräfte nur im Koma liegt) verantwortlich fühlt. Als er am Ende Tao gegenübersteht, endet die Begegnung ganz anders, als er es sich in seinen schlimmsten Alpträumen ausmalen hätte können.

„Ich dachte mir: Es wäre doch interessant, einen Comic über jemanden zu machen, der vorgibt, jemand anderes zu sein, und dann nach und nach nicht mehr unterscheiden kann zwischen sich selbst und der Rolle, die er spielt.“

Ed Brubaker über „Sleeper“

Am Ende von „Point Blank“ findet Cash den von Lynch verzweifelt gesuchten Holden Carver, der von Lynch als Undercover-Agent in die Organisation von Tao eingeschleust wurde. Carver soll herausfinden, was Tao vorhat. Denn Lynch kann sich keinen Reim auf die Anschläge und Verbrechen von Tao machen. Carvers Einsatz ist so gefährlich und geheim, dass nur Lynch die Wahrheit kennt.

Nachdem in „Point Blank“ ein ziemlich verrückter Einzelkämpfer im Mittelpunkt stand und die Erzählung entsprechend fragmentiert war, ist „Das Schaf im Wolfspelz“ eine Übung in Selbstbeherrschung – und sich langsam auflösenden Grenzen. Entsprechend der ursprünglichen Erscheinungsweise als einzelne Comichefte hat der erste „Sleeper“-Band „Das Schaf im Wolfspelz“ eine weitgehend episodische Struktur, die in sechs relativ klar getrennten Episoden vom Aufstieg Carvers in der Superwesen-Organisation von Tao und seiner entflammenden Liebe zu Miss Misery, der Vertrauten Taos, erzählt. Gleichzeitig versucht Holden, tief im Inneren, seine ursprüngliche Identität zu bewahren.

Denn Carver ist nach dem jahrelangen Undercover-Einsatz immer mehr zwischen den beiden Identitäten aufgerieben und besonders seitdem Lynch im Koma liegt, fragt er sich, wie er jemals wieder in sein altes Leben zurückkehren kann; – falls er das überhaupt will.

Der erste „Sleeper“-Band „Das Schaf im Wolfspelz“ eröffnet fulminant die düstere Geschichte eines Undercover-Agenten, dessen Weg zurück in ein bürgerliches Leben ihm zunehmend versperrt ist. Brubaker/Phillips erzählten die Geschichte von Carver in den noch folgenden drei „Sleeper“-Bänden weiter. Sie etablierten sich in der Comicszene mit dieser Serie als ein Team für düstere Hardboiled-Geschichten.

Dabei ist Carvers Geschichte von einem Undercover-Mann, der sich die Finger schmutzig machen muss und bei den Verbrechern immer mehr Freunde findet, keine neue Geschichte. Zahlreiche, teilweise auf wahren Begebenheiten beruhende, Kriminaldramen über die langen Undercover-Einsätze von Polizisten, die zunehmend zwischen ihren verschiedenen Loyalitäten zerrissen sind, und der fast zeitgleich entstandene Hongkong-Thriller „Infernal Affairs“ (der in den USA erst nach der Veröffentlichung von „Sleeper“ startete) erzählen in Teilen ähnliche Geschichten. Doch „Sleeper“ ist düsterer und gewalttätiger als die meisten anderen Geschichten. Brubaker verknüpft hier schamlos eine Noir-Geschichte, die irgendwo zwischen Gangster- und Spionagethriller schwankt, mit einer Superheldengeschichte, baut mehr Storytwists ein als bei „24“ und lässt auf kein gutes Ende hoffen.

„Point Blank“ und „Sleeper: Das Schaf im Wolfspelz“ haben in der deutschen Ausgabe mit den informativen Nachworten von Jochen Ecke auch ein lohnenswertes Bonus-Feature, das an die US-amerikanischen Heftausgaben von „Criminal“ erinnert. Dort gibt es, geschrieben von Brubaker und anderen Autoren, als Bonus zu den Comics Texte über die für die „Criminal“-Gesichte n wichtigen Noir-Einflüsse und, jüngst, ein Interview mit Hard-Case-Crime-Herausgeber Charles Ardai.

„One of my intentions with this series was to create a book that could handle any and every story I wanted to tell. The cast of the book is a loose-knit gang of crooks – a pickpocket, a hit-man, and a crooked cop, for starters – who each take center stage at different times. This way I can do a heist story, follow that with a revenge drama, and then a prison breakout, all while using the same characters. And as each story unfolds, the mysterious past that connects these characters is revealed, so readers can watch the puzzle of their twisted history being put together.“

Ed Brubaker über “Criminal”

Nach „Sleeper“ schrieb Ed Brubaker etliche Geschichten für bekannte Marvel-Charaktere, wie Captain America, Catwoman, Daredevil und X-Men, und erfand zusammen mit Greg Rucka die im Batman-Universum spielende Serie „Gotham Central“. 2006 widmete Brubaker sich dann, wieder zusammen mit Zeichner Sean Phillips, kompromisslos dem Noir und startete die gefeierte, im heutigen Amerika spielende „Criminal“-Serie. Letztes Jahr erhielt „Criminal“ den Eisner Award für Beste neue Serie und Ed Brubaker einen Eisner als Bester Autor des Jahres. Der erste Band „Feigling“, in dem die Geschichte eines misslungenen Überfalls erzählt wird, überzeugte restlos als sehr stilbewusste und eigenständige Genregeschichte. „Blutsbande“, der zweite „Criminal“-Band erzählt, nicht minder überzeugend, eine eiskalte Rachegeschichte.

Als Alternative zum Knast ging Tracy Lawless zum Militär, kämpfte in Bosnien, Afghanistan und dem Irak, verweigerte Befehle, wurde in ein Militärgefängnis eingesperrt und erfuhr erst ein Jahr nach dem Tod seines kleineren Bruders Broderick davon. Lawless kehrt, um den feige ermordeten Rick zu rächen, unter falschem Namen in seine alte Heimatstadt zurück, hängt in der Bar „The Undertow“ ab und beobachtet Rickys alte Bande. Als sie kurz vor einem neuen kriminellen Coup stehen, bringt er ihren Fahrer Davey um und bietet sich ihnen als neuer Fluchtwagenfahrer an. Als Fürsprecher benutzt er den in Untersuchungshaft sitzenden Fluchtwagenfahrer und Rickys besten Freund Leo Patterson (Genau, der „Feigling“ hat seine selbstmörderische Aktion am Ende des ersten Bandes überlebt.).

Tracy Lawless wird in der Bande aufgenommen und beginnt die Gangster gegeneinander auszuspielen. Denn er will wissen, wer von ihnen seinen Bruder ermordete.

Dank des geschickten Einsatzes von Rückblenden, ein von Brubaker gerne benutztes Stilmittel, wird genug von Tracy Lawless Vergangenheit bekannt, um ihn als tragischen Charakter, der immer seinen kleinen Bruder beschützen wollte, zu erkennen. Der auf den ersten Blick illusionslos-harte Lawless kann nämlich seiner Vergangenheit und den Verpflichtungen gegenüber der Familie, auch wenn alle Familienmitglieder tot sind, nicht entkommen. So ist das Ende von „Blutsbande“ für Tracy Lawless ähnlich bitter wie das Ende von „Feigling“ für Leo Patterson.

„Nur wenige Leute wissen, was eine gute Kriminal-Story ausmacht. Man denke nur an die alten Batman-Filme und so ziemlich jeden Versuch in Sachen Film Noir, seit das Kino farbig wurde: das Dunkle und das Schmutzige ist nur Fassade. Aber die innere Finsternis, die jede gute Kriminal-Story enthüllt und befreit, findet nie statt. Deine Geschichten sind haargenau richtig und wunderbar unerbittlich. Und das Beste: Sie nehmen sich ernst, und das mit erhobenen Haupt.“

Frank Miller (Sin City) über „Criminal“

Ed Brubaker/Colin Wilson: Point Blank

(übersetzt von Maria Morlock)

Cross Cult, 2008

144 Seiten

19,80 Euro

Originalausgabe

Point Blank

Wildstorm, DC Comics 2003

(Erstausgabe in Einzelheften: Point Blank 1 – 5, 2002/2003)

Ed Brubaker/Sean Phillips: Sleeper 1 – Das Schaf im Wolfspelz

(übersetzt von Maria Morlock)

Cross Cult, 2008

144 Seiten

19,80 Euro

Originalausgabe

Sleeper: Out in the Cold

Wildstorm, DC Comics 2004

(Erstausgabe in Einzelheften: Sleeper 1 – 6, 2003)

Ed Brubaker/Sean Phillips: Criminal 2 – Blutsbande

(übersetzt von Claudia Fliege)

Panini Comics, 2008

128 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

Criminal 2: Lawless

Marvel Comics, 2007

(Erstausgabe in Einzelheften: Criminal 6 – 10, 2007)

Hinweise

Homepage von Ed Brubaker

Blog von Sean Phillips

Blog über „Criminal“

Meine Besprechung von „Criminal 1: Feigling“ (mit weiteren Hinweisen)

Der zweite „Sleeper“-Band „Die Schlinge zieht sich zu“ erscheint im November.


Zwei neue Autoren, zwei Frauen und drei Treffer

August 22, 2008

Die drei Metro-Romane „Das Meisterspiel“ von Hannelore Cayre, „Chamäleon Cacho“ von Raúl Argemí und „Ganz die Deine“ von Claudia Piñeiro sind mit 160, 160 und 192 Seiten kurz genug, um während einiger Metro-Fahrten gelesen zu werden. Sie können natürlich auch an einem anderen Ort genossen werden. Denn in jedem Fall lohnt sich die Lektüre.

Vergangenes Jahr eroberte Hannelore Cayre mit ihrem schnoddrigen Pariser Pflichtverteidiger Christophe Leibowitz im Sturm die Herzen der Leser. In „Der Lumpenadvokat“ ließ Leibowitz sich auf einen Gefangenenausbruch ein und landete im Knast. Den hat er am Anfang von „Das Meisterstück“ gerade hinter sich. Er hat einige Euro mehr auf seinem Bankkonto, ist schnell des müßigen Lebens überdrüssig und beginnt wieder zu arbeiten. Dieses Mal sogar in einem größeren Büro.

Er verteidigt Aziz Choukri. Aziz, einer der jüngeren Brüder der Kokainschieber und Verbrecherfamilie Choukri und passionierter Einbrecher in Nobelvillen mit einem jungfräulichen Strafregister, soll bei einem hohen Beamten des Finanzministeriums sieben wertvolle Bilder geklaut haben. Leibowitz fällt aus allen Wolken, als Aziz ihm sagt, die Bilder lägen noch im Versteck. Er veranlasst, dass die Gemälde zu einem anderen Versteck gebracht werden.

Sein zweiter Mandant ist der Mittsiebziger Marcel Lazare. Der Knaststammkunde verbüßt gerade eine fünfzehnjährige Haftstrafe. Er hat Darmkrebs im Endstadium und möchte seine letzten Tage in Freiheit genießen. Allerdings hält der Staatsanwalt ihn für einen Simulanten. Leibowitz erreicht die vorzeitige Entlassung von Lazare, befreundet sich mit ihm und bittet ihn später, als er von Aziz erfährt, dass die Bilder noch im Versteck sind, ihm zu helfen die sieben Bilder an einen sicheren Ort zu bringen. Da entdeckt Leibowitz ein achtes, ebenfalls von Aziz bei dem Beamten gestohlenes, Bild. Es wurde von Egon Schiele gemalt, ist in keinem der offiziellen Werkverzeichnisse und wurde nicht als gestohlen gemeldet. Es ist, wie er herausfindet, Beutekunst.

Leibowitz könnte jetzt zufrieden dem Lauf der Dinge folgen, wenn Aziz nicht seine Schwester, der wegen des Diebstahls eine Haftstrafe droht, beschützen möchte und Leibowitz deshalb die Bilder wieder in das Versteck zurückbringen müsste. Allerdings ist Lazare inzwischen mit den Gemälden verschwunden.

Und, schließlich ist auch Ärger im Dutzend billiger, glaubt die knallharte Steuerinspektorin Marie-France Rongier, dass Leibowitz in seiner Steuererklärung nicht alle seine Einkünfte angegeben hat.

Leibowitz steckt also wieder bis zum Hals im, teilweise selbstverschuldeten, Schlamassel.

Das ist mehr als genug Stoff für einige entspannte Stunden mit einem Rechtsanwalt, der wahrlich keine Zierde für seinen Berufsstand ist. Die sich über mehrere Monate erstreckende Geschichte in „Das Meisterstück“ ist trotz zweier sich gegenseitig beeinflussender Plots eher locker gestrickt und dient immer wieder als Aufhänger für die sarkastischen Bemerkungen von Ich-Erzähler Leibowitz über seinen Berufsstand, das Justizwesen und die Verbrechen der Reichen. Da werden dann notorische, aber altmodische Verbrecher wie Aziz und Lazare zu liebenswerten Gestalten. Außerdem erfreuen die kleinen Bosheiten, Winkelzüge und subtilen Beleidigungen während der verschiedenen Verfahren den stillen Beobachter.

Ebenfalls ziemlich tief im Schlamassel steckt in Raúl Argemís „Chamäleon Cacho“ der Journalist Manuel Carraspique. Während eines schweren Verkehrsunfalls starb sein Beifahrer. Er liegt vollgepumpt mit Betäubungsmitteln in einem Provinzkrankenhaus. Er fragt sich was vorher geschah, überlegt sich schon für die Polizei die geschönte Version und wittert im Nachbarbett die Geschichte seines Lebens. Dort liegt Márquez. Er soll auf einer abgelegenen Farm zuerst eine Teufelsaustreibung begangen, dann die Anwesenden getötet und sich selbst in Brand gesteckt haben. Jetzt liegt er mit schweren Brandwunden und ohne die Möglichkeit einer Identifizierung im Krankenhaus. Deshalb könnte er auch, wie ein Bundespolizist glaubt, ein gesuchter Drogenhändler sein. Die Krankenschwestern sind dagegen felsenfest davon überzeugt, dass der Mann mit den schweren Verbrennungen Marquez ist.

Carraspique beginnt Márquez auszuquetschen. Er soll ihm erzählen, was auf der Farm geschah. Doch Márquez erzählt ihm immer wieder von einem Mann namens Cacho, der nach seiner Zeit beim Militär eine bunte Karriere als skrupelloser Verbrecher hinter sich hat. Carraspique fragt sich, wer neben ihm liegt: ein abergläubisch-dummer Bauer, ein eiskalter Verbrecher oder einfach nur ein Märchenerzähler.

Raúl Argemis Noir lebt vor allem von der Frage, wer hier wen belügt und, damit verbunden, wie zuverlässig der unzuverlässige Erzähler Carraspique ist. Schließlich wird er ständig mit Sedativen ruhig gestellt, pendelt zwischen Wachsein und Traum, hat kein Zeitgefühl, kann die Krankenschwestern nicht auseinanderhalten und ist keineswegs ein Unschuldslamm.

„Bei ‚Chamäleon Cacho’ habe ich mich bewusst für einen kurzen Roman entschieden, um zu verhindern, dass der Leser das Buch aus der Hand legt oder nicht mehr fühlt, was da passiert. Der ‚Faustschlag’ dient letzlich dazu, den Leser zum Weiterdenken zu bewegen. Selbst ich denke noch viel über diesen Roman nach“, sagt Raúl Argemi über seinen kurzen Noir, der auch ein Fiebertraum ist.

Der auf den ersten Blick traditionellste Kriminalroman in dieser Kolumne ist Claudia Piñeiros Debütroman „Ganz die Deine“. Ich-Erzählerin Inés Pereyra ist die perfekte Ehefrau und Mutter. Sie managt den Haushalt mit soviel Verve, dass sie eigentlich ganz froh ist, sexuell von ihrem Mann Ernesto, der mit Beruf und Fortbildungen beschäftigt ist, nur selten belästigt zu werden. Schließlich gibt es dafür zur Not Konkubinen. Deshalb ist Inés auch nur mäßig beunruhigt von dem mit einem Lippenstift verzierten Zettelchen auf dem „Ich liebe dich – Die Deine“ steht. Sie ärgert sich vor allem über das mangelnde Feingefühl ihres Mannes, der den inkriminierenden Zettel in seinem Jackett vergaß, und beginnt ihn zu überwachen. Denn sicher ist sicher.

Als sie ihn eines Nachts in einen Park verfolgt, beobachtet sie ein Treffen von Ernesto mit seiner Geliebten, wie sie sich streiten, er sie von sich wegstößt und sie unglücklich fällt. Inés beschließt ihrem von dieser Situation hoffnungslos überforderten Mann heimlich zu helfen. Denn er versenkt zwar ohne ihre Hilfe die Leiche seiner Geliebten, die gleichzeitig seine Sekretärin war, in einem See. Aber ansonsten ist er furchtbar nachlässig im Verwischen seiner Spuren und die Tote hatte eine Nichte mit einem, aus Sicht von Inés, erschreckend großem Busen. Langsam, aber sicher, nehmen die Ereignisse ihren fatalen Lauf. Denn die eingestreuten Berichte der Polizei lassen keine Zweifel am Ende des Ehedramas aufkommen.

Claudia Piñeiros „Ganz die Deine“ ist ein kleiner, durchaus sarkastisch erzählter Krimi über eine argentinische Ehefrau, deren Versuche heimlich das Leben ihres untreuen Mannes zu beschützen zu einem tödlichen Eifersuchtsdrama führen. Dabei demontiert Piñeiro von der ersten Zeile an die heilig-heile Familie: der Vater geht heimlich fremd, die Mutter schafft heimlich Geld beiseite und die Tochter verheimlicht ihre Schwangerschaft und die geplante Abtreibung. Nur Inés glaubt noch an den nach Außen zu schützenden Schein der heilen Familie. Da ist es kein Wunder, dass ihr Versuch diese schon lange nicht mehr existierende Familie mit einigen Verbrechen zusammen zu halten, zum Scheitern verurteilt ist.

Alleinstehende können dieses Treiben besonders schadenfroh betrachten.

Hannelore Cayre: Das Meisterstück

(übersetzt von Rudolf Schmitt)

Unionsverlag, 2008

160 Seiten

14,90 Euro

Originalausgabe

Toiles de maitre

Èditions Métailié, Paris, 2005

Hinweise

Unionsverlag über Hannelore Cayre

Meine Besprechung von Hannelore Cayres “Der Lumpenadvokat”

Raúl Argemí: Chamäleon Cacho

(übersetzt von Susanna Mende)

Unionsverlag, 2008

160 Seiten

14,90 Euro

Originalausgabe

Penúltimo nombre de guerra

Algaida Editores, Sevilla, 2004

Hinweis

Unionsverlag über Raúl Argemí

Claudia Piñeiro: Ganz die Deine

(übersetzt von Peter Kultzen)

Unionsverlag, 2008

192 Seiten

14,90 Euro

Originalausgabe

Tuya

Ediciones Colihue, Buenos Aires 2003

Hinweis

Unionsverlag über Claudia Piñeiro


Besprechung Garry Disher „Niederschlag“ online

August 20, 2008

Meine Besprechung von Garry Dishers letztem Wyatt-Roman „Niederschlag“ (The Fallout, 1997) ist online in der Berliner Literaturkritik. Nachdem ich bereits den vorletzten Wyatt-Roman „Port Vila Blues“ abgefeiert habe, dürte es niemanden erstaunen, dass mir auch „Niederschlag“ gefallen hat. Vielleicht setzt Disher sich ja irgendwann ein seinen Schreibtisch und schreibt einen siebten Wyatt.


„Jonny Double“ – Der erste Streich von Azzarello/Risso

August 18, 2008

San-Fransisco-Privatdetektiv Jonny Double ist in den ersten Bildern der typische Hardboiled-Detektiv, der in einer verkommenen Welt, mal mehr, mal weniger erfolgreich den rettenden Ritter spielt. Auch wenn die Welt ihm dies nicht dankt. Denn der Bedarf an edlen Rittern ist heute noch geringer als zu Chandlers Zeiten. Double haust in einem Hotelzimmer, ist notorisch pleite, trinkfest und seine letzte Rasur liegt schon einige Tage zurück. Ebenso seine Tage bei der Polizei. Das war in den Sechzigern. „Damals“, so Double, „gab’s Gemeinschaftssinn, kapito? Einer für alle, und so.“

Diesen Gemeinschaftssinn gibt es heute nicht mehr. Und die Sonnenseite des Lebens hat Jonny Double auch seit Jahren nicht mehr gesehen. Bereits auf der ersten Seite der grandiosen Noir-Graphic-Novel „Jonny Double“ von Autor Brian Azzarello und Zeichner Eduardo Risso wird Doubles Klient Earl Keegan ermordet. Double konstatiert lakonisch, dass damit sein Honorar flöten ging und er geht schnurstracks in seine Stammkneipe ein Bier trinken. Kurz darauf erwartet ihn in seinem Bruchbuden-Zimmer der vermögende Mr. Hart, der ihn trotz fehlenden Büros gefunden und schlechter Manieren beauftragt seine Tochter Faith zu suchen. Inzwischen haben Genre-Fans sich gemütlich in Doubles Welt eingerichtet. Denn das alles gehört, wenn auch etwas weniger desillusioniert, seit Chandlers Tagen zum festen Mobiliar einer Hardboiled-Privatdetektivgeschichte. Auch dass Double Faith schnell findet und ihr helfen will, dürfte für Genre-Aficionados keine große Überraschung sein.

Schließlich taucht Faith mit ihren Freunden regelmäßig in Doubles Stammkneipe auf. Double hängt mit ihnen in Angels Loft ab. Er erzählt von seiner Zeit als Polizist in den Sechzigern und warum er kündigte. Angel erzählt ihm von ihren großen und vollkommen ungefährlichen Plan. Sie haben zufällig das Bankkonto von Al Capone gefunden und möchten es jetzt auflösen. Jonny Double soll für sie den Strohmann spielen. Double lehnt zuerst ab. Aber dann verliebt er sich in Faith, macht wider besseres Wissen mit und spätestens jetzt, am Ende des ersten von vier Kapiteln, verlässt das Team Azzarello/Risso die bekannten Pfade einer Privatdetektivgeschichte, in denen der Detektiv sich niemals an kriminellen Geschäften beteiligt.

Nachdem sie das Bankkonto aufgelöst haben, beginnt der alte Mafiosi Vic „Die Blutwurst“ Dalenozzo sie zu suchen. Sein geheimnisumwitterter Killer Tommy Shiver soll die Diebe auf Mafia-Art bestrafen. Als in Doubles Hotel ein Päckchen mit abgehackten Händen abgegeben wird, weiß Double, dass sie alle sterben sollen.

„Jonny Double“, die erste Zusammenarbeit des Teams Azzarello/Risso, ist der hübsch doppeldeutig-eindeutige Titel für eine schnell erzählte, wendungsreiche Hardboiled-Geschichte, in der letztendlich jeder mit gezinkten Karten spielt. Sie ist spannend, düster, schwarzhumorig und mit einer satten Portion Sex und Gewalt. Ein feines Teil.

Nach der Miniserie „Jonny Double“ schufen Autor Brian Azzarello und Zeichner Eduardo Risso die mit mehreren Eisner Awards ausgezeichnete Serie „100 Bullets“. Doch das ist eine andere Geschichte.

Brian Azzarello/Eduardo Risso: Jonny Double

(übersetzt von Christian Langhagen)

Cross Cult/Amigo Grafik, 2007

104 Seiten

14,80 Euro

Originalausgabe

Jonny Double: Two Finger Discount

DC Comics, 2002

Erstausgabe als Einzelhefte “Jonny Double 1 – 4“, 1998

Hinweise

Cross Cult über „Jonny Double“

Homepage von Eduardo Risso

Standard Attrition: Blog von Brian Azzarello und anderen Vertigo-Künstlern

Comics Bulletin: Interview mit Brian Azzarello

Sequential Tart – A Comics Industry Web Zine: Interview mit Brian Azzarello (1999)

Thrilling Detective über Jonny Double


Krimiautoren besuchen Wien

August 14, 2008

Zur diesjährigen Criminale in Wien veröffentlichte Das Syndikat, die „Autorengruppe deutschsprachige Kriminalliteratur“, wieder einen Band von Kurzgeschichten, die in der gastgebenden Stadt spielen. „Schöne Leich’ in Wien“ heißt der von Angela Esser herausgegebene Band mit 25, meist von bekannten Krimi-Autoren geschriebenen Kurzgeschichten, die in den verschiedenen Wiener Bezirken spielen. Es besteht also die Möglichkeit, eine Stadt durch die Augen verschiedener Autoren und gleichzeitig viele Autoren kennen zu lernen. Ob ersteres gelingt, weiß ich nicht. Denn Wien kenne ich vor allem durch den „Dritten Mann“, verschiedene Tatorte und „Kottan ermittelt“. Außerdem sind die Orte, wie in jeder größeren Stadt abseits der touristischen Trampelpfade dank ähnlicher sozialer Probleme relativ austauschbar. Teilweise wird auch einfach Wien-Kitsch geboten.

Das zweite Ziel bei einem Sammelband ist immer, Interesse an den weiteren Werken des Autors zu wecken (So lernte ich Jeffery Deaver über seine Kurzgeschichten kennen.). Somit ist eine Kurzgeschichte eine kurze Talentprobe. Leider hat mich in „Schöne Leich’ in Wien“ kaum eine dieser Proben beeindruckt.

Dass ich bei den meisten Kurzgeschichten bereits nach wenigen Zeilen wusste, wie sie ausgehen, ist hier nicht unbedingt das Knock-Out-Kriterium. Im Gegenteil: das waren oft die besseren Geschichten; geschrieben Ernst Solèr, Ralf Kramp, Stefan Slupetzky, Jürgen Ehlers, Nessa Altura, Leo P. Ard (eine weitere Geschichte aus seiner Vegetarier-Welt mit einem verunglückten Anfang) und Jürgen Kehrer (allerdings ist das Ende schwach).

Die restlichen und damit die meisten Geschichten waren einfach nur abstrus konstruiert oder ließen nicht-motivierte Charaktere durch die Geschichte stolpern. Dass dann die Lösung überraschend kommt (Naja, eigentlich nicht. Denn erstens werden in einer Kriminalgeschichte die ‚Probleme’ mit einem Mord gelöst, und zweitens kann ich nur überrascht werden, wenn ich etwas Bestimmtes erwarte. Ich war eher schockiert.), ist vielleicht nett, aber absolut keine Empfehlung für den Autor.

Angela Eßer (Hrsg.): Schöne Leich’ in Wien – Kriminalstorys

Grafit, 2008

288 Seiten

9,50 Euro

Enthält

Alfred Komarek: Kellerleichen

Nina George: Ich mach’s dir mexikanisch

Jürgen Kehrer: Wilsberg und der dritte Mann

Ernst Hinterberger: Der Handtaschenmörder

Ralf Kramp: Marikas Wanne

Heinrich Steinfest: Exo-Force

Andreas P. Pittler: Selbst regiert sich Margareten

Edith Kneifl: Mariahilf

Sabina Naber: Liebeswahn

Barbara Krohn: Auf den Hund gekommen

Stefan Slupetzky: Dopplermord

Jürgen Ehler: Im falschen Film

Andrea Maria Schenkel: Zentralfriedhof

Sabine Thomas: Drah di ned um

Thomas Raab: Herr Heinrich beschließt zu sterben

Tatjana Kruse: Vier Häuptl in Penzing

Nessa Altura: Der Tafelspitz

Thomas Askan Vierich: Wasserfarbe und Pendel

Susanne Schubarsky: Die liebe Familie und andere Unannehmlichkeiten

Klaus Seehafer: In der Batkagasse Nummer zwölf

Leo P. Ard: Wiener Schnitzel

Susanne Ayoub: Hier ist ein Mensch

Ernst Solèr: Der Hydrograf

Eva Rossmann: Volkszorn

Angela Eßer: Staub aus dem Dom


Andrew Vachss ist zurück

August 11, 2008

Mit „Der Fahrer“ betritt Andrew Vachss für ihn neues Territorium. Ältere Krimileser werden sich noch an den Mann mit der Augenklappe erinnern. In den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war Andrew Vachss mit seinen Burke-Romanen sehr präsent in Deutschland. Die düsteren und umstrittenen Werke wurden übersetzt und er gab etliche Interviews in deutschen Zeitschriften. Er erzählte von seiner Arbeit als Anwalt für Kinder und Jugendliche. Er erzählte von seinem Kampf für missbrauchte Kinder. Und er schrieb die düsteren, in New York spielenden Burke-Romane, in denen ein nicht-lizensierter Privatdetektiv zusammen mit seinen Kampfgefährten Selbstjustiz an Kinderschändern übt. Dagegen war sogar Batmans Gotham City ein heimeliger Ort (Oh, Vachss schrieb 1995 auch die Batman-Geschichte „The ultimate evil“.).

Und dann wurden seine neuen Werke nicht mehr übersetzt. Wahrscheinlich lag es an einem unguten Gemisch aus Umstrukturierungen im Verlag und nicht zufrieden stellenden Verkaufszahlen. In den USA veröffentlichte er dagegen acht weitere Burke-Romane und zwei Einzelwerke.

„Der Fahrer“, mit dem Andrew Vachss jetzt auf den deutschen Buchmarkt zurückkehrt ist eines seiner wenigen Einzelwerke und man muss kein Noir-Experte oder Krimifan sein, um zu wissen, wie die Story des nicht übermäßig intelligenten Fluchtwagenfahrers Eddie ausgeht. Immerhin geht es um den letzten Coup und die Liebe zur falschen Frau.

Bereits als Jugendlicher ist Eddie ständiger Gast in den verschiedenen staatlichen Besserungsanstalten. Er wurde immer wieder mit einem gestohlenen Auto erwischt. Denn er liebt das Fahren. Doch damit würde er in der Hierarchie der Gefängnisse ganz unten stehen. Also beginnt er seine Geschichte etwas aufzupäppen. Bei einer Verhaftung kommt es sogar zu einem großen Polizeieinsatz. Anschließend gibt er auch von der Polizei fälschlich erhobene Anklagepunkte zu. Danach ist seine Karriere als Fluchtwagenfahrer vorgezeichnet. Doch erst nach dem er J. C. kennen lernt und der ihn unter seine Fuchtel nimmt, beginnt Eddie wirklich Geld zu verdienen. Da plant J. C. als letzten Raubzug den Überfall auf den Geldtransporter eines Indianercasinos.

Während J. C. und Gus zur Vorbereitung immer wieder für mehrere Tage den Unterschlupf verlassen, richtet Eddie das Fahrzeug her. Bei ihm ist J. C.s Freundin Vonda. Sie kommen sich, wenig überraschend, näher.

Vachss „Der Fahrer“ ist eine feine Hommage an die klassischen Pulps. Er erzählt diese kleine Geschichte, die bequem an einem Abend gelesen werden kann, aus Eddies Sicht. Sein Erzähler ist zwar intelligent genug, um die einfachen Regeln der Gangsterwelt zu verstehen und seinen Job gut zu machen. Aber er wird niemals selbst Verbrechen planen. Er hat auch überhaupt keinen Ehrgeiz dazu – bis er Vonda trifft und die Ereignisse ihren fatalen Lauf nehmen.

Die Variationen zu anderen Noir-Gangsterkrimis liegen deshalb in den Details. Vachss skizziert die verschiedenen Orte nur kurz und nennt keine Städtenamen. So wird Eddies Geschichte fast schon zu einer nüchternen Fallstudie über das Leben eines Kleingangsters, der nie die Chance auf ein anderes Leben hatte; garniert mit einigen Anmerkungen zur Popkultur.

Denn Eddie ist ein junger Mann, der das Fahren liebt, deshalb immer nur Fluchtwagenfahrer werden wollte und der daher auch Filme über das Fahren liebt. „Moonshine Highway“, ein kaum bekannter TV-Krimi von 1996 über Schnapsschmuggler („ein kleiner Klassiker. Unterschätzt und unaufdringlich. Sehr noir.“), und „Thunder Road“ (Letzte Fahrt nach Memphis, Kilometerstein 375), der „größte Schnapsschmugglerfilm, der je gedreht wurde“ von 1958 mit Robert Mitchum, sind seine Lieblingsfilme. „Vanishing Point“ (Fluchtpunkt San Francisco) gefällt ihm auch. „Driver“, dagegen, mag er nicht, weil Ryan O’Neal „ein Fluchtwagenfahrer sein sollte, aber er machte es nicht richtig“.

„Der Fahrer“ ist ein kleiner, schnörkelloser Gangsterkrimi. Nicht mehr und auch nicht weniger.

Andrew Vachss: Der Fahrer

(übersetzt von Georg Schmidt)

rororo, 2008

224 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

The Getaway Man

Vintage Books/Random House, New York 2003

Hinweise

Homepage von Andrew Vachss (deutsch/englisch)

Wikipedia über Andrew Vachss (deutsch/englisch)

Krimi-Couch über Andrew Vachss

You Tube: Vierteiliges Interview mit Andrew Vachss

UGO: Interview mit Andrew Vachss

Thrilling Detective über Burke


Ein Spiel mit echten Menschen

August 8, 2008

„Der Prototyp von Scavenger kann ohne euch nicht gelingen.“

Am Ende von „Creepers“ lagen Frank Balenger und Amanda Evert verletzt am Strand von Asbury Park, New Jersey, während hinter ihnen das Paragon Hotel abbrannte. In den folgenden Monaten heilten die beiden ihre Wunden und begannen in New York ein gemeinsames Leben. Eines Tages erhält Balenger die rätselhaft-liebevoll gestaltete Einladung zu einem Vortrag des Manhattan History Club über Zeitkapseln.

Sie gehen hin – und als Balenger wieder wach wird, liegt er am Strand von Asbury Park, New Jersey.

Seine Freundin Amanda wird dagegen in einer hermetisch abgeriegelten, einsam gelegenen Hütte wach. Bei ihr sind der Irak-Veteran Ray Morgan, die Seglerin Bethany Lane und das Bergsteigerpaar Derrick und Vivian Montgomery. Sie alle haben, wie Amanda, lebensbedrohende Situationen überlebt. Die Öffentlichkeit sieht sie als Helden.

Eine Stimme aus einem Lautsprecher sagt ihnen, dass sie jetzt Teil des Spiels „Scavenger“ seien. Sie hätten vierzig Stunden, um eine bestimmte Menge Aufgaben zu erfüllen. Wenn sie das nicht tun oder versagen, werden sie, wie die Figuren in einem Computerspiel, sterben. Auch Balenger ist, wie er erst im Laufe seiner Suche nach Amanda, begreift, ein Teil des Spiels. Doch schnell hält er sich, wie er glaubt, nicht mehr an die Spielregeln.

„Level 9“ ist ein würdiger Nachfolger für das klaustrophobische „Creepers“. Während Morrell sich damals von den Urban Explorers inspirieren ließ, hat er sich jetzt, wie sein informatives Nachwort verrät, von dem Phänomen der Zeitkapseln, GPS-Schatzsuchen und Videospielen und deren Metaphysik inspirieren lassen. Diese Informationen fügt Morrell gekonnt als Teil des Spiels und der Suche von Balenger nach seiner Geliebten Amanda in die spannende, weitgehend in der freien Natur spielende Geschichte ein.

„Level 9“ ist, trotz seines schwachen Endes (aka das Spiel beendende „Level 9“), als echter Pageturner eine ideale Sommerlektüre.

David Morrell: Level 9

(übersetzt von Christine Gaspard)

Knaur, 2008

416 Seiten

7,95 Euro

Originalausgabe

Scavenger

CDS Books, 2007

Hinweise

Homepage von David Morrell

Scavenger – The Game

Krimi-Couch: David Morrell – Eine Theorie über Thriller (2007)

Subterranean Press: Interview mit David Morrell über „Scavenger“ (und „Creepers“)

ITW: Interview mit David Morrell über “Scavenger”

ITW: „Between the Lines“-Interview mit David Morrell: The Making of a Bestseller (2008 )

Meine Besprechung von David Morrells „Creepers“


Parker besucht Neu-England

August 6, 2008

Endlich wird Richard Stark wieder ins Deutsche übersetzt. Denn Donald E. Westlake schreibt bereits seit 1997 unter dem Pseudonym Richard Stark neue Parker-Romane. Parker, für die, die ihn noch nicht kennen, ist ein eiskalter Profigangster. Seinen ersten Auftritt hatte er 1962 in „The Hunter“ (Jetzt sind wir quitt; Payback). Der Roman wurde, für die Älteren 1967 von John Boorman mit Lee Marvin als „Point Blank“ (Klassiker), für die Jüngeren 1999 von Brian Helgeland mit Mel Gibson als „Payback“ (Schrottfilm), verfilmt. Bis 1974 schrieb Richard Stark fünfzehn weitere Parker-Geschichten. Etliche wurden, mehr oder weniger erfolgreich, mit verschiedenen, oft bekannten Schauspielern, die alle wegen der von Stark abgeschlossenen Verträge nie „Parker“ hießen, verfilmt. Dann schrieb er über zwanzig Jahre keine weiteren Parker-Abenteuer und auch keine weiteren Bücher als „Richard Stark“. Seit der Rückkehr 1997, ganz unspektakulär „Comeback“ betitelt, erschienen acht weitere Parker-Abenteuer, die sich nur in der Länge von den früheren Parker-Geschichten unterscheiden. Sie sind etwas länger, aber nach heutigem Standard immer noch unglaublich kurz und gefüllt mit mehr Handlung als ein halbes Dutzend Bestseller.

Zsolnay veröffentlichte jetzt – und das ist der kleine Wermutstropfen bei seinem neuen Auftritt in Deutschland – mit „Fragen Sie den Papagei“ den vorletzten Parker-Roman. Der bislang letzte, „Dirty Money“, erschien in den USA im April. Zusammen mit „Nobody runs forever“ bilden die drei Romane eine kleine Trilogie. Denn „Fragen Sie den Papagei“ schließt sich unmittelbar an „Nobody runs forever“ an.

Parker flüchtet nach einem teilweise fehlgeschlagenen Überfall vor den Polizeihunden in die Berge. Er trifft den Einzelgänger Tom Lindahl, der einen todsicheren Plan zum Stehlen der Rennbahn-Wettgelder bei seinem früheren Arbeitgeber hat. Parker ist nicht sonderlich begeistert, während die Polizei ihn jagt, zusammen mit einem Amateur einen Diebstahl zu begehen. Doch Lindahl erpresst ihn und in dem kleinen, beschaulichen Ort, in dem Lindahl lebt und die Bewohner als Höhepunkt ihrer kriminellen Karriere eine Ampel bei Rot überfahren, geraten die Dinge schnell außer Kontrolle, es gibt Tote und Parker wünscht sich wieder zurück in die Gesellschaft von Gangstern. Denn diese sind immerhin berechenbar.

„Dirty Money“ spielt wenige Tage nach „Fragen Sie den Papagei“. Parker kehrt gerade zu seiner Freundin Claire zurück, als er erfährt, dass Nick Dalesia einen U. S. Marshal ermordete und flüchtig ist. Dalesia hatte in „Nobody runs forever“ zusammen mit Parker und Nelson McWhitney den Geldtransporter der Bank überfallen. Während McWhitney entkommen konnte, wurde Dalesia, als er einen Teil der Beute ausgab, verhaftet.

Parker weiß, dass er jetzt die in einer verlassenen Kirche versteckte Beute holen muss. Denn Nick Dalesia wird sie wahrscheinlich für sich hohlen und – was noch wahrscheinlicher ist, weil er an der Ostküste niemanden kennt – vorher von der Polizei geschnappt werden und dann, für eine geringere Strafe, seine Mitverbrecher und das Versteck der Beute verraten.

Parker, Claire, Nelson McWhitney und die ebenfalls bereits aus „Nobody runs forever“ bekannte Kopfgeldjägerin Sandra Loscalzo machen sich auf den Weg in das beschaulich-herbstliche Neu England. Offiziell wollen sie sich als „leaf peepers“ (Laubbeobachter) unter die Touristen mischen. Doch überall hängen Fahndungsplakate mit Parkers Bild herum und Detective Gwen Reversa sucht immer noch das gestohlene Geld und die Diebe.

„Dirty Money“ ist, wie auch alle vorherigen Parker-Romane, ein schneller, amoralischer, schwarzhumoriger Hardboiled-Gangsterkrimi, der eine überragende Serie spannend fortsetzt.

Und, für Neueinsteiger, das Gute bei den Parker-Romanen ist, dass sie vollkommen unabhängig voneinander gelesen werden können. Die letzten drei sind (wie die ersten Parker-Romane) nur deshalb eine Trilogie, weil der Verleger das für verkaufsfördernder hält und Richard Stark einige Charaktere und lose Fäden aus den vorherigen Büchern wieder aufgenommen hat. Ansonsten ist, für die Deutschen, „Fragen Sie den Papagei“ einfach der neue Parker-Roman.

Deshalb ist der Wermutstropfen nur für die Kenner der Originale erkennbar. Und Zsolnay will mit weiteren Parker-Romanen Abhilfe schaffen (natürlich nur, wenn die Zahlen stimmen).

Nachtrag, 8. 8. 08: Im Frühjahr 2009 erscheint die deutsche Ausgabe von „Nobody runs forever“. Der deutsche Titel steht noch nicht fest.

Richard Stark: Fragen Sie den Papagei

(übersetzt von Dirk van Gunsteren)

Zsolnay, 2008

256 Seiten

16,90 Euro

Originalausgabe

Ask the Parrot

Mysterious Press, 2006

Richard Stark: Dirty Money

Grand Central Publishing, 2008

288 Seiten

17 Euro (circa)

Hinweise

Homepage von Donald E. Westlake

Meine ausführliche Vorstellung von Parker und seinen Erben in der Spurensuche

Meine Besprechung von Richard Starks „Ask the Parrot“

Richard-Stark-Seite des Zsolnay Verlages


Die Forensiker aus Las Vegas und Miami ermitteln

August 6, 2008

Im Sommer gibt es zwar keine CSI-Pause, aber Vox und RTL präsentieren nur Wiederholungen von teilweise schon öfters gezeigten Folgen. Das ist – auch weil TV am Strand nicht so toll ist – eine gute Gelegenheit, sich einen CSI-Roman zu schnappen. Denn in diesen Romanen werden neue Fälle mit den bekannten Teams erzählt. Zuletzt sind zwei „CSI: Miami“-Romane von Donn Cortez (dessen Thriller „Closer“ demnächst bei Knaur erscheint) und, als Taschenbuch, ein CSI-Las-Vegas-Roman von Max Allan Collins erschienen.

Nach dieser Vorrede wollen eingefleischte CSI-Fans jetzt, vor dem Kauf, nur wissen, ob die Romane sich an das Serienkonzept halten. Sie tun es.

Für Krimileser, die vor allem einen guten Roman lesen wollen, ist es etwas komplizierter.

In dem „CSI: Miami“-Roman „Todsicheres Alibi“ bringt Donn Cortez die mit „Mörderisches Fest“ begonnene Geschichte des Kampfes zwischen Horatio Caine und dem Magier Abdus Pathan, der „Brillante Batin“, zu einem Ende. In „Mörderisches Fest“ konnten Caine und seine Leute Pathan seine Taten nicht nachweisen. Jetzt glauben die CSIler, dass Pathan auf einem Schrottplatz neun Männer erschoss. Allerdings hat Pathan wieder ein bombensicheres Alibi. Bei ihren weiteren Ermittlungen vermuten die CSIler, dass Pathan der international gesuchte, skrupellose Terrorist ‚Der Hase’ ist, der inzwischen auch eine schmutzige Bombe besitzt.

Erst als das Kreuzfahrtschiff Heart’s Voyage, auf dem Pathan als Zauberer arbeitet, entführt wird, beginnt Caine die Puzzleteile richtig zusammen zu setzen. Eine der Geisel an Bord ist sein Mitarbeiter Eric Delko, der seine Freundin Marie beschützen will.

„Todsicheres Alibi“ ist, wie es sich für „CSI: Miami“ gehört, eher actionlastig und stärker als Thriller angelegt. Das wird besonders im letzten Drittel, wenn die CSIler langsam den Plan des Terroristen durchschauen und ihn verhindern wollen, deutlich.

„Im freien Fall“, der zweite neue „CSI: Miami“-Roman von Donn Cortez folgt dagegen mit drei parallelen Fällen dem gängigen CSI-Whodunit-Prinzip.

Horatio Caine und Calleigh Duquesne suchen den Mörder des Ballonfahrers Timothy Breakwash. Im Ballon, dem Tatort, gibt es zwar keine Spuren von einem Täter und auch keine von der Schusswaffe, aber auch ein Selbstmörder schießt sich nicht in sein rechtes Auge.

Im zweiten Fall versuchen Eric Delko und Ryan Wolfe herauszufinden, warum es auf einem Jacht zu einem tödlichen Schusswechsel zwischen dem Bootsbesitzer und seinen Gästen, einer nach ihrem Aussehen und ihren Waffen bunten Mischung aus russischen und kubanischen Gangstern, die anscheinend gerade ein Geschäft abwickeln wollten, und Kleingangstern aus Florida, die das Boot überfallen wollten, gekommen ist. Dabei müssen die CSIler vor allem herausfinden, welches Geschäft der Bootsbesitzer Jovan Dragoslav auf seinem Boot abschließen wollte.

In dem dritten Fall wurde Kolumnist Hiram Davey, der gerade ein von wahren Ereignissen inspirierten Enthüllungsroman über die High Society von Miami schreiben wollte, ermordet. Natalia Boa Vista und Frank Tripp haben schnell mehr als genug Verdächtige.

Die drei Fälle sind ordentlich geplottet und die Lösung ist auch überraschend. Allerdings bleiben bei Donn Cortez die einzelnen Charaktere, besonders natürlich die der Verdächtigen, blass und die Ermittlungen werden sehr kleinteilig geschildert. Da überträgt sich teilweise die Langsamkeit und Zähigkeit polizeilicher Ermittlungen auf den Leser.

Dieses Problem hat Max Allan Collins nicht. In seinem CSI-Roman „Die Last der Beweise“ muss das Forensiker-Team aus Las Vegas in zwei Fällen ermitteln, die entsprechend der TV-Serie auf die beiden Hauptermittler Gil Grissom und Catherine Willows aufgeteilt wurden.

Der neue Fall für Gil Grissom beginnt unspektakulär, aber mit einem außergewöhnlich guten Zeugen. David Benson hat auf einer nächtlichen Fahrt gesehen, wie ein Mann eine in einen Teppich eingewickelte Frau in der Wüste ablegte. Er konnte sich einen Teil des Nummernschildes notieren und kann sogar Auto und Täter beschreiben. Grissom, der natürlich in erster Linie den Beweisen glaubt, erhält seinen ersten Schock, als sie die Leiche obduzieren. Es ist die seit drei Wochen verschwundene Candace Lewis, Assistentin von Bürgermeister Daryl Harrison. Ab jetzt befindet sich Grissom in den von ihm gehassten Fronten eines politischen Krieges zwischen dem Bürgermeister Darryl Harrison, seinem politisch ambitionierten Vorgesetzten Sheriff Brian Mobley, dem FBI und dem Leiter der Tagschicht Conrad Ecklie, der vorher den Fall bearbeitet hat. Denn Lewis war auch die Geliebte des Bürgermeisters und damit deuten alle Spuren in das politische Milieu.

Auch der zweite Fall in „Die Last der Beweise“, der von dem Team Catherine Willows und Nick Stokes ermittelt wird, ist nicht weniger brisant. Sekretärin Janice Denard hat im Drucker ihres Chefs Ruben Gold kinderpornographische Bilder gefunden. Wenn das die Öffentlichkeit erfährt, wäre die renommierte Werbeagentur ruiniert. Deshalb ist auch in diesem Fall von den Ermittlern viel Fingerspitzengefühl gefragt. Da ist es gut, dass die Werbeagentur hilfsbereit ist und den CSIlern Kopien ihrer Festplatten erlaubt.

Ihre erste Spur führt zu Ben Jackson. Von seinem Computer stammt der Druckauftrag. Doch Jackson hat ein Alibi und der Choleriker Gary Randle verweigert Willows seine Fingerabdrücke. Ist er der gesuchte Pädophile oder nur ein auf seine Bürgerrechte bedachter Mann oder ist er, wie er, nachdem die CSIler weitere Beweise gegen ihn finden, behauptet, das Opfer eines Komplotts? Willows, Stokes und der Computerexperte Tomas Nunez sehen sich die elektronischen Beweise genau an und machen einige überraschende Entdeckungen.

Der vierte CSI-Roman „Die Last der Beweise“ von Max Allan Collins ist, wie nicht anders bei ihm zu erwarten, ein gut geplotteter Whodunit, der sich genau an das TV-Format hält, aber mit vielen Informationen über Forensik und Computernetzwerke weit über eine normale Serienfolge hinausgeht. Außerdem sind die Charaktere mit wenigen Worten glaubwürdig gezeichnet.

„Die Last der Beweise“ ist eine spannende Lektüre, auch wenn ich gerne wieder eines der anderen Werke von Max Allan Collins (also seiner nicht mit Hollywood zusammenhängenden Werke) auf Deutsch lesen würde. Denn dann ist Collins, wie er unter anderem in dem Shamus-nominierten „Deadly beloved“ zeigt, an keine Vorgaben gebunden.

Donn Cortez: CSI: Miami – Todsicheres Alibi

(übersetzt von Frauke Meier)

vgs, 2008

312 Seiten

17,95 Euro

Originalausgabe

CSI: Miami – Harm for the Holidays – Heart Attack

Pocket Books, 2006

Donn Cortez: CSI: Miami – Im freien Fall

(übersetzt von Frauke Meier)

vgs, 2008

312 Seiten

17,95 Euro

Originalausgabe

CSI: Miami – Cut and run

Pocket Books, 2007

Max Allan Collins: CSI: Crime Scene Investigation – Die Last der Beweise

(übersetzt von Frauke Meier)

vgs, 2008

416 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

CSI: Crime Scene Investigation – Body of Evidence

Pocket Books, 2003

Hinweise

Homepage von Donn Cortez

Homepage von Max Allan Collins

Weitere Besprechungen und Hinweise auf Informationen über „CSI“, „CSI: Miami“ und „CSI: New York“ (und was Sie dort nicht finden, aber in der Kriminalakte abgelegt wurde, finden Sie über die Suchen-Funktion)


Fucking up someone else’s day

August 4, 2008

Whether your monster is a werewolf or a serial killer or a bank robber, it boils down to somebody fucking up someone else’s day.

Tom Piccirilli

Das erste Mal las ich in Duane Swierczynkis Secret Dead Blog von Tom Piccirilli. Er wies mit einem Zitat auf ein Interview mit Piccirilli in Allan Guthries Noir Zine hin. Ich musste laut lachen und setzte Tom Piccirilli sofort auf meine Zu-lesen-Liste. Piccirilli kommt aus dem Horrorgenre und erhielt mehrere Bram-Stoker-Awards (mit „The Night Class“ setzte er sich 2002 gegen Stephen King und Chuck Palahniuk durch). Vor wenigen Tagen erhielt er für „The Midnight Road“ von der ITW den Preis für das beste Thriller-Taschenbuch des Jahres. In Deutschland erschien bislang nur vor acht Jahren sein Bram-Stoker-Award-nominiertes Debüt „Dark Father“ als „Söhne des Bösen“. In seiner Heimat veröffentlichte er seitdem fast zwanzig Romane und über 150 Kurzgeschichten.

Vor wenigen Wochen publizierte der Heyne Verlag in seiner Hardcore-Reihe mit „Killzone“ einen seiner neuesten Romane. Er erzählt die Geschichte von Eddie Whitt, der den Serienkiller Killjoy finden will. Killjoy brachte vor fünf Jahren seine Tochter Sarah um. Seine Frau Karen lebt seither in einer Nobel-Irrenanstalt. Seit Jahren schreibt Killjoy ihm rätselhafte Briefe. Der letzte perverse Spielzug von Killjoy ist, dass er, als Zeichen seiner Buße, den Eltern der von ihm ermordeten Kinder andere Kinder gibt. Denn während Killjoy zuerst perfekte Familien zerstörte, rettet er jetzt Kinder aus dysfunktionalen Familien. Seitdem feiern die Medien Killjoy als Volkshelden. Doch Eddie Whitt kann nicht verzeihen.

„Killzone“ ist strukturell ein eher läppischer Whodunit mit einer großen Action-Szene im letzten Drittel. Innerhalb dieser Struktur befolgt Piccirilli seinen eingangs zitierten Satz. Denn das Monster Killjoy hat das Leben von Eddie Whitt gründlich zerstört.

Piccirilli konzentriert sich in dem Roman auf das Porträt eines Mannes, der alles verloren hat; der nur noch obsessiv die immergleichen Handlungen vollzieht; der an der Schwelle zum Wahnsinn steht und der nur noch für seine Rache lebt. Außerdem bemüht Eddie Whitt sich immer wieder, ein richtiges Arschloch zu sein, mit dem man nicht mehr Zeit als nötig verbringen möchte.

„Killzone“ ist entgegen dem Image der Hardcore-Reihe nicht besonders gewalttätig, sondern absolut Noir. Doch Piccirilli gelingt es nicht, die Leiden von Eddie Whitt emotional nachvollziehbar zu machen. Das kann an dem emotional-verhärteten Charakter von Whitt liegen. Das kann, denn in angloamerikanischen Rezensionen wird immer wieder auf Piccirillis gute Sprache hingewiesen, auch an der Übersetzung liegen, die hier Feinheiten nicht übertragen hat.

Daher ist „Killzone“ kein Buch, das unbedingt gelesen werden muss. Und (ich hoffe, dass seine anderen Werke besser sind) eine schlechte Wahl um einen Autor auf einem neuen Markt zu etablieren.

Tom Piccirilli: Killzone

(übersetzt von Nicolai von Schweder-Schreiner)

Heyne, 2008

352 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

The Dead Letters

Bantam Dell, New York, 2006

Hinweise

Homepage von Tom Piccirilli

Noir Zine: Allan Guthrie redet mit Tom Piccirilli

SF Scope: Kit Hawkins redet mit Tom Piccirilli

Cemetary Dance Publications: Norman Partridge redet mit Tom Piccirilli

Enter the Octopus: Matt Staggs redet mit Tom Piccirilli


Harlan Coben begräbt eine gute Idee

August 1, 2008

In seinem neuesten Roman „Das Grab im Wald“ verarbeitet Harlan Coben viele bekannte Themen und bekannte Charaktere wie Chefermittlerin Loren Muse und Privatdetektivin Cingle Shaker treten auf. Auch die Ausgangslage ist Coben-klassisch.

Paul Copeland ist in New Jersey ein vom Schicksal gebeutelter Bezirksstaatsanwalt vor dem Sprung in die Politik. Vor zwanzig Jahren wurden Copelands Schwester und drei weitere Jugendliche in einem Wald bei einem Ferienlager von einem Serienkiller umgebracht. Seine Frau starb vor fünf Jahren und jetzt zieht er seine Tochter alleine groß. Gerade bereitet er sich auf seinen bislang größten Fall, eine Klage wegen Vergewaltigung gegen die reichen Söhne Barry Marantz und Edward Jenrette, vor.

Da bitten ihn die Detectives Tucker York und Don Dillon, sich die Leiche des in Manhattan ermordeten Manolo Santiago anzusehen. Copeland sagt der Name nichts. Als er die Leiche sieht, ist er fassungslos. Denn Santiago ist der vor zwanzig Jahren mit seiner Schwester Camille und zwei weiteren Alterskameraden im Wald ermordete Gil Perez. Copeland fragt sich, was damals wirklich vorgefallen ist, warum die Mutter von Gil Perez bei der Leichenschau lügt und ob seine Schwester, schließlich wurde auch ihre Leiche niemals gefunden, noch am Leben ist.

Das klingt nach einem klassischen Coben-Pageturner, von denen ich bereits einige abgefeiert habe. Auch in seinen anderen Einzelwerken wird ein ganz normaler Mensch (meistens ein Mann) mit Ereignissen konfrontiert, die sein bisheriges Leben als auf einer Lüge aufgebaut erscheinen lassen und er die Wahrheit herausfinden will. Aber im Gegensatz zu seinen anderen Werken ist Harlan Cobens neuer Thriller „Das Grab im Wald“ letztendlich nur ein Langweiler.

Denn während Harlan Coben in seinen vorherigen Romanen aus ähnlichen Prämissen spannende Thriller schuf, verkrätzt er hier bereits auf Seite 30 mit einem Bruch der Perspektive. Bis dahin erzählte Paul Copeland die Geschichte. Im zweiten Kapitel wechselt Coben in die dritte Person und beginnt einen sich gleichzeitig ereignenden Subplot mit der Uniprofessorin Lucy Gold, die herausfinden möchte, welcher ihrer Studenten einen Text über einen Geschlechtsverkehr in einem Ferienlager (Ja, Sie vermuten richtig.) geschrieben hat. Später, besonders gegen Ende, wechselt Coben immer häufiger die Erzählperspektive. Solche Perspektivenwechsel stören wahrscheinlich Autoren und Kritiker, die sich darüber seeehr lange unterhalten können, mehr, als die meisten Leser.

Aber außerdem funktioniert in „Das Grab im Wald“ der Wechsel zwischen Haupt- und Nebenplots, die bis zum Ende weitgehend unverbunden nebeneinander herlaufen, überhaupt nicht. Denn mit zunehmender Zahl der Seiten beginnt Coben neben dem Hauptplot (der zwanzig Jahre zurückliegende Mord und die vielleicht noch lebende Schwester) und dem Subplot (die Gerichtsverhandlung) einen weiteren Subplot, der auf den ersten Blick nichts mit den beiden anderen Plots zu tun hat. Jemand versucht die Existenz von Copeland zu vernichten. Schnell findet Copeland heraus, dass Edward Jenrettes Vater die große Detektei MVD beauftragt hat, über ihn und die anderen am Verfahren beteiligten Personen Dinge herauszufinden, mit denen Jenrette sie erpressen kann. So möchte er vor allem den politisch ambitionierten Copeland zur Aufgabe der Anklage bewegen. Und dann trifft Copeland wieder seine Jugendliebe.

Dazu kommen immer wieder Coben-untypische Szenen, die entweder den Protagonisten als Idioten erscheinen lassen (so muss Cingle Shaker ihm über mehrere Seiten erklären, wie Treuetesterinnen arbeiten) oder den Fortgang der Geschichte unnötig verzögern (gegen Ende des Buches muss Muse wegen einem frauenfeindlichen Wärter an einer Schranke warten).

Dass die Lösung letztendlich nur in ihrer Vorhersehbarkeit überrascht, hat dann fast schon wieder etwas.

Sagen wir es zum Abschluss noch einmal ganz deutlich: Gemessen an Cobens Standard ist „Das Grab im Wald“ ein Desaster.

Harlan Coben: Das Grab im Wald

(übersetzt von Gunnar Kwisinski)

Goldmann, 2008

480 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

The Woods

Dutton, 2007

Hinweise

Homepage von Harlan Coben

Mein Gespräch mit Harlan Coben über Myron Bolitar und seine Arbeit

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Kein böser Traum“ (Just one look, 2004)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Kein Friede den Toten“ (The Innocent, 2005)

Meine Besprechung von Harlan Coben „Der Insider“ (Fade away, 1996)


Mörderischer Herbst XIII – KBV, Kindler, Knaur Hardcover, Ullstein Hardcover, Wunderlich Hardcover

Juli 30, 2008

KBV Krimi

September

Carola Clasen: Mord im Eifel-Express (Niklas will, angestiftet von seinem Onkel, seinen bankrotten Vater im titelgebenden Eifel-Express umbringen. Zum Glück ist auch Sonja Senger, Kriminalkommissarin a. D. und Privatdetektivin, im Zug.)

Robert Gordian: Tödliche Brautnacht (Auch zu Zeiten Karls des Großen regierte, wie die „Tödliche Brautnacht“ beweist, das Verbrechen die Welt.)

Klaus Stickelbroeck: Kalte Blicke (Privatdetektiv Hartmann muss einen Mordfall klären. Ihm helfen sein drogensüchtiger Kumpel Angie, der einarmige Wirt Krake, Regenrinnen-Rita, die einzige Prostituierte Düsseldorfs über zwei Meter und ein Taxi fahrender Medizinstudent aus Ghana. – Wenn es der Wahrheitsfindung dient.)

Klaus Wanninger: Schwabenengel (Kommissar Steffen Braig vom Stuttgarter LKA jagt einen Serienfrauenmörder.)

November

Wolfgang Kemmer (Hrsg.): In Kürze verstorben – Mörderische Stories (von Thomas Kastura, H. P. Karr, Jürgen Kehrer, Jürgen Ehlers, Christoph Güsken, Richard Lifka und anderen.)

Ralf Kramp: Stimmen im Wald (Nach Jahren kehrt Jo Frings in sein heimatliches Eifeldorf zurück. Er will seinen Bruder Michel beerdigen und den Hof verkaufen. Aber Michel wurde umgebracht und der Hof ist wertlos. Jo will die Wahrheit herausfinden.)

Monika Mirelli/Ralf Kramp/Carsten Sebastian Henn: Mords-Weihnacht („Ein Adventsbüchlein mit vierundzwanzig Kapiteln und eine Tafel köstlicher Weihnachtsschokolade im edlen Organzabeutelchen“)

Burkhard Ziebolz: Im tiefsten Dunkel (Liam Coubert tauchte auf der Flucht vor einem mehrfachen Frauenmörder in Mannheim unter. Da werden in seiner Nähe Frauen umgebracht. Coubert muss sich seiner Vergangenheit stellen – und herausfinden, was das Geheimnis des Kommentars zum „Grafen von Monte Christo“ ist.)

Josef Zierden: Eifel Krimi-Reiseführer – Auf den Spuren von Jacques Berndorf & Co. (mit einem Vorwort von Jacques Berndorf – Tja, besuchen Sie die Schauplätze der Eifelkrimis.)

Kindler

September

Liza Marklund: Lebenslänglich (Piratförlaget – ein neues Abenteuer mit der Journalistin Annika Bengtzon. Sie soll über die Polizistenmörderin Julia Lindholm schreiben. Schnell zweifelt sie an Lindholms Schuld.)

Januar

Leena Lehtolainen (Tammi – Der neunte Fall für Maria Kallio)

Knaur Hardcover

6. September

Susan Hill: Der Seele schwarzer Grund (The Risk of Darkness – Simon Serrailler und seine Jungs suchen einen Kidnapper.)

5. November

Lisa Jackson: Cry – Meine Rache ist der Tod (Absolute Fear – der Nachfolger von Shiver)

Jörg Kastner: Die Tulpe des Bösen (Der historische Krimi spielt 1671 in Amsterdam und Jeremias Katoen ermittelt wieder.)

16. Februar

Thomas Thiemeyer: Nebra (ein mystischer Wissenschaftsthriller)

Ullstein Hardcover

Oktober

Rita Mae Brown: Fette Beute (Full Cry – Jane Arnold jagt zusammen mit ihren schlauen Tieren einen Mörder, der bereits zwei Obdachlose umgebracht hat.)

Jo Nesbo: Schneemann (Snomannen – In seinem siebten Fall jagt Harry Hole einen Serienmörder. In Norwegen wurde der Roman als Bester Krimi und Bester Roman des Jahres ausgezeichnet.)

Januar

Michael Theurillat: Sechselläuten (Eine FIFA-Mitarbeiterin wird erstochen. Kommissar Eschenbach sucht den Täter.)

Wunderlich Hardcover

1. August

Petra Hammesfahr: Erinnerung an meinen Mörder (Charlotte Meller ist eine vom Ehrgeiz besessene Mutter. Ihr Mann sieht alles lockerer. Eines Tages wird ihr achtjähriger Sohn Felix mit einer Stichverletzung am Hals aufgegriffen. Was ist geschehen? – Nach gut 500 Seiten wissen wir es.)

6. Oktober

Lincoln Child: Wächter der Tiefe (Ex-Marinearzt Peter Crane wird auf eine Bohrinsel beordert. In einem unterseeischen Labor erkranken täglich Besatzungsmitglieder an mysteriösen Leiden. Crane fragt sich, ob die Krankheiten etwas mit der dort vermutlich entdeckten Stadt Atlantis zu tun haben.)

Silvia Kaffke: Das rote Licht des Mondes (ein 1854 in Ruhrort spielender Krimi)

16. Januar

Simon Beckett: Leichenblässe (Forensiker David Hunter hilft einem Kollegen bei der Jagd nach einem sadistischen Mörder.)

Philip Kerr: Das letzte Experiment (Buenos Aires, 1950: Privatdetektiv Bernie Gunther soll eine 15-jährige finden. Dabei stößt er auf zahlreiche Überlebende des Dritten Reiches.)

Bereits erschienen

Mörderischer Herbst I – Pendragon, Edition Nautilus, Unionsverlag

Mörderischer Herbst II – Gmeiner, Grafit

Mörderischer Herbst III – Edition Köln, Emons

Mörderischer Herbst IV – btb Hardcover, Alexander Verlag, Heyne Hardcover, Liebeskind, Manhattan, Page & Turner, Rotbuch, vgs

Mörderischer Herbst V – dtv

Mörderischer Herbst VI – btb Taschenbuch

Mörderischer Herbst VII – Goldmann Taschenbuch

Mörderischer Herbst VIII – Blanvalet Taschenbuch

Mörderischer Herbst IX – Ullstein Taschenbuch

Mörderischer Herbst X – Knaur Taschenbuch

Mörderischer Herbst XI – rororo Taschenbuch

Mörderischer Herbst XII – Heyne Taschenbuch


Mörderischer Herbst XII – Heyne Taschenbuch

Juli 28, 2008

Auch der Heyne-Verlag hat einige Perlen und zwei Klassiker des New Journalism in seinem Herbstprogramm:

November

Ian Banks: Die Sphären (ist ein weiterer S-F-Roman des schottischen Auch-Thriller-Autors. Denn Banks wechselt ständig die Genres.)

Mary Higgins Clark: Stille Nacht (ein modernes Weihnachtsmärchen)

Meg Gardiner: Gottesdienst (Der Bruder von Anwältin Evan Delaney wird beschuldigt, den Anführer einer fundamentalistisch-christlichen Sekte umgebracht zu haben. Delaney will die Wahrheit herausfinden.)

John Grisham: Das Fest (Das Weihnachtsbuch von Grisham in neuer Ausstattung.)

Charlie Huston: Killing Game (The Shotgun Rule – In seinem ersten Einzelwerk erzählt Charlie Huston von vier Teenagern, die nach etwas Aufregung suchen und, als sie auf ein Drogenlabor stoßen, mehr Ärger bekommen, als sie verdauen können.)

Dean Koontz: Todeszeit (Der mittellose Gärtner Mitch muss innerhalb weniger Tage zwei Millionen Dollar beschaffen. Sonst bringen die Entführer seine Frau um.)

Scott Sigler: Infiziert (Ein unbekannter Erreger verwandelt normale Menschen in mordgierige Psychopathen. CIA-Epidemologin Margaret Montoya will den Erreger finden. – Für das Buch ist eine große Werbekampagne geplant. Mal sehen, ob der Inhalt dann hält, was die Verpackung verspricht.)

Hunter S. Thompson: Angst und Schrecken im Wahlkampf (oder die einzig wahre Wahrheit über den US-amerikanischen Präsidentenwahlkampf 1972. Deutsche Erstausgabe.)

Dezember

Jürgen Alberts/Eckard Mordhorst: Leiche über Bord (Tatsachenroman in dem der heutige Polizeipräsident von Bremen Mordhorst erzählt, wie er in Afrika den Mord an einem Offizier eines Bremer Frachtschiffes aufklärte. Denn das Schiff gehörte zum deutschen Hoheitsgebiet.)

Catherine Coulter: Hass (Julia wird bei einem nächtlichen Spaziergang ins Meer gestoßen. FBI-Agent Cheney Stone glaubt an einen Mordanschlag.)

Colin Forbes: Komplott (Taschenbuch-Ausgabe eines Thrillers mit Spezialagend Tweed.)

Robert Harris: Ghost (oder der beste Thriller des Jahres; – sagt jedenfalls die ITW)

Corine Hartman: Der letzte Atem (Eine Läuferin wird mit einem Golfschläger erschlagen. Nelleke de Winter ermittelt in einem Roman, der wohl in erster Linie die Fans von Elizabeth George anspricht.)

Jack Ketchum: Blutrot (erscheint in der Hardcore-Reihe: einige reiche Bengel erschießen im Wald den Hund eines alten Mannes. Dieser sieht rot.)

Manfred H. Krämer: Tod im Saukopftunnel (Taschenbuch-Ausgabe: Erster Band der Bergstraßen-Trilogie mit den Ermittlern Solo und Tarzan.)

Joe R. Lansdale: Der Gott der Klinge („Die Wiederentdeckung eines Klassikers – komplett überarbeit und mit sechs unveröffentlichten Geschichten, Vorwort von Dean Koontz“ schreibt der Verlag zur Neuveröffentlichung von „The Nightrunners“. Und ich sage nur: Danke!)

Kyle Mills: Global Warning (Mark Beamon, Leiter der Energieabteilung gegen Ökoterrorismus, jagt Terroristen, die mit einer Rohölfressenden Bakterie die weltweiten Ölreserven vernichten wollen. – Da stellt sich eine Frage: Noch nie etwas von alternativen Energiequellen gehört?)

George D. Shuman: Die Hand des Totes („Die Fortsetzung des Bestsellers 18 Sekunden“ schreibt der Verlag – und schließt damit alle Menschen, die den ersten Teil nicht gelesen haben, von der Lektüre aus. Aus meiner Sicht ist das nicht gerade die beste Werbestrategie.)

Rebecca Stott: Und Blut soll dich verfolgen (Taschenbuch-Ausgabe)

Januar

Gary Braver: Die Maske (In Boston wütet ein Serienkiller unter den schönen Frauen der Stadt. Detective Steve Markarian jagt ihn. Der Killer – Überraschung! – will Markarians Frau umbringen.)

Mary Higgins Clark: Und hinter Dir die Finsternis (Taschenbuch-Ausgabe)

William Landay: Strangler (Der Boston Strangler hat bereits dreizehn Frauen umgebracht. Da entschließen sich die verfeindeten Daley-Brüder dem Treiben ein Ende zu setzen. Denn der Boston Strangler hat schon zu viele ihrer Frauen umgebracht.)

Alexander McCall Smith: Gute Nachbarn in der 44 Scotland Street (ist wohl nicht gerade ein Krimi.)

Michael Morley: Spider (Taschenbuch-Ausgabe)

Alexandra von Grote: Mord in der Rue St. Lazare (Kommissar Maurice LaBréa sucht den Mörder eines bekannten Filmproduzenten.)

Alexandra von Grote: Tod an der Bastille (Kommissar Maurice LaBréa jagt einen Serienmörder. – Pünktlich zur Publikation strahlt das Erste die Verfilmungen aus.)

Februar

Jacques Berndorf: Bruderdienst (Taschenbuch-Ausgabe)

Andreas Brandhort: Äon (Journalist Vogler soll eine Reportage über einen Jungen, der Wunderheilungen vollbringt, schreiben. Als Vogler die Hintergründe recherchiert, stößt er auf eine Verschwörung, die – na, den Rest kennen wir.)

Andrew Britton: Der Agent (CIA-Agent Ryan Kealey muss mal wieder die Kohlen aus dem Feuer holen. Denn einer der gefährlichsten Terroristen der Welt hat in Pakistan die amerikanische Außenministerin entführt.)

Brent Ghelfi: Im Schatten des Kreml (Volkow soll im Auftrag des ‚General’ in Tschetschenien ein belastendes Video beschaffen. Weil das Buch in der Hardcore-Reihe erscheint, dürfte es für zartbesaitete Gemüter nichts sein.)

Duane Louis (Swierczynski): Letzte Order (Außerplanmäßige Dienstbesprechung. Der Chef sagt: „Wir sind eine Tarnfirma des CI-6, eines Geheimdienstes der Regierung. Und der Laden hier wird heute dichtgemacht. Ich werde euch nicht feuern. Ich werde euch töten.“ Tja, und dann geht’s in dem neuen Thriller des Autors von „Blondes Gift“ rund.)

Robert Ludlum: Die Bancroft-Strategie (Taschenbuch-Ausgabe)

Tom Wolfe: The Electric Kool-Aid Acid Test (hieß früher „Unter Strom“ und schildert den Ausflug von Tom Wolfe in die Welt der Hippies. Zusammen mit Ken Kesey und der Band „Merry Prankster“ reisten sie durch die USA und andere Sphären. Der aktuelle Anlass für die Wiederveröffentlichung dieses Klassikers des New Journalism ist die geplante Verfilmung des Buches von Gus Van Sant.)

März

Gilbert Adair: Ein stilvoller Mord in Elstree (Taschenbuch-Ausgabe)

Michael Connelly: Der Mandant (Taschenbuch-Ausgabe)

Vince Flynn: Die Bedrohung (Terroristen entführen die CIA-Chefin. Antiterror-Agent Mitch Rapp muss sie befreien.)

Daniel Kalla: Blutlüge (Die Polizei glaubt, dass der junge Arzt Ben Dafoe seine ehemalige Verlobte umgebracht hat. Dafoe muss den wahren Täter finden. Er glaubt, dass es sein tot geglaubter Zwillingsbruder ist.)

Stephen King (schreibt als Richard Bachman): Qual (Taschenbuch-Ausgabe)

Richard Laymon: Die Jagd (erzählt von der sechzehnjährigen Jody, die von einer Bande jugendlicher Killer gejagt wird.)

Zdral: Tartufo (Taschenbuch-Ausgabe)

April

Alex Berenson: Netzwerk des Todes (Zweites Werk des Edgar-Preisträgers: CIA-Agent Wells soll in Afghanistan herausfinden, wer die Taliban von außen unterstützt. Er entdeckt das titelgebende Netzwerk des Todes.)

Tom Clancy/Steve Pieczenik: Tom Clancys Net Force – Die Attacke (Terroristen besetzen hoch gesicherte Militärbasen. Die Net Force muss ran.)

John Grisham: Touchdown (Taschenbuch-Ausgabe)

James Sallis: Driver (Taschenbuch-Ausgabe)

Fett Kursiv: auf diese Werke freue ich mich am Meisten.

Bereits erschienen

Mörderischer Herbst I – Pendragon, Edition Nautilus, Unionsverlag

Mörderischer Herbst II – Gmeiner, Grafit

Mörderischer Herbst III – Edition Köln, Emons

Mörderischer Herbst IV – btb Hardcover, Alexander Verlag, Heyne Hardcover, Liebeskind, Manhattan, Page & Turner, Rotbuch, vgs

Mörderischer Herbst V – dtv

Mörderischer Herbst VI – btb Taschenbuch

Mörderischer Herbst VII – Goldmann Taschenbuch

Mörderischer Herbst VIII – Blanvalet Taschenbuch

Mörderischer Herbst IX – Ullstein Taschenbuch

Mörderischer Herbst X – Knaur Taschenbuch

Mörderischer Herbst XI – rororo Taschenbuch


Mörderischer Herbst XI – rororo Taschenbuch

Juli 25, 2008

Gut, die rororo-Thriller-Reihe gibt es nicht mehr und seitdem die Krimis in das Mainstream-Programm ausgewandert sind, ist es auch bei Rowohlt mühsamer, die Krimiperlen zu finden (Joe R. Lansdale hatte ich im Mainstram-Programm vollkommen übersehen.).  Deshalb gibt es hier den Überblick über das Herbstprogramm:

August

Simon Beckett: Kalte Asche (Written in bone – Taschenbuch-Ausgabe)

Beat Glogger: Lauf um dein Leben (Science-Thriller über Gendoping im Profisport. Im Buch geht’s ums Laufen und die Olympiade, aber die täglichen Doping-Meldungen der Tour de France sind auch okay.)

Leena Lehtolainen: Wer sich nicht fügen will (Rivo Satakieli – Taschenbuch-Ausgabe des achten Falles von Kommissarin Maria Kallio)

Boris Meyn: Die Schattenflotte (Ein historischer Kriminalroman)

Joseph Thornborn: Das vierte Geheimnis (Il quartro segreto – und noch ein Vatikan-Thriller. Dieses Mal geht’s um das vierte Geheimnis von Fatima.)

Andrew Vachss: Der Fahrer (The getaway man – Ich hatte gedacht, Andrew Vachss wäre für den deutschen Buchmarkt gestorben. Und jetzt kehrt er nach einer vierjährigen Pause mit einer düsteren Gangstergeschichte zurück.)

September

Chris Mooney: Secret (The secret friend – Polizistin Darby McCormick sucht den Entführer und Mörder von zwei Harvard-Studentinnen. Da verschwindet die dritte Studentin.)

Roman Rausch: Das Mordkreuz (In seinem sechsten Fall beschäftigt sich der Würzburger Kommissar Killian mit dem geheimnisvollen Erscheinen einer Weißen Frau, die die Botin des Todes sein soll.)

Catherine Sampson: Furchtlos (Out of mind – Taschenbuch-Ausgabe)

Tatjana Ustinowa: Stirb, Brüderchen, stirb (Podruga osobogonaznachenija – Taschenbuch-Ausgabe)

Jacqueline Winspear: Maisie Dobbs – Das Haus zur letzten Ruhe (Maisie Dobbs – Taschenbuch-Ausgabe eines 1929 in London spielenden Krimis, der wahrscheinlich etwas falsch mit „Englands erste Detektivin ermittelt“ untertitelt ist.)

Oktober

Declan Hughes: Blutrivalen (The price of blood – In seinem dritten Fall soll Privatdetektiv Ed Loy einen verschwundenen Rennpferdetrainer finden.)

Liza Marklund: Nobels Testament (Nobels Testament – Taschenbuch-Ausgabe eines Abenteuers mit der Journalistin Annika Bengtzon)

Petra Oelker: Die Schwestern vom Roten Rathaus (Ein 1773 in Hamburg spielender Krimi.)

Norman Partridge: Die dunkle Saat (Dark Harvest – erhielt 2006 den Bram-Stoker-Preis und war für den World-Fantasy-Preis nominiert.)

Thomas Raab: Der Metzger muss nachsitzen (Taschenbuch-Ausgabe)

Maj Sjöwall/Per Wahlöö: Die Martin-Beck-Romane (Alle Sjöwall/Wahlöö-Romane erscheinen in neuer Übersetzung und mit Vorworten von bekannten Krimiautoren.)

November

Benjamin Black: Nicht frei von Sünde (Christine Falls – Taschenbuch-Ausgabe)

Petra Hammesfahr (Hrsg.): Zum Sterben schön (Weihnachtskrimis von Ingrid Noll, Jan Costin Wagner, Sandra Lüpkes, Leen Lehtolainen, Philip Kerr – Taschenbuch-Ausgabe)

Jilliane Hoffman: Vater unser (Plea of Insanity – Taschenbuch-Ausgabe)

Mons Kallentoft: Mittwinterblut (Midtvinterblot – Taschenbuch-Ausgabe)

Jan Seghers (Hrsg.): Der Tod hat 24 Türchen – Ein mörderischer Adventskalender (mit Geschichten von Friedrich Ani, Oliver Bottini, Gila Klönne, Jan Costin Wagner und anderen.)

Dezember

Gregory & Tintori: Das Auge Gottes (The Illumination – Reporterin Dana Landau entdeckt im Irak einen scheinbar wertlosen Talisman. Als deswegen Menschen sterben, will sie das Geheimnis des Steines herausfinden.)

Jilliane Hoffman: Cupido/Morpheus (Retribution/Last Witness – Zwei Krimis in einem Band)

Katherine John: Wehrlos (Midnight Murders – Zweiter Fall für Inspector Trevor Joseph. In einem alten Gebäude werden mehrere lebendig begrabene Frauenleichen gefunden und Trevor Joseph wird als Täter verdächtigt.)

Cormac McCarthy: Die Border Trilogie (fasst „All die schönen Pferde“, „Grenzgänger“ und „Land der Freien“ in einem Buch zusammen)

George Pelecanos: Der Totengarten (The Night Gardener – Ob Pelecanos bei seinem dritten Verlag [hoffentlich hab ich mich nicht verzählt] mehr Glück hat? Zu gönnen wäre es ihm und die von Rowohlt geplante Werbekampagne ist sicher hilfreich.)

Valerio Varesi: Die Schatten von Montelupo – Commissario Soneri kommt ins Grübeln (Le ombre di Montelupo – Taschenbuch-Ausgabe)

Janwillem van de Wetering: Der Freund, der keiner war (Beyond the Infinite – Kriminalnovelle)

Mila Wolf: Schandfleck (Ja, so sind die Dörfler. Statt friedlichem Landleben gibt es den Missbrauch von Minderjährigen und den Mord an einer Sechzehnjährigen. Da kann ich doch gleich in der bösen Großstadt bleiben.)

Januar

Jay Bonansinga: Todesschatten (Dark) (Perfect Victim – Vierter Thriller mit FBI-Profiler Ulysses Grove. Dieses Mal erfahren wir, dass Grove bestimmt ist, die Menschheit vor dem Verderben zu retten.)

David Hewson: Das zweite Leben (The promised land – Nach zwanzig Jahren wird David Bierce als unschuldig Verurteilter aus dem Gefängnis entlassen. Da geschieht ein weiterer Mord und wieder scheint David der Täter zu sein. Doch dieses Mal will er den wahren Täter finden. – Achten Sie auch auf den im Dezember bei Ullstein Taschenbuch erscheinenden, älteren Roman „Epiphanias“ von David Hewson.)

Alexander Köhl: Wundmale (Kommissar Basler wird wegen des Selbstmords einer jungen Frau in einer Spessartdorf geschickt. Bei seinen Ermittlungen stößt er neben Familiengeheimnissen auf religiösen Fanatismus und Aberglauben.)

Kate Pepper: Nur 15 Sekunden (Names of the Dead – Reporterin Darcy recherchiert eine Mafia-Story. Gleichzeitig wird sie von einem Stalker belästigt. Als er ein Video von einem Treffen von ihr mit einem Informanten ins Netz stellt, ist ihr Leben in Gefahr.)

Nana Rademacher: Seelenruh (In einem südbadischen Winzerdorf werden drei Frauen ermordet. Goldschmiedin Sina ermittelt „mit weiblicher Raffinesse und unkonventionellen Methoden“)

Karin Slaughter: Dreh dich nicht um/Schattenblume (A faint cold fear/Indelible – Zwei Krimis in einem Band)

Februar

J. M. Calder: Ich töte, was du liebst (And hope to die – Eine Serie von Kindesentführungen hält die Stadt in Atem. Lieutenant Solomon Glass steht vor einem Rätsel.)

Leena Lehtolainen: Du dachtest, du hättest vergessen (Kun luulit unohtaneesi – Taschenbuch-Ausgabe)

Chris Mooney: Missing (Remembering Sarah – Vor fünf Jahren verschwand Mike Sullivans Tochter spurlos. Als er versucht, einen sterbenden Ex-Priester zum Reden zu bringen, verschwindet ein weiteres Mädchen.)

Saskia Noort: Und hüte dich vor dem Bösen (De Eetclub – Taschenbuch-Ausgabe)

Thierry Serfaty: Phobie (Peur – Paris: Seltsame Selbstmorde beschäftigen Kommissar Flammand Erick. Er glaubt, dass ein Angsttherapeut sie in den Tod getrieben hat. – Allein die angekündigte Länge von 688 Seiten finde ich schon ziemlich abschreckend.)

März

Martha Grimes: Inspektor Jury küsst die Muse/Inspektor Jury bricht das Eis (The dirty duck/Jerusalem Inn – Zwei Krimis in einem Band)

Tom Harper: Der vergessene Tempel (Lost Temple – Kreta 1947: Glücksritter Sam Grant hat von einem sterbenden Archäologen ein Notizbuch erhalten. Als Grant plötzlich von britischen, amerikanischen und sowjetischen Agenten verfolgt wird, weiß er, dass er etwas Wertvolles in den Händen hat.)

Brad Kelln: Die Bibel der Toten (In tongues of the dead – Und noch ein Sakral-Thriller mit der katholischen Kirche als Bösewicht. Gut, dass Pater Benicio Valori berechtigte Zweifel hat.)

Philip Kerr: Das Janusprojekt (The one from the other – Taschenbuch-Ausgabe eines 1949 in München spielenden Krimis mit Bernie Gunther. Mitte Januar 2009 erscheint bei Wunderlich Hardcover der fünfte Bernie-Gunther-Roman „A quiet flame“ als „Das letzte Experiment“.)

Stefan Maelck: Tödliche Zugabe – Hank Meyer ermittelt (Taschenbuch-Ausgabe)

Jenniver Mc Mahon: Die Insel der verlorenen Kinder (Island of the lost girls – Ernestine fragt sich, ob ihr Freund Peter Kinder entführt.)

Gregg Olsen: Suspect – Tödlicher Verdacht (A cold dark place – Seltsame Sitte bei Rowohlt. Das mit den englischen Titeln bei den deutschen Ausgaben von englischen Werken, die in ihrer Heimat einen ganz anderen Titel haben. Oh, die Story: Detective Emily Kenyon jagt einen Serienkiller, der anscheinend ihre Tochter in seiner Gewalt hat.)

April

Kenneth Abel: Die Flut (Floaters – Mit „Köder am Haken“ und „Die Mauer des Schweigens“ hatte Kenneth Abel vor über zehn Jahren einen guten Start in Deutschland. Dann war lange Pause. In seinem neuesten Werk erzählt er eine Mafiageschichte, die während des Hurrikans Kathrina spielt.)

Simon Beckett: Obsession (Owning Jacob – Ben hat’s nicht leicht. Zuerst stirbt seine Frau Sarah. Dann muss er erfahren, dass sein autistischer Sohn Jacob nicht Sarahs Sohn ist. Sie hat ihn als Baby entführt. Ben beginnt – ganz schlechte Idee – die leiblichen Eltern von Jacob zu suchen.)

Anke Cibach: Der Tote vom Leuchtturm – Ein Fall für Tilde Janssen („Für alle, die skurille Kriminalromane lieben“, sagt der Verlag.)

Kevin O’Brien: Blutzeugen (One last scream – Die psychisch labile Amelia tötet in ihren Alpträumen ihre Familie. Da werden ihre Alpträume wahr und sie fragt sich, ob sie oder jemand anderes die Morde begangen hat.)

Mario Puzo: Der Sizilianer (The Sicilian – Neuausgabe)

Stefan Slupetzky: Lemmings Zorn – Lemmings vierter Fall (Babysitterin Angela ist tot. Lemming sucht ihren Mörder.)

P. J. Tracy: Spiel unter Freunden/Der Köder (Monkeywrench/Live Bait – Zwei Krimis in einem Band)

Fett Kursiv: Na, Sie wissen schon.

Bereits erschienen

Mörderischer Herbst I – Pendragon, Edition Nautilus, Unionsverlag

Mörderischer Herbst II – Gmeiner, Grafit

Mörderischer Herbst III – Edition Köln, Emons

Mörderischer Herbst IV – btb Hardcover, Alexander Verlag, Heyne Hardcover, Liebeskind, Manhattan, Page & Turner, Rotbuch, vgs

Mörderischer Herbst V – dtv

Mörderischer Herbst VI – btb Taschenbuch

Mörderischer Herbst VII – Goldmann Taschenbuch

Mörderischer Herbst VIII – Blanvalet Taschenbuch

Mörderischer Herbst IX – Ullstein Taschenbuch

Mörderischer Herbst X – Knaur Taschenbuch


Was hätte ich bei „Weiße Nächte“ anders gemacht?

Juli 24, 2008

Etwas Gutes haben schlechte Bücher und Filme. Ich überlege mir, was warum nicht funktioniert und wie ich es besser machen würde. Auch das gestern besprochene Buch „Weiße Nächte“ von Rainer Gross funktioniert nicht und ich fragte mich:

Wie hätte ich die Geschichte geschrieben?

Der Protagonist und der Anfang

Zuerst einmal hätte ich eindeutig das Ziel des Protagonisten (hier auch des namenlosen Ich-Erzählers) formuliert. Er will sich am Nordkap an dem Ort umbringen an dem er vor Jahren seinen Freund Jan umgebracht hat. Er ist von Schuldgefühlen getrieben. Er glaubt an den katholischen Sühnegedanken.

(Eindeutig heißt: der Leser weiß es. – Dabei ist es durchaus möglich, dass ich als Leser später erfahre, dass das ursprünglich genannte Motiv und Ziel nicht stimmen. Denken Sie nur an „The sixth sense“. Während des gesamten Films glauben wir, dass der Psychiater dem Jungen helfen will, keine Toten mehr zu sehen. Erst am Ende erkennen wir, dass der Junge dem Psychiater helfen wollte, seinen Tod zu akzeptieren. „Die üblichen Verdächtigen“ hat ein ähnlich überraschendes Ende.)

Das Handlungsziel des Protagonisten gibt mir für diese Geschichte dann die weiteren Stationen vor. Er muss auf seiner Reise auf Widerstände stoßen. Diese Widerstände müssen dazu führen, dass er sich immer wieder mit der Frage von Schuld und Sühne beschäftigt. Ihm wird immer wieder – mehr oder weniger deutlich – gesagt, dass seine Idee mit dem Selbstmord Quatsch ist. Doch er hält daran fest. Denn, als Theologiedozent hat er gelernt, dass das alttestamentarische Prinzip von Schuld und Sühne befolgt werden muss. Ein Leben für ein Leben. Auch wenn es das eigene ist.

Das könnte schon eine gute Geschichte abgeben. Aber sie bliebe eine episodische Reiseerzählung; das literarische Äquivalent zu „Easy Rider“ und „Apocalypse Now“.

Die Begleiterin und die Mitte

Doch oft sind die Reisenden nicht allein unterwegs. Denn mit einem Gefährten kann sich der Protagonist austauschen (Das ist im Film natürlich wichtiger, als in einer Erzählung. Aber auch in einer Erzählung wirken Dialoge meistens dynamischer als ein über sich nachdenkender Mensch.). Außerdem bedeutet ein Gefährte prinzipiell Konflikt. Und Konflikt ist für einen Erzähler (im Gegensatz zum normalen Leben) das, was er sucht. Für eine Geschichte gilt: Je mehr Konflikt, desto besser.

Auch Rainer Gross stellt seinem Erzähler eine Frau an die Seite. Es ist die Studentin Myriel, die zufällig das gleiche Fahrtziel hat. Sie will ihren Freund besuchen. Fein; – aber eigentlich will sie das Treffen mit ihm hinauszögern, weil sie nicht weiß, ob sie mit ihm zusammenleben möchte. Diesen Konflikt thematisiert Gross nur in wenigen Sätzen.

Doch viel wichtiger als der eben erwähnte innere Konflikt von Myriel ist die Frage, in welcher Beziehung sie zu dem Protagonisten steht. Kurz: Was will sie erreichen? In dem Roman erfahren wir es nicht.

Außerdem stehen wir am Beginn der Reise noch vor einem anderen Problem: Warum nimmt der Erzähler die Frau mit? Er hat keinen vernünftigen Grund die Frau mitzunehmen. Ebenso stellt sich die Frage, warum er sie auf der ganzen Fahrt nicht einmal verlässt. Sie ist für ihn nur unnötiger Ballast. Kurz: bis jetzt hat sie absolut keine Funktion in der Geschichte.

Überlegen wir uns also, warum er einverstanden ist, gemeinsam mit ihr zum Nordkap zu fahren.

Hat er Gefühle für sie? Unwahrscheinlich. Am Anfang der Geschichte darf er nicht in sie verliebt sein. Denn wenn er sie lieben würde, würde er nicht diese Fahrt beginnen.

Doch der Wunsch, als Sühne für einen vor Jahren stattgefundenen Unfall in den Freitod zu gehen, zeigt im Charakter des Protagonisten eine Möglichkeit auf. Er fühlt sich für seine Taten und für andere Menschen verantwortlich.

Also fühlt er sich auch für Myriel verantwortlich. Vielleicht hat er sie einmal vor einem Selbstmord gerettet. Hm, nicht so toll. Immerhin will er sich umbringen und dann nimmt er eine gescheiterte Selbstmörderin mit.

Vielleicht ist sie die Tochter seines Mentors und dieser hat ihn gebeten, auf seine Tochter aufzupassen. Das würde erklären, warum er jemanden mitnimmt, der ihn bei seiner Mission nur stört.

Dann hätten wir jetzt einen Protagonisten, der sich am Nordkap umbringen will. Auf seiner Fahrt dorthin muss er auf eine Frau aufpassen. Auf der Fahrt muss immer wieder seine Entscheidung, sich umzubringen, hinterfragt werden. Begegnungen mit Menschen und Dialoge sind hier hilfreich. Er könnte sich mit gläubigen Evangelen treffen. Er könnte sich mit der Frage auseinandersetzen, ob er für die Verbrechen der Nazis in Skandinavien heute büßen muss. Er sagt ja. Sie (oder jemand anderes) sagt nein. Und wir haben einen Konflikt.

Wenn wir ihm schon eine Begleiterin verpassen, muss zwischen ihnen auch etwas geschehen. Das kann sein, dass sie sich ineinander verlieben. Sie will daher unbedingt mit ihm in den Schlafsack hüpfen. Er will, weil er sich ja bald umbringen und seine Entscheidung nicht gefährden will, sich unter keinen Umständen in sie verlieben. Das kann sein, dass sie nach seiner Ansicht zum falschen Mann fahren will. Er will sie also vor einer falschen Entscheidung bewahren. Es kann auch sein, dass sie sich nach einer unglücklichen Beziehung umbringen will und er das verhindern muss, weil er seinem Mentor versprochen hat, sie sicher ans Nordkap zu bringen.

Jedenfalls gibt es genug Möglichkeiten, die Zeit bis zum Ziel mit spannenden Ereignissen zu füllen.

Das Ende

Irgendwann kommen wir zum Ziel der Reise. Bei Gross ist der Selbstmordversuch des Protagonisten auf Seite 156 bis 160. Die Geschichte endet ohne besondere Ereignisse auf Seite 197. Diese fast vierzig Seiten sind unnötiger Ballast. Denn nachdem der Protagonist sich für das Leben entscheidet (und so auch mit seiner Vergangenheit abschließt), ist seine Mission erfüllt. Er hat sein ursprüngliches Ziel nicht erreicht, weil er festgestellt hat, dass es das falsche Ziel war.

Natürlich sollte er das durch etwas anderes erfahren, als – wie in „Weiße Nächte“ – ein im falschen Moment umstürzendes Motorrad und seine verzweifelte Suche nach einer Feder. Ein Gespräch wäre vielleicht besser. Vielleicht sagt sie ihm, dass sie nicht verstehen könne, warum er sich umbringen wolle, nachdem er ihr in den vergangenen Tagen immer wieder sagte, wie schön das Leben sei. Er versucht seine Entscheidung zu rechtfertigen und kann es nicht.

Klingt kitschig.

Mag sein, aber es wäre ein befriedigendes Ende. Und vielleicht hätte ich, wenn ich diese Geschichte schreiben würde, bis dahin eine bessere Idee. Jedenfalls müssen alle Seiten vor dem entscheidenden Moment auf der Klippe nur einem Ziel dienen: mir als Leser begreiflich zu machen, warum der Protagonist eine bestimmte Handlung vollzieht.

Und warum hat er den Revolver mitgenommen?

Keine Ahnung.