Blu-Ray/DVD-Kritik: John Carpenters Klassiker „Assault – Anschlag bei Nacht“

Juni 22, 2012

In seinem Audiokommentar betont John Carpenter immer wieder, dass „Assault – Anschlag bei Nacht“ aus heutiger Sicht zu langsam erzählt sei und es ist beim Wiedersehen mit diesem Klassiker auch auffällig, wie viel Zeit er sich für das Set-Up nimmt. Immerhin dauert es eine halbe Stunde, bis es zu dem legendären Mord am Eiscremewagen kommt und erst nach vierzig Filmminuten beginnt die Belagerung des Polizeireviers von sich im Dunkeln versteckenden und aus dem Hinterhalt schießenden Straßengangmitgliedern.

Carpenters filmisches Vorbild für diese Belagerung, und daraus machte er nie einen Hehl und auch in seinem Audiokommentar betont er es mehrmals, ist Howard Hawks Western „Rio Bravo“, den er in die Gegenwart und nach Los Angeles verlegte, wo er lange nach Orten suchte, die bedrohlich genug für seinen Film aussahen.

Dabei ist diese erste Hälfte nicht langweilig. In ihr werden die einzelnen Charaktere (die sich aus verschiedenen Ethnien zusammensetzenden Gangmitglieder, der afroamerikanische Revierchef für eine Nacht, die junge Sekretärin des Reviers, der psychopathische Häftling, das kleine Mädchen, das am Eiscremewagen kaltblütig erschossen wird und ihr rachedurstiger Vater, der vor den Verbrechern in das Polizeirevier flüchtet) und das eigentlich schon geschlossene und deshalb nicht mehr arbeitsfähige Polizeirevier (das deshalb auch in der Großstadt von der Welt so abgeschnitten ist wie Rio Bravo) vorgestellt. Hier, in seinem ersten echten Spielfilm (immerhin drehte er sein Regiedebüt „Dark Star“ über mehrere Jahre; in „Assault“ hatte er dagegen ein Low-Budget-Budget, einen straffen Drehplan und richtige Schauspieler), zeigt er sich schon als ein Meister der Suspense.

Denn vom ersten Bild an liegt die bedrohliche Stimmung von nahendem Unglück, wie ein herannahendes Gewitter an einem schwülen Sommertag, über dem Film. Dass am Anfang von „Assault“ Polizisten in einen Hinterhalt Mitglieder einer Straßengang kaltblütig erschießen, hilft beim Kreieren dieser Stimmung. Und natürlich der von John Carpenter eingespielte, hypnotische Soundtrack. Als John T. Chance (so hießt John Wayne in „Rio Bravo“) übernahm Carpenter auch den Schnitt.

Das Breitwandbild verschafft dem Film auch optisch eine Western-Atmosphäre. Die Charaktere sind typische Western-Charaktere, die letztendlich ihrem Moralkodex folgen: der Polizist, der ohne zu klagen die Station verteidigt und schon vom ersten Bild an larger than life ist; der Verbrecher, der sich nichts gefallen lässt und dann doch, natürlich auch getrieben vom Überlebenswillen, ohne zu zögern sein Leben für die anderen Geisel einsetzt; die Frau, die auch mit der Waffe umgehen kann und keinen Beschützer braucht.

Und die Gewaltausbrüche sind plötzlich, heftig und auch mit einer Portion Zynismus inszeniert.

Nach „Assault“ inszenierte John Carpenter den unterschätzten und ziemlich unbekannten TV-Thriller „Das unsichtbare Auge“, die Horrorfilmklassiker „Halloween – Die Nacht des Grauens“ (der weitere Nächte, von anderen Regisseuren inszeniert, folgten), „The Fog – Nebel des Grauens“ und die SF-Klassiker „Die Klapperschlange“ und „Das Ding aus einer anderen Welt“, das zunächst an der Kinokasse floppte und inzwischen kultig verehrt wird. In Deutschland war der Film bis August 2009 indiziert.

Mit der Stephen-King-Verfilmung „Christine“, der herzigen „E. T.“-Variante für Erwachsene „Starman“ und der durchgeknallten Action-Comedy „Big Trouble in Little China“ (die inzwischen im allgemein Ansehen gestiegen ist) setzte er seine Serie von bemerkenswerten Filmen fort. Seine späteren Filme „Die Fürsten der Dunkelheit“, „Sie leben!“, „Jagd auf einen Unsichtbaren“, „Die Mächte des Wahnsinns“, „Das Dorf der Verdammten“, sein grottiges „Die Klapperschlange“-Remake „Flucht aus L. A.“, sein indizierter Vampirwestern „Vampire“ (der mir gefiel), sein lärmiger Zombies-auf-dem-Mars-Western „Ghosts of Mars“ und, zuletzt, „The Ward“ konnten dann, trotz interessanter Aspekte, nicht mehr an die Erfolge seines Frühwerks anknüpfen.

Assault“ war bis zum 31. März 2005 in Deutschland indiziert. Jetzt ist er ab 16 Jahre freigegeben und, auch wenn weniger Blut fließt als in einem neuen Actionfilm, verfehlt er nicht seine Wirkung als spannender, harter Thriller mit zahlreichen filmischen Referenzen. Neben „Rio Bravo“ sind die deutlichsten Referenzen an George A. Romeros Zombie-Klassiker „Die Nacht der lebenden Toten“, in dem Zombies ein abgelegenes Haus über eine Nacht belagern und ein Afroamerikaner der Held ist.

Die Qualitäten des Thrillers wurden, wie auch Carpenter in seinem informativen und selbstkritischen Audiokommentar und dem auf der Blu-ray und DVD enthaltenem Publikumsgespräch sagt, in Europa von den Filmkritikern sofort erkannt. In den USA waren die Kritiken solala und auch an der Kinokasse lief der Film solala. Heute ist er ein Klassiker, der in keiner Liste der besten Actionfilme der siebziger Jahre fehlt und auch in vielen Listen der besten Actionfilme aller Zeiten vertreten ist.

Ein Wiedersehen mit dem Film zeigt auch warum: „Assault – Anschlag bei Nacht“ ist ein ökonomisch erzählter, harter, zynisch-illusionsloser Thriller, der intelligent und überraschend bekannte Western-Muster in die Gegenwart transferiert.

 

Die Limited Collector’s Edition von Capelight

 

Wow! Das beginnt schon mit dem schicken Retro-Cover (Tausendmal besser als das alte, doch ziemlich billig aussehende Cover) und der Verpackung. Drin sind neben einem Booklet der Film auf Blu-Ray (fantastisches Bild!) und DVD und eine weitere DVD mit der gut einstündigen Dokumentation „Do you remember Laurie Zimmer?“, in der Charlotte Szlovak vor zehn Jahren die Hauptdarstellerin von „Assault“ suchte. Denn kurz nach dem Film verschwand Laurie Zimmer aus Hollywood. Szlovak, die damals mit Laurie Zimmer einige Aufnahmen für ein Filmprojekt machte, fragte sich, was mit ihr geschah.

Assault – Anschlag bei Nacht (Assault on Precinct 13, USA 1976)

Regie: John Carpenter

Drehbuch: John Carpenter

mit Austin Stoker, Darwin Joston, Laurie Zimmer, Martin West, Tony Burton, Charles Cyphers, Nancy Loomis, Peter Bruni

auch bekannt als „Das Ende“ und „Anschlag bei Nacht“

Blu-Ray/DVD (Limited Collector’s Edition)

Capelight

Bild: 2,35:1 (16:9 anamorph) (DVD), 2,35:1 (1080p/24) (Blu-Ray)

Ton: DD 2.0 (mono, remastered), Deutsch und Englisch & DD 5.1 Deutsch und Englisch (DVD), DTS-HD Master Audio 2.0 (mono, remastered) Deutsch und Englisch & DTS-HD Master Audio 5.1 Deutsch und Englisch (Blu-Ray)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bonusmaterial: Audiokommentar von John Carpenter (deutsch untertitelt), Interview mit John Carpenter und Austin Stoker, Original Kinotrailer, 2 Radio-Spots, Dokumentation „Do You Remember Laurie Zimmer?“ (deutsch untertitelt), Booklet

Länge: 91 min (DVD) / 95 min (Blu-Ray)

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

John Carpenter auf seiner Homepage über „Assault – Anschlag bei Nacht“

Rotten Tomatoes über „Assault – Anschlag bei Nacht“

Wikipedia über „Assault – Anschlag bei Nacht“ (deutsch, englisch)

Evolver: Thomas Fröhlich gratuliert John Carpenter zum Geburtstag (11. Februar 2008)


DVD-Kritik: Nicht witzig: „Screwed – Krieg im Knast“

Juni 13, 2012

Der harte britische Knastthriller „Screwed – Krieg im Knast“ basiert auf den Erinnerungen von Ronnie Thompson (ein Pseudonym), der sieben Jahre als Gefängniswärter arbeitete. Das verleiht dem Film im ersten Moment eine große Authentizität und man fragt sich immer wieder, ob es in englischen Gefängnissen wirklich so zu geht – und wie sehr sich das von deutschen Gefängnissen unterscheidet.

Allerdings werden Thompsons sieben Jahre im Film auf eine wesentlich kürzere Phase (ich hatte den Eindruck, dass der Film während einer mehrmonatigen Probezeit spielt) verkürzt und die Parallelgesellschaft des Gefängnisses wirkt dann wie ein Best-of-Knastfilm mit Insassen, die seelenruhig dealen, Wärtern, die schonungslos Gewalt anwenden, – sowieso herrscht hier das Recht das Stärkeren -, unfähigen Vorgesetzten (David Hayman schön fies), Pub- und Sexbar-Abenden der Wärter, die ihr Schlafdefizit mit Drogen ausgleichen und, etwas Story muss ja sein, einem schwunghaftem Drogenhandel, bei dem ein Wärter der Chef der Schmuggler ist. Unser ach so ehrlicher Held will sich nicht anpassen und es geschieht, was geschehen muss.

Dabei ist „Screwed – Krieg im Knast“ kein schlechter Film. Es ist halt nur ein weiterer harter Knastthriller, der trotz aller Übertreibungen und erzählerischen Verdichtungen (anscheinend hat sich der gesamte Abschaum des Universums in dem fiktiven Buch- und Filmknast HMP Romwell versammelt und beschlossen, dem Frischling gleich in den ersten Wochen zu beweisen, dass der wahre Krieg im Gefängnis und nicht im Irak stattfindet), gut und auch kurzweilig unterhält.

Eigentlich war ich sogar positiv überrascht, weil ich eher einen dümmlichen Actionfilm erwartete und ein straff erzähltes Drama sah, das Probleme zeigt, ohne eine Lösung zu haben. Denn auch wenn unser Held Sam am Ende den Job quittiert, wird sich im HMP Romwell nichts ändern. Der Kreislauf der Gewalt in dem geschlossenen System bleibt bestehen.

Screwed – Krieg im Knast (Screwed, GB 2011)

Regie: Reg Traviss

Drehbuch: Colin Butts

LV: Ronnie Thompson: Screwed: The Truth about Life as a Prison Officer, 2008

mit James D’Arcy, Noel Clarke, Frank Harper, Kate Magowan, Jamie Foreman, Doug Allen, Ray Panthaki, Andrew Shim, David Hayman, Joseph Gilgun

DVD

Sunfilm

Bild: 16:9 (1:2,35)

Ton: Deutsch (DTS, DD 5.1), Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial (angekündigt): Interviews, Trailer

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

(Blu-ray identisch)

Hinweise

Homepage von Ronnie Thompson

Wikipedia über Ronnie Thompsons Buch „Screwed: The Truth about Life as a Prison Officer“

Hey U Guys: Set-Interviews mit Reg Traviss und James D’Arcy (1. Juni 2011)

Matt J. Horn interviewt Reg Traviss (14. Juni 2011)

Lovefilm interviewt Reg Traviss (7. Juni 2011)

 Rotten Tomatoes über „Screwed“


DVD-Kritik: Sean Connery in John Boormans Science-Fiction-Dystopie „Zardoz“

Mai 29, 2012

Nachdem Sean Connery für eine damals unglaublich hohe Summe, die er sofort an den Scottish International Educational Trust spendete, 1971 in „Diamantenfieber“ wieder James Bond spielte, versuchte er einen Imagewandel. Schon in den sechziger Jahren hatte er versucht, sich neben den James-Bond-Filmen als Charakterdarsteller zu profilieren. Aber damals wollte man ihn nur als Geheimagenten sehen.

Jetzt sollte es anders werden und John Boorman schien, neben Sidney Lumet, mit dem Connery mehrmals zusammen arbeitete, der ideale Regisseur zu sein. Boorman hatte sich mit „Point Blank“, „Die Hölle sind wir“ und, zuletzt, „Beim Sterben ist jeder der erste“ einen exzellenten Ruf erarbeitet. „Zardoz“ war sein neuestes Projekt: eine Science-Fiction-Dystopie, die locker auf der Geschichte des Zauberers von Oz (Wizardof Oz – Zardoz) basiert.

In der Zukunft ist die Welt geteilt in das perfekte Utopia Vortex, in dem Unsterbliche leben, und den verarmten Außenländern, in denen Sklaven für die Nahrung der Unsterblichen sorgen und von dem über ihnen schwebendem Gott Zardoz beherrscht werden. Eines Tages gelingt es Zed (Sean Connery) von den Außenländern in das Reich der Unsterblichen einzudringen. Er wird als Kuriosität bewundert, erforscht und löst einige Prozesse unter den Unsterblichen, deren Welt gar nicht so perfekt ist, aus. Denn letztendlich sehnen sich die Unsterblichen nach der Sterblichkeit.

Zardoz“ ist kein perfekter Film und es ist auch schade, dass Sean Connery gerade in einem der schwächeren Filme von John Boorman (sein nächster Film, „Exorzist II – Der Ketzer“ dürfte dagegen sein schlechtester Film sein) die Hauptrolle spielte. Aber er ist definitiv einen Blick wert. Allein schon wegen Sean Connerys Kostüm.

Auch als Zeitdokument ist „Zardoz“ immer noch faszinierend und, nach „Matrix“, „Minority Report“ und „Inception“ sind war auch daran gewöhnt, dass bildgewaltige Science-Fiction-Filme auch Hirnfutter liefern können.

Denn damals war „Zardoz“ als intellektueller Science-Fiction-Film ein Unikat. Es ist ein nicht immer überzeugender, aber zum Nachdenken inspirierender, bildgewaltiger Mischmasch aus philosophischen Gedanken und literarischen Anspielungen, garniert mit einer Siebziger-Jahre-Filmästhetik und einigen technischen Spielereien, die man eher in aktuellen Filmen erwarten würde. Sowieso beeindrucken die Special Effects, die alle ohne die Hilfe von Computern erledigt wurden. Denn John Boorman und sein Team mussten vor vierzig Jahren alle Tricks von Hand machen.

‚Zardoz‘ gehört sicher zu den verrücktesten Filmen in Connerys bunter Karriere, prätentiös, exotisch, voll futuristisch-visueller Fantasie. (…) Die Kritik hatte Probleme mit dem schwer zugänglichem Film, der mit ungewöhnlichen Stilmitteln experimentierte: Spiegelungen, schrillen Farben und schrägen Projektionen. (…) Unter den Liebhabern des Genres avancierte ‚Zardoz‘ inzwischen zum Kultfilm.“ (Adolf Heinzlmeier: Sean Connery, 2001)

In seinem durchwachsenen Audiokommentar erzählt John Boorman, wie sie einige der Tricks machten und von den Schwierigkeiten beim Dreh, der in Irland in den Wicklow Mountains in der Nähe seines Hauses stattfand. Das geringe Budget machten sie dabei durch Einfallsreichtum und den Enthusiasmus der Schauspieler wett.

Das Problem bei dem Audiokommentar ist, dass John Boorman viel zu oft und zu lange schweigt. Mit einem Gesprächspartner, der ihn mit den richtigen Fragen zum Reden animiert hätte, wäre der Audiokommentar sicher deutlich besser geworden.

Die Bildergalerie lohnt sich. Die Teaser und Trailer sind, nun, Teaser und Trailer.

Zardoz (Zardoz, USA 1973)

Regie: John Boorman

Buch: John Boorman

mit Sean Connery, Charlotte Rampling, Sara Kestelman, John Alderton, Sally Ann Newton, Niall Buggy

DVD

Koch Media

Bild: 2,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0/5.0)

Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch

Bonusmaterial: Zwei deutsche und ein englischer Kinotrailer, Radiospots, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial, Audiokommentar von John Boorman, Wendecover

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Zardoz“ (deutsch, englisch)

John Boorman in der Kriminalakte

Sean Connery in der Kriminalakte

Gelungener Spaß mit „Zardoz“


DVD-Kritik: Zehn Stunden durchwachsene Spannung mit „Die Brücke – Transit in den Tod“

Mai 23, 2012

Auf der fast acht Kilometer langen Öresundbrücke, die seit zwölf Jahren Schweden mit Dänemark verbindet, wird eine Frauenleiche gefunden. Weil die Tote genau auf der Grenze liegt, wird ein Ermittlungsteam, das aus schwedischen und dänischen Polizisten besteht, gebildet. Die Leitung übernehmen der dänische Polizist Martin Rohde (Kim Bodnia), ein eher gemütlicher Familienmensch, und seine schwedische Kollegin Saga Norén (Sofia Helin), eine beziehungsgehemmte Star-Ermittlerin.

Beim Abtransport der Leiche stellen sie fest, dass die Leiche in der Mitte durchtrennt wurde. In der Gerichtsmedizin erfahren sie, dass die obere Hälfte der Leiche eine schwedische Politikerin, die untere Hälfte eine vor über einem Jahr spurlos verschwundene dänische Prostituierte ist.

Kurz darauf geht ein anonymer Anruf, der mit weiteren Taten droht, ein. Der Mörder will, so sagt er, auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam machen.

Klingt spannend? Ist es auch. Jedenfalls solange man rätselt, wer der Täter ist.

Aber „Die Brücke – Transit in den Tod“ ist auch ein zunehmend abstruser Thriller, bei dem die gesellschaftlichen Missstände nur von dem wahren Motiv ablenken sollen. Denn das findet sich im Privaten und der Täter, ein einzelner Mann, will sich an einem der Ermittler rächen.

Ausgehend von der Leichenablage auf der Brücke Tat entfaltet „Die Brücke – Transit in den Tod“ in den ersten Folgen (die Miniserie besteht aus fünf spielfilmlangen Episoden) mit zahlreichen Subplots ein Panorama der dänischen und schwedischen Gesellschaft. Man fragt sich nicht nur, wer der Täter ist, sondern man rätselt auch, wie die verschiedenen Geschichten miteinander zusammen hängen. Es gibt eine reiche Unternehmerin, die alles tut, um ihren schwer kranken Mann zu retten. Es gibt einen halbseidenen Sozialarbeiter, der einer Frau gegen ihren gewalttätigen Mann hilft und der seine obdachlose Schwester sucht. Es gibt einen Boulevard-Journalisten, der, nachdem der Terrorist eine Bombe in seinem Auto platzierte, als sein Sprachrohr fungiert. Und Martin Rohde hat zu Hause, vor allem nach einem Seitensprung, Probleme mit seiner Frau und seinem Sohn aus einer früheren Ehe, der seine Zeit chattend und spielend vor dem Computer verbringt.

Aber etliche dieser und weiterer Nebengeschichten werden entweder irgendwann erschreckend schnöde, als ob die Macher plötzlich das Interesse an diesen Charakteren verloren hätten, fallen gelassen oder sie enden so abrupt, dass man deren Ende leicht verpassen kann. Im Rückblick entpuppen sich die meisten dieser Nebengeschichten als Füllmaterial, das nur die Geschichte streckt.

Auch die Agenda des Terroristen, der auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam machen will, ist höchst zwiespältig. Immerhin haben die Macher sie nicht benutzt, um larmoyant-oberlehrerhafte Belehrungen, wie wir es aus jedem zweiten „Tatort“ kennen, über die Schlechtigkeit der Welt abzusondern. Die Missstände sind den Machern herzlich egal. Wie auch dem Täter, der sie als höchst pompöses Ablenkungsmanöver für seine private Vendetta benutzt.

Und wenn dann die Kommissare Saga Norén und Martin Rohde die Identität des Täters und sein Motiv erfahren, kann sich die gesamte letzte Folge der Jagd nach dem nun auch der Polizei bekannten Täter widmen. Dummerweise ist in diesem Moment die Luft aus der Geschichte raus und die Wendungen bis zur Verhaftung des Wahrheitsterroristen in der letzten Minute langweilen zunehmend.

Das klingt jetzt furchtbar negativ. Dabei ist „Die Brücke“ deutlich unterhaltsamer als die meisten „Tatorte“. Die gut zehnstündige Miniserie ist halt nur ein formelhafter, weitgehend spannender Krimi mit einem sehr sympathischen Ermittlerduo. Besonders Sofia Helin als autistische Ermittlerin mit Asperger-Syndrom hat ihre Rolle sichtlich gefallen. Wie ein kleines Kind versucht sie die Konventionen des Zusammenlebens, der Höflichkeit, zu lernen und dabei fragt sie sich, warum sie ihre Mitarbeiter für ihre gute Arbeit loben soll. Denn dafür werden sie doch bezahlt. Oder warum sie einer Mutter nicht sagen soll, dass ihre verschwundene Tochter wahrscheinlich tot ist. Das bringt dann sogar etwas Humor in den düsteren Krimi.

Die Ausstattung der DVD-Box ist, Edel-typisch, dürftig. Immerhin gibt es einige arg kurze, untertitelte Interviewschnipsel mit den Schauspielern Kim Bodnia, Sofia Helin, Sarah Boberg und Dag Malmberg, den Produzenten (deren Namen nicht gesagt werden), Kameramann Olof Johnson und den Regisseuren Charlotte Sieling, Lisa Siwe und Henrik Georgsson und einen Blick hinter die Kulissen. Nach 21 Minuten ist man damit fertig.

Untertitel gibt es keine und das Bild ist, anscheinend eine nicht überzeugende künstlerische Entscheidung der Macher, extrem blass und versackt in Braun- und Grautönen.

Die Brücke – Transit in den Tod (Bron; Broen, Schweden/Dänemark/Deutschland 2011)

Regie: Charlotte Sieling (Episode 1, 2), Lisa Siwe (Episode 3), Henrik Georgsson (Episode 4, 5)

Drehbuch: Hans Rosenfeldt, Måns Mårlind (Episode 1), Hans Rosenfeldt, Morten Dragsted, Nicolaj Scherfig (Episode 2), Hans Rosenfeldt, Nicolay Scherfig (Episode 3), Hans Rosenfeldt, Måns Mårlind (Episode 4), Hans Rosenfeldt (Episode 5) (nach einer Idee von Måns Mårlind, Hans Rosenfeldt und Björn Stein)

mit Sofia Helin (Saga Norén), Kim Bodnia (Martin Rohde), Dag Malmberg (Hans Petterson), Puk Scharbau (Mette Rohde), Emil Birk Hartmann (August Rohde), Rafael Pettersson (John), Anette Lindbäck (Gry), Said Legue (Navid), Kristina Brändén (Anne),

Sarah Boberg (Lillian), Christian Hillborg (Daniel Ferbé), Magnus Krepper (Stefan Lindberg), Kristian Lima de Faria (Åke), Maria Sundbom (Sonja Lindberg), Magnus Schmitz (Anton Cederlund), Ellen Hillingsø (Charlotte Söringer)

DVD

Edel: Motion

Bild: 16:9

Ton: Deutsch, Dänisch/Schwedisch (Dolby Digital 2.0 Stereo)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Interviews mit den Hauptdarstellern und Machern, Hinter den Kulissen Länge: 565 Minuten (5 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre (wegen der zweiten Folge, der Rest ist FSK 12)

Hinweise

ZDF über „Die Brücke“

Wikipedia über „Die Brücke“ (deutsch, englisch, dänisch, schwedisch)


DVD-Kritik: Französischer Krimi bereitet eine „Sleepless Night“

Mai 21, 2012

Der Überfall in den ersten Minuten des französischen Thrillers „Sleepless Night – Nacht der Vergeltung“ geht schief. Es gibt einige Tote, aber die beiden Täter können mit der Beute, einer Tasche voll Kokain, entkommen.

Die Polizei beginnt mit ihren Ermittlungen und auch die beiden Täter, Vincent (Tomer Sisley [„Largo Winch“]) und Manuel (Laurent Stocker [zuletzt „Die Kunst zu lieben“]) hören sich um. Sie sind Polizisten, die den Überfall auf eigene Rechnungen machten und jetzt versuchen, ihre Spuren zu verwischen. Das geht ziemlich schief und Vincents Sohn wird von dem Gangsterboss, dessen Kokain sie geklaut haben, entführt. Wenn Vincent das geklaute Kokain herausrückt, kann er seinen Sohn wieder sehen.

In der riesigen Disco des Erpresser soll es zum Austausch kommen. Vor dem Treffen versteckt Vincent das Kokain auf der Männertoilette. Aber er wird dabei von einer Kollegin beobachtet und sie nimmt es, mit ihrem höchst zwiespältigen Vorgesetzten (naja, eigentlich gibt es in „Sleepless Night“ nur Verbrecher und korrupte Polizisten), aus dem Versteck.

Als Vincent feststellt, dass das Kokain verschwunden ist, versucht er seinen Sohn zu befreien. Da entdeckt er die Kollegen, die ihn in die Disco gefolgt sind.

Sleepless Night – Nacht der Vergeltung“ ist ein feines Stück Hochspannungskino, bei dem man fast vergisst, sich über die riesige Discothek mit den unzähligen Räumen (nur der Swimmingpool wurde ausgelassen) zwischen Tanzflächen, Billard-Halle, schummerigem Bordell, Küche (immer gut für einen exzessiven Kampf), Hinterzimmern und Büros zu wundern. Und irgendwie laufen sich die die Polizisten und Verbrecher in dem kafkaesken Gebäude immer wieder über den Weg. Es wird geschossen, gekämpft und gemordet. Das ist in der proppenvollen Disco zwar nicht besonders plausibel, aber spannend. Vor allem, weil Vincent fast immer, gleichzeitig mit mehreren Problemen und Gegnern zu kämpfen hat.

Clint-Eastwood-Kameramann Tom Stern inszenierte Vincents atemlose Versuche, seinen Sohn aus den Händen der Verbrecher zu retten, fiebernd, immer nah am Geschehen, mit nimmermüder, pseudodokumentarischer Handkamera. Da hätte etwas weniger Gewackel auch seinen Dienst getan.

Und demnächst gibt es dann das Hollywood-Remake.

Sleepless Night – Nacht der Vergeltung (Nuit Blanche, Frankreich 2011)

Regie: Frédéric Jardin

Drehbuch: Frédéric Jardin (Adaption und Dialoge), Olivier Douyère (Adaption und Dialoge) (nach einem Szenario von Frédéric Jardin und Nicolas Saada)

mit Tomer Sisley, Laurent Stocker, Joey Starr, Birol Üney, Julien Boisselier

DVD

Sunfilm Entertainment

Bild: 16:9 (1:1,85)

Ton: Deutsch (DD 5.1, DTS), Französisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Trailer

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

(Blu-ray identisch; – und dann gibt es noch eine 3D-Blu-ray [erscheint mir zwar ziemlich überflüssig, aber…)

Hinweise

AlloCine über „Sleepless Night“

Metacritic über „Sleepless Night“


DVD-Kritik: In Stephen-King-Land mit der TV-Serie „Haven“

Mai 16, 2012

FBI-Agentin Audrey Parker wird von ihrem Chef in die idyllische, am Meer gelegene Maine-Kleinstadt Haven geschickt. Dort entdeckt sie ein Bild von einem fast dreißig Jahre zurückliegendem Vorfall mit dem „Colorado Kid“. Auf dem Bild ist eine Frau zu sehen, die ihr wie eine Zwillingsschwester gleicht. Die Waise Audrey will herausfinden, wer diese Frau ist. Außerdem glaubt sie, dass sie aus einem bestimmten Grund nach Haven geschickt wurde.

Am Ende der ersten Staffel steht sie einer Frau gegenüber, die behauptet, die echte FBI-Agentin Audrey Parker zu sein und unsere etwa dreißigjährige Heldin erfährt, dass sie Lucy Ripley, die Frau auf dem „Colorado Kid“-Zeitungsfoto ist und die letzten Jahre verschwunden war. Aber anscheinend kann sich niemand, der damals bei dem Ereignis dabei war, daran erinnern. Die beiden „Haven“-Journalisten, die anscheinend jedes Dorfgeheimnis kennen, schweigen eisern. Und das ist nicht das einzige Geheimnis, das Haven vor Fremden verbirgt.

Denn Haven ist keine normale Kleinstadt. In ihr haben viele Leute Probleme, die sich bei ihnen in übernatürlichen Fähigkeiten manifestieren.

Zusammen mit dem Kleinstadtpolizisten Nathan Wournos, der keine Schmerzen empfindet, und Duke Crocker, einem Schmuggler und Restaurantbesitzer mit einer Easy-Going-Lebenseinstellung, bis er erfährt, dass er von einer Person mit einer Tätowierung ermordet wird, versucht Audrey das Geheimnis ihre Vergangenheit zu ergründen und den Menschen in „Haven“ zu helfen.

Denn „die Probleme“ sind wieder zurück in Haven.

Haven“ ist eine Syfy-Serie, die sehr lose auf dem Kurzroman „The Colorado Kid“ von Stephen King basiert. Eigentlich haben die Macher von Kings Buch nur die beiden hinterfotzigen Kleinstadtjournalisten und die Stimmung des Ortes übernommen. Die von King erzählte Geschichte des Colorado Kids, einer Leiche, die in den frühen achtziger Jahren aus immer noch ungeklärten Gründen und physikalisch nicht nachvollziehbaren Wegen nach Moose-Lookit Island, Maine, kam, diente den Serienerfindern Sam Ernst und Jim Dunn nur als Startpunkt für ihre grandiose Serie. Denn in den ersten beiden „Haven“-Staffeln verraten sie, außer einigen sehr kryptischen Andeutungen, nichts über das „Colorado Kid“ und die damaligen Ereignisse. Das ist Insider-Wissen für die Leser des Romans; – falls Sam Ernst und Jim Dunn sich am Ende überhaupt auf diese Geschichte beziehen. Stattdessen haben sie in den bisherigen „Haven“-Folgen ihre eigene Mythologie von Haven und den Problemen entworfen. Eine Mythologie, die tief im Werk von Stephen King verwurzelt ist.

So wird „Haven“ schnell zu der archetypischen Stephen-King-Stadt, voller Stephen-King-Charaktere und Anspielungen und Querverweise auf sein Werk. Und, wie bei einem Stephen-King-Roman, ist man schnell von der liebevoll-heimelig-vertrauten Stimmung der Stadt und ihren Bewohnern, mit denen man gerne einige Stunden verbring, gefangen.

Vor allem weil man die Stadt und ihre Bewohner immer besser kennen lernt und schnell von ihren seltsamen, aber sympathischen Bewohnern verführt wird. Auch wenn sie, in der letzten Folge der zweiten Staffel, Weihnachten im Sommer feiern, nur Audrey auf ein traditionelles Weihnachtsfest besteht und immer mehr Bewohner spurlos aus Haven verschwinden.

Die DVDs platzen vor Bonusmaterial. Für beide Staffeln wurden mehrere hochinteressante Featurettes und Making-ofs produziert, die vor allem einen Blick hinter die Kulissen werfen. Auf der DVD-Box mit der zweiten Staffel gibt es auch das nicht so informative „Haven“-Panel von der New York Comic Con 2011. Und dann gibt es noch, verteilt auf beide Staffeln, 22 Audiokommentare; also, statistisch gesehen, zu fast jeder Folge ein Audiokommentar.

Haven (Haven, USA 2010 [Staffel 1]/2011 [Staffel 2])

Erfinder: Sam Ernst, Jim Dunn

LV: Stephen King: The Colorado Kid, 2005 (Colorado Kid)

mit Emily Rose (Audrey Parker), Lucas Bryant (Nathan Wuornos), Eric Balfour (Duke Crocker), Richard Donat (Vince Teagues), John Dunsworth (Dave Teagues), Nicholas Campbell (Chief of Police Wuornos), Stephen McHattie (Reverend Ed Driscoll), Vinessa Antoine (Evidence ‚Evi‘ Ryan), Mary-Colin Chisholm (Eleanor Carr), Glen Lefchak (Stan the Cop), Michelle Monteith (Julia Carr)

Haven – Staffel 1

DVD

Entertainment One

Bild: 16:9

Ton: Deutsch, Englisch, Französisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch

Bonusmaterial: Making-of Featurettes (Welcome to Haven, VFX of Heaven, Mythology of Haven), Behind-the-Scenes Video Blogs (What is Haven to You?, Let the Good Times Roll…, Locaction, Location, Location, Emily Rose Q & A, Stephen King References in Spira, SCI FI Wire Interview with Emily Rose), Cast Interviews (Emily Rose, Lucas Bryant, Eric Balfour), Season Two Sneak Peek: Inside the Writers‘ Room, Audiokommentare von Schauspielern und Produzenten (so das halbe Team) (Willkommen in Haven), Adam Kane (Willkommen in Haven), Sam Ernst (Executive Producer) und Jim Dunn (Executive Producer) (Schmetterlinge), Sam Ernst (Executive Producer), Jim Dunn (Executive Producer) und Jose Molina (Co-Executive Producer) (Einklang), Sam Ernst (Executive Producer/Writer) und Jose Molina (Co-Executive Producer (Verdorben), Schauspielern und Produzenten (Eine Frage des Alters), Sam Ernst (Executive Producer) und Jim Dunn (Executive Producer) (Eine Frage des Alters), Jim Dunn (Executive Producer/Writer) (Jäger und Gejagte), Sam Ernst (Executive Producer/Writer) und Jim Dunn (Executive Producer) (Tödlicher Schatten), Schauspielern und Produzenten (SOS), Charles Ardai (Consulting Producer/Writer) (So nah und doch so fern), Schauspielern und Produzenten (Zerrissen)

FSK: ab 16 Jahre

Länge: 535 Minuten (4 DVDs)

Die Probleme sind zurück in „Haven“

Willkommen in Haven (Welcome to Haven)

Regie: Adam Kane

Drehbuch: Sam Ernst, Jim Dunn

Schmetterlinge (Butterfly)

Regie: Tim Southam

Drehbuch: Ann Hamilton

Einklang (Harmony)

Regie: Rachel Talalay

Drehbuch: Matt McGuiness

Verdorben (Consumed)

Regie: Rachel Talalay

Drehbuch: Ann Hamilton

Eine Frage des Alters (Ball and Chain)

Regie: Tim Southam

Drehbuch: Nikki Toscano

Jäger und Gejagte (Fur)

Regie: Keith Samples

Drehbuch: Jim Dunn

Die Zeichnung (Sketchy)

Regie: T. W. Peacocke

Drehbuch: Matt McGuiness

Tödlicher Schatten (Ain’t no Sunshine)

Regie: Ken Girotti

Drehbuch: Sam Ernst

Das Chamäleon (As you were)

Regie: Rob Lieberman

Drehbuch: Jose Molina

Der Feuerteufel (The hand you dealt)

Regie: Rick Rosenthal

Drehbuch: Jim Dunn

SOS (The Trial of Audrey Parker)

Regie: Lee Rose

Drehbuch: Sam Ernst, Jose Molina (nach einer Geschichte von Charles Ardai)

So nah und doch so fern (Resurfacing)

Regie: Mike Rohl

Drehbuch: Charles Ardai

Zerrissen (Spiral)

Regie: Fred Gerber

Drehbuch: Sam Ernst, Jim Dunn

Haven – Staffel 2

DVD

Entertainment One

Bild: 16:9

Ton: Deutsch (DD 2.0), Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch, Französisch

Bonusmaterial: Hinter den Kulissen: Drehbuch; Produktions-Design; Kostüme; Locations; Produktions-Meeting; Regie, Kamera & Schauspieler, Interview mit Gast-Star Adam Copeland (WWE-Superstar „Edge“), Frage und Antwort: das Haven-Team auf der New York Comic Con 2011, Audiokommentare von Sam Ernst und Jim Dunn (Die doppelte Audrey), Emily Rose und Lloyd Segan (Déjà-vu), Lilla und Nora Zuckerman (Déjà-vu), Lilla und Nora Zuckerman (Abgeriegelt), Jonathan Abrahams und Brian Millikin (Die Wendigo-Schwestern), Shawn Piller und Brian Millikin (Enthüllungen), Lloyd Segan und Adam Copeland (Enthüllungen), Sam Ernst und Jim Dunn (Offene Rechnungen), Emily Rose, Lucas Bryant und Eric Balfour (Offene Rechnungen)

Länge: 526 Minuten & 94 Minuten Bonus (4 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Die Probleme bleiben in „Haven“

Die doppelte Audrey (A Tale of two Audreys)

Regie: T. W. Peacocke

Drehbuch: Sam Ernst, Jim Dunn

Das Puzzle (Fear & Loathing)

Regie: Rob Lieberman

Drehbuch: Gabrielle Stanton

Mensch gegen Maschine (Love Machine)

Regie: T. W. Peacocke

Drehbuch: Matt McGuiness, Nora Zuckerman, Lilla Zuckerman (nach einer Geschichte von Matt McGuiness)

Unter Strom (Sparks and Recreation)

Regie: Lynne Stopkewich

Drehbuch: Jonathan Abrahams (Nora Zuckerman, Annmarie Morais, Story Editor)

Zurück zu den Wurzeln (Roots)

Regie: Tim Southam

Drehbuch: Jim Dunn

Déjà-vu (Audrey Parker’s Day Off)

Regie: Fred Gerber

Drehbuch: Nora Zuckerman, Lilla Zuckerman

Blut und Wasser (The Tides that bind)

Regie: Paolo Barzman

Drehbuch: Gabrille Stanton

Die Kopie (Friend or Faux)

Regie: Stephen Reynolds

Drehbuch: Sam Ernst

Abgeriegelt (Lockdown)

Regie: Jason Priestley

Drehbuch: Nora Zuckerman, Lilla Zuckerman

Die Wendigo-Schwestern (Who, What, Where, Wendigo?)

Regie: Lee Rose

Drehbuch: Jonathan Abrahams

Enthüllungen (Business as Usual)

Regie: Shawn Piller

Drehbuch: Matt McGuiness, Gabrielle Stanton

Offene Rechnungen (Sins of the Fathers)

Regie: Lee Rose

Drehbuch: Sam Ernst, Jim Dunn

Stille Nacht (Silent Night)

Regie: Shawn Piller

Drehbuch: Brian Millikin

Hinweise

Syfy-Homepage zur Serie

Wikipedia über „Haven“ (deutsch, englisch)

Homepage von Stephen King

Mein Porträt zu Stephen Kings Geburtstag

Meine Besprechung von Stephen Kings/Richard Bachmans „Qual“ (Blaze, 2007)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Nachgelassene Dinge“ (The things they left behind) in Ed McBains „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2005)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Colorado Kid“ (The Colorado Kid, 2005)

Stephen King in der Kriminalakte und in seinem Trailer-Park


DVD-Kritik: Die „Special Forces“ retten Diane Kruger

Mai 15, 2012

Den Film würde ich gerne im Kino sehen. Nicht weil „Special Forces“ so gut ist. Der französische Thriller erzählt, wie eine französische Eliteeinheit eine Journalistin aus den Händen eines Taliban-Führers befreit und mit ihr aus Pakistan, wo sie versteckt wurde, über den verschneiten Khaiberpass zur sicheren Militärbasis flüchtet. Das ist eine klassische Geschichte, die von den Machern straff und mit der richtigen Mischung aus Action und Drama erzählt wird. Denn selbstverständlich sind die Special Forces tapfere Männer, die sich auch die Zeit nehmen, einige Einheimische vor ihren mordgierigen Verfolgern zu schützen. Erstaunlich ist in diesen Momenten, wie freiwillig sie sich der Gefahr stellen und, ohne zu zögern und Wehklagen, in den teilweise sicheren Tod gehen.

In diesen Momenten wird „Special Forces“ zu einem Hohelied auf diese staatlichen, im geheimen arbeitenden Mörder. Dass sich der Film nicht groß um kritische Distanz bemüht, ist, wenn von einer Rettungsmission erzählt wird und der Film keine Satire ist, ein integraler Teil der Geschichte. Auch die Journalistin, die vor ihrer Entführung kritische Artikel über die Spezialeinheiten schrieb, ändert während des langen Marsches ihre Einstellung.

Auf dieser Ebene ist „Special Forces“ einfach gutes, verdammt unterhaltsames Handwerk, das kurzweilig eine Geschichte über Tapferkeit und den Überlebenswillen von mehreren Menschen in einer extremen Situation erzählt. Dabei ist für sie letztendlich die Natur ein viel schlimmerer Gegner als ihre Verfolger.

So weit, so konventionell und auch befriedigend für die Freunde eines guten Abenteuerfilms.

Aber die grandiosen Landschaftsaufnahmen schreien förmlich nach einer großen Leinwand. Der Film wurde in Frankreich, Dschibuti und Tadschikistan gedreht und Kameramann David Jankowski fing die verschneiten Berge und die trockenen Wüsten und Gebirgslandschaften bildschirmfüllend ein.

Im Gegensatz zu „Act of Valor“ (Kinostart: 24. Mai 2012), bei dem echte Special-Forces-Soldaten die Hauptrollen in einer ähnlichen Geschichte übernahmen und kläglich scheiterten (das Drehbuch ist nicht ganz unschuldig), ist „Special Forces“ der deutlich bessere Film. Er regt auch zum Nachdenken darüber an, was für Männer das sind. Denn sie sterben während dieser Mission wie die Fliegen – und empfinden das als Teil ihres Jobs.

Das Bonusmaterial ist mit einem neunzigminütigen „Making of“ auf den ersten Blick sehr üppig geraten. Auf den zweiten Blick ist es, wenn man (wie ich) Französisch nicht sehr gut versteht, ausgesprochen dünn geraten. Denn es wurde auf eine deutsche Tonspur und sogar auf Untertitel verzichtet. Dafür gibt es ein dickes „Pfui!“.

Special Forces (Forces spéciales, Frankreich 2011)

Regie: Stéphane Rybojad

Drehbuch: Michael Cooper, Stéphane Rybojad

mit Diane Kruger, Djimon Hounsou, Benoît Magimel, Denis Menochet, Raphaël Personnaz, Alain Figlarz, Alain Alivon, Mehdi Nebbou, Raz Degan, Tchéky Karyo


DVD

Universum Film

Bild: 2,35:1 (16:9 anamorph)

Ton: Deutsch, Französisch/Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making of, Trailer, Wendecover

Länge: 105 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Französische Homepage zum Film

Wikipedia über „Special Forces“ (englisch, französisch)

 


DVD-Kritik: Und noch ein guter französischer Krimi: „R. I. F. – Ich werde dich finden!“

April 20, 2012

Auch wenn „R. I. F. – Ich werde dich finden!“ anders als erwartet ist, reiht sich Franck Mancusos Film nahtlos in die Reihe der guten französischen Kriminalfilme ein, die seit einigen Jahren bei uns vor allem als DVD veröffentlicht werden und im TV meist zu publikumsunfreundlichen Zeiten laufen. In Frankreich sind sie dagegen äußerst beliebt. Auch „R. I. F.“ gelang der Sprung in die Kino-Top-10. Dabei ist der düstere Polizeikrimi nicht gerade das typische Kinohitfutter, das sich normalerweise irgendwo zwischen hirnlosen Blockbustern und anspruchslosen Komödien bewegt.

R. I. F.“ ist ein realistisch erzähltes Drama über Stéphane Monnerau (Yvan Attal [Die Schlange, Fluchtpunkt Nizza]), einen Pariser Kriminalpolizisten mit Borderline-Tendenzen. Als er mit seiner Frau Valérie und ihrem sechsjährigem Sohn in Urlaub fährt, haben sie eine Autopanne. Er lässt sie für wenige Minuten an einer Tankstelle zurück. Als er wiederkommt, ist Valérie spurlos verschwunden.

Regisseur Franck Mancuso, der selbst viele Jahre Polizist war, die Drehbücher für die grandiosen Polizeithriller „36 – Tödliche Rivalen“ und „Counter Investigation – Kein Mord bleibt ungesühnt“ schrieb und „Counter Investigation“ auch inszenierte, konzentriert sich in „R. I. F.“ auf die realistische Beschreibung der Arbeit der Polizei bei einem Routinefall. Aus dem genauen Beobachten der Ermittlungsroutine der Polizei, kombiniert mit dem Drama eines Vaters, der sich fragt, warum seine Frau verschwunden ist und der, als Polizist, etwas mehr in die Ermittlungen involviert ist als ein Normalbürger, entwickelt Mancuso eine gehörige Spannung. Anfangs, weil wir uns fragen, warum Valérie spurlos verschwunden ist. Später, wenn Stéphane in Verdacht gerät, das spurlose Verschwinden seiner Frau inszeniert zu haben, weil wir uns fragen, ob er ein falsches Spiel spielt und wir alles bisher Gesehene neu betrachten.

R. I. F.“ ist, gedreht mit einer Handkamera, die immer nah bei den Charakteren ist, in rauen, meist etwas zu dunklen Bildern, ein noirischer Polizeikrimi, wie er in Deutschland höchstens von Dominik Graf gedreht wird und natürlich ist dieser Noir tausendmal besser als das, was uns wöchentlich als „Tatort“ angeboten wird.

Als Bonusmaterial gibt es ein informatives vierzigminütiges „Making of“, das auf dem DVD-Cover nicht erwähnt wird.

R. I. F. – Ich werde dich finden! (R. I. F. [Recherche dans l’Intérêt des Familles], Frankreich 2011)

Regie: Franck Mancuso

Drehbuch: Franck Mancuso, Herve Albertazzi

mit Yvan Attal, Pascal Elbé, Armelle Deutsch, Valentina Cervi, Eric Ruf,

DVD

Atlas Film/Koch Media

Bild: 16:9 (2,35:1)

Ton: Deutsch, Französisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making of, Deutscher und Originaltrailer

Länge: 84 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Allocine.fr über den Film

Meine Besprechung von Franck Mancusos „Counter Investigation – Kein Mord bleibt ungesühnt“ (Hey, es ist eine Lawrence-Block-Verfilmung!)

 


DVD-Kritik: „Big Fish“-Drehbuchautor debütiert mit „The Nines“

April 17, 2012

Bei „The Nines“ will ich nicht viel über die Handlung erzählen, denn es ist gerade ein großer Spaß, selbst herauszufinden, wie die drei Geschichten miteinander zusammenhängen. In dem ersten Teil „Der Gefangene“ geht es um den Star einer dümmlichen TV-Action-Polizeiserie (Ryan Reynolds), der nach einem Unfall (verursacht durch Trennungsschmerz und Drogeneinnahme), in dem Haus eines Drehbuchautoren, der gerade weg ist, unter Hausarrest gestellt wird. Dort langweilt er sich, lernt die sexy Nachbarin (Hope Davis) kennen, hat eine hyperagile, ewig gut gelaunte Aufpasserin (Melissa McCarthy) und glaubt, dass er nicht der einzige Bewohner des Hauses ist.

In dem zweiten Teil „Reality TV“ geht es um einen Drehbuchautor (Ryan Reynolds), der gerade, begleitet von einem TV-Team, als Showrunner in der Produktion für einen TV-Serienpiloten steckt.

Und wir begegnen wieder Melissa McCarthy als seiner Wunsch-Hauptdarstellerin in der TV-Serie und Hope Davis als seiner Ansprechpartnerin beim Sender.

Im dritten Teil „Wissend“ muss ein PC-Spieldesigner (Ryan Reynolds) nach einem Ausflug mit seiner Familie in die Berge feststellen, dass ihr Auto nicht startet. Er lässt seine Frau (Melissa McCarthy) mit ihrer Tochter zurück und trifft auf dem Weg zu einem Telefon eine Wanderin (Hope Davis).

Und immer wieder, wird der Zahl „Neun“ (was wir schon bei dem Titel „Die Neunen“ ahnten) eine besondere Bedeutung beigemessen.

Aber gerade das Herausfinden dieser Zusammenhänge ist, wie zum Beispiel in David Cronenbergs „Existenz“ oder Christopher Nolans „Inception“, ein großer intellektueller Spaß. Denn John August hatte zwar wenig Geld für den Film (so spielt der halbe Film in seiner Wohnung), aber dafür etliche hübsche und intellektuell herausfordernde Ideen und, natürlich, ein gutes Drehbuch. Ein Drehbuch, das viele Fragen stellt, viele beantwortet, zum Nachdenken anregt und, dank der wandlungsfähigen Schauspieler (für die drei Hauptdarsteller ist es eine gute Demonstration ihres Könnens) und der unterschiedlichen Stile in den drei Segmenten, bis zur letzten Minute das Interesse wach hält. Dabei hat „The Nines“ einen zutiefst freundlich-humane Ton, die durchaus an die Stimmung in Tim Burtons „Big Fish“ erinnert. „Big Fish“ war die erste Zusammenarbeit von Tim Burton und John August. Danach arbeiteten sie bei „Charlie und die Schokoladenfabrik“, „Corpse Bride – Hochzeit mit einer Leiche“, „Dark Shadows“ (Kinostart 10. Mai 2012) und „Frankenweenie“ (geplanter Kinostart 24. Januar 2013) zusammen.

In „The Nines“ fragt John August ziemlich verspielt, teils mit satirischem Unterton, was wirklich ist und wie brüchig die Wirklichkeit ist. Ein großer Spaß.

Das Bonusmaterial ist mit einer Stunde (ohne die vielen Audiokommentare) angenehm umfangreich und sehr informativ. Vor allem John August gibt viele Informationen zur Entstehung des Films, zu den einzelnen Filmsegmenten, wie sie miteinander und mit seinem Kurzfilm „God“, der ebenfalls auf der DVD ist, zusammenhängen.

The Nines – Dein Leben ist nur ein Spiel (The Nines, USA 2007)

Regie: John August

Drehbuch: John August

mit Ryan Reynolds, Melissa McCarthy, Hope Davis, Elle Fanning, David Denman, Octavia Spencer, Ben Falcone, Dahlia Salem, John Gatins

DVD

Koch Media

Bild: 1.85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (DTS, Dolby-Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Audiokommentar mit Regisseur John August und Hauptdarsteller Ryan Reynolds, Audiokommentar mit Regisseur John August, Cutter Douglas Crise und Darstellerin Mellisa McCarthy, 9 Deleted Scenes (mit Audiokommentar von Regisseur John August und Editor Douglas Crise), Featurette „Script to Screen“, Featurette „Summing up the Nines“, Interview mit John August, Kurzfilm „God“ (mit Audiokommentar von Regisseur John August, Deutscher Trailer, Origininaltrailer

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Blog von John August – und über „The Nines“

Drehbuch „The Nines“ und weitere Hintergrundinformation (etwas scrollen)

Wikipedia über „The Nines“ 

Ein schönes Interview mit Regisseur und Autor John August und Hauptdarstellerin Melissa McCarthy, das allerdings einiges vom Film verrät

und eines mit Hauptdarsteller Ryan Reynolds, der auch einiges verrät


DVD-Kritik: James Mason ist „Ausgestoßen“ in einem Noir von Carol Reed

April 10, 2012

Wenn man „Film Noir“ als Genre, als Bezeichnung für Filme, die eine bestimmte Weltsicht und formale Charakteristika teilen, begreift, dann kann ein Noir überall entstehen und spielen. Auch in England und „Ausgestoßen“ von „Der dritte Mann“-Regisseur Carol Reed ist ein ausgezeichnetes Beispiel für einen gelungen Noir. Als der Film kurz nach dem zweiten Weltkrieg für Two Cities Production entstand, war es eine Prestigeproduktion, die auch den BAFTA als bester englischer Film gewann. Gerade deshalb erstaunt, wie konsequent die Noir-Weltsicht in ihrer schwärzesten Form gezeichnet wurde.

Dabei beginnt „Ausgestoßen“ fast harmlos. Der aus dem Gefängnis geflüchtete, in der Bevölkerung als Volksheld verehrte Johnny McQueen (James Mason) plant mit seinen Kumpels einen Banküberfall. Der Überfall geht gründlich schief. Er erschießt in einen Handgemenge einen Kassierer. Er wird angeschossen. Bei der Flucht müssen seine Freunde ihn zurücklassen.

Schwerverletzt stolpert Johnny durch ein labyrinthisches Belfast, das von Polizisten, die ihn jagen, besetzt ist. Während er von einem provisorischem Versteck zum nächsten taumelt und dabei versucht, zu seiner Freundin zu gelangen und dann mit ihr aus der Stadt zu flüchten, entfaltet Carol Reed in prägnanten Szenen ein Panorama menschlicher Niedertracht, Gier und Angst. Denn letztendlich will jeder, der Johnny trifft, ihn nur für seine eigenen Interessen benutzen. Kann es ein noch düsteres Bild der Conditio Humana geben?

Für James Mason war seine Darstellung des aufgrund seiner Verletzung weitgehend passiven Johnny die Beste in seiner Karriere und es ist auch sein liebster Carol-Reed-Film.

Auch Roman Polanski ist ein Fan des heute zu Unrecht fast unbekannten Noirs: „Kein Film hat mich glücklicher gemacht.“

Ausgestoßen (Odd Man Out, GB 1947)

Regie: Carol Reed

Drehbuch: F. L. Green, R. C. Sheriff

LV: F. L. Green: Odd Man Out, 1945 (Der Terrorist)

mit James Mason, Robert Newton, Cyril Cusack, Kathleen Ryan, F.J. McCormick, William Hartnell, Fay Compton, Denis O’Dea, W.G. Fay, Maureen Delaney

DVD

Koch Media (Film Noir Collection 9)

Bild: 1.37:1 (4:3)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: 12-seitiges Booklet mit einem Essay von Thomas Willmann, Bildergalerie, Drehbuch (als PDF)

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Ausgestoßen“ (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über „Ausgestoßen“ (und hier der Eintrag)

Noir of the Week über „Ausgestoßen“


DVD-Kritik: „Amer“ ist nicht Kommerz, sondern Kunst

April 7, 2012

Vielleicht muss es so aussehen, wie in „Amer“, wenn aus Trash Kunst wird. Hélène Cattet und Bruno Forzani haben sich den den Giallo, ein in den siebziger Jahren beim Publikum beliebtes und kommerziell entsprechend erfolgreiches Subgenre des italienischen Kriminal- und Horrorfilm, das inzwischen von einigen Regisseuren gefeiert und von der Kritik rehabilitiert (wenigstens teilweise) wurde, als stilistische Vorlage für ihr Schaffen genommen. Denn neben ihrem Spielfilm „Amer“ gibt es auf der DVD noch vier, schon ältere Kurzfilme, die stumme Vorstudien und auch Variationen von „Amer“ sind. Immer geht es um Sex und Gewalt, möglichst explizit in den den Andeutungen, aber möglichst abstrakt in der Ausführung und immer mit einem Soundtrack, der Geräusche und Musik zu einer beunruhigenden Klangcollage verbindet.

Aber während die Kurzfilme meistens eine Aneinanderreihung von Bildserien sind, ist „Amer“ ein Spielfilm, der viel Raum für Assoziationen lässt und mit einem Minimum an Dialogen auskommt. Immer geht es um das Feiern des Augenblicks und dem Hervorrufen von bestimmten Gefühlen.

Das ist in dem ersten Teil von „Amer“, der strukturell aus drei sehr locker miteinander verknüpften Kurzfilmen mit der gleichen Protagonistin in verschiedenen Lebensphasen besteht, noch spannend. Immerhin versucht ein Mädchen damit umzugehen, dass in dem Herrenhaus der tote Großvater aufgebahrt ist, ihre Eltern sich lautstark streiten, die Großmutter durch das Haus schleicht und alles etwas seltsam ist. Sex, Tod und Gewalt liegen wie ein Pesthauch über den Bildern, die anscheinend direkt aus einem Siebziger-Jahre-Italo-Horrorfilm kommen.

Aber schnell wird deutlich, dass es hier nur um Stimmungen geht; was ja nicht so schlimm ist. Immerhin hat Dario Argento, der „Amer“ unübersehbar in jeder Sekunde beeinflusste, sein gesamtes Œuvre darauf aufgebaut.

Aber während Argento und seine Kollegen immer noch eine, wenn auch abstruse Story erzählte, sind Hélène Cattet und Bruno Forzani nur noch an den Stimmungen interessiert, die sie teilweise über Minuten ausdehnen. Wenn in dem zweiten Segment, das eher an einen der soften Italo-Sexfilme der siebziger Jahre (Sommer, Sonne, viel Gegenlicht, leichte Kleidung, aber die Schönheit leckt sich nur die Lippen und öffnet den obersten Knopf ihres Kleides) erinnert, die Protagonistin, die sich gerade ihres Frau-Seins bewusst wird, eine gefühlte halbe Stunde an einer Handvoll, sie lüstern anstarrender Motorradfahrer vorbeiparadiert, dann ist das so übertrieben wie in einem Michael-Bay-Film, der ebenfalls den Augenblick bis zum Erbrechen zelebriert.

Gleichzeitig wird immer deutlicher, dass „Amer“ Kunst ist, der mit der Form des Giallos spielt und besser als einzeln präsentierte Kurzfilme oder in einer Kunstausstellung aufgehoben wäre. Als Spielfilm langweilt der surreale Experimentalfilm nur zunehmend.

Amer – Ein Alptraum aus Angst und Begierde (Amer, Frankreich/Belgien 2009)

Regie: Hélène Cattet, Bruno Forzani

Regie: Hélène Cattet, Bruno Forzani

mit Marie Bos, Delphine Brual, Cassandra Foret, Charlotte Eugène-Guibbaud, Harry Cleven

DVD

Koch Media

Bild: 2,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Französisch (Dolby Digital 5.1, DTS)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Vier Kurzfilme von Cattet und Forzani (Catharsis, Chambre Jaune, L’étrange portrait de dame en jaune, La fin de notre amour), Kinotrailer, Wendecover

Länge: 88 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Eskalierende Träume: Interview mit Hélène Cattet und Bruno Forzani (23. August 2010)

Blutbengel über „Amer“ (12. Januar 2012)

 


DVD-Kritik: Blöder Titel, guter Geisterhaushorror: „Tanz der Totenköpfe“

April 4, 2012

Es war einmal, vor langer, langer Zeit, als die deutschen Verleiher bei der Titelsuche sehr kreativ waren. Aus dem doch eher undramatischen „The Legend of Hell House“ wurde marktschreierisch, vielleicht auch in Anlehnung an den „Tanz der Vampire“, der „Tanz der Totenköpfe“ und auf das deutsche Filmplakat wurde ein Totenschädel gemalt.

Nun, gut. Mit etwas Fantasie entdeckt man auch ein, zwei Totenköpfe in dem Horrorfilm. Aber einen „Tanz der Totenköpfe“ gibt es nicht. John Houghs Film, der nach einem Roman und Drehbuch von Richard Matheson (zuletzt die Vorlage für „Real Steel“), entstand, ist ein richtig altmodisch-zünftiger Geisterhaus-Thriller. Denn in dem titelgebendem Höllenhaus fanden in der Vergangenheit so viele schlimme Dinge statt, dass es in der Szene der „Mount Everest der Geisterhäuser“ genannt wird. Zuletzt schlug das übersinnliche Grauen vor zwanzig Jahren zu. Damals überlebte nur Ben Fischer (Roddy McDowall). Danach wurde das Haus versiegelt.

Erst jetzt, kurz vor seinem Tod, will der schwerreiche Besitzer herausfinden, ob sein Landhaus verflucht ist oder ob es eine rationale Erklärung für die damaligen Ereignisse gibt. Er gibt dem Physiker Dr. Lionel Barrett (Clive Revill), den Medien Ben Fischer und Florence Tanner (Pamela Franklin) viel Geld, damit sie innerhalb einer Woche herausfinden, was mit dem Haus los ist.

Die vier – Dr. Barrett wird von seiner Frau Ann (Gayle Hunnicutt) begleitet – betreten das Haus und schon bald treffen sie auf den ersten Geist. Oder spielt ihnen ihre Fantasie einen Streich und es gibt für alles eine rationale Erklärung?

Natürlich erinnert „Tanz der Totenköpfe“ an „Bis das Blut gefriert“ (The Haunting, USA 1960, R.: Robert Wise), den heute wohl bekanntesten Geisterhausfilm, dessen Story auch die Blaupause für zahlreiche weitere Filme und Bücher war. Aber Houghs Version weiß trotzdem gut zu unterhalten. Das liegt einmal an dem straffen Drehbuch von Richard Matheson, der geschickt die Sympathien zwischen den vier Hausgästen verteilt und der keine Zeit für Abschweifungen hat. Insofern ist der „Tanz der Tötenköpfe“ auch ein Beispiel für effektives Geschichtenerzählen.

Dazu kommen noch die expressionistische Farbkamera in ihrem grandiosen Siebziger-Jahre-Stil und die Musik von Brian Hodgson und Delia Derbyshire, die auch zu den Gründungsmitgliedern der einflussreichen Band „White Noise“ gehörten, deren experimentelle elektronische Klänge auch „Stereolab“ beeinflussten. Derbyshire schrieb 1962 die elektronische Version der Titelmelodie von „Dr. Who“. Die Musik für „Tanz der Totenköpfe“ war ihre letzte Komposition vor einer jahrelangen Pause vom Komponieren, die die 2001 verstorbene Musikerin erst kurz vor ihrem Tod beendete.

Die elektronischen Klangcollagen von Hodgson und Derbyshire tragen viel zum Schrecken bei – und wenn es damals schon Dolby Digital 5.1 in den Kinos gegeben hätte, wäre der Horror perfekt.

Der „Tanz der Totenköpfe“ ist ein feiner, kleiner Horrorfilm, der definitiv eine Wiederentdeckung lohnt. Denn wenn die Jungs von der OFDB recht haben, lief diese Genreperle seit fast zwanzig Jahren nicht mehr im TV.

 

Die DVD

 

Für die DVD wurde ein neues HD-Remaster genommen. Entsprechend gut ist das Bild des 1972 gedrehten Films. Als Bonusmaterial gibt es nur den Trailer. Da hätte man doch wenigstens noch einige Texttafeln mit Hintergrundinformation, eine kleine Bildergalerie und ein Wendecover liefern können.

 

Andere Meinungen

 

Ein primitives Schaubuden-Spektakel in seltsam unterkühlter, zuweilen fast steriler Atmosphäre, das selbst für Fans von modischem Okkultismus zu dürftig ausfällt.“ (Lexikon des Internationalen Films)

 

Außerdem strebt der Film zu methodisch auf seinen Höhepunkt zu, indem die mysteriösen Dinge sich häufen und ausweiten und die pyrotechnischen Kunststückchen der Spezialeffekte an Lautstärke und Heftigkeit immer mehr zunehmen und uns so auf eine Laboratoriumsfeuersbrunst am Schluss vorbereiten wie in den Horrorfilmen von anno dazumal. Wenn diese dann kommt – allerdings erst nach der heute obligatorischen Sexszene -, ist sie einigermaßen zufriedenstellend realisiert.“ (William K. Everson: Klassiker des Horrorfilms, 1979)

 

Den Produzenten muss der Schlag getroffen haben, als er sich das Machwerk vorführen ließ. Bleibt nachzutragen, dass die tanzenden Totenköpfe möglicherweise beim Transport der Filmspulen nach Deutschland in der Nordsee ertrunken sind. Im Film kommen sie jedenfalls nicht vor.“ (Ronald M. Hahn/Volker Jansen: Lexikon des Horrorfilms, 1985)

 

 

Tanz der Totenköpfe (The Legend of Hell House, GB 1973)

Regie: John Hough

Drehbuch: Richard Matheson

LV: Richard Matheson: Hell House, 1971 (Das Höllenhaus)

mit Pamela Franklin, Roddy McDowall, Clive Revill, Gayle Hunnicutt, Roland Culver, Peter Bowles

auch bekannt als „Kampf der Totenköpfe“ (TV-Titel und noch abstruser als der Kinotitel)

DVD

Black Hill Pictures/Koch Media

Bild: 16:9 (1,85:1)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bonusmaterial: Trailer

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Tanz der Totenköpfe“

Rotten Tomatoes über „Tanz der Totenköpfe“

Cinefantastique Online über „Tanz der Totenköpfe“

Twitch Film über „Tanz der Totenköpfe“

Kriminalakte: Ein episch langes Interview mit Richard Matheson

Meine Besprechung der Richard-Matheson-Verfilmung „Real Steel“

Richard Matheson in der Kriminalakte

 


DVD-Kritik: „The Prisoner“ will nicht Nummer 6 sein

April 3, 2012

Ein Mann erwacht in der Wüste. Er hat keine Ahnung, wie er dorthin gekommen ist. Kurz darauf entdeckt er eine Stadt, die anscheinend aus der Zeit gefallen ist. Jedenfalls erinnert die Stadt in der Wüste eher an eine Golden-Age-Hollywood-Stadt als an eine reale Stadt der Gegenwart. Die Einwohner sind freundlich zu ihm und sie scheinen ihn auch alle zu kennen.

Nummer 6, wie der Mann von den Bewohnern der Stadt genannt wird, will sich allerdings nicht mit diesem Leben arrangieren. Denn er weiß, dass es eine andere Welt gibt und er will wieder zurück in sein altes Leben, an das er sich nur bruchstückhaft erinnert. Auch wenn ihm alle Stadtbewohner und der Herrscher der Stadt freundlich, aber bestimmt versichern, dass er sich irrt.

The Prisoner“ war als Remake der britischen Serie „The Prisoner“ (Nummer 6) von 1967/68 mit James Caviezel als Nummer 6 und Ian McKellen als Nummer 2 (aka das Oberhaupt der Stadt) angekündigt. Weil das Original mit Patrick McGoohan als Nummer 6 schon seit Jahren Kultstatus genießt, immer wieder als eine der besten TV-Serien genannt wird und dessen Thematisierung von verschiedenen Theorien über das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, die damals diskutiert wurden, allgemein bewundert wird, hat ein Remake natürlich schlechte Karten. Gerade der direkte Vergleich mit dem allgemein geschätztem Original planiert schnell und sehr breit den Weg zu hämischen Verrissen. Wahrscheinlich deshalb wurde 2009, vor der TV-Premiere, auch öfters von einem zeitgemäßen Update der Serie gesprochen und so gesehen ist die neue Version von „The Prisoner“ als interessanter Mindfuck à la „Inception“ (USA 2010), gedreht mit einem Bruchteil von Nolans Budget, durchaus einen Blick wert.

Denn wenn man „The Prisoner“ einfach nur nach seinem eigenen Standard als Science-Fiction-Miniserie mit einer interessanten Prämisse betrachtet, ist es, trotz Schwächen, wie Episoden, die zwar das Leben in der Stadt genauer zeigen, aber Nummer 6 nicht näher an die Lösung bringen, eine optisch beeindruckende TV-Serie, die nach dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft und der Rolle des Einzelnen im Kapitalismus fragt. Das ist heute der große Konflikt. Denn die Blockkonfrontation ist vorbei und an die großen, alles erklärenden Theorien glaubt auch niemand mehr wirklich. Außerdem hat die Gestaltungsmacht der Politik gegenüber der Wirtschaft, vor allem gegenüber multinationalen, globalen Konzernen, radikal abgenommen hat.

Alle Bewohner der Stadt haben sich in dieser freundlichen „Brave New World“-Diktatur eingerichtet und sie erinnern sich gar nicht mehr an ihr anderes Leben; falls es das jemals gegeben hat. Auch die plötzlich auftauchenden Löcher im Boden, die deutliche Signale sind, dass in dieser Welt etwas nicht in Ordnung ist, irritieren die Bewohner nicht sonderlich.

Dummerweise wird dieser Konflikt von Nummer 6 und den Bewohnern, abgesehen von dem abstrakten Konflikt zwischen individueller Freiheit und dem Gehorchen des Kollektivs, nie genauer ausgeführt und zu einer veritablen Kapitalismuskritik zugespitzt. Insofern ist „The Prisoner“ gerade bei der Behandlung seines Themas kraftlos und harmloser als nötig.

Dazu passt auch, dass das Ende der sechsteiligen Miniserie zwar emotional, aber nicht rational befriedigend ist.

The Prisoner (The Prisoner, GB 2009)

Regie: Nick Hurran

Drehbuch: Bill Gallagher

mit James Caviezel, Ian McKellen, Ruth Wilson, Jamie Campbell Bower, Hayle Atwell, Rachel Blake, Lennie James, Renate Stuurmann

DVD

Koch Media

Bild: 1.78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (DTS, Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial (angekündigt): Entfallene Szenen, Making of, Die Welt des Prisoner, Comic Con Panel, Interview, Regiebesprechung

Länge: 277 min

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „The Prisoner“

AMC über „The Prisoner“

Fanseite zu „The Prisoner“ (Original und Remake)

 


DVD-Kritik: Die grandiose zweite Staffel der BBC-Serie „Ashes to Ashes“

März 30, 2012

Die Prämisse ist einfach genial: DI Alex Drake wird im heutigen London angeschossen und fällt in ein Koma. In dem Koma (jedenfalls glaubt sie, dass sie im Koma liegt) kehrt sie zurück in die frühen achtziger Jahre und soll als Polizistin Verbrechen aufklären. Sie glaubt, dass diese Welt eine Fantasie ist, die sie dazu bringen soll, wieder aus dem Koma aufzuwachen, indem sie bestimmte Aufgaben löst.

In der ersten Staffel versuchte sie daher einen Anschlag auf ihre Eltern zu verhindern. Dabei entdeckte sie auch die Hintergründe des Anschlags.

In der zweiten Staffel, die wieder aus acht Episoden besteht, glaubt Alex Drake, dass sie gegen Korruption in der Polizei, vor allem gegen ihren Vorgesetzten Det. Supt. Mackintosh, genannt Supermac, kämpfen muss. Doch dann trifft sie auf Martin Summers, einen ehemaligen Polizisten, der, wie sie, in dieser Welt feststeckt und ihr seine Hilfe anbietet, – wenn sie korrupt wird. Außerdem soll es eine Operation Rose, die nicht mehr gestoppt werden kann, geben.

Während Drake nicht weiß, wie Summers in ihre Welt gekommen ist, ist Operation Rose eine potentielle Bedrohung für ihr Leben. Und ihre Erinnerungen an ihre Tochter verblassen immer mehr.

In der zweiten „Ashes to Ashes“-Staffel stehen die einzelnen Kriminalfälle, die oft sehr überraschende Lösungen haben und immer wieder die Welt und Weltsicht der achtziger Jahre und unsere heutige Weltsicht hart und sehr lustvoll aufeinanderprallen lassen, im Mittelpunkt. So haben sich die Ermittlungsmethoden und forensischen Möglichkeiten in den vergangenen dreißig Jahren radikal geändert. Ebenso das Verhältnis der Geschlechter zueinander und vieles, was damals ungewöhnlich war, wie Geschlechtsumwandlungen und radikaler Tierschutz, sind heute, nun, vielleicht nicht normal, aber nicht mehr so außergewöhnlich wie damals. Dagegen sind Computer heute ein fester, nicht mehr wegzudenkender Bestandteil unseres Lebens. Als Alex Drake allerdings 1982 behauptet, sie empfange Nachrichten vom Computer, erntet sie nur ungläubige Blicke.

Die Musikauswahl ist wieder einmal genial und herrlich pointiert in der Kommentierung der Geschichte und der oft aus ungewöhnlichen Blickwinkeln aufgenommenen Bilder.

Dazu kommen die guten Drehbücher mit ihren verwickelten Geschichten, was sowohl für den Kriminalfall als auch für Alex Drakes Welt, mit all ihren Problemen und der Frage nach Realität und Irrealität gilt und pointierten, oft sehr komischen Dialogen, die von den gut aufgelegten Darsteller punktgenau präsentiert werden. Falls sie nicht gerade damit beschäftigt sind, Verdächtige zu schlagen oder alle Regeln, an die sich heute Polizisten halten müssen, zu ignorieren.

Ashes to Ashes“ ist auch im zweiten Jahr eine fantastische Show, die nach der dritten, bei uns noch nicht erschienenen Staffel auf dem Höhepunkt ihres Erfolges beendet wurde, und mir deutlich besser als die ursprüngliche Serie „Life on Mars“ (da ging es mit DCI Sam Tyler in die siebziger Jahre) gefällt. Obwohl die auch genial ist.

 

Die DVD

 

Die DVD-Ausgabe ist arg spartanisch geraten. Sie enthält nur die deutsche und die internationale Fassung der Serie. Denn die BBC kürzte für den internationalen Markt jede Folge um ungefähr zehn Minuten.

Das Bonusmaterial der englischen Ausgabe fehlt und dass es keine Untertitel gibt, macht das Ansehen der Originalfassung schwierig. Vor allem DCI Gene Hunt drückt sich ja immer sehr gewählt aus.

Ashes to Ashes: Zurück in die 80er – Staffel 2 (Ashes to Ashes, GB 2009)

Regie: Catherine Morshead (Episode 1, 2, 7, 8), Ben Bolt (Episode 3,4), Philip John (Episode 5, 6),

Drehbuch: Ashley Pharoah (Episode 1, 4), Matthew Graham (Episode 2, 8), Nicole Taylor (Episode 3), Julie Rutterford (Episode 5), Jack Lothian (Episode 6), Mark Greig (Episode 7)

Idee: Matthew Graham, Ashley Pharoah

mit Keeley Hawes (Alex Drake), Philip Glenister (Gene Hunt), Dean Andrews (Ray Carling), Marshall Lancaster (Chris Skelton), Montserrat Lombard (Shaz Granger), Joseph Long (Luigi), Geff Francis (Viv James), Roger Allam (Det. Supt. Mackintosh, aka Supermac), Adrian Dunbar (Martin Summers), Grace Vance (Molly Drake)

DVD

Polyband

Bild: 16:9 (1,78:1)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: –

Länge: 400 Minuten (8 x 50 Minuten) (3DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

BBC über „Ashes to Ashes“

BBC Germany über „Ashes to Ashes“

Fox Channel (Deutschland) über “Ashes to Ashes”

Wikipedia über „Ashes to Ashes“ (deutsch, englisch)

Kriminalakte: Einige Gene-Hunt-Parodien und das Original

Meine Besprechung von „Ashes to Ashes – Staffel 1“ (Ashes to Ashes, GB 2008)

 


DVD-Kritik: Ein „Set Up“ ist kein Freundschaftsdienst

März 28, 2012

Sonny (Curtis ’50 Cent‘ Jackson), Vincent (Ryan Phillippe) und Dave (Brett Grantstaff) sind Jugendfreunde, die jetzt ein großes Ding drehen: sie stehlen auf offener Straße einem Kurier eine Aktentasche mit Diamanten. Noch vor der Geldübergabe erschießt Vincent seine beiden Kumpels. Sonny überlebt und will sich rächen. Dabei erfährt er, dass sie mit ihrem Raub auch die Kreise von Gangsterboss Biggs (Bruce Willis) störten.

So weit, so konventionell; – was ja nicht schlimm wäre, wenn der Gangsterkrimis „Set Up – Freunde für’s Leben, Feinde für die Ewigkeit“ sich wenigstens bemühen würde, eine stimmige Geschichte aus dem Verbrechermilieu zu erzählen. Aber der Film ist ein halbgarer, weitgehend unplausibler Gangsterkrimi, in dem selbstverständlich jeder jeden betrügt, mit einigen, unpassenden komödiantischen Untertönen, zu vielen losen Enden und Charakteren, die bestenfalls als blasse Funktionsträger für die Geschichte funktionieren. Dieses Chaos, das wie die zusammengeklebten Schnittreste aus dem Schneideraum wirkt, fühlt sich beim Sehen dann auch deutlich länger als die achtzig Minuten, die während des Ansehens von „Set Up“ vergehen, an.

Bruce Willis hat, obwohl er auf dem Cover groß beworben und im Trailer öfters gezeigt wird (böswillig gesagt sind alle Auftritte von Willis im Trailer enthalten), nur eine Nebenrolle als fieser Gangsterboss, die er mit spürbarer Freude ausfüllt. „Set Up“ ist in der Filmographie von Bruce Willis einer der vielen Filme, die er seit seinem Durchbruch mit „Stirb langsam“ so nebenbei macht und die seiner Karriere in kommerzieller Hinsicht nicht schaden, weil die Rolle zu klein ist, um ihn für einen etwaigen Misserfolg verantwortlich zu machen, er schauspielerisch etwas ausprobieren kann und ihn wohl ein bestimmter, für Außenstehende manchmal nicht erkennbarer Aspekt interessiert hat. Bei „Set Up“ wollte er vielleicht dem Regisseur, einem Stuntman, der auch eine Doku über den vierten „Die Hard“-Film drehte und sein Stunt-Koordinator war, helfen. Bei dem demnächst im Kino startendem „The Cold Light of Day“ war es sicher die Möglichkeit, mit Mabrouk El Mechri, der den fantastischen Jean-Claude-van-Damme-Film „JCVD“ drehte, zusammen zu arbeiten.

 

Die DVD

 

Das „Set Up“-Bonusmaterial sieht auf den ersten Blick ziemlich umfangreich aus, aber die Clips sind alle ziemlich kurz geraten. Die Interviews mit Mike Gunther, Curtis ’50 Cent‘ Jackson und Randy Couture bringen es dagegen auf gut 24 Minuten. Interessant ist die Bemerkung von Rapper, Hauptdarsteller und Mitproduzent Curtis ’50 Cent‘ Jackson, der sagt, das Drehbuch von „Set Up“ sei das beste gewesen, das er an einem Wochenende gelesen habe. Wie gut waren da die anderen Bücher?

Set Up – Freunde für’s Leben, Feinde für die Ewigkeit (Setup, USA 2011)

Regie: Mike Gunther

Drehbuch: Mike Behrman, Mike Gunther

mit Curtis ’50 Cent‘ Jackson, Ryan Phillippe, Bruce Willis, Jenna Dewan, James Remar, Randy Couture, Jay Karnes

DVD

Ascot Elite

Bild: 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DTS 5.1; Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial (40 Minuten): Making of „Set Up“, Interviews mit Mike Gunther, Curtis ’50 Cent‘ Jackson und Randy Couture, Blick in den Waffenschrank von „Set Up“, Originaltrailer, Deutscher Trailer, Wendecover

Länge: 81 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Set Up“ (deutsch, englisch)

Rotten Tomatoes über „Set Up“

Before the Trailer: Interview mit Regisseur Mike Gunther (19. Dezember 2010)

 

 


DVD-Kritik: DCI John „Luther“ räumt in London auf und hat eine sehr seltsame Freundin

März 14, 2012

Während bei uns die TV-Macher schon eine Frau als Kommissariatsleiterin als große Innovation für den Freitagskrimi feiern, sind die Briten bei ihrem Freitagskrimi (die BBC strahlte „Luther“ freitags aus) schon einige Schritte weiter.

In der ersten Staffel der Krimiserie „Luther“ hat der hochintelligente DCI John Luther (Idris Elba, grandios!) eine taffe Vorgesetzte, Probleme mit einem hartnäckigem internen Ermittler, eine gescheiterte Ehe, einen psychologischen Knacks (es ging um die Verhaftung eines Serienmörders) und eine Freundin, die er in der Auftaktepisode kennenlernt.

Das klingt jetzt noch nach einem dieser düsteren Cop-Dramen, wie es schon Dutzende gibt.

Aber die Freundin von Luther ist Alice Morgan (Ruth Wilson, zuerst nervig, später grandios). Er weiß, dass sie ihre Eltern umgebracht hat, keine Reue empfindet und weiter morden wird. Dummerweise hat er keine Beweise gegen sie und sie beginnt ihn zu verfolgen. Mit der Zeit entwickeln sie eine richtige Hassliebe. Ein ungewöhnlicheres Paar hatten wir wohl noch nie in einer Krimiserie und allein dafür kann „Luther“-Erfinder Neil Cross nicht genug gelobt werden.

Dennoch ist die erste Folge ein ziemlich rumpeliger Start, der wenig von dem Potential der Serie verrät. Zu konventionell sind hier noch der Ermittler John Luther, seine intuitiven Ermittlungsmethoden, die auch Sherlock Holmes erstaunen würden, die Mischung aus dem Fall der Woche und dem Privatleben die Helden und die Dialoge sind teilweise arg platt. Aber die schiere Präsenz von Idris Elba trägt darüber hinweg.

Gut ist allerdings schon in der ersten Folge, dass in „Luther“ endlich wieder auf das altbekannte „Columbo“-Prinzip zurückgegriffen wird und der Täter von Anfang an bekannt ist. So können die Macher sich von Anfang an auf die Konfrontation zwischen Luther und dem Bösewicht zu konzentrieren und sie haben eine gute Entschuldigung, die Polizeiarbeit nur bruchstückhaft zu benutzen.

Ab dem zweiten Fall, in dem ein Ex-Soldat kaltblütig Polizisten ermordet und der nur von seinem im Gefängnis sitzendem Vater, der sich zu Unrecht verurteilt sieht, gestoppt werden kann, findet „Luther“ langsam seinen Ton. Denn noch ist Alice Morgan, die sich in Luthers Leben drängt, vor allem nervig und ihre Beziehung ist nach den Krimikonventionen nicht möglich. Doch das ändert sich in den nächsten Folgen. Luther verdächtigt einen Okkultismusautor, der vor zehn Jahren seine Frau ermordete, eine junge Mutter entführt zu haben. Dann sucht er einen Mann, der wahllos Frauen ermordet, die ihm, weil er sich als Taxifahrer tarnt, vertrauen.

Das zweiteilige Staffelfinale beginnt mit der Entführung der Frau eines Kunsthändlers. Die Entführer wollen innerhalb weniger Stunden das Lösegeld, eine größere Menge Diamanten, haben. Während ihrer Ermittlungen entpuppt sich ein Kollege von Luther als korrupt und die erste Staffel von „Luther“ steuert auf ein atemberaubendes Finale zu, das die vorherigen Erzählstränge gelungen miteinander verknüpft, die Beziehungen der verschiedenen Charaktere zueinander auf eine echte Probe stellt und auch das Verhältnis von Luther zu Alice Morgan vollkommen verändert.

Spätestens in dem Moment will man mehr von „Luther“ sehen. Weil die zweite Staffel von „Luther“ bereits am 30. März auf DVD erscheint und in England weitere „Luther“-Folgen gedreht werden, ist für Nachschub gesorgt.

Die DVD

Auf der DVD ist die internationale, vom BBC erstellte Fassung enthalten, die die einstündigen Episoden jeweils um ungefähr zehn Minuten kürzte. Außerdem nahm Polyband die ZDF-Ausstrahlung, die immer zwei Episoden hintereinander ausstrahlte, als Grundlage für die Veröffentlichung. Das ist, weil die erste „Luther“-Staffel aus sechs einstündigen Episoden mit, bis auf das zweiteilige Finale, eigenständigen Hauptfällen besteht, gewöhnungsbedürftig.

Als Bonusmaterial gibt es die knapp halbstündige Doku „Luther – The World of a true Maverick“, die sich weitgehend im Werbeblabla erschöpft. Denn selbstverständlich halten die Macher und die Schauspieler „Luther“ für eine grandiose Serie, die ganz anders als alle anderen englischen Krimiserien ist. Immerhin erzählt Autor Neil Cross etwas zu den Hintergründen von „Luther“.

Trivia: Die erste Episode erhielt den Edgar Award, die vierte war für einen Edgar nominiert.

Luther – Staffel 1 (Luther, GB 2010)

Regie: Brian Kirk (Episode 1 & 2), Sam Miller (Episode 3 & 4), Stefan Schwartz (Episode 5 & 6)

Erfinder/Drehbuchautor: Neil Cross

mit Idris Elba (DCI John Luther), Warren Brown (DS Justin Ripley), Paul McGann (Mark North), Dermot Crowley (DCI Martin Schenk), Ruth Wilson (Alice Morgan), Michael Smiley (Benny Silver), Steven Mackintosh (DCI Ian Reed), Indira Varma (Zoe Luther), Saskia Reeves (DSU Rose Teller)

DVD

Polyband

Bild: 16:9 (1,78:1)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Luther – The World of a true Maverick (Interviews mit Cast & Crew)

Länge: 300 Minuten (2 DVD)

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

BBC über „Luther“

BBC Germany über „Luther“

ZDF über „Luther“

Wikipedia über „Luther“ (deutsch, englisch)

Homepage von Neil Cross

Lesetipp

Neil Cross erzählt in „Luther – Die Drohung“ (Luther: The Calling, 2011) die Vorgeschichte zur Serie. In dem Buch sucht Luther den Mörder eines Ehepaares und deren entführtes Kind. Die Übersetzung ist jetzt bei Dumont erschienen.

Ebenfalls bei Dumont erschien bereits letztes Jahr „Vergraben“ (Burial, 2009), ein Thriller über zwei Freunde, die ein schreckliches Geheimnis teilen. Jetzt erpresst der eine den anderen.


TV-Tipp für den 4. März/DVD-Hinweis: Vier im roten Kreis

März 4, 2012

SWR, 00.05

Vier im roten Kreis (F 1970, R.: Jean-Pierre Melville)

Drehbuch: Jean-Pierre Melville

Nach einer Haftstrafe plant Einbrecher Corey (Alain Delon) gleich seinen nächsten Coup. Den Einbruch in ein gut gesichertes Juweliergeschäft. Mit zwei Kumpanen (Gian Maria Volonté, Yves Montand) will er das Ding durchziehen. Ein Kommissar (André Bourvil) jagt sie.

Mehr Story braucht Jean-Pierre Melville in seinem vorletzten Film „Vier im roten Kreis“ nicht, um ein weiteres Meisterwerk zu inszenieren. Der Gangsterfilm ist nur deshalb bei der breiten Masse unbekannter, weil Melvilles „Der eiskalte Engel“ und sein letzter Film „Der Chef“ (beide ebenfalls mit Alain Delon) bekannter sind. Denn „Vier im roten Kreis“ hat alles, was Melville-Fans lieben und auf der großen Leinwand wirkt der Film noch besser.

Legendär und in die Kinogeschichte eingegangen ist der Einbruch in das Juweliergeschäft: eine gute halbe Stunde verfolgen wir atemlos den Einbruch, bei dem keiner der Einbrecher ein Wort sagt. Großes Kino

mit Alain Delon, André Bourvil, Yves Montand, Gian Maria Volontè, Francois Périer, Paul Crauchet

Hinweise

Wikipedia über Jean-Pierre Melville (deutsch, englisch, französisch)

Senses of Cinema (Adrian Danks) über Jean-Pierre Melville (September 2002)

Guardian: Peter Lennon über Jean-Pierre Melville (27. Juni 2003)

Jean-Pierre Melville in der Kriminalakte

Bonushinweis

Arthaus/Studiocanal veröffentlichte den Film in seiner Reihe „Französisches Kino“. Als Bonusmaterial gibt es lediglich eine einundzwanzigminütige Einführung von Ginette Vincendeau. Damit reiht sich die DVD in die wenigen bisherigen deutschen Melville-Veröffentlichungen ein, die dem Rang des Regisseurs einfach nicht gerecht werden, indem sie sich weitgehend auf eine Präsentation des Films ohne nennenswertes Bonusmaterial beschränken.

Erwähnt sei, dass es auf der schon vor längerem erschienen Arthaus-Blu-ray mehr Bonusmaterial gibt.

 


DVD-Krtik: Die Barry-Eisler-Verfilmung „Rain Fall“

März 2, 2012

Lassen wir den Roman von Barry Eisler, der als Vorlage für den Film „Rain Fall“ genannt wird, links liegen. Immerhin sagt Eisler selbst zur Verfilmung: „It’s very different from the book. I can’t take any credit or blame for the movie because other than selling the rights to the book, I had no involvement.“

Betrachten wir den Film also als ein vollkommen eigenständiges Werk. Immerhin vergleicht ja auch niemand ernsthaft die James-Bond-Romane von Ian Fleming mit den Filmen (jedenfalls seit ungefähr 1970) oder die Jason-Bourne-Filme mit dem Büchern von Robert Ludlum.

Also: in dem japanischen Thriller „Rain Fall“ befindet der Auftragskiller John Rain sich plötzlich zwischen den Fronten von Geheimdiensten und der Yakuza. Denn sein letztes Opfer, der Regierungsbeamte Kawamura, hatte einen spurlos verschwundenen USB-Stick mit supergeheimen Informationen (früher war der MacGuffin ein Mikrofilm), den jetzt alle wollen.

Rain, der sich fragt, warum seine Auftraggeber und andere Killer ihn umbringen wollen, beginnt nach den Hintergründen für seinen jüngsten Auftrag zu suchen und er versucht in Tokio die Töchter von Kawamura zu retten. Bei der ersten gelingt ihm das nicht. In die zweite, eine Jazz-Pianistin, verliebt er sich.

Und dann ist da noch ein hartnäckiger, leicht desillusionierter, älterer Polizist, der zwischen den letzten Morden von Rain an wichtigen Japanern, die alle wie Unfälle aussahen, eine Verbindung vermutet.

Das könnte ein spannender Thriller werden, aber Drehbuchautor und Regisseur Max Mannix findet nie den richtigen Rhythmus und die gesamte Geschichte wird auch eher chaotisch erzählt. Denn zu lange sind die Fronten und auch die Motivationen von einzelnen Charakteren unklar, und, anstatt gespannt der Geschichte zu folgen, fragt man sich, wer warum gegeneinander kämpft und warum der USB-Stick so wichtig ist.

Wenn man in diesen Minuten wenigstens auf der Seite des Protagonisten John Rain stünde, könnte man ihm immerhin die Daumen drücken. Aber dessen Taten und seine plötzliche Wandlung vom eiskalten Profikiller zum edlen Ritter bleiben die meiste Zeit vollkommen rätselhaft und lassen da, wo der Film sein dramaturgisches Zentrum haben sollte, eine große Lücke, die mit Genrewissen leidlich aufgefüllt wird.

Trotzdem ist „Rain Fall“ kein komplett gescheiterter Film, sondern ein interessanter Hybrid zwischen westlichem (Mannix ist Australier) und japanischem Empfinden mit einem internationalen Cast und, in der Originalfassung, einem japanisch-englischem Sprachgemisch. Denn so sehr Mannix sich auch am Hongkong-Action-Kino und den Jason-Bourne-Filmen (mit einer Portion „Leon, der Profi“, der Mannix auch als visuelle Inspiration diente) orientiert, so störend ist das nur rudimentär entwickelte Drehbuch (Die Motivationen! Die Fronten! Der MacGuffin!) und die über weite Teile vorherrschende Jason-Bourne-Ästhetik mit den Sekundenschnitten, die in „Rain Fall“ gerade wenn zwischen John Rain, der CIA-Zentrale und mehreren Überwachungskameras hin- und hergeschnitten wird, durchaus – auch dank Gary Oldman – ordentlich spannend ist, aber bei den wenigen Action-Szenen in einem halbdunklem Schnittchaos versumpft. Meistens täuschen die Sekundenschnitte allerdings nur eine nicht vorhandene Dynamik vor.

Die Folge ist, dass „Rain Fall“ über weite Teile wie ein im Leerlauf dröhnender Formel-1-Motor wirkt: laut, sehr laut und doch auf der Stelle stehen bleibend.

Bei dem Bonusmaterial geben die Interviews, insgesamt eine viertel Stunde, einen Einblick in die Dreharbeiten und die verschiedenen Befindlichkeiten und Arbeitsmethoden von westlichen und asiatischen Crews.

Rain Fall (Rain Fall, Japan 2009)

Regie: Max Mannix

Drehbuch: Max Mannix

LV: Barry Eisler: Rain Fall, 2002 (Tokio Killer)

mit Kippei Shiina, Gary Oldman, Kyoko Hasegawa, Misa Shimizu, Dirk Hunter, Akira Emoto

DVD

Ascot Elite

Bild: 2.35:1 (Anamorphic Widescreen 16:9)

Ton: Deutsch (DTS 5.1, Dolby Digital 5.1), Englisch/Japanisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Interviews mit Kippei Shiina, Gary Oldman, Kyoko Hasegawa und Max Mannix, B-Roll, Deutscher Trailer, Originaltrailer, Wendecover

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Japanische Homepage zum Film

Wikipedia über „Rain Fall“

Homepage von Barry Eisler

Blog von Barry Eisler

Evolver: Martin Compart über Barry Eisler und die John-Rain-Romane

Meine Besprechung von Barry Eislers „Riskante Rückkehr“ (The last Assassin, 2006)

Barry Eisler in der Kriminalakte

 


DVD-Kritik: Was ist das „Psycho Legacy“?

Februar 27, 2012

Das Cover deutet eher auf einen dieser unzähligen vergessenswerten Horrorfilme hin, bei denen man mit einem zugkräftigem Titel ahnungslose Käufer fangen will. Doch das ist ein Etikettenschwindel. Denn „Psycho Legacy“ ist eine spielfilmlange Dokumentation über die vier „Psycho“-Filme mit Anthony Perkins in der Rolle seines Lebens.

Auf der DVD-Rückseite geht der Etikettenschwindel weiter. Denn als „Special Features“ werden „Deleted Scenes“, „Interviews“ und eine „Trailershow“ (Bäh, das ist, als ob auf dem Cover eines Taschenbuches stünde: „mit Hinweisen auf weitere Bücher aus dem Verlag“) angekündigt.

Interviews“ ist zwar nicht ganz falsch, aber damit wird die schiere Menge der Interviews unterschlagen. Denn Regisseur und Produzent Robert V. Galluzzo packte da, neben den fast zwanzig Minuten geschnittener Szenen (unter anderem ein gut fünfminütiges Abwatschen von Gus van Sants „Psycho“-Remake) einfach alles drauf, was er in der Doku „Psycho Legacy“ nicht verwenden konnte und das sind insgesamt über fünf (!) Stunden weitgehend hochinteressantes Material. In den USA erschien die Doku mit Bonusmaterial als Doppel-DVD – und das hätte man auch hier machen sollen. Vor allem, weil das Bonusmaterial auf der deutschen Ausgabe anscheinend noch umfangreicher ausgefallen ist. Denn die Bildqualität lässt manchmal doch arg zu wünschen übrig und der Ton; – nun, die Doku wurde nicht mit High-End-Equipment aufgenommen.

Wer aber über diese technischen Probleme hinwegsieht, wird vor allem über die in den achtziger Jahren gedrehten „Psycho“-Filme viel Neues erfahren. Diese Filme stehen eindeutig im Schatten von Alfred Hitchcocks „Psycho“ (über Norman Bates, der unter dem Einfluss seiner Mutter stehend, vor allem Frauen mordet), einem Klassiker des Kriminal- und Horrorfilms, dessen Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann und über den es auch, im Gegensatz zu den Fortsetzungen, entsprechend viele und umfangreiche Dokumentationen und Bücher gibt.

Als zwanzig Jahre später in „Psycho II“ die Geschichte von Norman Bates, der als geheilt aus der Irrenanstalt entlassen wird, sich kurz darauf wieder mit Morden, die anscheinend von seiner Mutter begangen werden, konfrontiert und als Mörder verdächtigt sieht, weitererzählt wird, waren die skeptischen bis negativen Reaktionen vorhersehbar. Denn natürlich konnte „Psycho II“ nur schlechter als „Psycho“ sein: „nicht ganz ohne Interesse, wenn man sie als Parodie versteht“ (Fischer Film Almanach 1984) „Fortsetzung…grenzt fast an Blasphemie“ und „Kopie des unerreichbaren Vorgängers“ (Meinolf Zurhorst : Lexikon des Kriminalfilms – Völlig überarbeitete Neuausgabe [1993]) und, fast schon überschwänglich positiv „ordentlich inszeniert und gespielt“ (Lexikon des internationalen Films). Begeisterung liest sich anders.

Psycho II“ war ursprünglich als TV-Film geplant, entsprechend niedrig budgetiert, erhielt dann in den USA doch einen Kinostart und war an der Kasse sehr erfolgreich. In der Doku „Psycho Legacy“ wird „Psycho II“ von den Interviewten immer wieder ein überraschend gutes Sequel genannt.

Auch „Psycho III“ (bei dem Anthony Perkins Regie führte) und „Psycho IV“ kommen gut weg. Denn die als Fanprojekt begonnene Dokumentation war nie als übermäßig kritischer Rückblick auf die Filme geplant. Dafür lieben Regisseur Galluzzo und seine Gesprächspartner, von denen die meisten auch in die „Psycho“-Filme involviert waren, die Filme zu sehr.

Galluzzo sprach unter anderem mit Hilton Green (Assistant Director bei „Psycho“, Produzent bei „Psycho II – IV“), den Drehbuchautoren Tom Holland („Psycho II“) und Charles Edward Pogue („Psycho III“), den Regisseuren Mick Garris („Psycho IV“) und Stuart Gordon (der mit Perkins zusammenarbeitete) und vielen Schauspieler, wie Jeff Fahey, Henry Thomas, Robert Loggia, Lee Garlington, Diana Scarwild, Katt Shea (die später „Carrie 2“ drehte) und Olivia Hussey, die alle in mindestens in einem „Psycho“-Fllm mitspielten. Sie geben gute Einblicke in die Entstehung der Filme und teilen ihr Wissen gerne; – vor allem in den weitgehend ungeschnittenen Interviews im Bonusmaterial. Da reden „Psycho II“-Drehbuchautor Tom Holland fast zehn Minuten, „Psycho III“-Drehbuchautor Charles Edward Pogue fast 25 Minuten und „Psycho IV“-Regisseur Mick Garris eine gute halbe Stunde, ohne zu langweilen, über die Filme.

Es gibt auch Ausschnitte aus einer 42-minütigen Q&A-Panel-Diskussion von 1988 mit Anthony Perkins (der am 12. September 1992 starb) über „Psycho“. Die während der Dreharbeiten entdeckte Diskussion (jaja, Bild und Ton sind lau) ist vollständig im Bonusmaterial der DVD enthalten.

Auch von Richard Franklin, dem Regisseur von „Psycho II“, der kurz vor dem Beginn der Drehbarbeiten für „Psycho Legacy“ starb, ist nur Archivmaterial vorhanden. Er war von Gallazzos Idee, eine Doku über die „Psycho“-Filme zu machen, begeistert und half ihm auch bei den ersten Vorbereitungen.

Diese Interviews, wozu auch mehrere Filmkritiker von Horrorfilm-Zeitschriften und Autoren, wie David J. Schow (ein Hard-Case-Crime-Autor, Horrorschriftsteller und Drehbuchautor) schnitt Galluzo für die Doku „Psycho Legacy“ zu einem kurzweilig-informativem Mix zusammen, in dem aus den Interviews wieder eine eigene Erzählung wird und die vier „Psycho“-Filme mit Anthony Perkins chronologisch, in deutlich getrennten Segmenten, vorgestellt werden.

Wer sich nur für Alfred Hitcoccks „Psycho“ interessiert, dürfte enttäuscht sein. Über „Psycho“ wird nur die ersten zwanzig Minuten gesprochen und auch im Bonusmaterial gibt es eigentlich keine weiteren Informationen zu dem Film.

Psycho Legacy“ ist ein filmhistorisch sehr interessanter, wertvoller und wichtiger Fanfilm (was sich vor allem im Budget niederschlug), der mit Tonnen an Informationen begeistert – und, obwohl „Psycho II“, „Psycho III“ und „Psycho IV“ nicht gerade die besten Filme sind (sie dürften sicher etwas unterschätzt sein, aber sie sind auch keine Klassiker), macht die Doku Lust darauf, sich die „Psycho“-Filme noch einmal anzusehen.

Psycho Legacy (The Psycho Legacy, USA 2010)

Regie: Robert V. Galluzzo

Drehbuch: Robert V. Galluzzo

mit Hilton A. Green, Tom Holland, Robert Loggia, Kurt Paul, Diana Scarwid, Jeff Fahey, Juliette Cummins, Katt Shea, Charles Edward Pogue, Mick Garris, Henry Thomas, Olivia Hussey, Stuart Gordon, Anthony Perkins (Archivmaterial), Janet Leigh (Archivmaterial), Vera Miles (Archivmaterial), Alfred Hitchcock (Archivmaterial), Richard Franklin (Archivmaterial)

DVD

Ascot Elite

Bild: 16:9

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Deleted Scenes, Interviews

Länge: 87 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die „Psycho“-Filme

Psycho (Psycho, USA 1960)

Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: Joseph Stefano

LV: Robert Bloch: Psycho, 1959 (Psycho)

mit Janet Leigh, Anthony Perkins, Vera Miles, John Gavin, Martin Balsam, John McIntire, Simon Oakland

Psycho II (Psycho II, USA 1982)

Regie: Richard Franklin

Drehbuch: Tom Holland

mit Anthony Perkins, Vera Miles, Meg Tilly, Robert Loggia, Dennis Franz

Psycho III (Psycho III, USA 1986)

Regie: Anthony Perkins

Drehbuch: Charles Edward Pogue

mit Anthony Perkins, Diana Scarwild, Jeff Fahey, Roberta Maxwell, Hugh Gillin

Psycho IV – The Beginning (Psycho IV – The Beginning, USA 1990, TV-Produktion)

Regie: Mick Garris

Drehbuch: Joseph Stefano

mit Anthony Perkins, Henry Thomas, Olivia Hussey, CCH Pounder, Warren Frost, John Landis

Das missglückte 1-zu-1-Remake (das in der Doku nicht erwähnt wird)

Psycho (Psycho, USA 1998)

Regie: Gus Van Sant

Drehbuch: Joseph Stefano

mit Vince Vaughn, Anne Heche, Julianne Moore, Viggo Mortensen, William H. Macy, Robert Forster, Philip Baker Hall, Anne Haney

Hinweise

MediaMikes: Interview mit Robert V. Galluzzo zu „Psycho Legacy“ (18. Juni 2010)

Wikipedia über „Psycho Legacy“

Der „Psycho Legacy“-YouTube-Kanal

Und hier das Cover der US-amerikanischen DVD, das mir aus offensichtlichen Gründen besser gefällt.

 


Francois Truffaut – II: Die Antoine-Doinel-Filme: Sie küssten und sie schlugen ihn, Geraubte Küsse, Tisch und Bett, Liebe auf der Flucht

Februar 22, 2012

Ich stelle mir den Film von morgen also noch persönlicher vor, als einen individualistischen und autobiographischen Roman, wie ein Bekenntnis oder Tagebuch. Die jungen Filmemacher werden sich in der ersten Person ausdrücken und schildern, was ihnen widerfahren ist. Das könnte die Geschichte ihrer ersten oder neuesten Liebe sein, ihr politische Erwachen, ein Reisebericht, eine Krankheit, ihr Militärdienst, ihre Hochzeit, ihre letzten Ferien, und es müsste fast notgedrungen ankommen, weil es wahr und neu wäre…Der Film von morgen wird ein Akt der Liebe sein.“ schrieb Francois Truffaut in der „Cahiers du Cinéma“. Er bewunderte die Filme von Max Ophüls, Ingmar Bergmann, Orson Welles, Alfred Hitchcock und den Film Noir (eigentlich ist, wenn ein Hollywood-Stil einen französischen Namen erhält, schon alles gesagt). Er schrieb herbe Verrisse über die damaligen französischen Filme und 1958 erhielt er keine Akkreditierung für das Filmfestival Cannes.

Ein Jahr später erhielt der Siebenundzwanzigjährige für seinen ersten Spielfilm, „Sie küssten und sie schlugen ihn“ (Les quatre cents coups), den Großen Preis von Cannes für die Regie. In dem Film begann er den von ihm vorher formulierten Anspruch in die Tat umzusetzen. Denn die Geschichte von Antoine Doinel (verkörpert von dem Dreizehnjährigen Jean-Pierre Léaud) weist etliche Gemeinsamkeiten mit seiner Biographie auf. In dem Film erzählt Truffaut von Antoine, der in einer dysfunktionalen Familie aufwächst. Seine Mutter geht fremd. Sein Stiefvater flüchtet sich in sein Hobby und Antoine Doinel, der nach einem Vorbild sucht, flüchtet in die Welt des Kinos und der Bücher. Er beginnt zu stehlen, wird erwischt und landet in einem Erziehungsheim, aus dem er wieder flüchtet. Ein Klassiker der Nouvelle Vague.

1962 kehrte Truffaut für den Kurzfilm „Antoine und Colette“ (Antoine et Colette), der ein Teil des Episodenfilms „Liebe mit zwanzig“ (L’amour à vingt ans) ist, zu Antoine Doinel zurück. Die anderen Episoden waren von Renzo Rossellini, Andrzeij Wajda, Marcel Ophüls und Shintaro Ishihara..

Truffaut erzählt von Antoines erster Liebe zu Colette (Marie-France Pisier), wie er sich sein Geld verdient, die Abende verbringt und sich gut mit Colettes Eltern versteht. Ein wunderschöner und leichter Kurzfilm.

1968 folgte der zweite Doinel-Spielfilm „Geraubte Küsse“ (Baisers voles), der während der Proteste gegen die Entlassung von Henri Langlois, dem Leiter der Cinémathèque, entstand. In dem Film wird Antoine unehrenhaft aus dem Militär entlassen. Er arbeitet als Nachtportier, Privatdetektiv und, undercover, als Schuhverkäufer. Er verliebt sich in mehrere Frauen, vor allem in die Frau des Besitzers des Schuhgeschäfts (Delphine Seyrig), und er verfolgt Christine Darbon (Claude Jade), in die er wirklich verliebt ist, die aber, wie schon Colette in „Antoine und Colette“, nichts von ihm wissen will, und er versteht sich ausgezeichnet mit ihren Eltern. Am Ende des Films finden sie zueinander.

Schon 1970 gab es mit „Tisch und Bett“ (Domicile conjugal) den dritten Doinel-Spielfilm, Antoine und Christine sind verheiratet. Er versucht im Hinterhof das perfekte Rot für Blumen zu finden. Sie gibt Musikunterricht und der gesamte Hinterhof ist ein funktionierender Mikrokosmos der Gesellschaft. Er wird Vater. In einer wundervollen Montage zeigt Truffaut, wie Antoine begreift, dass seine Frau schwanger ist.

Er kriegt, eher zufällig, einen Job bei einem amerikanischen Konzern. Er soll Modellboote steuern und das tut er hingebungsvoll. Er verliebt sich in eine Japanerin, die er während der Arbeit kennenlernte, und seine Ehe steht auf dem Spiel. Denn letztendlich kann Antoine gar nicht verstehen, dass er sich zwischen den beiden Frauen entscheiden muss.

1978 beschloss Truffaut mit „Liebe auf der Flucht“ (L’amour en fuite) seinen Antoine-Doinel-Zyklus. In dem Film begegnet Antoine, der sich seit „Tisch und Bett“ nicht veränderte, wieder seiner ersten Liebe Colette (die auch wieder von Marie-France Pisier gespielt wird) und er ist inzwischen von seiner Vergangenheit umzingelt. 18 Filmminuten des neunzigminütigen Films sind direkt aus den vorherigen Doinel-Filmen entnommen und werden in „Liebe auf der Flucht“ teilweise in einem anderen Zusammenhang zitiert werden. Dazu gibt es noch Zitate aus Doinels erfolglosem, autobiographischen Roman „Der Liebessalat“.

Die Antoine-Doinel-Film weitgehend episodisch und sie leben vor allem von Jean-Pierre Léauds Interpretation des Charakters, dessen Leben zuerst deutliche Parallelen zu Truffauts Leben hatte, später dann zu Léauds Leben.

Dank Léaud ist dieser Antoine Doinel ein sehr sympathischer Charakter, auch wenn er, wie ein Kind, Ich-bezogen, verantwortungs- und planlos ist. Denn er scheitert in ungefähr jedem Job und auch aus dem Militär wird er, am Anfang von „Geraubte Küsse“ unehrenhaft entlassen. Als der Vorgesetzte ihn fragt, warum er sich überhaupt verpflichtet habe, zuckt Doinel nur mit den Schultern und flüchtet sich in die Ausrede, er habe persönliche Gründe gehabt.

Aber gleichzeitig ist er, wie ein Kind, begeisterungsfähig, er nimmt nichts wirklich ernst und er ist hilfsbereit. Insofern ist er ein sympathischer Bruder Leichtfuß, der auch ein halber Schlawiner ist, und der nicht treu sein kann. Nicht weil er seine Frau Christine nicht liebt, sondern weil er die Frauen liebt.

Die Antoine-Doinel-Geschichten sind, im Gegensatz zu den kalten Abrechnungen Claude Chabrols, liebevolle Porträts der Bourgeoisie und des aufstrebenden Bürgertums. Denn auch wenn die ganze Welt revolutionär auf die Straße geht, ist Antoine nur an Christine, seiner guten Beziehung zu ihren Eltern und sich selbst interessiert.

Wahrscheinlich hat Antoine „1968“ überhaupt nicht wahrgenommen und eine Diskussion mit ihm über Politik und die Gesellschaft erscheint ziemlich fruchtlos; obwohl er die neu gewonnenen sexuellen Freiheiten gerne mitnimmt. Auch weil er bestimmte gesellschaftliche Konventionen einfach ignoriert.

Gerade in der Zeichnung des Lebens eines jungen Mannes, der keine Eltern mehr hat, und der versucht auf seinen eigenen Füßen zu stehen, der eine Familie gründet („Geraubte Küsse“ endet implizit mit der Heirat; „Tisch und Bett“ zeigt die ersten Ehejahre und die Freude über seinen Sohn) zeichnet Truffaut ein sehr präzises soziologisches Porträt der damaligen Zeit und mit welchen Gegenständen sich junge Menschen einrichteten; fast als ob er Pierre Bourdieus „Die feinen Unterschiede“ gelesen hätte. Aber das Werk erschien erst 1979.

Und der Hinterhof, auf dem Antoine in „Tisch und Bett“ seine Blumen färbt, ist ein kleiner gesellschaftlicher Kosmos. Hier treffen sich die Menschen, sie kennen sich, sie helfen sich, sie tratschen und niemand hat ein Geheimnis. Heute sind diese Hinterhöfe und diese Hausgemeinschaften verschwunden. Und ob es sie 1970 noch so gab, wie Truffaut sie in „Tisch und Bett“ idealisiert, bezweifle ich.

Die Antoine-Doinel-Filme sind immer episodisch und auch etwas ziellos. Dank Léaud und den vielen kleinen, präzise beobachteten Vignetten und filmischen Witzen (wenn Doinel sich in „Geraubte Küsse“ als Privatdetektiv versucht und höchst auffällig eine Frau verfolgt; wenn er mit einer deutlich größeren Frau eine Straße hinuntergeht) und dem humoristischen Tonfall, der oft die Geschichte konterkariert, sind sie auch heute noch unterhaltsam, aber auch etwas zäh anzusehen.

 

Antoine-Doinel-Zyklus

Arthaus/Studiocanal

enthält „Sie küssten und sie schlugen ihn“, „Geraubte Küsse“, „Tisch und Bett“ und „Liebe auf der Flucht“

Bild: verschieden

Sprachen/Ton: Deutsch, Französisch (Mono DD)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial, das es meistens nicht auf den Einzel-DVDs gibt: Episodenfilm „Liebe mit zwanzig“ (Regie: Shintarô Ishihara, Marcel Ophüls, Renzo Rossellini und Andrzej Wajda, mit dem Doinel-Film „Antoine und Colette“), „Arbeit mit François Truffaut“ (1986, Regie: Rainer Gansera), Einführungen des Truffaut-Biografen Serge Toubiana, „Die Unverschämten“ 1957, Regie: Francois Truffaut, Kurzfilm), Probeaufnahmen von Jean-Pierre Léaud, Patrick Auffay und Richard Kanayan zu „Sie küssten und sie schlugen ihn“, Jean-Pierre Léaud bei der Cannes-Premiere von „Sie küssten und sie schlugen ihn“, Ausschnitt aus der Fernsehsendung „Cinéastes de notre temps: François Truffaut, dix ans, dix films“ (1970), Truffaut spricht über die ersten drei Teile des Zyklus, Ausschnitt aus der Fernsehsendung „Midi Magazine“ (1970), Aufnahmen von den Dreharbeiten zu „Tisch und Bett“, Ausschnitt aus der Fernsehsendung „Approches du cinéma: François Truffaut ou la Nouvelle Vague“ (1972), Ausschnitt aus der Fernsehsendung „Cinescope“ (1980), Ausschnitt aus der Fernsehsendung „Champ contrechamp“ (1981), Unterstützungsspot für Henri Langlois von François Truffaut und Jean-Luc Godard, Originaltrailer, 24-seitiges Booklet

Länge: 451 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Einzeln erhältlich sind

Geraubte Küsse (Baisers voles, Frankreich 1968)

Drehbuch: Francois Truffaut, Claude de Givray, Bernard Revon

DVD

Arthaus/Studiocanal

Bild: 1,66:1 (anamorph)

Sprachen/Ton: Deutsch, Französisch (Mono DD)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Einführung des Truffaut-Biografen Serge Toubiana, Unterstützungsspot für Henri Langlois von François Truffaut und Jean-Luc Godard, Trailer, Wendecover

Länge: 87 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Tisch und Bett (Domicile conjugal, Frankreich 1970)

Drehbuch: Francois Truffaut, Claude de Givray, Bernard Revon

DVD

Arthaus/Studiocanal

Bild: 1,66:1 (anamoprh)

Sprachen/Ton: Deutsch, Französisch (Mono DD)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Einführung des Truffaut-Biografen Serge Toubiana, Trailer, Wendecover

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Liebe auf der Flucht (L’amour en fuite, Frankreich 1979)

Drehbuch: Francois Truffaut, Marie-France Pisier, Jean Aurel, Suzanne Schiffman

DVD

Arthaus/Studiocanal

Bild: 1,66:1 (anamoprh)

Sprachen/Ton: Deutsch, Französisch (Mono DD)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Einführung des Truffaut-Biografen Serge Toubiana, Trailer, Wendecover

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Wikipedia über Francois Truffaut (deutsch, englisch, französisch)

Arte über Francois Truffaut

Erster Teil meines Francois-Truffaut-Porträts (mit einer Besprechung von Emmanuel Laurents “Godard trifft Truffaut”)

Kriminalakte über Francois Truffaut