Altlastenbeseitigung: Nur Bild

Mai 26, 2011

Es hilft nichts. Ich muss endlich mal wieder meinen Schreibtisch aufräumen. Dabei kann ich dann auch einige Werke, die ich teils schon vor Monaten genossen, aber bis jetzt immer noch nicht besprochen habe, endlich, nicht immer in der gebührenden Länge, besprechen.

Die Story von „Shadow und der Fluch des Khan“ ist reinster Pulp und von da kommt der Shadow auch. Er ist Lamont Cranston, der als reicher Müßiggänger im New York der dreißiger Jahre die Nachtclubs unsicher macht und als geheimnisumwitterter Shadow (oder auf deutsch „Schatten“) das Verbrechen bekämpft. Jetzt kommt Shiwan Khan, ein direkter Nachfahre von Dschingis Khan, nach New York. Er will die Weltherrschaft. Dabei möchte er, dass der Shadow auf seiner Seite mitkämpft. Immerhin hat auch der Shadow eine Vergangenheit als Bösewicht.

Die Umsetzung orientiert sich an den Dreißiger-Jahre-Serials und hat damit ein angenehm nostalgisches Flair. Dazu trägt auch der Dreh in den Universal Studios, und dass bei den Außenaufnahmen die Kulisse auch immer als Kulisse erkennbar ist, bei. Hier wurde mit erstaunlicher Liebe zum Detail ein New York erfunden, das es so niemals gegeben hat.

Aber weil „Highlander“-Regisseur Russell Mulcahy Regie führte, bleibt „Shadow und der Fluch des Khan“ nicht, wie Francis Ford Coppolas „Einer mit Herz“, im leblosen Kulissentheater stecken. Bei Mulcahy ist die Inszenierung ziemlich modern geraden und die Tricks sind heute immer noch überzeugend.

Nur die von David Koepp, dem zuverlässigen Autor von gehobenem Hollywood-Popcornkino, erfundene Story schwächelt. Denn neben dem Kampf zwischen dem Shadow und Shiwan Khan muss der Shadow sich auch mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen und er verliebt sich in Margo Lane, die seine Gedanken lesen kann (was dann auch der Anlass für einige Screwball-Comedyhafte Wortgefechte ist). In „Shadow und der Fluch des Khan“ gelingt Koepp noch nicht der richtige Mix zwischen dem Hauptplot und den teilweise zu sehr im Zentrum stehenden Subplots. Außerdem sind die Charaktere alle arg zweidimensional geraten.

Dafür herrscht ein mild ironischer Ton mit kleinen Abstechern ins cartoonhafte. So als ob alle einem zuflüsterten: „Wir wissen, dass die Story Unfug ist, aber lass uns einfach zwei Stunden Spaß haben.“

Doch damals half es nicht. Der 45 Millionen teure Film war bei den Kritikern und an der Kasse ein Flop. Heute, zwischen all den Superheldenfilmen, kann „Shadow und der Fluch des Khan“ erstaunlich gut bestehen und, trotz der Mängel in der Story, gefällt mir dieser unterschätze, naive Film, der den Zauber der alten Serials, B-Pictures (weniger) und Noirs (noch weniger) wiederaufleben lassen will, viel besser als einige der hoch budgetierten, bedeutungsschwangeren Comicverfilmungen (ich sage nur „Batman“), die in den vergangenen Jahren in den Kinos liefen.

Shadow und der Fluch des Khan (The Shadow, USA 1994)

Regie: Russell Mulcahy

Drehbuch: David Koepp

LV: Charakter von Maxwell Grant (Pseudonym von Walter B. Gibson)

mit Alec Baldwin, John Lone, Penelope Ann Miller, Peter Boyle, Ian McKellen, Tim Curry, Jonathan Winters

DVD

Koch Media

Bild: 1,85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Booklet, Making of, Interviews mit Russell Mulcahy, David Koepp, Martin Bregman, Alec Baldwin, John Lone, Penelope Ann Miller und Jonathan Winters, Musikvideo (Taylor Dayne), Deutscher und Originaltrailer, TV-Spots, Bildergalerie

Länge: 103 min

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Shadow und der Fluch des Khan“ (deutsch, englisch)

Comic Book Movie über „The Shadow“ (mit vielen Bildern und Ausschnitten)

In „Slow Burn – Verführerische Falle“ spielt Ray Liotta den für das Bürgermeisteramt kandidierenden Staatsanwalt Ford Cole. Er will unbedingt den geheimnisumwitterten Verbrecher Danny Ludin überführen. Aber niemand weiß, wie er aussieht und wo er sich gerade aufhält. In einer Nacht erschießt seine beste Anklägerin, die Farbige Nora Timmer, in Notwehr einen Mann, der sie vergewaltigen wollte. Ein klarer Fall, wenn da nicht ein Freund des Toten in der Polizeistation auftauchen und eine ganz andere Geschichte erzählen würde. Cole versucht die Wahrheit herauszufinden und dabei glaubt er, dass Ludin seine Finger im Spiel hat.

Na, das klingt doch ganz spannend. Aber letztendlich ist „Slow Burn – Verführerische Falle“ nur eine weitere Variante von „Die üblichen Verdächtigen“, in der man als Zuschauer immer zwei Schritte vor den durchgehend unsympathischen Charakteren ist, die einem – was noch schlimmer ist – auch herzlich egal sind.

So funktionieren die Plotwendungen und Enthüllungen dann vor allem als schnell langweilende Taschenspielertricks.

Die Produzenten waren wohl nicht allzu überzeugt von dem Werk. Immerhin wurde der Film bereits 2003 abgedreht und hatte, nach der IMDB, erst 2007 seine US-Premiere.

Slow Burn – Verführerische Falle (Slow Burn, USA 2005)

Regie: Wayne Beach

Drehbuch: Wayne Beach (nach einer Geschichte von Wayne Beach und Anthony Walton)

mit Ray Liotta, LL Cool J, Mekhi Phifer, Jolene Blalock, Guy Torry, Taye Diggs, Chiwetel Ejiofor, Bruce McGill

DVD

Atlas Film Home Entertainment

Bild: 1.78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Trailer

Länge: 88 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „Slow Burn“

Ein Team von Abhörspezialisten der Polizei hört eine Investmentfirma, die verdächtigt wird, illegalen Insiderhandel an der Börse zu betreiben, ab. Irgendwann fragen die Polizisten sich, ob sie nicht ihr erlauschtes Wissen gewinnbringend einsetzen sollen. Immerhin können sie etwas Geld gut gebrauchen und sie tun ja auch niemandem weh, wenn sie an der Börse etwas spekulieren. Trotzdem beginnt mit ihrer ersten kleinen Spekulation der Weg in den Abgrund. Denn ihre Geschäfte fallen ihren Vorgesetzten und den Gangstern auf.

Abgehört – Trau niemals einem Cop“ ist das neue Werk der „Infernal Affairs“-Macher Felix Chong und Alan Mak und wieder begeben sie sich in moralische Grauzonen und treiben ein perfides Spiel mit den gängigen Zuschreibungen von „Gut“ und „Böse“.

Das ist allerfeinstes Hongkong-Kino, das, wie „Infernal Affairs“, weitgehend auf Action und graphische Gewalt verzichtet und ein absolut blödes Cover, das dem Hongkong-Filmplakat entspricht, hat.

Abgehört – Trau niemals einem Cop (Qie ting feng yun/Overheard, Hongkong 2009)

Regie: Felix Chong, Alan Mak

Drehbuch: Alan Mak, Felix Chong

mit Louis Koo, Daniel Wu, Lau ching Wan, Zhang Jingchu, Michael Wong, Waise Lee

BluRay (DVD identisch)

Koch Media

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Kantonesisch (DTS HD-Master Audio 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making of, Bildergalerie, Originaltrailer

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Abgehört – Trau niemals einem Cop“

Asian Movie Web über „Abgehört – Trau niemals einem Cop“

Grégoire Vigneron erzählt in seinem Regiedebüt „Spurlos“ die alte Geschichte von dem anständigen Mann, der zufällig ein Verbrechen begeht und sich immer tiefer in Schuld verstrickt. Dieser Mann, der Yuppie Étienne Meunier, hat auch wirklich etwas zu verlieren. Er ist mit der Tochter seines jetzigen Chefs verheiratet und er soll in wenigen Tagen der Chef des Konzerns werden. Den Grundstein für diese Karriere legte er vor fünfzehn Jahren, als er von François Michelet, der ihnen eine Formel für einen Fleckenentferner zuschickte, die Formel stahl, die jetzt die Grundlage für ein Produkt ist, das den größten Teil des Firmenumsatzes ausmacht. Aber diese Tat nagt immer noch an seinem Gewissen.

Jetzt will er sich, auf den Vorschlag seines alten, lange nicht mehr gesehen Schulfreundes Patrick, bei Michelet entschuldigen. Aber das Gespräch eskaliert und am Ende ist Michelet tot; erschlagen von Patrick, der Étienne bei einem Kampf gegen Michelet half. Anschließend drängt Patrick sich in Étiennes Leben. Und dann ist da noch der freundliche Kommissar, der Étiennes Verhalten, wozu auch seine Hilfsbereitschaft gegenüber Michelets Tochter gehört, verdächtig findet.

Spurlos“ reiht sich in die aktuelle Serie von guten französischen Krimis, die vertraute Genreformen mit neuen Inhalten und Twists füllen, ein. Hier ist es der eher sanfte Noir und Psycho-Thriller mit einem Hauch Hitchcock. Denn egal, was Étienne auch unternimmt, um seine Schuld zu sühnen, ohne zur Polizei zu gehen, führt dazu, dass sein Leben immer bedrohter und er immer verdächtiger wird. Aber wenn er zur Polizei geht, wäre seine Karriere und seine Ehe kaputt. Was soll er also tun? Vigneron erzählt diese Geschichte straff und kurzweilig. Entstanden ist so ein feiner, im besten Sinn altmodischer Thriller, in dem die inneren Konflikte des Protagonisten im Mittelpunkt stehen.

Spurlos (Sans laisser de traces, Frankreich 2010)

Regie: Grégoire Vigneron

Drehbuch: Grégoire Vigneron, Laurent Tirard

mit Benoît Magimel, François-Xavier Demaison, Julie Gayet, Léa Seydoux, Jean-Marie Winling, Dominique Labourier, André Wilms, Stéphane De Groodt, Yves Jacques, Christelle Cornil, Georges Siatidis, William Miller

DVD

Sunfilm

Bild: 16:9 (1:2,35)

Ton: Deutsch (DD 5.1/DTS), Französisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: ?

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „Spurlos“ (deutsch, französisch)


DVD-Kritik: Die „Serie in Schwarz“ für den Krimifan

Mai 25, 2011

Es begann mit der „Suite Noire“, einer seit 2007 in der Éditions La Branche von Jean-Bernard Pouy herausgegebenen Reihe von Kurzromanen (oder längeren Kurzgeschichten oder, lose gebraucht, Novellen), die sich am Noir orientieren und jedes Werk ist vom Titel her eine Hommage an einen oft bekannten Noir- oder Pulp-Roman. Deshalb dürfte Krimi-Fans bei vielen Titeln ein wohliger Schauer des Erkennens über den Rücken laufen.

Acht dieser Noirs wurden 2009 als „Suite Noire“ (Originaltitel) oder „Serie in Schwarz“ (Deutscher Titel) verfilmt und die so entstanden, jeweils einstündigen Filme sind für die Freunde des Schwarzen Humors und des Noirs ein Vergnügen. Denn alle Filme, von verschiedenen Regisseuren inszeniert und teils hochkarätig besetzt (so spielen Niels Arestup, Michel Aumont, Lubna Azabal, Sarah Biasini, Manuel Blanc und Francis Renaud mit), wirken, als ob das Team von „Alfred Hitchcock zeigt“ einen Betriebsausflug nach Frankreich gemacht hat. Außerdem haben die „Suite Noire“-Macher eine große Sympathie für Menschen und Milieus, die im normalen bundesdeutschen Krimi nicht vorkommen.

In „Nächste Ausfahrt Mord“ wird ein Vertreter zum Serienmörder. Der karrieregeile Biedermann muss einfach einen dummen Unfall vertuschen. In „Schießen Sie auf den Weinhändler“ bringt der genusssüchtige Weinhändler seine Frau um (denn beim Essen hört der Spaß auf) und engagiert eine junge Herumstreicherin, die etwas vom Essen versteht, als seine neue Köchin. Dummerweise ist sie überhaupt nicht von seinen Schlägen wegen falsch zubereiteter Mahlzeiten begeistert. In „Papas Musik“ will ein finanziell klammer Plattenproduzent seinem Sohn bei der Musikerkarriere helfen. Aber seinem Schicksal entkommt man nicht so einfach.

Das ist im Noir natürlich eine Binsenweisheit, die auch in „Nur DJs gibt man den Gnadenschuss“ auf die sozial engagierte Radiomoderatorin und ihren neuen, gerade aus dem Knast entlassenen Freund zutrifft. Was sie nicht weiß, ist, dass Manu sich an sie heranmacht, weil er von der Polizei dazu erpresst wird den linken Radiosender auszuspionieren. „Die Königin der Pfeifen“ ist die Transsexuelle Annabelle (Gab’s jemals in einem deutschen TV-Film eine Transe als Protagonistin? Ich glaube nicht.). Sie (ähem, er) will vor ihrer Geschlechtsumwandlung in Thailand noch ein richtig großes Ding durchziehen. Aber der Plan ist das eine, die Realität das andere.

Das Tamtam der Angst“ ist eine herrlich abgedrehte schwarze Komödie, über einen kleinen Buch-Illustrator, der von allen unterdrückt wird. Als er ein Buch über afrikanische Zaubersprüche illustrieren soll, beschließt er, die Flüche auszuprobieren. Mit durchschlagendem Erfolg. „Schönheit muss sterben“ ist ein in Marseille spielender PI-Krimi, in dem der Detektiv sich unwissentlich mit der High Society der Stadt anlegt. In „Die Stadt beißt“ kämpft eine Illegale, die als Prostituierte arbeitete, um ihr überleben.

Alle acht Filme folgen den Vorlagen ziemlich genau. Die Veränderungen verbessern die Geschichten oder sind dem anderem Medium geschuldet. So gibt es in „Schönheit muss sterben“ kein Voice-Over des Protagonisten, sondern der Vater des Privatdetektivs, ein toter Polizist, gibt seinem Sohn während seines ersten Auftrags gute Ratschläge.

In „Nur DJs gibt man den Gnadenschuss“ wird, zum Glück, aus der Undercover-Arbeit von Manu kein Geheimnis gemacht. In „Das Tamtam der Angst“ wird die Beziehung zwischen dem Zeichner und seiner Frau nachvollziehbar und, gerade weil die Macher immer auch eine rationale Erklärung für das Leid der von den Flüchen Betroffenen anbieten, hält der Film wunderschön die Balance zwischen Rationalismus und Aberglaube. In „Schießen Sie auf den Weinhändler“ ist, immerhin sehen wir die Schauspieler, der Aufbau der Geschichte von Anfang an klar. Der Film ist, wie „Nächste Ausfahrt Mord“, ein Fest für die Freunde des Schwarzen Humors. Und dann ist da noch „Das Tamtam der Angst“.

Als Bonusmaterial gibt es zu jedem Film ein kurzes Making of, in dem meistens der Regisseur einiges zum Film erklärt. Das ist wenig, aber fast immer informativ anzuhören.

Serie in Schwarz (Suite Noire, Frankreich 2009)

DVD

Edel Motion

Bild: 16:9

Ton: Deutsch, Französische (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Untertitelte Making ofs zu jedem Film

Länge: 540 Minuten (4 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

enthält

Nächste Ausfahrt Mord (Vitrage à la corde)

Regie: Laurent Bohnik

Drehbuch: Laurent Bouhnik, Bibi Naceri

LV: Colin Thibert: Vitrage à la corde, 2007 (Nächste Ausfahrt Mord)

Schießen sie auf den Weinhändler (Tirez sur la caviste)

Regie: Emmanuelle Bercot

Drehbuch: Emmanuelle Bercot

LV: Chantal Pelletier: Tirez sur la caviste, 2007 (Schießen Sie auf den Weinhändler)

Papas Musik (La musique de papa)

Regie: Patrick Grandperret

Drehbuch: Patrick Grandperret, José-Louis Bocquet, Emilie Grandperret

LV: José-Louis Bocquet: La musique de papa, 2007 (Papas Musik)

Nur DJs gibt man den Gnadenschuss (On achève bien les disc jockeys)

Regie: Orso Miret

Drehbuch: Orso Miret

LV: Didier Daeninckx: On achève bien les disc jockeys, 2007 (Nur DJs gibt man den Gnadenschuss)

Die Königin der Pfeifen (La reine des connes)

Regie: Guillaume Nicloux

Drehbuch: Nathalie Leuthreau

LV: Laurent Martin: La reine des connes, 2007 (Die Königin der Pfeifen)

Das Tamtam der Angst (Envoyez la fracture!)

Regie: Claire Devers

Drehbuch: Jean-Louis Benoît, Claire Devers

LV: Romain Slocombe: Envoyez la fracture, 2007 (Das Tamtam der Angst)

Schönheit muss sterben (Le débarcadère des anges)

Regie: Brigitte Roüan

Drehbuch: Santiago Amigorena, Brigitte Roüan

LV: Patrick Raynal: Le débarcadère des anges, 2007 (Landungsbrücke für Engel)

Die Stadt beißt (Quand la ville mord)

Regie: Dominique Cabrera

Drehbuch: Dominique Cabrera

LV: Marc Villard: Quand la ville mord, 2007 (Die Stadt beißt)

Hinweise

Arte über die „Serie in Schwarz“

Homepage der „Suite Noire“ (englische Version)

Seite der Éditions La Branche über die „Suite Noire“

Meine Besprechung von Patrick Raynals „Suite Noire“-Buch „Landungsbrücke für Engel“ (Le débarcadère des anges, 2007)

Meine Besprechung von Colin Thiberts „Nächste Ausfahrt Mord“ (Vitrage à la corde, 2007)

Meine Besprechung von José-Louis Bocquets „Papas Musik“ (La musique de papa, 2007)

Meine Besprechung von Chantal Pelletiers „Schießen Sie auf den Weinhändler“ (Tirez sur la caviste, 2007)


DVD-Kritik: Über Hark Bohms Kassenhit „Moritz, lieber Moritz“

Mai 24, 2011

1978 war der von Hark Bohm inszenierte Film „Moritz, lieber Moritz“ der erfolgreichste deutsche Kinofilm. Heute dürfte ihn, auch weil er seit Ewigkeiten nicht mehr im Fernsehen lief, kaum noch jemand kennen. Dabei ist der Film über einen Fünfzehnjährigen, obwohl er tief in den bundesdeutschen Siebzigern verwurzelt ist und deshalb an vielen Stellen Patina angesetzt hat, auch heute noch sehenswert. Denn die Probleme, die Moritz mit dem Erwachsenwerden hat, sind universell.

Der introvertierte Moritz Stuckmann ist der jüngste Spross einer Elbdynastie. Sein Vater hat allerdings gerade das Vermögen verjubelt und der Gerichtsvollzieher schnappt sich auch die Stereoanlage von Moritz. Seine Mutter versucht noch den Schein aufrecht zu erhalten. Sein Vater hat resigniert. Seine Oma ist in einem Altersheim und, weil seine Mutter sie nie besucht, muss Moritz allein mit dem Sterbewunsch der Großmutter umgehen. In der Schule ist auch nicht alles rosig. Vor allem der Mathelehrer hat ihn auf dem Kicker. Zum Ausgleich flüchtet Moritz sich in blutige Fantasien, in denen er sich auch an dem Mathelehrer rächt.

Und dann ist da noch seine erwachende Sexualität, die er meistens damit auslebt, dass er seine junge Tante durch Schlüssellöcher beobachtet (Zur Erinnerung: Das war die Zeit vor Internet und VHS. Das war die Zeit der Pornokinos.). Zufällig trifft er die gleichaltrige Barbara. Aber will sie wirklich etwas von ihm?

Seinen einzigen Trost findet er bei einer von ihm gezähmten Ratte und in der Musik. Er spielt Saxophon.

Nach dem Erfolg von „Nordsee ist Mordsee“ beschäftigte Hark Bohm sich auch in seinem nächsten Film mit den Ängsten, Sorgen und Wünschen eines Jungen. Und, wie in „Nordsee ist Mordsee“ war auch „Moritz, lieber Moritz“ stark von Bohms Umfeld, wozu vor allem seine Kinder (die in beiden Filmen mitspielten und ihn beim Schreiben des Drehbuchs und den Dreharbeiten berieten) gehören, beeinflusst. Doch während „Nordsee ist Mordsee“ einen quasi-dokumetarischen Look hatte, sind die filmischen Vorbilder und Reminiszenzen in „Moritz, lieber Moritz“ breiter gestreut. Wenn Moritz Barbara durch Hamburg verfolgt und sich ihr nähert, weht ein Hauch Nouvelle Vague durch den Film. Wenn er seine Tante durch das Schlüsselloch beobachtet, fühlt man sich in einem Softporno („Emmanuelle“ und die Schulmädchenreport-Filme waren Kassenhits. „Der letzte Tango in Paris“ und „Im Reich der Sinne“ sorgten auch für heftige Diskussionen in den Feuilletons.). Die Szenen im noblen Familiensitz mit Blick auf die Elbe, vor allem beim gemeinsamen Essen, erinnern an die Demaskierungen des Bürgertums bei Rainer Werner Fassbinder. Die damals schockierenden Traumsequenzen und der Autounfall (den ich wesentlich graphischer in Erinnerung hatte) sorgten, wie schon bei „Nordsee ist Mordsee“, für Ärger mit der FSK über die Altersfreigabe des Films und damit um die Frage, ob auch Jugendliche im Alter des Protagonisten den Film im Kino sehen durften. Anscheinend wurde er letztendlich ab 12 Jahre freigegeben; – was seltsam ist, weil der Film jetzt eine FSK-16 hat.

Diese Traumsequenzen und die Szenen mit Moritz‘ Oma erinnern etwas an das damalige britische Filme. Das Kriegsspiel der Kinder könnte aus einem Nordirland-Drama sein. Die Folterung des Mathelehrers eine Szene aus „Uhrwerk Orange“.

Dieser Mischmasch aus unterschiedlichen Stilen fügt sich am Ende zu einem Spiegelbild von Moritz‘ Psyche und Bohm erzählt den Film auch konsequent aus Moritz‘ Perspektive.

Bohm sagt im Presseheft, dass es in „Moritz, lieber Moritz“ um Konflikte gehe, die die jugendlichen Zuschauer aus eigenem Erleben nachvollziehen könnten. Deshalb wäre ein Remake der Geschichte von Moritz im heutigen Deutschland, das den Protagonisten genauso ernst nimmt, ein spannendes Experiment.

Anmerkung zum Nachdenken: Der Jugendfilm ist freigegeben ab 16 Jahre. FSK-16-Filme dürfen im Fernsehen erst nach 22.00 Uhr gezeigt werden.

Moritz, lieber Moritz (D 1978)

Regie: Hark Bohm

Drehbuch: Hark Bohm

mit Michael Kebschull, Kerstin Wehlmann, Kyra Mladeck, Walter Klosterfelde, Grete Mosheim Elvira Thom, Uwe Enkelmann, Dschingis Bowakow, Wolf-Dietrich Berg, Uwe Dallmeier, Marquard Bohm

DVD

Arthaus/Kinowelt

Bild: 1,66:1

Ton: Deutsch (Mono DD)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Trailer, Presseheft, Wendecover

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Trailer zum Film

Wikipedia über „Moritz, lieber Moritz“

Der Spiegel: Hellmuth Karasek über „Moritz, lieber Moritz“ (Der Spiegel 11/1978)

Meine Besprechung von Hark Bohms „Nordsee ist Mordsee“


DVD-Kritik: Über Hal Ashbys Lawrence-Block-Verfilmung „8 Millionen Wege zu sterben“

Mai 23, 2011

Ex-Cop Matt Scudder versucht sein Leben in den Griff zu kriegen. Die Anonymen Alkoholiker, deren Treffen er regelmäßig besucht, helfen ihm. Nach einem Treffen spricht ihn eine Frau an. Die Prostituierte bittet ihn, mit ihrem Zuhälter zu sprechen. Sie möchte ein neues Leben beginnen und hat Angst vor ihm. Kurz darauf ist sie tot und Scudder will ihren Mörder fangen.

8 Millionen Wege zu sterben“ erzählt einen klassischen Plot und, wer die Vorlage nicht kennt, dürfte halbwegs zufrieden mit dem Werk sein. Denn als Verfilmung eines Matt-Scudder-Buches ist „8 Millionen Wege zu sterben“ gründlich gescheitert und nur einen Tick besser als die ebenfalls auf einem Roman von Lawrence Block basierende Bernie-Rhodenbarr-Verfilmung „Die diebische Elster“ (Burglar, USA 1986). Das beginnt schon damit, dass die Macher die Geschichte von New York nach Los Angeles verlegten und so innige Beziehung von Scudder und seiner Stadt negierten. Sie rissen Scudder das Herz heraus und für Scudder-Fans ist der Rest, wozu auch die vielen Änderungen in der Geschichte gehören (immerhin wurde die Prämisse übernommen), dann eigentlich egal.

Als PI-Krimi ist der Film, wenn man entweder die Vorlage nicht kennt (was ein schwerer Fehler ist und sofort geändert werden sollte) oder links liegen lässt (immerhin hat auch Alfred Hitchcock bei seinen Romanverfilmungen oft die Geschichte stark verändert), ein höchst zwiespältiges Vergnügen.

New-Hollywood-Regisseur Hal Ashby hatte mit „Harold und Maude“, „Shampoo“, „Sie kehren heim“ und „Willkommen, Mr. Chance“ einige gute Filme gedreht. Das waren beeindruckende Dramen und Satiren, vulgo Charaktergeschichten, in denen der Plot eher zweitrangig ist und auch immer mehr oder weniger viel improvisiert wurde (Oliver Stone war von dieser Bearbeitung seines Drehbuchs nicht begeistert.). Aber für einen gelungenen Detektivfilm ist das nicht unbedingt eine gute Visitenkarte und gerade in den Szenen zwischen Jeff Bridges (der Matt Scudder spielt) und Andy Garcia (der den Bösewicht spielt) wird diese Diskrepanz zwischen Drama und Krimi schmerzhaft deutlich. Sie machen sich minutenlang, wie zwei pubertierende Kinder, an, ohne dass es die Geschichte irgendwie voran bringt. Die wenigen Action-Szenen wurden von Ashby lieblos heruntergedreht. Und, als grotesken Höhepunkt gibt es in einer riesigen, leeren Lagerhalle einen Austausch von Drogen gegen eine Geisel, die eine minutenlange (gefühlt stundenlange) sinnentleerte Kreischorgie ist, die gerade wegen ihrer Absurdität einen gewissen Kultwert hat.

Dazu hat James Newton Howard einen Soundtrack geschrieben, der alle 80er-Jahre-Musikklischees in sich vereinigt und heute absolut unhörbar ist.

Auf der Haben-Seite kann „8 Millionen Wege zu sterben“ die Schauspieler (ein Film mit Jeff Bridges und Andy Garcia, in einer seiner ersten großen Rollen, kann nicht ganz schlecht sein) und die Außenaufnahmen und kleinen Szenen, die einen Eindruck von der Schattenseite Hollywoods, geben, verbuchen. Außerdem dürfte Ashbys Film einer der ersten Krimis gewesen sein, in der der Alkoholismus des Helden und die daraus entstehenden Probleme, wichtig für die Geschichte waren.

Dennoch ist Ashbys letzter Kinofilm, auch ohne die Kenntnis der mit dem Shamus Award ausgezeichneten Vorlage, ein Film der verschenkten Möglichkeiten.

8 Millionen Wege zu sterben (Eight million ways to die, USA 1986)

Regie: Hal Ashby

Drehbuch: Oliver Stone, David Lee Henry, Robert Towne (ungenannt)

LV: Lawrence Block: Eight million ways to die, 1982 (Viele Wege führen zum Mord)

mit Jeff Bridges, Rosanna Arquette, Andy Garcia, Alexandra Paul, Randy Brooks, Lisa Sloan

DVD

Bild: 1,85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch, Italienisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Deutsch, Italienisch

Extras: Deutscher Trailer, Bildergalerie, Wendecover

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „8 Millionen Wege zu sterben“ (deutsch, englisch)

Propellerinsel (tkl) über „8 Millionen Wege zu sterben“

Ikonenmagazin: Marcus Stiglegger über „8 Millionen Wege zu sterben“

Homepage von Lawrence Block

Unbedingt kaufen müssen Sie das von mir herausgegebene Buch „Lawrence Block – Werkschau eines New Yorker Autors“ (KrimiKritik 5, Nordpark-Verlag)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Telling Lies for Fun and Profit – A Manual for Fiction Writers” (1994)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Spider, spin me a web – A Handbook for Fiction Writers” (1995)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks: “All the flowers are dying” (2005)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Lucky at Cards” (2007)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „Abzocker“ (Grifter’s Game, 2004; frühere Ausgaben: Mona, 1961; Sweet slow death, 1986)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Verluste” (Everybody dies, 1998)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „Killing Castro“ (Originalausgabe unter dem Pseudonym Duncan Lee als „Fidel Castro Assassinated“, 1961)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „Falsches Herz“ (The Girl with the long green Heart, 1965)

Lawrence Block in der Kriminalakte

Senses of Cinema: Darren Hughes über Hal Ashby

Images Journal über Hal Ashby

Indiewire: Oliver Lyttelton über die Filme von Hal Ashby (6. Mai 2011)


DVD-Kritik: Spannung mit „Chris Ryan’s Strike Back“

April 25, 2011

2003 geht im Irak ein Einsatz schief. SAS-Elitesoldat John Porter (Richard Armitage) verliert mehrere Männer. Er quittiert den Dienst. Jahre später erhält er die Möglichkeit, das damals versäumte nachzuholen. Denn die britische Journalistin Katie Darthmouth (Orla Brady) wurde entführt. Porter glaubt einen der Entführer zu erkennen und daher auch zu wissen, wo sie gefangen gehalten wird. Sein alter SAS-Kamerad Hugh Collinson (Andrew Lincoln), der inzwischen beim Geheimdienst MI6 arbeitet, stellt ihn als Agent für besondere Einsätze ein. Porter geht, auf sich allein gestellt, in den Irak.

In „Zimbabwe“ hat Felix Masuku (Shaun Parkes) einen Anschlag auf den Präsidenten verübt, aber nur einen Doppelgänger erwischt. Jetzt behauptet die simbabwische Regierung, dass die Engländer hinter dem Attentat stecken. Damit es zu keinen diplomatischen Verwicklungen kommt, muss Masuku so befreit werden, dass die Engländer offiziell jede Beteiligung abstreiten kann. Der unehrenhaft entlassene Einzelkämpfer John Porter soll, getarnt als Diamantenschmuggler, die Steine aus dem Feuer holen.

In „Afghanistan“ soll Porter den Computerhacker Gerald Baxter (Ewen Bremner), der mit seinem Wissen den Taliban hilft, unschädlich machen. Dummerweise gerät er dabei auch auf die Abschussliste der Amerikaner.

Und wir erfahren, was 2003 im Irak wirklich geschah.

Die ersten drei „Strike Back“-Filme, die lose auf dem gleichnamigem 2007 erschienenem Roman des Ex-SASlers Chris Ryan (er war neben Andy McNab 1991 im Irak Mitglied des Kommandos Bravo Two Zero, dessen Einsatz die Grundlage für mehrere Bücher und einen Film war), sind spannende, für das britische Fernsehen opulent produzierte Action-Thriller, die ihre hundsgemeinen Geschichten mit etwas Humor, aber vor allem einer gehörigen Portion Gewalt erzählen.

Am Besten kann „Chris Ryan’s Strike Back“ als die gelungene britische Ausgabe von „The Unit“ ohne den dort manchmal nervenden Soap-Anteil und mit einer kräftigen Portion „24“-Jack-Bauer-Einzelgängertum beschrieben werden. Und das sind wahrlich keine schlechten Vorbilder, die in „Chris Ryan’s Strike Back“ mit einer ordentlichen Portion britischem Understatement präsentiert werden.

Chris Ryan’s Strike Back (Strike Back, GB 2010)

Regie: Daniel Percival, Edward Hall

Drehbuch: Jed Mercurio

LV: Chris Ryan: Strike Back, 2007

mit Richard Armitage (John Porter), Andrew Lincoln (Hugh Collinson), Jodhi May (Layla Thompson), Shelley Conn (Danni), Laura Greenwood (Alexandra Porter), Colin Salmon (James Middleton), Nicola Stephenson (Diane Porter), Shaun Parkes (Felix Masuku), David Harewood (Colonel Tshuma), Nick Boraine (Harry Curtis), Ewen Bremner (Gerald Baxter), Toby Stephens (Arlington), Alexander Siddig (Sharq), Orla Brady (Katie Dartmouth), Dhaffer L’Abidine (Hakim Al Neseri)

DVD

Polyband

Bild: 16:9 (1,78:1)

Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial (untertitelt): Special Features über Produktion, Waffen und Dreharbeiten in Südafrika

Länge: 270 Minuten (drei je neunzigminütige Filme)

FSK: ab 18 Jahre

Die Einsätze von John Porter

Der Hinterhalt (Iraq)

Regie: Daniel Percival

Drehbuch: Jed Mercurio

Die Mission (Zimbabwe)

Regie: Daniel Percival

Drehbuch: Jed Mercurio

Tag der Rache (Afghanistan)

Regie: Edward Hall

Drehbuch: Jed Mercurio

Hinweise

Sky1 über „Chris Ryan’s Strike Back“

Wikipedia über „Chris Ryan’s Strike Back“

Homepage von Chris Ryan


„Brighton Rock“ – Mit Graham Greene dreimal „Am Abgrund des Lebens“

April 23, 2011

Graham Greene und „Brighton Rock“ sind fast so etwas wie englische Nationalheiligtümer. Greene (2. Oktober 1904 – 3. April 1991) schrieb zahlreiche Bücher, die er selbst mal als populäre, mal als hohe Literatur einsortierte und diese Trennung irgendwann als unsinnig aufgab. Bei den populären Werken tummelte er sich gerne im Feld des Kriminalromans oder Polit-Thrillers. „Der dritte Mann“, „Unser Mann in Havanna“, „Der Honorarkonsul“ und „Der stille Amerikaner“, waren spannende, teils satirische Unterhaltung mit Tiefgang (und gefielen mir schon als Teenager).

In seinen literarischen Werken, wie „Die Kraft und die Herrlichkeit“ und „Das Herz aller Dinge“, ging’s dann eher um seinen Katholizismus und damit zusammenhängender moralischer Fragen, die, ohne diese katholische Brille, doch etwas seltsam anmuten.

Bei „Brighton Rock“ (das bei uns „Am Abgrund des Lebens“ heißt) wusste Greene selbst lange nicht, ob er den Roman bei seinen populären oder literarischen Werken einsortieren sollte.

Die Geschichte spricht natürlich für’s Populäre. In den dreißiger Jahren bekämpfen sich in dem Seebad Brighton zwei Gangsterbanden. Die eine wird, nach dem Tod ihres Anführers, von dem siebzehnjährigem, skrupellosem Pinkie, der unbedingt in der Hierarchie aufsteigen will, angeführt. Nachdem er und seine Bande einen anderen Gangster umgebracht haben, versuchen sie ihre Spuren zu verwischen. Allerdings haben sie nicht mit Ida Arnold, einer älteren Frau, die herausfinden will, warum Hale ermordet wurde und der ebenfalls siebzehnjährigen Serviererin Rose gerechnet. Pinkie macht sich an die naive Rose heran. Zuerst will er herausfinden, was sie weiß (zu viel, wie er schnell feststellen muss), später versucht er sie mundtot zu machen, indem er sie heiratet. Aber Ida beginnt auf Rose einzureden und Pinkie hat keine Ahnung, wie sehr er ihren Liebesbeteuerungen glauben kann. Außerdem ist er überhaupt nicht in sie verliebt.

Das klingt doch nach einem ausgewachsenen Gangsterroman und einem fetzigen Drama um Schuld und Sühne.

So ist Pinkie das absolut Böse. Rose dagegen engelhaft rein, gutgläubig und naiv.

Gerade diese plakative Gegenüberstellung von „Gut“ und „Böse“ ist dann auch arg langweilig. Denn anscheinend war Pinkie einfach schon immer Böse und wird es immer bleiben. Er ist dabei autonom von allen gesellschaftlichen und sozialen Bindungen. Er ist ein Monstrum; Damit ist er als jugendlicher Psychopath einerseits natürlich furchtbar und beängstigend. Andererseits berührt er als literarischer Charakter auch nicht weiter. Und die knappen Hinweise, in denen er mit seinem katholischen Glauben hadert, wirken aufgesetzt.

Seine Freundin bleibt als absoluter Gegenentwurf ebenso blass. Sie erscheint schon für die damalige Zeit etwas zu naiv und zu unschuldig.

Insofern ist Graham Greenes Roman „Am Abgrund des Lebens“, der erste seiner katholischen Romane, eine doch etwas enttäuschende, teils sogar langatmige Lektüre.

Für die erste Verfilmung schrieb Greene das Drehbuch und auch der Film spielt in den späten Dreißigern, als Brighton noch nicht, wie am Anfang des Films betont wird, ein friedlicher Touristenort war. Die Filmstory folgt der Geschichte des Buches, aber etliche Szenen wurden auch für den Film geschrieben und sind entsprechend wirkungsvoll und Richard Attenborough überzeugte in einem seiner ersten Filmauftritte als psychopathisch-amoralischer Junggangster. Danach durfte er die Rolle in unbekannteren Filmen immer wieder spielen. Er verlieh Pinkie ein Gesicht, das man noch lange nach dem Ende des Films im Gedächtnis behält.

Auch heute noch ist John Boultings Noir „Brighton Rock“ einer der besten englischen Gangsterfilme. Dort wird „Brighton Rock“ auch, immer noch, ohne zu Zögern in die entsprechenden Listen wichtiger Kriminalfilme und englischer Filme aufgenommen. Bei uns erlebte das kraftvolle Krimidrama anscheinend erst 1997 im Fernsehen (auf „tm3“!) seine Premiere und verschwand danach wieder im Archiv.

Gerade daher lohnt sich die bei uns längst überfällige Entdeckung der ersten, immer noch überzeugenden Verfilmung von „Brighton Rock“. Auch wenn die zum Start der aktuellen Verfilmung von „Brighton Rock“ veröffentlichte DVD sehr spartanisch ausgestattet ist.

Rowan Joffe, der auch das Drehbuch für „The American“ schrieb, verlegte in seinem Spielfilmdebüt die Geschichte von den Dreißigern in die Sechziger. Genauer gesagt: 1964. Damit kann er einige atmosphärische Bilder von den Kämpfen zwischen den rivalisierenden Jugendgruppen der Mods und Rocker (Remember „Quadrophenia“?) inszenieren.

Aber gleichzeitig wirkt die von Joffe abgesehen vom Verlegen der Handlungszeit kaum aktualisierte und geänderter Geschichte in diesem Umfeld arg unglaubwürdig. Denn die Naivität von Rose wirkt, im Gegensatz zum Buch und der ersten Verfilmung, einfach nur noch übertrieben und fernab jeglicher Wirklichkeit.

Dennoch gibt es in Joffes „Brighton Rock“ vieles, was für den Film spricht: die Schauspieler und ihr Spiel, die Ausstattung, die Kamera, die immer wieder angenehm altmodisch ist, die sparsam eingestreuten Referenzen auf ältere Filme (natürlich auch auf Boultings Verfilmung) und traditionsbewusste Inszenierung. So scheint das Ende von „Brighton Rock“ direkt aus einem klassischen Noir übernommen worden zu sein.

Aber letztendlich Ende hinterlässt „Brighton Rock“ ein schales Gefühl. Man will den Film lieben, man bewundert vieles, aber es bleibt museales Kunsthandwerk, bei dem die Geschichte, ihre Charaktere und ihre Konflikte, immer mehr an der Wirklichkeit scheitert. Pinkie (Sam Riley) ist einfach zu sehr ein Gangster aus einer anderen Zeit und Rose (Andrea Riseborough) ist einfach zu weltfremd. Da helfen auch Ida (Helen Mirren, die deutlich weniger Pfunde auf die Waage bringt als die von Graham Greene erfundene Ida) und ihr Freund Phil Corkery (John Hurt) nicht mehr.

Rowan Joffe über seinen Film:

Natürlich ist das Buch 1947 schon von John Boulting adaptiert worden. Doch ganz so wie ein Stück von Shakespeare verdient „Brighton Rock“ verschiedene Adaptionen. Bei der ersten Verfilmung arbeitete Greene persönlich am Drehbuch mit, und ich maße mir nicht an zu behaupten, dass ich seine Authentizität erreichen oder verbessern könnte. Aber wir arbeiten nicht unter so strengen Zensurauflagen wie in den späten Vierzigern, so dass wir die Story nun so düster, gewalttätig und fast pervers sinnlich erzählen können, wie Greene sie tatsächlich geschrieben hat. Ich überlegte anfangs, den Plot in die Gegenwart zu versetzen, denn die Parallelen zur Neuzeit mit zunehmenden Massenmorden unter britischen Jugendlichen sind offensichtlich. Aber ich entschied mich dagegen, weil die Liebesgeschichte zwischen Pinkie und der Serviererin Rose dadurch an Kraft verloren hätte. Die Unschuld und enorme Naivität des Mädchens sind undenkbar im Zeitalter des Internet, und man hätte den Roman kompromittieren müssen, um 2010 glaubhafte Gründe für eine solch isolierte Figur zu finden.

1964 durften Teenager zum ersten Mal ökonomisch, kulturell und physisch ihre Muskeln spielen lassen und natürlich war Brighton auch der Schauplatz der Bandenkämpfe zwischen den jungen Mods und gealterten Rockern. Zudem eröffneten nach der Legalisierung des Pferdewettens pro Woche über einhundert Buchmacher ihre Büros, was mit einer massiven Welle organisierten Verbrechens einherging. Es war die große Ära jener britischen Gangster, die ein Underdog wie Pinkie zu Helden der Arbeiterklasse idealisieren würde. Und: 1964 wurde in Großbritannien letztmals die Todesstrafe verhängt, sodass die Furcht vor dem Strang eine essenzielle Motivation für Pinkies verzweifelte Versuche ist, um Zeugen seines Rachemordes zu beseitigen.

Einer meiner absoluten Lieblingsfilme ist Jean-Pierre Melvilles „Vier im Roten Kreis“ (Le cercle rouge, 1970) und John [Mathieson, Kameramann u. a. bei „Gladiator“ und „Robin Hood“, A. d. V.] gelang es tatsächlich, einen kompletten Satz an Kameralinsen und Equipment aus den Sechzigern aufzutreiben. Dadurch fühlte es sich beim Drehen an, als filmten wir wie seinerzeit Melville, auch wenn wir durch die Sperrigkeit der alten Technik unsere Bewegungsfreiheit eingeschränkt war. Was nichts schlechtes ist, zwingt es einen doch, Szenen sehr strategisch und ökonomisch zu drehen.

Das Buch ist noch immer ein Bestseller, was auch an der brillanten Studie eines Antihelden liegt, dessen Charakter zu 99 Prozent verdorben ist – währen ein Prozent an positiven Werten noch Hoffnung auf Pinkies Läuterung lässt. Doch auch wenn er kaum zum Vorbild taugt, bietet er juvenilen Zuschauern gewisses Identifikationspotential. Zugleich aber ist sein Schicksal Warnung vor einer Spirale der Gewalt. Denn auch 2010 gibt es nicht nur in England unzählige Jugendlichen, die verzweifelt ihrer unterprivilegierten Herkunft entfliehen wollen und eine kriminelle Karriere einschlagen. Und seit den Sechzigern hat es unter britischen Jugendbanden nicht mehr so viele Messerattacken wie in den letzten Jahren gegeben.

(aus dem Presseheft)

Graham Greene: Am Abgrund des Lebens

(übersetzt von Barbara Rojahn-Deyk)

dtv, 2011

352 Seiten

9,90 Euro

Deutsche Ausgabe (dieser Übersetzung)

Paul Zsolnay Verlag, Wien 1994

Originalausgabe

Brighton Rock

William Heinemann Ltd., London, 1938

Die erste Verfilmung

Brighton Rock (Brighton Rock, Großbritannien 1947)

Regie: John Boulting

Drehbuch: Terence Rattingan, Graham Greene

mit Richard Attenborough, Carol Marsh, Hermione Baddeley, William Hartnell, Harcourt Williams

DVD

Arthaus/Kinowelt

Bild: 1,33:1 (4:3)

Ton: Deutsch, Englisch (Mono DD)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Wendecover

Länge: 89 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die zweite Verfilmung

Brighton Rock (Brighton Rock, GB 2010)

Regie: Rowan Joffe

Drehbuch: Rowan Joffe

mit Sam Riley, Andrea Riseborough, Helen Mirren, John Hurt, Phil Davis, Nonso Anozie, Craig Parkinson, Andy Serkis, Sean Harris, Geoff Bell

Hinweise

Fanseite über Graham Greene

Wikipedia über Graham Greene (deutsch, englisch)

Noir of the Week über „Brighton Rock“ (GB 1947)

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Brighton Rock“ (GB 2010)


DVD-Kritik: Lee Marvin und Ernest Borgnine sind im „Zug für zwei Halunken“

April 20, 2011

Ein Zug für zwei Halunken“ gehört zu den unbekannten und unterschätzen Werken von Robert Aldrich („Das dreckige Dutzend“, „Wiegenlied für eine Leiche“, „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“, „Rattennest“, „Vera Cruz“).

Dabei erzählt er eine für Robert Aldrich durchaus typische Geschichte: In den dreißiger Jahren fahren Landstreicher und Arbeitslose illegal auf Zügen mit. Die Zugführer versuchten dabei, mehr oder weniger erfolgreich, die Hobos am Mitfahren zu hindern (für Deutsche: es geht um das Delikt der Beförderungserschleichung). Am erfolgreichsten und auch brutalsten ist Shack (Ernest Borgnine), der Zugführer des Zugs Nummer 19. Er diskutiert nicht, sondern er schlägt gleich mit dem Hammer zu und wirft die Hobos gern vom fahrenden Zug.

Eines Tages beschließt Ass Nr. 1 (Lee Marvin), der ungekrönte König der Tramps, im Zug Nummer 19 mitzufahren. Und als ob das noch nicht gefährlich genug sei, verkündet er sein Vorhaben groß auf einem Wasserturm. Ab da wird bei den Landstreichern und dem Bahnpersonal gewettet, ob Ass Nr. 1 auf dem Zug von Shack mitfahren kann.

Das archetypische und hochgradig gekünstelte in dem archaischen Kampf zwischen dem abgrundtief bösem Shack und dem freiheitsliebendem Ass Nr. 1 unterstreichen Robert Aldrich und Drehbuchautor Christopher Knopf noch, indem Shack und Ass Nr. 1 keinen richtigen Namen und keine Back-Story haben. Wir wissen also nicht, wie sie zu den Männern wurden, die sie sind. Es wird auch nicht nach dem Sinn des Kampfes gefragt. Denn keiner von beiden verfolgt ein höheres Ziel. Stattdessen streiten sie sich wie kleine Kinder, die beide unbedingt dieses Legomobil haben müssen.

Gleichzeitig, auch weil Robert Aldrich in vielen kleinen Szenen und Geschichten immer wieder den Kapitalismus und die Conditio Humana (bzw. seinen zynischen Blick auf sie) spiegelt und sich nicht wirklich um eine Rekonstruktion der dreißiger Jahre kümmert, wird das Fabel-hafte der Geschichte deutlich und der Kampf der beiden Männer kann leicht auf andere Kämpfe übertragen werden und dann stehen Shack und Ass Nr. 1 für absolut konträre und unvereinbare Prinzipien.

Dann ist „Ein Zug für zwei Halunken“ auch ein Kommentar zu den frühen Siebzigern, als die Gesellschaft und Hollywood sich veränderten. Aber Aldrich setzt in dem Kampf von Establishment (Shack) und Anti-Establishment (Ass Nr. 1) nicht auf die Jugend. Denn Ass Nr. 1 hat zwar einen jugendlichen Begleiter (Keith Carradine), den er eher notgedrungen mitnimmt, und der bei dem Kampf von Kultur und Gegenkultur nicht für eine Seite Partei ergreift, sondern nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Das hat den damaligen Jugendlichen (die eifrige Kinogänger sind) selbstverständlich nicht gefallen.

Die älteren Kinozuschauer dürften sich dagegen an den Gewalttätigkeiten stören. Schon in den ersten Minuten wird ein Hobo von Shack handgreiflich aus seinem Zug geworfen und von einem anderem Zug überfahren. Auch der Schlusskampf zwischen Shack und Ass Nr. 1 wurde von Aldrich gewohnt hart und kompromisslos inszeniert.

Und natürlich stellt sich die Frage, was Ass Nr. 1 erreichen wollte. Er darf sich „Emperor of the North Pole“ nennen, was man mit „Besitzer eines Königreiches“ übersetzen könnte und einfach nur die höfliche Umschreibung für einen komplett bedeutungslosen Titel ist.

Die DVD

Die DVD-Ausgabe von Koch Media ist wirklich ein Geschenk für den Filmfan. Das beginnt mit dem schönen Cover (Wendecover!), geht über die tolle Bild- und Tonqualität des Films bis hin zum Bonusmaterial. Neben dem deutschen und englischem Trailer und einer Bildergalerie gibt es ein kurzes, in den Archiven gefundenes „Making of“. Das ist sozusagen die Pflicht. Die Kür ist ein informatives 28-seitiges Booklet und ein ebenfalls sehr informativer Audiokommentar von Dana Polan, Professor für Cinema Studies an der Tisch School of the Arts der New York University.

Ein Zug für zwei Halunken (Emperor of the North Pole/Emperor of the North, USA 1973)

Regie: Robert Aldrich

Drehbuch: Christopher Knopf

mit Lee Marvin, Ernest Borgnine, Keith Carradine, Charles Tyner, Malcolm Atterbury, Simon Oakland, Harry Caesar, Hal Baylor, Matt Clark, Elisha Cook Jr., Sid Haig, Lance Henriksen

DVD

Koch Media

Bild: 1,85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch, Italienisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Italienisch

Bonusmaterial: Audiokommentar von Filmhistoriker Prof. Dana Polan, Making of, Deutscher Kinotrailer, Englische Teaser und Trailer, Bildergalerie, 28-seitiges Booklet, Wendecover

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Ein Zug für zwei Halunken“

TCM über „Ein Zug für zwei Halunke“

Noirwelten über „Ein Zug für zwei Halunken“

DVD Heimat über „Ein Zug für zwei Halunken“

Ikonen Magazin: Ein kleines Robert-Aldrich-Porträt von Marcus Stiglegger

Senses of Cinema: Alain Silver über Robert Aldrich


DVD-Kritik: Der BBC-Krimi-Klassiker „Am Rande der Finsternis“

April 18, 2011

Meilenstein der Fernsehgeschichte“ meint Martin Compart in „Crime TV“ über die sechsteilige BBC-Serie „Am Rande der Finsternis“.

Es ist aus vielerlei Gründen einer der aufregendsten Filme seit langem, unter anderem, weil er plastisch, mit atmosphärischer Eleganz, vor Augen führt, dass Politik längst nicht mehr das zentrale Steuerungselement der Gesellschaft ist, in dem der Sinn des Systems zusammenfließt“, schrieb Wolfram Knorr im Januar 1988 in der „Weltwoche“.

1986 gewann die Miniserie sechs BAFTA-Awards und war für fünf weitere nominiert. Im Bonusmaterial heißt es, dass keine Serie mehr Preise gewonnen habe; – wobei man den Preisregen natürlich aus damaliger Sicht, als bereits eine Nominierung etwas Besonderes war, sehen muss. In den vergangenen Jahren hat die Zahl der zu vergebenden Preise ja inflationär zugenommen.

Und in England waren Kritiker und Zuschauer von der Krimiserie begeistert.

In Deutschland lief die Serie anscheinend nur einmal im TV; – was für die Qualität der Serie spricht.

2010 gab es dann das Hollywood-Spielfilmremake. „Auftrag Mord“ hieß der Film. Martin Campbell, der bereits das Original inszenierte und danach als James-Bond-Regisseur Weltruhm erlangte, führte wieder Regie (Vielleicht dachte er dabei an Alfred Hitchcock, der seinen „Mann, der zuviel wusste“ auch zweimal drehte.). Mel Gibson übernahm nach siebenjähriger Leinwandabstinenz die Hauptrolle. In etlichen Kritiken stand, dass das Original besser sei. Aber wer kannte damals wirklich das Original?

Denn die Geschichte des Yorkshire-Polizisten Ronald Craven, der zunehmend fanatisch den Mörder seiner in der Öko-Aktivistengruppe GAIA politisch aktiven 21-jährigen Tochter sucht und sich dabei mit der Regierung, den Geheimdiensten und multinationalen Konzernen anliegt, ist fest in den frühen achtziger Jahren (nach Harrisburg, aber noch vor Tschernobyl) verhaftet. Das gilt für die Geschichte und wie sie erzählt wird. Denn die oft scheinbar endlos langen Einstellungen auf unbewegte Gesichter sind heute, abgesehen von langatmig-depressiven skandinavischen Krimis, nicht mehr zeitgemäß.

Dafür ist das Thema des Ökothrillers immer noch und nach Fukushima und je mehr von dem Geschäftsgebaren des AKW-Betreibers Tepco ans Tageslicht kommt, aktueller denn je. Denn auch International Irradiated Fuels Ltd., der Atomkonzern im Film, der in Northmoor schwach radioaktives Material lagern soll (es aber mit den Grenzwerten nicht so genau nimmt), hat de facto einen Staat im Staat errichtet und Staat und Wirtschaft tun alles, um ihre schmutzigen Geschäfte zu schützen.

Vielleicht ist „Am Rande der Finsternis“ aus heutiger Sicht etwas überschätzt. Aber in in jedem Fall ist der Sechsteiler ein sehenswerter, langsam erzählter Öko-Thriller, der einen ziemlich zynischen Blick auf die Geschäfte der Geheimdienste, Konzerne und Politik wirft.

Die DVD

Das umfangreiche Bonusmaterial wurde von der englischen DVD-Ausgabe von 2003 übernommen und allein schon der Umfang zeigt, wie wichtig die inzwischen über 25 Jahre alte Serie ist. Es gibt eine extra für die DVD produzierte, über halbstündige Doku zur Serie, bei dem auch Drehbuchautor Troy Kennedy Martin (Erfinder der langlebigen Polizeiserie „Z Cars“, Drehbücher für Polizeiserie „The Sweeney“ [Die Füchse], „The Italian Job“ [Charlie staubt Millionen ab] und „Kelly’s Heroes“ [Stoßtrupp Gold]) ausführlich zu Wort kommt.

Außerdem wurde in den BBC-Archiven gewühlt. Es gibt Aufnahmen von der BAFTA-Preisverleihung, Interviews mit Hauptdarsteller Bob Peck (der 1999 53-jährig starb) und eine kleine Kritikerrunde, die nach der dritten Folge ausgestrahlt wurde.

Insgesamt gibt es eine sehr informative Stunde, in der die damaligen Reaktionen neben neueren Meinungen und Rückblicken stehen.

Weniger beeindruckend ist dagegen die oft erschreckend schlechte Bildqualität der einzelnen Folgen. Gerade in den Nachtaufnahmen und den Aufnahmen aus der unterirdischen Lagerstätte Northmoor (in der fünften Episode) sind oft milchig-zugesuppt und die Helligkeit schwankt stark. Da glaubt man eher, einen Film aus den dreißiger Jahren als eine TV-Serie aus den Achtzigern zu sehen.

Am Rande der Finsternis (Edge of Darkness, GB 1985)

Regie: Martin Campbell

Drehbuch: Troy Kennedy Martin

mit Bob Peck, Joanne Whalley, Joe Don Baker, John Woodvine, Charles Kay, Ian McNeice

auch bekannt als „Der Plutonium-Affäre“

DVD

Polyband

Bild: 1,33:1 (4:3)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital Mono 1.0)

Untertitel: –

Extras (mit deutschen Untertiteln): MAGNOX – Die Geheimnisse von „Am Rande der Finsternis“, Haben Sie das gesehen?, Broadcasting Press Guild Award 1986, Der 1986er BAFTA-Award, Interview mit Bob Peck, Alternativer Abspann Episode 6

Länge: 318 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

BBC über „Am Rande der Finsternis“

BFI Screen Online über „Am Rande der Finsternis“

Wikipedia über „Am Rande der Finsternis“ (deutsch, englisch)

Umfangreiche Fanseite über „Am Rande der Finsternis“

Troy Kennedy Martin über „Am Rande der Finsternis“ (1989)

Bournemouth University: Troy Kennedy Martin über das Drehbuchschreiben


DVD-Kritik: Alice Creed ist nicht „Spurlos“ verschwunden

April 16, 2011

Zwei Männer entführen die junge, gut aussehende und vermögende Alice Creed (Gemma Arterton aka Bond-Girl Strawberry Fields in „Ein Quantum Trost“). Die beiden Entführer, der ältere Vic (Eddie Marsan) und sein Gehilfe, der jüngere Danny (Martin Compston), haben sich, wie schon die präzise wie ein Schweizer Uhrwerk abgelaufenen Vorbereitungen gezeigt haben, gut auf die Entführung vorbereitet.

Die beiden Ex-Knackis haben offensichtlich ihre Hausaufgaben gemacht und sich auf alles vorbereitet, bis Danny allein mit Alice im Apartment ist und sie auf die Toilette muss. Er stellt ihr einen Eimer vor’s Bett und sie soll, angekettet an einen Bettpfosten, ihr Geschäft erledigen. Es gelingt ihr trotzdem, an Dannys Pistole zu kommen – und wir erleben, nach 28 straff erzählten Minuten, unsere erste echte Überraschung. Zahlreiche weitere folgen in dem kleinen, aber sehr feinem, wendungsreichem Entführungsthriller, der aus der bekannten Situation und einem sehr überschaubarem Budget ein Maximum an Spannung herausholt. Denn „Spurlos – Die Entführung der Alice Creed“ ist ein Drei-Personen-Stück, das die meiste Zeit in dem absolut anonymem Apartment, in dem Alice Creed gefangen gehalten wird, spielt. Diese Beschränkung wird von Autor und Regisseur J. Blakeson, der hier nach zwei Kurzfilmen sein Spielfilmdebüt vorlegt, als Vorteil gesehen. Denn so lenkt nichts von den sich ständig verändernden Beziehungen innerhalb des Trios ab. Und Blakeson weiß, wie er mit minimalen Mitteln, wie einer Kugelhülse, Spannung aufbaut.

Spurlos – Die Entführung der Alice Creed“ will einfach nur neunzig Minuten spannend unterhalten. Und das tut er glänzend.

Spurlos – Die Entführung der Alice Creed (The Disappearance of Alice Creed, GB 2009)

Regie: J. Blakeson

Drehbuch: J. Blakeson

mit Gemma Arterton, Martin Compston, Eddie Marsan

DVD

Ascot-Elite

Bild: 2.40:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DTS, Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial (angekündigt): Originaltrailer, Making of Featurette, Interview mit Regisseur, Interview mit Produzent, Interview mit Gemma Arterton, Interview mit Eddie Marsan, Interview mit Martin Compston, Interview mit Philip Blaubach (Kameramann), Behind the Scenes, Wendecover

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „Spurlos – Die Entführung der Alice Creed“

Und noch zwei Bilder aus dem Film


DVD-Kritik: Brittany Murphys Abschiedsvorstellung „Ohne jede Spur“

April 12, 2011

Selten ist der letzte Film eines Künstlers ein Klassiker. Auch Brittany Murphys letzter Film „Ohne jede Spur“ – sie starb 32-jährig am 20. Dezember 2009 an einer Lungenentzündung – wäre, wenn er nicht die Adelung des letzten Films hätte, ein vollkommen unerhebliches Nebenwerk, bei dem die teilweise ziemlich namhafte Besetzung erstaunt. Denn die Story – Eine junge Frau sucht ihren spurlos im Krankenhaus verschwundenen Freund. Dabei ist sie, weil niemand den Verschwundenen gesehen hat, auf sich allein gestellt. – versackt nach einer bekannt-bewährten Prämisse zuerst im dramaturgischem Leerlauf (dafür darf die erstaunlich schlecht aussehende Frau Murphy durch die Gänge des Krankenhauses wandeln) und, nachdem nach einer knappen Stunde der Grund für das Verschwinden ihres Freundes enthüllt wird, endet alles in einem kläglich vorhersehbarem Showdown.

Mit knapp neunzig Minuten vergeht die Zeit bei diesem Direct-to-DVD-Werk halbwegs schnell, aber nicht angenehm.

Denn wenn es nicht etliche, wahrscheinlich ungewollte, Irritationen gäbe (wie holprige Dramaturgie, Logiklöcher von epischen Ausmaßen, schlecht ausgelegte falsche Fährten, banalste Dialoge, uneinheitliche Charakterzeichnungen und Darstellungen [wobei Regisseur und Filmhistoriker Peter Bogdanovich in einem Kurzauftritt als Psychiater grandios neben der Spur spielt; fast wie einer der verrückten Wissenschaftler aus der goldenen Zeit der B-Pictures], eine uneinheitlicher Erzählhaltung [Soll es eine Pseudo-Doku sein? Ein Noir? Ein Thriller? Eine Psycho-Thriller? Ein Drama über eine Frau, die den Kontakt zur Realität verliert? – Es ist mal dieses, mal jenes, am Ende nichts von allem, aber dafür gibt es immer wieder bedeutungsschwanger eingeblendete Überwachungsaufnahmen], uneinheitliche Kameraarbeit und Schnitt), wäre „Ohne jede Spur“ Malen nach Zahlen. Aber dann wäre am Ende wenigstens ein rundes Bild herausgekommen.

Ohne jede Spur“ dürfte nur den Die-Hard-Brittany-Murphy-Fans gefallen. Alle anderen können das mit einem Minimal-Budget gedrehte Werk getrost ignorieren.

Weil der Trailer den Film ziemlich gelungen zusammenfasst, gibt es ihn erst jetzt

 

Ohne jede Spur (Abandoned, USA 2010)

Regie: Michael Feifer

Drehbuch: Peter Sullivan (nach einer Geschichte von Jeffrey Schenck und Peter Sullivan)

mit Brittany Murphy, Dean Cain, Mimi Rogers, Peter Bogdanovich, Jay Pickett, Tim Thomerson, Scott Anthony Leet, America Young, Tara Subkoff

DVD

Sunfilm

Bild: 1:1,85 (16:9)

Ton: Deutsch (DTS 5.1, DD 5.1), Englisch DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: –

Länge: 85 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweis

Homepage zum Film

 


DVD-Kritik: Der vergessene Western-Klassiker „Der letzte Wagen“ von Delmer Daves mit Richard Widmark

April 6, 2011

Als der Western „Der letzte Wagen“ irgendwann in den Achtzigern im Fernsehen lief, sah ich ihn und der Film über ein als Verbrecher verfolgtes Halbblut (gespielt von Richard Widmark), das einer Gruppe Siedler hilft, durch das Indianerreservat zu fahren, gefiel mir und ich wollte ihn mir bei der nächsten Wiederholung gerne wieder ansehen. Aber aus Gott weiß was für Gründen lief der Western, im Gegensatz zu irgendwelchen Schrottfilmen, die mindestens zweimal pro Jahr gezeigt werden, seitdem nicht mehr im Fernsehen.

Vor allem erinnerte ich mich daran, dass Richard Widmark an das Rad eines Planwagens gefesselt war.

Das ist er, wie ich jetzt beim Ansehen der gerade erschienenen, schön gestalteten DVD bemerkte, aber nur wenige Minuten am Anfang des Films. Die meiste Zeit trägt er Handschellen und kann sich ziemlich frei bewegen.

Außerdem bemerkte ich, dass ich fast den ganzen Film vergessen hatte (naja, über zwanzig Jahre ist eine lange Zeit), aber mein damaliger Eindruck immer noch stimmt: „Der letzte Wagen“ ist ein großartiger Film.

Denn die wenigen Mängel (am Ende wird es arg pathetisch; einige Charaktere sind noch etwas zu plakativ in gut und böse unterteilt) verschwinden gegenüber dem immer noch straffem Erzähltempo, den großartigen Landschaftsaufnahmen, den guten Action-Szenen, den guten Schauspielerleistungen und dem differenziertem Drehbuch, das ein ziemlich ungeschöntes und realistisches Bild des Wilden Westen zeichnete. Denn Delmer Daves zeigte auch, wie schwer das Überleben in der Wildnis war, welche Gefahren drohten und wie man doch in der Wüste Essbares findet.

Außerdem ist „Der letzte Wagen“ einer der ersten Western, der den Zwiespalt eines Mannes, der zwischen den Kulturen steht, aufnimmt. Der von Richard Widmark gespielte Comanche Todd ist ein von Indianern großgezogenes Halbblut, das vom Sheriff erbarmungslos gejagt wird, weil er mehrere weiße Männer ermordete und auf seiner Flucht vor weiteren Morden nicht zurückschreckt. Auch einige Siedler halten ihn anfangs für eine Bestie; die anderen berufen sich auf die christliche Ethik. Durch seine Taten erwirbt Todd zwar während der Reise den Respekt der wenigen Siedler, die einen Indianerüberfall überlebten. Aber Regisseur Delmer Daves und Richard Widmark glorifizieren Commanche Todd nie als edlen Wilden. Denn er bleibt immer ein höchst zwiespältiger Charakter, der skrupellos tötet und dessen Loyalität nur ihm allein gehört. Jedenfalls am Anfang.

Es dauerte noch zehn Jahre, bis in der grandiosen Elmore-Leonard-Verfilmung „Man nannte ihn Hombre“ (die im direkten Vergleich zum „letzten Wagen“ allerdings schwächer ist) wieder ein Halbblut und der Rassismus der Siedler im Mittelpunkt eines Western stand. Denn auch dieses, von Paul Newman gespielte, Halbblut musste einer Gruppe Weißer, die ihn verachteten, helfen. Und dann kam „Little Big Man“.

Aber am Anfang stand „Der letzte Wagen“.

Der letzte Wagen (The last wagon, USA 1956)

Regie: Delmer Daves

Drehbuch: James Edward Grant, Delmer Daves, Gwen Bagni Gielgud (nach ihrer Geschichte)

mit Richard Widmark, Felicia Farr, Susan Kohner, Tommy Rettig, Stephanie Griffin, Ray Stricklyn

DVD

Koch Media (Edition Westernlegenden #3)

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch (Kino- und TV-Synchronisation), Englisch (Dolby Digital 2.0/4.0), Italienisch

Untertitel: Englisch, Italienisch

Bonusmaterial: Bildergalerie, Kinotrailer, Booklet

Länge: 95 min

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Der letzte Wagen“

Turner Classic Movies über „Der letzte Wagen“


DVD-Kritik: Robert Enricos „Die Abenteurer“ mit Alain Delon und Lino Ventura

April 4, 2011

Solche Filme werden heute nicht mehr gemacht.

Aber liegt das an der nostalgischen Brille – immerhin sind Lino Ventura, Robert Enrico und José Giovanni tot und Alain Delon hat sich in den vergangenen dreißig Jahren ziemlich aus dem Geschäft zurückgezogen – oder wirklich an dem Film?

 

Die Story

 

In „Die Abenteurer“ wird ein Hohelied auf die Freundschaft gesungen, die mit dem gewaltsamen Tod von zwei der drei Freunde endet. Es beginnt mit einem Besuch von Laetitia (Joanna Shimkus) auf dem Schrottplatz von Roland (Lino Ventura). Er hat keine Zeit, fertigt sie barsch ab, aber als sie sagt, sie habe Zeit und werde auf ihn warten, nimmt er sie mit zu einem Feld. Dort bauen sie einige Stangen auf und Manu (Alain Delon) fliegt mit einem Doppeldecker durch sie hindurch. Sie alle freuen sich, dass der Stunt gelingt. Denn die Stangen sind nur die Probe für einen Flug durch den Triumphbogen in Paris.

Bereits in diesen ersten, fast wortlosen Minuten, wird die Freundschaft zwischen den Dreien etabliert. Denn Roland und Manu nehmen Laetitia schnell in ihren Männerbund und in ihre bedingungslose Freundschaft auf. Sie sind Träumer, die sich auch durch Rückschläge nicht von ihren Zielen abbringen lassen. Denn Manu gelingt der Flug durch den Triumphbogen nicht und er verliert seine Pilotenlizenz. Roland will einen neuen Motor entwickeln, aber seine Experimente mit einem besonders schnellem Dragster enden erfolglos. Auch bei einem Besuch in einem Casino, wo sie nach System spielen, verlieren sie ihr Geld. Trotzdem verlieren sie nicht ihren Optimismus.

Erst als Laetitia ihnen enttäuscht die vernichtenden Kritiken für ihre Ausstellung präsentiert, beschließen sie, sie mit nach Afrika zu nehmen. Dort soll vor der Küste das Wrack eines Flugzeugs mit einem Schatz an Bord liegen; – Geld, das sie dringend brauche, um ihre Träume weiter zu verfolgen.

Dieser zweite Teil von „Die Abenteurer“ ist klar von dem ersten, in und um Paris spielendem Teil, getrennt. Die drei verleben glückliche Tage vor der Küste und finden, dank der Hilfe des Piloten (Serge Reggiani) auch das Flugzeug. Kurz nachdem sie den Schatz geborgen und durch vier geteilt haben (eine weitere der vielen wundervollen Szenen des Films: der Pilot will die Beute durch drei teilen; Roland und Manu erklären ihm ohne großen Worte, dass Laetitia ein gleichwertiges Mitglied ihrer Crew ist), geraten sie in eine falsche Polizeikontrolle. Denn Gangster (es wird nie wirklich klar, wer genau das Geld haben will, aber von ihrem ersten Auftreten ist klar, dass sie über Leichen gehen) wollen ihnen die Beute abnehmen. Der Pilot beginnt eine Schießerei, bei der Latitia erschossen wird. Manu und Roland bestatten sie auf hoher See.

Der dritte Teil spielt an der französischen Atlantikküste, in Sichtweite des bekannten Fort Boyard. Denn so selbstverständlich es für Manu und Roland war, Laetitia mit nach Afrika zu nehmen und ihr den gleichen Teil der Beute zu geben, so selbstverständlich ist es für sie, die Verwandten von Laetitia zu suchen und ihnen ihren Teil der Beute zu geben. Dabei erfahren sie zunächst einiges über Laetitias Familiengeschichte und als sie ihre nächsten Verwandten treffen, die ohne zu fragen, jede Verantwortung für die Taten von Laetitia ablehnen und ihr auch nicht helfen wollen, beschließen Manu und Roland (wieder ohne ein Wort darüber zu verlieren), dass sie Laetitias Teil der Beute doch für sich behalten. Denn diese Menschen haben das Geld nicht verdient. Erst als deren Junge, den sie aus dem städtischen Museum kennen, auftaucht, ändern sie ihre Meinung. Sie zeigen Laetitias Verwandten das Geld und Roland sagt, dass sie es für den Jungen anlegen würden.

Doch da sind noch die Gangster. Sie haben den Piloten geschnappt und finden auch eine Spur zu Manu, der sie dann an die Atlantikküste führt.

Inzwischen hat Roland Fort Boyard gekauft. Er will dort, wie er Manu begeistert erzählt, ein Hotel-Restaurant einrichten. Als die Gangster die im Meer gelegene Festung betreten, kommt es zu einem Schusswechsel. Die Gangster sterben und auch Manu wird erschossen.

 

Der Film

 

Die ausführliche Inhaltsangabe zeigt schon, dass es Robert Enrico nicht um eine klassisch erzählte Geschichte ging. Denn dafür sind die drei Geschichten zu scharf voneinander getrennt; fast als ob man sich drei Kurzfilme oder Episoden einer TV-Serie hintereinander ansieht. Gerade so werden die die einzelnen Teile miteinander verbindenden Themen umso deutlicher: Freundschaft, das Leben von gesellschaftlichen Außenseitern, Träumern und Glücksrittern und die Wichtigkeit von Stil, Haltung und Gesten.

Dabei war eine solche bedingungslose Freundschaft, wie die zwischen Roland, Manu und Laetitia, vielleicht immer nur ein Mythos, der vor allem in französischen Kriminalfilmen der fünfziger und sechziger Jahre gerne gepflegt wurde. Aber damals wurde ein solches Idealbild noch formuliert. Heute wird darauf meist vollkommen verzichtet.

Und mit Alain Delon (der wahrscheinlich nie wieder so entspannt spielte) und Lino Ventura hatte Robert Enrico die beiden großen Stars des französischen Kinos, die beide auch immer wieder den Homme Solitaire verkörperten, verpflichtet, um wieder einmal gesellschaftliche Außenseiter, die nur ihren Regeln folgen, zu spielen. Allerdings spielen sie dieses Mal keine Verbrecher, sondern fast normale Menschen.

Die Abenteurer“ ist ein feiner Film, ein Kassenhit, ein Klassiker des französischen Kinos und eine zeitlose Liebeserklärung an die Träumer und die Freundschaft.

 

Einige Meinungen zum Film

 

Robert Enrico: „Ich hasse die Leute, die sozusagen zu der ’schweigenden Mehrheit‘ gehören. Die Außenseiter haben schon immer diejenigen fasziniert, die ein banales Leben führen. Der Film destilliert den Traum.“ (Cinéma Francais Nr. 6, November 1976)

 

Alain Delon über „Die Abenteurer“, der einer seiner Lieblingsfilme ist: „Es war ein wunderbarer Film, sehr schön gemacht. Es war eine Story, so wie ich sie gerne mag, ich nenne das eine Freundschafts-Geschichte, über die Beziehung zwischen zwei Männern, in deren Mitte manchmal eine Frau steht. Ich habe die übliche Liebesgeschichte, die Romanze, ein wenig satt.“ (Robin Bean: Reaching for the World, Films and Filming, Februar 1965)

 

Lino Ventura über Robert Enrico und die Themen des Films: „Enrico ist ein Poet, er ist ein wenig surrealistisch, ein Träumer. (…) Es sind Personen, die ganz auf sich selbst angewiesen sind. Für mich sind das richtige Männer. Ich meine damit, dass es sich nicht lohnt, viel zu reden. Ich rede übrigens nie viel im Film.“ (Hans C. Blumenberg/Wilfried Reichert: Interview mit Lino Ventura, 1974)

Ich liebe diesen Typ des einsamen Mannes.“ (Frauke Hanck: Ein eigenwilliger Charakter, Vorwärts, 4. März 1976)

Ich möchte Filme machen, die etwas ausdrücken, Freundschaft zum Beispiel. Freundschaft halte ich für das Wichtigste im Leben.“ (Lotte Holetz: Grüß Gott, Bulle, Münchner Abendzeitung, 19. Februar 1976)

 

1981 schrieben Regisseur Adolf Winkelmann (Die Abfahrer, Nordkurve [sträflich unterschätzt], Contergan) und Drehbuchautor Jost Krüger (die Winkelmann-Filme „Jede Menge Kohle“ und „Super“) zur Wiederaufführung des Films: „Es ist Zeit, endlich mal zuzugeben, dass uns ‚Die Abenteurer‘ damals richtig gut, viel besser gefallen hat als: Es/Mahlzeiten/Die Tätowierung/Wilde Reiter GmbH/Persona/Man lebt nur zweimal/Kuckucksjahre und Fahrenheit 451. (…) Der Film ist stilistisch perfekt (dramaturgisch nicht ganz: erzählt zu viele Geschichten und findet kein Ende). Jede Geste der Schauspieler, jede Einstellungsfolge scheint in der Wirkung auf uns genau kalkuliert. Keine filmischen Experimente, richtiges Kino, effektvolles Kunst-Handwert.“ (tip 21/81)

 

Hans Gerhold schrieb in „Das Abenteuer Leben – Notizen zu den Filmen des Regisseurs Robert Enrico“ über den Film: „Die spannende und humorvolle, mit atemberaubenden lyrischen Passagen durchsetzte Schatzsuche dreier gescheiterter Existenzen – (…) -, an deren Ende der Tod steht, wird zu einem Hymnus auf das Leben in Freiheit und zu einer Meditation über den Abenteurer als metaphysischen Existenz, der seine Erfüllung im zweckentbundenen Handeln findet, stilisiert.“ (film-dienst 2/1982)

 

‚Les Aventuriers‘ ist ein Film über das Scheitern von Träumen. Doch dieses Scheitern stärkt die Freundschaft der Protagonisten. An ihrem Ende bleibt Roland daher nur die Einsamkeit. Es ist ein Film auch über das Scheitern der Individualität an den Normen der Gesellschaft, über die Außenseiterrollen von Einzelgängern. Enrico findet dafür schöne Bilder. “ (Meinolf Zurhorst/Lothar Just: Lino Ventura: Seine Filme – sein Leben,1984)

 

Trotz aller Tragik erzählt ‚Les Aventuriers‘ seine Geschichte mit einer spielerischen Leichtigkeit, in der sich die Aufbruchstimmung der sechziger Jahre widerspiegelt. Sie ist ebenso wunderbar im Soundtrack von François de Roubaix eingefangen, dessen einprägsames Leitmotiv ein Wechselspiel aus heiterem Pfeifen und dramatischen Akkorden kennzeichnet, wie in mehreren musikalischen Einlagen der Akteure.“ (Frank Arnold in Bodo Traber/Hans J. Wulff, Hrsg.: Filmgenres: Abenteuerfilm, 2004)

 

Die DVD

 

Endlich gibt es „Die Abenteurer“ in einer adäquaten Version. Denn in die bisherigen Veröffentlichungen waren gekürzt (dafür mit O-Ton) oder ungekürzt (aber ohne O-Ton) und ohne Extras.

Jetzt gibt die Originalfassung mit deutschem und französischem Ton und einigen interessanten Extras. In einer Bildershow wird ein Text über die Entstehung des Films vorgelesen. Es gibt ein Interview mit Hauptdarstellerin Joanna Shimkus (mit arg störenden Hintergrundgeräuschen) und eine leicht experimentelle Doku über den Filmkomponisten François de Roubaix. In einem Zimmer erzählen de-Roubaix-Fans, wie sie ihn entdeckten und wie seine Musik ihr Leben beeinflusste. Insgesamt eine gute Stunde Bonusmaterial.

Die Abenteurer (Les Aventuriers, Frankreich 1967)

Regie: Robert Enrico

Drehbuch: Robert Enrico, José Giovanni, Pierre Pelegri

LV: José Giovanni: Les Aventuriers, 1960

mit Lino Ventura, Alain Delon, Joanna Shimkus, Serge Reggiani, Paul Crauchet, Hans Meyer

DVD

Concorde

Bild: 2,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Französisch (Dolby Digital 1.0)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making of, Interview mit Joanne Shimkus. Porträt von François de Roubaix, Originaltrailer

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Die Abenteurer“ (deutsch, französisch)

Arte über „Die Abenteurer“

Kriminalakte über José Giovanni, Alain Delon und Lino Ventura

 


DVD-Kritik: Ausgegraben: der gaaanz alte Edgar-Wallace-Film „Der Doppelgänger“

April 3, 2011

Es ist unmöglich, von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein.“ lautet der alte und wohl immer noch allgemein bekannte Werbespruch für die roten Goldmann-Krimis und die deutschen Sechziger-Jahre-Edgar-Wallace-Verfilmungen, die immer noch regelmäßig im Fernsehen gezeigt werden und mit den „Wixxer“-Filmen auch liebevoll persifliert wurden. Dabei gerät das restliche Schaffen des enorm produktiven Edgar Wallace (1875 – 1932) ins Hintertreffen. Dazu gehören seine in Afrika spielenden Sanders- und Bones-Geschichten und die vielen anderen Verfilmungen seiner Werke. Auch in Deutschland wurden bereits vor der erfolgreichen Sechziger-Jahre-Edgar-Wallace-Reihe einige seiner Bücher verfilmt.

Dazu gehört auch der jetzt in der Reihe „Schätze des deutschen Tonfilms“ erschienene Film „Der Doppelgänger“ von 1934, dem man trotz der Restaurierung das Alter deutlich ansieht. „Der Doppelgänger“ war zugleich die letzte deutsche Wallace-Verfilmung bis zum „Frosch mit der Maske“, dem ersten Rialto-Wallace und der Initialzündung für die Sechziger-Jahre-Edgar-Wallace-Filme.

Dabei ist „Der Doppelgänger“ ein untypischer Wallace-Film. Denn obwohl es eine reiche Erbin, falsche Identitäten und zahlreiche Verwechslungen gibt und einige Verbrecher sich ein riesiges Vermögen aneignen wollen, ist „Der Doppelgänger“ in erster Linie eine, nach einem längeren Anlauf, nicht unflotte, hauptsächlich in einem Haus spielende Boulevardkomödie.

Im Mittelpunkt steht die junge, resolute Australierin Jenny Miller, die sich in London bei ihrem entfernt mit ihr verwandtem Vermögensverwalter Harry Selsbury einquartiert. Sie will wissen, ob er wirklich ihr gesamtes Vermögen veruntreut hat und sie hat auch feste Heiratspläne, die ihrem Onkel, der sie auf die Reise von Australien nach London mitnahm, nicht gefallen. Als Selsbury für das Wochenende verreist (zum Schein nach Schottland zur Jagd, in Wirklichkeit mit seiner verheirateten Freundin nach Ostende), erfährt Jenny Miller, dass ein Doppelgänger sich just an diesem Wochenende das Vermögen von Selsbury aneignen will. Als dann Selsbury (der die Reise nach Ostende doch nicht antrat) wieder auftaucht, glaubt Jenny Miller, dass dieser Selbsbury der Doppelgänger ist und in Selbsburys Haus beginnt ein turbulentes Wochenende mit dem Hausbesitzer, dessen Bruder, der jungen Erbin, dem Butler, einem Detektiv (Theo Lingen!), einer Geliebten und einigen Verbrechern.

Der Doppelgänger (D 1934)

Regie: E. W. Emo

Drehbuch: Curt J. Braun, Peter Ort

LV: Edgar Wallace: The Double, 1928 (auch „Sinister Halls“, deutsch: „Das Steckenpferd des alten Derrick“)

mit Camilla Horn, Georg Alexander, Gerda Maurus, Theo Lingen, Fritz Odemar, Jakob Tiedtke, Hans-Leisner-Fischer, Josef Eichheim

DVD

Spirit-Media

Bild: 4:3

Ton: Deutsch (Mono)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Bio- und Filmographien (nur Text), Filminfos (nur Text), Bildergalerie

Länge: 81 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Der Doppelgänger“

Krimi-Couch über Edgar Wallace

Kirjasto über Edgar Wallace

Englische Edgar-Wallace-Seite

Deutsche Edgar-Wallace-Seite

Noch eine deutsche Edgar-Wallace-Fanseite

Meine Besprechung der Edgar-Wallace-Verfilmung „Der Zinker“ (D 1931)


DVD-Kritik: Der tolle Polit-Thriller „Der dritte Grad“

März 28, 2011

Irgendwann in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts: in einem anonymen, südländischem Polizeistaat (gedreht wurde in Griechenland, aber es könnte auch eine südamerikanische Militärdiktatur sein) nimmt die Polizei den Reisekaufmann Georgis (Ugo Tognazzi) fest. Er hat sich in einem Café mit einem jungen Mann unterhalten, der ein Revolutionär sein soll.

Der Polizeichef möchte an Georgis eine neue Verhörmethode ausprobieren. Er schickt an einem Sonntag einen Inspektor (Michel Piccoli) und den „Manager“ (Mario Adorf), ein betont südländisch-grobschlächtiger Polizist, der sie in Zentralgefängnis fahren soll, los. Kurz nachdem sie losgefahren sind, bleibt das Auto liegen und sie müssen sich zu Fuß auf den Weg machen. Unklar ist, ob die Autopanne ein technischer Defekt oder Teil eines ausgeklügelten Plans ist, Georgis außerhalb des Verhörzimmers zu einem Geständnis zu bewegen. Und ist der Verdächtige Georgis wirklich so unschuldig und bieder, wie er behauptet?

Der Politthriller „Der dritte Grad“ ist einer der wenigen Ausflüge des Neuen Deutschen Films auf das internationale Parkett und in das Genrekino. Denn auch wenn der Film nicht in Griechenland unmittelbar nach dem Ende der Militärdiktatur gedreht worden wäre, wäre der Einfluss des linksaufklärerischen Kinos von Constantin Costa-Gavras, der mit dem ebenfalls in Griechenland spielendem „Z“ einen Welterfolg hatte und die Grundpfeiler des damaligen Polit-Thrillers markierte, unübersehbar. Costa-Gavras inszenierte, wie damals etliche linke Regisseure, regierungskritische Stoffe, die entschieden für Minderheiten und die Unterdrückten Partei ergriffen, aber mit einer Starbesetzung und getarnt als Genrefime auf das breite Publikum zielten. Diese Methode war damals nicht unumstritten.

Und „Der dritte Grad“-Regisseur Peter Fleischmann, der 1969 mit der Martin-Sperr-Verfilmung „Jagdszenen aus Niederbayern“ einen ersten Erfolg mit einem Heimatfilm abseits der Klischees des damaligen deutschen Heimatfilms hatte, gehörte damals zum Neuen Deutschen Film, der entschieden Großpapas Kino ablehnte. Auch in seinen späteren Filmen „Das Unheil“ (1970), „Dorotheas Rache“ (1973), „Die Hamburger Krankheit“ (1979 – ein deutscher SF-Film), „Frevel“, die Arkadi- und Boris-Strugatski-Verfilmung „Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein“ (1989; – noch ein deutscher SF-Film, der in Russland gedreht wurde und, angesichts der jahrelangen Vorbereitung und des hohen Budgets, ein gigantischer Flop war) versuchte er populäre Erzählformen und gesellschaftlich relevante Themen mit einem eigenen Stempel zu versehen.

Auch „Der dritte Grad“ zielte auf das breite Publikum. Der Thriller ist keine flammende Anklage gegen die Folterregime (Wobei die Szene, in der der Polizeichef durch ein Büro im Polizeirevier geht, und mehrere Beamte seelenruhig Folterverhöre abtippen, und er sich mit Michel Piccoli unterhält, schon sehr erschreckend ist und an der Meinung der Filmemacher zu bestimmten Regierungen keine Zweifel aufkommen lässt. Auch die erste Szene, wenn der Inspektor und Georgis in einer langen und komplizierten Einstellung, die sich nicht vor der ersten Einstellung von Orson Welles‘ „Im Zeichen des Bösen“ verstecken muss, eingeführt werden, ist, in ihrer erzählerischen Ökonomie grandios.), sondern ein psychologischer Thriller, in dem das Verhör, vor traumhafter Kulisse, schnell zu einem spannendem Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem Polizisten und dem Verdächtigen, der einerseits zu harmlos und bieder für einen Revolutionär ist und andererseits zu gewitzt und aufmerksam für einen Reisekaufmann ist, entwickelt. Dabei scheint sich im Lauf des Sommertages sogar so etwas wie Freundschaft zwischen Georgis und dem Inspektor zu entwickeln; – oder ist das nicht auch wieder eine Finte in dem Verhör?

Denn beide wissen, dass dieses freundschaftliche Verhör nur das Vorspiel für ein Folterverhör ist.

Diese Ausgangssituation, in der das Folterregime eine neue, ihrem normalen Gehabe widersprechende und in der Durchführung ziemlich aufwendige Verhörstrategie ausprobieren will, wirkt allerdings etwas konstruiert und einige Twists in der zweiten Hälfte des Films kommen etwas zu plötzlich und wirken etwas zu weit hergeholt; – so als ob Peter Fleischmann, Jean-Claude Carrière und Martin Walser ihrer Prämisse, dem damit verbundenen Thema und den wechselnden Loyalitäten nicht genug vertrauten.

Die Vorlage für den Film ist der 1966 erschienene, mehrfach ausgezeichnete, nur noch antiquarisch erhältliche Roman „Der Fehler“ des Griechen Antonis Samarakis, der darin seine Erfahrungen im Widerstand gegen die Regierung des Generals Metaxas Anfang der 40er Jahre schrieb.

 

Fazit

 

Der dritte Grad“ ist ein mit damaligen Topstars grandios besetzter, vor einer traumhaften Kulisse spielender und mit der immer hörenswerten Musik von Ennio Morricone unterlegter Siebziger-Jahre-Politthriller. Diese absolut lohnenswerte Wiederentdeckung wurde nämlich nach der Kinoauswertung 1976 nur einmal, am 21. Juni 1981 im TV ausgestrahlt, und die VHS-Cassetten sind ebenfalls schon lange nicht mehr erhältlich.

Die jetzige DVD-Ausgabe hinterlässt allerdings ein zwiespältiges Gefühl. Denn, obwohl es eine internationale Produktion ist, findet sich nur die deutsche Tonspur auf der DVD. Der Rest, das Skizzenbuch von Carrière, Pressezitate zum Film und eine Fotogalerie, zeigen immerhin, dass sich bemüht wurde, etwas historische Bonusmaterial zu finden.

Der dritte Grad (La Faille, Deutschland/Frankreich/Italien 1974)

Regie: Peter Fleischmann

Drehbuch: Jean-Claude Carrière, Martin Walser, Peter Fleischmann

LV: Antonis Samarakis: Der Fehler (1966)

mit Michel Piccoli, Ugo Tognazzi, Mario Adorf, Adriana Asti, Dimis Starenios

DVD

Arthaus

Bild: 1,66:1

Sprache: Deutsch (Mono DD)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Skizzenbuch von Jean-Claude Carrière; Pressezitate zum Film als PDF; Fotogalerie; Wendecover

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über Peter Fleischmann

Filmportal über Peter Fleischmann

The Guardian: Nachruf auf Antonis Samarakis


DVD-Kritik: Robert De Niro und Edward Norton treffen sich wieder in „Stone“

März 15, 2011

Vor zehn Jahren trafen Robert De Niro und Edward Norton in „The Score“ erstmals aufeinander. Marlon Brando spielte in dem Einbrecherfilm auch mit und die Kritiker waren von dem Treffen der aus drei verschiedenen Generationen stammenden Schauspielergiganten milde enttäuscht. Denn „The Score“ ist ein altmodischer Einbrecherfilm für den nicht unbedingt so hochkarätige Schauspieler nötig gewesen wären. Aber geschadet hat es dem Film nicht.

Jetzt treffen Robert De Niro und Edward Norton in „Stone“ wieder aufeinander. Es ist wieder ein Kriminalfilm. Naja, irgendwie. Denn „Stone“ ist auch ein religiös angehauchtes Drama und die Charakterstudie eines mit seinem Leben haderndem, introvertiertem Biedermannes. Jedenfalls irgendwie. Denn das vor allem in einem Büro spielende, ursprünglich als Theaterstück geschriebene Zweipersonendrama „Stone“ entscheidet sich nie für ein Genre und damit auch für keine bestimmte Geschichte. Stattdessen plätschert der Film über Jack Mabry reichlich ziellos und langatmig vor sich hin.

Dieser Jack Mabry (Robert De Niro) schreibt im Gefängnis die Gutachten für den Bewährungsausschuss. Er ist gut. Er steht kurz vor seiner Pensionierung. Er lebt seit Jahrzehnten mit Madylyn (Frances Conroy) zusammen. Diese Ehe ist schon lange nur noch ein Gefängnis, in dem beide sich eingerichtet haben. Gemeinsam besuchen sie an den Wochenenden den Gottesdienst.

Auf seine letzten Tage soll Mabry Gerald Creeson (Edward Norton), der lieber „Stone“ genannt werden möchte, begutachten. Stone will unbedingt früher raus und spannt dafür auch seine junge, gutaussehende, enorm heiße Frau Lucetta (Milla Jovovich als Abziehbild der Femme Fatale) ein. Sie macht sich an Jack ran. Der lehnt zunächst ihre Kontaktwünsche, weil sie gegen die Vorschriften verstoßen, schroff ab.

Später nicht mehr – und was spätestens jetzt ein zünftiger, wenn auch etwas unplausibler Noir werden könnte, verläuft im Nichts. Auch das innere Drama von Mabry ist kaum nachvollziehbar.

Und die scheinbar endlosen Gespräche zwischen dem Plappermaul Stone und dem Schweiger Jack Mabry sind auch nicht besonders prickelnd. Es wird einfach nur endlos über Erlösung, den Weg zum besseren Menschen, Glauben undsoweiter räsoniert.

Aber es wird nie klar, warum uns ein Häftling, der alles sagen würde, um aus dem Gefängnis zu kommen, und ein Gutachter, der ein bieder-braver Beamter ist und der schon tausende ähnlich bauernschlaue Häftlinge begutachtet hat, interessieren könnten. Vor allem ist absolut unklar, was der erfahrene alte Hase Mabry in dem Jungspund erblickt, er sich dann ziemlich idiotisch verhält und absolut grundlos vieles riskiert. Denn selbstverständlich hüpft Jack mit Lucetta ins Bett. Aber, wie so vieles in „Stone“, ist dieser Seitensprung für die Geschichte vielleicht nicht unbedingt nebensächlich, aber in jedem Fall folgenlos.

Während des Abspanns fragt man sich, warum man sich von so einem Film zwei Stunden seines Lebens stehlen ließ. Warum De Niro und Norton, die ihre Rollen desinteressiert-lieblos runterspielen, zusagten, fragte man sich schon während des Films. Warum das zähe Drama bei uns seine Premiere auf DVD erlebte, ist allerdings schon vor dem ersten Zusammentreffen von De Niro und Norton, die in den vergangenen Jahren keine glückliche Hand bei ihrer Rollenauswahl hatten, klar. Der von Robert De Niro gespielte Jack Mabry ist uns egal.

Stone (Stone, USA 2010)

Regie: John Curran

Drehbuch: Angus MacLachlan

mit Robert De Niro, Edward Norton, Milla Jovovich, Frances Conroy

DVD

Ascot Elite

Bild: 2,4:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DTS 5.1, DD 5.1), Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial (angekündigt): Making Of, Interviews, Beim Dreh, Originaltrailer

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Wikipedia über „Stone“

Drehbuch „Stone“ von Angus MacLachlan


DVD-Kritik: Gary Cooper meint „Der General starb im Morgengrauen“

März 10, 2011

Um den Abenteuerfilm „Der General starb im Morgengrauen“ als „Film noir“ einzusortieren, muss man schon einen sehr weiten Begriff von Noir haben. Denn nur in Madeleine Carrolls Rolle kann etwas vom klassischen Noir-Ethos entdeckt werden.

Gary Cooper spielt den Abenteurer O’Hara, der in China einen Gürtel mit Geld von den Rebellen nach Shanghai schmuggeln soll. Dort soll das Geld für den Kauf von Waffen im Kampf gegen einen blutrünstigen Herrscher, eben dem titelgebenden General, verwandt werden. Eine Frau (Madeleine Carroll) wird auf O’Hara angesetzt. Sie verliebt sich in ihn. Aber gleichzeitig will sie auch ihrem Vater, der sie in das Komplott hineinzog, helfen. Denn er benötigt das Geld für eine Reise zurück in seine amerikanische Heimat. Dort möchte er seine letzten Monate verbringen.

Was nach den ersten Minuten zu einer zünftigen, kolportagehaften Abenteuergeschichte werden könnte, versinkt ziemlich schnell in einem verwirrend-langatmigem Spiel, in dem Pläne öfters scheitern und die Motive der Charaktere öfters im Dunkeln bleiben. Im Dunkeln bleibt auch, warum O’Hara das Geld schmuggeln soll (denn einen auffallenderen Kurier dürfte es in ganz China nicht geben), warum der ach so blutrünstige General einige Leute nicht tötet und warum die Bösewichte einen so furchtbar komplizierter Plan für den Raub des Geldgürtels ersinnen, anstatt O’Hara einfach zu schnappen und zu töten.

Letztendlich ist die 1936 gedrehte und heute sehr antiquiert wirkende Studioproduktion „Der General starb im Morgengrauen“ nur noch von historischem Interesse. Auch die sehr bescheidene Bildqualität des Films, der erst 1981 im NDR seine deutsche Premiere erlebte, verstärkt diesen Eindruck.

Der General starb im Morgengrauen (The General died at dawn, USA 1936)

Regie: Lewis Milestone

Drehbuch: Clifford Odets

LV: Charles G. Booth: The General died at dawn, 1936

mit Gary Cooper, Madeleine Carroll, Akim Tamiroff, Dudley Diges, Porter Hall

DVD

Koch-Media (Film Noir Collection 7)

Bild: 1,37:1 (4:3)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Bildergalerie, Original Kinotrailer, Booklet

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Der General starb im Morgengrauen“ (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über „Der General starb im Morgengrauen“


DVD-Kritik: Derek Flint rettet zweimal die Welt

März 3, 2011

Ich wollte eine lange Besprechung schreiben, in der ich schrieb,

wie gut mir „Derek Flint schickt seine Leiche“ und „Derek Flint – Hart wie Feuerstein“ mit James Coburn in der Hauptrolle gefallen,

wie viel Spaß diese beiden Filme machen,

wie sehr sie sich an die James-Bond-Filme anlehnen,

wie sehr sie sich von den Bond-Filmen unterscheiden. Denn während bei Bond der Bösewicht einfach immer nur ein durchgeknallter Irrer ist, der die Weltherrschaft will (Warum eigentlich?), haben in den Flint-Filmen die Bösewichte gute Gründe. In „Derek Flint schickt seine Leiche“ wollen sie eine Expertenherrschaft einrichten, die wesentlich vernünftiger als die Herrschaft der wettrüstend-dummen Politiker ist. In „Derek Flint – Hart wie Feuerstein“ wollen Frauen ein Matriachat einführen und so die Welt zu einem besseren Ort machen. Um die Gedanken der Frauen zu beeinflussen, benutzen sie die Trockenhauben beim Friseur (Das ist doch eine grandiose Idee!). Es gibt zwar auch einen Hintermann und einen falschen Präsidenten, aber die schönen Frauen entzücken natürlich das Auge des männlichen Zuschauers.

Ein weiterer Unterschied zwischen James Bond und Derek Flint ist, ist dass Bond immer im Auftrag seiner Majestät unterwegs ist. Derek Flint ist dagegen ein Ex-Agent, der inzwischen in einem futuristisch eingerichtetem Loft mit Panoramablick, mehreren Frauen und einem Delphin (Keine Ahnung, wie der es in das Apartment schaffte.) lebt. Flint kann sowieso alles: mit dem Delphin reden, mehrere Sprachen sprechen, etliche Kampfsportarten und ein guter Tänzer ist er auch noch. So begibt er sich einmal in Moskau als Balletttänzer auf die Bühne und verabredet sich während des Tanzes mit der Tänzerin.

Und während Bond auch seine Pistole einsetzt, versucht Flint möglichst niemand umzubringen. Jedenfalls braucht er dafür keine Pistole.

Außerdem nimmt Derek Flint den Kampf gegen die Bösewichter nicht aus hehren Motiven (wie Weltrettung oder nationales Interesse) sondern für seine Freunde und Freundinnen auf.

Das ist natürlich alles hoffnungslos übertrieben und unrealistisch, hat aber auch immer eine fast schon kindliche Freude am Spiel, die heutige Filme nicht mehr haben. Denn niemand muss sich mit ernsthaften psychologischen Problemen und Traumata herumschlagen. Und in den Kämpfen sieht man wirklich, dass James Coburn etliche Kämpfe selbst absolvierte. Ansonsten darf man die Arbeit der Stuntmänner bewundern und das ist immer noch aufregender als ein modisches Schnittgewitter, bei dem man den Kampf nicht mehr sieht sondern „erfährt“ (ein Effekt, der sich arg schnell abnutzt).


Für die rundum gelungene DVD-Veröffentlichung der beiden Flint-Filme (die als Doppel-DVD erschienen) wurde viel tolles Bonusmaterial produziert: jeder Film hat einen hörenswerten Audiokommentar von Lee Pfeiffer und Eddie Friedfeld (die beide große Fans von Sechziger-Jahre-Agentenfilmen sind), es gibt Featurettes, alte Interviews und umfangreiche Bildergalerien. Das ist eine feine Rundum-Packung, die sich nicht vor den 2-DVD-Ausgaben der James-Bond-Filme verstecken muss. Nein, halt, das ist gelogen. Denn während bei dem Bonusmaterial der Bond-Filme oft ein arg unkritischer Ton herrscht, ist das bei den Flint-Filmen durchaus kritischer und alle sind bemüht, die Filme in die richtige Perspektive zu setzten.

Nämlich als spaßige Agentenfilme mit einem ordentlichen Touch „Playboy“ und der fetzigen Musik von Jerry Goldsmith.

Derek Flint schickt seine Leiche (Our man Flint, USA 1965)

Regie: Daniel Mann

Drehbuch: Hal Fimberg, Ben Starr

mit James Coburn, Lee J. Cobb, Gila Golan, Edward Mulhare

Derek Flint – Hart wie Feuerstein (In like Flint, USA 1966)

Regie: Gordon Douglas

Drehbuch: Hal Fimberg

mit James Coburn, Lee J. Cobb, Jean Hale, Andrew Duggan, Anna Lee,

Doppel-DVD (mit „Derek Flint schickt seine Leiche“ und „Derek Flint – Hart wie Feuerstein“)

Derek Flint schickt seine Leiche

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch, Italienisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Englisch, Italienisch

Extras: Audiokommentar mit den Filmhistorikern Lee Pfeiffer und Eddie Friedfeld, Spion-O-Rama, Das Spiel eines Gentlemans, Spion-Style, Die perfekte Bouillabaisse, Super-8-Version, Deutscher Trailer, Englischer Trailer A, Englischer Trailer B, Bildergalerie

Länge: 104 Minuten

Derek Flint – Hart wie Feuerstein

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch, Italienisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Deutsch, Italienisch

Extras: Audiokommentar mit den Filmhistorikern Lee Pfeiffer und Eddie Friedfeld, Eine perfekte Zukunft, Die Magie der Musik, Spion-Schule, Spion-Mode, Weibliche List, Zieh dich aus!, Interview James Coburn, Interview mit Lee J. Cobb, Deanne Lund Screen Test, Deutscher Trailer, Englischer Trailer, Bildergalerie

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Derek Flint schickt seine Leiche“ (deutsch, englisch) und „Derek Flint – Hart wie Feuerstein“ (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über „Our Man Flint“ und „In like Flint“

Cinema Retro: Einige „Derek Flint“-Bilder



DVD-Kritik: Ving Rhames veredelt die „Bridge to Nowhere“

Februar 28, 2011

Ein Film mit Ving Rhames kann nicht ganz schlecht sein. Immerhin spielt Ving Rhames mit. Aber in „Bridge to Nowhere – Die dunkle Seite des Traums“ hat er nur eine handvoll Szenen und insgesamt wohl ungefähr fünf Minuten Filmzeit.

Der Rest ist eine am Anfang durchaus sympathische Geschichte von vier Jugendfreunden, die eher zufällig in das Geschäft mit Prostituierten und Drogen hineinschlittern.

Irgendwann wird es dann zu einer 08/15-Gangstersaga, in der der Kopf der Bande auf Mini-Al-Pacino macht. Er nimmt Drogen und beim Showdown ballert er dann auch mit der großen Wumme auf die Polizei, die als Deus ex machina am Ende auf der Bildfläche erscheint. In „Scarface“, dem bekanntesten Vorbild für „Bridge to Nowhere“, waren es andere Gangster und die Schlacht dauerte ewig.

Aber Schauspieler Blair Underwood musste in seinem Spielfilmdebüt mit einem wesentlich geringerem Budget als damals Brian De Palma auskommen und er setzte die Geschichte ziemlich amateurhaft um. Das fällt vor allem bei dem Mord an einer Prostituierten und dem Schusswechsel am Filmende unangenehm auf.

Außerdem ist die Geschichte teils schleppend, teils sprunghaft mit allzu austauschbaren Charakteren, die uns daher auch ziemlich egal sind, erzählt. Die vier Jungs, die zufällig Zuhälter und Drogenhändler werden, verstehen sich untereinander zu gut. Mit ihren Angestellten, den Nutten, haben sie keine Probleme. Die Damen liefern brav das Geld ab und erfreuen sich an den von ihren Zuhältern gekauften Kleidern und Drogen. Der von Ving Rhames gespielte Großgangster gibt den Gangster-Lehrlingen Tipps für das richtige Gangstertum.

So entsteht schnell der Eindruck, dass sie alle eine glückliche Familie sind. Konflikte gibt es nicht. Nur: wo es keine Konflikte gibt, gibt es auch kein Drama und für einen Gangsterfilm gibt es nichts schlimmeres.

Ving Rhames hat für „Bridge to Nowhere“ wahrscheinlich zwei, drei Tage geopfert und so versucht dem Projekt als Ghetto-Projekt, das vor den Übeln des Gangstertums warnt, eine breitere Öffentlichkeit zu verschaffen.

Trotzdem ist „Bridge to Nowhere“ kein Film, den man sich nicht ansehen muss.

Bridge to Nowhere – Die dunkle Seite des Traums (The Bridge to Nowhere, USA 2009)

Regie: Blair Underwood

Drehbuch: Chris Gutierrez

mit Bijou Phillips, Danny Masterson, Ben Crowley, Daniel London, Thomas Ian Nicholas, Alexandra Breckenridge, Sean Derry, Ving Rhames

DVD

Bronson Entertainment/Koch Media

Bild: 16:9 (1:1,78 anamorph)

Ton: Deutsch (DTS, DD 5.1), Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Bio-/Filmographien, Originaltrailer, Wendecover

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „Bridge to Nowhere“

 


DVD-Kritik: Über den Noir-Gangsterfilmklassiker „The Long Good Friday“

Februar 24, 2011

Der englische Gangsterfilm „The Long Good Friday“, der in Deutschland auch als „Rififi am Karfreitag“ lief, ist ein Blick in die Vergangenheit auf ein England und ein London, das es nicht mehr gibt. Denn obwohl „The Long Good Friday“ bereits 1979 gedreht wurde, nahm er fast schon prophetisch die Thatcher-Jahre und die Bebauung der Londoner Docks vorweg.

Denn der Held des Films, Harold Shand, der unumstrittene Gangsterboss von London mit guten Kontakten zur Polizei und Politik (grandios gespielt von Bob Hoskins), plant ein großes Projekt: die Bebauung der heruntergekommenen Docklands. Das Geld dafür soll aus Amerika kommen. Von der Mafia. Deren Vertreter Charlie (Eddie Constantine) hat allerdings nichts mit dem „Paten“-Pomp zu tun. Er ist ein stinknormaler Geschäftsmann im feinen Anzug, der seine Geschäfte ohne Aufsehen zu erregen machen will.

Doch Aufsehen verursachen gerade jetzt einige Anschläge auf Harolds Imperium. Sogar auf seine Mutter wird ein Bombenattentat verübt. Während Harold und seine Frau Victoria (Helen Mirren) Charlie hinhalten, sucht Harold den Mann, der die Anschläge auf ihn verübt. Als er herausfindet, dass sein Gegner nicht irgendein anderer Gangster, sondern die IRA ist, weiß er, dass er in Lebensgefahr schwebt.

Diese IRA-Geschichte führte dann auch dazu, dass der Film nach dem Dreh erst einmal im Giftschrank verschwand. Denn ITV-Chef Lew Grade hasste den Film, den er aufgrund der Darstellung des britischen Militärs in Nordirland für unpatriotisch hielt. Er glaubte auch, dass der Film einen schlechten Einfluss auf junge Menschen haben könne. Außerdem befürchtete er Anschläge der von dem Film beleidigten IRA auf Kinos, in denen der Film gezeigt würde. Denn die Terroristen würden ja als Gangster gezeigt. Regisseur Mackenzie erfuhr später, dass ihnen „The Long Good Friday“ gefiel: „Die Jungs hatten nichts gegen den Film. Sie sahen darin nicht dumm aus und er zeigte sie als offensichtlich gute Planer.“

Für den US-Markt wurde damals eine gekürzte Version zusammengeschnitten und, weil die Produzenten befürchteten, dass die Amerikaner den Londoner Akzent von Bob Hoskins nicht verstünden, wurde Bob Hoskins einfach mal schnell synchronisiert. Das sorgte für Ärger. Regisseur Mackenzie erzählt in seinem sehr informativem Audiokommentar, dass mehrere hochkarätige Schauspieler, wie Richard Burton und Sir Alec Guiness, eine Petition unterschrieben, in der sie darauf hinwiesen, wie wichtig die Stimme für einen Schauspieler sei, und Hoskins mit einer Klage drohte. In diesem Moment ergriffen die Produzenten die Chance, den Film an die für den englischen Film der achtziger Jahre enorm wichtige Firma „Handmade Films“ zu verkaufen. Ex-Beatle und Firmenchef George Harrison kaufte den Film, für 850.000 Pfund. Dabei hatte er, so Mackenzie, 900.000 Pfund gekostet. 1980 wurde er auf dem London Film Festival gezeigt und kurz darauf startete er in den englischen Kinos. Erfolgreich.

Auch in den USA stieß er auf positive Resonanz und Barrie Keeffes Drehbuch erhielt 1983 einen Edgar. Bob Hoskins erhielt den Evening Standard British Film Award und war für den BAFTA nominiert.


Nach Deutschland kam „The Long Good Friday“ unter dem dümmlichen Titel „Rififi am Karfreitag“ (denn mit Rififi hat „The Long Good Friday“ nichts zu tun) erst am 22. Januar 1987. Davor lief, ebenfalls mit Bob Hoskins in der Hauptrolle, der märchenhaft-überhöhte Gangsterfilm „Mona Lisa“ bereits erfolgreich in den Kinos. Die Begeisterung der deutschen Kritiker für „The Long Good Friday“ hielt sich in überschaubaren Grenzen.

Das Lexikon des internationalen Films schrieb: „Nicht ganz schlüssig in der Schilderung politischer und krimineller Verstrickungen und auch auf formaler Ebene nur streckenweise überzeugend.“

Der Fischer Film Almanach verlegte den Film gleich in die 20er Jahre (was Quatsch ist) und urteilte: „Leider hat der Film mehr mit italienischen Polit-Thrillern (den schlechteren unter ihnen) als mit Richardson und Anderson zu tun. Politik ist ihm nur ein Hintergrund, der seiner Geschichte mehr Spannung verleihen soll; (…) Auf dieser Ebene ist Mackenzie freilich ein annehmbarer Film gelungen.“

Damals war die in „The Long Good Friday“ noch als leicht größenwahnsinniger Plan eines Gangster entworfene Bebauung der Docks zum Yuppie-Viertel bereits im Gang.

Einige Jahre später durfte James Bond sie in „Die Welt ist nicht genug“ (The World is not enough) als Hintergrund für eine atemberaubende Verfolgungsjagd benutzen. Bond wurde in dem 1999er-Film von Pierce Brosnan gespielt, der in „The Long Good Friday“ mit einer stummen Rolle sein Filmdebüt gab. Allerdings sind seine beiden kurzen Auftritte für den Film durchaus wichtig.

Die bekannteste und immer noch beeindruckende Szene des Films dürfte das Verhör in der Schlachterei sein. Harold hat alle Leute, die er verdächtigt, die Anschläge auf ihn verübt zu haben oder etwas darüber zu wissen, entführen gelassen und sie jetzt kopfüber an Fleischhaken aufgehängt. Die Schauspieler hingen für die Szene wirklich mehrere Stunde an den Haken.


Ebenfalls beeindruckend sind die beiden großen Ansprachen von Harold. Einmal auf der Themse vor der Tower-Bridge, einmal in einem Hotelzimmer im Savoy Hotel. Diese Mischung aus gewieftem Gangstertum, Gossenschlauheit, Thatcherismus und Größenwahn ist immer noch beängstigend und verrät viel über die damalige Inselmentalität.

Insgesamt ist „The Long Good Friday“, der in England längst als Klassiker gehandelt wird, ein packendes, noirisches Gangsterdrama, in dem John Mackenzie effizient, mit einigen Schockeffekten und mit viel schwarzem Humor seine Geschichte erzählt. Nur die damals ach so moderne, heute unhörbare Synthie-Musik von Francis Monkman, stört gewaltig.

The Long Good Friday – Rififi am Karfreitag (The Long Good Friday, GB 1979/1981)

Regie: John Mackenzie

Drehbuch: Barrie Keeffe

mit Bob Hoskins, Helen Mirren, Eddie Constantine, Pierce Brosnan (Filmdebüt)

DVD

Spirit Media

Bild: 16:9

Ton: Deutsch (Dolby Digital 2.0), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Audiokommentar von John Mackenzie, Bio- und Filmographien von Bob Hoskins, Helen Mirren, Eddie Constantine und John Mackenzie, Bildergalerie, Originaltrailer, Feature „The Handmade Story“, Handmade-Trailergalerie,

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „The Long Good Friday“

Screen Online über „The Long Good Friday“

Movie Locations über die Drehorte von „The Long Good Friday“

New York Times über „The Long Good Friday“ (2. April 1982)

Spectator über „The Long Good Friday“ (25. Februar 2009)


Die letzte große Ansprache von Harold Shand (ganz am Ende des Films und, nun, nicht gerade spoilerfrei)

Und eine Doku über den Film



DVD-Kritik: Spike Lees Kriegsfilm „Buffalo Soldiers ’44 – Das Wunder von St. Anna“ erlebt seine Deutschlandpremiere auf DVD

Februar 21, 2011

Wer von Spike Lee nur seinem Thriller „Inside Man“ kennt, wird an „Buffalo Soldiers ’44 – Das Wunder von St. Anna“ verzweifeln. „Bamboolized“ (deutscher Titel „It’s showtime“) und „Summer of Sam“, taugen, wenn wir chronologisch in Lees umfangreichem Schaffen zwischen Spielfilmen, TV-Arbeiten und Dokumentarfilmen zurückgehen, eher als Modell für „Buffalo Soldiers ’44“. Aber „Bamboolized“ und „Summer of Sam“ dürfte fast niemand kennen.

Denn der Kriegsfilm „Buffalo Soldiers ’44“ ist ein typischer, sich zwischen alle Stühle setzender Spike-Lee-Film: etwas zu lang (154 Minuten!), leicht zerfahren, sich lustvoll in Nebengeschichten verlierend, immer wieder deutlich auf den amerikanischen Rassenkonflikt hinweisend und hier sogar öfters unangenehm im Religiösen badend. Aber er hat auch eine beeindruckende Liste bekannter Schauspieler, Jazzer Terence Blanchard schrieb wieder die Musik und es gibt zahlreiche gelungene Szenen in diesem 1944 in de Toskana spielendem Weltkrieg-II-Soldatendrama.

Während eines Gefechtes geraten die vier afroamerikanischen Soldaten Aubrey Stamps (Derek Luke), Bishop Cummings (Michael Ealy), Hector Negron (Laz Alonso) und Sam Train (Omar Benson Miller) hinter die feindlichen Linien. Train rettet einen italienischen Jungen, der mit einem Geist spricht, das Leben. In einem nahe gelegenem Dorf werden sie freundlich aufgenommen. Gleichzeitig kämpfen in den Wäldern die Partisanen gegen die Deutschen und gegeneinander. Die Deutschen umzingeln langsam das Dorf. Außerdem jagen sie einen Deserteur. Und die Amerikaner versuchen ihre Männer zu retten.

Doch Spike Lee ist die Dramatik der Rettungsaktion ziemlich egal. Denn die Bedrohung durch die Deutschen bleibt bis zum Ende abstrakt. Stattdessen scheint das Dorf und die in ihm lebenden Menschen sich in einer Zeitkapsel, die von dem um sie herum tobendem Krieg nichts mitbekommt, zu befinden.

Das erinnert dann teilweise an den ebenfalls in Italien spielenden Blake-Edwards-Film „What did you do in the War, Daddy?“ (Was hast du denn im Krieg gemacht, Pappi?). In dem Film inszenieren US-Soldaten und die italienischen Dorfbewohner für die außenstehenden deutschen und alliierten Soldaten eine muntere Kriegscharade, während sie es sich gut gehen lassen. Edwards beschritt eindeutig den komödiantischen Weg. Mehr Burleske, als irgendwie ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema Krieg.

Bei Spike Lee ist dagegen keine eindeutige Richtung zu erkennen. Es gibt brutale Gefechtsszenen, mehrere Massaker und kaltblütige Morde, herzige Szenen, etliche mehr oder weniger im nichts verlaufende Subplots, das Übernatürliche und das Banale und auch keine Erklärung, was für ihn das titelgebende „Wunder von St. Anna“ ist. Aber vielleicht verstand Spike Lee den Titel auch zutiefst ironisch.

Und natürlich, das dürfte aber nur die Menschen erstaunen, die „25 Stunden“ und „Inside Man“ für repräsentative Spike-Lee-Filme halten, will er auf die bislang ignorierte Rolle der Afroamerikaner in der amerikanischen Geschichte hinweisen. Denn in „Buffalo Soldiers ’44“ sind die Frontsoldaten, entgegen dem gepflegtem Hollywood-Bild, Afroamerikaner.

A Spike Lee Joint“ steht, wieder einmal, im Abspann. Und das ist der Film auch.

Hundertprozentig.

Buffalo Solders ’44 – Das Wunder von St. Anna (Miracle at St. Anna, USA/I 2008)

Regie: Spike Lee

Drehbuch: James McBride

LV: James McBride: Miracle at St. Anna, 2003 (Das Wunder von St. Anna)

mit Derek Luke, Michael Ealy, Laz Alonso, Omar Benson Miller, Pierfrancesco Favino, Valentina Cervi, Matteo Sciabordi, John Turturro, Joseph Gordon-Levitt, John Leguizamo, D.B. Sweeney, Robert John Burke, Michael K. Williams, Alexandra Maria Lara, Jan Pohl, Walton Goggins, Christian Berkel, Waldemar Kobus, Oliver Korittke, Kai Meyer, Alexander Beyer

DVD

Bild: 2,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DD 5.1, DTS 5.1), Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bonusmaterial: Deleted Scenes, Historisches Essay, Kinotrailer, Wendecover

Länge: 154 Minuten

FSK: ab 16 Jahre


Buchtipp

Spike Lee“, herausgegeben von Gunnar Landsgesell und Andreas Ungerböck, erschien bereits 2006 in der uneingeschränkt lobenswerten „film“-Reihe von Bertz + Fischer und ist immer noch absolut lesenswert.

Also: Kaufbefehl!

Hinweise

Wikipedia über „Buffalo Solders ’44 – Das Wunder von St. Anna“

Los Angeles Times: Spike Lee über den Film

Moviefone: Interview mit Spike Lee über den Film