Die Gesetzeshüter Virgil Cole und Everett Hitch sollen in Appaloosa für Recht und Ordnung sorgen. Denn Farmer Bragg terrorisiert die Einwohner und er hat auch den vorherigen Marshall erschossen.
Gelungene, werkgetreue Verfilmung eines Westerns von Robert B. Parker, dem Autor der Spenser- und Jesse-Stone-Kriminalromane, der seine bekannten Themen von Freundschaft, Loyalität, Recht und Gesetz in einem anderen Setting ausprobiert.
„Appaloosa“ erhielt beim Boston Film Festival den Preis für den besten Film und das beste Drehbuch.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des Romans.
In naher Zukunft: Surrogate übernehmen die Drecksarbeit, während sie von Menschen, die nicht mehr ihre Wohnungen verlassen, gesteuert werden. Als bei einem Attentat auch der Mensch, der das Surrogat steuerte, stirbt, beginnt Agent Greer in einer Welt, in der es keine Morde (und auch keine anderen Verbrechen) mehr gibt und man nicht unterscheiden kann, ob man mit einem Menschen oder einem Surrogat redet, mit der Mördersuche.
Unter dem Deckmantel einer actionhaltigen Whodunit-Geschichte behandelt die tolle Graphic Novel „The Surrogates“ von Robert Venditti und Brett Weldele auch philosophische Fragen, wie was das Menschsein ausmacht und welche Realität wir wollen: die geschönte aus der Werbung oder die ungeschönte.
Die mit knapp neunzig Minuten (mit Abspann!) ungewöhnlich kurze Verfilmung (Hach, man möchte schon wissen, was da los war.) ist nur noch die Bruce-Willis-Version der freien Isaac-Asimov-Verfilmung „I, Robot“ aus. Also „Stirb langsam, Roboter“.
Da wäre mehr drin gewesen.
mit Bruce Willis, Radha Mitchell, Rosamund Pike, James Cromwell, Ving Rhames
Ich verstehe, dass der Verleih den Originaltitel „The Sweeney“ änderte. Immerhin können wir mit „The Sweeney“, dem Titel einer in den siebziger Jahren bahnbrechenden TV-Serie über die Flying Squad der Londoner Polizei, die bei uns vor Ewigkeiten mal als „Die Füchse“ im TV lief, wenig anfangen. In England wird sie immer noch regelmäßig wiederholt und genießt Kultstatus. Aber musste der englische Titel dann durch einen anderen englischen Titel ersetzt werden? Und dann noch durch einen so austauschbaren wie „The Crime“?
Der Titel sollte den Genrefan nicht von einem Kinobesuch abhalten. Denn Nick Love („The Football Factory“, „The Business – Schmutzige Geschäfte“, „Outlaw“, „The Firm“) liefert einen harten Cop-Thriller ab, der auch in einem interessanten Spannungsverhältnis mit und zur Originalserie steht. Einerseits wurde viel geändert und aus den gleichaltrigen Kollegen Jack Regan (John Thaw) und George Carter (Dennis Waterman) wurde ein Vater-Sohn-Paar, mit Ray Winstone als Jack Regan und Ben Drew als George Carter. Das verändert natürlich das gesamte Beziehungsgeflecht der TV-Serie. Andererseits hätte die Filmstory auch damals als TV-Folge erzählt werden können, die sich um Realismus bemühte und die beiden Helden als schürzenjagende, trinkende, fluchende und sich prügelnde Gesetzeshüter porträtierte, die, weil der Zweck die Mittel heiligt und die Aufklärungsquote stimmt, das alles durften. In den Siebzigern traf diese Abkehr von dem freundlichen Bobby den Zeitgeist.
Heute wirkt das Vorgehen schon sehr archaisch und wenn der Interne Ermittler Ivan Lewis (Steven Mackintosh), der von Regisseur Nick Love bewusst negativ gezeichnet wird, Jack Regan vorhält, dass er ein Dinosaurier sei und auch für ihn die Gesetze gelten, will man ihm irgendwann zustimmen. Denn die Sweeney schlägt zuerst zu und stellt danach vielleicht einige Fragen.
Nachdem Jack Regan (Ray Winstone), George Carter (Ben Drew) und ihr Team in den ersten Filmminuten in einer Lagerhalle eine Verbrecherbande schussfreudig und auch sehr handgreiflich mit Fäusten und Baseballschlägern außer Gefecht gesetzt haben, erhalten sie einen Hinweis auf einen geplanten Überfall auf eine private Geschäftsbank am Trafalgar Square. Gleichzeitig wird ein Juwelier überfallen. Dabei wird eine Kundin hingerichtet. Regan erkennt an dem Safe die Handschrift von Francis Allen (Paul Anderson), einem inzwischen vermögendem Safeknacker, der ein wasserdichtes Alibi hat, aber natürlich der Bösewicht ist, der den Überfall auf die Bank von langer Hand plant und auch die Kundin wurde nicht zufällig hingerichtet.
Diesen nicht übermäßig komplexen Plot garnieren Nick Love und John Hodge (die Danny-Boyle-Filme „Kleine Morde unter Freunden“, „Trainspotting“, „Lebe lieber ungewöhnlich“, „The Beach“ und, demnächst „Trance“) mit einer internen Ermittlung wegen Korruption und Brutalität im Dienst gegen die Einheit und besonders gegen Jack Regan, eine Liebesgeschichte zwischen Regan und einer Kollegin, die mit Ivan Lewis verheiratet ist, und polizeiinternen Streitigkeiten. Dazu gibt es eine Reihe beeindruckender Actionszenen, wobei der Banküberfall mit der anschließenden Jagd auf die Verbrecher über den Trafalger Square sich nicht hinter den ähnlich beeindruckenden Schusswechseln von „Heat“ und „The Town“ verstecken muss und wenn man dann noch weiß, dass der Schusswechsel auf dem Trafalger Square an einem Vormittag gedreht werden musste, ist die Szene noch beeindruckender. Denn Michael Mann und Ben Affleck konnten sich bei ihren Ballereien sicher mehr Zeit nehmen.
„The Crime“ erfindet zwar das Genre nicht neu, genaugenommen wirkt er immer wie eine leicht upgedatete spielfilmlange Siebzigern-Jahre-“The Sweeney“-Episode, in Breitwand und mit exzessiven Actionszenen (über den Höhepunkt, bei dem während einer Autoverfolgungsjagd eine halbe Fertighaussiedlung zerstört wird, habe ich noch nichts gesagt), aber er hat eine rohe, mitreisende Kraft, die heute nur wenige Filme haben.
Gleichzeitig ist es ein Abgesang auf eine Ära, in der die Polizei Bürgerrechte noch nicht einmal den gesetzestreuen Bürgern zugestehen wollte. Bei aller Verherrlichung der Sweeney zeigt „The Crime“ auch, dass diese Zeit vorbei ist.
The Crime (The Sweeney, Großbritannien 2012)
Regie: Nick Love
Drehbuch: Nick Love, John Hodge
mit Ray Winstone, Ben Drew, Hayley Atwell, Steven Mackintosh, Paul Anderson, Alan Ford, Damian Lewis
Die Pressekonferenz vom 3. September 2012 zum UK-Filmstart
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Und einige sehr wahre Worte von Regisseur Nick Love zum Stil von „The Crime“ (The Sweeney, GB 2012)
Er sollte glatt und edel aussehen. Dieser verwackelte Look der Bourne-Film mit Handkameras ist in meinen Augen etwas passé. Da wird einem schwindlig davon.
Außerdem gibt es nichts Besseres als totale Einstellungen, wenn man die Geographie eines Films etablieren will. Ich war sehr verblüfft von Filmen wie dem letzten Bond, den ich gesehen habe – ‚Ein Quantum Trost‘ (2008). Da gab es eine Autoverfolgungsjagd, und alles, was man sah, waren Nahaufnahmen. Ich fühlte mich völlig desorientiert davon. In meinem Film habe ich dagegen auf große Ansichten gesetzt, mit langen Trackingshots. Man darf nicht vergessen, dass es darum geht, eine große Leinwand auszufüllen. Sie ist gemacht für solche Aufnahmen.
Das Märchen von Hänsel und Gretel kennen wir. Aber was geschah, nachdem sie aus dem Hexenhaus entkommen konnten? Wir wissen es nicht und die Antwort, die der Norweger Tommy Wirkola („Kill Buljo: The Movie“, „Dead Snow“) in seinem Hollywood-Debüt gibt, ist vielleicht nicht wirklich überraschend, aber sehr unterhaltsam, kurzweilig (die kurze Laufzeit hilft), herrlich ironisch und auch ziemlich gewalttätig.
Als Erwachsene sind Hänsel (Jeremy Renner) und Gretel (Gemma Arterton) professionelle Hexenjäger. Als in Augsburg ungewöhnlich viele Kinder verschwinden, sollen sie im Auftrag der Dorfoberen bei der Suche helfen. Dorfsheriff Berringer (Peter Stormare) ist davon, vor allem nachdem die erste Begegnung mit Gretel mit einer gebrochenen Nase endete, so begeistert, dass er anstatt die Kindesentführer zu jagen, lieber Hänsel und Gretel bei ihrer Arbeit behindert. Das Geschwisterpaar glaubt schnell, dass die besonders mächtige und grausame Hexe Muriel (Famke Janssen) in wenigen Tagen bei der nur selten stattfindenden Blutmond ein Opferritual plant, das ihre Macht bis in alle Ewigkeit festigen soll.
So weit, so konventionell. Aber Wirkola erzählt seine im Studio Babelsberg, Braunschweig, Bamberg und deutschen Wäldern gedrehte Geschichte als krachig-lärmige Steampunk-Variante mit einem coolen Geschwisterpaar, Sidekicks, einer wirklich bösen, bösen Hexe, witzigen Accessoires und Ideen (wie einem Elektroschocker, der von Hand aufgezogen werden muss; einem Hänsel, der sich nachdem er als Kind zu viel vom Hexenhaus genascht hat, alle paar Stunden Insulin spritzen muss; Schusswaffen, die auch in einem Science-Fiction-Film nicht weiter auffallen würden, hier aber archaischer aussehen), lakonischen Einzeilern und brutalen Kämpfen. Denn die Hexen verfügen über übermenschliche Kräfte. Hänsel und Gretel haben zwar ihren Verstand und ein ordentliches Arsenal an Waffen, die damals noch lange nicht erfunden waren, aber das ändert nichts daran, dass das Töten von Hexen eine ziemlich anstrengende und gefährliche Angelegenheit ist, bei der regelmäßig, frei nach dem Motto „Hänsel und Gretel im Haus ersparen den Zimmermann“, einiges zu Bruch geht.
Der herrlich abgedrehte Film ist ungefähr so tiefsinnig wie ein Kinderkarneval und macht, wenn man sich darauf einlässt, auch genausoviel Spaß. Außerdem gibt es mindestens eine wichtige Lebensweisheit: „Don’t eat the fucking Candy.“
Hänsel und Gretel: Hexenjäger (Hansel and Gretel: Witch Hunters, USA/D 2012)
Regie: Tommy Wirkola
Drehbuch: Tommy Wirkola
mit Jeremy Renner, Gemma Arterton, Famke Janssen, Peter Stormare, Derek Mears, Pihla Viitala, Thomas Mann, Zoë Bell, Rainer Bock, Kathrin Kühnel
Der UK-Titel „How I spent my Summer Vacation“ gibt viel treffender die Stimmung von Adrian Grunbergs Debütfilm wieder, als der doch sehr martialische Titel „Get the Gringo“. Unter diesem Titel wurde der Krimi in den USA und jetzt auch in Deutschland gezeigt und diese Kinorückkehr von „Lethal Weapon“ „Mad Max“ Mel Gibson ist auch wesentlich gelungener als seine vorherigen Filme. Wobei er die letzten zehn Jahre weniger als Schauspieler und Regisseur (ja, „Die Passion Christi“ war ein kommerzieller Erfolg, der auch der katholischen Kirche gefiel und sehr kontrovers diskutiert wurde), sondern vor allem wegen seinem Benehmen, seinen verbalen Ausfällen und seinen sehr konservativen Ansichten im Gespräch war. Doch jetzt produzierte er mit seiner Firma Icon Production, nach einem Drehbuch von ihm, Stacy Perskie (Second Assistant Director bei „Apocalypto“) und Adrian Grunberg, die Action-Krimikomödie „Get the Gringo“. Grunberg war First Assistant Director bei Gibsons „Apocalypto“ und Second-Unit-Regisseur bei „Auftrag Rache“ (Edge of Darkness), einem durchwachsenem Politthriller mit Mel Gibson in der Hauptrolle.
In „Get the Gringo“ spielt Mel Gibson einen namenlosen Fluchtwagenfahrer, der auf der Flucht vor der Polizei mit der Beute nach Mexiko entkommt, dort zwei Meter hinter der Grenze verhaftet und in das Gefängnis „El Pueblito“ gesteckt wird und das von einem wirklichen Gefängnis, das es in Mexiko von 1956 bis 2002 gab, inspiriert ist.
In dem Gefängnis, das sehr an das Gefängnis aus der dritten „Prison Break“-Staffel erinnert, hat der Insasse Javi die Macht. Die inhaftierten Verbrecher haben mit ihren Familien eine funktionierende Stadt, in der die Wärter nichts zu sagen haben, errichtet. Die mexikanische Polizei will ihn in dem Gefängnis verschwinden lassen und seine Millionenbeute behalten.
Sofort beginnt der Fahrer das Gefängnis auszukundschaften und Fluchtpläne, bei denen er auch seine Beute wieder erhält, zu schmieden. Dabei hilft ihm ein zehnjähriger Junge, der unter dem besonderen Schutz des Gefängnispaten steht.
Das B-Picture „Get the Gringo“ ist eine unterhaltsame Krimikomödie mit etwas Action und einem lakonischen Voice-Over des Fahrers, der auch über die Auslassungen und Unwahrscheinlichkeiten der Geschichte hinwegerzählt. Denn wie der gefürchtete Schulaufsatz „Was ich in den Sommerferien erlebt habe“, in dem man nicht alles aufschreibt, erzählt der Fahrer uns sicher nicht alles und baut die Höhepunkte etwas aus. Außerdem will das niedrig budgetierte Starvehikel auch nie mehr als kurzweilig-vergnügliche Hardboiled-Krimiunterhaltung sein, in dem Gibson, dessen Zeit als Kassenmagnet vorbei ist, sich als cooler Pistolero und liebevoller Ersatzdaddy profiliert.
Get the Gringo (Get the Gringo, USA 2012)
Regie: Adrian Grunberg
Drehbuch: Mel Gibson, Stacy Perskie, Adrian Grunberg
mit Mel Gibson, Kevin Hernandez, Daniel Giménez Cacho, Jesús Ochoa, Dolores Heredia, Peter Gerety, Roberto Sosa Martinez, Peter Stormare, Mario Zaragoza, Gerardo Taracena
Die Geschichte kennen wir aus den Medien: Am 2. März 1998 wird die zehnjährige Natascha Kampusch in Wien auf offener Straße entführt. Am 23. August 2006 gelingt ihr nach 3096 Tagen die Flucht. Ihr Entführer, Wolfgang Priklopil, bringt sich kurz darauf um.
Bernd Eichinger sah in Natascha Kampuschs Schicksal die Geschichte für einen Film und er sicherte sich bei ihr die Rechte für eine Verfilmung. Vor seinem plötzlichen Tod schrieb er ein noch nicht einmal fünfzigseitiges Drehbuchfragment, das von Ruth Toma (Gloomy Sunday; Same Same But Different), ergänzt um Interviews, die teilweise schon Eichinger mit Kampusch geführt hatte, Kampuschs Autobiographie, die Erinnerungen ihrer Mutter und Polizeiberichte, vollendet wurde. Sherry Hormann (Wüstenblume) übernahm die Regie. Ihr Mann Michael Ballhaus die Kamera und auch die Besetzung ist nicht schlecht. Vor allem, weil wir doch eher unverbrauchte Gesichter sehen. Die junge Natascha wird von der Debütantin Amelia Pidgeon, die der echten erstaunlich ähnlich sieht, gespielt. Die Ältere von Antonia Campbell-Hughes (Breakfast on Pluto). Ihr Entführer Wolfgang Priklopil von Thure Lindhardt (Pelle, der Eroberer; Was nützt die Liebe in Gedanken; Illuminati). Ihre Mutter Brigitta Sirny von Trine Dyrholm (Das Fest; In einer besseren Welt; Love is all you need).
Diese sehr internationale Besetzung ist dann das kleinere Problem des deshalb auf englisch gedrehten deutschen Films, der für die deutsche Fassung synchronisiert wurde. Gerade am Anfang, wenn Mutter und Tochter sich streiten, hört es sich wie von einer schlechten Soap-Opera geklaut an. Auch später bleibt der Ton etwas leblos.
Der Grund für die englische Produktion war, so Regisseurin Sherry Hormann im Pressehaft, dass viele deutschsprachige Schauspieler, auch ohne eine Lektüre des Drehbuchs, absagten.
Das größere Problem des Films ist das absolut mutlose Drehbuch und die ebenso mutlose Regie, die sich darin gefallen, einfach brav beobachtend nachzuerzählen, wie Natascha Kampusch im Kellerverlies lebt, sich arrangiert, Freiheiten erkämpft, wie Wolfgang Priklopil sich um sie kümmert, sie anherrscht („Gehorche! Gehorche! Gehorche!…“) und auch quält, vor allem durch Essensentzug. In wenigen Bildern sehen wir dann noch Kampuschs Mutter traurig in ihrer Mietwohnung sitzen.
Für zwei Stunden ist das allerdings zu wenig. Denn es wird keine eigenständige Interpretation der Entführung und des Verhältnisses zwischen Opfer und Täter angeboten. Aber gerade das hätte der Film, der sich vollkommen auf Kampusch und Priklopil konzentriert, leisten müssen. Er hätte eine Erklärung für die Entführung anbieten müssen. Einerlei, ob es ein Fluchtverhalten von einer unterdrückerisch-übervorsorglichen Mutter oder eine verkorkste Kindheit oder unterdrückte Homosexualität oder was auch immer ist. Mit einer solchen Erklärung hätten die Filmemacher das Material dramaturgisch und nicht nur chronologisch strukturieren können. Der Täter hätte ein Motiv für seine Tat gehabt. Ob gut, ob schlecht ist egal. Es hätte dann jedenfalls, wie bei Norman Bates in Alfred Hitchcocks ebenfalls auf einem wahren Fall basierendem „Psycho“, einen Grund für seine Tat gegeben, über den man diskutieren könnte.
Aber weil es keine Erklärung für seine Tat gibt, bleibt auch die Beziehung zu seinem Opfer vollkommen spannungsfrei. Über zwei Stunden sehen wir eine Nicht-Beziehung. Denn gerade eine bei dieser Geschichte auf der Hand liegende tiefere Analyse von Machtverhältnissen, von Macht, Unterdrückung und Gegenwehr, und von dem Wunsch nach einer Flucht aus einer Gefangenschaft fehlt.
Natascha Kampuschs Schicksal hätte auch als Spiegel für die österreichische Mentalität stehen können. Immerhin leiden ja österreichische Dichtern besonders wortgewaltig an ihrem Land.
Das alles wären potentiell interessante Themen gewesen, an denen in einem Zwei-Personen-Stück verschiedene Positionen hätten deutlich werden können. Aber „3096 Tage“ vermeidet jedes Thema, jeden Konflikt, und bleibt so an der Oberfläche. Er erzählt nur das, was wir schon kennen.
„3096 Tage“ ist so mutlos bieder geraten, dass der Eindruck entsteht, bei den Filmemachern habe die Angst vor etwaigen Verleumdungsklagen der Porträtierten das Denken bestimmt. Die dürfen jetzt auch alle mit dem Film zufrieden sein. Nur der Zuschauer nicht. Denn er muss erleben, wie aus einem spannenden Stoff biederes Konsenskino wurde, das niemandem wehtut, niemanden verstört, niemanden zum Nachdenken anregt oder aufregt.
3096 Tage (Deutschland 2012)
Regie: Sherry Hormann
Drehbuch: Ruth Toma (basierend auf dem unvollendeten Drehbuch von Bernd Eichinger), Peter Reichard (Mitarbeit)
LV: Natascha Kampusch: 3096 Tage, 2010
mit Antonia Campbell-Hughes, Thure Lindhardt, Amelia Pidgeon, Dearbhla Molloy, Trine Dyrholm, Roeland Wiesnekker, Ellen Schwiers, Ernie Mangold
Hellboy – Die goldene Arme (USA 2008, R.: Guillermo del Toro)
Drehbuch: Guillermo del Toro
LV: Charakter von Mike Mignola
Zweiter Kinoauftritt von Hellboy. Dieses Mal muss er sich mit dem Elfenprinzen Nuada, der mal eben der gesamten Menschheit den Krieg erklärt hat, kloppen.
Ich sollte endlich den von Christopher Golden herausgegebenen und von Mike Mignola illustrierten Kurzgeschichtensammelband “Medusas Rache” (Golkonda Verlag, 300 Seiten, 16,90) und Mike Mignolas “Hellboy”-Comic “Der Sturm” (Cross Cult, 176 Seiten, 22 Euro), das Finale der Mignola-&-Fegredo-Trilogie, lesen.
In “Medusas Rache” sind vierzehn neue “Hellboy”-Geschichten (naja, so ganz neu sind sie nicht mehr, denn der Sammelband ist von 1999, aber erst jetzt auf Deutsch erschienen) von Nancy Holder, Brian Hodge, Poppy Z. Brite, Greg Rucka, Max Allan Collins und Christopher Golden & Mike Mignola.
Für die zweite „Inspector Barnaby – Collector’s Box“ wurden die ursprünglich als Volume 6 bis 10 erschienenen DVD-Boxen in einer platzsparenden Box zusammengefasst, die der chaotischen Ausstrahlungsreihenfolge des ZDF folgt. Denn der TV-Sender zeigte die Folgen ziemlich wahllos. Aber weil im Zentrum der Krimis immer der einzelne Fall steht und es keine wirkliche episodenübergreifende Handlung gibt, ist das nicht so schlimm.
In der in der lauschigen Grafschaft Midsomer spielende Krimiserie ermittelt der glücklich verheiratete Tom Barnaby (John Nettles), Vater einer im Lauf der Jahre immer erwachsener werdende Tochter, entspannt, immer mit einem leicht ironischen Unterton und einem sanften Blick auf die Skurrilitäten des typisch britischen Landlebens, das in Midsomer County noch typischer als in einem Agatha-Christie-Roman ist. Dass die Mordmethoden oft ziemlich abstrus sind und nach der Mordrate die Grafschaft schon lange entvölkert sein müsste und nach der Aufklärungsrate von hundert Prozent die Mörder ihr schändliches Treiben doch besser in die benachbarte Grafschaft verlegen sollten, wird in der unkritischen, aber informativen TV-Doku „Super Sleuth“ (enthalten auf der Bonus-DVD der Box) auch von allen Interviewpartnern, wie Barnaby-Erfinderin Caroline Graham, Drehbuchautor Anthony Horowitz (seine „Inspector Barnaby“-Filme sind in der ersten Collector’s Box), Produzent Brian True-May und Barnaby-Darsteller John Nettles, erwähnt. Auch dass in den TV-Filmen ein England gezeichnet wird, das es heute so nicht mehr gibt, wird verraten. Aber vielleicht hat „Inspector Barnaby“ deshalb in England und seit einigen Jahren auch in Deutschland und vielen anderen Ländern eine so große Gefolgschaft. Es ist eine eskapistische Krimiserie, in der Mord als etwas vollkommen Normales betrachtet wird und der Ermittler ein ganz normaler Mensch ist. Das ist, wenn man nach dem Genuss von einigen anderen Krimis und Krimiserien mal wieder an der gesamten Menschheit zweifelt und alle Polizisten für suizidgefährdete, psychopathische, beziehungsgestörte, an ihrer Arbeit verzweifelnde, von Schuldkomplexen geplagte Alkoholiker hält, eine willkommene Entspannung.
In der „Collector’s Box 2“ sind folgende zwanzig spielfilmlangen TV-Filme enthalten:
Nachts, wenn Du Angst hast (Things that go bump in the Night, GB 2004, Staffel 8, Folge 1)
Regie: Peter Smith
Drehbuch: Peter J. Hammond
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Erben oder sterben? (Banting Boy, GB 2005, Staffel 8, Folge 4)
Regie: Sarah Hellings
Drehbuch: Steve Trafford
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Melodie des Todes (Midsomer Rhapsody, GB 2005, Staffel 8, Folge 8)
Regie: Richard Holthouse
Drehbuch: Richard Cameron
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Fluch über Winyard (The House in the Woods, GB 2005, Staffel 9, Folge 1)
Regie: Peter Smith
Drehbuch: Barry Simner
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Die tote Königin (Dead Letters, GB 2006, Staffel 9, Folge 2)
Regie: Renny Rye
Drehbuch: Peter J. Hammond
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Der Krieg der Witwen (Vixen’s run, GB 2006, Staffel 9, Folge 3)
Regie: Peter Smith
Drehbuch: Michael Aitkens
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Die Spur führt ins Meer (Down among the dead Men, GB 2006, Staffel 9, Folge 4)
Regie: Renny Rye
Drehbuch: Douglas Watkinson
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Erst Morden, dann heiraten (Four Funerals and a Wedding, GB 2006, Staffel 9, Episode 5)
Regie: Sarah Hellings
Drehbuch: Elizabeth-Anne Wheal
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Tote singen nicht (Death in Chorus, GB 2006, Staffel 9, Episode 7)
Tanz in den Tod (Dance with the Dead, GB 2006, Staffel 10, Episode 1)
Regie: Peter Smith
Drehbuch: Peter J. Hammond
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Mord mit Groove (The Axeman Cometh, GB 2007, Staffel 10, 4)
Regie: Renny Rye
Drehbuch: Michael Aitkens
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Kameraschüsse (Pictures of Innocence, GB 2007, Staffel 10, Folge 6)
Regie: Richard Holthouse
Drehhbuach: Andrew Payne
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Treu bis in den Tod (Faithful unto Death, GB 1998, Staffel 1, Folge 4)
Regie: Baz Taylor
Drehbuch: Douglas Watkinson
LV: Caroline Graham: Faithful unto Death, 1997 (Treu bis in den Tod)
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Ein Toter, den niemand vermisst (Death of a Stranger, GB 1999, Staffel 3, Folge 1)
Regie: Peter Creegen
Drehbuch: Douglas Livingstone
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Drei tote alte Damen (Blue Herrings, GB 2000, Staffel 3, Folge 2)
Regie: Peter Smith
Drehbuch: Hugh Whitemore
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Leichen leben länger (Who killed Cock Robin?, GB 2001, Staffel 4, Folge 4)
Regie: David Tucker
Drehbuch: Jeremy Paul
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Morden, wenn die Blätter fallen (Dark Autumn, GB 2001, Staffel 4,Folge 5)
Regie: Jeremy Silberston
Drehbuch: Peter J. Hammond
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Das Tier in Dir (The Animal within, GB 2007, Staffel 10, Folge 2)
Regie: Renny Rye
Drehbuch: David Hoskins
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Ein Sarg aus China (King’s Crystal, GB 2007, Staffel 10, Folge 3)
Regie: Peter Smith
Drehbuch: Steve Trafford
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Außerdem gibt es die sehenswerte 47-minütige Dokumentation „Super Sleuth“ (GB 2006) von Janette Clucas, ein elfminütiges Interview mit John Nettles und eine Landkarte von Midsomer County.
mit John Nettles (DCI Tom Barnaby), , Daniel Casey (Sergeant Gavin Troy, 1997 – 2003), John Hopkins (Sergeant Dan Scott, 2004 – 2005), Jane Wymark (Joyce Barnaby), Barry Jackson (Dr Bullard), Laura Howard (Cully Barnaby)
Inspector Barnaby – Collector’s Box 2
(Volume 6 – 10)
DVD
Edel
Bild: Pal 4:3/Pal 16:9
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: –
Bonusmaterial: Interview mit John Nettles, TV-Dokumentation „Super Sleuth“, Poster mit Landkarte von Midsomer County
Länge: 1947 Minuten (21 DVDs, also 1 Folge pro DVD, plus eine für die Doku)
Meine Erinnerung an die Aurelio-Zen-Kriminalromane von Michael Dibdin ist inzwischen etwas verblasst, aber mir gefielen die Romane vor einigen Jahren verdammt gut. Sein erster Zen-Roman „Entführung auf italienisch“ machte mich nach einigen Seiten zu einem Fan und ich wurde in den Neunzigern nicht müde, die Romane von Michael Dibdin zu empfehlen. Denn sie waren (und sind) viel bessere Romane von einem Nicht-Italiener über Italien als die erfolgreichen Commisario-Brunetti-Bücher von Donna Leon.
Dibdin schickte seinen Ermittler in elf Romanen quer durch Italien und er erzählte von den dunklen Geheimnissen Italiens – und inzwischen ist, wer die deutschen Ausgaben der Zen-Romane haben will, eine Suche quer durch die Antiquariate angesagt.
Jedenfalls freute ich mich auf die Verfilmungen, auch wenn mir klar war, dass die Macher einiges ändern würden. Immerhin erschienen die drei Romane, die die Grundlagen für die drei spielfilmlangen TV-Filme lieferten, vor über zwanzig Jahren. Aber ich hatte mit zwei Problemen zu kämpfen: Rufus Sewell als Aurelio Zen war für mich niemals der Aurelio Zen, den ich aus den Büchern im Gedächtnis hatte, und es wurde viel zu viel Zeit mit Zens Liebesgeschichte mit Tania Moretti (Caterina Murino), einer gerade noch verheirateten Sekretärin bei der Polizei, verbracht.
Im Film ist Aurelio Zen ein schüchterner, fast schon gehemmter Mann, der auf den ersten Blick das Gegenteil eines Latin Lovers ist; was ihn für das andere Geschlecht nur noch attraktiver macht. Er ist außerdem ein guter Polizist, der für seine Ehrlichkeit bekannt und gefürchtet ist. Deshalb bekommt er in „Aurelio Zen“ (so der Titel der TV-Serie) auch immer die harten, politischen Fälle auf den Schreibtisch. Fälle, in denen die eine Seite ihm explizit sagt, dass er den Fall vertuschen soll, und die andere Seite ihm sagt, dass er den wahren Täter finden soll. Dabei haben hochrangige Politiker, vermögende Unternehmer, die Kirche und auch die Mafia (wobei sie hier noch eine Nebenrolle spielt) ihre Finger im Spiel. Und der italienische Staat ist bis in den letzten Winkel korrupt.
Gerade vor diesem Hintergrund entfalten die drei sehr stilvoll inszenierten „Aurelio Zen“-Krimis ihren Reiz. In „Vendetta“ soll Aurelio Zen sich noch einmal die Beweise in einem abgeschlossenen Mordfall ansehen. Der Bauunternehmer Faso wurde in seiner Villa ermordet und es gibt auch einen Täter, der die Tat allerdings hartnäckig leugnet. Als Zen sich auf Sardinien den Tatort ansieht, entdeckt er eine neue Spur. Gleichzeitig will Tito Spadola sich an den Menschen rächen, die ihn aus seiner Sicht unschuldig in den Knast brachten. Einer von ihnen ist Aurelio Zen.
In „Himmelfahrt“ stürzt der Adlige Umberto Ruspanti sich nachts von einer Brücke. Zen soll den Fall schnell als Selbstmord abschließen. Aber er stellt Fragen, stößt auf Ungereimtheiten und hört von einem geheimnisvollen, mächtigen Bund, der sich Cabal nennt.
In „Entführung auf italienisch“ ist in Perugia ein reicher Industrieller entführt worden. Nachdem die erste Geldübergabe scheiterte, soll Aurelio Zen die Kohlen aus dem Feuer hohlen. Dabei ist sein geringstes Problem, dass die Entführer selbstverständlich keine Polizei wollen und dass der italienische Staat niemals ein Lösegeld bezahlen würde. Zen bekommt, wenig überraschend in einem Staat mit einer gut funktionierenden Doppelmoral, sogar das Lösegeld aus einem staatlichen Reptilienfonds.
Diese drei Geschichten werden von den Regisseuren John Alexander, Christopher Menaul und Jon Jones fast schon altmodisch ruhig erzählt. Auch die gewählten Drehorte in Italien (es wurde vor Ort mit vielen einheimischen Schauspielern gedreht) und die Kameraarbeit von Tony Miller (Vendetta, Entführung auf italienisch) und Julian Court (Cabal) tauchen die Geschichten in ein noirisches Licht, bei dem die Braun- und Schwarztöne überwiegen. Und so wirken die Filme oft wie ein aus der Zeit gefallener neorealistischer Film von Michelangelo Antonioni, irgendwo zwischen „Die mit der Liebe spielen“ (L’avventura, 1960), „Die Nacht“ (La notte, 1961) und „Liebe 1962“ (L’eclisse, 1962).
„Aurelio Zen“ ist vielleicht nicht der Aurelio Zen aus Michael Dibdins Romanen, aber es sind drei ansehnliche, in Italien spielende Kriminalfilme.
Obwohl die Quoten gut waren, wurde die Serie von der BBC nach diesen Filmen eingestellt, weil der damals neue BBC-One-Controller Danny Cohen die Zahl der männlichen Ermittler reduzieren wollte. Und „Aurelio Zen“ ist doch eher, vor allem im Vergleich zu den sehr packenden BBC-Serien „Sherlock“ und „Luther“, gediegene Kriminunterhaltung mit einem hohen Soap-Anteil.
Als Bonusmaterial gibt es ein informatives halbstündiges „Making of“.
Aurelio Zen (Zen, GB 2010)
mit Rufus Sewell (Aurelio Zen), Caterina Murino (Tania Moretti), Stanley Townsend (Moscati), Ben Miles (Amedeo Colonna), Vincent Riotta (Giorgio de Angelis), Catherine Spaak (Mamma), Sargon Yelda (Romizi), Francesco Quinn (Gilberto Nieddu), Ed Stoppard (Vincenzo Fabri), Anthony Higgins (Guerchini), Garry Cooper (Angelo), Cosima Shaw (Nadia Pirlo)
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DVD
Polyband
Bild: 16:9 (1,78:1)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Englisch
Bonusmaterial: Making of (31 Minuten, deutsch untertitelt)
Länge: 270 Minuten (3 x 90 Minuten) (2 DVDs)
FSK: ab 12 Jahre
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Die drei „Aurelio Zen“-Filme
Vendetta (Vendetta)
Regie: John Alexander
Drehbuch: Simon Burke
LV: Michael Dibdin: Vendetta, 1991 (Vendetta)
Erstausstrahlung: 2. Januar 2011 (BBC)
Deutsche Premiere: 4. Januar 2013 (ZDFneo)
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Himmelfahrt (Cabal)
Regie: Christopher Menaul
Drehbuch: Simon Burke
LV: Michael Dibdin: Cabal, 1992 (Himmelfahrt)
Erstausstrahlung: 9. Januar 2011 (BBC)
Deutsche Premiere: 5. Januar 2013 (ZDFneo)
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Entführung auf italienisch (Ratking)
Regie: Jon Jones
Drehbuch: Simon Burke, Peter Berry
LV: Michael Dibdin: Ratking, 1988 (Entführung auf italienisch; ausgezeichnet mit dem Gold Dagger)
Yuppie Jack findet das Leben unglaublich öde. Kurzzeitige Kicks verschafft er sich mit dem Besuch von x-beliebigen Selbsthilfegruppen. Da trifft er Tyler Durden, der seinem Leben mit der Idee des „Fight Club“ (in dem Männer sich die Fresse polieren) den nötigen Kick verschafft. Bald nimmt der „Fight Club“ größere Dimensionen an.
Inzwischen: Klassiker, der mich schon damals im Kino verdammt gut gefiel. Naja, das Ende fand ich etwas schwach. Aber die zwei Stunden davor: Wow!
In seinem Roman enthüllt Palahniuk die Pointe früher.
„Handwerklich lässt Fincher keine Wünsche offen: Er hält ein rasantes Tempo, setzt virtuos visuelle Effekte ein und schafft so einen atemberaubenden Alptraum der ausklingenden 90er. Gewiss kann über dieses bemerkenswerte Werk trefflich gestritten werden, doch eines muss ihm jeder attestieren: ‘Fight Club’ ist keine lauwarme Kommerzproduktion, sondern einer der mutigsten, irritierendsten, gleichzeitig aber auch interessantesten Filme der letzten Jahre.“ (W. O. P. Kistner, AZ, 11. November 1999)
Die andere Meinung: „Denn im Grunde ist diese manieristisch heruntergefilmte Möchtegern-Satire von Regisseur David Fincher (‘Sieben’) nicht mehr als grober Unfug: eine große, in die Länge gezogene Luftblase.“ (Albert Baer, Rheinische Post, 12. November 1999)
Mit Brad Pitt, Edward Norton, Helen Bonham Carter, Meat Loaf, Jared Leto, George Maguire
Tatort: Das Glockenbachgeheimnis (D 1999, R.: Martin Enlen)
Drehbuch: Friedrich Ani
Wer ermordete Hauserbe Martens? Und was ist das Geheimnis des Glockenbaches?
Guter Münchner „Tatort“ mit den Kommissaren Batic (Miroslav Nemec), Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Menzinger (Michael Fitz). Iris Berben spielt eine dubiose Caféhaus-Besitzerin.
Yilmaz Erdogans „The Butterfly’s Dream – Kelebegin Ruyasi“, der das für einen türkischen Film enorme Budget von 15 Millionen US-Dollar hat, läuft bei uns, trotz einer großen Deutschland-Premiere hier in Berlin, nur in der Originalversion mit deutschen Untertiteln, was ja – leider – viele Leute von einem Kinobesuch abhält.
Denn Yilmaz Erdogan erzählt mit einer wundervollen Leichtigkeit von der Freundschaft von Muzaffer Tayyip Uslu und Rüstu Onur, die 1941 in der am Schwarzen Meer gelegenen Stadt Zonguldak Außenseiter sind. Denn sie sehen sich, obwohl noch keines ihrer Werke gedruckt wurde, als Dichter und sie leben nur für das Dichten. Für sie ist das Leben, das Leid, der Schmerz und das Glück, ein Vorwand zum Dichten. Als sie Susan, die Tochter eines reichen Unternehmers, das erste Mal sehen, verlieben sich beide sofort in die Schönheit. Sie beschließen, dass Susan anhand eines von ihnen geschriebenen Gedichts entscheiden soll, wer der Auserwählte sein soll. Schnell wird das Gedicht unwichtig. Die Drei verleben einen lockeren Sommer, in dem sie, wie Jules, Jim und Catherine in Francois Truffauts Meisterwerk „Jules und Jim“ ohne Eifersucht die gemeinsame Zeit, einen Schwebezustand des sich nicht entscheiden Wollens, verbringen. Rüstu probt mit ihnen ein vom ihm geschriebenes in Zonguldak spielendes Theaterstück, das wiederum die Wirklichkeit inspiriert. Sie versuchen weiter, ihre Gedichte veröffentlichen zu lassen, und sie treffen sich mit ihrem Lehrer Behcet Necatigil, dem Erneuerer der türkischen Lyrik und Übersetzer von Heinrich Böll, Wolfgang Borchert und Rainer Maria Rilke, der sie mit väterlicher Milde unterstützt und im Film deutlich älter als seine beiden Schüler ist. Denn Necatigil wurde am 16. April 1916 geboren.
Ein paradiesischer Zustand, wäre da nicht der nahende Weltkrieg und die vom Staat angeordnete Zwangsarbeit in den Bergwerken (wobei beides eher vernachlässigbar im Hintergrund bleibt) und die Tuberkulose, die zuerst Rüstu, später auch Muzaffer befällt. Als Rüstu in einem auf einem Zauberberg gelegenem Sanatorium aufgenommen wird, trennen sich kurzzeitig die Wege der drei Freunde.
Erdogans Film ist eine mit der Leichtigkeit eines Nouvelle-Vague-Films inszenierte Liebeserklärung an die Dichtkunst (und die Schriftstellerei) und das Unbedingte Verfolgen von Träumen (denn, wie gesagt: das Leben ist nur ein Vorwand zum Dichten) mit immer positiv gestimmten Protagonisten, die fast schon wie Paul Newman und Robert Redford in „Butch Cassidy und Sundance Kid“, aber auf der richtigen Seite des Gesetzes, mit einem gewinnendem Lachen und einem klugen Spruch gegen die triste Wirklichkeit ankämpfen. So lassen sie sich nicht von Hustenkrämpfen, Fieberanfällen und Brechanfällen, von Dunkelheit und Papiermangel beirren. Sie sehen immer das Positive und blicken entsprechend hoffnungsvoll in die Zukunft.
Muzaffer und Rüstu werden gewinnend von Kivanc Tatlitug und Mert Firat gespielt. Ihre Phantasiefrau, in die sie sich beim ersten Anblick verlieben und die später ihre bodenständig-emanzipierte Freundin wird, wird ebenso natürlich von Belcim Bilgin gespielt und Regisseur und Autor Yilmaz Erdogan hat für sich die Rolle des ebenso kunstbegeisterten Lehrers und Förderers in die Geschichte hineingeschrieben. Auch die anderen Schauspieler, die in Deutschland alle unbekannt sind, überzeugen.
Allerdings ist der Film mit über 140 Minuten etwas zu lang geraten und das Ende – der durch die Krankheit verursachte frühen Tod von Muzaffer und Rüstu – ist vielleicht folgerichtig und nötig, wenn man so etwas wie eine Biographie erzählen will, aber mir hätte ein positives Ende, vielleicht nachdem ihre ersten Gedichte veröffentlicht wurden, gefallen.
Aber auch „Jules und Jim“ endet tragisch.
The Butterfly’s Dream – Kelebegin Rüyasi (Kelebegin Rüyasi, Türkei 2012)
Regie: Yilmaz Erdogan
Drehbuch: Yilmaz Erdogan
mit Kivanç Tatlitug, Belçim Bilgin, Mert Firat, Farah Zeynep Abdullah, Yilmaz Erdogan
Länge: 144 Minuten (läuft nur als Original mit Untertitel, aber vielleicht wird noch eine Synchronisation erstellt)
No Way Out – Es gibt kein Zurück (USA 1987, R.: Roger Donaldson)
Drehbuch: Robert Garland
LV: Kenneth Fearing: The big clock, 1946
Offizier Farrell hat eine Affäre mit der Geliebten des Verteidigungsministers. Als sie stirbt, soll Farrell die Spuren vertuschen und den Augenzeugen für die Tat finden: sich.
Enorm spannender Krimi mit Top-Besetzung und überraschenden Story-Twists bis zur letzten Sekunde.
Mit Kevin Costner, Gene Hackman, Sean Young, Will Patton
Die vierzehnjährige Mattie Ross will den Mörder ihres Vaters, den Feigling Tom Chaney, finden. Für die Jagd engagiert sie den versoffenen, aber furchtlosen Marschall Rooster Cogburn.
Ein zukünftiger Western-Klassiker
mit Jeff Bridges, Hailee Steinfeld, Matt Damon, Josh Brolin, Barry Pepper
„The Raid“ zeigt, dass ein Nonstop-Actionfeuerwerk auch mitreisendes, spannendes Kino sein kann. Regisseur Gareth Evans hält sich in seinem Film nicht lange mit dem Vorspiel auf. Eine Spezialeinheit soll in einem Hochhaus einen Drogenboss verhaften. Der kontrolliert das gesamte Gebäude und auch die Bewohner des Gebäudes. Nachdem die Polizisten entdeckt werden, beginnt das Schlachtfest, bei dem die Polizisten ihre Waffen und, reihenweise, ihr Leben verlieren. Auch die Gangster sterben wie die Fliegen. In den Kämpfen kristallisieren sich bei den Polizisten ein Protagonist und bei den Verbrechern neben dem Gangsterboss zwei wichtige Handlanger heraus.
Und dann gibt es die Kämpfe. Zuerst ein episches Feuergefecht im Treppenhaus und in zwei übereinander liegenden Wohnungen, das mit einem explodierendem Kühlschrank endet. Danach mehrere Faustkämpfe, in denen verschiedene Kampfstile und alle Gegenstände, die gerade im Weg liegen, verwandt werden, in den Gängen und Zimmern des Hochhauses und dem Drogenlabor. Der mehrere Minuten lange Schlusskampf zwischen den beiden Handlangern des Gangsterbosses und dem Polizisten in einem fensterlosem Lagerraum toppt dann noch einmal die vorherigen Kämpfe.
Die geradlinige Geschichte, die zufälligerweise an „Dredd“ erinnert (beide Filme wurden etwa zeitgleich gedreht), hat zwei kleinere Überraschungen, die ihr mehr Tiefe verleihen. Aber vor allem charakterisieren die Kämpfe die Polizisten und die Verbrecher als erkennbare Individuen. Wir fühlen mit den Kämpfenden. Wir verstehen, um was gekämpft wird und was auf dem Spiel steht. Die brutalen Kämpfe sind, wie es sein soll, Handlung und nicht höchstens als Spektakel faszinierende l’art pour l’art.
Deshalb ist „The Raid“ der bessere „Stirb langsam“-Film.
Als Bonusmaterial bei der Single-DVD gibt es eine witzige Kurzfilmversion von „The Raid“ mit Knetfiguren und einen sehr informativen Audiokommentar von Autor und Regisseur Gareth Evans.
The Raid (The Raid, Indonesien/USA 2011)
Regie: Gareth Evans
Drehbuch: Gareth Evans
mit Iko Uwais, Ray Sahetapy, Joe Taslim, Donny Alamshya, Yayan Ruhian, Pierre Gruno
Tödliche Entscheidung (USA 2007, R.: Sidney Lumet)
Drehbuch: Kelly Masterson
Andy, der für Drogen Geld aus der Firmenkasse nahm, kann seinen Bruder Hank überreden, das elterliche Juweliergeschäft zu überfallen. Der Überfall, auch weil die Mutter gar nicht daran denkt, irgendwelchen hergelaufenen, maskierten Verbrechern die Juwelen zu geben, geht schief – und dann bröckelt die heile Fassade der Familie verdammt schnell ab.
Mit seinem letzten Film drehte Sidney Lumet, nach einigen schwächeren Werken, mit einer Familientragödie noch einmal so richtig voll auf. Er seziert, wieder einmal, die Kehrseite des amerikanischen Traums anhand. Dieses Mal am Beispiel einer ziemlich kaputten, weißen Mittelstandsfamilie.
Der Pitch war vielleicht: „Family Business“, aber ohne Lacher.
„Tödliche Entscheidung“ ist ein feiner Noir und, kein Wunder bei der Besetzung, großes Schauspielerkino. Ein potentieller Klassiker.
mit Philip Seymour Hoffman, Ethan Hawke, Albert Finney, Marisa Tomei, Aleksa Palladino, Michael Shannon, Amy Ryan, Sarah Livingston, Brían F. O’Byrne, Rosemary Harris
„Guns and Girls“ liefert ziemlich genau das, was der Titel verspricht: Schießereien (viele), Mädchen (sehr wenige, eigentlich nur zwei, wobei nur die „Blonde“ als „Girl“ durchgeht. Die andere ist nämlich „das Mädchen von nebenan“. Und dann gibt es noch eine Taschendiebin.), Elvis-Imitatoren (viele, aber noch überschaubar) und ziemlich viele, ziemlich abgedrehte Szenen und Sprüche, die deutlich in Richtung Guy-Ritchie-Imitat gehen. Ihr wisst schon: „Bube, Dame, König, grAs“, „Snatch – Schweine und Diamanten“ und „RocknRolla“. Auch stilistisch hat Autor und Regisseur Michael Winnick einiges bei dem Briten abgeschaut.
So entwickelt die Geschichte sich mit vielen Zeitsprüngen eher chaotisch und lässig auf die Pointe zielend, als wirklich stringent oder besonders wahrscheinlich. Dafür sind die Schauspieler, unter anderem Gary Oldman (in glänzender Spiellaune als Elvis-Imitator), Christian Slater (mal wieder gut besetzt als Schlawiner, der in eine Geschichte hineingerät, die er nicht überblickt, dafür aber von allen als Punchingball benutzt wird), Helena Mattsson (die „Blonde“, deren Filmkarriere in Filmen wie „Surrogates“ und „7 Psychos“ sich bislang weitgehend in Rollen erschöpfte, die nach ihrer Haarfarbe benannt waren), Powers Boothe, Jeff Fahey und Tony Cox (als sehr biestiger „Kleiner Elvis“), enorm spielfreudig und es gibt genug komisch-absurde Situationen um kurzweilig zu unterhalten. Die Story: Während eines Elvis-Doppelgängerwettbewerbs wird in einem Casino in einem Indianerreservat die für den Indianerstamm sehr wertvolle Kriegsmaske geklaut. Der Indianerhäuptling weiß, dass einer der Elvis-Imitatoren der Dieb ist und irgendwie glauben alle, dass John Smith (Christian Slater) der Übeltäter ist oder wenigstens die Maske wiederbeschaffen kann. Und alle, auch die beiden korrupten Polizisten (die damit kein Problem haben), sind schießwütig und haben einen mangelnden Respekt vor dem Leben.
„Guns and Girls“ ist zwar keine weltbewegende, aber eine durchaus kurzweilige Angelegenheit.
Guns and Girls (Guns, Girls and Gambling, USA 2011)
Regie: Michael Winnick
Drehbuch: Michael Winnick
mit Gary Oldman, Christian Slater, Helena Mattsson, Megan Park, Dane Cook, Powers Boothe, Jeff Fahey, Chris Kattan, Sam Trammell, Tony Cox, Matthew Willig, Paulina Gretzky, Eddie Spears, Gordon Tootoosis, Michael Spears, Heather Roop, Anthony Azizi, Anthony Brandon Wong
Polizeiruf 110: Cassandras Warnung (D 2011, R.: Dominik Graf)
Drehbuch: Günter Schütter
Kaum beginnt Kommissar Hanns von Meuffels seinen Dienst in München, muss er auch gleich im Kreis der Kollegen ermitteln. Denn auf die Frau von Gerry Vogt wurde ein Anschlag verübt, bei dem ihre Freundin starb. Diana Vogt erhält Polizeischutz und von Meuffels und Vogt suchen die Mörderin, die wahrscheinlich eine verschmähte Verehrerin ist.
Der erste Auftritt von Matthias Brandt als Kommissar Hanns von Meuffels ist ein starkes Stück Kino, mitreisend erzählt mit kleinen Abschweifungen. Dass die Lösung, rückblickend, einige kleine Logikfehler hat, kann nach neunzig atemlosen Minuten verziehen werden.
mit Matthias Brandt, Ronald Zehrfeld, Philipp Moog, Alma Leiberg, Anna Maria Sturm, Tobias van Dieken
Der Sammelband „Im Angesicht des Fernsehens“ versammelt Aufsätze, die sich mit verschiedene Aspekten von Dominik Grafs umfangreichem Werk und einzelnen Filmen beschäftigten, es gibt einen kurzen Überblick über sein Schaffen (in der „Einführung“), selbstverständlich eine Filmografie, eine Bibliografie und ein Filmtitelindex (wenn man alles zu einem Film sucht) und ein Interview mit Dominik Graf.
Die ausführliche Besprechung ist in Arbeit.
Chris Wahl/Jesko Jockenhövel/Marco Abel/Michael Wedel (Hrsg.): Im Angesicht des Fernsehens – Der Filmemacher Dominik Graf
Inzwischen kennen wir Zombies und wir wissen auch ziemlich genau, was wir bei einem Zombieangriff tun müssen: Hieb-, Stich- und Schusswaffen herausholen und sie hemmungslos einsetzen. Kopf abschlagen. Gehirn wegpusten. Und nicht zimperlich sein. Denn diese Zombies sind ja schon tot und, auch wenn man vielleicht zweimal lebt, stirbt man definitiv nur einmal. Außerdem hat ein Zombie keine Gefühle. Oder?
Hm, vielleicht doch. Denn diese Zombies bewegen sich in ihrem langsamen Gang durch die Welt, sie haben einen nimmersatten Hunger auf Menschenfleisch und sie kommunizieren auch untereinander. Gut. Eher grunzend und in Halbsätzen. Aber immerhin. Und einer von ihnen (Nicholas Hoult), der sich, weil er seinen Namen vergessen hat, R nennt, erzählt sogar ziemlich eloquent und sarkastisch in Isaac Marions Roman „Mein fahler Freund“, der jetzt als „Warm Bodies“ verfilmt wurde, von seinem Leben unter Zombies, wie er bei einem ihrer Jagdausflüge die gleichaltrige, sehr lebendige und attraktive Julie (Teresa Palmer) trifft und anstatt ihr Gehirn zu verspeisen, sich in sie verliebt und sie mit in seine Wohnung, ein auf dem Flugplatz stehendes ausrangiertes Passagierflugzeug, nimmt. Dort verliebt Julie sich in den attraktiven Zombie und ihre Liebe beginnt die Welt zu verändern.
Gut, das klingt jetzt vielleicht etwas pathetisch, aber nachdem R und Julie den Flugplatz, auf dem die Zombies und die noch schlimmeren Knochen leben, verlassen müssen und er sie zu den Menschen verfolgt, müssen sie sich zunächst gegenüber Julies Vater, dem fanatischen Zombiejäger General Grigio (John Malkovich), behaupten. Doch es kommt noch schlimmer für das Liebespaar, dessen Geschichte einer Liebe zwischen zwei verfeindeten „Familien“ natürlich von Romeo und Julia inspiriert ist.
Jonathan Levine, der vorher den Horrorfilm „All the Boys love Mandy Lane“, das Drama „The Wackness – Verrückt sein ist relativ“ (nur auf DVD) und die Dramedy „50/50 – Freunde fürs (Über)leben“ inszenierte und in diesen Fillmen sein Gespür für interessante Variationen bekannter Geschichten bewies, erzählt diese Zombie-Liebesgeschichte, wie „50/50“ mit einem genauen, warmherzig-sarkastischen Blick auf die Charaktere und die Absurditäten der Situation. Denn auch wenn die Versatzstücke bekannt sind, ist Levines Perspektive auf die postapokalyptische Zombiewelt neu und er kombiniert die Romeo-und-Julia-Geschichte mit dem Kampf zwischen den Menschen und den Zombies so frisch und liebevoll miteinander, dass man sich der Geschichte nicht entziehen kann.
Dabei übernahm Levine von Isaac Marions Roman, der dafür seine im Internet veröffentlichte Kurzgeschichte „I am a Zombie filled with Love“ kräftig ausbaute, vor allem die Idee und das erste Drittel des Romans. Bei der Handlung veränderte er vor allem die zweite Hälfte, also alles, was R und Julie zustößt, nachdem sie den Flughafen verlassen, kräftig und erzählt die problematische Liebesgeschichte von R und Julie wesentlich fokussierter als Isaac Marion zu Ende.
Und wir können uns bei den schüchternen Annäherungsversuchen von R fragen, inwiefern wir nicht selbst wie R sind.
Als ich „Der Hypnotiseur“ sah, dachte ich, dass die Plotschwächen in Lasse Hallströms neuen Film an der Vorlage, einem Kriminalroman von Lars Kepler, liegen und die Macher sich, um keine Fans des Buchs zu verschrecken, einfach viel zu sklavisch an die Vorlage hielten.
Nachdem ich das Buch trotz tödlicher Langeweile überlebt habe, kann ich sagen, dass die Drehbuchautoren Paolo Vacirca und Peter Asmussen und Regisseur Lasse Hallström die Geschichte durchaus kräftig änderten und sie sogar verbesserten, aber es half nichts. „Der Hypnotiseur“ ist ein langweiliger, unlogischer Krimi, der sich kräftig in der Ikea-Klischeeabteilung bediente.
Dabei beginnt es spannend und ohne langes Vorspiel gleich mit dem Mord an einer Familie. Kommissar Joona Linna (Tobias Zilliacus) hat im winterlichen Stockholm gleich zwei Tatorte: in einer Sporthalle wurde der Sportlehrer Ek brutal erstochen; in seinem Haus wurde etwas später der Rest der Familie ebenso bestialisch ermordet. Nur der Sohn Josef Ek (Jonatan Bökman) überlebte schwerverletzt und liegt jetzt im Koma. Josefs Schwester Evelyn (Emma Mehonic) war nicht da. Linna glaubt jetzt, dass der Mörder auch sie umbringen will und nur Josef Ek kann ihm bei der Fahndung mit einer Beschreibung des Täters helfen. Aber der ist nicht ansprechbar. Da schlägt seine Ärztin eine Hypnose vor. Von dem besten Hypnotiseur, den es in Schweden gibt: Erik Maria Bark (Mikael Persbrandt). Der will zwar, weil er in der Vergangenheit einen schlimmen Fehler beging, nie wieder jemand hypnotisieren, aber er lässt sich von Linna überreden.
Nach der ersten Hypnose, die schon einige Hinweise auf den Täter brachte, wird der schwer kranke Sohn der Barks, der deshalb in regelmäßigen Abständen seine Medizin braucht, entführt. Der Entführer hat ihnen eine Botschaft hinterlassen: „Schluss mit der Hypnose, oder er stirbt!“
Neben dem Krimiplot beschäftigt der Film sich, wie schon in Lars Keplers Roman, ausführlich mit Barks Eheproblemen. Denn seine Frau Simone (Lena Olin) ist eifersüchtig, hält ihm immer noch einen lange zurückliegenden Seitensprung vor und wirft ihm, mit leidendem Blick, alles Elend der Welt vor. Lena Olin hätte man eine bessere Rolle als die des Heimchens am Herd gewünscht.
Aber auch Mikael Persbrandt kämpft sich hier durch die Untiefen eines lahmen Drehbuchs, das sich nie entscheiden kann, ob es jetzt ein Krimi oder ein Drama der schlechten Sorte sein will. Denn die Familienproblem der Familie Bark interessieren nicht. Auch weil sie mit der Mördersuche nichts zu tun haben. Sowieso wird der Hypnotiseur, der in den polizeilichen Ermittlungen ja nur eine Nebenfigur ist, über eine gewagte Storyvolte (der Täter muss erfahren, dass Josef Ek hypnotisiert wird; glauben, dass er ihn in Hypnose verraten kann und dass er durch die Entführung eines Kindes seiner Bestrafung entkommen kann), in die Geschichte einbezogen.
Und über die Motive des Mörders kann man nur den Kopf schütteln. Aber immerhin im Film weniger als im Buch. Denn im Buch werden die Morde und die Entführung von verschiedenen Tätern mit ebenso verschiedenen Motiven verübt. Im Film ist es immerhin ein Täter (ja, gut, genaugenommen Tätergrüppchen) und damit verändern sich seine Motive erheblich. Aber der Showdown im Schnee, bei dem ein Bus eine wichtige Rolle hat, bleibt gleich.
Somit verbucht „Der Hypnotiseur“ auf der Habenseite nur die kompetente Regie von Lasse Hallström, der zuletzt mit „Lachsfischen im Jemen“ eine wunderschön, satirisch angehauchtes Drama vorlegte und auch dessen nächster Film, die Nicholas-Sparks-Verfilmung „Safe Haven – Wie ein Licht in der Nacht“ (Kinostart 7. März 2013) als vorhersehbare Schmonzette durchaus gefällt, und das hochkarätige Ensemble, das hier allerdings weit unter Wert verkauft wird.
Warum Hallström ausgerechnet dieses Drehbuch für seinen ersten schwedischen Spielfilm nach über 25 Jahren, die er hauptsächlich in Hollywood verbrachte, auswählte, wissen vielleicht die nordischen Götter.
Der Hypnotiseur (Hypnotisören, Schweden 2012)
Regie: Lasse Hallström
Drehbuch: Paolo Vacirca (auch Story Adaption), Lasse Hallström (Story Adaption), Peter Asmussen (Mitarbeit Drehbuch)
mit Tobias Zilliacus, Mikael Persbrandt, Lena Olin, Helena af Sandeberg, Oscar Pettersson, Anna Azcarate , Jonatan Bökman, Jan Waldekranz, Eva Melander