„‚The Birds‘ war ein Avantgarde-Hitchcock, haarsträubend und voll verschlagenem Witz. Der Held krümmt sich, und das Publikum kreischt.“ (Robert A. Harris/Michael S. Lasky: Alfred Hitchcock und seine Filme)
Alfred Hitchcock verwandte von du Mauriers Kurzgeschichte nur den Grundgedanken (rätselhafte Attacken von Vögel auf Menschen). Evan Hunter kennen wir auch als Ed McBain (87. Polizeirevier).
Mit Rod Taylor, Tippi Hedren, Jessica Tandy, Suzanne Pleshette, Veronica Cartwright, Ethel Griffies, Charles McGraw, Ruth McDevitt
Fritz Bauer – Tod auf Raten (D 2010, R.: Ilona Ziok)
Drehbuch: Ilona Ziok
Sehr gelungene Doku über Fritz Bauer, sein Leben, seine Ansichten und seine Taten. Der Jurist, Freidenker und Humanist engagierte sich nach dem zweiten Weltkrieg für den Aufbau der Demokratie und für die Aufklärung der NS-Verbrechen. Als Generalstaatsanwalt initiierte er die Auschwitzprozesse, verfolgte Euthanasie-Täter und trug zur Ergreifung von Adolf Eichmann bei. Am 1. Juli 1968 starb er unter rätselhaften Umständen.
Wer in „Snitch – Ein riskanter Deal“ das prototypische Dwayne-Johnson-Actionvehikel mit viel Testosteron und wenig Hirn erwartet, sollte sein Geld lieber in einen zweiten Besuch von „“Fast & Furious 6“ stecken stecken. Denn „Snitch“ ist ein gelungener 70er-Jahre-Crime-Thriller mit etwas Action, vor allem am Ende, und Charakteren, die aufgrund der Umstände vor schwierigen Entscheidungen stehen.
So muss sich der Bauunternehmer John Matthews (Dwayne Johnson) fragen, was er für seinen achtzehnjährigen Sohn Jason (Rafi Gavron) tun wird. Jason wurde mit einem Päckchen Ecstasy-Pillen geschnappt. Er hat das Päckchen für einen Freund angenommen. Angeklagt ist er jetzt als Drogenhändler.
Jason erhält jetzt das Angebot, seine Strafe, die sich auch bei Ersttätern ausschließlich nach der Menge der konfiszierten Drogen bemisst, von zehn Jahren zu reduzieren, wenn er der Polizei einen anderen Drogenhändler nennt. Eine andere Möglichkeit, die Strafe zu reduzieren, gibt es nicht. Dummerweise kennt Jason keine Drogenhändler und er will auch nicht irgendeinen x-beliebigen Klassenkameraden verpetzen.
Als John sieht, wie es seinem Sohn im Gefängnis zunehmend schlechter geht, verfällt der anständige Bürger auf eine wahnwitzige Idee: wenn er der konservativen republikanischen Staatsanwältin Joanne Keeghan (Susan Sarandon) einen Drogenhändler liefert, könne das doch strafmildernd auf die Haft seines Sohnes angewandt werden.
Aber auch John kennt keine Drogenhändler. Er versucht den bei ihm angestellten Ex-Häftling Daniel James (Jon Bernthal), der als bereits zweimal verurteilter Familienvater ein ehrliches Leben führen will, zu überzeugen, seine guten Vorsätze aufzugeben.
Diesen Weg ins Verderben zeichnet Ric Roman Waugh („Felon“) für heutige Sehgewohnheiten ungewöhnlich ruhig nach und Dwayne Johnson, der unbesiegbare Muskelprotz darf hier, sehr reduziert, einen Normalbürger spielen, der sein Gehirn einsetzen muss. Denn seine Muskeln helfen ihm nicht gegenüber den Drogenhändlern und gegenüber der Staatsanwältin Keeghan, die ihre Menschenverachtung nur mühsam hinter Paragraphen verbirgt und Matthews kalt lächelnd als potentielles Bauernopfer in immer größere Gefahr bringt. Und das kann sie tun, weil es in den letzten Jahren im US-amerikanischen Justizsystem eine groteske Fehlentwicklung gab: im Kampf gegen die Drogenkriminalität wurden die Mindeststrafen auch für Ersttäter immer weiter angehoben. Nach den „Mandatory Drug Sentencing Laws“ gibt es für zehn Gramm LSD zehn Jahre Haft und der Täter kann seine Strafe für Drogenbesitz, die bis zu dreißig Jahren betragen kann, nur verringern, indem er einen anderen Drogenhändler verpfeift. So wollte man an die großen Bosse kommen. In der Realität sitzen Jungs wie Jason im Gefängnis.
Die Inspiration für „Snitch“ war die PBS-“Frontline“-Sendung „Snitch“ und dieser Fall:
„Another case profiled is that of 18- year-old Joey Settembrino, a first time offender who received a 10-year prison sentence after being caught in a drug sting instigated by a friend who was facing federal prosecution. After Joey was busted, federal agents enlisted his father to try to set up others in a drug sting. If the father delivered, his son would be spared a lengthy prison term. The effort failed. Joey is serving a mandatory 10 years without parole.“
„Snitch“ ist sicher nicht das typische Blockbuster-Futter, aber es ist ein angenehm altmodischer Thriller, in dem die Schauspieler im Vordergrund stehen und auch eine Botschaft transportiert wird. Denn natürlich fragt man sich, ob es wirklich richtig ist, wenn ein unbescholtener Einser-Schüler aufgrund der Gesetze zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt wird und sein ebenfalls unbescholtener Vater zum Verbrecher werden muss, um seinem Sohn helfen zu können. „Snitch“ zeigt im Rahmen einer spannenden, aber auch vorhersehbaren Genre-Geschichte, wie sehr in den USA Gesetz und Gerechtigkeitsempfinden im Kampf gegen die Drogenkriminalität auseinanderklaffen.
Snitch – Ein riskanter Deal (Snitch, USA 2013)
Regie: Ric Roman Waugh
Drehbuch: Justin Haythe, Ric Roman Waugh
mit Dwayne Johnson, Barry Pepper, Jon Bernthal, Susan Sarandon, Michael K. Williams, Rafi Gavron, Melina Kanakaredes, Velazquez Maria, Benjamin Bratt, Lela Loren, JD Pardo, David Harbour
Live und in Farbe dröhnt es vom Nürburgring ins heimische Wohnzimmer. Heute satte neun Stunden, Samstag wieder neun Stunden und am Sonntag nur sieben Stunden.
Derzeit hat „After Earth“ bei Rotten Tomatoes einen desaströsen Frischegrad von 12 Prozent. Dabei ist der Film nicht so schlecht. Als Teenager hätte mir die Reise von Kitai Raige, dem jugendlichen Helden, vielleicht sogar ziemlich gut gefallen.
Aber meine Teenagerjahre liegen schon einige Zeit zurück – und da fällt mir die arg biedere, um nicht zu sagen proto-faschistoide Übermenschenideologie, die dumpf autoritär-militaristische Struktur der Gesellschaft und der Familie Raige und das gesamte Plotting, das locker aus einem Fünfziger-Jahre-Science-Fiction-Film stammen kann, doch schon sehr unangenehm und, je länger ich darüber nachdenke, immer unangenehmer auf. In den USA wird „After Earth“, das neueste Werk von Vater Will Smith und Sohn Jaden Smith vor allem mit der „Scientology“-Lehre, die ja von dem Fünfziger-Jahre-Science-Fiction-Autor L. Ron Hubbard erfunden wurde, verglichen. In Szene gesetzt wurde das Werk von „The Sixth Sense“ M. Night Shyamalan, nach einer Geschichte des Produzenten Will Smith, der ein neues Vater-Sohn-Projekt suchte und die ursprüngliche Idee, in der in der Gegenwart Vater und Sohn sich gemeinsam durch Alaska schlagen, klingt gut. Aber dann verlegte er die Geschichte in die Zukunft und aus einem kleinen Film wurde ein 130 Millionen Dollar teures Projekt.
Dabei ist die in einem Jahrtausend spielende Filmgeschichte, eine banale Heldenreise, zwar doof, aber okay und in den richtigen Händen kann daraus ein großartiges Werk werden. Es ist die mitgelieferte Ideologie und die entworfene Welt, die wie ein liebloses Patchwork aus Fünfziger-Jahre-Science-Fiction-Filmen wirkt. Mit einer eigens entworfenen Mythologie, die in einer dreihundertseitigen Bibel niedergeschrieben wurde, in der alles steht, was wir nie über die „After Earth“-Welt wissen wollten, sollte wohl die Grundlage für ein künftiges „Krieg der Sterne“-Universum gelegt werden. Im Film wird sie in den ersten Minuten von „After Earth“ ziemlich lustlos in ein, zwei Minuten abgehandelt und dann vergessen. Im Presseheft erfährt man zwar mehr über diese Welt, aber zum Verständnis des Films ist nichts von diesem pompösen Weltenentwurf nötig und wenn man diese Zukunft mit unserer Gegenwart vergleicht, ist die „After Earth“-Welt merkwürdig inkonsistent. Denn während die „After Earth“-Menschen in Raumschiffen durch die Galaxie fliegen können, sind sie aus ungeklärten Gründen nicht in der Lage Planeten, auf denen es keine menschenvernichtenswütigen Monster gibt, zu besiedeln. In den Räumen herrscht ein altrömischer Retro-Schick. Die Medizin ist auf dem Stand von ungefähr 1950 stehen geblieben, wie wir an dem amputierten Bein eines Soldaten sehen können, und als Waffe gegen die Monster wird ein Schwert mit zwei Klingen verwandt, das schon vor einigen Jahrhunderten bei den Samurais gute Dienste leistete und hier etwas aufgepeppt wurde. Schusswaffen scheint es in dieser Welt nicht zu geben. Auch nicht für Soldaten…
Noch schlimmer als diese anachronistische Zukunftswelt (wenn „After Earth“ um die Jahrhundertwende spielen würde, könnte man es Steampunk nennen) ist die Ideologie, die einem aufgetischt und nicht einmal hinterfragt wird: „Fear is not real. It is a product of thoughts you create. Do not misunderstand me. Danger is very real. But fear is a choice.“
Yep. Zeige keine Gefühle, dann kannst du alles besiegen – und nur jemand, der keine Angst kennt, ist ein wahrer Mensch. Vergiss das ganze Gedöns von Menschlichkeit, Humanismus und Mitgefühl.
Das ist schon ein schwerer ideologischer Brocken, der humorlos in pathosgetränkten Bildern präsentiert wird; vor allem wenn Kitai sich mal wieder hinkniet und Kraft für seine Aufgabe sammelt. Kitai muss sich in „After Earth“ oft hinknien. Denn sein Vater Cypher (Will Smith), ein legendärer, legendär unbesiegbarer Kämpfer und General der United Ranger Corps, hat ihn auf einem Flug zu einem Trainingsplaneten mitgenommen. Auf dem Flug geraten sie in einen Meteoritenschwarm und müssen auf der seit tausend Jahren unbewohnten Erde (obwohl es auch irgendein Dschungelplanet in einer weit, weit entfernten Galaxie sein könnte), mit einer veritablen Bruchlandung, die das gesamte Raumschiff schrottet, notlanden. Inzwischen zählt der Planet, nach dem Ranger-Handbuch, zu den besonders gefährlichen Planeten, auf denen jedes Lebewesen Menschen umbringen will.
Bei der Notlandung sterben alle Passagiere, bis auf Kitai und den schwerverletzten Cypher. Weil das Notrufsignal nur von Hand ausgelöst werden kann (anscheinend haben sich automatische Notrufsignale, wie es sie inzwischen auch in normalen PKWs gibt, nicht bewährt), muss Kitai zum hundert Kilometer entfernten Heck des Schiffs gehen. Dort gibt es einen zweiten Notrufsender.
Weil vielleicht der im Heck des Raumschiffs transportierte Ursa, eine von bösen Aliens geschaffene Kreatur, die wie eine Mischung aus Dinosaurier und „Alien“-Monster aussieht, entkommen ist und der einfach alles frisst, was Angst hat, ist die Wanderung für Kitai besonders gefährlich.
Auf dem Weg zum Raumschiffheck erlebt er einige Abenteuer, die wir so schon in etlichen Dschungelfilmen gesehen haben. Denn der Junge begegnet verschiedenen, meist riesigen, Tieren, die allerdings oft merkwürdig desinteressiert an ihm sind. Kitai, der unbedingt ein großer Krieger werden will, befolgt während der Wanderung, wie es sich für eine guten Soldaten und guten Sohn gehört, brav die Anweisungen seines Vaters, der mit ihm über Funk verbunden ist.
Deshalb ist für Kitai diese mehrtägige Wanderung, die er ohne den Hauch eines Zweifels besteht, nur die Vollendung seiner Ausbildung als künftiges Mitglied der Elitesoldaten, die ihre Befehle und den Millitär-Ethos nicht hinterfragen.
Und damit verschenkt „After Earth“ jegliches Konflitkpotential und haut einem seine Botschaft „Besiege deine Angst“, monoton monothematisch wie das neue Evangelium um die Ohren. Für einen Kinderfilm mag das noch okay sein (obwohl auch Kinder gute Filme verdienen), für einen Erwachsenenfilm ist das dann arg wenig. Und „After Earth“ ist ja kein ausgewiesener Kinderfilm, aber er ist schön fotografiert, angenehm altmodisch ohne sich wild durch den Raum wackelnde Kameras aufgenommen und er hat kein Shyamalan-Ende.
After Earth (After Earth, USA 2013)
Regie: M. Night Shyamalan
Drehbuch: Gary Whitta, M. Night Shyamalan (nach einer Geschichte von Will Smith)
mit Jaden Smith, Will Smith, Sophie Okonedo, Zoe Isabella Kravitz, Glenn Morshower
Salamanca, Spanien, großer Antiterrorgipfel: der amerikanische Präsident will auf dem Marktplatz eine Rede halten. Da wird er erschossen und eine Bombe explodiert. Sein Leibwächter Thomas Barnes hat aber etwas gesehen und er nimmt die Spur auf.
„8 Fremde, 8 Sichtweisen, 1 Wahrheit“ lautet der Werbespruch, der ziemlich genau die erzählerische Pointe des Films verrät. Denn das Ereignisse vor, während und nach dem Attentat werden aus acht verschiedenen Sichtweisen erzählt und am Ende gibt es eine atemberaubende Autoverfolgungsjagd. Das unterhält prächtig über die knapp neunzig Minuten und ist filmisch und darstellerisch auch sehr gut gelöst. Denn mit den verschiedenen Blickwinkeln ändert sich auch immer der Blick auf die Ereignisse und die beteiligten Personen.
Dass der ganze Attentatsplan, wenn man genauer darüber nachdenkt, ziemlich konstruiert ist, fällt einem erst nach dem Abspann auf.
mit Dennis Quaid, Matthew Fox, Forest Whitaker, Sigourney Weaver, William Hurt, Edgar Ramirez, Ayelet Zurer, Bruce McGill, Zoe Saldana
Death in Paradise: Willkommen im Paradies/Nur die Sonne war Zeuge (GB/Fr 2011, R.: Charles Palmer/Roger Goldby)
Drehbuch: Robert Thorogood
DI Richard Poole hat auch wirklich Pech. Denn als typischer Bilderbuchengländer muss er in auf der Karibikinsel Saint-Marie einen Mord aufklären – und weil er ein so guter Polizist ist, wird sein Rückkehrgesuch sabotiert.
ZDFneo wiederholt in Doppelfolgen die erste Staffel der vergnüglichen Culture-Clash-Whodunit-Krimiserie „Death in Paradise“. Die zweite Staffel dürfte im Anschluss folgen. Die DVD erscheint jedenfalls am 24. Juli.
Was wissen wir von Ägypten? Außer Pyramiden, Nilstaudämme (aus dem Schulunterricht) und die Bilder von einer friedlichen Revolution 2011. Da versammelten sich Tausende auf dem Tahrir-Platz und demonstrierten gegen das Mubarak-Regime. Am 11. Februar 2011 trat Husni Mubarak nach einer fast dreißigjährigen Regentschaft zurück und es gab eine Abstimmung über eine neue Verfassung. Danach verschwand Ägypten wieder aus den Schlagzeilen und wir erinnern uns kaum noch an die damals gelesenen Artikel und wackeligen YouTube-Videos.
In genau diese Wahrnehmungslücke springt „Nach der Revolution“ von Yousry Nasrallah, der seine Premiere während des 2012er Cannes-Filmfestivals hatte und zwischen 2. Februar 2011, der „Schlacht der Kamele“ auf dem Tahrir-Platz, und dem 9. Oktober 2011, dem „Schwarzen Sonntag“, bei dem die Demonstrationen mit 34 Toten und mehreren Dutzend Verletzten endeten, spielt und während der Ereignisse gedreht wurde. Dabei wollte Yousry Nasrallah 2011 eigentlich einen anderen Film drehen. Alles war drehbereit als die Revolution begann und er beschloss, einen Film darüber zu drehen. Entsprechend improvisiert und spontan entstand das Drehbuch; – mit einer vernachlässigbaren Geschichte. Wenn man will, kann man sagen, dass „Nach der Revolution“ die unglückliche, weil letztendlich unerfüllte Liebesgeschichte von Reem, einer jungen, modernen Frau, zu Mahmoud, einem Beduinen, erzählt und würde die Qualitäten des Films um Galaxien verfehlen. Denn die Reems Schwärmerei dient nur dazu, ein Bild von Ägypten vor zwei Jahren zu zeichnen. So ist Reem eine junge, engagierte, in der Werbung arbeitende Frau, die an die Revolution glaubt. Sie möchte Veränderungen. Je schneller, desto besser. Sie redet wie ein Wasserfall, ist ungeduldig und mischt sich – ungefragt – ein. Als sie mit ihrer Freundin Dina nach Nazleem El-Samman fährt, die dort streng rationiertes Futter an die Pferde der notleidenden Beduinen verteilt, sieht sie, wie Mahmoud kein Essen für sein Tier bekommt. Er gehörte nämlich zu den Beduinen, die am 2. Februar auf dem Tahrir-Platz waren und die dort die Demonstranten niederknüppelten. Die Bilder gingen via YouTube um die Welt. Jetzt wird er von den anderen Beduinen geschnitten, weil er von seinem Pferd fiel und weinte. Zwei Dinge, die gegen die Beduinenehre verstoßen.
Am Abend sieht sie Mahmoud wieder auf einem von Mubaraks lokalem Stattthalter und Großgrundbesitzer ausgerichtetem Reiterfest, auf dem der beste Reiter prämiert wird. Mahmoud darf nicht auf seinem Pferd vortanzen. Er tut es allein auf dem Vorplatz, wird von Reem mit ihrer Kamera gefilmt, entdeckt sie und so langsam entwickelt sich eine Beziehung zwischen den beiden, die dazu führt, dass Reem die ihr vollkommen fremde Welt der Bewohner von Nazleem El-Samman kennen lernt. Sie verdienten als folkloristische Touristenführer gutes Geld. 2002 wurde eine Mauer zwischen den Pyramiden von Gizeh und Nazlet El-Samman erbaut, um dort ein Tourismus-Zentrum zu erbauen. Seitdem verarmen sie zusehends. Gleichzeitig verklären sie ihre Vergangenheit als Beduinen.
Reem versucht Mahmouds Familie ihnen zu helfen.
Die Schnelligkeit des improvisierten Drehs und der Premiere in Cannes, wenige Wochen nach dem Ende der Dreharbeiten, lassen jede Kritik als kleinkrämerisch erscheinen. Denn gerade diese fast schon teilnehmende Beobachtung der Ereignisse ist die Stärke des Films. „Nach der Revolution“ punktet da, wo ein Dokumentarfilm versagen muss. Nämlich bei dem ungeschönten Blick in die Wirklichkeit, bei der Darstellung der Unterschiede zwischen den Schichten und Gruppen und der Machtstrukturen. Denn in Interviews stellt man sich immer im positiven Licht dar. Man sagt einiges nicht vor laufender Kamera. Man hätte gegen bestimmte Passagen Einwände. Aber in einem Hintergrundgespräch oder einer Diskussion für einen Film, auch wenn das Gespräch dann fast unverändert verwandt wird, ist das etwas anderes. Und bei den Dreharbeiten spielt man ja immer eine Rolle. Man ist zwar Reiter in Nazlet El-Samman, aber man ist nicht dieser Reiter in dem Film.
Yousry Nasrallah bedient sich der Fiktion, um die Wirklichkeit zu zeigen. Deshalb wird man wohl keinen besseren und genaueren Einblick in das Ägypten des Jahres 2011 bekommen. „Nach der Revolution“ zeigt die Utopien, wie die Menschen zusammen kamen und die Probleme in der ägyptischen Gesellschaft. Vor allem die riesigen ökonomischen Unterschiede, die strukturellen Machtstrukturen und wie sie sich in den Handlungen der Menschen wiederspiegeln und die verschiedenen Wertvorstellungen zwischen einer aufgeklärten-städtischen und einer ländlich-archaischen Gesellschaft. Wobei Mahmouds Frau Fatma erstaunlich emanzipiert ist. Sie ist als zweifache Mutter fast schon emanzipierter als Reem, die nach einer unglücklichen Liebe auch einen neuen Freund sucht.
„Nach der Revolution“ endet am 9. Oktober 2011. Alle Charaktere haben sich etwas verändert – und wir verstehen nach den zwei Filmstunden die Ereignisse in Ägypten besser.
Nach der Revolution (Baad el Mawkeaa/After the Battle, Frankreich/Ägypten 2012)
Regie: Yousry Nasrallah
Drehbuch: Yousry Nasrallah, Omar Shama
mit Menna Shalabi, Bassem Samra, Nahed El Sebaï, Salah Abdallah, Phaedra, Abdallah Medhat, Momen Medhat
Departed – Unter Feinden (USA 2006, R.: Martin Scorsese)
Drehbuch: William Monahan
Cop Billy Costigan ist Undercover-Agent in der Organisation des Mafiapaten Frank Costello. Gangster Colin Sullivan ist bei der Polizei der Top-Maulwurf für Costello. Beide steigen in den feindlichen Organisationen stetig auf. Da erhalten Costigan und Sullivan von ihrem Boss den Auftrag, den Verräter in den eigenen Reihen zu finden.
„Departed – Unter Feinden“ ist, wie Genre-Junkies wissen, das grandiose US-Remake des ebenso grandiosen Hongkong-Thrillers „Infernal Affairs“ (von Andrew Lau und Alan Mak). Monahan verlegte die Geschichte nach Boston, orientierte sich bei dem Mafiapaten an dem legendären Whitey Bulger und zeichnete ein Porträt der amerikanischen Gesellschaft. Die schwächsten Szenen des Remakes sind die weinigen, direkten Übernahmen von Szenen aus dem Original.
Beide Filme sind stilistisch überzeugende Werke über Freundschaft, Loyalität und Verrat.
Monahans Drehbuch erhielt einen Edgar, einen Oscar, den Preis der Writers Guild of America und war für den Golden Globe nominiert (um nur einige zu nennen). Der Film wurde für zahlreiche Preise nominiert und erhielt auch den Oscar für den besten Film des Jahres
Die nächste Zusammenarbeit von Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio war die allseits abgefeierte Dennis-Lehane-Verfilmung „Shutter Island“ (mir gefiel das Buch besser).
Und William Monahans lieferte danach sein gelungenes Regiedebüt, die Ken-Bruen-Verfilmung “London Boulevard” (mit Colin Farrell, David Thewlis, Ray Winstone, Eddie Marsan und, umpf, Keira Knightley) ab.
Mit Leonardo DiCaprio, Matt Damon, Jack Nicholson, Mark Wahlberg, Martin Sheen, Ray Winstone, Vera Farmiga, Alec Baldwin
Duplicity – Gemeinsame Geheimsache (USA 2009, R.: Tony Gilroy)
Drehbuch: Tony Gilroy
Nach Agententhriller (die “Bourne”-Serie) und Politthriller (“Michael Clayton”) ist er jetzt bei der romantischen Thriller-Komödie mit Screwball-Elementen angelangt: zwei Industriespione, die eine Liebe-Hass-Beziehung (ersteres persönlich, letzteres beruflich) pflegen, beschließen, ihre Bosse um einige Millionen zu erleichtern. Aber können sie sich trauen? Und können sie mit dem Geld entkommen?
Die Kritiken tendieren zu einem leichten „ich hätte mehr erwartet“, aber zwei Stunden gepflegte Unterhaltung sind garantiert. „Mit viel doppelbödigem Charme und herausragendem Ensemble macht Tony Gilroy aus der Agentenromanze einen wunderbaren Film.“ (Thomas Klein, tip 10/2009)
James Bond: In tödlicher Mission (GB 1981, R.: John Glen)
Drehbuch: Richard Maibaum, Michael G. Wilson
LV: Ian Fleming: For you eyes only, 1960 (Für Sie persönlich, Kurzgeschichte), Risico, 1960 (Riskante Geschäfte, Kurzgeschichte)
James Bond sucht im Mittelmeer ein verschwundenes Gerät zur Steuerung der U-Boot-Flotte, das ATAC. Es wurde von dem griechischen Millionär Kristatos geklaut, der es an die Sowjets verkaufen will.
Einer der besseren Roger-Moore-Bonds. „Variety“ hielt „In tödlicher Mission“ sogar für einen der durchgehend erfreulichsten aller bis dahin gedrehten zwölf Bond-Filme. Andere Kritiker meinten, es sei ein Remake von „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ (Hm.) und eine einzige Verfolgungsjagd (Gut!) mit viel Werbung (Schlecht!). Jedenfalls kam diese Mischung dem Talent von John Glen entgegen und Roger Moore bewältigte seine Arbeit mit der Hilfe von fast fünfzig Stuntmännern.
Mit Roger Moore, Carole Bouquet, Julian Glover, Chaim Topol, Lois Maxwell, Desmond Llewelyn
Nach seinem grandiosen „Carlos – Der Schakal“ bleibt Olivier Assayas auch mit seinem neuesten Film „Die wilde Zeit“, der im Original „Après Mai“ heißt und auf die Nachwirkungen des revolutionären Mai 1968 anspielt und bei uns ursprünglich als „Something in the Air“ (was auch ein treffender Titel gewesen wäre) anlaufen sollte, den Siebzigern treu und erzählt von einigen Jugendlichen, die zwischen Schulabschluss und Studienbeginn bei der Revolte mitmachen wollen. Sie wollen eine andere, eine bessere Gesellschaft und versuchen ihren eigenen Weg zwischen Liebe, Kunst und Politik zu finden.
„Die Jugend meiner Generation war ganz besonders entflammbar. Die heutige Jugend ist eher vernünftig. Jeder ist radikal, steht aber für nichts ein. In den 1970er wurden wir permanent gefordert, uns zu rechtfertigen: ‚Was hast du für die Arbeiterklasse getan?‘ (…) Wir hassten Unternehmen jeglicher Form und näherten uns ihnen nur, um sie von innen zu sabotieren. Wir lebten in Kommunen, wir weigerten uns Familien zu gründen, hatten keine Altersvorsorge im Kopf (…) Die „Nach-Mai“-Generation wurde in das Chaos hineingeboren und wuchs im Chaos auf. Sie hatte keine anderen symbolischen Werte als die Ablehnung der Welt, die Marginalisierung, die Verpflichtung auf das Endergebnis. Ein sehr zerstörerisches Endergebnis, wie sich herausstellt. Diese Generation zahlt einen hohen Tribut.“ (Olivier Assayas)
Der Film beginnt unmittelbar nach der vom Polizeipräsidium verbotenen Demonstration vom 9. Februar 1971 in Paris. „Le Secours Rouge“, eine maostisch-kommunistische Organisation, rief zu einer Demonstration gegen die Inhaftierung einiger proletarischer Linker auf. Die neu gegründeten „Brigades Spéciales d’Intervention“ (Sondereinheiten für Interventionsmaßnahmen) wendeten hemmungslos Gewalt gegen die Demonstranten an. Ein Demonstrant, der 24-jährige Richard Deshayes, wird von einer Rauchgranate getroffen und verliert ein Auge, das andere wird schwer verletzt. Der unpolitische Gymnasiast Gilles Guiot wird auf seinem Heimweg verhaftet und zu einer sechsmonatigen Gefängnisstrafe mit drei Monaten Bewährung wegen des nicht nachweisbaren Angriffs auf einen Offizier im Dienst verurteilt. Die Studentenbewegung schöpfte aus diesen Ereignissen neue Kraft.
Auch Gilles und seine linken Freunde in der Pariser Vorstadt beschäftigt dieses grundlos harte Durchgreifen der Staatsmacht, die wild um sich prügelt und, wie auch kurz darauf in „Die wilde Zeit“, mit Rauchgranaten und Schlagstöcken Demonstrationen auflöst und hemmungslos Jugendliche verfolgt, die einfach nur das Pech haben, in der Nähe der Demonstration zu sein. Sie wollen ein Zeichen setzen. Dabei werden ihre Aktionen, die juxhaft mit dem nächtlichen Bemalen der Schule beginnen, zunehmend gefährlicher. Auch weil das Gebäude von einigen Wachleuten bewacht wird.
Nachdem sie einen Wachmann schwer verletzen und der Sommer naht, begeben Gilles und seine Freunde, teils zusammen, teils getrennt, sich auf Reise. Nach England und Italien, zu Künstlern, Musikern und radikalen Filmemachern. Und sie müssen sich entscheiden, welchen Weg sie gehen wollen: ob sie wirklich Terroristen werden wollen oder sich irgendwie mit dem System arrangieren, es versuchen von innen heraus zu verändern.
Das ist, wie der 1955 in Paris geborene Regisseur und Drehbuchautor Olivier Assayas zugibt, autobiographisch gefärbt, aber auch ein Porträt einer Generation, die nach dem großen Aufbruch von 1968 ihren Weg suchte.
Assayas zeichnet diese Irrungen und Wirrungen feinfühlig und mit mehr als einem Augenzwinkern in Richtung Nouvelle Vague nach. Da fallen die darstellerischen Mängel der Jungschauspieler – Debütanten und Laienschauspieler – umso stärker auf. Denn zu oft sind sie nicht auf der Höhe des Buchs und der Regie.
Die wilde Zeit (Après Mai, Frankreich 2012)
Regie: Olivier Assayas
Drehbuch: Olivier Assayas
mit Clément Métayer, Lola Créton, Félix Armand, Carole Combes, India Salvor Menuez, Hugo Conzelmann
Schon in seinen ersten Filmen „Badlands“ und „Days of Heaven“ waren die Bilder aufregender als die von Terrence Malick erzählte Geschichte. In seinen späteren Filmen – wobei eine lange Schaffenspause ihm einen quasi gottgleichen Ruf verschaffte, den er durch seine Weigerung, sich über seine Filme und sich zu äußern, noch steigerte – vernachlässigte er die Geschichte, verstanden als eine irgendwie nacherzählbare, logisch aufeinanderfolgende Kette von Ereignissen, immer mehr. So war sein Kriegsfilm „The Thin Red Line“ vor allem eine Meditation über den Krieg. In „The New World“, seiner Version der Geschichte von Pocahontas, erzählte er zwar die Geschichte chronologisch, aber er ließ so vieles aus, dass es am Ende nur eine bildgewältige Meditation über zwei verschiedene Kulturen und die Natur war. „The Tree of Life“ erzählte irgendwie eine problematische Familiengeschichte, war aber eine Meditation über die Beziehungen von Kindern zu ihren Eltern und über das Leben. Alles irgendwie alles.
In seinem neuesten Film „To the Wonder“ geht es um die Liebe und, auch wenn der Verleih eine Geschichte herausdestillierte, ist der gesamte Film eine Verneinung einer auch nur halbwegs schlüssigen Geschichte. Es ist wieder eine Meditation, die anhand der Geschichte des US-Amerikaners Neil und der Französin Marina, die in Frankreich glückliche Tage verbringen, sie ihm in die USA folgt und ihre Liebe erlischt, einem zum Nachdenken über sein eigenes Verhältnis zur Liebe inspirieren soll. Und wer empfänglich dafür ist, wird sicher auch einiges für sich in diesem Bilderrausch und den kryptischen, eher monoton geflüsterten Gedanken von Neil, Marina und Pater Quintana entdecken.
Für alle anderen – wozu auch ich gehöre – ist „To the Wonder“ nur „The Tree of Life“, ohne Dinosaurier und mit einer kürzeren Laufzeit. Denn wieder dürfen die Frauen, verfolgt von der Kamera beschwingt über Wiesen und Äcker laufen. Olga Kurylenko kann das sehr gut. Die Männer dürfen eher vor sich hinbrüten. Ben Affleck und Javier Bardem gelingt dieses griesgrämig vor sich hin starren und durch das Bild laufen ebenfalls sehr gut. Aus dem Off gibt es bedeutungsschwangere Texte, wie: „Irgendwann wirst du lieben, ob du es willst oder nicht. Gefühle ziehen vorüber wie Wolken. Liebe ist nicht nur ein Gefühl. (…) Vielleicht wartet sie nur darauf in etwas Höheres verwandelt zu werden. Erwache in der göttlichen Gegenwart, die jedem Mann, jeder Frau innewohnt. Erkennt einander in dieser Liebe, die niemals endet.“. Das fühlt sich wie ein religiöses Erweckungsgebet für das Heartland und die einfachen Menschen an – und kann wahrscheinlich auch nur voll erfasst werden, wenn man sich bedingungslos auf diese geistigen Sphären einlässt.
„To the Wonder“ ist nur noch öder, pathetischer Malick-Manierismus, der auf Trailerlänge gefällt, auf Spielfilmlänge als prätentiöser Quark langweilt.
Und die Bilder? Naja. Einige sind wirklich wie Gemälde, die meisten gehorchen, der Anbetung des Augenblicks, wenn die Schauspieler vor sich hin improvisieren dürfen (wird ja eh mit einem Voice-Over abgeschmeckt) und Olga, ihre Arme himmelwärts gereckt, über die Wiese läuft.
To the Wonder (To the Wonder, USA 2012)
Regie: Terrence Malick
Drehbuch: Terrence Malick
mit Ben Affleck, Olga Kurylenko, Rachel McAdams, Javier Bardem
Die beiden Filmjournalisten Dominik Kamalzadeh und Michael Pekler haben jetzt ein Buch über Terrence Malick geschrieben, das einfach nur „Terrence Malick“ heißt, alle Filme des Regisseurs vorstellt (sind ja nur sechs in vierzig Jahren) und sich ihnen in mehreren, etwas spröde geschriebenen, thematischen Essays nähert. Dabei haben sie das Problem, dass Malick keine Interviews gibt und auch seine Mitarbeiter und die Schauspieler eher wenig über die Intention des Regisseurs verraten können. So sind die beiden Autoren bei ihren Interpretationen doch etwas auf sich selbst zurückgeworfen.
Aber das ändert nichts daran, dass dieses erstedeutschsprachige, reichhaltig bebilderte und sehr informative Buch über Malick eine sehr lohnenswerte Lektüre ist und etliche Einblicke in Malicks Werk, Stil und Themen gewährt.
The Thin Red Line, USA 1998 (Der schmale Grad), mit Sean Penn, Adrien Brody, Jim Caviezel, Ben Chaplin, George Clooney, John Cusack, Woody Harrelson, Elias Koteas, Jared Leto, Nick Nolte, John Savage, John Travolta
The New World, USA 2005, mit Colin Farrell, Q’orianka Kilcher, Christopher Plummer, Christian Bale, Wes Studi, David Thewlis
LV: Richard Stark: The hunter, 1962 (später wurde das Buch wegen der Verfilmungen unter den Titeln „Point Blank“ und „Payback“, in Deutschland unter „Jetzt sind wir quitt“ und „Payback“, verlegt)
Porter will seine 70 Riesen zurückhaben. Nur sein Kumpel Val, der ihn einige Kugeln in den Rücken verpasste und mit Porters Frau verschwand, und die Mafia haben etwas dagegen.
Ziemlich missratene, zwischen allen Stühlen sitzende, brutale Neuverfilmung von Richard Starks (ein Pseudonym von Donald Westlake) erstem Parker-Roman, die nie auch nur annähernd die Qualität von John Boormans „Point Blank“ (mit Lee Marvin) erreicht. Die Gründe sind u. a. verschiedene Auffassungen über die Hauptrolle zwischen Helgeland und Gibson (der deshalb Teile neu drehen lies), die Scherze sind nicht witzig und der Action-Overkill ist für einen einen kleinen, düsteren Gangsterfilm zu viel, aber für einen Action-Film zu wenig.
Ein Film über ein Haus? Geht’s noch? Auch wenn das Haus zwischen 1928 und 1930 im tschechischen Brno von Mies van der Rohe gebaut wurde und 2001 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Wegen seiner universellen Bedeutung als architektonisches Kunstwerk.
So etwas dürfte doch wirklich nur angehende Architekten interessieren.
Aber dann beginnt Dieter Reifarth seinen Film „Haus Tugendhat“ mit ruhigen Kamerafahrten durch das leere Haus und im Off hören wir Zitate, in denen Architekturkritiker darüber nachdenken, ob man in so einem Haus überhaupt leben könne oder sich wie in einem Museum fühle – und in den folgenden gut zwei Stunden erzählt Reifarth vor allem von den Menschen, die seit 1930 in dem Haus lebten: die Tugendhats, die 1938, nachdem die Tschechoslowakei Teil von Nazi-Deutschland wurde, aus Brünn flüchteten; die Nazis, die in dem Haus lebten und es sich erst einmal, inclusive einer „Bauernstube“ gemütlicher einrichteten; nach dem Krieg die Kommunisten, zuerst mit einer privaten Schule für Rhythmik- und Ausdruckstanz, später dreißig Jahre lang als physiotherapeutisches Zentrum für skoliose- und kyphosekranke Kinder, ab 1981 als Gästehaus für horchrangige Besucher; und, nach dem Ende des Ostblocks, als Verhandlungsort für die Auflösung der Tschechoslowakei in zwei Staaten, ehe es in den kommenden Jahren zunehmend verfiel, bevor es ab 2010 aufwendig und originalgetreu restauriert wurde. Seit Februar 2012 steht das Haus wieder der Öffentlichkeit zur Verfügung.
Während die Menschen von ihrem Leben in dem Haus erzählen, oft ergänzt durch historische Aufnahmen, entsteht auch ein Bild eines bewegten Jahrhunderts anhand eines Gebäudes, in dem man sehr wohl Leben konnte. Gleichzeitig hat Reifarth auch die Familie Tugendhat porträtiert, die sich an ihre Jahre in dem Haus erinnern und, wobei hier auch die Differenzen zwischen den Tugendhats gezeigt werden, verschiedene Ansichten zu dem Haus und den jahrelangen Bemühungen von einigen Familienmitgliedern für die Restaurierung haben.
Außerdem gibt es, vor allem am Anfang, eine satte Portion Architekturgeschichte. Denn Mies van der Rohe und die anderen Bauhaus-Architekten glaubten, dass sie mit ihren Gebäuden die Menschen zum Besseren beeinflussen können. Ein utopischer, aber durchaus sympathischer Glaube, der damals zu einem vollkommen neuen Baustil führte, der noch immer Bestand hat.
Doch, ein Film über ein Haus kann von der ersten bis zur letzten Minute auch für Nicht-Architekten interessant sein und es spricht für Dieter Reifarth, dass man sich niemals von den vielen Informationen erschlagen fühlt.
Haus Tugendhat (Deutschland 2013)
Regie: Dieter Reifarth
Drehbuch: Dieter Reifarth
mit Daniela Hammer-Tugendhat, Ruth Guggenheim-Tugendhat, Ernst Tugendhat, Ivo Hammer, Lukas Hammer, Josef Guggenheim, Michael Guggenheim, Irene Kalkofen
Die Zeiten, in denen man gespannt auf den neuen Film mit Robert de Niro wartete, sind schon lange vorbei. Als er sich für Rollen den Kopf kahl schor („Taxi Driver“), Pfunde anfrass („Raging Bull“), mit Method Acting in „New York, New York“ (inclusive Saxophonspiel) „Der Pate 2“, „Die durch die Hölle gehen“, „Es war einmal in Amerika“ hinter seinen Rollen verschwand und er anscheinend einen Klassiker nach dem nächsten drehte, sind vorbei. Die Zeit, als man wegen ihm in einen Film ging, endete ungefähr 1997 mit „Jackie Brown“. Danach war zwar nicht alles schlecht. „The Score“ ist ein unterhaltsames Caper-Movie, bei dem das Trio Edward Norton, Robert De Niro und Marlon Brando gefiel. Aber der Rest: Cameo-hafte Auftritte, Ensemblestücke und Komödien.
Sein neuester Film „The Big Wedding“ ist ein Ensemblestück, eine Komödie und ein Remake eines bei uns ziemlich unbekannten französischen Films, der wahrscheinlich gelungener ist. Denn „The Big Wedding“ ist eine zwar unterhaltsame, aber vernachlässigbare Familienkomödie mit vorhersehbaren Witzen und einer hoffnungslos unterforderten Besetzung, die den Film besser aussehen lässt, als er ist und gleichzeitig mehr als eine belanglose Rom-Com verspricht. Denn neben De Niro, der hier gerne den Dude geben würde, aber niemals auch nur ansatzweise die Grandezza von Jeff Bridges in „The Big Lebowski“ oder „The Door in the Floor“/“Die Tür der Versuchung“ erreicht, spielen Diane Keaton, Susan Sarandon, Robin Williams, Katherine Heigl, Topher Grace, Ben Barnes, Amanda Seyfried und „Sledge Hammer“ David Rasche mit.
Die Story: der Adoptivsohn von Ellen und Don Griffin, Alejandro, heiratet Missy. Die Griffins richten die Hochzeitsfeier aus, zu der natürlich auch ihre beiden Kinder Lyla (hat Beziehungsprobleme) und Jared (hat keine Beziehung) kommen und Missys Mutter Madonna Soto kommt aus Südamerika. Sie spricht kein Englisch, ist tiefgläubig und katholischer als der Papst. Und sie hat eine wunderschöne, des Englischen mächtige Tochter, die in den USA endlich alles tun will, was sie in ihrer Heimat nicht tun darf.
Madonnas Glaube wäre kein großes Problem, wenn Don und Ellen nicht geschieden wären. Der Bildhauer lebt inzwischen mit Bebe, Ellens bester Freundin (jedenfalls bis Don mit ihr ins Bett hüpfte), zusammen und er ist so ziemlich das Gegenteil eines guten Katholiken.
Damit ist dann genug Konflikt- und Versöhnungspotential für neunzig vorhersehbare Minuten vorhanden, in denen Schlüpfrigkeit permanent mit Erotik verwechselt wird. Denn natürlich drehen sich fast alle Problemchen und Witze um Sex und das auf eine so biedere Art, dass man die französische Leichtigkeit schmerzhaft vermisst.
Letztendlich ist „The Big Wedding“ nur eine hübsch verpackte Verschwendung von Talent; wobei Diane Keaton und Susan Sarandon sich noch am achtbarsten aus der Affäre ziehen. Fans von Robert De Niro, solange sie nicht zu den Komplettisten gehören, können den Film ignorieren.
The Big Wedding (Big Wedding, USA 2013)
Regie: Justin Zackham
Drehbuch: Justin Zackham (basierend auf dem Film „Mon frère se marie“ [Wie eine richtige Familie] von Jean-Stéphane Bron)
mit Diane Keaton, Robert De Niro, Susan Sarandon, Robin Williams, Katherine Heigl, Topher Grace, Ben Barnes, Amanda Seyfried, Christine Ebersole, David Rasche, Patricia Rae, Ana Ayora
Eigentlich will Kommissar Moritz Eisner in Tirol nur einen zünftigen Wanderurlaub verbringen. Aber als der Jesus-Darsteller eines Passionsspiel ans Kreuz genagelt wird, lässt er – widerwillig – Urlaub Urlaub sein und sucht mit seiner Kollegin Aschenwald den Mörder.
Erster Eisner-Tatort von Felix Mitterer und gleich ein voller Erfolg. Denn lustvoller und treffender wurde sich selten im prallen Provinzleben gesuhlt.
mit Harald Krassnitzer, Sophie Rois, Dietmar Schönherr, Nina Proll, Simon Schwarz, Reinhard Simonischek
Männer, die auf Ziegen starren (USA 2009, R.: Grant Heslov)
Drehbuch: Peter Straughan
LV: Jon Ronson: The men who stare at goats, 2004 (Durch die Wand; Männer, die auf Ziegen starren)
Ein Journalist hört von einer Armeeeinheit, die ihre Gegner mit gewaltfreien, teils übersinnlichen Methoden bekämpft. Er macht sich auf die Suche nach ihr.
Die Story von „Männer, die auf Ziegen starren“ klingt erfunden, ist aber wahr und der Film folgt dem Sachbuch erstaunlich genau.