Oklahoma 1873: Jed Cooper lässt sich zum Deputy Marshal ernennen. So kann er sich auf der Seite des Rechts an den Männern rächen, die ihn hängen wollten.
Nachdem Clint Eastwood mit den Sergio-Leone-Western „Für eine Handvoll Dollar“, „Für ein paar Dollar mehr“ und „zwei glorreiche Halunken“ erfolgreich der Sprung vom Fernsehen ins Kino gelang, kehrte er mit „Hängt ihn höher“ zurück nach Hollywoood und setzte seinen Aufstieg fort. Der Regisseur seines nächsten Films „Coogans großer Bluff“ hieß Don Siegel und der Rest ist Geschichte.
„Hängt ihn höher“ ist ein Rachewestern, der einige unangenehme Fragen stellt.
Richard Schickel nennt in seiner Clint-Eastwood-Biographie von 1996 den Film „einen intelligenten Western, der sich zwar an die Konventionen des Genres hielt, aber dennoch komplex und originell war.“
mit Clint Eastwood, Inger Stevens, Ed Begley, Pat Hingle, Arlene Golonka, Ben Johnson, Bruce Dern, Dennis Hopper, L. Q. Jones
Der deutsche Titel „Die Folterkammer des Hexenjägers“ für „The haunted palace“ ist höchst kreativer Unfug. „Das Spukschloss“ hätte es besser getroffen, aber in den Sechzigern waren die deutschen Verleiher (naja, die anderen auch) immer wieder sehr kreativ bei ihrer Titelsuche.
Der Horrorfilm mit Vincent Price in einer Doppelrolle gehört zu den neun Edgar-Allan-Poe-Verfilmungen von Roger Corman, die schon damals – immerhin hat Corman schon immer darauf geachtet, dass am Ende in der Buchführung eine schwarze Null stand – durch ihre Sets (Studio zwar, Zweitverwertung sowieso, aber WOW), die bekannten Schauspieler (die damals nicht auf dem Höhepunkt ihrer Karriere standen), die atmosphärische Kameraarbeit und die guten Drehbücher beeindruckten. Unter anderem schrieben Richard Matheson, Robert Wright Campbell, die auch als Romanautoren Erfolg hatten, und Robert Towne die Bücher, die eher wenig von Poes Geschichten, aber viel von deren Schaueratmosphäre übernahmen,
Auch „Die Folterkammer des Hexenjägers“ hat all das, aber keinen Hexenjäger und über die Folterkammer könnte man streiten. Es ist eher eine riesige Halle in dem riesigen, über der Neu-England-Gemeinde Arkham thronendem Schloss.
In diesem Schloss verschwanden 1765 die Töchter der Stadt. Die Gemeinde, angeführt von Weeden (Leo Gordon), verbrennt den Schlossherrn Joseph Curven (Vincent Price) auf einem Scheiterhaufen. Mit seinem letzten Atemzug verflucht er Arkham.
Hundertzehn Jahre später taucht Curvens Nachfahre Charles Dexter Ward (ebenfalls Vincent Price) mit seiner jungen Frau Ann (Debra Paget [ihr letzter Spielfilm]) in Arkham auf. Er bezieht das verlassene Schloss – und bald versucht der gar nicht so tote Geist von Joseph Curven von ihm Besitz zu ergreifen. Denn Curven will seine vor hundertzehn Jahren begonnenen Geisterbeschwörungen fortsetzen. Sein damaliger Helfer Simon Orne (Lon Chaney jr.), der als blässlicher Hausverwalter immer wieder wie ein Geist auftaucht, ist schon da. Als Lehrbuch für seine Rituale hat Curven/Ward das Necronomicon.
Genaugenommen ist „Die Folterkammer des Hexenjägers“ keine Edgar-Allan-Poe-Verfilmung (gut, als Originaltitel wurde ein Gedichttitel von Poe genommen), sondern eine, nein, die erste H.-P.-Lovecraft-Verfilmung. Charles Beaumont folgte ziemlich genau Lovecrafts posthum veröffentlichem Roman und Roger Corman verfilmte es mit den Insignien seiner Poe-Verfilmungen. Jedenfalls optisch und mit Vincent Price als Hauptdarsteller in einer Doppelrolle, Lon Chaney jr. (Der Wolfsmensch [The Wolf Man, 1941]) als Faktotum, dem als Nebendarsteller in vielen Filmen der Schwarzen Serie immer zuverlässigen Elisha Cook jr. und vielen aus anderen Corman-Produktionen bekannten Gesichtern auch gut besetzt.
Dazu kommt noch eine Dorfgemeinschaft, die ihre missgestalteten Kinder vor der Öffentlichkeit verbirgt. Curvens erste Begegnung, nachts auf offener Straße, wenn die blinden und missgestalteten Kinder sich ihm und seiner Frau im Nebel langsam nähern und einkreisen, schockiert als Urängste aufgreifendes Bild immer noch – und erinnert an ähnliche Szenen aus später gedrehten Zombiefilmen.
Auch die anderen Kinder, von denen oft wenig zu sehen ist, sind ziemlich erschreckend, während Cthulhu als grünes, sich in einer Flüssigkeit befindendes Wesen, gar nicht so furchterregend ist.
„Die Folterkammer des Hexenjägers“ ist für die Freunde des altmodischen Gruselns ein großer Spaß.
Einige andere Stimmen
„ein faszinierendes Gemeinschaftsprodukt von den beiden Horror-Meistern Amerikas“ meinen James Marriott und Kim Newman in „Horror – Meisterwerke des Grauens von Alien bis Zombie“ (2007)
Sogar Ronald M. Hahn und Volker Jansen fanden in ihrem „Lexikon des Horrorfilms“ (das mit solchen Filmen eher ungnädig umgeht) lobende Worte: „einer der wenigen B-Pictures, die man sich ansehen kann, ohne Bauchschmerzen zu bekommen.“
William K. Everson, ein erklärter Fan der klassischen Horrorfilme (also der Hollywood-Horrorfilme der dreißiger und vierziger Jahre), meinte zu diesem Film immerhin „einer der besseren Roger-Corman-Horrorfilme der sechziger Jahre, als Poe-Verfilmung ausgegeben, tatsächlich eher von Lovecraft inspiriert.“ (Klassiker des Horrorfilms, 1979)
Das „Lexikon des internationalen Films“ meint: „Formal zwar über dem Durchschnitt des Genres, gleichzeitig aber geschmäcklerisch und drastisch; oberflächlich in dem Versuch, die Grenzen vom Sinnlich-Begrifflichen zum Übersinnlichen zu überschreiten.“
Der deutsche Kinostart war am 24. Oktober 1969.
Die Folterkammer des Hexenjägers (The haunted palace, USA 1963)
Regie: Roger Corman
Drehbuch: Charles Beaumont
LV: Edgar Allan Poe: The haunted palace, 1839/H. P. Lovecraft: The Case of Charles Dexter Ward, 1941 (Der Fall des Charles Dexter Ward)
mit Vincent Price, Debra Paget, Lon Chaney jr., Frank Maxwell, Leo Gordon, Elisha Cook jr.
–
DVD
Black Hill
Bild: 2.35:1 (16:8)
Ton: Deutsch, Englisch (DD 2.0)
Untertitel: –
Bonusmaterial: Originaltrailer
Länge: 84 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Roger Cormans Edgar-Allan-Poe-Filme
Die Verfluchten (The house of Usher, 1960)
Das Pendel des Todes (Pit and the pendulum, 1961)
Lebendig begraben (The premature burial, 1962)
Der grauenvolle Mr. X (Tales of terror, 1962)
Der Rabe – Duell der Zauberer (The raven, 1963)
Die Folterkammer des Hexenjägers (The haunted palace, 1963 – obwohl genaugenommen eine Lovecraft-Verfilmung)
The Terror – Schloss des Schreckens (The terror, 1963 – obwohl der Film auf keiner Poe-Geschichte beruht, wird er manchmal zu Cormans Poe-Filmen gezählt)
Satanas – Das Schloss der blutigen Begierde (The masque of the Red Death, 1964)
Die Liebe eines Detektivs (USA 1990, R.: Alan Rudolph)
Drehbuch: Alan Rudolph
Privatdetektiv Harry Dobbs wird von einer Frau beauftragt, ihren Liebhaber zu beobachten. Dummerweise beobachtet er den Falschen (der eine Affäre hat). Gleichzeitig wird Dobbs, im Auftrag seiner Frau, von einer Kollegin beobachtet. Und das Liebeskarusell beginnt sich, mit Noir-Versatzstücken, zu drehen. Denn es geht, wie eigentlich immer bei Alan Rudolph, mit guten und bekannten Schauspielern und einer eleganten Inszenierung, um „Love at Large“ (so der Originaltitel).
Anscheinend läuft „Die Liebe eines Detektivs“ heute zum ersten Mal im Fernsehen und weil es keine deutsche DVD gibt, sollte man den Film unbedingt ansehen und/oder aufnehmen.
Heute ist Alan Rudolph fast vergessen. Sein letzter Film, „The secret live of Dentists“, liegt schon zehn Jahre zurück. In Deutschland wurde er nie gezeigt. Seine anderen Filme laufen eher selten im Fernsehen und wenn, dann oft zu arg ungünstigen Zeiten.
Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Willkommen in L. A.“ (Welcome to L. A., 1976, mit Keith Carradine, Sally Kellerman, Geraldine Chaplin, Harvey Keitel, Lauren Hutton und Sissy Spacek), „Roadie“ (1980, mit Meat Loaf), „Choose Me – Sag Ja“ (Choose Me, 1984, mit Geneviève Bujold und Keith Carradine), „Trouble in Mind“ (1985, mit Kris Kristofferson, Keith Carradine, Lori Singer und Geneviève Bujold) „The Moderns“ (1988, mit Keith Carradine, Linda Fiorentino, John Lone und Geneviève Bujold), „Tödliche Gedanken“ (Mortal Thoughts, 1991, mit Bruce Willis, Demi Moore und Harvey Keitel), „Equinox“ (1991, mit Matthew Modine, Lara Flynn Boyle, Fred Ward und Marisa Tomei), „Mrs. Parker und ihr lasterhafter Kreis (Mrs. Parker and the Vicious Circle, 1994, mit Jennifer Jason Leigh, Matthew Broderick, Jennifer Beals und Andrew McCarthy), „Liebesflüstern“ (Afterglow, 1997, mit Nick Nolte, Julie Christie, Lara Flynn Boyle) und „Breakfast of Champions – Frühstück für Helden (Breakfast of Champions, 1999, mit Bruce Willis, Albert Finney, Nick Nolte, Barbara Hershey, Lukas Haas und Omar Epps).
mit Tom Berenger, Anne Archer, Elizabeth Perkins, Kate Capshaw, Neil Young, Annette O’Toole, Ted Levine
„Woody Allen: A Documentary“ ist, dank der vielen Ausschnitte aus Woody Allens Filmen witzig und auch kurzweilig. Die vielen Interviews mit Woody Allen, seinen Filmproduzenten und Schauspielern sind informativ – und ich würde die Dokumentation, wenn sie als Bonusmaterial auf einer DVD wäre, hemmungslos abfeiern. Aber lohnt es sich, für diese Doku seine Wohnung zu verlassen und ins klimatisierte Kino zu gehen? Eher nicht.
Denn Robert B. Weide wählte die einfachste Methode, sein Material zu strukturieren: nämlich chronologisch.
Die Einblicke in Woody Allens Anfänge als Autor, Stand-Up-Comedian und Gast in TV-Shows sind sehr interessant und zeigen auch selten gezeigte Aufnahmen von seinen ersten Live-Auftritten, wie er auf der Bühne vom schüchternen Jungen mit der Brille (wir erfahren auch, wie er zu seinem Pseudonym und seiner Brille kam) zum Publikumsliebling wurde, und wie er, auf Anraten seines Managers, durch die TV-Shows tingelte und jeden erdenklichen Quatsch mitmachte. Inclusive eines Boxkampfes gegen ein Känguru. Sowieso sind gerade die Interviews über Woody Allens Anfänge und seine ersten Filme sehr interessant.
Bei den ersten Woody-Allen-Filmen geht es von „Was gibt’s Neues, Pussy?“ (What’s new, Pussycat?, 1965) gleich zu seinem Spielfilmdebüt „Woody – Der Unglücksrabe“ (Take the Money and Run, 1969) und dann chronologisch weiter durch die siebziger Jahre. Bis Mitte der achtziger Jahre behandelt Robert B. Weide dann, außer dem Episodenfilm „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten“ (Everything you always wanted to know about sex, but were afraid to ask, 1972), alle von Woody Allen inszenierten Filme in kurzen Segmenten und die Laufzeit der Dokumentation schreitet unaufhaltsam voran.
Jedenfalls ist Robert B. Weide wohl ungefähr bei „Hannah und ihre Schwestern“ (Hannah and her sisters, 1986) aufgefallen, dass bis 2012 noch gut dreißig Filme behandelt werden müssten und damit „Woody Allen: A Documentary“ zu einem „Herr der Ringe“-würdigem Epos würde. Die Laufzeit können Sie sich ja, wenn sie pro Film fünf Minuten annehmen, selbst ausrechnen.
Gleichzeitig wird die Dokumentation, mit ihrem monotonen Ablauf von einigen gut ausgewählten Film- und Interviewschnipseln, und dem archivarischen Habitus, alles gleichberechtigt aufzunehmen, auch zunehmend langweiliger. Also werden ab „Radio Days“ (Radio Days, 1987) nur noch einige von Woody Allens späteren Filmen erwähnt und die Auswahl scheint sich vor allem daran orientiert zu haben, von wem es ein gutes Zitat gibt oder wer prominent genug ist. So dürfen dann Scarlett Johansson, Chris Rock, Naomi Watts und Owen Wilson etwas sagen.
Obwohl diese großen Lücken vielleicht von den für die Kinoauswertung notwendigen Kürzungen kommen. Denn „Woody Allen: A Documentary“ lief im November 2011, als Zweiteiler, in einer über dreistündigen Fassung auf dem TV-Sender PBS in der „American Masters“-Reihe. Die Kinofassung ist über eine Stunde kürzer.
Abgesehen von Woody Allens Kindheit und Jugend gönnt Robert B. Weide sich nur einen größeren Ausflug in Woody Allens Privatleben, wenn er den 1992 die Schlagzeilen beherrschenden Sorgerechtsstreit zwischen Woody Allen und Mia Farrow über ihre Adoptivkinder kurz und arg lückenhaft anspricht.
Sowieso darf man von so einer Dokumentation keinen übermäßig kritischen Blick auf das Objekt der Bewunderung erwarten. Aber eine analytische Perspektive, eine Analyse der künstlerischen Entwicklung Woody Allens (wobei man sagen kann, dass mit „Hannah und seine Schwestern“ seine Entwicklung als Künstler abgeschlossen war und man deshalb seine späteren Filme nur noch kursorisch behandelte) oder eine Strukturierung von Woody Allens Werk anhand seiner Obsessionen und wiederkehrenden Themen, hätte aus „Woody Allen: A Documentary“ einen interessanteren Film, einen Film, der einem neue Einblick auf das Werk des enorm produktiven Regisseurs, Autors und Schauspielers gibt, gemacht.
So liefert „Woody Allen: A Documentary“ einen sehr unambitionierten Bilderbogen ab, der zum wieder sehen seiner Filme einlädt und einen, wenn Woody Allen seine Schreibstube mit der alten Schreibmaschine und den Zettelkasten mit seinen aufgeschriebenen Ideen präsentiert, egal ob gelungene Selbstinszenierung oder reale Schrulligkeit, schmunzeln lässt.
Woody Allen: A Documentary (Woody Allen: A Documentary, USA 2012)
Regie: Robert B. Weide
Drehbuch: Robert B. Weide
mit Woody Allen, Letty Aronson (Schwester von Woody Allen), Marshall Brickman, Josh Brolin, Dick Cavett, Penélope Cruz, John Cusack, Larry David, Mariel Hemingway, Charles H. Joffe (Manager, Archivmaterial), Scarlett Johansson, Julie Kavner, Diane Keaton, Nettie Konigsberg (Mutter von Woody Allen, Archivmaterial), Martin Landau, Louise Lasser, Robert E. Lauder (Professor für Philosophie), Eric Lax (Autor), Leonard Maltin (Filmkritiker), Doug McGrath, Sean Penn, Tony Roberts, Chris Rock, Jack Rollins (Manager), Richard Schickel (Filmkritiker), Martin Scorsese (Ähem, Regisseur und W.-A.-Lobredner), Mira Sorvino, Stephen Tenenbaum (Produzent), Naomi Watts, Fred Weintraub (Produzent), Dianne Wiest, Gordon Willis (Kameramann), Owen Wilson
Nachdem David Cronenbergs „Eine dunkle Begierde“ (A dangerous Method, 2011) schnell als Nebenwerk abgetan wurde, waren die Erwartungen für „Cosmopolis“ hoch. Immerhin schrieb Cronenberg nach „eXistenZ“ (1999) wieder das Drehbuch für einen Spielfilm und im Cronenberg-Kanon werden die Filme, die er nach eigenen Büchern inszenierte, als die für ihn wichtigeren, persönlicheren, angesehen.
Als Vorlage nahm er ein Buch von Don DeLillo. DeLillo ist ein seit Jahrzehnten abgefeierter US-amerikanischer Autor, der mit „Unterwelt (Underworld, 1997) auch zum Bestsellerautor wurde. „Unterwelt“ ist, nach der Seitenzahl, sein Opus Magnum, das noch einmal alle seine Themen und Obsessionen auf gut tausend Seiten bündelt und, aufgrund der Länge, auch einen zerfaserten Eindruck hinterlässt.
In „Cosmopolis“ erzählt Don DeLillo auf knapp zweihundert Seiten von einem 28-jährigem Börsenspekulanten, der im April 2000 in seiner Limousine durch Manhattan fährt. Er will einen Haarschnitt bei seinem Frisör haben. Dass gleichzeitig alle Straßen wegen des Besuches des Präsidenten und einem Trauermarsch für einen Sufi-Rap-Star gesperrt sind, ist ihm egal. Auch dass der Komplex vor einem Anschlag warnt und daher die Sicherheitsmaßnahmen für Packer erhöhen will, ist im egal. Immerhin wird er von Bodyguards beschützt und seine Limousine ist sein von der Außenwelt abgeschottetes Büro, in dem er, nach Belieben, Leute empfangen kann. Für Geschäfte. Für philosophische Diskurse. Für Sex. Für seine tägliche ärztliche Untersuchung. Gerne auch gleichzeitig.
Die Fahrt ist auch eine Reise zu Eric Packers innersten Ängsten, ein Porträt von New York, vor allem der von Packers Limousine abgefahrenen 47. Straße und der Finanzindustrie – vor 9/11 und vor dem großen Finanzcrash. Gleichzeitig entwirft Don DeLillo eine Vision einer Welt, die mehr an die Cyberspace-Welten von William Gibson, als an die Realität erinnert. Jedenfalls die damalige.
Denn Packer verliert an diesem Tag sein ganzes Vermögen an der Börse. Doch dieser Verlust bleibt abstrakt. Es sind nur Zahlen auf einem Bildschirm.
Für den Film nahm David Cronenberg dann Don DeLillos Roman und verfilmte ihn mit minimalen Veränderungen. Er ließ ein, zwei Szenen weg, die sich im Film nicht realisieren ließen. Er stellte einige Kleinigkeiten um. Die größte Änderung ist, dass im Film Benno Levin (gespielt von Paul Giamatti) erst am Ende auftaucht. Davor hat Levin im Film nur einen Cameoauftritt im Hintergrund, als er, mit einer Perücke minimal verkleidet, zu einem Geldautomat geht. Im Buch gibt es dagegen 14 Seiten mit „Benno Levins Bekenntnissen“. Das Ende, der lange Dialog von Levin, der Packer umbringen will, und Eric Packer (gespielt von Robert Pattinson [mein Interview mit ihm]), ist dann wieder gleich. Im Drehbuch hatte diese Szene 22 Seiten und Cronenberg inszenierte sie fast ohne Schnitte.
Der Film ist dann auch folgerichtig ausschließlich aus Eric Packers Perspektive erzählt. Die Kamera verlässt nur mit Packer die Limousine.
Auch Don DeLillos Dialoge wurden Eins-zu-Eins übernommen. Dummerweise sind sie als Literatur vielleicht okay (obwohl sie mir schon da zu künstlich sind), aber in einem Film sind sie einfach nur noch gekünstelt.
Die Atmosphäre ist irreal oder, je nach Blickwinkel, hyperreal. Denn alle Charaktere bewegen sich wie Avatare durch eine künstliche Welt, die erst am Ende, wenn Packer sich in einem Frisörsalon, der sogar den Frisörsalon in dem Coen-Film „The Man, who wasn’t there“ modern erscheinen lässt, sich der Alltagsrealität etwas nähert. Aber auch dann inszeniert Cronenberg die Szene, als ob Packer sich in einem Alptraum befindet. Es ist eine Cyberwelt, in der es in der Matrix Hinweise auf kommende Ereignisse gibt (oder auch nicht) und in der, wie im Buch, Ereignisse hart hintereinander geschnitten werden, ohne dass die gewählte Reihenfolge die einzig mögliche oder die logisch sinnvollste ist. Alles steht unverbunden nebeneinander und nur durch Packers Reiseziel hat „Cosmopolis“ eine rudimentäre Geschichte.
Zum Ansehen ist „Cosmopolis“ dann auch hartes Brot. Denn Cronenberg lässt die Kamera meistens statisch die Schauspieler beobachten, die sich kaum bewegen und auch mimisch so wenig tun, dass die Grenze vom Unterspielen zum überhaupt nicht mehr spielen lässig überschritten wird. Einerseits trägt eben diese visuelle Kargheit zur besonderen Atmosphäre des Films bei, andererseits ist es für das Auge ähnlich anregend, wie Farbe beim Trocknen zuzusehen. „Cosmopolis“ wirkt wie ein abgefilmtes Hörspiel mit theatralischen Dialogen, das mit Standbildern der Schauspieler illustriert wird. Besonders Eric Packer ist ein Nichts mit der Ausstrahlung eines Besenstiels. Das liegt weniger bis gar nicht an den schauspielerischen Qualitäten von Robert Pattinson, sondern an dem von Cronenberg geschriebenem Drehbuch und dem von ihm gewähltem ästhetischen Konzept, das sogar Weltklasseschauspieler wie Paul Giamatti hilflos zurücklässt. Und dabei dachte ich bis jetzt, dass Giamatti alles glaubwürdig spielen kann.
Wenn man allerdings zuerst Don DeLillos Roman liest, der sich fast wie der Roman-zum-Film liest, und sich dann den Film ansieht, wird man schon einige Hintergründe kennen und genauer verfolgen können, wo das alles hinführt. Daher empfehle ich: zuerst das Buch lesen, dann – wenn man will – den Film sehen.
„Cosmopolis“ hat als furchtbar werkgetreue Adaption schon etwas, aber er ist auch furchtbar prätentiös und leblos.
Cosmopolis (Cosmopolis, Frankreich/Kanada 2012)
Regie: David Cronenberg
Drehbuch: David Cronenberg
LV: Don De Lillo: Cosmopolis, 2003 (Cosmopolis)
mit Robert Pattinson, Juliette Binoche, Sarah Gadon, Mathieu Amalric, Jay Baruchel, Keven Durand, K’Naan, Emily Hampshire, Samantha Morton, Paul Giamatti
Das Böse – Warum Menschen Menschen töten (D 2012, R.: Karin Jurschick)
Drehbuch: Karin Jurschick
Gut einstündige Doku, die verschiedene Erklärungen vorstellt und dabei auch die aktuellen Forschungen von Wissenschaftlern, wie Gerhard Roth (Neurobiologe), Thomas Elbert (Neuropsychologe) und Harald Welzer (Sozialpsychologe), beachtet.
Jurschick drehte auch die absolut sehenswerten Dokus „Zertifikat Deutsch“ (über Deutschkurse für Ausländer; weil wir ihn auf dem One-World-Berlin-Dokumentarfilmfestival präsentierten, bin ich natürlich etwas voreingenommen), „Die Helfer und die Frauen“ (über den Frauenhandel im Kosovo und Bosnien-Herzegowina) und „Die Wolke -Tschernobyl und die Folgen“ und erhielt für ihre Arbeiten etliche Preise, wie den Grimme-Preis und den FIPRESCI-Preis.
Freddy Heflin hat als frühes Gnadenbrot eine Stelle als Sheriff in Garrison, New Jersey bekommen. Die Einwohner sind von ihm bewunderte New Yorker Polizisten. Als eines Tages ein Interner Ermittler aus New York ihn um Hilfe bei Ermittlungen gegen korrupte Polizisten bittet, muss Heflin sich zwischen seinem Job und dem polizeilichen Ehrenkodex entscheiden.
Gutes Schauspielerkino mit einem kräftigen Touch 70-Jahre-Kino und einem genießbaren Stallone, der in diesem Cop-Movie versuchte von seinem Rambo/Rocky-Image wegzukommen. Inzwischen ist er wieder bei „Rocky“ und „Rambo“ angekommen und drehte zuletzt mit einer Action-All-Star-Besetzung im Dschungel „The Expendables“ (über Söldner, die tun, was Söldner tun).
Mit Sylvester Stallone, Robert De Niro, Harvey Keitel, Ray Liotta, Peter Berg, Michael Rapaport, Annabella Sciorra, Robert Patrick, Noah Emmerich
Flüstern und Schreien – Ein Rockreport (DDR 1988, R.: Dieter Schumann)
Drehbuch: Dieter Schumann, Jochen Wisotzki
DEFA-Doku über die DDR-Rockszene, die es im Februar 1989 auf die Berlinale und im August 1989 sogar in die westdeutschen Kinos schaffte.
Im Mittelpunkt stehen die Bands „Feeling B.“ (mit Flake Lorenz und Paul Landers, später „Rammstein“), „Chicoree“ (mit Dirk Zöllner), „Sandow“ und, als bekannteste Band, „Silly“ (mit Tamara Danz). Es gibt Konzertausschnitte, Interviews mit den Musikern (auch über ihre politischen Ansichten) und den Fans.
„ein authentisches Filmpuzzle über das Lebensgefühl der heutigen DDR-Jugend“ meinte der Fischer Film Almanach, eher er die geringe Distanz des Regisseurs bemängelte. Nun, gerade das ist, rückblickend, ein Vorteil und die Musik ist auch nicht schlecht.
Seit Jahren stand „Die Seven-Ups“, der einzige Film von „Bullitt“- und „The French Connection“-Produzent Philip D’Antoni, mit Roy Scheider in der Hauptrolle, auf meiner Wunschliste. Aber im Fernsehen lief der Film nie und auch auf DVD machte er sich rar.
Sollte also, abgesehen von der legendären zehnminütigen Autoverfolgungsjagd, der Film einfach schlecht sein?
Nun, sagen wir es mal so: ein vergessenes Meisterwerk ist „Die Seven-Ups“ nicht. Dafür liefert der Film dann doch zu sehr die heute sattsam bekannten Polizeifilmklischees ab. Dabei hätte der Film, mit einem besseren Drehbuch, durchaus ein Klassiker werden können.
Denn die Geschichte, die heute wahrscheinlich in einer TV-Folge erzählt würde, ist nicht uninteressant. Buddy Manucci (Roy Scheider) ist der Chef der Spezialeinheit „Seven-Ups“, die, im Gegensatz zu normalen Polizisten, bei ihrer Arbeit große Freiheiten genießen. Immerhin erwarten die von den „Seven-Ups“ gejagten Verbrecher mindestens sieben Jahre Gefängnis. Wohin diese Freiheiten, die damals auch in der Realität einige Polizeieinheiten hatten, führten, kann man in „Prince of the City“ (das Sachbuch und die Verfilmung erzählen, was nach „The French Connection“ geschah) sehen.
Viele Tipps erhält Buddy von dem seinem Jugendfreund, dem Gangster Victo Lucia (Tony Lo Bianco), der in der Mafia-Hierarchie schon ziemlich mächtig ist. Lucia hat jetzt auch eine Methode gefunden, nebenher viel Geld zu machen: er lässt Gangsterbosse von falschen Polizisten entführen und lässt sie gegen ein erkleckliches Lösegeld wieder frei.
Die Gangster glauben, dass die falschen Polizisten echte Polizisten sind und auch in der Polizei werden die „Seven-Ups“ für die Drahtzieher gehalten. Als die Verbrecher einen von Buddys Kollegen deswegen umbringen, jagen die restlichen „Seven-Ups“ gnadenlos die Gangster.
Allerdings vertieft D’Antoni den zwischen Buddy und Lucia liegenden Konflikt zwischen Loyalität und Freundschaft nicht weiter. Er fragt auch nicht nach der Legitimität der Methoden. Effizienz genügt Buddys Vorgesetzten.
Damit gehört „Die Seven-Ups“ zu den damals erfolgreichen Thrillern, die nach der Legitimität des staatlichen Gewaltmonopols fragten und Großstädte als Dschungel begriffen, in dem die letzten Stellungskämpfe gegen ein überbordendes Verbrechen geführt wurden. Georg Seeßlen spricht in „Copland“ von „Polizisten im kontrollierten Bürgerkrieg“. Die „Dirty Harry“-Filme mit Clint Eastwood und „Ein Mann sieht rot“ mit Charles Bronson (der als Liberaler, während die Polizei wegsieht, zur Waffe greift) sind die auch heute noch bekannten Genrevertreter.
Auch stilistisch ist „Die Seven-Ups“ ein Kind der siebziger Jahre. Die vielen Außenaufnahmen von New York, Lagerhallen und Industriebrachen, die langen Einstellungen, die Ruhe, mit der die Kamera den Charakteren folgt, die wenigen Dialoge und die nur sparsam eingesetzte Musik von Jazzer und „The French Connection“-Komponist Don Ellis. Sogar, oder gerade, bei der zehnminütigen Autoverfolgungsjagd gibt es keine Musik, sondern nur die Fahrgeräusche der Autos und schreiend weglaufende Kinder. Diese Szene ist zwar nicht so spektakulär wie in „French Connection“ , aber immer noch mitreisend.
Und, auch das spricht für den Film, wir erfahren außerhalb ihrer Arbeit nichts von den Charakteren. Es gibt keine langen, gefühligen Familienszenen, keine privaten Subplots und auch keine Liebesgeschichte. „Die Seven-Ups“ ist ein reiner Männerfilm.
Roy Scheider, damals ein aufstrebender Star nach seinem „The French Connection“- und vor seinem „Der weiße Hai“-Ruhm, spielt Buddy Manucci, den Chef der Seven-Ups, als einen kühlen, äußerlich immer beherrschten Chef. Er würde niemals, wie Popeye Doyle in „The French Connection“, ausrasten. Stattdessen erinnert Buddy Manucci an Buddy Russo, Doyles, ebenfalls von Scheider gespielten, Partner in „The French Connection“ und dieser basiert auf dem echten Sonny Grosso, der in beide Filme involviert war.
Auch die anderen Schauspieler gefallen sich im Unterspielen – und verkörpern damit den Geist der Professionalität. Sie sind, egal ob Gangster oder Polizisten – und auf den ersten Blick ist auch nicht zu erkennen, auf welcher Seite die unauffällig gekleideten Männer stehen -, Profis, die ihr Handwerk beherrschen und ihre Moralkodex folgen. Probleme gibt es letztendlich nur durch die im falschen Moment unbesonnen reagierenden Entführer. Dass sie Probleme verursachen werden, verrät schon ihre, nach dem Standard des Films, viel zu auffällige Kleidung.
„Die Seven-Ups“ ist für Fans von Siebziger-Jahre-Filmen und düsteren Copthrillern ein Pflichttermin.
Denn, wenn ich es recht überlege, spricht gegen den Film nur das Drehbuch, das halt nur okay ist. Immerhin gab es seit „Die Seven-Ups“ unter anderem „Leben und Sterben in L. A.“ (noch düsterer und mit einer wiederum Maßstäbe setzenden Autoverfolgungsjagd), die TV-Serie „The Shield“ (die Macher haben definitiv „The Seven-Ups“ gesehen), „Training Day“, „Dark Blue“ und „Street Kings“ (eine quasi Los-Angeles-Polizeitrilogie von David Ayer, mit heftigem James-Ellroy-Einfluss) . Wobei diese Polizeigeschichten, bis auf „Leben und Sterben in L. A.“, keine Autoverfolgungsjagd haben.
Die Seven-Ups (The Seven-Ups, USA 1973)
Regie: Philip D’Antoni
Drehbuch: Albert Ruben, Alexander Jacobs (nach einer Geschichte von Sonny Grosso)
mit Roy Scheider, Victor Arnold, Jerry Leon, Ken Kercheval, Tony Lo Bianco, Larry Haines, Richard Lynch
Wer die Strecke der Autoverfolgungsjagd, natürlich unter strikter Beachtung der Geschwindigkeitsbegrenzungen, nachfahren will, sollte sich dieses Video ansehen
Für „Bullitt“ gibt es eine ähnliche Analyse, die ich im Moment nicht finde.
Angst über der Stadt (F/I 1974, R.: Henri Verneuil)
Drehbuch: Jean Laborde, Henri Verneuil, Francis Veber
Actionhaltiger, harter Polizeithriller in dem ein Pariser Kommissar, Typ „Dirty Harry“, einen Serienmörder jagt.
Nach dem Genuss von „Matrix“ und „Spider-Man“ wirken die Action-Szenen in „Angst über der Stadt“ zwar bedächtlich, aber Jean-Paul Belmondo ließ sich bei den zahlreichen Verfolgungsjagden, dem Abseilen von einem Hubschrauber und der Kletterei über die Dächer von Paris nicht doubeln. Bei den Schlägereien natürlich auch nicht. Die Story folgt den bekannten Genrekonventionen und Belmondo hatte in seiner ersten Polizistenrolle einen Kassenschlager.
„Angst über der Stadt“ ist „die mythische Dokumentation seiner Konversion von der Seite der Rebellen auf die Seite der Gesetz- und Ordnungsvertreter.“ (Georg Seesslen: Copland)
Anscheinend läuft heute zum ersten Mal die ungekürzte Fassung im TV. Denn für den deutschen Kinostart wurde der Film etwas gekürzt
Mit Jean-Paul Belmondo, Charles Denner, Catherine Morin, Berto Maria Merli, Lea Massari
Bretagne: Ein zehnjähriges Mädchen wird erdrosselt und vergewaltigt gefunden. Für die Kommissarin Lesage ist der Hauptverdächtige der erfolglose Zeichenlehrer der Ermordeten. Während sich der Verdächtige immer mehr zurückzieht, beginnt seine Frau für ihn zu kämpfen.
Eine weitere gelungene Zusammenarbeit des Teams Barski/Chabrol. In diesem ruhigen Provinzkrimi geht es um die verschiedenen Formen von Lüge.
Mit Sandrine Bonnaire, Jacques Gamblin, Antoine de Caunes, Valeria Bruni Tedeschi, Bernard Verley, Bulle Ogier
Für die Jüngeren gibt es ab 13.55 Uhr Klänge vom „Hurricane 2012“-Festival. Unter anderem Die Ärzte, The Cure, Blink 182, The Stone Roses, New Order und Sportfreunde Stiller.
Für die Älteren gibt es ab 20.15 Uhr Konzerte vom diesjährigen „Isle of Wight“-Festival. Dabei sind Bruce Springsteen, Tom Petty, Pearl Jam, Noel Gallagher’s High Flying Birds, Feeder, Ash, Primal Scream und den Stranglers.
Hausfrau Thelma und ihre Freundin, die Kellnerin Louise, brechen zu einem Wochenende ohne Männer auf. In einer Bar wird ein Mann zudringlich. In Notwehr erschießt Louise ihn. Weil ihnen das aber niemand glaubt, fliehen Thelma und Louise nach Mexiko. Verfolgt von der Polizei.
Ein feministisches Roadmovie, ein Kassen- und Kritikererfolg und inzwischen ein Klassiker.
Callie Khouri erhielt für ihr Drehbuch unter anderem den Oscar, einen Golden Globe und den Preis der Writers Guild of America. In ihren späteren Werken konnte sie an diesen Erfolg nicht anknüpfen.
mit Susan Sarandon, Geena Davis, Harvey Keitel, Michael Madsen, Brad Pitt
„Small Town Murder Songs“ ist ein sperriger Film. Ein Film, der seinen Charakteren ihre Geheimnisse lässt, der vieles nur andeutet und keine Identifikationsfigur hat. Der Kleinstadtpolizist Walter (Peter Stormare) erscheint auf den ersten Blick wie der etwas hinterwäldlerisch-gutmütige Onkel, der allerdings in der Gemeinde misstrauisch beäugt wird. Denn hinter der Fassade brodelt es. Vor kurzem verprügelte er einen Mann. Seitdem versucht er noch drängender, im Glauben Halt zu finden. Oder sind für ihn die Gebete und die Gespräche, die fast schon penetrant vor sich her getragene Gläubigkeit, nicht die Suche nach Erlösung, sondern nur eine Möglichkeit, bei seiner jetzigen Frau zu bleiben und wieder ein respektiertes Mitglied der Mennoniten-Gemeinde zu werden?
Dieses geregelte Leben, in dem Feindschaften liebevoll gepflegt werden, nicht viele Worte gemacht werden (Man kennt sich ja seit Ewigkeiten) und Walter hilflos mitansehen muss, wie die eigene Verwandtschaft mit halbseidenen Geschäften Geld verdient, wird von einem Mordfall unterbrochen. Dem ersten seit Ewigkeiten. Am See wird, nach einem anonymen Telefonanruf, die nackte Leiche einer jungen, unbekannten Frau gefunden.
Walter verdächtigt schnell Steve (Stephen Eric McIntyre, „The Lookout“ [Die Regeln der Gewalt], „High Life“) als Mörder. Steve spannte Walter vor einem halben Jahr seine Freundin Rita (Jill Hennessy, „Law & Order“, „Crossing Jordan“) aus. Deshalb ist auch unklar, ob Steve, ein in kriminelle Aktivitäten verwickelter Posterboy für die White-Trash-Galerie, der Walter betont respektlos behandelt, wirklich etwas mit dem Mord zu tun hat oder Walter ihn nur verdächtigt, um sich so ein bisschen zu rächen.
Die Macher nennen „Small Town Murder Songs“, vollkommen zutreffend ein „gothic tale of crime and redemption“, das von „No Country for Old Men“ und „In Cold Blood“ (Kaltblütig) beeinflusst ist. Aber während in der Truman-Capote-Verfilmung „In Cold Blood“ das Böse von Außen in die friedliche Gemeinde kam, ist es in „Small Town Murder Songs“ ein integraler Bestandteil der Gemeinschaft und es gibt für Walter und die anderen Männer keine Erlösung.
Daran ändern auch die als strukturierendes Element eingestreuten religiösen Sprüche, die noch an Gass-Donnellys erste Idee, den Film als eine Abfolge von unverbundenen Szenen zu erzählen, die Roots-Rock-Musik der Indieband Bruce Peninsula und die streng durchkomponierten, atmosphärischen Landschaftsaufnahmen von Brendan Steacy nichts.
Obwohl Ed Gass-Donnellys Charakterstudie in Kanada spielt, reiht er sich in die düsteren US-amerikanischen Heimatfilme der letzten Jahre, wie der in Missouri spielenden Daniel-Woodrell-Verfilmung „Winter’s Bone“, die die Verwüstungen des Kapitalismus und der Bush-Ära im Hinterland, in dem die Moderne anscheinend nie angekommen und jede Hoffnung auf ein besseres Leben, den amerikanischen Traum, verloren ist, ein.
Small Town Murder Songs (Small Town Murder Songs, Kanada 2010)
Regie: Ed Gass-Donnelly
Drehbuch: Ed Gass-Donnelly
mit Peter Stormare, Aaron Poole, Martha Plimpton, Jill Hennessy, Stephen Eric McIntire, Ari Cohen, Jackie Burroughs
Van der Valk und die Reichen (D/F 1973, R.: Wolfgang Petersen)
Drehbuch: Robert Muller
LV: Nicholas Freeling: King of the rain country, 1966 (Bluthund)
Der niederländische Kommissar Van der Valk sucht im Milieu der Reichen den verschwundenen Juniorchef eines Konzerns im Milieu. Besonders fasziniert ist er von der Frau des Verschwundenen.
Der zweite von drei „Van der Valk“-Film mit Frank Finlay ist ein extrem selten gezeigtes Frühwerk von Wolfgang Petersen,
Freelings Roman wurde mit dem Edgar ausgezeichnet.
mit Frank Finlay, Judy Winter, Helmut Käutner, Hans H. Dickow
Es soll ja Menschen geben, die die letzten zehn Jahre in einem Paralleluniversum lebten und daher noch nie einen Superheldenfilm gesehen oder davon gehört haben. Für die ist die Geschichte von „The Amazing Spider-Man“ sicher absolut neu, fantastisch und faszinierend.
Die anderen haben in den vergangenen Jahren schon gefühlte tausendmal gesehen, wie ein Normalo zum Superhelden wird, am Ende des Films dann auch tapfer sein Schicksal schultert und, wenn die Kasse stimmte, weitere Abenteuer erleben durfte.
Sie haben auch Sam Raimis fantastischen „Spider-Man“ gesehen – und gegen diese Comicverfilmung hat Marc Webb Version der Origin-Story von Spider-Man, die er in „The Amazing Spider-Man“ erzählt, schlechte Karten. Immerhin reden wir nicht von „Hulk“.
Webb bemühte sich, der sattsam bekannten Geschichte neue Facetten abzugewinnen und eine Mischung aus eigenständiger Geschichte, Referenzen an die „Spider-Man“-Comics und Hommagen an Sam Raimis „Spider-Man“-Film zu kreieren. Doch gerade wenn er von Raimis Version abweicht, entscheidet er sich meist für die dramaturgisch schwächere Option, also die mit dem geringeren Konfliktpotential, oder er löst den Konflikt schnell in Wohlgefallen auf.
So ist Peter Parker in dem neuen „Spider-Man“-Film ein Schüler, der, nachdem sein Vater, ein Wissenschaftler, mit seiner Mutter spurlos verschwunden ist, bei seinen Großeltern aufwächst. Er ist irgendwie der Nerd der Schule. Als er im Keller eine Aktentasche seine Vaters mit einem Forschungsbericht findet, wird er neugierig. Er sucht den Kontakt zu Dr. Curt Connors (Rhys Ifans), dem Forschungskollegen seines Vaters, der bei OsCorp, mitten in Manhattan, in einem Hochsicherheitsforschungslabor arbeitet.
In dem Labor entdeckt Parker an einer Tür das Symbol, das auch auf der Akte stand. Er betritt das schlampig gesicherte Labor (er sieht, wie ein Mitarbeiter eine Kombination auf einen Touchscreen tippt und das ist die einzige Sicherung. Keine Codekarten. Keine Fingerabdrücke. Kein Irisscan. Nur gute alte Technik im neuen Design [wobei das vielleicht auch Absicht war und wir im zweiten Teil erfahren, warum das so gemacht wurde]) und er wird von einer Spinne gebissen.
Die Umwandlung von Parker zu Spider-Man geschieht atemberaubend schnell und Parker hat auch keine Probleme mit dem Akzeptieren seiner neuen Fähigkeiten.
Nachdem er indirekt für den Tod seines Onkels verantwortlich ist, beginnt er den Mörder zu suchen. Dabei räumt er, im „Kick-Ass“-Modus, auch unter den New Yorker Verbrechern auf.
Er verliebt sich in Gwen Stacy (Emma Stone), der Tochter des Polizeichefs (Denis Leary), der ihn gnadenlos jagt. Parker gesteht ihr nach dem ersten gemeinsamen Abendessen, dass er Spider-Man ist.
Und irgendwann probiert Connors die Wunderformel an sich aus und mutiert, ratzfatz, zur Eidechse, die sich in der Kanalisation versteckt und blindwütig durch Manhattan tobt.
Und wem das jetzt zu episodisch klingt, dem muss ich sagen, dass der Film genauso episodisch ist und viel zu viele Aktionen keine Folgen haben. Fast, als habe man einfach die besten Szenen aus mehreren Drehbüchern von James Vanderbilt („Zodiac“, „The Losers“), Alvin Sargent („Paper Moon“, „Nuts“,„Spider-Man 2“, „Spider-Man 3“) und Steve Kloves (fast alle „Harry Potter“-Drehbücher, „Wonder Boys“ und, auch als Regisseur, „The Fabulous Baker Boys“) zusammengeklebt und dann schnell die gröbsten Unstimmigkeiten ausgebügelt.
Denn dass Parker in das Labor eingebrochen ist, wird später nicht mehr thematisiert. Auch nicht, warum es dieses große Spinnenlabor gibt. In Raimis Film geschah es bei einem Schulausflug und gehörte in die Kategorie „Shit happens“.
Der Bösewicht des Films, der Wissenschaftler Curt Connors, wird erst sehr spät zum Bösewicht, der als Mad Scientist austauschbar bis zur letzten Minute bleibt.
In Raimis „Spider-Man“-Film war der Bösewicht der Vater seines besten Freundes. In dem neuen „Spider-Man“-Film hat Parker keine Freunde und der Konflikt zwischen seiner Freundin und ihrem Vater ist eher behauptet als real.
Und dass er seiner Freundin gleich seine Identität als Spider-Man verrät und sie es umstandslos akzeptiert, ist, nun, nicht gerade spannungsfördernd.
Sowieso zieht er bei jeder sich passenden Gelegenheit, möglichst vor viel Publikum, seine Maske so oft ab, dass man irgendwann das Gefühl hat, dass er sie gar nicht mehr anziehen muss.
Ach ja, den Mörder seines Onkels findet er nicht. Irgendwann hat er dann ja auch, dank des durch New York tobenden The Lizard, etwas anderes zu tun.
Und so plätschert der Film zwischen den einzelnen Set-Pieces weitgehend spannungsfrei bis zum Ende vor sich hin – und während des Abspanns gibt es dann noch einen Hinweis auf den zweiten Teil, der so sicher wie das Amen in der Kirche kommt, aber erschreckend lieblos präsentiert wird.
Das „Real 3D“ hätte man sich sparen könne. Die meiste Zeit ist der 3D-Effekt überflüssig und stört nicht sonderlich, aber meistens sieht’s einfach falsch aus.
Insgesamt erinnert „The Amazing Spider-Man“ eher an „Spider-Man 3“, als an „Spider-Man 1“. Immerhin ist er deutlich besser als „Green Lantern“.
Denn, das muss ich auch zugegen, so schlecht, wie ich den Film jetzt gemacht habe, ist er auch nicht. Aber Raimis Version ist, jedenfalls in der Erinnerung, einfach viel besser.
In der Fortsetzung von „The Amazing Spider-Man“ erfahren wir dann auch vielleicht, warum Peter Parkers Vaters spurlos verschwunden ist. Dann würden die Macher wirklich neue Wege beschreiten.
The Amazing Spider-Man (The Amazing Spider-Man, USA 2012)
Regie: Marc Webb
Drehbuch: James Vanderbilt, Alvin Sargent, Steve Kloves (nach einer Geschichte von James Vanderbilt)
LV: Charakter von Stan Lee und Steve Ditko
mit Andrew Garfield, Emma Stone, Rhys Ifans, Denis Leary, Campbell Scott, Irrfan Khan, Martin Sheen, Sally Field, C. Thomas Howell, Stan Lee (Schulbibliothekar)
Hallam Foe – Aus dem Leben eines Außenseiters (GB 2007, R.: David Mackenzie)
Drehbuch: David Mackenzie, Ed Whitmore
LV: Peter Jinks: Hallam Foe, 2001 (Über roten Dächern)
Der 17-jährige Außenseiter Hallam Foe glaubt, dass seine Stiefmutter seine Mutter ermordet hat. Da trifft er die Hotelpersonalchefin Kate. Sie ist das Ebenbild seiner Mutter.
„Einfach mitreisend ist dieser Abenteuertrip eines jungen Ausreißers, faszinierend mühelos changiert das freche Szenario zwischen Murder Mystery mit Gothic Touch und moderner Lovestory. Ein Film, der ganz tief im Zuschauer seinen Widerhall findet.“ (Programm Fantasy Filmfest 2007)
„A viewing delight.“ (Variety)
Mit Jamie Bell, Sophia Myles, Ciarán Hinds, Claire Forlani
Drehbuch: Bruno Tardon, Patrick Dewolf, Patrice Leconte, Michel Blanc
Zwei flüchtige Verbrecher wollen ein Kasino ausrauben.
Damals gefiel mir im Kino der französische Kassenhit, der auch in Deuschland im Kino von fast 350.000 Leuten gesehen wurde (Platz 48 der 1985er Besucherstatistik).
Heute immer noch? Ich denke schon, denn: „Ein originelles Drehbuch, flotte Regie und gute Darsteller heben diesen Film über das Mittelmaß der meisten Actionstreifen hinaus.“ (Fischer Film Almanach 1986)
Leconte drehte später die Georges-Simenon-Verfilmung „Die Verlobung des Monsieur Hire“, „Der Mann der Friseuse“, „Die Frau auf der Brücke“ und „Die Witwe von Saint-Pierre“.
mit Bernard Giradeau, Gérard Lanvin, Christiane Jean, Maurice Barrier, Bertie Cortez
Wenn zwei junge Menschen in die Einöde fahren und irgendwann ihr Auto liegen bleibt, dann muss man kein Genrejunkie sein, um sich auszurechnen, was passieren wird. Denn in der Einöde gibt es immer mindestens einen Einsiedler, der die Eindringlinge als Beute betrachtet und sie vor der rituellen Verspeisung noch ordentlich quälen will.
Allerdings hat Wolfgang Weigl in seinem Spielfilmdebüt gar keinen Survival-Horrorthriller, sondern einen Liebesfilm gedreht. Das Spiel mit den Thriller-Erwartungen sollte die Zuschauer nur auf eine falsche Fährte locken.
Das ist ihm gelungen.
Allerdings stehen sich in dem optisch beeindruckendem „Blindlings“ der Liebesfilm und der Horrorfilm im Weg. Die Horrorfilm-Elemente sind letztendlich nur falsche Fährten, der Liebesfilm plätschert vor sich hin, weil das frühere Liebespaar Max und Eva meistens getrennt durch den winterlichen Wald stolpert. Immerhin taucht sie, knapp bekleidet, in seinen Fantasien auf und redet mit ihm.
So ist „Blindlings“, das eine Metapher über vereiste Gefühle, Sprachlosigkeit und Irrtümer sein will, eine zähe Liebesgeschichte über das Ende einer Liebe, in der Max, Eva und der Einsiedler sich möglichst bescheuert benehmen. Der Einsiedler huscht durch den Wald und, vor allem nachdem deutlich wird, dass er sie nicht zum Abendessen verspeisen will, ist sein Verhalten nur noch seltsam. Max und Eva stolpern die meiste Zeit getrennt durch den Wald und rufen den Namen des anderen. Warum sie nicht gemeinsam loslaufen, warum sie nicht am Auto aufeinander warten und Hupsignale geben, warum sie stattdessen den Namen des anderen in den Wald rufen, bleibt nebulös. Das Ende des Films funktioniert sogar nur, weil er, gegen jede Vernunft, nichts sagt.
Das Bonusmaterial ist definitiv einen Blick wert und auch der Audiokommentar von Wolfgang Weigl ist sehr informativ.
Blindlings (D 2009)
Regie: Wolfgang Weigl
Drehbuch: Wolfgang Böhm, Florian Puchert, Wolfgang Weigl
mit Mirkus Hahn, Barbara Romaner, Klaus Stiglmeier
Mit knapp achtzig Minuten (ohne Abspann) ist „Point Blank – Aus kurzer Distanz“ das filmische Äquivalent zu einem Punk-Song. Und vielleicht gibt es, wie bei Fred Cavayés erstem Film „Ohne Schuld“ (Pour elle, Fr 2008), wieder ein Hollywood-Remake, das dann gute vierzig Minuten mehr Zeit zum Erzählen der Geschichte braucht. Denn das „Ohne Schuld“-Remake „72 Stunden – The next three Days“ (USA 2010) über einen Lehrer, der seine unschuldig im Gefängnis sitzende Frau befreit, dauert über 130 Minuten, ohne dem Original irgendetwas wesentliches beizufügen.
Auch in „Point Blank“ muss ein Normalo eine Entscheidung treffen, die sein gesamtes Leben beeinflusst. Wobei; – die Bösewichter für ihn die Entscheidung getroffen haben, nachdem der Krankenpfleger Samuel Pierret (Gilles Lellouche) während der Nachtwache einen Besucher, der den schwerverletzten Hugo Sartet (Roschdy Zem) umbringen wollte, verscheucht.
Als Pierret von der Nachtschicht nach Hause kommt, haben die Verbrecher seine hochschwangere Frau als Geisel genommen. Sie wollen, dass er Sartet aus dem Krankenhaus schmuggelt.
In letzter Sekunde patzt er und die Beiden befinden sich auf der Flucht. Dabei muss Pierret, dessen größtes Verbrechen bisher wahrscheinlich ein Bei-rot-über-die-Ampel-gehen war, feststellen, dass der Einbrecher Sartet von korrupten Polizisten, die über Leichen gehen, gejagt wird. Diese Zögern auch nicht, Pierret im Fernsehen als kaltblütigen Polizistenkiller hinzustellen.
„Point Blank – Aus kurzer Distanz“ beeindruckt mit knackigen, altmodisch-realistischen Actionszenen, überraschenden Wendungen und einer hinterfotzigen Geschichte mit einem ordentlichem Schuss Hitchcock.
Als Bonusmaterial gibt es ein fünfzigminütiges „Making of“, das als Drehbericht einige interessante Einblick in den Film und die Dreharbeiten vermittelt. Aber im Vergleich zum Film ist dieser Blick hinter die Kulissen eindeutig zu lang geraten ist.
Point Blank – Aus kurzer Distanz (À bout portant, Frankreich 2010)
Regie: Fred Cavayé
Drehbuch: Fred Cavayé, Guillaume Lemans
mit Gilles Lellouche, Roschdy Zem, Elena Anaya, Gérard Lanvin, Mireille Perrier, Claire Pérot, Moussa Maaskri, Pierre Benoist, Valérie Dashwood