Neu im Kino/Filmkritik: Meditieren mit „Samsara“

August 23, 2012

Eine „geführte Meditation“ sei ihr Film „Samsara“, sagen Regisseur Ron Fricke und Produzent Mark Magidson. „Samsara“ ist das Sanskrit-Wort für das unaufhörlich drehende Rad des Lebens, den Kreislauf des Entstehens und Vergehens, der in hundert Filmminuten visualisiert wird.

Zu einer Meditation gehören, jedenfalls bei einem Kinofilm, Musik und Bilder. Die Musik ist von Ambient-Musiker Michael Stearns, „Dead Can Dance“-Sängerin Lisa Gerrard und Marcello De Francisci. Die Bilder wurden in den letzten fünf Jahren rund um den Globus aufgenommen und sie sind, auf der großen Leinwand, ziemlich atemberaubend.

Fricke und Magidson waren in 25 Ländern. Indien, Japan, Türkei, China, Myanmar, Äthiopien, Frankreich, USA und Brasilien standen auf ihre Reiseliste und dort besuchten sie auch abgelegene und entsprechend selten bis nie abgefilmte Orte.

Sie beobachteten die Natur. Sie filmten alte, neue und auch zerstörte Gebäude. Sie filmten Menschen, bevorzugt in der Masse, beim Sport und Tanz und Soldaten beim Paradieren. Sie werfen einen Blick in eine Schlachterei und in eine Massentierhaltung. Es gibt die Performance eines Künstlers, der sich mit Lehm beschmiert. Es werden Schusswaffen gezeigt, die sich auch in den Händen von Afrikanern befinden.

Sie zeigen diese Bilder mal in Zeitlupe, öfters aber im Zeitraffer.

Mit der Musik entwickelt sich dann ein eigener Rhythmus, bei dem vor allem die ästhetische Komponente zählt. Letztendlich haben das Elend in Afrika, die Akkordarbeit in Fabriken und die giftigen Dämpfe einer Schwefelmine in Indonesien nur noch eine fotogene Funktion, bei der sich, in ihrer Wirkung, die Bilder von einem Slumviertel nicht mehr von den nächtlichen Bildern einer Metropole unterscheiden.

Denn die Gegenüberstellung vom Leben der buddhistischen Mönche, die im Einklang mit der Natur leben, und dem entseelten Leben im Westen, sich blindwütig-monoton bewegenden Menschenmassen, Akkordarbeitern in Schlachtereien und vom Kapitalismus zerstörten Gegenden ist doch arg plakativ und letztendlich ohne größeren Erkenntnisgewinn.

Allerdings sind diese wortlosen, nicht-narrativen Experimentalfilme – Fricke war auch in „Koyaanisqatsi“, „Chronos“ und „Baraka“ involviert – im Kino nichts für mich. Denn ich sehe sie nicht als Kinofilme, sondern als Musikvideos oder Kunstinstallationen in einem Museum oder auch, ganz respektlos, als Bildteppich in einer Kneipe und auf dieser rein ästhetischen Ebene ist „Samsara“ durchaus gelungen.

Samsara (Samsara, USA 2011)

Regie: Ron Fricke

Drehbuch: Ron Fricke

Länge: 100 Minuten

–

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Samsara“

Metacritic über „Samsara“

Rotten Tomatoes über „Samsara“

Wikipedia über „Samsara“


TV-Tipp für den 23. August: Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir

August 22, 2012

ZDF Kultur, 22.15

Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir (D 2009, Regie: Christoph Schlingensief)

Drehbuch: Christoph Schlingensief

In seinem für das Theater geschriebenem Fluxus-Oratorium thematisiert Christoph Schlingensief seine Krebserkrankung.

Hinweise

Homepage zu „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“

Nachtkritik über „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“

Homepage von Christoph Schlingensief

Wikipedia über Christoph Schlingensief

ZDF Kultur über Christoph Schlingensief (wenig Infos, aber im Moment noch mit einen 75-minütigem Interviewfilm)


TV-Tipp für den 22. August: Das Mädchen und der Kommissar

August 22, 2012

ZDF Kultur, 22.25

Das Mädchen und der Kommissar (F/I 1971, R.: Claude Sautet)

Drehbuch: Claude Sautet, Jean-Loup Dabadie, Claude Néron

LV: Claude Néron: Max et les ferrailleurs, 1968

Ein ehrgeiziger Polizist animiert, mit Hilfe einer Prostituierten, eine Gruppe von Kleingangstern zu einem Banküberfall. Er will sie auf frischer Tat ertappen.

Der vorzügliche französische Kriminalfilm mit Starbesetzung ist eine beklemmende Charakterstudie über einen ehrgeizigen Polizisten und die Annahme, dass der Zweck die Mittel heilige.

Mit Romy Schneider, Michel Piccoli, Bernard Fresson

Hinweise

Wikipedia über „Das Mädchen und der Kommissar“ (deutsch, englisch, französisch)

Romy-Schneider-Fanseite über „Das Mädchen und der Kommissar“


TV-Tipp für den 21. August: Menu Total

August 21, 2012

ZDF Kultur, 22.10

Menu Total (D 1986, R.: Christoph Schlingensief)

Drehbuch: Christoph Schlingensief

Ein Frühwerk von Christoph Schlingensief (24. Oktober 1960 – 21. August 2010), das als Experimentalfilm keine wirklich nacherzählbare Geschichte hat, aber in der richtigen Stimmung sehr komisch ist. Jedenfalls geht es in „Menu Total“ um die deutsche Vergangenheit: den Nationalsozialismus und auch den jungen deutschen Film.

„Sein Film ist eine Zumutung. Ob er auch der beanspruchte Neubeginn ist, scheint schon zweifelhafter, aber der Kerl ist ja noch jung, und was immer ihm fehlen mag: Selbstbewusstsein ist es nicht.“ (Fischer Film Almanach 1987)

Damals gab es für solche Filme im Forum der Berlinale einen Platz, viele, unter anderem Wim Wenders, verließen nach wenigen Minuten ihren Platz und es gab, kurz darauf, sogar einen richtigen Kinostart.

Mit „100 Jahre Adolf Hitler – Die letzte Stunde im Führerbunker“, „Das deutsche Kettensägen-Massaker“, „Terror 2000 – Intensivstation Deutschland“ und seinem Afrika-Film „United Trash“ setzte er ziemlich kompromisslos sein filmisches Werk fort.

mit Helge Schneider (auch Musik), Volker Bertzky, Dietrich Kuhlbrodt, Alfred Edel, Anne Fechter, Joe Bausch

Wiederholung um 23.45 Uhr

Hinweise

Homepage von Christoph Schlingensief

Wikipedia über Christoph Schlingensief

ZDF Kultur über Christoph Schlingensief (wenig Infos, aber im Moment noch mit einen 75-minütigem Interviewfilm)


DVD-Kritik: Wer ist der „King of Devil’s Island“?

August 20, 2012

Vor hundert Jahren wurde in der auf der Insel Bastøy liegenden Haftanstalt, wo der bedrückende Film „King of Devil’s Island“ spielt, versucht, Jugendlichen mit harter Hand zu wertvollen Mitgliedern der Gemeinschaft zu machen. Dafür wurden sie auf der kleinen Insel uniformiert, mit Nummern angesprochen und nach rigiden Regeln erzogen. Wer sich unterordnete, hatte die Chance, irgendwann die Insel zu verlassen.

Eines Tages trifft Erling (Benjamin Helstad) ein. Er passt nicht wirklich zu den anderen Sträflingen. Denn er ist anscheinend älter als die anderen Jugendlichen, die teilweise noch Kinder sind oder als Kinder auf die Insel kamen, und er arbeitete vorher schon als Seemann. Viel mehr erfahren wir nicht über ihn. Auch nicht, weshalb er, oder irgendein anderer der inhaftierten Jugendlichen, nach Bastøy geschickt wurde.

Er befreundet sich mit Olav (Trond Nilssen), versucht zu fliehen, erkennt schnell, dass das über den Fjord fast nicht möglich ist.

Sein Gegenspieler ist der von Stellan Skarsgård gespielte Anstaltsleiter. Es gelingt ihm, den gläubigen Heimleiter in wenigen Szenen als einen Mann zu zeichnen, der zwar Gutes tun will, der dafür aber die falschen Mittel einsetzt und durch seinen Führungsstil und seine Entscheidungen letztendlich eine Revolte der Jugendlichen provoziert.

In diesen Momenten erinnert er an den von Burghart Klaußner in Michael Hanekes „Das weiße Band“ gespielten Pastor. Sowieso hat Marius Holsts „King of Devil’s Island“ mehr Ähnlichkeiten mit Hanekes fast zeitgleich spielendem Film, als mit Hollywoodfilmen wie „Gesprengte Ketten“, „Papillon“ oder „Flucht von Alcatraz“, die den Kampf des Individuums gegen ein unterdrückerisches System feiern.

Marius Holst erzählt in nüchternen, ruhigen Bildern, die sich den offensichtlichen Dramatisierungen verschließen, von den Bastøy-Jugendlichen. Durch eben diese distanzierte Erzählweise, die auch die meisten Klischees des Gefängnisfilms meidet, ist man allerdings auch immer ein eher objektiver Beobachter des Geschehens. Die in den Bildern liegende Anklage gegen das damalige Bastøy-Regime kann man intellektuell gut nachvollziehen.

Emotional bleibt man allerdings eher unbeteiligt und weil die Geschichte auch keine großen Überraschungen hat, wird „King of Devil’s Island“ auch etwas zäh.

–

King of Devil’s Island (Kongen av Bastøy, Norwegen 2010)

Regie: Marius Holst

Drehbuch: Dennis Magnusson, Eric Schmid (nach einer Geschichte von Mette M. Bølstad und Lars Saabye Christensen)

mit Stellan Skarsgård, Benjamin Helstad, Kristoffer Joner, Trond Nilssen, Morten Løvstad, Daniel Berg, Odin Gineson Brøderud, Magnar Botten, Magnus Langlete

–

DVD

Alamode Film

Bild: 2,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Norwegisch

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: ?

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

–

Hinweise

Norwegische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „King of Devil’s Island“

Rotten Tomatoes über „King of Devil’s Island“

Wikipedia über „King of Devil’s Island“ (deutsch, englisch, norwegisch)

 

 


TV-Tipp für den 20. August: Europa

August 20, 2012

Arte, 21.50

Europa (Deutschland/Frankreich/Dänemark 1990, R.: Lars von Trier)

Drehbuch: Lars von Trier, Jean-Paul Meurisse

Deutschland 1945: Ein Schlafwagenschaffner verliebt sich im Zug in die Tochter des Besitzers der Eisenbahngesellschaft. Gleichzeitig bittet ihn ein US-Oberst im Zug nach „Werwölfen“, einer Gruppe von faschistischen Untergrund-Kämpfern, zu suchen.

Lars von Triers dritter Spielfilm ist, nach „Element of Crime“ und „Epidemie“, der Abschluss seiner europäischen Trilogie und er steht schon lange auf meiner Zu-Sehen-Liste.

„In thematischer Anlehnung an die Figurenkonstellation von Franz Kafkas Roman ‚Amerika‘ wirkt ‚Europa‘ trotzt einiger Manierismen wie ein faszinierend bebilderter Alptraum. (…) Wegen seiner Bildphantasie zählt Trier seit ‚Europa‘ zu den Hoffnungsträgern des europäischen Kinos“ (Fischer Film Almanach 1992)

mit Jean-Marc Barr, Barbar Sukowa, Udo Kier, Ernst-Hugo Järegard, Eddie Constantine, Dietrich Kuhlbrodt, Lars von Trier (jüdischer Zeuge), Max von Sydow (Erzähler, im Original)

Wiederholung: Mittwoch, 29. August, 02.35 Uhr (VPS 02.30 Uhr, Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über „Europa“ (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über „Europa“

Rotten Tomatoes über „Europa“

Arte über „Europa“

–

Nachtrag
Hier ist der Trailer zum Film und hier die Einleitung, gesprochen von Max von Sydow. Das Einfügen klappt heute irgendwie nicht…


TV-Tipp für den 19. August: Der Mann, der niemals lebte

August 19, 2012

Bevor Leonardo DiCaprio um 22.45 Uhr die „Gangs of New York“ trifft, ist er

Pro 7, 20.15

Der Mann, der niemals lebte (USA 2008, R.: Ridley Scott)

Drehbuch: William Monahan
LV: David Ignatius: Body of Lies, 2007 (Der Mann, der niemals lebte)

CIA-Agent Roger Ferris fahndet im Nahen Osten nach einer islamistischen Terrorzelle. Als sie nicht weiterkommen, hecken Ferris und sein in Washington, D. C., sitzender Chef einen verwegenen Plan aus.

Okayer, schrecklich ausgewogener, realistischer Polit-Thriller, bei dem man nie den Eindruck los wird, dass hier alle unter ihren Möglichkeiten bleiben. Außerdem ist das Ende enttäuschend.

David Ignatius gefällt die Verfilmung.

mit Leonardo DiCaprio, Russell Crowe, Mark Strong

Wiederholung: Montag, 20. August, 01.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Der Mann, der niemals lebte“

The Washington Post über ihren Mitarbeiter David Ignatius

Harper’s Magazine: Sechs Fragen an David Ignatius über seinen Roman „Body of lies“

Hollywood Hills: Interview mit David Ignatius über die Verfilmung (Teil 1, Teil 2)

Meine Besprechung von Ridley Scotts „Prometheus“ (Prometheus, USA 2012)


TV-Tipp für den 18. August: Agenten-Poker/Der große Coup

August 18, 2012

BR, 20.15

Agenten-Poker (USA 1980, R.: Ronald Neame)

Drehbuch: Brian Garfield, Bryan Forbes

LV: Brian Garfield: Hopscotch, 1975

Ein geschasster CIA-Agent will seine Memoiren veröffentlichen. Sie stoßen vor allem in Agentenkreisen auf großes Interesse.

Nette Agentenkomödie, die in Deutschland nur eine Videopremiere erlebte.

„Witzige und größtenteils schwungvolle Agenten-Komödie.“ (Lexikon des internationalen Films)

Der Film war für einen Edgar nominiert, das Drehbuch für den Preis der Writers Guild of America , der Roman erhielt den Edgar als bester Krimi des Jahres und auch Brian Garfield ist mit dieser Verfilmung sehr zufrieden.

mit Walter Matthau, Glenda Jackson, Sam Waterston, Herbert Lom, Ned Beatty, David Matthau, George Baker

Auch bekannt als „Bluff Poker – Ein Schlitzohr packt aus“ (Videotitel)

Wiederholung: Sonntag, 19. August, 01.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über „Hopscotch“

Themroc über „Agenten-Poker“

DVD Savant über „Hopscotch“

New York Times: Vincent Canby über „Hopscotch“ (26. September 1980)

Homepage von Brian Garfield

Meine Besprechung von “The Stepfather” (nach einer Geschichte von Brian Garfield)

–

P. S.: Der Trailer ist “bäh”, aber es gelingt ihm verdammt gut, den Film nicht zu verkaufen.

–

BR, 22.00

Der große Coup (USA 1973, R.: Don Siegel)

Drehbuch: Dean Riesner, Howard Rodman

LV: John Reese: The Looters, 1968 (später wegen des Films “Charley Varrick”)

Zufällig klaut Charley Varrick bei einem Überfall auf eine Provinzbank eine dreiviertel Million Dollar. Dummerweise gehört das Geld der Mafia – und die versteht keinen Spaß.

Herrlich amoralischer Gangsterfilm, bei dem ein Einzelner einen scheinbar hoffnungslosen Kampf gegen eine große, skrupellose Organisation aufnimmt.

„In diesem besten von Siegels späten Filmen wird nicht nur mit dem Genre gespielt, bis ein Westernmuster in einem Mafiafilm aufscheint, sondern sein Drehbuch ist auch derart ausgefeilt, dass es seine Wahrheit erst im letzten Moment offenbart.“ (Kevin Gough-Yates, in Frank Arnold/Michael Esser [Hrsg.]: Dirty Harry – Don Siegel und seine Filme)

John Reese schrieb in erster Linie Western.

Mit Walter Matthau, Joe Don Baker, John Vernon, Felicia Farr, Don Siegel (als Tischtennisspieler)

Hinweise

Wikipedia über „Der große Coup“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Don Siegels „Der Tod eines Killers“ (The Killers, USA 1964 – Ronald Reagans letzter Film)

Meine Besprechung von Don Siegels „Der letzte Scharfschütze“ (The Shootist, USA 1976 – John Waynes letzter Film)

Kriminalakte über Don Siegel


TV-Tipp für den 17. August: Entgleist

August 17, 2012

Weil ich nicht schon wieder einen Sherlock-Holmes-Film empfehlen will, auch wenn das grandiose Staffelfinale der ersten Staffel der grandiosen BBC-Sherlock-Holmes-Serie „Sherlock: Das große Spiel“ um 23.30 Uhr im Ersten läuft, gibt es dieses Mal sozusagen einen prominent besetzten Anti-Tipp

Pro 7, 23.00

Entgleist (USA 2005, R.: Mikael Häfström)

Drehbuch: Stuart Beattie

LV: James Siegel: Derailed, 2003 (Entgleist)

Der Plot ist klassisch: ein biederer, glücklich verheirateter Angestellter lernt in der U-Bahn eine Frau kennen. Sie hüpfen ins Bett, werden erwischt, erpresst und plötzlich steht die Existenz des Mannes auf dem Spiel.

Die Ausführung ist, trotz der vielen bekannten Namen, eine einzige Enttäuschung, die nur in einem Punkt nicht vorhersehbar ist: dass der Angestellte sich wirklich so strunzdämlich verhält.

Der Ratschlag ist: Üben sie Verzicht!

Mit Clive Owen, Jennifer Aniston, Vincent Cassel

Wiederholung: Samstag, 18. August, 03.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Entgleist“

Wikipedia über „Entgleist“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Frauen wollen „Magic Mike“, Cineasten wollen Steven Soderbergh

August 16, 2012

Es könnte inzwischen der gar nicht so falsche Eindruck entstehen, dass Steven Soderbergh den Herren Allen und Eastwood in punkto Produktivität nacheifert. Denn kaum hat man den einen Film gesehen, wird schon der nächste angekündigt. Dabei sieht Soderbergs neuester Film oft wie die Negation des vorherigen aus. Er wagt dabei immer wieder stilistische Experimente und er probiert der Reihe nach die Filmgenres aus.

Während „Haywire“ ein actionreicher Agententhriller war, dessen Handlung sich über den halben Globus erstreckte und seine Heldin sich von den Männern nichts vormachen ließ, wenn sie sie nicht gerade als Punchingball oder Zielscheibe benutzte, spielt „Magic Mike“ in Tampa, Florida, und dort die halbe Zeit in einer Bar, in der Männer vor Frauen strippen.

Das heißeste Pferd im Stall von Dallas (Matthew McConaughey, der sich schamlos zum Affen macht) ist der Dreißigjährige Mike (Channing Tatum, der selbst als 18/19-jähriger acht Monate Stripper war), der noch den Traum von einer eigenen Möbelschreinerei hat. Aber das Nachtleben mit Drogen und Frauen ist reizvoller. Während seiner Tagesarbeit lernt er den 19-jährigen, bei seiner älteren Schwester lebenden Slacker Adam (Alex Pettyfer) kennen, den er auch gleich in die Welt der Stripper einführt.

Adams bodenständige Schwester Brooke (Cody Horn) ist davon absolut nicht begeistert. Dennoch, oder gerade weil Brooke nicht sofort mit ihm ins Bett steigen will, verliebt Mike sich in sie und er verspricht ihr, auf ihren Bruder aufzupassen.

Steven Soderbergh inszenierte seine Variante der Geschichte vom amerikanischen Traum im semidokumentarischen New-Hollywood-Stil, bei dem die Charaktere und ihr Leben im Mittelpunkt stehen. Dabei driften die Stripper alle mehr oder weniger ziellos durch ihr Leben und ihre Komfortzonen mit den kleinen Träumen von einem eigenen kleinen Geschäft, einem Stripclub in Miami oder einfach nur etwas mühelos erworbenem Geld durch Kleindealerei und einer heißen Tanznummer. Diese zahlreichen, knallig-glamourös inszenierten Tänze zu pointiert ausgewählten Hits wie „Like a Virgin“, beim ersten Auftritt von Adam, oder „It’s raining Men“ gehören zu den optischen Höhepunkten des Films. Allerdings fällt bei dem Blick hinter die Kulissen des Striplokals auf, wie wenig glamourös, oft sogar bieder, das Leben der Stripper ist. In diesen Szenen werden die männlichen Sexsymbole dann zu Menschen mit Sorgen, Gefühlen und Ängsten.

Diesen Widerspruch zwischen Schein und Sein unterstreicht Soderbergh auch indem er die Auftritte der Stripper und deren Leben abseits des Rampenlichts verschieden inszeniert: ersteres fast schon in edler Werbefilmästhetik, letzteres schmuddelig dokumentarisch mit warmen, ausgewaschenen Farben.

Und es fällt immer wieder auf, wie prüde Hollywood inzwischen ist. Denn obwohl die ganze Geschichte im Stripper-Milieu spielt, sehen wir – was die deutsche „ab 12 Jahre“-Freigabe erklärt – nie mehr als bei einem gewöhnlichen Schwimmbadbesuch. In den USA reichte es trotzdem für ein R-Rating und die IMDB listete die schockierenden „Nacktszenen“ akribisch auf:

Magic Mike does include a lot of nudity, both male and female, however, it does not include any direct shots of genitalia, male or female. There are two shots where penis shown, but in both scenes, the penis is difficult to make out. There is quite a bit of female nudity, but only breasts and buttocks. The film also contains it’s fair share of male buttocks. (This is the main portion of the nudity section.)

Well, well, einmal habe ich sogar eine unverhüllte weibliche Brust gesehen…

Allerdings kann diese eklatante Kluft zwischen dem Versprechen auf hemmungslosen Sex und dem konsequenten Vorenthalten von entsprechenden Bildern auch ein subtiler Kommentar von Steven Soderbergh zur US-amerikanischen Bigotterie sein. Dann hätte diese züchtig erzählte Geschichte sogar einen sehr gemeinen Subtext.

Magic Mike – Die ganze Nacht (Magic Mike, USA 2012)

Regie: Steven Soderbergh

Drehbuch: Reid Carolin

mit Channing Tatum, Alex Pettyfer, Matthew McConaughey, Cody Horn, Olivia Munn, Matt Bomer, Riley Keough, Joe Manganiello, Kevin Nash, Adam Rodriguez, Gabriel Iglesias

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

–

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Magic Mike“

Metacritic über „Magic Mike“

Rotten Tomatoes über „Magic Mike“

Wikipedia über „Magic Mike“

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Contagion“ (Contagion, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Haywire” (Haywire, USA 2011)

Steven Soderbergh in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 16. August: Music Box – Die ganze Wahrheit

August 16, 2012

BR, 22.45

Music Box – Die ganze Wahrheit (USA 1989, R.: Constantin Costa-Gavras)

Drehbuch: Joe Eszterhas

Die renommierte Chicagoer Anwältin Ann Talbot verteidigt ihren Vater Mike Laszlo. Er soll nach Ungarn ausgeliefert werden, weil er im Zweiten Weltkrieg zahlreiche, grauenvolle Kriegsverbrechen begangen soll. Sie glaubt ihrem Vater und beginnt vor Gericht für ihn zu kämpfen.

Spannendes Gerichtsdrama, das moralische Fragen stellt und zum Nachdenken bewegt.

Polit-Filmer Costa-Gavras („Z“) erhielt auf der Berlinale, zu recht, einen Goldenen Bären für den Film.

Eszterhas schrieb auch die Drehbücher für „Flashdance“, „Das Messer“, „Basic Instinct“, „Sliver“ und „Showgirls“.

mit Jessica Lange, Armin Mueller-Stahl, Frederic Forrest, Donald Muffat, Lukas Haas, Michael Rooker

Hinweise

Wikipedia über „Music Box“ (deutsch, englisch)

Rotten Tomatoes über „Music Box“


DVD-Kritik: „Rampart“ – mit Woody Harrelson und nach einem Drehbuch von James Ellroy

August 15, 2012

Für „Rampart“ hat Oren Moverman, der Regisseur des allgemein abgefeierten Dramas „The Messenger – Die letzte Nachricht“ (unter anderem der Silberner Bär für das Drehbuch auf der Berlinale, eine Golden-Globe- und zwei Oscar-Nominierungen), neben den „The Messenger“-Hauptdarstellern Woody Harrelson und Ben Foster, eine beeindruckende Schauspielerriege versammelt: Sigourney Weaver, Robin Wright, Anne Heche, Cynthia Nixon (ähem „Sex & the City“), Steve Buscemi (leider nur in einer Szene), Ice Cube, Ned Beatty (zuletzt „In the electric Mist“ und „The Killer inside me“) und, eher unbekannter, Jon Bernthal („The Walking Dead“) und sie heben mit ihrem Spiel das Drama über einen selbstgerechten Streifenpolizisten als Charakterstudie eines Mannes am Abgrund auf ein sehr hohes Level.

Die 1999 in Los Angeles, kurz nach dem titelgebenden Rampart-Skandal, bei dem polizeiinterne Korruption und andere Verbrechen von Polizisten bekannt und anschließend kräftig im Los Angeles Police Department aufgeräumt wurde, spielende, kaum vorhandene Geschichte zerflettert dagegen in unzähligen Subplots aus dem Leben des Streifenpolizisten Dave Brown (Woody Harrelson), in denen es um einen gewalttätigen, auf Video dokumentierten Einsatz von ihm, seine seltsame Beziehung zu seinen beiden Ex-Frauen, die auch Schwestern sind, und zu seinen Kindern, sein unermüdlicher Sextrieb, sein überbordender Drogenkonsum, den Mord an einem Dieb, seine Freundschaft zu seinem mit allen Wassern gewaschenen Mentor und die Ermittlungen eines internen Ermittlers gegen ihn geht. Nach gut zwei Stunden endet der Film so offen, dass er wie eine Skizze über einen Mann, der sich immer mehr in Schuld und Paranoia verstrickt, wirkt.

Woody Harrelson hält diesen Film zusammen und als erstklassig besetzte Charakterstudie überzeugt „Rampart“, der eindeutig vom US-amerikanischen New Hollywood der siebziger Jahre, als der „Taxi Driver“ und „Der Pate“ das Publikum mit komplexen und wenig vorbildlichen Charakteren konfrontierte, und dem europäischen Kino inspiriert ist.

Weil Moverman in seinem Film die Geschichte eines selbstverschuldeten Abstiegs erzählt, der von Harrelson gespielte Officer Dave Brown keinen eindeutigen Antagonisten hat (eher schon eine Handvoll Antagonisten, die sich gegenseitig neutralisieren und teilweise auch keine klassischen Antagonisten sind) und Polizeikorruption und Polizeigewalt nur nebenbei gestreift werden, ist dieses Cop-Drama auch ungleich schwächer als die Cop-Thriller „Dark Blue“ und „Street Kings“, die letztendlich auch vor dem Hintergrund des Rampart-Skandals spielten, bei denen James Ellroy als Ideenlieferant und Drehbuchautor involviert war und in denen im Film (vor allem wenn man die Vorgeschichte in der Entwicklungshölle kennt) erstaunlich viel von Ellroys Themen und Obsessionen enthalten ist. In „Rampart“ ist dagegen eher wenig James Ellroy enthalten, was auch daran liegen kann, dass während der Dreharbeiten der Fokus stärker auf Officer Dave Brown gelegt wurde, während Ellroys ursprüngliches Skript einen stärkeren Fokus auf den Rampart-Skandal hatte.

Als Bonusmaterial gibt es ein „Making of“, in dem James Ellroy sich dennoch sehr zufrieden mit der Verfilmung zeigt, es gibt Interviewschnipsel mit Woody Harrelson, Ben Foster, Robin Wright, Brie Larson und Oren Moverman und einen kleinen Zusammenschnitt der besten Sprüche des von Woody Harrelson gespielten Officer Dave Brown. Das ist ein informativ unauffälliges Paket, in dem immer wieder Hauptdarsteller Woody Harrelson, das Drehbuch von James Ellroy und Oren Moverman und Regisseur Oren Moverman, der seinen Schauspielern viel Raum für Improvisationen gibt, gelobt wird.

Rampart – Cop außer Kontrolle (Rampart, USA 2011)

Regie: Oren Moverman

Drehbuch: James Ellroy, Oren Moverman

mit Woody Harrelson, Robin Wright, Anne Heche, Cynthia Nixon, Steve Buscemi, Ice Cube, Sigourney Weaver, Ben Foster, Ned Beatty, Jon Bernthal, Brie Larson

–

DVD

Ascot Elite

Bild: 1:,35 (16:9)

Ton: Deutsch (DTS 5.1, Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making of, Sh*t Dave Brown says, Interviews mit Cast und Crew, Originaltrailer, Deutscher Trailer, Wendecover

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

–

Hinweise

Metacritic über „Rampart“

Rotten Tomatoes über „Rampart“

Wikipedia über „Rampart“

Meine Besprechung von James Ellroys Unterwelt-Trilogie

James Ellroy in der Kriminalakte

–

Einige Worte von Oren Moverman und Woody Harrelson

 


TV-Tipp für den 15. August: Der Knochenmann

August 14, 2012

Arte, 22.45

Der Knochenmann (Aus 2009, R.: Wolfgang Murnberger)

Drehbuch: Josef Hader, Wolfgang Murnberger, Wolf Haas

LV: Wolf Haas: Der Knochenmann, 1997

Brenner fährt auf’s Land. Eigentlich soll er ein geleastes Auto zurückholen. Aber dann gefällt’s ihm im Wirtshaus von Löschenkohl zu gut, er verliebt sich in die Schwiegertochter des Wirts und stolpert in eine veritable Mordgeschichte. Denn der Löschenkohl wird erpresst, beseitigt seine Erpresser und muss auch auf seinen blöden, aber ambitionierten Sohn aufpassen.

Die dritte Auflage der Ösi-Variante eines Action-Films, eines Whodunit und einer Krimikomödie hat weniger bekannte Namen und weniger Lacher als „Komm, süßer Tod“ und „Silentium“. Dafür ist „Der Knochenmann“ noch desillusioniert-gemeiner in seinem Blick auf die Menschen und Josef Hader hat im Privatdetektiv Brenner die Rolle seines Lebens gefunden.

Mit Josef Hader, Josef Bierbichler, Simon Schwarz, Birgit Minichmayr, Stipe Erceg, Christoph Luser, Dorka Gryllus

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Der Knochenmann“

Krimi-Couch über Wolf Haas

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Wolf Haas

Planet-Interview redet mit Wolf Haas (2005, zur  Verfilmung von “Silentium”)

Meine Besprechung von Wolf Haas’ “Brenner und der liebe Gott” (2009)


TV-Tipp für den 14. August: Der Solist

August 14, 2012

ZDF, 23.15

Der Solist (GB/USA 2009, R.: Joe Wright)

Drehbuch: Susannah Grant

LV: Steve Lopez: The Soloist: A Lost Dream, an Unlikely Friendship, and the Redemptive Power of Music, 2008 (Der Solist)

„Los Angeles Times“-Journalist Steve Lopez trifft während einer Recherche den Obdachlosen Nathaniel Ayers, einen hochbegabten Straßenmusiker, der vor einer großen Karriere stand, und der an paranoider Schizophrenie leidet. Die beiden befreunden sich.

Die TV-Premiere der Woche, grandios besetzt mit Robert Downey Jr. und Jamie Foxx in den Hauptrollen, inszeniert von Joe Wright („Abbitte“, „Stolz und Vorurteil“, „Wer ist Hanna?“), nach einem Drehbuch der „Erin Brokovich“-Autorin Susannah Grant, und zu einer Zeit, die sprachlos macht. Denn auch wenn die Kritiken gemischt waren (bei Rotten Tomatoes kommt der Film auf 56 Grad Frische), wäre sicher ein publikumsfreundlichere Zeit drin gewesen.

mit Robert Downey Jr., Jamie Foxx, Catherine Keener, Tom Hollander, Octavia Spencer

Hinweise

Film-Zeit über „Der Solist“

Rotten Tomatoes über „Der Solist“

Wikipedia über „Der Solist“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Joe Wrights „Wer ist Hanna?“ (Hanna, USA/GB/D 2011) (Drehbuch)


Happy Birthday, Alfred Hitchcock!

August 13, 2012

Alfred Hitchcock (13. August 1899, London – 29. April 1980, Los Angeles)

Und anstatt uns wieder einmal einen oder zwei seiner Klassiker anzusehen, könnten wir auch mal einen Blick auf sein Frühwerk (nicht immer unbedingt Krimis) werfen:

Downhill (GB 1927, Bergab)

The Ring (GB 1927, Der Ring)

The Manxman (GB 1929, Der Mann von der Insel Man)

Die drei Stummfilme werden von YouTube leider ohne Ton präsentiert. Denn ein Stummfilm war niemals stumm.

Mary (GB 1929, Alfred Hitchcock drehte die deutschsprachige Version von „Murder“/“Sir John greift ein“ parallel zum englischen Original. Einer seiner ersten Tonfilme.)

Die Filme sind Teil des neuen YouTube-Kanals „Movies“ (englisch, deutsch). Die Auswahl ist noch nicht so toll, aber mit etwas Findigkeit findet man auf YouTube auch viele weitere Filme.

Nachtrag: Im Internet Archive gibt es natürlich auch einige Filme von Alfred Hitchcock.

Ach, es wäre schon schön, wenn es auch ein deutsches Internet-Archiv gäbe…


TV-Tipp für den 13. August: Tatort: Platt gemacht

August 13, 2012

RBB, 20.15

Tatort: Platt gemacht (D 2009, R.: Buddy Giovinazzo)

Drehbuch: Stefan Cantz, Jan Hinter

In Köln wird ein Obdachloser mit Frostschutzmittel vergiftet. Die Kommissare Ballauf und Schenk ermitteln im Milieu.

Sehr unterhaltsamer Kölner-Tatort, der erfrischend undidaktisch (Wir reden vom Kölner Tatort) daherkommt und Udo Kier als Penner ist auch die halbe Miete.

mit Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär, Joe Bausch, Udo Kier, Christian M. Goebel, Michael Schenk, Catherine Flemming, Peter Millowitsch

Hinweise

Wikipedia über Buddy Giovinazzo (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Buddy Giovinazzo

One Road.Endless Possibilities: Interview mit Buddy Giovinazzo (21. Februar 2011, deutsch)

Meine Besprechung von Buddy Giovinazzos “Cracktown” (Life is hot in Cracktown, 1993)

Meine Besprechung von Buddy Giovinazzos „Piss in den Wind“ (Caution to the Winds, 2009)

Buddy Giovinazzo in der Kriminalakte

Tatort-Fundus über das Team Ballauf/Schenk


TV-Tipp für den 12. August: Die Outsider

August 12, 2012

Arte, 20.15

Die Outsider (USA 1983, R.: Francis Ford Coppola)

Drehbuch: Kathleen Knutsen Rowell

LV: S. E. Hinton: The Outsiders, 1967 (Die Outsider)

Tulsa, 1966: Die „Greasers“ und die „Socs“ sind zwei verfeindete Jugendgangs. Eines Tages bringt einer der Greasers den Anführer der Socs um. Die wollen Rache.

TV-Premiere von Francis Ford Coppolas 22 Minuten längerem, 2005 veröffentlichten Director’s Cut von „Die Outsider“, einem Jugenddrama mit einem, rückblickend, beeindruckendem Cast von damals aufstrebenden Jungschauspielern.

„Francis Coppola hat einen handwerklich und schauspielerisch guten, aber sehr konventionellen Film (…) gemacht. Obwohl er in den Mittsechzigern spielt, sieht der Film wie ein Fünfziger-Jahre-Drama über Problemkinder aus, wie sie von Nicholas Ray und Elia Kazan gedreht worden sind, ohne allerdings jemals deren Tiefe und Spannung zu erreichen.“ (Variety)

Danach drehte Coppola, ebenfalls nach einem Roman von S. E. Hinton, das deutlich experimentellere „Rumblefish“ und hangelte sich ab dann mehr schlecht als recht durch seine weiteren Filme, die alle, aus verschiedenen Gründen, nicht an sein grandioses Frühwerk (Der Pate, Der Dialog, Der Pate II, Apocalypse Now) anschließen konnten.

mit C. Thomas Howell, Matt Dillon, Ralph Macchio, Patrick Swayze, Rob Lowe, Diane Lane, Emilio Estevez, Tom Cruise, Leif Garrett, Glenn Withrow, Tom Waits, S. E. Hinton

auch bekannt als „Coppola’s The Outsiders – Rebellen ohne Grund“ (Kinotitel)

Wiederholung: Montag, 13. August, 14.25 Uhr

Hinweise

Homepage zu „The Oudsiders“ (Buch und Film)

Wikipedia über „Die Outsider“ (deutsch, englisch)

Homepage von S. E. Hinton

Meine Besprechung von Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now/Apocalypse Now Redux“(Apocalypse Now, USA 1979)

Francis Ford Coppola in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 11. August: Die zwölf Geschworenen

August 11, 2012

RBB, 23.45

Die zwölf Geschworenen (USA 1957, R.: Sidney Lumet)

Drehbuch: Reginald Rose

LV: Reginald Rose (Story, Bühnenstück)

Hat der angeklagte Puertoricaner seinen Vater ermordet? Die Geschworenen beraten.

Lumets erster Spielfilm ist ein Klassiker des Gerichtsfilms: ein Raum, zwölf Personen, die eine Entscheidung fällen müssen: unerträgliche Spannung. Ausgangspunkt für den Spielfilm war ein einstündiges Fernsehspiel von Reginald Rose, der dafür von eigenen Erfahrungen als Geschworener inspiriert wurde. Beim Start wurde der Film von der Kritik gelobt, für zahlreiche Preise nominiert und floppte – trotz des niedrigen Budgets – an der Kasse. „Sidney Lumets Erstlingsfilm verleiht dem Geschehen durch die Begrenzung des Ortes und der Personen eine große Dichte und Spannung. Die Wahrheitsfindung entsteht aus dem Zusammenspiel unterschiedlicher Menschentypen, Ideologien und Interessen – ein Modellfall ´demokratischer´ Aufklärungsarbeit. Hervorragend besetzt, gespielt und fotografiert (Preis der OCIC in Berlin)“ (Lexikon des Internationalen Films)

Mit Henry Fonda, L. J. Cobb, Ed Begley, E. G. Marshall, Jack Warden, Martin Balsam, Jack Klugman, Joseph Sweeney

Wiederholung: MDR, Montag, 13. August, 22.50 Uhr

Hinweise

Wikipedia über „Die zwölf Geschworenen“ (deutsch, englisch)

Mein Nachruf auf Sidney Lumet

Sidney Lumet in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 10. August: Auf der Suche nach außerirdischem Leben

August 9, 2012

Arte, 20.15

Auf der Suche nach außerirdischem Leben (USA 2011, R.: Oliver Twinch)

Drehbuch: Oliver Twinch

Jetzt, nachdem „Curiosity“ auf dem Mars gelandet und Ridley Scotts „Prometheus“ im Kino angelaufen ist, wird auch wieder darüber diskutiert, ob es Leben auf anderen Planeten gibt. Nun, wir wissen es nicht, aber so ganz unwahrscheinlich ist es nicht. Immerhin ist das Universum ziemlich groß und die Wissenschaft hat auch einige Entdeckungen gemacht, die in der spielfilmlangen Doku, die genaugenommen aus zwei Teilen besteht, die hintereinander weg gezeigt werden, vorgestellt werden.

Weitere Infos zum Thema gibt es hier.

Wiederholung: Sonntag, 26. August, 09.55 Uhr


Neu im Kino/Filmkritik: „Prometheus – Dunkle Zeichen“ – mit ganz viel „Alien“-DNA

August 8, 2012

Für „Alien“, den zweiten Spielfilm von Ridley Scott, war der Werbespruch: „In space no one can hear you scream.“

Das war ein grandioser Satz, der neugierig auf den Film machte und auch sagte worum es geht: um einen Horrorfilm im Weltall.

Der Werbespruch für seinen neuesten Film, das „Alien“-Prequel „Prometheus“ ist: „They went looking for our beginning. What they found could be our end.“

Das ist kein wirklich schlechter, aber auch – wie der Film – ein arg austauschbarer, wenig bleibenden Eindruck hinterlassender Werbespruch, der mit einer ordentlichen Portion Hintergrundwissen verrät, dass „Prometheus“ sich in die Reihe der „Alien“-Filme einreiht, in denen es nur einige wiederkehrende Elemente (das Weltall, die Alien-Kreaturen von H. R. Giger und Sigourney Weaver als Ellen Ripley) gab, aber ansonsten die Regisseure Ridley Scott, James Cameron, David Fincher und Jean-Pierre Jeunet ihre eigene Vision im „Alien“-Kosmos erzählten.

Auch „Prometheus“ übernimmt die Kernelemente aus dem „Alien“-Kosmos, verzichtet auf Sigourney Weaver (immerhin spielt die Geschichte von „Prometheus“ ja vor dem ersten „Alien“-Film), hat mit Noomi Rapace aber einen vollwertigen Ersatz gefunden. Wobei, das sei angemerkt: Damals machte Ridley Scott aus einer unbekannten Schauspielerin einen Star. Heute engagiert er, nach den erfolgreichen Stieg-Larsson-Verfilmungen, eine bereits bekannte Schauspielerin und damit ist von Anfang an klar, dass sie, als Star des Films, nicht stirbt. Auch die Rest-Besatzung der „Prometheus“ besteht größtenteils aus bekannten Schauspielern. Eigentlich fehlt nur Mark Strong („Green Lantern“, „John Carter“). Immerhin hat man für die ersten Minuten einen Lookalike genommen.

Außerdem verrät der Werbespruch, dass Scott hier nicht einfach einen zweiten Horrorfilm im Weltall drehte. „Prometheus“ ist definitiv kein Horrorfilm. Denn dieses Mal wird die Geschichte einer Forschungsreise erzählt und, anstatt dass einige Europäer in eine Pyramide latschen, das seit Jahrhunderten versiegelte Grab das Pharaos öffnen und anschließend an einem Fluch sterben, ist es dieses Mal ein Raumschiff, das einige Jahre vor der nächsten Jahrhundertwende auf einem fremden, weit, weit entferntem Planeten landet und einige Forscher latschen in ein unterirdisches Gewirr von Gängen, wo sie einen verschlossenen Raum entdecken, den sie flugs, wie ein Kind seine Weihnachtsgeschenke, öffnen müssen.

Im Endeffekt wird einfach die „Alien“-DNA an einen altmodischen Entdeckerfilm gekoppelt.

Das ist durchaus unterhaltsam, aber spätestens beim Nachdenken über den saturierten Film, fällt auf, wie schrecklich unlogisch vieles ist, wie oft einzelne Charakter etwas nur tun, weil die Drehbuchautoren es so wollten, und wie viele Handlungsstränge im Nichts enden.

Das Personal der „Prometheus“ wirkt, auch wenn etliche Charaktere an Charaktere aus den vorherigen „Alien“-Filmen erinnern, wie der lieblose Griff in den Klischee-Figurenbaukasten aus dem Handbuch für effektives Storytelling.

Es gibt den taffen Kapitän („Luther“ Idris Elba, auch mal mit Akkordeon und einem doch etwas veraltetem Musikgeschmack [Herrje, gab es seit 1970 wirklich keine guten Bands mehr? Sind die nächsten gut achtzig Jahre Musikgeschichte wirklich für die Tonne?]), die böse Kapitalistin (Charlize Theron wiederholt einfach ihre Rolle der bösen Prinzessin aus „Snow White and the Huntsman“), den, auch aus den anderen „Alien“-Filmen bekannten Androiden, der dieses Mal wie Michael Fassbender aussieht, von ihm herrlich ausdruckslos-selbstironisch gespielt wird, ein großer „Lawrence von Arabien“-Fan ist (Tja, auch in der Filmgeschichte scheint die nächsten Jahrzehnte Ödnis zu herrschen.), auf den Namen „David“ hört und, kleiner Insider-Witz, damit das ABC der Androidennamen in den „Alien“-Filmen von Ash über Bishop und Call zu David fortsetzt und, als große Überraschung, den uralten, an der Schwelle des Todes stehenden Peter Weyland, der die Reise der „Prometheus“ nach dem Ursprung des Lebens aus nicht uneigennützigen Gründen finanzierte (Guy Pearce auf Greis geschminkt, weil auch Szenen mit einem jüngeren Weyland geplant waren), und einige nicht sonderlich intelligente, dafür ziemlich hasenfüßige Raumfahrer, die die Mission – Überraschung! – nur wegen des Geldes mitmachen. Kofferträger und Leichtmatrosen eben, die bei der erstbesten Gelegenheit zu Alienfutter werden.

Es gibt eine Alien-Schwangerschaft, die grotesk-rabiat beendet wird – und die Frage hinterlässt, warum eine vollautomatische OP-Station, die im Zimmer einer Frau steht, auf Operationen an Männern programmiert ist. Aber immerhin gibt das im Kino einen Lacher und wahrscheinlich den Preis für den schnellsten und effektivsten Schwangerschaftsabbruch.

Der gesamte Film fühlt sich letztendlich wie eine All-Inclusive-Reise an, bei der es keine großen Überraschungen und keine Verunsicherung gibt, und man am Ende, einfach weil von den Machern zu sehr auf Nummer Sicher gespielt wird, das Kino auch etwas unbefriedigend verlässt. Denn irgendwie hat man das alles schon einmal gesehen. Oft besser und nur weil Ridley Scott das „Alien“-Menü, jetzt mit Erich-von-Däniken-Schwurbel, schick anrichtet, wird „Prometheus“ definitiv kein Klassiker werden. Dafür ist er einfach zu seelenlos, hat zu wenige Ecken und Kanten, zu wenige Überraschungen und er ist zu konventionell.

Das wäre okay, wenn Ridley Scott und seine Autoren Jon Spaihts und Damon Lindelof („Lost“, „Cowboys & Aliens“) uns nicht ein Ende, das schamlos auf eine Fortsetzung spekuliert, präsentieren würden.

Denn während die vorherigen „Alien“-Filme in sich abgeschlossene Geschichten erzählten, offenbart sich „Prometheus“ in den letzten Minuten, nachdem der Planet atomisiert wurde, nur noch als epischer Prolog für den oder die nächsten (Trilogie, ich hör dich trapsen.) Filme, in denen uns dann alles erklärt werden soll, was im Prolog nur angedeutet wurde.

In dem Moment kam ich mir schon etwas verarscht vor.

Prometheus – Dunkle Zeichen (Prometheus, USA 2012)

Regie: Ridley Scott

Drehbuch: Don Spaihts, Damon Lindelof

mit Noomi Rapace, Michael Fassbender, Guy Pearce, Idris Elba, Logan Marshall-Green, Charlize Theron, Sean Harris, Rafe Spall, Benedict Wong, Patrick Wilson

Länge 124 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

–

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Prometheus“

Metacritic über „Prometheus“

Rotten Tomatoes über „Prometheus“

Wikipedia über „Prometheus“ (deutsch, englisch)

–

Ach, Weyland Industries hat auch eine Seite