DVD-Kritik: „Big Fish“-Drehbuchautor debütiert mit „The Nines“

April 17, 2012

Bei „The Nines“ will ich nicht viel über die Handlung erzählen, denn es ist gerade ein großer Spaß, selbst herauszufinden, wie die drei Geschichten miteinander zusammenhängen. In dem ersten Teil „Der Gefangene“ geht es um den Star einer dümmlichen TV-Action-Polizeiserie (Ryan Reynolds), der nach einem Unfall (verursacht durch Trennungsschmerz und Drogeneinnahme), in dem Haus eines Drehbuchautoren, der gerade weg ist, unter Hausarrest gestellt wird. Dort langweilt er sich, lernt die sexy Nachbarin (Hope Davis) kennen, hat eine hyperagile, ewig gut gelaunte Aufpasserin (Melissa McCarthy) und glaubt, dass er nicht der einzige Bewohner des Hauses ist.

In dem zweiten Teil „Reality TV“ geht es um einen Drehbuchautor (Ryan Reynolds), der gerade, begleitet von einem TV-Team, als Showrunner in der Produktion für einen TV-Serienpiloten steckt.

Und wir begegnen wieder Melissa McCarthy als seiner Wunsch-Hauptdarstellerin in der TV-Serie und Hope Davis als seiner Ansprechpartnerin beim Sender.

Im dritten Teil „Wissend“ muss ein PC-Spieldesigner (Ryan Reynolds) nach einem Ausflug mit seiner Familie in die Berge feststellen, dass ihr Auto nicht startet. Er lässt seine Frau (Melissa McCarthy) mit ihrer Tochter zurück und trifft auf dem Weg zu einem Telefon eine Wanderin (Hope Davis).

Und immer wieder, wird der Zahl „Neun“ (was wir schon bei dem Titel „Die Neunen“ ahnten) eine besondere Bedeutung beigemessen.

Aber gerade das Herausfinden dieser Zusammenhänge ist, wie zum Beispiel in David Cronenbergs „Existenz“ oder Christopher Nolans „Inception“, ein großer intellektueller Spaß. Denn John August hatte zwar wenig Geld für den Film (so spielt der halbe Film in seiner Wohnung), aber dafür etliche hübsche und intellektuell herausfordernde Ideen und, natürlich, ein gutes Drehbuch. Ein Drehbuch, das viele Fragen stellt, viele beantwortet, zum Nachdenken anregt und, dank der wandlungsfähigen Schauspieler (für die drei Hauptdarsteller ist es eine gute Demonstration ihres Könnens) und der unterschiedlichen Stile in den drei Segmenten, bis zur letzten Minute das Interesse wach hält. Dabei hat „The Nines“ einen zutiefst freundlich-humane Ton, die durchaus an die Stimmung in Tim Burtons „Big Fish“ erinnert. „Big Fish“ war die erste Zusammenarbeit von Tim Burton und John August. Danach arbeiteten sie bei „Charlie und die Schokoladenfabrik“, „Corpse Bride – Hochzeit mit einer Leiche“, „Dark Shadows“ (Kinostart 10. Mai 2012) und „Frankenweenie“ (geplanter Kinostart 24. Januar 2013) zusammen.

In „The Nines“ fragt John August ziemlich verspielt, teils mit satirischem Unterton, was wirklich ist und wie brüchig die Wirklichkeit ist. Ein großer Spaß.

Das Bonusmaterial ist mit einer Stunde (ohne die vielen Audiokommentare) angenehm umfangreich und sehr informativ. Vor allem John August gibt viele Informationen zur Entstehung des Films, zu den einzelnen Filmsegmenten, wie sie miteinander und mit seinem Kurzfilm „God“, der ebenfalls auf der DVD ist, zusammenhängen.

The Nines – Dein Leben ist nur ein Spiel (The Nines, USA 2007)

Regie: John August

Drehbuch: John August

mit Ryan Reynolds, Melissa McCarthy, Hope Davis, Elle Fanning, David Denman, Octavia Spencer, Ben Falcone, Dahlia Salem, John Gatins

DVD

Koch Media

Bild: 1.85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (DTS, Dolby-Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Audiokommentar mit Regisseur John August und Hauptdarsteller Ryan Reynolds, Audiokommentar mit Regisseur John August, Cutter Douglas Crise und Darstellerin Mellisa McCarthy, 9 Deleted Scenes (mit Audiokommentar von Regisseur John August und Editor Douglas Crise), Featurette „Script to Screen“, Featurette „Summing up the Nines“, Interview mit John August, Kurzfilm „God“ (mit Audiokommentar von Regisseur John August, Deutscher Trailer, Origininaltrailer

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Blog von John August – und über „The Nines“

Drehbuch „The Nines“ und weitere Hintergrundinformation (etwas scrollen)

Wikipedia über „The Nines“ 

Ein schönes Interview mit Regisseur und Autor John August und Hauptdarstellerin Melissa McCarthy, das allerdings einiges vom Film verrät

und eines mit Hauptdarsteller Ryan Reynolds, der auch einiges verrät


TV-Tipp für den 17. April: Edward mit den Scherenhänden

April 17, 2012

Super RTL, 20.15

Edward mit den Scherenhänden (USA 1990, R.: Tim Burton)

Drehbuch: Tim Burton, Caroline Thompson

Zwischen seinen beiden „Batman“-Filmen drehte Tim Burton, der hier erstmals Carte Blanche hatte, dieses dunkle, romantische Märchen über den einsam in einem Schloss auf einem Hügel lebenden „Edward mit den Scherenhänden“. Als eine Kosmetikvertreterin ihn trifft, ist sie fasziniert von ihm und nimmt ihn mit in die typisch amerikanische Vorstadt. Dort ist Edward wegen einer motorischen Fähigkeiten zuerst sehr beliebt.

Ein schöner trauriger Film voller Humor und Skurrilitäten.

ein Märchen. Und das erzählt er einem Publikum, das schon alle Märchen kennt, an keins mehr glaubt und sich doch danach sehnt. Und er erzählt es mit allen Emotionen, aller Naivität, aller Grausamkeit und auch aller Komik, die das Publikum erwarten darf.“ (Fischer Film Almanach 1992)

mit Johnny Depp, Winona Ryder, Dianne Wiest, Anthony Michael Hall, Kathy Baker, Vincent Price (seine letzte Rolle in einem Spielfilm), Alan Arkin

Hinweise

Wikipedia über „Edward mit den Scherenhänden“ (deutsch, englisch)

 


TV-Tipp für den 16. April: Lady Vengeance

April 16, 2012

Arte, 22.00

Lady Vengeance – Leben für die Rache (Sudkorea 2005, Regie: Park Chan-wook)

Drehbuch: Park Chan-wook, Jeong Seo-Gyeong Jeong

Geum-ja saß dreizehn Jahre im Gefängnis für den Mord an einem kleinen Jungen, den sie nicht begangen hat. Jetzt will sie sich an dem wirklichem Täter, einem honorigem Englischlehrer, rächen.

Ein weiteres Meisterwerk des Regisseurs von „Joint Security Area“, „Sympathy for Mr. Vengeance“ und „Oldboy“. Die Kritiker waren vom Abschluß der Rachetrilogie des Südkoreaners begeistert, die zahlenden Zuschauer ebenso – und das Erste zeigte die TV-Premiere, wie erwartet, nach Mitternacht.

Mit Lee Yeong-ae, Choi Min-sik, Oh Dal-su, Kim Shi-hoo, Kim Bu-seon

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über “Lady Vengeance”

Rotten Tomatoes über „Lady Vengeance“

Wikipedia über „Lady Vengeance“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 15. April: Wahl der Waffen

April 15, 2012

BR, 23.45

Wahl der Waffen (Fr 1981, R.: Alain Corneau)

Drehbuch: Alain Corneau, Michel Grisola

Der im Ruhestand lebende Gangster Noel nimmt den jungen, heißblütigen Junggangster Mickey bei sich auf. Durch ihn wird er wieder in sein altes Leben zurückgezogen.

Aus heutiger Sicht beendete Alain Corneau mit dem leicht melancholischem Noir „Wahl der Waffen“ die Ära des klassischen französischen Gangsterfilms indem er noch einmal alle Themen bündelte, neu betrachtete und sie endgültig beantwortete. Nach „Wahl der Waffen“ war die Zeit des Nachkriegsgangsters endgültig vorbei.

Einen schöneren Abgesang hätte er nicht bekommen können.

mit Yves Montand, Gérard Depardieu, Catherine Deneuve, Michel Galabru, Gerard Lanvin, Marc Chapiteau

Hinweise

Wikipedia über „Le choix des armes“

Citizen Poulpe über „Le choix des armes“

Films de France über „Le choix des armes“ (englisch)

Kriminalakte über „Wahl der Waffen“ (Sammlung einiger Kritiken)

Kriminalakte: Meine Besprechung von “Wahl der Waffen”

Kriminalakte: Mein Nachruf auf Alain Corneau


TV-Tipp für den 14. April: James Bond: Sag niemals nie

April 14, 2012

ARD, 22.15

Sag niemals nie (USA 1983, R.: Irvin Kershner)

Drehbuch: Lorenzo Semple jr.

LV: Ian Fleming: Thunderball, 1961 (Feuerball)

James Bond bei seiner Lieblinsbeschäftigung: Welt retten. Aktuelle Einsatzorte: Bahamas, Südfrankreich und Nordafrika.

Nach einer langen Pause (und bei einer anderen Produktionsfirma) spielte Sean Connery wieder Bond; Klaus Maria Brandauer den Bösewicht, Kim Basinger das ´love interest´ der beiden Männer. Außerdem sind Barbara Carrera, Max von Sydow, Edward Fox, Bernie Casey und Rowan Atkinson dabei.

„Sag niemals nie“ konnte entstehen, weil Ian Fleming zusammen mit Kevin McClory und Jack Whittingham für einen Film die Geschichte „Longitude 78 West“ entwarf. Fleming verarbeitete sie später in dem Bond-Roman „Feuerball“. McClory, der bei „Feuerball“ Co-Produzent war, hatte die Rechte für weitere Verfilmungen dieser Geschichte. Die Auflage war, dass er sich möglichst eng an das gemeinsam entworfene Story-Gerüst halten müsse. Die juristischen Streitigkeiten und der Konkurrenzkampf zwischen dem Ur-Bond Connery und dessen Nachfolger Roger Moore waren ein gefundenes Fressen für die damalige Presse. Denn „Octopussy“ (mit Moore) startete fast zeitgleich in den Kinos. An der Kinokasse war der Moore-Bond etwas erfolgreicher, bei der Kritik war es – zu Recht – umgekehrt.

Hinweise

Wikipedia über „James Bond: Sag niemals nie“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Sebastian Faulks’ James-Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (Devil may care, 2008)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers James-Bond-Roman „Carte Blanche“ (Carte Blanche, 2011)

James Bond in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 13. April: 8 Blickwinkel

April 12, 2012

Pro7, 20.15

8 Blickwinkel (USA 2008, R.: Pete Travis)

Drehbuch: Barry L. Levy

Salamanca, Spanien, großer Antiterrorgipfel: der amerikanische Präsident will auf dem Marktplatz eine Rede halten. Da wird er erschossen und eine Bombe explodiert. Sein Leibwächter Thomas Barnes hat aber etwas gesehen und er nimmt die Spur auf.

„8 Fremde, 8 Sichtweisen, 1 Wahrheit“ lautet der Werbespruch, der ziemlich genau die erzählerische Pointe des Films verrät. Denn das Ereignisse vor, während und nach dem Attentat werden aus acht verschiedenen Sichtweisen erzählt und am Ende gibt es eine atemberaubende Autoverfolgungsjagd. Das unterhält prächtig über die knapp neunzig Minuten und ist filmisch und darstellerisch auch sehr gut gelöst. Denn mit den verschiedenen Blickwinkeln ändert sich auch immer der Blick auf die Ereignisse und die beteiligten Personen.

Dass der ganze Attentatsplan, wenn man genauer darüber nachdenkt, ziemlich konstruiert ist, fällt einem erst nach dem Abspann auf.

mit Dennis Quaid, Matthew Fox, Forest Whitaker, Sigourney Weaver, William Hurt, Edgar Ramirez, Ayelet Zurer, Bruce McGill, Zoe Saldana

Wiederholung: Samstag, 14. April, 00.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Amerikanische Homepage zum Film

Film-Zeit über „8 Blickwinkel“

Los Angeles Times über Barry Levy


Neu im Kino/Filmkritik: Liam Neeson als Hauptdarsteller in Joe Carnahans „The Grey“

April 11, 2012

Mit „The Grey – Unter Wölfen“ hat Joe Carnahan nach dem düsteren Polizeithriller „Narc“, der durchgeknallten, schwarzhumorigen Actionkomödie „Smokin‘ Aces“ und der Blockbuster-Actionkomödie „The A-Team“ einen geradlinigen Abenteuerfilm gedreht, der zwar in Alaska spielt, aber nur wenige Kilometer entfernt in Kanada, in der Nähe von Smithers (5500 Einwohner), zwölf Autostunden nördlich von Vancouver, mitten in den verschneiten und entsprechend kalten Ausläufern der Rocky Mountains gedreht wurde.

Dieses Mal erzählt Joe Carnahan die Geschichte einer Gruppe Männer, deren Flugzeug mitten in der Einöde abstürzt und die dann um ihr Überleben kämpft. So weit, so konventionell und die Jack-London-Fans sind wahrscheinlich schon begeistert in das nächste Kino gerannt.

Die Liam-Neeson-Fans dürfen sich anschließen. Immerhin hat Neeson hier die Hauptrolle und er ist brillant als verbitterter, einzelgängerischer Aufpasser John Ottway. Der Biologe hat sich, wie die anderen Arbeiter in der Ölraffinerie, in die menschenfeindliche Einöde zurückgezogen. Sie sind, nun, nicht unbedingt die Männer, mit denen man im Club bei einem Glas Rotwein über abendländische Philosophie diskutiert. Ottways Job ist es, die Arbeiter vor herumstreunenden Tieren, vor allem Wölfe, zu schützen.

Wegen eines Schichtwechsels fliegen Ottway und die aktuelle Crew zurück nach Kanada in die Zivilisation. Während des Flugs stürzt das Flugzeug mitten im Nirgendwo ab. Nur acht Männer überleben den Absturz. Weil Ottway am meisten Ahnung vom Überleben in der Wildnis hat, wird er ihr Anführer. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg zur nächsten Siedlung. Dabei werden sie von einem Rudel Wölfe, für die sie nur die nächste Mahlzeit sind, verfolgt.

Dieses archetypische Duell zwischen Mensch und Tier erzählt Joe Carnahan ohne störende Subplots und ausgewalzte Hintergrundgeschichten, in denen wir alles über die Charaktere erfahren. Sogar Ottways Vergangenheit und der Grund für seinen Rückzug in die Einöde bleibt, bis auf einige Bilder, die so kryptisch sind, dass sie eher die Funktion einer Fantasie erfüllt, im Dunkeln. Umso kraftvoller wird der Hauptplot, der gerade in seiner Reduktion, auch als Allegorie mit einer sehr klaren Botschaft gesehen werden kann: Nur wer nicht kämpft, hat schon verloren.

Im Dunkeln bleiben die meiste Zeit auch die Wölfe. Sie attackieren die Überlebenden schnell und rücksichtslos. Oft auch in der Dunkelheit. Sie belauern die Menschen und oft sind nur Details von ihnen sicht- und hörbar. Die Fantasie des Zuschauers, unterstützt von einem genial-furchterregendem Soundtrack, der die gefühlte Temperatur im Kino um einige Grad senkt, übernimmt den Rest. Das erinnert in seinem Schreckenspotential an das Monster in Ridley Scotts „Alien“, der auch einer der „The Grey“-Produzenten ist. Und natürlich weiß Joe Carnahan, dass er nichts zeigen kann, was nicht von der Fantasie des Zuschauers übertroffen wird. Also kann er gleich die Arbeit machen.

Joe Carnahan haucht der altbekannten Überleben-in-der-Wildnis-Story durch die raue Art seines Erzählens so viel neues Leben ein, dass „The Grey“ trotz, oder wegen, der grandiosen Landschaft ein beklemmend-düsterer, alptraumhafter Abenteuerfilm ist.

Die Academy of Science Fiction, Fantasy & Horror Films, die die prestigeträchtigen Saturn Awards verleiht, hat „The Grey“ als besten Horrorfilm/Thriller nominiert und bei der Konkurrenz (unter anderem „Contagion“ und „Verblendung“) hat er gute Chancen den Preis bei der Preisverleihung am 20. Juni zu erhalten.

The Grey – Unter Wölfen (The Grey, USA 2012)

Regie: Joe Carnahan

Drehbuch: Joe Carnahan, Ian Mackenzie Jeffers

LV: Ian Mackenzie Jeffers: Ghost Walker (Publikationsdatum und -ort unklar)

mit Liam Neeson, Frank Grillo, Dermot Mulroney, Dallas Roberts, Joe Anderson, Nonso Anozie, James Badge Dale

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

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Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Grey“

Rotten Tomatoes über „The Grey“

Wikipedia über „The Grey“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Liam Neeson als Nebendarsteller in Peter Bergs „Battleship“

April 11, 2012

Battleship“ ist die Filmversion von „Schiffe versenken“ – und genau das ist der Film: Schiffe versenken. Mit möglichst viel Lärm und möglichst wenig Dialog. Wenn es mehr als fünf zusammenhängende Worte sind, dann ist es schon eine Ansprache.

Weil aber ein profanes Schiffe versenken zwischen zwei Ländern heute ungefähr so spannend wie eine Regierungserklärung ist, haben die Macher sich eine Science-Fiction-Geschichte ausgedacht und die geht so: Während eines Flottenmanövers bei Hawaii tauchen außerirdische Raumschiffe auf und, gemäß der allseits bekannten Doktrin der Militärischen Intelligenz, wird gleich begonnen, sich zu beschießen.

Mehr will ich jetzt von der Handlung nicht verraten. Außer vielleicht, dass es in dem Drehbuch, das anscheinend von einem Schreibcomputer zusammengestückelt wurde, ein, zwei minimale Überraschungen gibt, die den ganzen Mist aber nicht retten. „Battleship“ ist einfach komplett unlogische Militär-Pornographie, in der Wissenschaftler nur als grenzdebile, lebensuntaugliche Deppen und Politiker überhaupt nicht vorkommen. Immerhin stören sie so nicht das Militär bei der Arbeit.

Der Held Alex Hopper (Taylor Kitsch, anfangs mit „John Carter“-Frisur, später militärisch kurz) ist einer dieser in solchen Filmen immer vorkommenden, unangepassten Hallodris, die im Kampf bei sich unerwartete Führungsqualitäten (die wir, auch ohne Kenntnis des Drehbuchs, kannten) entdecken und zum Mann (aus Sicht des Militärs) werden.

Auch die anderen Charaktere sind ähnlich Nulldimensional angelegt. Eindimensional wäre schon eine außerordentliche Steigerung und die Charaktere in „Independence Day“ oder „Armageddon – Das jüngste Gericht“ hatten dagegen schon eine ungeheure Tiefe.

Liam Neeson hat als knurriger Admiral Shane ungefähr eine Handvoll Auftritte, die wegen der Menge über den Cameo-Status hinausgehen. Außerdem hat er hierfür sicher ein hübsches Sümmchen auf sein Konto überwiesen bekommen.

R&B-Sängerin Rihanna hat in „Battleship“ ihre erste Filmrolle und sie fällt als Eye Candy mit Wumme auch nicht unbedingt negativ auf. Nur singen tut sie nicht. Obwohl Musik doch, wie wir seit „Mars Attacks!“ wissen, ein probates Mittel gegen Aliens ist.

Herrje, wenn Regisseur Peter Berg („Operation: Kingdom“, „Hancock“) und die Drehbuchautoren Joe und Erich Hoeber („Whiteout“, „R. E. D.“) nicht schon einige ordentliche bis gute Filme auf ihrem Konto hätten, wäre das ziemlich humorfreie, tatkräftig vom Militär unterstützte „Battleship“ nicht so enttäuschend.

Ein strunzdummer, ohrenbetäubender, das Militär und militärische Tugenden (Ballern! Ballern! Ballern bis der Gegner pulverisiert ist.) hochhaltender Film wäre es trotzdem.

Oder in der Sprache des Film: Treffer! Film versenkt! Mission erfüllt! Kollateralschäden egal!

Aber zum Glück nur in 2D.

Battleship (Battleship, USA 2012)

Regie: Peter Berg

Drehbuch: Joe Hoeber, Erich Hoeber

mit Taylor Kitsch, Alexander Skarsgård, Rihanna, Brooklyn Decker, Tadanobu Asano, Greg Gadson, Liam Neeson, Peter MacNicol, Louis Lombardi (eine Szene als Barkeeper)

Länge: 131 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Battleship“

Rotten Tomatoes über „Battleship“

Wikipedia über „Battleship“


TV-Tipp für den 12. April: Nachtschicht: Vatertag

April 11, 2012

ZDFneo, 20.15

Nachtschicht: Vatertag (D 2004, R.: Lars Becker)

Drehbuch: Lars Becker

Eine ruhige Nacht wird das nicht für Erichsen und sein Team: ein unheilbar an Krebs erkrankter Knacki will seine letzten Tage mit seinem Sohn verbringen. Deshalb entführt er ihn von seinen Adoptiveltern: einem Polizisten, der gerade gegen Erichsen ermittelt. Außerdem macht ein entlaufener Irrer das Revier unsicher.

Nach dem überwältigenden Erfolg des ersten Nachtschicht-Filmes durfte Lars Becker mit den bewährten Schauspielern ein weiteres Mal zuschlagen. Und weil auch der zweite „Nachtschicht“-Film ein voller Erfolg war, folgten seitdem einige weitere sehr gelungene Krimis.

Mit Armin Rohde, Katharina Böhm, Minh-Khai Phan-Thi, Ken Duken, Ercan Durmaz, Axel Prahl

Hinweise

ZDF über „Nachtschicht“

Wikipedia über „Nachtschicht“

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Lars Becker

Lars Becker in der Kriminalakte


Mennan Yapos Kurzfilm „Framed“

April 11, 2012

Bevor Mennan Yapo „Lautlos“ (mit Joachim Król) und „Die Vorahnung“ (Premonition, mit Sandra Bullock) drehte, drehte er 1999 den Kurzfilm „Framed“

„Wir hatten ihn weltweit zu Festivals geschickt und er kam wirklich überall gut an. Die Leute kamen aus dem Film mit einem seltsamen, unerklärlichen Gefühl. Ich weiß noch, wie er in Bilbao lief, Seattle oder in Palm Springs. Und in Hof. Als er dort gezeigt wurde, gab es großartige Reaktionen. Da kamen Filmemacher auf mich zu, die ich nicht kannte. Die haben gesagt: ‚Wow, das ist dein erster Film? Respekt, sehr assoziativ.'“

(Mennan Yapo in Marko Kregel: Hollywood – Traum und Wirklichkeit, Schüren 2012)

 


TV-Tipp für den 11. April: Lone Star

April 11, 2012

SWR, 23.00

Lone Star (USA 1996, R.: John Sayles)

Drehbuch: John Sayles

In Texas wird in der Wüste ein Skelett mit einem Sheriffstern gefunden. Sheriff Sam Deeds (Chris Cooper) versucht den vierzig Jahre alten Mordfall zu klären und schnell fragt er sich, was sein verstorbener Vater, der ungekrönte und immer noch geachtete Herrscher der Stadt, mit dem Mord zu tun hat und ob er sein Andenken beschmutzen soll.

„Sayles ist ein Meisterwerk mehrschichtigen Erzählens gelungen: mit knapp einem Dutzend wichtigen Rollen, mit überlegter Koppelung von Gegenwart und Vergangenheit, lakonisch-doppelsinnigen Dialogen, ausgefeilter Kameraarbeit, Musik, die drei Kulturen einfängt, und atemberaubenden Zeitübergängen.“ (Fischer Film Almanach 1998)

Bei dem Lob vergisst man fast, dass „Lone Star“ auch ein verdammt unterhaltsamer Krimi ist.

Das Drehbuch war für einen Oscar („Fargo“ gewann), einen Golden Globe, den BAFTA, den Independent Spirit Award und den Preis der Writers Guild of America (wieder gewann „Fargo“) nominiert.

mit Chris Cooper, Elisabeth Pena, Kris Kristofferson, Miriam Colon, Matthew McConaughey, Frances McDormand

Hinweise

Wikipedia über „Lone Star“ (deutsch, englisch)

Homepage von John Sayles

John Sayles in der Kriminalakte


DVD-Kritik: James Mason ist „Ausgestoßen“ in einem Noir von Carol Reed

April 10, 2012

Wenn man „Film Noir“ als Genre, als Bezeichnung für Filme, die eine bestimmte Weltsicht und formale Charakteristika teilen, begreift, dann kann ein Noir überall entstehen und spielen. Auch in England und „Ausgestoßen“ von „Der dritte Mann“-Regisseur Carol Reed ist ein ausgezeichnetes Beispiel für einen gelungen Noir. Als der Film kurz nach dem zweiten Weltkrieg für Two Cities Production entstand, war es eine Prestigeproduktion, die auch den BAFTA als bester englischer Film gewann. Gerade deshalb erstaunt, wie konsequent die Noir-Weltsicht in ihrer schwärzesten Form gezeichnet wurde.

Dabei beginnt „Ausgestoßen“ fast harmlos. Der aus dem Gefängnis geflüchtete, in der Bevölkerung als Volksheld verehrte Johnny McQueen (James Mason) plant mit seinen Kumpels einen Banküberfall. Der Überfall geht gründlich schief. Er erschießt in einen Handgemenge einen Kassierer. Er wird angeschossen. Bei der Flucht müssen seine Freunde ihn zurücklassen.

Schwerverletzt stolpert Johnny durch ein labyrinthisches Belfast, das von Polizisten, die ihn jagen, besetzt ist. Während er von einem provisorischem Versteck zum nächsten taumelt und dabei versucht, zu seiner Freundin zu gelangen und dann mit ihr aus der Stadt zu flüchten, entfaltet Carol Reed in prägnanten Szenen ein Panorama menschlicher Niedertracht, Gier und Angst. Denn letztendlich will jeder, der Johnny trifft, ihn nur für seine eigenen Interessen benutzen. Kann es ein noch düsteres Bild der Conditio Humana geben?

Für James Mason war seine Darstellung des aufgrund seiner Verletzung weitgehend passiven Johnny die Beste in seiner Karriere und es ist auch sein liebster Carol-Reed-Film.

Auch Roman Polanski ist ein Fan des heute zu Unrecht fast unbekannten Noirs: „Kein Film hat mich glücklicher gemacht.“

Ausgestoßen (Odd Man Out, GB 1947)

Regie: Carol Reed

Drehbuch: F. L. Green, R. C. Sheriff

LV: F. L. Green: Odd Man Out, 1945 (Der Terrorist)

mit James Mason, Robert Newton, Cyril Cusack, Kathleen Ryan, F.J. McCormick, William Hartnell, Fay Compton, Denis O’Dea, W.G. Fay, Maureen Delaney

DVD

Koch Media (Film Noir Collection 9)

Bild: 1.37:1 (4:3)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: 12-seitiges Booklet mit einem Essay von Thomas Willmann, Bildergalerie, Drehbuch (als PDF)

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Ausgestoßen“ (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über „Ausgestoßen“ (und hier der Eintrag)

Noir of the Week über „Ausgestoßen“


TV-Tipp für den 10. April: Rufmord – Jenseits der Moral

April 10, 2012

ZDFneo, 20.15

Rufmord – Jenseits der Moral (USA/GB/D 2000, R.: Rod Lurie)

Drehbuch: Rod Lurie

Als der US-Präsident eine Frau (damals praktisch undenkbar, heute egal) zu seiner Stellvertreterin ernennt, beginnt ein Republikaner eine Schmutzkampagne.

Gut, das Zieren der designierten Stellvertreterin, nichts aus ihrem Privatleben der Öffentlichkeit zu verraten, weil es nichts mit ihrer Arbeit zu tun hat, ist so weltfremd in der Politik, dass es den gesamten Film schwächt. Davon abgesehen bietet „Rufmord“ tolles Schauspielerkino, das auch einen guten Blick hinter die Kulissen der Macht gibt.

Inspiriert wurde „Rufmord“ von der zunehmend unappetitlichen Kampagne der Republikaner gegen Präsident Bill Clinton.

mit Gary Oldman, Joan Allen, Jeff Bridges, Christian Slater, Sam Elliott, William Petersen, Saul Rubinek, Philip Baker Hall

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Rufmord“

Wikipedia über „Rufmord“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 9. April: Duplicity – Gemeinsame Geheimsache

April 9, 2012

ZDF, 22.00

Duplicity – Gemeinsame Geheimsache (USA 2009, R.: Tony Gilroy)

Drehbuch: Tony Gilroy

Nach Agententhriller (die “Bourne”-Serie) und Politthriller (“Michael Clayton”) ist er jetzt bei der romantischen Thriller-Komödie mit Screwball-Elementen angelangt: zwei Industriespione, die eine Liebe-Hass-Beziehung (ersteres persönlich, letzteres beruflich) pflegen, beschließen, ihre Bosse um einige Millionen zu erleichtern. Aber können sie sich trauen? Und können sie mit dem Geld entkommen?

Die Kritiken tendieren zu einem leichten „ich hätte mehr erwartet“, aber zwei Stunden gepflegte Unterhaltung sind garantiert. „Mit viel doppelbödigem Charme und herausragendem Ensemble macht Tony Gilroy aus der Agentenromanze einen wunderbaren Film.“ (Thomas Klein, tip 10/2009)

Mit Julia Roberts, Clive Owen, Tom Wilkinson, Paul Giamatti, Ulrich Thomsen (als Big Swiss Suit; – was einiges über die Größe der Rolle aussagt)

Wiederholung: Mittwoch, 11. April, 00.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Amerikanische Homepage zum Film

Film-Zeit über „Duplicity“

Rotten Tomatoes über „Duplicity“

Wikipedia über „Duplicity“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 8. April: Avatar – Aufbruch nach Pandora

April 8, 2012

RTL, 20.15

Avatar – Aufbruch nach Pandora (USA 2009, R.: James Cameron)

Drehbuch: James Cameron

Optisch beeindruckender, storytechnisch ziemlich unterirdischer SF-Fantasy-Film, der den 3D-Boom auslöste und Unsummen einspielte. Denn Cameron erzählt einfach die sattsam bekannte Geschichte vom edlen Wilden und dem gierigen Kapitalisten, voller Logiklöcher, Merkwürdigkeiten und auch Längen nach.

mit Sam Worthington, Zoe Saldana, Sigourney Weaver, Michelle Rodriguez, Giovanni Ribisi, Joel David Moore, Stephen Lang, CCH Pounder, Wes Studi

Wiederholung: Montag, 9. April, 14.55 Uhr

Hinweise

Film-Zeit über „Avatar“

Rotten Tomatoes über „Avatar“

Wikipedia über „Avatar“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „Avatar“ von James Cameron


DVD-Kritik: „Amer“ ist nicht Kommerz, sondern Kunst

April 7, 2012

Vielleicht muss es so aussehen, wie in „Amer“, wenn aus Trash Kunst wird. Hélène Cattet und Bruno Forzani haben sich den den Giallo, ein in den siebziger Jahren beim Publikum beliebtes und kommerziell entsprechend erfolgreiches Subgenre des italienischen Kriminal- und Horrorfilm, das inzwischen von einigen Regisseuren gefeiert und von der Kritik rehabilitiert (wenigstens teilweise) wurde, als stilistische Vorlage für ihr Schaffen genommen. Denn neben ihrem Spielfilm „Amer“ gibt es auf der DVD noch vier, schon ältere Kurzfilme, die stumme Vorstudien und auch Variationen von „Amer“ sind. Immer geht es um Sex und Gewalt, möglichst explizit in den den Andeutungen, aber möglichst abstrakt in der Ausführung und immer mit einem Soundtrack, der Geräusche und Musik zu einer beunruhigenden Klangcollage verbindet.

Aber während die Kurzfilme meistens eine Aneinanderreihung von Bildserien sind, ist „Amer“ ein Spielfilm, der viel Raum für Assoziationen lässt und mit einem Minimum an Dialogen auskommt. Immer geht es um das Feiern des Augenblicks und dem Hervorrufen von bestimmten Gefühlen.

Das ist in dem ersten Teil von „Amer“, der strukturell aus drei sehr locker miteinander verknüpften Kurzfilmen mit der gleichen Protagonistin in verschiedenen Lebensphasen besteht, noch spannend. Immerhin versucht ein Mädchen damit umzugehen, dass in dem Herrenhaus der tote Großvater aufgebahrt ist, ihre Eltern sich lautstark streiten, die Großmutter durch das Haus schleicht und alles etwas seltsam ist. Sex, Tod und Gewalt liegen wie ein Pesthauch über den Bildern, die anscheinend direkt aus einem Siebziger-Jahre-Italo-Horrorfilm kommen.

Aber schnell wird deutlich, dass es hier nur um Stimmungen geht; was ja nicht so schlimm ist. Immerhin hat Dario Argento, der „Amer“ unübersehbar in jeder Sekunde beeinflusste, sein gesamtes Œuvre darauf aufgebaut.

Aber während Argento und seine Kollegen immer noch eine, wenn auch abstruse Story erzählte, sind Hélène Cattet und Bruno Forzani nur noch an den Stimmungen interessiert, die sie teilweise über Minuten ausdehnen. Wenn in dem zweiten Segment, das eher an einen der soften Italo-Sexfilme der siebziger Jahre (Sommer, Sonne, viel Gegenlicht, leichte Kleidung, aber die Schönheit leckt sich nur die Lippen und öffnet den obersten Knopf ihres Kleides) erinnert, die Protagonistin, die sich gerade ihres Frau-Seins bewusst wird, eine gefühlte halbe Stunde an einer Handvoll, sie lüstern anstarrender Motorradfahrer vorbeiparadiert, dann ist das so übertrieben wie in einem Michael-Bay-Film, der ebenfalls den Augenblick bis zum Erbrechen zelebriert.

Gleichzeitig wird immer deutlicher, dass „Amer“ Kunst ist, der mit der Form des Giallos spielt und besser als einzeln präsentierte Kurzfilme oder in einer Kunstausstellung aufgehoben wäre. Als Spielfilm langweilt der surreale Experimentalfilm nur zunehmend.

Amer – Ein Alptraum aus Angst und Begierde (Amer, Frankreich/Belgien 2009)

Regie: Hélène Cattet, Bruno Forzani

Regie: Hélène Cattet, Bruno Forzani

mit Marie Bos, Delphine Brual, Cassandra Foret, Charlotte Eugène-Guibbaud, Harry Cleven

DVD

Koch Media

Bild: 2,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Französisch (Dolby Digital 5.1, DTS)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Vier Kurzfilme von Cattet und Forzani (Catharsis, Chambre Jaune, L’étrange portrait de dame en jaune, La fin de notre amour), Kinotrailer, Wendecover

Länge: 88 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Eskalierende Träume: Interview mit Hélène Cattet und Bruno Forzani (23. August 2010)

Blutbengel über „Amer“ (12. Januar 2012)

 


TV-Tipp für den 7. April: Der große Coup

April 7, 2012

RBB, 23.35

Der große Coup (USA 1973, R.: Don Siegel)

Drehbuch: Dean Riesner, Howard Rodman

LV: John Reese: The Looters, 1968 (später wegen des Films “Charley Varrick”)

Zufällig klaut Charley Varrick bei einem Überfall auf eine Provinzbank eine dreiviertel Million Dollar. Dummerweise gehört das Geld der Mafia – und die versteht keinen Spaß.

Herrlich amoralischer Gangsterfilm, bei dem ein Einzelner einen scheinbar hoffnungslosen Kampf gegen eine große, skrupellose Organisation aufnimmt.

„In diesem besten von Siegels späten Filmen wird nicht nur mit dem Genre gespielt, bis ein Westernmuster in einem Mafiafilm aufscheint, sondern sein Drehbuch ist auch derart ausgefeilt, dass es seine Wahrheit erst im letzten Moment offenbart.“ (Kevin Gough-Yates, in Frank Arnold/Michael Esser [Hrsg.]: Dirty Harry – Don Siegel und seine Filme)

John Reese schrieb in erster Linie Western.

Mit Walter Matthau, Joe Don Baker, John Vernon, Felicia Farr, Don Siegel (als Tischtennisspieler)

Hinweise

Wikipedia über „Der große Coup“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Don Siegels „Der Tod eines Killers“ (The Killers, USA 1964 – Ronald Reagans letzter Film)

Meine Besprechung von Don Siegels „Der letzte Scharfschütze“ (The Shootist, USA 1976 – John Waynes letzter Film)

Kriminalakte über Don Siegel


TV-Tipp für den 6. April: Sin City – Recut & Extended

April 6, 2012

Pro7, 23.00

Sin City (USA 2005, R.: Frank Miller, Robert Rodriguez, Quentin Tarantino [special guest director])

Drehbuch: Frank Miller

LV: Frank Miller: Sin City (verfilmte Geschichten: The Hard Goodbye [1991], The Big Fat Kill [1994], That Yellow Bastard [1996], The Customer is Always Right[1994])

Kongeniale Verfilmung einiger Geschichten aus der düsteren „Sin City“-Welt.

Heute läuft nicht die Kinofassung, sondern die etwas längere „Recut & Extended“-Version, mit einer Betonung auf „Recut“.

Mit Jessica Alba, Powers Boothe, Jude Ciccolella, Rosario Dawson, Benicio Del Toro. Josh Hartnett, Rutger Hauer, Jamie King, Michael Madsen, Frank Miller, Brittany Murphy, Clive Owen, Mickey Rourke, Nick Stahl, Bruce Willis, Elijah Wood

Wiederholung: Sonntag, 8. April, 00.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Schnittberichte vergleicht die Kino- mit der Recut-Version

Meine Besprechung von Frank Miller/Geoff Darrows „Hard Boiled“ (Hard Boiled, 1990/1992)

Meine Besprechung von Frank Miller/Dave Gibbons: Martha Washington – Ein amerikanischer Traum (Band 1), 2010 (Give me liberty, 1990)


Neu im Kino/Filmkritik: „The Lady“ – ein Biopic über Aung San Suu Kyi

April 5, 2012

Wir haben Luc Besson. Der Mann, der „Subway“, „Nikita“, Leon, der Profi“ und „Das fünfte Element“ inszenierte und in den vergangenen Jahren, gefühlt, mindestens jeden zweiten französischen Action-Film produzierte.

Wir haben Michelle Yeoh. Die Hongkong-Action-Schauspielerin, die in „Heroic Trio“ entzückte, kurz darauf in „Der Morgen stirbt nie“ James Bond verkloppte, danach in „Tiger & Dragon“ und „Die Geisha“ mitspielte, inzwischen auch als Schauspielerin anerkannt ist und die treibende Kraft bei „The Lady“ war.

Wir haben ein beeindruckendes Schicksal. Nämlich das von Aung San Suu Kyi, die, mit kurzen Unterbrechungen, über zwanzig Jahre in der Militärdiktatur Birma (bzw. Burma oder Myanmar) im Hausarrest gefangen gehalten wurde, 1991 für ihr gewaltfreies Engagement für die Demokratie und Menschenrechte den Friedensnobelpreis erhielt und jetzt, bei Nachwahlen, endlich triumphierend in das Parlament einziehen dürfte.

Wir haben den Spielfilm „The Lady – Ein geteiltes Herz“, der auf ihrem Leben basiert. Aung San Suu Kyi wird von Michell Yeoh gespielt und Luc Besson setzte sich wieder auf den Regiestuhl. Dass er starke Frauen inszenieren kann, bewies er immer wieder. So auch 1999 in „Johanna von Orleans“. Damals inszenierte er eine bildgewaltige, durchaus umstrittene, Schlachtplatte mit einer jungen Action-Heroine, die auch ein gläubiges Erweckungserlebnis hatte und zur fanatischen Anführerin gegen die Unterdrücker wurde.

Aung San Suu Kyi ist das gewaltfreie Gegenmodell zu Johanna von Orleans und Bessons Film erzählt auch weniger von ihrem politischen Kampf, sondern von ihrer Liebe zu ihrem Mann und ihren Kindern. „The Lady“ ist kein Biopic über eine Politikerin, sondern über eine Ehefrau, die von ihrem Mann getrennt wird.

Und genau das ist die Crux von „The Lady“. Anstatt uns zu erklären, warum die am 19. Juni 1945 geborene Aung San Suu Kyi, nachdem sie jahrelang nicht in ihrer Heimat war, sich als 43-jährige glücklich verheiratete Mutter plötzlich politisch engagiert, nach dem Tod ihrer Mutter nicht wieder nach England zu ihrem über alles geliebten Ehemann (David Thewlis als leicht zerstreuter Wissenschaftler) und ihren beiden Kindern zurückkehrt, sondern in ihrem Heimatland bleibt und die Repressionen erduldet, wird in dem Film vor allem ein erstaunlich intaktes Familienidyll gezeigt. Denn trotz der Trennung stehen sie einmütig zusammen.

Aber so beantworten die Macher von „The Lady“ die für den Film zentrale Frage, was diese Frau antreibt, nicht. Sie versuchen es noch nicht einmal wirklich.

Es wird auch nie genauer auf ihr politisches Programm eingegangen. Stattdessen darf sie, als gut aussehendes Symbol der Demokratiebewegung, schüchtern lächelnd durch das Land ziehen, Hände schütteln und Reden über die Vorzüge von freien Wahlen halten. Dagegen kann nun wirklich niemand, vor allem im demokratischem Westen, etwas haben.

Am Ende des über zweistündigen Films bleibt nur eine gut inszenierte, gut gespielte, arg propagandistische und zu lang geratene Heldenverehrung übrig, der es gelingt, das Leben einer Politikerin gänzlich unpolitisch und reduziert auf das private Drama zu erzählen.

The Lady – Ein geteiltes Herz (The Lady, Frankreich/Großbritannien 2011)

Regie: Luc Besson

Drehbuch: Rebecca Frayn

mit Michelle Yeoh, David Thewlis, Jonathan Raggett, Jonathan Woodhouse, Susan Wooldridge, Benedict Wong

Länge: 127 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Lady“

Rotten Tomatoes über „The Lady“

Wikipedia über „The Lady“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Iron Sky“ bringt die Nazis 1945 auf den Mond – und 2018 zurück

April 5, 2012

Die Geschichte hinter dem Film

 

Jahrelang geisterte „Iron Sky“ durch das Internet. Zuerst als spinnerte Idee, die ungefähr so lautete: „Wir machen einen Film, in dem Nazis auf der Rückseite des Mondes leben.“ Da konnte jeder seinen Senf dazu geben.

Danach wurde gemunkelt, das Budget für diesen Film sollte aus einer neuen Geldquelle stammen. Nämlich nicht aus den Taschen eines mächtigen Produzenten oder aus verschiedenen Fördertöpfen. Nein, „Iron Sky“ sollte von seinen Fans finanziert werden. Crowd Investment wird das genannt – und so neu ist das auch nicht. Denn schon immer haben Regisseure ihre Debüts teils auf sehr abenteuerlichen Wegen finanziert.

Die Idee des Crowd Investment wurde skeptisch beäugt. Würde es wirklich auf diesem Weg gelingen, einen Film zu finanzieren? Und was für ein Film soll entstehen, wenn tausende Leute, von denen die Meisten keine Ahnung vom Filme machen haben, mitreden dürfen? Denn schon die Besprechungen für einen normal finanzierten Film sind aufreibend genug.

Jetzt ist „Iron Sky“ fertig, er wurde auf der Berlinale gezeigt, startet heute im Kino und ein Blick auf die Zahlen ernüchtert.

Denn wie schon ein Blick auf die Namen der Geldgeber zeigt, waren ganz viele Investoren dabei, die auch viele andere Filme finanzieren. Offiziell beträgt das Budget 7,5 Millionen Euro, davon kamen 750.000 Euro von der Crowd, der Rest ganz traditionell von Produzenten und aus Fördertöpfen, wie Hessen Invest und DFFF. Da scheint, auch wenn durch das Crowd Funding Finanzierungslücken geschlossen werden konnten und Regisseur Timo Vuorensola auf die Fanbasis von seinem No-Budget-Film „Star Wreck: In the Pirkinning“ aufbauen konnte, doch eher ein Marketing-Gag und weniger die Zukunft der Filmfinanzierung zu sein.

 

Der Film

 

Schon in der ersten Minute von „Iron Sky“ ist klar, dass Timo Vuorensolas kein wackeliges, amateurhaftes You-Tube-Video oder eine reine Selbstbespaßung der kleinen Geldgeber (aka „The Crowd“) machen wollte. Nein, „Iron Sky“ ist ein richtiger Spielfilm, der auch ohne große Verrenkungen und fünfmaliges Ausrufen der alles entschuldigenden Zauberformel „Trash!“ wie ein Spielfilm besprochen werden kann.

2018 entdeckt eine US-amerikanische Mondmission, dass auf der Rückseite des Mondes Nazis, die kurz vor dem Ende des zweiten Weltkriegs mit Reichsflugscheiben (Ähem, volkstümlich Ufos.) in den Weltraum flüchteten und dort ihr Reich aufgebaut haben. Durch die Entdeckung beunruhigt, beschließt ihr Führer Wolfgang Kortzfleisch (Udo Kier) mit der schon lange geplanten Invasion der Erde zu beginnen.

Als Voraustrupp werden Nachrichtenübermittlungsoberführer Klaus Adler (Götz Otto) und seine Künftige, die stramme Lehrerin Renate Richter (Julia Dietze), zusammen mit dem gefangenen afroamerikanischen Astronauten James Washington (Christopher Kirby), der vor allem wegen seines Aussehens auf die Mondmission geschickt wurde, auf die Erde geschickt. Sie sollen der Präsidentin der USA ihre Forderung zur bedingungslosen Aufgabe überbringen und einige Smartphones, die die dringend benötigte Technik für ihre Nazi-Überwaffe enthalten, besorgen.

Die Präsidentin, ein Sarah-Palin-Lookalike, ist gerade im Wahlkampf und findet da, vor allem weil die als Wahlkampf-Aktion geplante Mondmission schiefging, erstens, den Nazi-Look von Klaus Adler und Renate Richter toll, und hält, zweitens, einen Krieg, vor allem gegen Nazi-Invasoren, für das sichere Ticket zu ihrer Wiederwahl.

Während die Story weitgehend in den bekannten Fahrwassern der Alien-Invasionsfilme spielt, und gerade im Mittelteil, wenn die Nazis zu Wahlkampfhelfern werden, vor sich hin plätschert, sorgen die vielen Ideen und teils platten satirischen Spitzen immer wieder für Lacher. Denn die Idiotien des Wahlkampfs, Sarah Palin (heute vergessen, 2008 Vizepräsidentinkandidatin) und das Gebaren der Politiker in internationalen Gremien sind dankbare, aber auch einfache Opfer. Das gleiche gilt für die Werbewelt, die in „Iron Sky“ hoffnungslos und vollkommen unkritisch dem Nazi-Look und deren Herrenmenschenideologie verfällt.

Bei dem Ausmalen der Welt der Nazis haben die Macher dann wirklich viel Liebe zum Detail bewiesen. Denn sie haben die Technik und auch Optik der vierziger Jahre in die nahe Zukunft fortgesponnen. Es ist eine Steampunk-Welt, in der die Technik in vielen Punkten einfach stehen geblieben ist. Daher erfolgt die Invasion der Nazis am Ende des Films auch stilecht mit Zeppelinen. Tilo Prückner darf als Nazi-Wissenschaftler den Mad Scientist spielen, der seit Jahrzehnten an der „Götterdämmerung“, der Überwaffe der Nazis, die gegen Filmende, nachdem er mit einem Smartphone, das deutliche kleiner und leistungsfähiger als seine Computer ist, die letzten technischen Probleme löst, auch eingesetzt wird.

Und es gibt noch viele weitere gelungene Details, wie das arisierende Albinoserum, die Architektur der Mondstation konform zu den bekannten Nazi-Symbolen und die Anweisung, was bei einem Alarm zu tun ist.

Die Tricks sind, vor allem wenn man das Budget bedenkt, erstaunlich gelungen und sie müssen sich wirklich nicht vor deutlich höher budgetierten Hollywood-Produktionen verstecken. Schließlich waren sie bei „Independence Day“ auch nicht besser. Aber im Gegensatz zu Roland Emmerichs Kassenhit gibt es in Timo Vuorensolas „Alien“-Invasionsfilm eine ordentliche Portion Humor. Fast so, als habe man einen Remix aus „Independence Day“ und „Mars Attacks“ gemacht und die Aliens durch Nazis ersetzt.

Iron Sky (Iron Sky, Finnland/Deutschland/Australien 2012)

Regie: Timo Vuorensola

Drehbuch: Michael Kalesniko, Johanna Sinisalo (nach einem Konzept von Jarmo Puskala)

Musik: Laibach

mit Julia Dietze, Götz Otto, Udo Kier, Christopher Kirby, Tilo Prückner, Peta Sergeant, Stephanie Paul

Länge: 93 Minuten

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Iron Sky“

Rotten Tomatoes über „Iron Sky“

Wikipedia über „Iron Sky“ (deutsch, englisch)

Süddeutsche Zeitung: Gunnar Herrmann über die Finanzierung von „Iron Sky“ (4. April 2012)

Bonusfilm

„Star Wreck: In the Pirkinning“ von „Iron Sky“-Regisseur Timo Vuorensola