TV-Tipp für den 25. Februar: Boxcar Bertha – Die Faust der Rebellen

Februar 25, 2012

ZDFkultur, 22.30

Boxcar Bertha – Die Faust der Rebellen (USA 1972, R.: Martin Scorsese)

Drehbuch: Joyce H. Corrington, John William Corrington

LV: Boxcar Bertha Thompson (aufgeschrieben von Ben L. Reitman): Sister of the Road

USA in den frühen Dreißigern: die Landstreicherin Bertha und ihr Freund, der Gewerkschaftler Bill, schlagen sich durch das amerikanische Hinterland. Dabei werden sie, eher durch Zufall, zu Zugräubern und Volkshelden. Die Eisenbahngesellschaft ist davon nicht begeistert.

„Boxcar Bertha“ wurde von Roger Corman produziert und er ließ Scorsese auch, solange er genug Sex und Gewalt in dieser Bonnie-und-Clyde-Variante unterbrachte, freie Hand. Das Endergebnis ist, obwohl einige Szenen (wozu vor allem das inzwischen legendäre Ende mit dem gekreuzigten Bill an einem Zugwaggon gehört) sehr gelungen sind und schon einiges von Scorseses Talent verraten, enttäuschend.

„Was auch immer an soziologischen, politischen oder dramaturgischen Ambitionen möglicherweise in der Story gelegen hat, wurde rücksichtslos aus der Handlung entfernt, so dass keine der Figuren Interesse oder Sympathie erweckt. Kaum einmal wird versucht, das Gemetzel zu rechtfertigen.“ (Variety)

Als Scorseses Freund und Kollege John Cassavetes den Rohschnitt des Films sah, forderte er ihn auf, nicht noch einen belanglosen Film, sondern einen Film, der ihm wirklich wichtig sei, zu drehen. Scorsese beherzigte den Rat und drehte „Hexenkessel“. Der Rest ist Geschichte.

Mit Barbara Hershey, David Carradine, John Carradine, Barry Primus, Bernie Casey, Victor Argo, David R. Osterhout, Harry Northup

Wiederholung: Sonntag, 26. Februar, 01.25 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über „Boxcar Bertha“ (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über „Boxcar Bertha“

Wikipedia über Martin Scorsese (deutsch, englisch)

Martin-Scorsese-Fanseite

Meine Beprechung von Martin Scorseses „Hugo Cabret“ (Hugo, USA 2011)

Martin Scorsese in der Kriminalakte


Neu im Kino/FIlmkritik: „Shame“ – die zweite Zusammenarbeit von Steve McQueen und Michael Fassbender

Februar 24, 2012

Shame“, der zweite Spielfilm von Künstler Steve McQueen, wieder mit Michael Fassbender in der Hauptrolle, ist in vielerlei Hinsicht das Gegenstück zu seinem Debüt „Hunger“.

Während in „Hunger“ die IRA-Gefangenen keine Freiheiten hatten, sie die Zellenwände mit ihren Exkrementen beschmierten und Bobby Sands, der so etwas wie der Protagonist des Films ist, sich zu Tode hungerte, ist in „Shame“ alles klinisch sauber und der Protagonist genießt alle Freiheiten, die das Leben in der Großstadt bietet. Niemand schreibt ihm vor, wie er zu Leben hat. Brandon ist Single, arbeitet in einem modernen Büro (wobei nie klar wird, welchen Beruf er hat), seine Eltern sind tot und zu seiner Schwester bemüht er sich, keinen Kontakt zu haben. Sein Leben ist bestimmt vom ständigen Sex. Mal mit Frauen, mal allein, mal im Internet; egal, solange es keine langfristige Bindung oder Liebe gibt. Dabei hat er sich inzwischen in einem selbstgebauten, unsichtbaren Gefängnis isoliert.

Diese Charakterstudie ist konventioneller als „Hunger“, bei dem ein gesättigtes Hintergrundwissen über den Nordirlandkonflikt, das Gefängnisleben der IRA-Häftlinge, den Hungerstreik von 1981 und den Hungerstreiktod von Bobby Sands am 5. Mai 1981 hilfreich zum Verständnis des Films sind, der sonst eine unübersehbare Tendenz zur l’art pour l’art hat. In „Shame“ gibt es von Anfang an einen identifizierbaren Protagonisten und einen Hauch von Story. Denn der Film ist in erster Linie das dialogarme Porträt eines scheinbar erfolgreichen Mannes, dessen Leben sich nur noch um Sex dreht.

Steve McQueen vertraut wieder einmal auf seine Schauspieler, die Bilder, die Bildkompositionen und die Schnitte. Es gibt, wie auch in „Hunger“, lange Szenen und statische Einstellungen. So läuft Fassbender, eine gefühlte Ewigkeit und ohne einen Schnitt, mehrere Blocks durch das nächtliche Manhattan. Oder Carey Mulligan (zuletzt „Drive“), die seine ebenfalls verhaltensgestörte Schwester spielt, singt die durch Frank Sinatra bekannt gewordene Hymne „New York, New York“ und ihr Gesang und die Reaktionen der anderen Schauspieler wurden mit mehreren Kameras gleichzeitig aufgenommen. Und wie er die moderne Großstadt- und Büroarchitektur in seine Geschichte einbezieht, verrät den Blick eines Künstlers.

Aber „Shame“ bleibt letztendlich ein rein intellektuelles Vergnügen, bei dem man für sich locker die Lücken ausfüllt, die McQueen und seine Autorin Abi Morgan (zuletzt „Die eiserne Lady“) lassen. Denn auch ohne eine umfassende Recherche, wie sie es getan haben, und Hintergrundwissen, wie es für „Hunger“ nötig war, um den Film nicht nur als Kunstwerk zu sehen, weiß man einiges über Sexsucht und die Frage, ob die Freiheiten der Moderne für den Einzelnen wirklich gut sind, ist leicht verständlich. Auch wenn sie in „Shame“ an einem Extremfall dargestellt wird, der, auch weil die Vergangenheit von Brandon höchstens in einigen Nebensätzen angesprochen wird, eher als exotisch wahrgenommen wird und die Macher unschlüssig waren, ob sie eben jenen Einzelfall zeigen wollten, der das strukturelle Gegenstück zu Bobby Sands in „Hunger“ ist, sie etwas über Anonymität, Freiheit und Sexsucht in der Großstadt (vulgo den Mensch in der sexualisierten Gesellschaft) sagen wollten oder eine Krankheit, was Sexsucht wie Alkoholismus ist und die bei den Betroffenen, so McQueen, zu immer neuem Sex und dem Gefühl der Scham darüber führt, schildern wollten.

Insofern lässt „Shame“ einen etwas unbefriedigt zurück: großartige Schauspieler, großartige Regie, Kamera und Schnitt, aber emotional ungefähr so berührend wie ein abstraktes Gemälde.

Shame (Shame, GB 2011)

Regie: Steve McQueen

Drehbuch: Steve McQueen, Abi Morgan

mit Michael Fassbender, Carey Mulligan, James Badge Dale, Nicole Beharie

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Bundesweiter Kinostart am 1. März 2011 (wir Berliner haben einen vorgezogenen Start spendiert bekommen)

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Facebook-Seite zum Film

Film-Zeit über „Shame“

Rotten Tomatoes über „Shame“

Wikipedia über „Shame“ (deutsch, englisch)

Bonushinweise

Ein aktuelles Interview (30. November 2011) von Scott Feinberg mit Steve McQueen und vielen störenden Nebengeräuschen (Merke: es ist keine gute Idee, ein Interview in einem Café aufzunehmen!)

Und ein Interview mit Steve McQueen und Michael Fassbender (ohne störende Nebengeräusche)

 


TV-Tipp für den 24. Februar: Das Gesetz der Ehre

Februar 24, 2012

Pro7, 22.05

Das Gesetz der Ehre (USA 2008, Regie: Gavin O’Connor)

Drehbuch: Joe Carnahan, Gavin O’Connor

New York, heute: ein junger Detective soll ein mysteriöses Massaker aufklären und stößt auf einen Sumpf auf Korruption und Verrat in den eigenen Reihen.

Just another Cop-Movie mit Knatsch in Familie 1 (Vater, Bruder, nichtsnutzige Verwandtschaft, Frauen) und Familie 2 (Vater, Bruder, nichtsnutziger Verwandtschaft, korrupten Kollegen; – gerne in Personalunion).

Aber da ich ein Fan von Cop-Filmen bin…

Mit Edward Norton, Colin Farrell, Jon Voight, Noah Emmerich, Jennifer Ehle, Frank Grillo

Wiederholung: Samstag, 25. Februar, 02.25 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Das Gesetz der Ehre“

Wikipedia über “Das Gesetz der Ehre” (deutsch, englisch)

eFilm-Critic: Interview mit Gavin O’Connor zum Film 


Neu im Kino/Filmkritik: Charlize Theron ist, mit der Hilfe von Diablo Cody und Jason Reitman, „Young Adult“

Februar 23, 2012

Die 37-jährige Jugendbuchautorin Mavis Gary (Charlize Theron, großartig) hat es geschafft. Ihr gelang die Flucht aus einem kleinen Minnesota-Kaff in die große Stadt. Dass sie in Minneapolis (380.000 Einwohner) die meiste Zeit allein in ihrem Zimmer verbringt und mit einer milden Schreibblockade auf den Computerbildschirm starrt, ist doch egal.

Als sie erfährt, dass ihre Highschoolliebe jetzt stolzer Vater ist, beschließt sie, in ihren Geburtsort zurückzukehren und ihn aus der Kleinstadthölle zu befreien. Dass die Schönheitskönigin mit der spitzen Zunge bei ihren Klassenkameradinnen nicht gerade die Beliebteste war und dass Buddy Slade (Patrick Wilson, sympathisch wie immer) glücklich verheiratet ist und überhaupt nicht daran denkt, die Kleinstadt zu verlassen, stört sie nicht. Sie ist überzeugt, dass mit dem verstärkten Einsatz ihrer weiblichen Reize (aufgehübscht durch die passende Kleidung, Make-Up und Perücke) alles möglich ist.

Während Mavis sich in die aussichtslose Schlacht um ihren Ex wirft, beobachten wir zunehmend distanziert, eine Frau, die nicht erwachsen werden will (was okay ist) und die keinen Blick für die Wirklichkeit hat. Für sie muss sich die Wirklichkeit nach ihrem Willen richten.

Ach, was hätte nicht alles aus dieser Idee werden können. Immerhin arbeiten bei „Young Adult“ Jason Reitman und Diablo Cody wieder zusammen.

Genau, die Diablo Cody die für ihr erstes Drehbuch „Juno“ gleich den Oscar erhielt.

Und der Jason Reitman, der die intelligenten Komödien „Thank you for Smoking“, „Juno“ und „Up in the Air“ inszenierte und der für seine Filme bislang, nach der IMDB, über fünfzig Preise erhielt.

Da sind die Erwartungen natürlich etwas höher und die Enttäuschung über diesen Film, der weder Fisch noch Fleisch ist, ist vielleicht etwas heftiger. Denn für eine Komödie (und so wird der Film beworben) ist „Young Adult“ nicht witzig genug. Ich musste nicht einmal lachen. Und für ein Drama zu unernst und, auch aufgrund der nicht vorhandenen Fallhöhe (Was passiert, wenn sie ihr Ziel nicht erreicht?) nicht dramatisch genug.

Das liegt auch daran, dass Mavis als Autorin vielleicht erfolgreich ist, aber sie ist auch ziemlich dumm in ihrer Verkennung der Wirklichkeit und ihrer absoluten Ich-Bezogenheit, mit der sie sich für das Zentrum der Galaxie hält. Entsprechend überschaubar ist die Empathie mit ihr und unsere Identifikation mit ihrem Ziel. Denn anstatt zu hoffen, dass sie eine glückliche Ehe zerstört, hoffen wir, dass sie ihr Ziel nicht erreicht. Sie soll endlich erwachsen werden; was auch immer damit gemeint ist.

Eben jener Prozess eines verspäteten Erwachsen-Werdens wird in der mutlosen Anti-Romantic-Comedy „Young Adult“, die niemand weh tun will, erschreckend zäh in einer absolut vorhersehbaren Geschichte erzählt.

Young Adult (Young Adult, USA 2011)

Regie: Jason Reitman

Drehbuch: Diablo Cody

mit Charlize Theron, Patton Oswalt, Patrick Wilson, Elizabeth Reaser, Collette Wolfe, Jill Eikenberry, Richard Bekins, Mary Beth Hurt, Kate Nowlin

Länge: 94 Minuten

FSK: keine Alterbeschränkung

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Young Adult“

Rotten Tomatoes über „Young Adult“

Wikipedia über „Young Adult“ (deutsch, englisch)

Diablo Cody in der Kriminalakte

Zum Schluss ein Wort von den Machern

 


Neu im Kino/FIlmkritik: Denzel Washington und Ryan Reynolds müssen das „Safe House“ verlassen

Februar 23, 2012

Der junge, idealistische CIA-Angestellte Matt Weston (Ryan Reynolds) langweilt sich in seinem Job. In Kapstadt bewacht er ein Safe House. Schon seit gefühlten Ewigkeiten. Denn bislang geschah nichts aufregendes. Das ändert sich als Tobin Frost (Denzel Washington), ein seit langem flüchtiger CIA-Agent, der sich jetzt mit höchst zwielichtigen Geschäften durchschlägt und, weil er von einer Armee gut ausgerüsteter Männer, die ihn umbringen wollen, verfolgt wird, in amerikanische Obhut begeben hat, bei ihm als gut bewachter Gast eingeliefert wird.

Während Frosts CIA-Bewacher gerade aus ihm einige Informationen herausfoltern wollen, wird das Safe House überfallen. Weston kann mit dem Gefangenen Frost, auf den er laut Dienstvorschrift aufpassen soll, flüchten.

Auf ihrer Flucht quer durch Südafrika haben sie immer noch ihre schießwütigen Verfolger an der Hacke, das CIA-Rettungsteam ist zwar unterwegs, muss aber erst eingeflogen werden, und ob Weston seinen Vorgesetzten vertrauen kann, weiß er nicht. Frost jedenfalls behauptet, dass ein CIA-Maulwurf das Safe House verraten habe.

Klingt doch spannend? So richtig schön paranoides Actionfutter für den Polit-Thriller-Fan. Aber „Safe House“ ist, trotz „Bourne“-Anleihen, eine ziemliche Enttäuschung. Das liegt allerdings weniger an der komplett vorhersehbaren Story, deren größte Überraschung letztendlich die Abwesenheit von Überraschungen ist. Denn dass der als superböse eingeführte Tobin Frost einer der Guten ist, dürfte nur jemand überraschen, der zuletzt im Kino war, als Afroamerikaner noch Neger hießen und immer den Bösewicht spielen mussten. Immerhin wird Frost von Denzel Washington gespielt – und er spielt ihn auch mit spürbarer Lust. Den wirklichen Bösewicht – das sind die Freuden des Type-Castings – habe ich schon bei seinem ersten Auftritt erkannt.

Nein, das Scheitern von „Safe House“ liegt an der durch die „Bourne“-Filme trendy gewordenen Wackelkamera und den Sekundenschnitten, die Tony Scott in dem Denzel-Washington-Film „Mann unter Feuer“ perfektionierte und damit seinen nächsten Film „Domino“ komplett ruinierte. Beides ist meistens für die Geschichte vollkommen überflüssig und, anstatt in die Geschichte hineingezogen zu werden, bleibt man als Beobachter, weil man sich ständig fragt, was man in diesem Schnitt- und Wackelchaos denn nun gerade sieht, außen vor. Dann entsteht statt einem angenehm-produktivem Gefühl von Desorientiertheit, Paranoia und erhöhter Wachsamkeit, wie in den „Bourne“-Filmen, einfach nur Frust über die Regie, die es nicht schafft, eine Geschichte zu erzählen, ohne sich ständig in den Vordergrund zu spielen.

Und so fabriziert Daniel Espinosa („Easy Money“) aus einem okayen 08/15-Thriller ein Ärgernis, das nur dank der hochkarätigen Besetzung im Kino läuft.

Safe House (Safe House, USA 2012)

Regie: Daniel Espinosa

Drehbuch: David Guggenheim

mit Denzel Washington, Ryan Reynolds, Vera Farmiga, Brendan Gleeson, Sam Shepard, Ruben Blades, Nora Arnezeder, Robert Patrick, Liam Cunningham, Tracie Thoms,

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Safe House“

Rotten Tomatoes über „Safe House“

Wikipedia über „Safe House“

 


TV-Tipp für den 23. Februar: Frantic

Februar 23, 2012

ARD, 00.20

Frantic (USA/F 1988, R.: Roman Polanski)

Drehbuch: Roman Polanski, Gérard Brach

Richard Walker will mit seiner Frau einige romantische Tage in Paris verbringen. Aber dann verschwindet sie plötzlich, die Polizisten kümmern sich nicht um die angebliche Entführung und Walker gerät auf der Suche nach seiner Frau in Teufels Küche.

Polanski auf den Spuren von Alfred Hitchcock. Unterhaltsam, wenn auch etwas blutleer.

„‘Frantic’ ist Modell und Archetyp des Thrillers. Jede Handlungssequenz ist dem Kinogänger wohlvertraut. Auf dieser Ebene bietet der Film absolut keine Überraschungen, läuft fast zu reibungslos, um wirkliches Interesse zu erregen. (…) Was ‘Frantic’ interessant macht, ist der ausschließlich subjektive Blickwinkel, der die Erzählstruktur beherrscht: derjenige Walkers nämlich, des Fremden in feindseliger Umgebung.“ (Fischer Film Almanach 1989)

mit Harrison Ford, Emmanuelle Seigner, Betty Buckley, Alexandra Stewart

HInweise

Wikipedia über “Frantic” (deutsch, englisch)

Die Zeit: Michael Althen über “Frantic” (26. August 1988)

Meine Besprechung von Roman Polanskis „Der Ghostwriter“ (The Ghost Writer, Fr/D/GB 2010)

Roman Polanski in der Kriminalakte


Francois Truffaut – II: Die Antoine-Doinel-Filme: Sie küssten und sie schlugen ihn, Geraubte Küsse, Tisch und Bett, Liebe auf der Flucht

Februar 22, 2012

Ich stelle mir den Film von morgen also noch persönlicher vor, als einen individualistischen und autobiographischen Roman, wie ein Bekenntnis oder Tagebuch. Die jungen Filmemacher werden sich in der ersten Person ausdrücken und schildern, was ihnen widerfahren ist. Das könnte die Geschichte ihrer ersten oder neuesten Liebe sein, ihr politische Erwachen, ein Reisebericht, eine Krankheit, ihr Militärdienst, ihre Hochzeit, ihre letzten Ferien, und es müsste fast notgedrungen ankommen, weil es wahr und neu wäre…Der Film von morgen wird ein Akt der Liebe sein.“ schrieb Francois Truffaut in der „Cahiers du Cinéma“. Er bewunderte die Filme von Max Ophüls, Ingmar Bergmann, Orson Welles, Alfred Hitchcock und den Film Noir (eigentlich ist, wenn ein Hollywood-Stil einen französischen Namen erhält, schon alles gesagt). Er schrieb herbe Verrisse über die damaligen französischen Filme und 1958 erhielt er keine Akkreditierung für das Filmfestival Cannes.

Ein Jahr später erhielt der Siebenundzwanzigjährige für seinen ersten Spielfilm, „Sie küssten und sie schlugen ihn“ (Les quatre cents coups), den Großen Preis von Cannes für die Regie. In dem Film begann er den von ihm vorher formulierten Anspruch in die Tat umzusetzen. Denn die Geschichte von Antoine Doinel (verkörpert von dem Dreizehnjährigen Jean-Pierre Léaud) weist etliche Gemeinsamkeiten mit seiner Biographie auf. In dem Film erzählt Truffaut von Antoine, der in einer dysfunktionalen Familie aufwächst. Seine Mutter geht fremd. Sein Stiefvater flüchtet sich in sein Hobby und Antoine Doinel, der nach einem Vorbild sucht, flüchtet in die Welt des Kinos und der Bücher. Er beginnt zu stehlen, wird erwischt und landet in einem Erziehungsheim, aus dem er wieder flüchtet. Ein Klassiker der Nouvelle Vague.

1962 kehrte Truffaut für den Kurzfilm „Antoine und Colette“ (Antoine et Colette), der ein Teil des Episodenfilms „Liebe mit zwanzig“ (L’amour à vingt ans) ist, zu Antoine Doinel zurück. Die anderen Episoden waren von Renzo Rossellini, Andrzeij Wajda, Marcel Ophüls und Shintaro Ishihara..

Truffaut erzählt von Antoines erster Liebe zu Colette (Marie-France Pisier), wie er sich sein Geld verdient, die Abende verbringt und sich gut mit Colettes Eltern versteht. Ein wunderschöner und leichter Kurzfilm.

1968 folgte der zweite Doinel-Spielfilm „Geraubte Küsse“ (Baisers voles), der während der Proteste gegen die Entlassung von Henri Langlois, dem Leiter der Cinémathèque, entstand. In dem Film wird Antoine unehrenhaft aus dem Militär entlassen. Er arbeitet als Nachtportier, Privatdetektiv und, undercover, als Schuhverkäufer. Er verliebt sich in mehrere Frauen, vor allem in die Frau des Besitzers des Schuhgeschäfts (Delphine Seyrig), und er verfolgt Christine Darbon (Claude Jade), in die er wirklich verliebt ist, die aber, wie schon Colette in „Antoine und Colette“, nichts von ihm wissen will, und er versteht sich ausgezeichnet mit ihren Eltern. Am Ende des Films finden sie zueinander.

Schon 1970 gab es mit „Tisch und Bett“ (Domicile conjugal) den dritten Doinel-Spielfilm, Antoine und Christine sind verheiratet. Er versucht im Hinterhof das perfekte Rot für Blumen zu finden. Sie gibt Musikunterricht und der gesamte Hinterhof ist ein funktionierender Mikrokosmos der Gesellschaft. Er wird Vater. In einer wundervollen Montage zeigt Truffaut, wie Antoine begreift, dass seine Frau schwanger ist.

Er kriegt, eher zufällig, einen Job bei einem amerikanischen Konzern. Er soll Modellboote steuern und das tut er hingebungsvoll. Er verliebt sich in eine Japanerin, die er während der Arbeit kennenlernte, und seine Ehe steht auf dem Spiel. Denn letztendlich kann Antoine gar nicht verstehen, dass er sich zwischen den beiden Frauen entscheiden muss.

1978 beschloss Truffaut mit „Liebe auf der Flucht“ (L’amour en fuite) seinen Antoine-Doinel-Zyklus. In dem Film begegnet Antoine, der sich seit „Tisch und Bett“ nicht veränderte, wieder seiner ersten Liebe Colette (die auch wieder von Marie-France Pisier gespielt wird) und er ist inzwischen von seiner Vergangenheit umzingelt. 18 Filmminuten des neunzigminütigen Films sind direkt aus den vorherigen Doinel-Filmen entnommen und werden in „Liebe auf der Flucht“ teilweise in einem anderen Zusammenhang zitiert werden. Dazu gibt es noch Zitate aus Doinels erfolglosem, autobiographischen Roman „Der Liebessalat“.

Die Antoine-Doinel-Film weitgehend episodisch und sie leben vor allem von Jean-Pierre Léauds Interpretation des Charakters, dessen Leben zuerst deutliche Parallelen zu Truffauts Leben hatte, später dann zu Léauds Leben.

Dank Léaud ist dieser Antoine Doinel ein sehr sympathischer Charakter, auch wenn er, wie ein Kind, Ich-bezogen, verantwortungs- und planlos ist. Denn er scheitert in ungefähr jedem Job und auch aus dem Militär wird er, am Anfang von „Geraubte Küsse“ unehrenhaft entlassen. Als der Vorgesetzte ihn fragt, warum er sich überhaupt verpflichtet habe, zuckt Doinel nur mit den Schultern und flüchtet sich in die Ausrede, er habe persönliche Gründe gehabt.

Aber gleichzeitig ist er, wie ein Kind, begeisterungsfähig, er nimmt nichts wirklich ernst und er ist hilfsbereit. Insofern ist er ein sympathischer Bruder Leichtfuß, der auch ein halber Schlawiner ist, und der nicht treu sein kann. Nicht weil er seine Frau Christine nicht liebt, sondern weil er die Frauen liebt.

Die Antoine-Doinel-Geschichten sind, im Gegensatz zu den kalten Abrechnungen Claude Chabrols, liebevolle Porträts der Bourgeoisie und des aufstrebenden Bürgertums. Denn auch wenn die ganze Welt revolutionär auf die Straße geht, ist Antoine nur an Christine, seiner guten Beziehung zu ihren Eltern und sich selbst interessiert.

Wahrscheinlich hat Antoine „1968“ überhaupt nicht wahrgenommen und eine Diskussion mit ihm über Politik und die Gesellschaft erscheint ziemlich fruchtlos; obwohl er die neu gewonnenen sexuellen Freiheiten gerne mitnimmt. Auch weil er bestimmte gesellschaftliche Konventionen einfach ignoriert.

Gerade in der Zeichnung des Lebens eines jungen Mannes, der keine Eltern mehr hat, und der versucht auf seinen eigenen Füßen zu stehen, der eine Familie gründet („Geraubte Küsse“ endet implizit mit der Heirat; „Tisch und Bett“ zeigt die ersten Ehejahre und die Freude über seinen Sohn) zeichnet Truffaut ein sehr präzises soziologisches Porträt der damaligen Zeit und mit welchen Gegenständen sich junge Menschen einrichteten; fast als ob er Pierre Bourdieus „Die feinen Unterschiede“ gelesen hätte. Aber das Werk erschien erst 1979.

Und der Hinterhof, auf dem Antoine in „Tisch und Bett“ seine Blumen färbt, ist ein kleiner gesellschaftlicher Kosmos. Hier treffen sich die Menschen, sie kennen sich, sie helfen sich, sie tratschen und niemand hat ein Geheimnis. Heute sind diese Hinterhöfe und diese Hausgemeinschaften verschwunden. Und ob es sie 1970 noch so gab, wie Truffaut sie in „Tisch und Bett“ idealisiert, bezweifle ich.

Die Antoine-Doinel-Filme sind immer episodisch und auch etwas ziellos. Dank Léaud und den vielen kleinen, präzise beobachteten Vignetten und filmischen Witzen (wenn Doinel sich in „Geraubte Küsse“ als Privatdetektiv versucht und höchst auffällig eine Frau verfolgt; wenn er mit einer deutlich größeren Frau eine Straße hinuntergeht) und dem humoristischen Tonfall, der oft die Geschichte konterkariert, sind sie auch heute noch unterhaltsam, aber auch etwas zäh anzusehen.

 

Antoine-Doinel-Zyklus

Arthaus/Studiocanal

enthält „Sie küssten und sie schlugen ihn“, „Geraubte Küsse“, „Tisch und Bett“ und „Liebe auf der Flucht“

Bild: verschieden

Sprachen/Ton: Deutsch, Französisch (Mono DD)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial, das es meistens nicht auf den Einzel-DVDs gibt: Episodenfilm „Liebe mit zwanzig“ (Regie: Shintarô Ishihara, Marcel Ophüls, Renzo Rossellini und Andrzej Wajda, mit dem Doinel-Film „Antoine und Colette“), „Arbeit mit François Truffaut“ (1986, Regie: Rainer Gansera), Einführungen des Truffaut-Biografen Serge Toubiana, „Die Unverschämten“ 1957, Regie: Francois Truffaut, Kurzfilm), Probeaufnahmen von Jean-Pierre Léaud, Patrick Auffay und Richard Kanayan zu „Sie küssten und sie schlugen ihn“, Jean-Pierre Léaud bei der Cannes-Premiere von „Sie küssten und sie schlugen ihn“, Ausschnitt aus der Fernsehsendung „Cinéastes de notre temps: François Truffaut, dix ans, dix films“ (1970), Truffaut spricht über die ersten drei Teile des Zyklus, Ausschnitt aus der Fernsehsendung „Midi Magazine“ (1970), Aufnahmen von den Dreharbeiten zu „Tisch und Bett“, Ausschnitt aus der Fernsehsendung „Approches du cinéma: François Truffaut ou la Nouvelle Vague“ (1972), Ausschnitt aus der Fernsehsendung „Cinescope“ (1980), Ausschnitt aus der Fernsehsendung „Champ contrechamp“ (1981), Unterstützungsspot für Henri Langlois von François Truffaut und Jean-Luc Godard, Originaltrailer, 24-seitiges Booklet

Länge: 451 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Einzeln erhältlich sind

Geraubte Küsse (Baisers voles, Frankreich 1968)

Drehbuch: Francois Truffaut, Claude de Givray, Bernard Revon

DVD

Arthaus/Studiocanal

Bild: 1,66:1 (anamorph)

Sprachen/Ton: Deutsch, Französisch (Mono DD)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Einführung des Truffaut-Biografen Serge Toubiana, Unterstützungsspot für Henri Langlois von François Truffaut und Jean-Luc Godard, Trailer, Wendecover

Länge: 87 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Tisch und Bett (Domicile conjugal, Frankreich 1970)

Drehbuch: Francois Truffaut, Claude de Givray, Bernard Revon

DVD

Arthaus/Studiocanal

Bild: 1,66:1 (anamoprh)

Sprachen/Ton: Deutsch, Französisch (Mono DD)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Einführung des Truffaut-Biografen Serge Toubiana, Trailer, Wendecover

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Liebe auf der Flucht (L’amour en fuite, Frankreich 1979)

Drehbuch: Francois Truffaut, Marie-France Pisier, Jean Aurel, Suzanne Schiffman

DVD

Arthaus/Studiocanal

Bild: 1,66:1 (anamoprh)

Sprachen/Ton: Deutsch, Französisch (Mono DD)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Einführung des Truffaut-Biografen Serge Toubiana, Trailer, Wendecover

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Wikipedia über Francois Truffaut (deutsch, englisch, französisch)

Arte über Francois Truffaut

Erster Teil meines Francois-Truffaut-Porträts (mit einer Besprechung von Emmanuel Laurents “Godard trifft Truffaut”)

Kriminalakte über Francois Truffaut

 


TV-Tipp für den 22. Februar: Jules und Jim

Februar 22, 2012

Arte, 20.15

Jules und Jim (F 1961, R.: Francois Truffaut)

Drehbuch: Francois Truffaut, Jean Gruault

LV: Henri-Pierre Roché: Jules et Jim, 1953 (Jules und Jim)

1912 lernen sich der französische Literat Jim und sein deutscher Kollege Jules kennen. Beide verlieben sich in die lebenslustige Cathérine – und erleben die reine Liebe zu dritt.

„Jules und Jim“ ist wahrscheinlich Truffauts bekanntester Film. Jedenfalls ist sein Kultfilm ein zeitloser Film über die scheinbar unmögliche reiner Liebe in einer Dreierbeziehung.

„Es wird kaum ein Wort darüber verloren, dass ‚Jules und Jim’ alles andere als den bürgerlichen Moralvorstellungen huldigt, sondern sie im Gegenteil auch noch lustvoll verhöhnt. (…) Obwohl so traurige Ereignisse wie Ehebruch, Selbstmord und Tod erzählt werden, handelt ‚Jules und Jim’ eigentlich von nichts anderem als vom Glück. Truffaut hängt die ganze Filmdauer der Frage nach, wie das richtige Leben aussehen müsse, was man tun müsse, um wirklich glücklich zu sein.“ (Willi Winkler: Die Filme von Francois Truffaut)

Der Film basiert auf einem autobiographischen Roman von Henri-Pierre Roché (1879 – 1959). Zehn Jahre später verfilmte Truffaut seinen Roman „Zwei Mädchen aus Wales und die Liebe zum Kontinent“. In ihm variieren Roché und Truffaut die Geschichte von „Jules und Jim“: ein Mann steht zwischen zwei Frauen.

Anschließend läuft die spielfilmlange Doku „Francois Truffaut – Eine Autobiographie“ (Frankreich 2004, R.: Anne Andreu).

Mit Jeanne Moreau, Oskar Werner, Henri Serre

Wiederholung: Donnerstag, 23. Februar, 14.40 Uhr

Hinweise

Wikipedia über Francois Truffaut (deutsch, englisch, französisch)

Arte über Francois Truffaut

Erster Teil meines Francois-Truffaut-Porträts (mit einer Besprechung von Emmanuel Laurents „Godard trifft Truffaut“)

Kriminalakte über Francois Truffaut

Bonushinweis

Bei Arthaus/Studiocanal erschien „Jules und Jim“ jetzt in einer spärlich ausgestatteten DVD. Neben der deutschen und der französischen Fassung ist nur der Trailer vorhanden.

Mehr Bonusmaterials gibt es auf der nicht mehr erhältlichen Concorde-Veröffentlichung (die damals anscheinend nur in einer Box erschien) und, selbstverständlich, auf der Criterion-Veröffentlichung (allerdings nur wenn der DVD-Player auch US-DVDs abspielt).



TV-Tipp für den 21. Februar: Die innere Sicherheit

Februar 21, 2012

RBB, 22.45

Die innere Sicherheit (D 2000, R.: Christian Petzold)

Drehbuch: Christian Petzold, Harun Farocki

Die 15-jährige Jeanne ist mit ihren Eltern ständig auf der Flucht. Denn diese sind gesuchte, ehemalige RAF-Terroristen. Jetzt müssen sie wegen Geldproblemen zurück nach Deutschland. Die alten Freunde sollen ihnen aus der finanziellen Misere helfen. Und Jeanne ist erstmals wirklich verliebt.

Mit dem genau beobachteten, die deutsche Wirklichkeit sezierenden Drama über vergangene Schuld, das Erwachsenwerden und Verpflichtungen hatte Christian Petzold seinen Durchbruch bei den Kritikern und dem Publikum (über 100.000 Zuschauer). Stellvertretend für die zahlreichen euphorischen Besprechungen: „bester deutscher Film des Jahres“ (Michael Althen, SZ, 31. Januar 2001)

Mit Julia Hummer, Barbara Auer, Richy Müller, Günther Maria Halmer

Hinweis

M Means Movie: Interview mit Christian Petzold (2001)


Der Regisseur, der Frauen liebte: Francois Truffaut

Februar 20, 2012

Als Francois Truffaut überraschend am 21. Oktober 1984 starb, war er als Regisseur so bekannt, dass der Verleih mit dem „neuen Truffaut“ werben konnte und die Leute ins Kino gingen. Er war einer der großen französischen Regisseure, einer der Begründer der Nouvelle Vague, der seitdem konstant alle ein, selten zwei Jahre einen neuen Film inszenierte, der auch beim Publikum und den Kritikern ankam. Claude Chabrol drehte einen Krimi nach dem nächsten. Jean-Luc Godard, ein Freund aus den Anfangstagen der Nouvelle Vague, hatte sich damals vollkommen ins experimentelle Kino, mit einem sehr überschaubarem Publikum, zurückgezogen. Die anderen Begründer der Nouvelle Vague drehten auch eher für ein Nischen- oder Filmkunstpublikum; – falls ihre Filme überhaupt in den deutschen Kinos liefen.

Heute ist der am 6. Februar 1932 in Paris geborene Regisseur, abgesehen von seinem legendären Interviewbuch „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ und seiner Rolle als Wissenschaftler in Steven Spielbergs „Unheimliche Begegnung der dritten Art“, fast vergessen. Zu selten laufen seine Filme im Fernsehen (obwohl Arte jetzt einige seiner Filme zeigt) und zu chaotisch ist die Veröffentlichungspolitik seiner Filme auf DVD: einige Filme gibt es nicht auf DVD, andere sind bei verschiedenen Firmen erschienen und teils nicht mehr erhältlich. Arthaus veröffentlichte jetzt ungefähr die Hälfte seiner Spielfilme, die einen großen und ziemlich umfassenden Einblick in sein Schaffen ermöglichen, auf zwei, verschieden zusammengestellten Boxen. Die meisten Filme sind auch einzeln erhältlich.

Truffaut begann, zusammen mit Claude Chabrol, Jean-Luc Godard, Eric Rohmer und Jacques Rivette, als Filmkritiker bei der „Cahiers du Cinema“ und drehte drei Kurzfilme. Mit seinem Regiedebüt, dem autobiographisch gefärbten Drama „Sie küssten und sie schlugen ihn“, wurde er 1959 gleich bekannt. Jean-Pierre Léaud, der jugendliche Darsteller von Antoine Doinel, dem Helden des Films, wurde auch bekannt und in den folgenden Doinel-Filmen wurde die Biographie des Filmcharakters immer ununterscheidbarer von Truffauts Biographie und von Léauds Leben. Insofern war die Rolle für Léaud Segen und Fluch zugleich und auch heute, über dreißig Jahre nach dem letzten Doinel-Film, ist Léaud für Filmliebhaber immer noch Antoine Doinel.

Truffauts war ein Fan der amerikanische Kriminalromane, die in der Schwarzen Serie erschienen. Schon sein zweiter Spielfilm „Schießen Sie auf den Pianisten“ (1960) war eine David-Goodis-Verfilmung, die sich allerdings mehr an der Nouvelle Vague und ihrer Verspieltheit, als am US-amerikanischen Film Noir orientierte.

Mit seinem dritten Spielfilm, dem Klassiker „Jules und Jim“ (1961), inszenierte er dann seinen ersten Liebesfilm (wobei natürlich alle seine Filme Liebesfilme sind), ein anfangs leichtes Drama über zwei Männer, die eine unabhängige Frau lieben.

In den folgenden Jahren pendelte er, mit einigen Einzelwerken, wie dem Science-Fiction-Film „Fahrenheit 451“ (1966), und zutiefst persönlichen Werken, wie „Das grüne Zimmer“ (1978), zwischen weiteren Doinel-Filmen, Noirs und Liebesdramen. Sein letzter Film „Auf Liebe und Tod“ (1983) fasste, ungewollt, sein Schaffen zusammen. Es ist eine locker erzählte, in Schwarz-Weiß gedrehte Hommage an den Film Noir und eine Liebeserklärung an die Frauen. Vor allem natürlich an seine Partnerin, die Hauptdarstellerin Fanny Ardant.

In der Dokumentation „Godard trifft Truffaut“ werden seine Jahre bei der Filmzeitschrift „Cahiers du Cinema“, seine ersten Jahre als Regisseur, seine Freundschaft zu Jean-Luc Godard und der endgültige Bruch der Freundschaft nach Truffauts Film „Die amerikanische Nacht“ (1973), ein starbesetzter Spielfilm über die Dreharbeiten für einen Spielfilm. Doch schon davor hatten sich ihre Wege getrennt. Jean-Luc Godard wurde nach „1968“ in seinen Filmen zunehmend politischer und löste sich immer mehr von den Erzählkonventionen. Truffaut dagegen drehte unpolitische und persönliche Filme, wie die Antoine-Doinel-Filme „Geraubte Küsse“ (1968) und „Tisch und Bett“ (1970), die historischen Filme „Der Wolfsjunge“ (1969) und „Zwei Mädchen aus Wales und die Liebe zum Kontinent“ (1971) und die überdrehte Krimi-Farce „Ein schönes Mädchen wie ich“ (1972). Das war oft gar nicht so weit vom klassischen Hollywood-Starkino und dem von ihnen in den fünfziger Jahren attackiertem französischen Film entfernt.

Emmanuel Laurent verrät in seiner spielfilmlangen Doku „Godard trifft Truffaut“ wenig über die Freundschaft der beiden Regisseure, die wahrscheinlich auch gar nicht so tief war, wie der Filmtitel suggeriert, sondern einfach nur das Zusammentreffen von zwei Filmbegeisterten, die zuerst gemeinsam Artikel schrieben und später, als Teil der Nouvelle Vague, sich manchmal gegenseitig halfen und natürlich die Werke der anderen in den Himmel lobten. Diese Freundschaft bleibt in dem Film, auch weil er keine psychologischen Erklärungen gibt und es von Truffaut und Godard keine Statements dazu gibt, immer eher eine Behauptung. Aber man erfährt einiges über die Ursprünge der Nouvelle Vague und ihre ersten Filme.

In den kommenden Tagen werfen wir einen genaueren Blick auf seine Spielfilme.

Erwähnte DVDs

Godard trifft Truffaut – Deux de la Vague (Deux de la Vague, Frankreich 2009)

Regie: Emmanuel Laurent

Drehbuch: Antoine de Baecque

DVD

Arthaus/Studiocanal

Bild: 1,78:1

Ton: Französisch (Stereo Dolby Digital)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Kinotrailer, Kinoposter, Wendecover

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Viele Filme von Francois Truffaut gibt es in diesen Boxen

Antoine-Doinel-Zyklus

Arthaus/Studiocanal

Bild: verschieden

Sprachen/Ton: Deutsch, Französisch (Mono DD)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial, das es meistens nicht auf den Einzel-DVDs gibt: Episodenfilm „Liebe mit zwanzig“ (Regie: Shintarô Ishihara, Marcel Ophüls, Renzo Rossellini und Andrzej Wajda, mit dem Doinel-Film „Antoine und Colette“), „Arbeit mit François Truffaut“ (1986, Regie: Rainer Gansera), Einführungen des Truffaut-Biografen Serge Toubiana, „Die Unverschämten“ 1957, Regie: Francois Truffaut, Kurzfilm), Probeaufnahmen von Jean-Pierre Léaud, Patrick Auffay und Richard Kanayan zu „Sie küssten und sie schlugen ihn“, Jean-Pierre Léaud bei der Cannes-Premiere von „Sie küssten und sie schlugen ihn“, Ausschnitt aus der Fernsehsendung „Cinéastes de notre temps: François Truffaut, dix ans, dix films“ (1970), Truffaut spricht über die ersten drei Teile des Zyklus, Ausschnitt aus der Fernsehsendung „Midi Magazine“ (1970), Aufnahmen von den Dreharbeiten zu „Tisch und Bett“, Ausschnitt aus der Fernsehsendung „Approches du cinéma: François Truffaut ou la Nouvelle Vague“ (1972), Ausschnitt aus der Fernsehsendung „Cinescope“ (1980), Ausschnitt aus der Fernsehsendung „Champ contrechamp“ (1981), Unterstützungsspot für Henri Langlois von François Truffaut und Jean-Luc Godard, Originaltrailer, 24-seitiges Booklet

Länge: 451 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Francois-Truffaut-Edition

enthält: Auf Liebe und Tod, Die Frau nebenan, Geraubte Küsse, Jules und Jim, Die letzte Metro, Liebe auf der Flucht, Schießen Sie auf den Pianisten, Ein schönes Mädchen wie ich, Sie küssten und sie schlugen ihn, Die süße Haut, Tisch und Bett, Zwei Mädchen aus Wales und die Liebe zum Kontinent

Arthaus/Studiocanal

Bild: verschieden

Sprachen/Ton: Deutsch, Französisch (Mono DD)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial (anscheinend identisch mit den Einzel-DVDs): Kurzfilme „Antoine und Colette“ und „Die Unverschämten“, Einführungen des Truffaut-Biografen Serge Toubiana, Probeaufnahmen der Jungdarsteller zu „Sie küssten und sie schlugen ihn“, Kameratest mit Marie Dubois und Charles Aznavour zu „Schießen Sie auf den Pianisten“, Unterstützungsspot für Henri Langlois von François Truffaut und Jean-Luc Godard zu „Geraubte Küsse“, Unveröffentlichte Szene zu „Die letzte Metro“, Trailer, Wendecover

Länge: 1211 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über Francois Truffaut (deutsch, englisch, französisch)

Arte über Francois Truffaut

Kriminalakte über Francois Truffaut


TV-Tipp für den 20. Februar: Tisch und Bett/Liebe auf der Flucht

Februar 20, 2012

Arte, 20.15

Tisch und Bett (Domicile conjugal, Frankreich 1970)

Drehbuch: Francois Truffaut, Claude de Givray, Bernard Revon

Antoine Doinel ist verheiratet und stolzer Vater. Aber das hält ihn nicht davon ab, sich nach anderen Frauen umzusehen.

mit Jean-Pierre Léaud, Claude Jade, Barbara Laage, Hiroko Berghauer

Wiederholungen

Dienstag, 21. Februar, 14.40 Uhr

Freitag, 2. März, 15.00 Uhr

Arte, 21.50

Liebe auf der Flucht (L’amour en fuite, Frankreich 1979)

Drehbuch: Francois Truffaut, Marie-France Pisier, Jean Aurel, Suzanne Schiffman

Doinel lässt sich scheiden und er trifft seine erste Liebe wieder.

In dem letzten Antoine-Doinel-Film umzingelt Truffaut seinen Helden so sehr mit Szenen und Bildern aus den vorherigen Doinel-Filmen, teilweise in einem anderen Zusammenhang, dass es kaum noch eine Geschichte gibt.

mit Jean-Pierre Léaud, Claude Jade, Marie-France Pisier

Wiederholung: Montag, 27. Februar, 15.00 Uhr

Hinweise

Wikipedia über Francois Truffaut (deutsch, englisch, französisch)

Arte über Francois Truffaut

Kriminalakte über Francois Truffaut

Bonushinweis

Bei Arhaus/Studiocanal sind „Tisch und Bett“ und „Liebe auf der Flucht“, mit jeweils mit kurzen Einleitungen von Serge Toubiana erschienen.

 


TV-Tipp für den 19. Februar: Gran Torino

Februar 19, 2012

Pro 7, 20.15

Gran Torino (USA 2008, R.: Clint Eastwood)

Drehbuch: Nick Schenk (nach einer Geschichte von Dave Johannson und Nick Schenk)

Das Leben des verbitterten, rassistischen Korea-Veteranen Walt Kowalski gerät aus den gewohnten Bahnen, als er einen Hmong-Nachbarjungen gegen eine Straßengang verteidigt (sie hatten den Fehler begangen ihren Streit auf Kowalskis Rasen austragen zu wollen). Kowalski wird zum Helden der asiatischen Gemeinschaft und die Straßengang will die erlittene Schmach vergelten.

Der bislang letzte Leinwandauftritt von Clint Eastwood. Danach drehte er noch einige weitere Filme. Zuletzt das ziemlich missglückte Biopic „J. Edgar“ über den FBI-Chef J. Edgar Hoover. Denn Eastwood zaudert nicht lange, wenn ihm das Buch gefällt. Oft verfilmt er sogar die erste Fassung (in Hollywood bekannt als die Fassung, mit der die Gespräche beginnen, die aber vor dem Dreh noch mehrmals überarbeitet werden muss). Auch bei „Gran Torino“ änderte Eastwood nichts am Drehbuch.

Gedreht wird auch schnell. „Million Dollar Baby“ war vor der geplanten Drehzeit fertig (und die war mit 39 Tagen auch nicht gerade üppig) und kostete deutlich weniger, als zuerst von den Produzenten zuerst gesagt wurde (normalerweise dürfte es umgekehrt sein; Oh, und auch die zuerst genannten Kosten waren gar nicht so hoch.). Bei „Gran Torino“ waren 35 Drehtage angesetzt. Nach 33 Tagen war der Film im Kasten.

Tja, und, wie schon bei „Million Dollar Baby“ und „Erbarmungslos“ war die Kritik begeistert und wurde nicht müde, über „Gran Torino“ als Alterswerk das ein gutes Vermächtnis wäre, zu fabulieren. Dabei erzählt der Film doch einfach nur eine gute Geschichte.

Trotzdem hat „Gran Torino“ den Dagger als „best big-screen crime thriller story“, den César als bester ausländischer Film und die ganzen anderen Preise verdient.

Mit Clint Eastwood, Christopher Carley, Bee Vang, Ahney Her, Brian Haley, Geraldine Hughes, Dreama Walker, Brian Howe

Wiederholung: Montag, 20. Februar, 01.45 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Gran Torino“

Wikipedia über “Gran Torino” (deutsch, englisch)

CTV.ca: AP-Artikel über Nick Schenk

Kriminalakte: Glückwünsche zum achtzigsten Geburtstag von Clint Eastwood

Meine Besprechung von Clint Eastwoods “Hereafter”

Clint Eastwood in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 18. Februar: Berlinale 2012 – Die Bärenverleihung

Februar 18, 2012

3sat, 19.00

Berlinale 2012 – Die Bärenverleihung

Wer ist der Gewinner?

Um 23.25 Uhr zeigt Arte dann die Verleihung des „Teddy Award“, des schwul-lesbischen Berlinale-Filmpreises, und ab 01.40 Uhr gibt es beim RBB noch etwas Berlinale für Nachteulen.


DVD-Kritik: Die unbekannte Noir-Perle „Der Mann mit der Narbe“

Februar 17, 2012

Der Mann mit der Narbe“ ist eine echte Entdeckung. Denn der unbekannte Noir hat eigentlich alles, was das Herz des Noir-Fans begehrt: eine düstere, kafkaeske Geschichte, eine noir-typisch expressionistische Kamera von John Alton und mit Paul Henreid („Casablanca“, „Geheimaktion Crossbow“, „Exorzist II“) und Joan Bennett („Die Frau im Fenster“/“Gefährliche Begegnung“, „Straße der Versuchung“, „Affäre Macomber“, „Wir sind keine Engel“) auch zwei bekannte Namen.

Henreid spielt John Muller, einen Ganoven, der sofort nachdem er aus der Haft entlassen wird, seinen nächsten Coup plant: einen Überfall auf ein Casino. Der Überfall geht schief und er muss, gejagt von dem äußerst rachsüchtigem Casino-Besitzer, flüchten. Muller taucht unter in das von ihm verhasste bürgerliche Leben, bis er zufällig erfährt, dass er, bis auf eine Narbe im Gesicht, wie der Zwillingsbruder von Dr. Bartok aussieht. Muller beschließt, zu Dr. Bartok zu werden.

Dieses Doppelgänger-Motiv und der anschließende Identitätstausch wird schön ausgearbeitet. Das geht sogar so weit, dass Niemand den Tod von Dr. Bartok bemerkt und alle sofort Muller als Bartok akzeptieren, obwohl sie, bis auf das Aussehen zwei gänzlich gegensätzlicher Charaktere sind.

Dass der Plan von Muller dann doch nicht aufgeht, ist natürlich auch Noir-typisch. Denn in einem Noir entgeht niemand seinem Schicksal. Egal, wie sehr er sich auch anstrengt.

Allerdings krankt „Der Mann mit der Narbe“ an einigen ziemlich großen Plotlöchern. Das eine hat mit dem Ende zu tun: denn Dr. Bartok hatte auch Probleme mit Verbrechern. Muller hätte das bei seinen Recherchen über Bartok eigentlich herausbekommen müssen. Auch dass Bartok verheiratet ist. So haben wir immerhin die witzige Szene, in der Muller seine Frau erkennen muss, obwohl er keine Ahnung hat, wie sie aussieht.

Das größte Loch im Plot ist allerdings die Narbe von Bartok: wir sollen glauben, dass Muller, der Bartok beobachtete, sich nicht merkte, auf welcher Wange die Narbe ist und er sich dann die falsche Wange aufschlitzt.

Das nimmt dem Film einiges von seiner Kraft. Aber das Erzähltempo stimmt, die Geschichte ist, auch für einen Noir, sehr düster und hoffnungslos und die Kamera von John Alton, der etliche Noirs drehte (zu seinen Filmen gehören: „Geheimagent T“, „Schritte in der Nacht“, „Tödliche Grenze“, „Der Richter bin ich“, „Geheimring 99“, „Elmer Gantry“, und, obwohl nicht genannt, „Der Gefangene von Alcatraz“), ist sehr einfallsreich. Es vergeht kaum eine Minute ohne eine ungewöhnliche Perspektive, eine interessante Szenenauflösung und ein expressionistisches Bild, das man sich am liebsten als Plakat an die Zimmerwand heften würde. Auf optischer Ebene ist „Der Mann mit der Narbe“ ein kleines Film-Noir-Lexikon.

Das macht, trotz Story-Schwächen, den „Mann mit der Narbe“ zu einer kleinen Noir-Perle, die in der schön ausgestatteten „Film Noir Collection“ (es gibt eine Bildergalerie und ein informatives Booklet) veröffentlicht wurde und eindeutig zu den besseren Filmen der in jeder Hinsicht überzeugenden Collection gehört.

Andere Meinungen

Kolportagehafter Krimi.“ (Lexikon des internationalen Films)

An extraordinarily bleak film. Alton’s touches of genius include camera tracks round a table of Muller and his cronies; the tension-filled casino hold-up, and the archetypically noir image of Muller silently awaiting his fate in his squalid hotel room, intermittently lit by a flashing neon sign.“ (Alexander Ballinger/Danny Graydon: The Rough Guide to Film Noir)

In the world of noir, fate plays a pivotal role, and that is never clearer than in the surprisingly good noir film The Scar (AKA Hollow Triumph).“ (Guy Savage, Noir of the Week)

„Quickly paced, the dense narrative and an almost documentary-like cinematography make Hollow Triumph although not a major, but certainly an unjustly overlooked, film noir. Best of all is the film’s Macbethian-ending, reminiscent of Quai des brumes (Marcel Carne, 1939).“ (Martin S., Film Talk)

Der Mann mit der Narbe (Hollow Triumph, USA 1948)

Regie: Steve Sekely
Drehbuch: Daniel Fuchs
LV: Murray Forbes: Hollow Tr
iumph, 1946

mit Paul Henreid, Joan Bennett, Eduard Franz, Leslie Brooks, John Qualen, Mabel Paige, Herbert Rudley, Charles Arnt, George Chandler, Jack Webb (der Erfinder von „Dragnet“/“Polizeibericht Los Angeles“)

alternativer Titel in England „The Scar“

DVD

Koch Media (Film Noir Collection 8)

Bild: 1.37:1 (4:3)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: 12-seitiges Booklet von Thomas Willmann, Bildergalerie

Länge: 80 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Der Mann mit der Narbe“

Turner Classic Movies über „Der Mann mit der Narbe“

Noir of the Week: Guy Savage über „Der Mann mit der Narbe“

Film Noir: Tony D’Ambra über „Der Mann mit der Narbe“

Film Talk über „Der Mann mit der Narbe“

Mordlust über „Der Mann mit der Narbe“

Internet Archive: der komplette Film (Public Domain; zur Bildqualität kann ich im Moment nichts sagen)


TV-Tipp für den 17. Februar: Tatort: Platt gemacht

Februar 17, 2012

ARD, 21.45

Tatort: Platt gemacht (D 2009, R.: Buddy Giovinazzo)

Drehbuch: Stefan Cantz, Jan Hinter

In Köln wird ein Obdachloser mit Frostschutzmittel vergiftet. Die Kommissare Ballauf und Schenk ermitteln im Milieu.

Sehr unterhaltsamer Kölner-Tatort, der erfrischend undidaktisch (Wir reden vom Kölner Tatort) daherkommt und Udo Kier als Penner ist auch die halbe Miete.

Bei pulp master sind jüngst Buddy Giovinazzos neuester Roman “Piss in den Wind” und die Wiederveröffentlichung von “Cracktown” erschienen. Das sind wirklich gute Nachrichten für die Noir-Fans.
mit Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär, Joe Bausch, Udo Kier, Christian M. Goebel, Michael Schenk, Catherine Flemming, Peter Millowitsch

Hinweise

Wikipedia über Buddy Giovinazzo (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Buddy Giovinazzo

One Road.Endless Possibilities: Interview mit Buddy Giovinazzo (21. Februar 2011, deutsch)

Meine Besprechung von Buddy Giovinazzos “Cracktown” (Life is hot in Cracktown, 1993)

Buddy Giovinazzo in der Kriminalakte

Tatort-Fundus über das Team Ballauf/Schenk


Neu im Kino/Filmkritik: „Gefährten“ oder Ein Pferd stolpert durch den Ersten Weltkrieg

Februar 16, 2012

Im Gegensatz zu Martin Scorsese, der erst jetzt mit „Hugo Cabret“ seinen ersten Kinderfilm drehte, hat Steven Spielberg in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Filme gedreht, die sich explizit auch an ein jüngeres Publikum richteten. „E. T.“, „Hook“ (Hat den jemand gesehen?) und, zuletzt „Die Abenteuer von Tim und Struppi“ wären zu nennen. Auch „Gefährten“ ist ein Kinderfilm für die schon etwas älteren Kinder mit einigen unpassenden Kriegsszenen, die eher an Spielbergs „Der Soldat James Ryan“ erinnern.

Im Mittelpunkt seines neuesten Films steht das Pferd Joey. Bei einer Pferdeauktion wird der Hengst von Ted Narracott (Peter Mullan) ersteigert. Seine Frau (Emily Watson, hauptsächlich still leidend und überaus verständnisvoll) ist entsetzt über den hoffnungslos überteuerten Kauf eines für die Landarbeit vollkommen untaugliches Pferdes, das sie in den Ruin stürzen kann. Ihr Sohn Albert (Jeremy Irvine in seinem Spielfilmdebüt), der von Pferden ungefähr soviel Ahnung hat wie ich (nämlich keine), will Joey erziehen und bis zum Beginn des ersten Weltkriegs gelingt ihm das auch prächtig. Dann, nachdem der Film schon ungefähr eine Stunde läuft, erlebt Joey auf dem Kontinent zwischen den Fronten viele Abenteuer, die strikt chronologisch erzählt werden und zwischen Kriegsgräuel und Kitschmelodram pendeln. Spielberg hatte hier wahrscheinlich eine modernisierte Variante von Anthony Manns Western-Klassiker „Winchester 73“, über ein Gewehr, das mehrmals seinen Besitzer wechselt, im Sinn. Aber bestenfalls ist eine im Krieg spielende Variante von „Lassie“ herausgekommen, in dem anstelle eines Hundes ein Pferd versucht wieder nach Hause zu kommen.

Auch Albert hat sich freiwillig verpflichtet und er erlebt die Schrecken des Ersten Weltkriegs als Kanonenfutter in den Gräben des Stellungskrieges.

Dagegen trifft Joey überall auf Pferdeliebhaber und die Absurdität der Geschichte, in der ein Pferd wichtiger als einige Kompanien toter, sterbender oder schwer verletzter Soldaten sind, erreicht ihren Höhepunkt, als Joey sich zwischen den Fronten im Stacheldraht verfängt, extra für die Befreiung des Pferdes eine Kampfpause eingelegt wird und, als der deutsche und der englische Soldat mit ihrer Befreiungsaktion nicht weiterkommen, fliegen ihnen die Bolzenschneider zum Durchschneiden des Drahtes gleich im Dutzend zu. Dass daneben vielleicht noch einige Kameraden im Matsch verrecken, interessiert die Macher nicht. In diesen Momenten will man nicht glauben, dass Spielberg auch „Schindlers Liste“ inszenierte.

Doch schon vor dem Krieg gibt es Szenen von so überirdischer Absurdität, dass man ziemlich fassungslos das Geschehen beobachtet. Denn Joey ist nicht einfach nur ein Pferd, sondern überall das beste Pferd, das sogar einen steinigen Acker in ein fruchtbares Felder verwandeln kann, indem es die Steine unterpflügt und mit dem Pflug einfach in der Mitte zerschneidet. Das ist dann doch etwas zu viel kreative Freiheit.

Und, im Gegensatz zu Martin Scorsese, der nie in Kitsch-Verdacht gerät, hat Steven Spielberg immer auch einen Hang zum süßlichen Kitsch und dem glorifizieren von Familienwerten, die er in „Gefährten“ hemmungslos austobt. Ohne den Hauch einer ironischen Brechung liefert er, so sehr auch einzelne Szenen in sich funktionieren und gelungen sind, letztendlich, abgesehen von den nicht in den Film passenden Kriegsszenen, ziemlich ungenießbaren und überlangen Over-the-Top-Disney-Kitsch, garniert mit fotogenen Sonnenuntergängen, ab.

Gerade im direkten Vergleich zu „Hugo Cabret“ ist „Gefährten“ ein erschreckend schlechter Film.

Gefährten (War Horse, USA 2011)

Regie: Steven Spielberg

Drehbuch: Lee Hall, Richard Curtis

LV: Michael Morpurgo: War Horse, 1982 (Schicksalsgefährten; Roman und Theaterstück [2007])

mit Peter Mullan, Emily Watson, David Thewlis, Niels Arestrup, Tom Hiddleston, Jeremy Irvine, Benedict Cumberbatch, Toby Kebbell, Celine Buckens, Rainer Bock, David Kross, Eddie Marsan, Hinnerk Schönemann

Länge: 146 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Facebook-Seite zum Film

Film-Zeit über „Gefährten“

Rotten-Tomatoes über „Gefährten“

Wikipedia über „Gefährten“ (deutsch, englisch)

Homepage von Michael Morpurgo

 


TV-Tipp für den 16. Februar: The Good German – In den Ruinen von Berlin

Februar 16, 2012

ZDF, 01.00

The Good German – In den Ruinen von Berlin (USA 2006, R.: Steven Soderbergh)

Drehbuch: Paul Attanasio

LV: Joseph Kanon: The Good German, 2001 (In den Ruinen von Berlin)

Als der in Schwarzmarktgeschäfte verwickelte Fahrer des US-JOurnalisten Jake Geismar umgebracht wird und die Alliierten den Mord nicht aufklären wollen, beginnt er auf eigene Faust den Mörder zu suchen.

Soderbergh verfilmte den Roman im Noir-Stil der vierziger Jahre. “The Good German” unterscheidet sich dann auch nicht von einem damaligen Hollywood-Film. Nur wer braucht das heute?

Mit George Clooney, Tobey Maguire, Cate Blanchett, Beau Bridges

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Good German“

Wikipedia über Joseph Kanon (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Contagion“ (Contagion, USA 2011)


TV-Tipp für den 15. Februar: Bienzle und das Narrenspiel

Februar 15, 2012

WDR, 22.55

TATORT: Bienzle und das Narrenspiel (D 1994, R.: Hartmut Griesmayr)

Drehbuch: Felix Huby

LV: Felix Huby: Bienzle und das Narrenspiel, 1988

Bienzle möchte seiner Hannelore die Ravensburger Fastnacht zeigen. Als ein Mord geschieht und der nach Bienzles Meinung unschuldige Behle inhaftiert wird, muss er den wahren Täter suchen.

Der dritte Bienzle-Tatort ist ein, mit viel Lokalkolorit gewürzter, spannender Fall. Ein großer Teil der Dreharbeiten fand in Ravensburg während der Fastnachts-Tage statt.

Unverständlich, dass dieser Fastnachtskrimi zuletzt vor fünf Jahren im TV lief.

Mit Dietz Werner Steck, Rita Russek, Robert Atzorn, Ulrich Matschoss

Hinweise

Homepage von Felix Huby

Meine Besprechung von Felix Hubys „Fast wie von selbst – Ein Gespräch mit Dieter de Lazzer“ (2008)

Meine Besprechung von Felix Hubys “Null Chance” (2009)

Meine Besprechung von Felix Hubys “Bienzle und das ewige Kind” (2009)

Meine Besprechung von Felix Hubys „Adieu, Bienzle“ (2011)


TV-Tipp für den 14. Februar: Im Schatten

Februar 14, 2012

3sat, 20.15

Im Schatten (D 2010, R.: Thomas Arslan)

Drehbuch: Thomas Arslan

Profigangster Trojan, gerade aus dem Knast entlassen, plant gleich seinen nächsten Coup: einen Überfall auf einen Geldtransporter.

Ein guter Hardboiled-Gangsterfilm, der eindeutig vom französischen Kriminalfilm (Melville!) und den harten amerikanischen Krimis beeinflusst ist. So ist der Einfluss von Richard Starks Parker und seinen Epigonen Nolan (von Max Allan Collins) und Wyatt (von Garry Disher) unübersehbar.

Ein erfrischend undeutscher Kriminalfilm, den sich auch Genrejunkies ohne Fremdschäm-Anfälle ansehen können.

mit Mišel Matičević, Karoline Eichhorn, Uwe Bohm, Rainer Bock, Hanns Zischler, Petr Kurth, David Scheller

Wiederholung: Mittwoch, 15. Februar, 01.25 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Im Schatten“

taz: Interview mit Thomas Arslan über “Im Schatten” (6. Oktober 2010)

Film-Dienst: Interview mit Thomas Arslan über “Im Schatten”

Meine Besprechung von Thomas Arslans „Im Schatten“


TV-Tipp für den 13. Februar: Geraubte Küsse

Februar 13, 2012

Arte, 22.10

Geraubte Küsse (F 1968, R.: Francois Truffaut)

Drehbuch: Francois Truffaut, Claude de Givray, Bernard Revon

Nachdem Antoine Doinel unehrenhaft aus der Armee entlassen wurde, umwirbt er seine Freundin Christine und versucht sich in verschiedenen Berufen. Er ist Portier, Detektiv, Schuhverkäufer und immer ein Träumer und Frauenliebhaber.

In seinem Debütfilm „Sie küssten und sie schlugen ihn“ erzählte Truffaut von den Jugendjahren Antoine Doinels. In „Antoine und Colette“ von seiner ersten Liebe. In „Geraubte Küsse“ von der Suche nach seiner ersten Frau. In „Tisch und Bett“ von seinen ersten Ehejahren. Und in „Liebe auf der Flucht“ von seiner Scheidung.

Alle Doinel-Filme leben von Jean-Pierre Léauds Darstellung, den wiederkehrenden Gaststars, die so die über zwei Jahrzehnte erzählte fiktiven Biographie glaubwürdig machten.

mit Jean-Pierre Léaud, Claude Jade, Michel Lonsdale, Delphine Seyring

Wiederholung: Freitag, 17. Februar, 14.45 Uhr

Hinweise

Wikipedia über Francois Truffaut (deutsch, englisch, französisch)

Arte über Francois Truffaut

Kriminalakte über Francois Truffaut

Bonushinweis

Bei Studiocanal/Arthaus erschien die DVD mit dem Antoine-Doinel-Kurzfilm „Antoine und Colette“ aus dem Jahr 1962. In dem Film, der zu dem Gruppenfilm „Liebe mit Zwanzig“ gehört (das war damals eine beliebte, künstlerisch meistens enttäuschende Idee, bei der mehrere Kurzfilme von bekannten Regisseuren zu einem Film zusammengefügt und dann als Kinofilm ausgewertet wurden), erzählt Truffaut von Antoine Doinels erster Liebe, die er 1979 in dem letzten Antoine-Doinel-Film „Liebe auf der Flucht“ wieder trifft.

Zu beiden Filmen gibt es kurze Einführungen von Truffaut-Biograf Serge Toubiana. Der Unterstützungsspot von Francois Truffaut und Jean-Luc Godard für Henri Langlois, den für viele Regisseure der Nouvelle Vague wichtigen Leiter der Cinémathèque, der während der Dreharbeiten für „Geraubte Küsse“ entlassen wurde, ist ebenfalls vorhanden.