Jack Ketchums „Beuterausch“ und Lucky McKees “The Woman“ oder Die dünne Firnis der Zivilisation

Dezember 28, 2011

Beuterausch“. Fans von Jack Ketchum ahnen schon beim Titel, dass er in seinem neuesten Roman wieder die Welt von „Beutezeit“ (Off Season, 1980) und „Beutegier“ (Offspring, 1991), in der es um einen in der Wildnis von Maine lebenden Kannibalenclan und dessen Begegnungen mit der Zivilisation geht, betritt und dass die Geschichte nichts für zartbesaitete Seelen ist. Immerhin hielt die Zeitschrift „Village Voice“ „Beutezeit“ für „violent pornography“ (das muss ich wohl nicht übersetzen, oder?), der Kultstatus folgte schnell und heute hat der Horrorroman Buch durchaus Klassikerstatus.

The Woman“ heißt die Verfilmung von „Beuterausch“. Wobei Verfilmung etwas ungenau in. Denn Jack Ketchum schrieb zusammen mit Regisseur Lucky McKee (von dem die grandiose Ketchum-Verfilmung „Red“ ist) das Drehbuch, das zeitgleich mit dem Roman entstand. Belesene Filmfans werden sich jetzt an Graham Greenes „Der dritte Mann“ erinnern, bei dem der Romanautor parallel zu seinem Drehbuch, um seine Charaktere besser kennenzulernen, eine Romanfassung schrieb.

Insofern unterscheidet sich die Geschichte von „Beuterausch“ und „The Woman“ nur in Nuancen. Beide Male wird erzählt, wie der Familienvater und Kleinstadtanwalt Chris Cleek auf einem Jagdausflug eine in der Wildnis lebende Frau entdeckt, sie gefangen nimmt, im Keller seines einsam gelegenen Hauses einsperrt und zivilisieren will. Seine Familie soll ihm dabei helfen. Widerspruch duldet der Hausherr bei seinem Vorhaben nicht.

Dank der Unterschiede zwischen Buch und Film gibt es dann doch einige sehr interessante Verschiebungen.

So erzählt Ketchum die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven; auch aus der Sicht der Gefangenen. In McKees Film muss Pollyanna McIntosh, die die Gefangene spielt, das alles mit ihrer Mimik und, weil sie die meiste Zeit des Films gefesselt in einem Keller ist, mit eingeschränkter Gestik erledigen. Bis auf einige gutturale Geräusche sagt sie nichts. Für den Hausherrn ist sie vor allem die bedrohliche Wilde, die nur an ihrem Überleben interessiert ist, und zivilisiert werden muss. Für die restliche Familie ist sie, wie für uns Zuschauer, in verschiedenen Abstufungen, die edle Wilde, auf die wir unsere Fantasien von einem freien Leben in der Natur projezieren können. Jedenfalls wenn wir die Bücher von Jack Ketchum nicht kennen und daher nicht wissen, dass sie sich auch von Menschenfleisch ernährt.

Im Film ist die Wandlung des Biedermanns und geachteten Anwalts Chris Cleek zum Monster erschreckender. Denn auch wenn er am Anfang vielleicht etwas merkwürdig wirkt, ist er doch der nette Nachbar, der der Wilden helfen will. Immerhin ist doch nichts dagegen einzuwenden, wenn man versucht, jemand zu zivilisieren. Die Lebensgeschichten von Kaspar Hauser und Victor de l’Aveyron (die Francois Truffaut in dem wundervollen Film „Der Wolfsjunge“ verfilmte) sind Beispiele dafür.

Nur dass Cleeks Familie immer etwas zu traurig und zu ängstlich durch das einsam gelegene Haus schleicht, könnte einem in der ersten Hälfte des Films zu Denken geben. Denn bis auf die kleinste Tochter ist kein Funken Lebensfreude in der Familie. Warum versteht man spätestens im Finale, wenn all die schmutzigen Geheimnisse der Cleek-Familie bekannt werden.

Gerade wie sehr die Verhältnisse der einzelnen Charaktere von Gewalt, sexuellem Verlangen und Angst bestimmt sind, wird im Buch von der ersten Seite an noch deutlicher als im Film. Denn in „The Woman“ geht es vor allem um Gewalt. In „Beuterausch“ um Gewalt und Sex in seinen verschiedenen Konnotationen und Formen. Damit wirkt der Roman noch düsterer als der Film.

Wenn am Ende, nachdem die Gefangene sich befreien kann, dann die dünne Schicht der Zivilisation endgültig aufbricht und die aufgestauten Gefühle sich in einem wahren Schlachtfest entladen, spritzt das Blut über die Leinwand, die Gedärme werden auf der Farm großflächig verteilt und die FSK-18-Freigabe wird verständlich. Bei der Premiere während des Sundance Filmfest sollen etliche Zuschauer und Kritiker den Saal verlassen haben bei dieser deftigen und kompromisslosen Zivilisationskritik.

Dabei ist „The Woman“ noch die entschärfte Version des Romans. Denn in einem Roman kann man Dinge schreiben, die man so nicht zeigen kann.

 

Das Bonusmaterial

 

Für einen kleinen Film ist das Bonusmaterial erfreulich umfangreich ausgefallen. Im Zentrum stehen dabei das „Making of“ und „Behind the Scenes“, die in einer kurzweiligen, fast halbstündigen Mischung aus Blick hinter die Kulissen der Produktion und informativen Statements der Beteiligten (wozu auch Jack Ketchum gehört) gefällt. Die „Entfallenen Szenen“ wurden wahrscheinlich nur herausgeschnitten, um den Film etwas kürzer zu machen. Denn keine dieser Szenen wäre im Film unangenehm aufgefallen.

Auch im Buch gibt es Bonusmaterial. Nämlich die Kurzgeschichte „Das Vieh“, die erzählt, was nach dem Ende von „The Woman“ geschieht.

Jack Ketchum/Lucky McKee: Beuterausch

(übersetzt von Marcel Häußler)

Heyne, 2012

288 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

The Woman

Dorchester Publishing, New York 2011

Verfilmung

The Woman (The Woman, USA 2011)

Regie: Lucky McKee

Drehbuch: Jack Ketchum, Lucky McKee

mit Pollyanna McIntosh, Sean Bridgers, Angela Bettis, Lauren Ashley Carter, Carlee Baker, Alexa Marcigliano, Zach Rand, Shyla Molhusen

DVD

Capelight

Bild: 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bonusmaterial: Making of, Behind the Scenes, Entfallene Szenen, Kinotrailer, Kurzfilm „Burro Boy“ von Zach Passero (produziert von Lucky McKee), Wendecover

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „The Woman“

Rotten Tomatoes über „The Woman“

 Horror Pilot: Interview mit Lucky McKee zu „The Woman“

Horror Pilot: Interview mit Jack Ketchum zu „The Woman“

Dark Scribe Magazine: Interview mit Jack Ketchum (Teil 1, Teil 2, August 2008)

Homepage von Jack Ketchum

Meine Besprechung von „Red“ (DVD)

Meine Besprechung von „Jack Ketchum’s The Lost“ (DVD)

Kriminalakte: Interview mit Jack Ketchum

Meine Besprechung von Jack Ketchums „The Lost“ (The Lost, 2001)

Meine Besprechung von Jack Ketchums “Amokjagd” (Joyride, 1995)

Meine Besprechung von Jack Ketchums “Blutrot” (Red, 1995)

Meine Besprechung von Jack Ketchums “Beutegier” (Offspring, 1991)

Jack Ketchum in der Kriminalakte

Und hier gibt es die bemerkenswert gut dokumentierte Sundance-Kontroverse

 

 


TV-Tipp für den 28. Dezember: Tote tragen keine Karos

Dezember 28, 2011

Arte, 21.45

Tote tragen keine Karos (USA 1982, R.: Carl Reiner)

Drehbuch: Carl Reiner, George Gipe, Steve Martin

Herrliche Hommage an die Schwarze Serie: bei seinem neuesten Fall stolpert Detektiv Rigby durch zahlreiche Klassiker der Schwarzen Serie, unter anderem „This Gun for hire“, „Double Indemnity“, „The lost weekend“, „The big sleep“, „In a lonely place“, „Dark passage“, Suspicion“, „Notorious“, „The postman always rings twice“ und „White heat“. Carl Reiner verband neu gedrehte Szenen mit Szenen aus den Filmklassikern zu einer liebevollen Komödie für Filmfans.

Mit Steve Martin, Rachel Ward, Carl Reiner – und zahlreichen Gastauftritten von Stars der Schwarzen Serie

Hinweise

Wikipedia über „Tote tragen keine Karos“ (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über „Tote tragen keine Karos“

 


TV-Tipp für den 27. Dezember: The Game

Dezember 27, 2011

ZDF, 22.40

The Game – Das Geschenk seines Lebens (USA 1997, R.: David Fincher)

Drehbuch: John Brancato, Michael Ferris

Conrad schenkt seinem stinkreichen, einsamen Arschloch-Bruder Nicholas Van Orton einen Gutschein für ein Spiel, das sein Leben interessanter gestalten soll. Nachdem Nicholas das Rollenspiel beginnt, beginnt er die Kontrolle über sein Leben zu verlieren.

Düsterer Thriller (jedenfalls bis zum Beginn des dritten Aktes), der Fincher zwischen „Se7en“ und „Fight Club“ in Topform zeigt.

„Das Ganze ist ein intellektuelles Spiel mit Genre-Elementen und den Erwartungen eines an unzähligen Filmminuten geschulten Publikums. (…) Die Besonderheit an The Game ist nun, dass Fincher gerade darauf zielt, seinen Film als Spielmaterial kenntlich zu machen; methodisch tut er dies mit Sigmund Freud als Aushilfsregisseur, stilistisch mit den Mitteln des Verfolgungswahns.“ (Michael Kohler in Frank Schnelle, Hrsg.: David Fincher)

Mit Michael Douglas, Sean Penn, Deborah Kara Unger, James Rebhorn, Peter Donat, Carroll Baker, Armin Mueller-Stahl, Jack Kehoe (sein bislang letzter Auftritt, als Lieutenant Sullivan), Spike Jonze (kleine Nebenrolle), Michael Massee (dito kleine Nebenrolle)

Hinweise

Senses of Cinema über David Fincher

Drehbuch „The Game“ von John Brancato und Michael Ferris (19. Oktober 1995)

Drehbuch „The Game“ von John Brancato und Michael Ferris, überarbeitet von Larry Gross und Andrew Kevin Walker (8. Februar 1996 -Shooting Script)


TV-Tipp für den 26. Dezember: Das Russland-Haus

Dezember 26, 2011

Tele 5, 22.00

Das Rußland-Haus (USA 1990, R.: Fred Schepisi)

Drehbuch: Tom Stoppard

LV: John le Carré: The Russia House, 1989 (Das Rußland-Haus)

Ein russischer Physiker bietet dem britischen Verleger Blair brisantes Material an. Im Auftrag des Rußland-Hauses, einer Abteilung des britischen Geheimdienstes, fährt Blair wieder nach Moskau, verliebt sich und sein Auftrag wird für ihn immer unwichtiger.

Spionagedrama und Liebesfilm, bei dem alles stimmt. „Das Rußland-Haus“ ist ein bittersüßer Abgesang auf den alten Spionagefilm. Die Außenaufnahmen entstanden – erstmals –  in Moskau und Leningrad.

mit Sean Connery, Michelle Pfeiffer, Roy Scheider, Klaus Maria Brandauer, James Fox, J. T. Walsh

Hinweise

Homepage von John le Carré

Meine Besprechung von John le Carrés „Geheime Melodie“ (The Mission Song, 2006)

Meine Besprechung von John le Carrés “Marionetten (A most wanted man, 2008)

Meine Besprechung von John le Carrés „Verräter wie wir“ (Our kind of traitor, 2010)

John le Carré in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 25. Dezember: Stirb langsam

Dezember 25, 2011

Sat.1, 22.35

Stirb langsam (USA 1988, R.: John Mc Tiernan)

Drehbuch: Jeb Stuart, Steven E. de Souza

LV: Roderick Thorp: Nothing lasts forever, 1979 (Stirb langsam)

Bahnbrechendes Action-Kino, das Bruce Willis zum Star machte – im Buch besucht der Held seine Tochter, im Film besucht der Held seine Frau, der Rest (Terroristen besetzten ein Hochhaus, unser Held kämpft gegen sie) ist bekannt. EPD Film meinte „ein durch und durch regressiver Film, der einer infantilen Lust an der Zerstörung Nahrung verschafft.“

Davor, um 20.15 Uhr, und danach, um 00.50 Uhr, läuft „Stirb langsam – Jetzt erst recht“ (der dritte „Die Hard“-Film) und um 02.45 Uhr gibt’s, ebenfalls mit Bruce Willis, „Hostage – Entführt“.

Das Drehbuch von Jeb Stuart und Steven E. De Souza war für den Edgar nominiert.

Mit Bruce Willis, Alan Rickman, Bonnie Bedelia, Alexander Godunov, Reginald VelJohnson, William Atherton, Paul Gleason, Hart Bochner

Hinweise

Wikipedia über „Stirb langsam“ (deutsch, englisch)

Spiegel: „Eines Tages“ über 20 Jahre „Stirb langsam“

Thrilling Detective über Joe Leland (so heißt John McClane im Buch)

The Independent: Nachruf auf Roderick Thorp

Bei Panini Comics erschien jetzt „Die Hard – Das erste Jahr“ von Autor Howard Chaykin und den Zeichnern Stephen Thompson und Gabriel Andrade jr.. In der offiziellen Vorgeschichte zu den „Stirb langsam“-Filmen (in dem Roman von Roderick Thorp ist die Biographie des Helden etwas anders) muss John McClane am 4. Juli 1976, während der Zweihundertjahrfeier der USA, in New York als junger, unerfahrener Cop Dienst schieben und sich mit Terroristen und Geiselnehmern kloppen. Fast wie einige Jahre späer in den Filmen.


TV-Tipp für den 24. Dezember: Best of Open Air 2011

Dezember 24, 2011

ZDFkultur, 05.35 Uhr

Best of Open Air 2011 – oder 24 Nonstop geile Mucke

Wer mit dem ganzen Weihnachtsgedöns nichts anfangen kann, kriegt hier die volle Ladung Rock’n’Roll.

24 Stunden lang.

Los geht’s um 05.35 Uhr mit Femi Kuti. Danach gibt es mit PJ Harvey (06.50 Uhr), Bad Religion (07.20 Uhr), Kaisers Chiefs (18.50 Uhr), Kasabian (19.50 Uhr), Motörhead (22.00 Uhr), Apocalyptica (22.55 Uhr), Subway to Sally (01.35 Uhr), dEUS (02.40 Uhr) und endet um 04.40 Uhr mit Boys Noize. Die Konzerte wurden in diesem Jahr auf den Rockfestivals Roskilde, MELT!, splash!, Hurricane, Wacken und Berlin Festival aufgenommen und müssten damals auch schon mal gezeigt worden sein.

Das vollständige Programm gibt es hier.

 


TV-Tipp für den 23. Dezember: James Bond: 007 jagt Dr. No

Dezember 23, 2011

RBB, 22.15

JAMES BOND: 007 jagt Dr. No (GB 1962, R.: Terence Young)

Drehbuch: Richard Maibaum, Johanna Harwood, Berkely Mather

LV: Ian Fleming: Dr. No, 1958 (007 James Bond jagt Dr. No)

Auf Jamaica soll James Bond herausfinden, wer zwei Mitarbeiter des Secret Service umbrachte. Er stößt schnell auf Dr. No.

Der allererste Bond, mit Sean Connery, Ursula „Bikini“ Andress, Joseph Wiseman – damals noch nah am Buch und ziemlich hart. „Dr. No“ ist nicht nur aus nostalgischen Gründen sehenswert.

Hinweise

Wikipedia über „James Bond: 007 jagt Dr. No“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Sebastian Faulks’ James-Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (Devil may care, 2008)

James Bond in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Sherlock Holmes, Dr. Watson und Professor Moriarty spielen das „Spiel im Schatten“

Dezember 22, 2011

Vor zwei Jahren war Guy Ritchies Sherlock-Holmes-Film mit Robert Downey jr. als Sherlock Holmes und Jude Law als Dr. Watson ein Kassenhit und auch ein toller Sherlock-Holmes-Film, dem der Spagat zwischen Hommage an den Charakter, einem Zurück zu dem von Sir Arthur Conan Doyle erfundenem genialen Privatdetektiv und den Ansprüchen des Blockbuster-Kinos überraschend gut gelang. Denn viele Sherlock-Holmes-Fans hatten vorher schon das Schlimmste befürchtet. Aber Guy Ritchie, der nach einer jahrelangen Durststrecke mit dem okayen „RocknRolla“ wieder an seine frühen Erfolge „Bube, Dame, König, grAS“ und „Snatch – Schweine und Diamanten“ anknüpfte, hatte hier wieder ein glückliches Händchen

Weil der Film an der Kinokasse überaus erfolgreich war, war eine Fortsetzung mit dem bewährten Team eine reine Formsache.

In „Spiel im Schatten“ kämpft Sherlock Holmes gegen Professor Moriarty (Jared Harris), den „Napoleon des Verbrechens“, wie Holmes ihn durchaus bewundernd nennt. Holmes glaubt, dass die in europäischen Städten stattfindenden Anschläge und Morde nicht von verschiedenen radikalen Gruppen durchgeführt wurden, sondern der Professor der Kopf hinter all den Verbrechen ist. Dummerweise hat Holmes keinen Beweis, sein Freund Dr. Watson will gerade jetzt heiraten und Holmes‘ große Liebe (soweit Holmes überhaupt fähig ist, gegenüber dem anderen Geschlecht Gefühle zu Empfinden) Irene Adler (Rachel McAdams) wurde von Moriarty ermordet. Also stürzt Holmes sich, ohne Rücksicht auf Verluste, ins Abenteuer.

Aber während der erste Sherlock-Holmes-Film von Guy Ritchie noch Respekt vor Doyles Charakter hatte, fährt der Zug in „Spiel im Schatten“, auch wenn das Finale über dem Reichenbachfall spielt und sich Holmes und Moriarty kämpfend in die Fluten des Wasserfalls stürzen (wie wir aus der Holmes-Geschichte „The final problem“ [Sein letzter Fall], die sehr lose als Inspiration diente, wissen), eindeutig von der Deduktion in Richtung Comedy, gewürzt mit viel Action und einigen Guy-Ritchie-Manierismen.

Robert Downey jr. wird als Sherlock Holmes mit dandyhaft wallendem Haar und kunstvoll drapierten Schnittverletzungen und blauen Flecken, auch ohne Frauenkleider (die er im Zug trägt) immer tuntiger. Sein Bruder Mycroft (Stephen Fry!!!) hat seine beste Szene, wenn er nackt vor der frisch vermählten Frau Watson steht, dabei von ihren Reizen gänzlich unbeeindruckt ist und dies in wohlfeine Worte kleidet. Und die Beziehung von Holmes und Watson hat in „Spiel im Schatten“ schon keinen homosexuellen Subtext mehr.

Außerdem verkommt der furchtlos-geniale Detektiv immer wieder zur Lachnummer. Am deutlichsten, wenn er nicht auf einem Pferd reiten will, das mit einem Adrian-Monk-würdigem Satz begründet, daher auf einem Esel reitet und zu seinen Mitreisenden blöde Sprüche macht.

In solchen Momenten hätte man sich von den Machern mehr Respekt vor dem literarischen Charakter gewünscht.

So wird „Sherlock Holmes – Spiel im Schatten“ schnell zu zwei Stunden Remmidemmi um die Jahrhundertwende. Das ist sehr kurzweilig und entsprechend unterhaltsam, wenn man akzeptiert, dass dieser Sherlock-Holmes-Film bis auf einige Spurenelemente nichts mehr mit dem literarischen Sherlock Holmes zu tun hat, sondern eine Buddy-Action-Comedy vor historischer Kulisse ist, bei der die rudimentäre Handlung einfach nur den Film zusammenhält.

Immerhin funktioniert „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ so ausgezeichnet als deftige Zwischenmahlzeit und Appetitanreger für die im Januar in England und später auch bei uns laufende zweite Staffel der BBC-Sherlock-Holmes-Filmserie „Sherlock“ mit Benedict Cumberbatch als Sherlock Holmes und Martin Freeman als Dr. John Watsn.

Für seinen nächsten Sherlock-Holmes-Film muss Guy Ritchie sich allerdings überleben, ob er wirklich weiter die doch eher banale Action-Comedy-Schiene bedienen will. Eine Rückkehr zum ernsthafteren und werkgetreueren Stil seines ersten Sherlock-Holmes-Film und damit dem literarischen Sherlock Holmes würde mir allerdings besser gefallen.

Sherlock Holmes: Spiel im Schatten (Sherlock Holmes: A Game of Shadows, USA 2011)

Regie: Guy Ritchie

Drehbuch: Michele Mulroney, Kieran Mulroney

LV: Charakter von Sir Arthur Conan Doyle

mit Robert Downey jr., Jude Law, Jared Harris, Noomi Rapace, Stephen Fry, Eddie Marsan, Rachel McAdams, Kelly Reilly, Geraldine James, Paul Anderson, Thierry Neuvic

Länge: 128 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“

Rotten Tomatoes über „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“

Wikipedia über „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ (deutsch, englisch)

Homepage von Sir Arthur Conan Doyle (Erben)

Krimi-Couch über Sir Arthur Conan Doyle

Kirjasto über Sir Arthur Conan Doyle

Wikipedia über Sir Arthur Conan Doyle (deutsch, englisch)

Sherlockian.net (Einstiegsseite mit vielen Links)

Facebook-Seite der deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft

Thrilling Detective über Sherlock Holmes

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles “Sherlock Holmes Geschichten”, “Sherlock Holmes Kriminalgeschichten” und “The Adventures of Sherlock Holmes” (und hier eine Auflistung der in diesen Werken enthaltenen Geschichten)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Davide Fabbris (Zeichner): Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies! (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies, 2010)

Meine Besprechung von „Sherlock: Ein Fall von Pink“ (A Study in Pink)

Meine Besprechung von „Sherlock: Eine Legende kehrt zurück“ (Sherlock, GB 2010)

Sherlock Holmes in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 22. Dezember: Hostage – Entführt

Dezember 22, 2011

Sat.1, 22.25

Hostage – Entführt (USA 2005, R.: Florent Emilio Siri)

Drehbuch: Doug Richardson

LV: Robert Crais: Hostage, 2001 (Hostage – Entführt)

LAPD-Verhandlungsexperte Jeff Talley schiebt in einer Kleinstadt eine ruhige Kugel. Da nehmen drei Jugendliche einen Mafia-Buchhalter und dessen Kinder als Geisel. Talley muss, nachdem die Mafia seine Frau und Tochter entführt, wieder verhandeln.

Okayer Geiselnahmethriller mit einem irgendwo zwischen Italo-Western und Horrorfilm oszillierendem Look und einigen hübschen Twists, wie der doppelten Geiselnahme und den sich verändernden Loyalitäten. Allerdings ist das Buch gerade bei dem Mafia-Plot glaubwürdiger. Und wer wissen will, wie die Polizei verhandelt, sollte auch zu dem Buch greifen.

Der Film ist nur die bleihaltige Action-Variante davon.

Mit Bruce Willis, Kevin Pollak, Jimmy Bennett, Michelle Horn, Ben Foster, Jonathan Tucker, Marshall Allman, Serena Scott Thomas, Rumer Willis (Tochter von Bruce Willis), Kim Coates, Robert Knepper

Wiederholung: Montag, 26. Dezember, 02.45 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage von Robert Crais

Wikipedia über Robert Crais

Drehbuch „Hostage“ von Robert Crais (29. März 2002, early draft – Crais schrieb nach seinem Roman ein Drehbuch, das später von anderen Autoren umgearbeitet wurde.)


TV-Tipp für den 21. Dezember: Casino

Dezember 21, 2011

ZDF, 23.40

Casino (USA 1995, R.: Martin Scorsese)

Drehbuch: Martin Scorsese, Nicholas Pileggi

LV: Nicholas Pileggi: Casino: Love and Honor in Las Vegas, 1995 (Casino)

Biopic über die Mafia in Las Vegas in den Siebzigern

Kurz gesagt: ein Meisterwerk und Pflichttermin für Krimifans.

„Die einander ergänzenden Elemente von ‚Casino’, die genaue, materialistische Dokumentation, das Shakespeare-Drama von Macht und Fall, der Genrefilm und die Strindbergsche Seelenpein von Mann und Frau, zwischen denen eine unsichtbare Mauer steht, laufen alle auf die Feststellung hinaus, die Robert De Niro schon am Anfang getroffen hat: dass niemand gegen die Bank gewinnen kann. Das ist nicht nur konkrete Beschreibung einer ökonomisch-kriminellen Situation und soziale Metapher auf das Wesen des Kapitalismus, sondern auch ein philosophisches Gleichnis.“ (Georg Seeßlen: Martin Scorsese)

Mit Robert De Niro, Sharon Stone, Joe Pesci, James Woods, Kevin Pollak, L. Q. Jones

Hinweise

Wikipedia über „Casino“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „Casino“ von Nicholas Pileggi

Charlie Rose interviewt Nicholas Pileggi (2. November 1995 zu „Casino“)

Wikipedia über Martin Scorsese (deutsch, englisch)

Martin-Scorsese-Fanseite

Martin Scorsese in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 20. Dezember: Der dritte Mann

Dezember 20, 2011

3sat, 20.15

Der dritte Mann (GB 1949, R.: Carol Reed)

Drehbuch: Graham Greene

LV/Buch zum Film: Graham Greene: The third man, 1950 (Der dritte Mann)

Wien, kurz nach dem Krieg: Holly Martins kann es nicht glauben. Sein toter Freund Harry Lime soll ein skrupelloser Geschäftemacher sein. Holly will Harrys Unschuld beweisen.

Na, den Film kennen wir – das kaputte Wien, die grandiosen Leistungen der Schauspieler, die Verfolgung durch die Wiener Kanalisation, die Zither-Melodie von Anton Karas – und sehen ihn immer wieder gern.

Mit Joseph Cotten, Orson Welles, Alida Valli, Trevor Howard, Bernard Lee, Erich Ponto, Paul Hörbiger

Wiederholungen

3sat, Mittwoch, 21. Dezember, 03.50 Uhr (Taggenau!)

BR, Donnerstag, 29. Dezember, 03.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Fanseite über Graham Greene

Wikipedia über Graham Greene (deutsch, englisch)

Wikipedia über „Der dritte Mann“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Graham Greenes Roman „Brighton Rock“ und den beiden Verfilmungen

Bonushinweis

Bei StudioCanal erschien jetzt in der Blu Cinemathek „Der dritte Mann“ mit Tonnen an informativem Bonusmaterial. Die Blu-ray macht sich auch ganz gut unterm Weihnachtsbaum.


DVD-Kurzkritik: Mex-Horror mit „Wir sind was wir sind“

Dezember 19, 2011

Ein Film, bei dem die für die Zuschauer große Überraschung im Film lange verschwiegen, aber in jeder Ankündigung verraten wird, hat ein Problem. Dabei ist das Problem nicht, dass, wie in „Wir sind was wir sind“, verraten wird, dass die im heutigen Mexiko City ärmlich lebende vierköpfige Familie, um die sich die Geschichte dreht, Menschenfleisch isst, sondern dass der Film neben dieser Idee keine andere Idee hat.

Denn mit diesem Wissen, fragt der aufmerksame Zuschauer sich beim Ansehen von „Wir sind was wir sind“ nicht mehr „Wie überlebt die Familie?“, sondern „Wie überlebt die Kannibalenfamilie?“. Aber bis es darauf eine Antwort gibt, wird endlos lange deren ärmliches Leben gezeigt, sich angeschwiegen und geheimnisvoll-bedeutungsschwanger von einem Ritual gemunkelt, für dessen ordnungsgemäßen Ablauf, nach dem Tod des Vaters, der älteste Sohn sorgen soll. Doch er hat nicht die Nerven dazu, unauffällig Menschenfleisch zu besorgen. Entsprechend hilflos sind seine ersten Versuche und wenn dann am Ende das schändliche Treiben der Familie auffliegt, wird das so krude zusammengepappt, dass man sich wirklich nicht fragen sollte, wie eine so dusselige Familie so lange unerkannt ihr verbrecherisches Tun verfolgen konnte und woher plötzlich alle in dem Viertel Lebenden davon wissen.

Ohne die Idee, die Familie zu einer Kannibalenfamilie zu machen, wäre „Wir sind was wir sind“ einfach nur ein zäher, deprimierender Film über den täglichen Überlebenskampf der Armen in einer südamerikanischen Großstadt. Mit der Idee, dass Menschen Menschen essen, um zu überleben, wird die Sozialkritik dann halt noch offensichtlicher als sie eh schon ist. Wobei das schon lange nicht mehr besonders originell ist. Denn in jedem zweiten Zombie-Film wird dem geneigten Publikum diese gesellschaftskritische Interpretation angeboten.

Aber weil in Jorge Michesl Graus Spielfilmdebüt die Familie das schon so lange macht, dass es zu einem Familienritual werden konnte, ist es vielleicht auch einfach nur deren ‚way of life‘, zu dem fressen und gefressen werden dazu gehört und die Opfer gerne noch eine Stufe tiefer auf der sozialen Leiter gesucht werden. Denn wer, so sagen sich die Kannibalen, vermisst schon eine Prostituierte?

Wir sind was wir sind (Somos lo que hay, Mexiko 2010)

Regie: Jorge Michel Grau

Drehbuch: Jorge Michel Grau

mit Francisco Barreiro, Alan Chávez, Paulina Gaitán, Carmen Beato, Jorge Zárate, Esteban Soberánes

DVD

Alamode

Bild: 2,35:1

Ton: Deutsch, Spanisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial (angekündigt): Kurzfilm „Mi Hermano“, Making of, Behind the Scenes, Trailer

Länge: 90 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Wir sind was wir sind“

Rotten Tomatoes über „Wir sind was wir sind“

Wikipedia über „Wir sind was wir sind“ (englisch, spanisch)

 


TV-Tipp für den 19. Dezember: Sophie Scholl – Die letzten Tage

Dezember 19, 2011

Eins Festival, 20.15

Sophie Scholl – Die letzten Tage (D 2005, R.: Marc Rothemund)

Drehbuch: Fred Breinersdorfer

Das sei Schulfernsehen, sagte Breinersdorfer, als Rothemund ihm vorschlug die letzten Tage der Geschwister Scholl zu verfilmen. Dann vertiefte er sich in die Protokolle der Verhöre und schrieb das Drehbuch zu einem von Kritikern, Kollegen und Publikum hochgelobten Film. Über eine Million sahen „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ in den deutschen Kinos.

Mit Julia Jentsch, Alexander Held, Fabian Hinrichs, Jörg Hube

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Sophie Scholl – Die letzten Tage“

Wikipedia über „Sophie Scholl – Die letzten Tage“

Bundeszentrale für politische Bildung über „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ (Filmheft, undsoweiter)

Homepage von Fred Breinersdorfer

Meine Besprechung von Fred und Léonie Breinersdorfers „Das Hurenspiel – Ein Fall für Abel“ (2006)


TV-Tipp für den 18. Dezember: Die Entführung der U-Bahn Pelham 123

Dezember 18, 2011

Pro7, 20.15

Die Entführung der U-Bahn Pelham 123 (The Taking of Pelham 123, USA 2009)

Regie: Tony Scott

Drehbuch: Brian Helgeland

LV: John Godey: The Taking of Pelham One Two Three, 1973 (Abfahrt Pelham 1 Uhr 23)

In New York nehmen Gangster die Passagiere einer U-Bahn als Geisel. Sie fordern binnen einer Stunde 10 Millionen Dollar Lösegeld. Ein Fahrdienstleiter beginnt mit den Verhandlungen.

Für das Update des 1973er Thriller-Klassikers „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123“ von Joseph Sargent, nach einem Drehbuch von Peter Stone, mit Walter Matthau, Robert Shaw und Martin Balsam musste Brian Helgeland nicht viel tun. Denn Romanautor John Godey hat sich eine ebenso einfach, wie spektakuläre Story ausgedacht. Da musste Brian Helgeland nur der Story folgen und aus den vielen im Buch auftretenden Charakteren (die so auch ein Bild der US-amerikanischen Gesellschaft in den frühen Siebzigern entstehen lassen) die für einen Film wichtigen auswählen. Tony Scott bebilderte dann das ganze mit einer für seine Verhältnisse angenehm zurückhaltenden Regie.

Aber während die 1973er-Version immer noch thrillt, bedient Scott einfach nur ziemlich glatt und damit auch vorhersehbar-langweilig die Spannungsmachinerie. Es ist nicht wirklich Falsches in „Die Entführung der U-Bahn Pelham 123“, aber auch nichts, was zum wiederholten Ansehen reizt.

mit Denzel Washington, John Travolta, Luis Guzmán, John Turturro, James Gandolfini

Wiederholung: Montag, 19. Dezember, 00.35 Uhr

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Die Entführung der U-Bahn Pelham 123“

Meine Besprechung von John Godeys „Abfahrt Pelham 1 Uhr 23“ (The Taking of Pelham One Two Three, 1973)

„The Taking of Pelham 123“ in der Kriminalakte

Hier einige Bilder aus dem Original in einem gut gemachten „Updated Trailer“ (aka „Fan Trailer“)

Das dürte der Originaltrailer sein


TV-Tipp für den 17. Dezember: Polizeiruf 110: Der scharlachrote Engel

Dezember 17, 2011

Arte, 22.00

Polizeiruf 110: Der scharlachrote Engel (D 2005, R.: Dominik Graf)

Drehbuch: Günter Schütter

Flo Engelhard ruft bei der Polizei an und sagt, sie habe einen Einbrecher erschossen. Die Kommissare Tauber und Obermaier finden allerdings keine Leiche und kurz darauf taucht der Einbrecher quicklebendig wieder auf. Er will sich anscheinend an Flo rächen.

Hier arbeitet wieder das bewährte Team Schütter-Graf zusammen. Ihm verdanken wir unter anderem folgende Sternstunden des deutschen Films: „Der Skorpion“, „Tatort: Frau Bu Lacht“, „Die Sieger“, die Fahnder-Folgen „Nachtwache“ und „Baal“ und zuletzt den Spielfilm „Der rote Kakadu“.

Der scharlachrote Engel“ ist ein intensiver „Polizeiruf 110“ über Stalking und die Unfähigkeit der Polizei etwas dagegen zu tun. Gegen diesen Polizeithriller wirken viele Kinofilme wie Ramschware.

Mit Edgar Selge, Michaela May, Nina Kunzendorf, Claudia Messner

Wiederholung: Freitag, 23. Dezember, 01.55 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Meine Besprechung von Dominik Grafs „Schläft ein Lied in allen Dingen“

Meine Besprechung der von Dominik Graf inszenierten TV-Serie  „Im Angesicht des Verbrechens“

Meine Besprechung von Johannes F. Sieverts Interviewbuch „Dominik Graf – Im Angesicht des Verbrechens: Fernseharbeit am Beispiel einer Serie“

Dominik Graf in der Kriminalakte


DVD-Kritik: „Nordlicht – Mörder ohne Reue“ oder Spannung ohne Reue

Dezember 16, 2011

Nachdem nördlich von Kopenhagen mehrere im Wald vergrabene Leichen entdeckt werden, glaubt die junge, impulsive Leiterin der Mordkommission, Katrine Ries Jensen (Laura Bach), dass sie einen Serienkiller jagt. Fachliche Hilfe erhofft sie sich von dem verheirateten Psychologen Thomas Schaeffer (Jakob Cedergren), der früher schon die Polizei beriet, deshalb bei Katrines Chef schlecht angesehen ist und der jetzt als Uni-Prof Studenten bespaßt. Sie finden schnell zusammen und Thomas Schaeffer darf als ständiger Berater bei den Ermittlungen dabei sein.

Wer jetzt auf eine dänische Variante von „Für alle Fälle Fitz“ (Cracker) hofft, wird mit „Nordlicht – Mörder ohne Reue“ wenig Freude haben. Dafür ist Thomas zu brav und die Polizisten, bis auf Katrine, zu austauschbar-unscheinbar. Entsprechend reibungslos funktioniert die polizeiliche Teamarbeit. Den Fans von „Hautnah – Die Methode Hill“ und selbstverständlich den Fans von US-Krimiserien, in denen der Krimi-Plot und das Erzähltempo hoch, die psychologische Tiefe eher gering ist, dürfte die Serie eher gefallen. Denn wenn in „Nordlicht – Mörder ohne Reue“ das Privatleben von Katrine und Thomas angesprochen wird, wenn sie sich in einen Mann verliebt, dann hat das, wie in „Der Wolf im Schafspelz“, auch etwas mit der Mörderjagd zu tun. Dass dabei die „Wer ist der Täter?“-Frage meistens zugunsten des Thriller-Plots beantwortet wird, tut der Spannung keinen Abbruch. Im Gegenteil. Denn wenn so gekonnt wie in „Nordlicht – Mörder ohne Reue“ an der Spannungsschraube gedreht wird, vergehen die jeweils knapp neunzig Minuten wie im Flug.

In den ersten sechs Fällen jagen Katrine und Thomas zwar normalerweise Serienmörder, aber die ausgelutschtesten Serienkillerklischees werden weitgehend vermieden. In „Das Glück der Familie“ bringt ein Mann seine Traumfamilien um, wenn sie sich gegen ihn stellen. Jetzt hat er eine neue Traumfamilie gefunden. In „Aufstand in Block B“ wird im Gefängnis ein Afrikaner ermordet. Kurz darauf geschieht ein zweiter Mord und wieder wurde das Opfer kunstvoll präpariert. Der einflussreiche Gefangene Hoeg (hübsch dämonisch gespielt von dem auch bei uns bekannten Ulrich Thomsen) bietet Thomas einen Handel an: Informationen über den Täter gegen Informationen über Thomas‘ Vergangenheit.

In „Bandenkrieg“ geht Thomas Undercover – und die Serie „Nordlicht“ wird vom Profiler-Krimi zum Cop-Thriller, in dem es um Loyalitäten und auch die Liebe von Vätern zu ihren Kindern geht. Denn der russische Gangsterboss Jacovski (Kim Bodnia) ist auch ein überaus liebevoller Vater – und Thomas fragt sich, wie wichtig ihm sein eigener Sohn ist.

In der sechsten und bislang letzten Episode „Schatten der Vergangenheit“ wird Thomas mit einem alten Fall konfrontiert: damals hatte er einen Kriegsveteranen psychologisch betreut. Jetzt ist dieser nach sechs Jahren aus der Haft entlassen worden und er setzt seine Gewaltfantasien in die Tat um. Außerdem glaubt er, dass Thomas ihn verraten habe.

Die Folge endet mit einem Knall – und weil „Nordlicht – Mörder ohne Reue“ in Dänemark so unglaublich erfolgreich war, arbeiten die Macher bereits an weiteren Folgen.

Es ist zu hoffen, dass sie dann das Niveau halten. Denn die sechs Folgen sind in erster Linie gutes Spannungshandwerk, das auf den ersten Blick nicht innovativ oder sozialkritisch (was für einen Skandinavien-Krimi allerdings schon eine halbe Sensation ist) ist. Auch die psychologischen Erklärungen für die Taten fallen denkbar knapp aus. Es ist einfach nur spannende, kurzweilige Unterhaltung und damit viel mehr, als die heimischen Sender bieten.

Nordlicht – Mörder ohne Reue (Den som dræber, Dänemark 2011)

Erfinder: Elsebeth Egholm, Stefan Jaworski

mit Laura Bach (Katrine Ries Jensen), Jakob Cedergren (Thomas Schaeffer), Lars Mikkelsen (Magnus Bisgaard), Lærke Winther Andersen (Mia Vogelsang), Frederik Meldal Nørgaard (Stig Molbeck), Iben Dorner (Benedicte Schaeffer)

DVD

Edel

Bild: 16:9

Ton: Deutsch, Dänisch (Dolby Digital 2.0 Stereo)

Untertitel: –

Bonusmaterial: –

Länge: 540 Minuten (sechs spielfilmlange Krimis auf sechs DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Die Fälle von Katrine Ries Jensen und Thomas Schaeffer

Machtspiele (Liget i skoven)

Regie: Birger Larsen

Drehbuch: Rikke De Fine Licht, Siv Rajendram Eliassen, Stefan Jaworski

Das Glück der Familie (Utopia)

Regie: Niels Nørløv

Drehbuch: Rikke De Fine Licht, Torleif Hoppe, Per Daumiller, Siv Rajendram Eliassen

Aufstand in Block B (Ondt blod)

Regie: Niels Nørløv

Drehbuch: Rikke De Fine Licht, Siv Rajendram Eliassen

Bandenkrieg (Øje for øje)

Regie: Kasper Barfoed

Drehbuch: Morten Dragsted, Siv Rajendram, Karina Dam

Der Wolf im Schafspelz (Dødens kabale)

Regie: Kasper Barfoed

Drehbuch: Morten Dragsted, Siv Rajendram Eliassen

Die Schatten der Vergangenheit (Fortidens skygge)

Regie: Birger Larsen

Drehbuch: Morten Dragsted, Siv Rajendram Eliassen

Hinweise

ZDF über „Nordlicht – Mörder ohne Reue“

Wikipedia über „Nordlicht – Mörder ohne Reue“ (deutsch, dänisch)


TV-Tipp für den 16. Dezember: Collateral

Dezember 16, 2011

Pro 7, 20.15

Collateral (USA 2004, R.: Michael Mann)

Drehbuch: Stuart Beattie

Max ist ein nett-harmloser Los-Angeles-Taxifahrer, der von einem eigenen Unternehmen träumt, aber seit zwölf Jahren sein Leben als Angestellter fristet. Da steigt Vincent ein und bietet ihm 600 Dollar, wenn er ihn in den kommenden Stunden zu fünf Freunden fährt. Nach dem ersten Stopp, weiß Max, dass Vincent ein Autragkiller ist und er ihn zu den nächsten Opfern bringen soll.

„Collateral“ ist ein kleiner, ökonomisch erzählter Neo-Noir-Thriller über das tödliche Aufeinandertreffen zweier Charaktere ihrer vollkommen gegensätzlichen Lebensauffassungen; ist ein grandios besetzter Schauspielerfilm; ist eine Liebeserklärung an das nächtliche Los Angeles und wahrscheinlich der beste Film von Michael Mann.

Mit Tom Cruise, Jamie Foxx, Jada Pinkett Smith, Mark Ruffalo, Peter Berg (Regisseur von „Hancock“), Bruce McGill, Javier Bardem, Jason Statham (Miniauftritt auf dem Flughafen)

Wiederholung: Samstag, 17. Dezember, 00.10  Uhr (Taggenau!)

Hinweise

IndieLondon: Interview mit Michael Mann

Sight & Sound: Interview mit Michael Mann

The Dialogue: Stuart Beattie: Tricks of the Trade (Teil eines Interview)

Wikipidia (englisch) über „Collateral“

Drehbuch „Collateral“ von Stuart Beattie, bearbeitet von Frank Darabont (12. September 2000) (und bereits teilweise von Michael Mann, Stand: 10. Juli 2003 – Änderung des Handlungsortes von New York nach Los Angeles)

Drehbuch „Collateral“ von Stuart Beattie, bearbeitet von Frank Darabont und Michael Mann  (24. August 2003)


Neu im Kino/FIlmkritik: „Mission: Impossible“, zum Vierten: die Geister der Vergangenheit des Spionagefilms

Dezember 15, 2011

Die sorgsam gestreuten Vorabberichte und Bilder für den vierten „Mission: Impossible“-Film „Phantom Protokoll“ steigerten in den vergangenen Monaten die Erwartungen. In Dubai wird auf dem höchsten Wolkenkratzer der Welt herumgekraxelt. Die mondänen Handlungsorte sind anscheinend alle nach dem Prinzip „Darf es bisschen mehr sein?“ ausgewählt worden und Brad Bird hat mit den Animationsfilmen „Der Gigant aus dem All“, „The Incredibles – Die Unglaublichen“ und „Ratatouille“ bereits einige erfolgreiche Filme inszeniert. Bei seinem ersten Realfilm „Mission: Impossible – Phantom Protokoll“ durfte er aus dem vollen schöpfen und an seiner Regie ist auch nichts auszusetzen: er wurde bezahlt, um Star und Produzent Tom Cruise möglichst gut ins Bild zu setzen und das Franchise für den nächsten „Mission: Impossible“-Film fit zu machen. Wobei sich „fit zu machen“ nur auf das Einspielergebnis und nicht auf die Story bezieht. Denn diese ist löchriger als der berühmte Schweizer Käse, wobei ich befürchte, dass die Autoren sich dachten, sie würden eine besonders eloquente David-Mamet-Imitation abgeben, indem sie bei Bedarf (also immer dann, wenn die Story an einem toten Punkt ankommt), mit neuen Informationen das vorher gesagte und gezeigte in Frage stellen oder sogar verneinen. Doch während Mamet ein Meisters dieses bei ihm gründlich durchdachten Spiels ist, dümpeln André Nemec und Josh Appelbaum auf TV-Serienniveau herum, wo solche Taschenspielertricks manchmal einfach aufgrund der beschränkten Sendezeit nötig sind und die Spannung, wenn sie richtig eingesetzt werden, steigern können. Auch einige peinlich erklärende Dialoge gehören eher in eine TV-Serie, bei der die Macher immer mit dem unaufmerksamen Publikum oder Späteinschaltern (Was glauben Sie, weshalb Jack Bauer in „24“ so oft sagt, dass er ein Bundesagent sei und verrät, was die Terroristen planen?) rechnen müssen. Aber im Kino bleibt man von der ersten bis zur letzten Minute sitzen und, im Gegensatz zu einer Serie, bei der während des Drehs weitere Drehbücher geschrieben werden, wird bei einem Film zuerst das Drehbuch geschrieben, dann mit den Dreharbeiten begonnen und anschließend der gesamte Film geschnitten.

Doch „Misson Impossible: Phantom Protokoll“ wirkt als habe man einfach die besten Szenen aus mehreren Drehbuchversionen genommen, dabei den Plot und die Motive der Charaktere ignoriert und sich, in der Hoffnung, dass bei einem Action-Dauerfeuerwerk niemand mehr auf Plotlöcher achtet, auf die verbleibenden Action-Szenen, die man großzügig über den Globus verteilte, konzentriert – oder ich habe einige wichtige Informationen vollkommen überhört.

Besonders bei dem titelgebenden „Phantom Protokoll“ ist diese Schlampigkeit eklatant. So setzt die US-Regierung ein Phantom Protokoll in Kraft, wonach Ethan Hunt und seine IMF-Kollegen auf sich allein gestellt sind und von allen als Terroristen gejagt werden. Nun, die allseits bekannte „Mission: Impossible“-Prämisse ist, dass die Regierung, wenn die Mission fehlschlägt, leugnet, dass sie etwas davon weiß. Was das „Phantom Protokoll“ für Hunt und sein IMF-Team schlimmer macht, ist vollkommen unklar. Denn dass sie in einem dramatischen, die Geschichte bestimmendem Ausmaß auf Ausrüstung und Logistik verzichten müssten, ist nicht ersichtlich. Auch wird das potentielle Spannungsmoment, wenn alle Geheimdienste der Welt, Hunt jagen, absolut nicht ausgeschöpft.

Damit dient das „Phantom Protokoll“ nur dazu, im Trailer die Erwartungen anzuheizen. Im Film ist es wurscht. Denn außer von einem russischen Polizisten sind keine Verfolger zu erblicken.

Aber auch das restliche, für einen Spielfilm viel zu episodische, nur auf ständige Überraschungen angelegte Drehbuch beeindruckt vor allem als zunehmend monotone Sammlung von Action, Plotlöchern, Infantilitäten und losen Enden, die letztendlich den Charme eines Kindergeburtstages hat.

Zum Beispiel will Ethan Hunt in Dubai aus rätselhaften Gründen die Auftragskillerin Sabine Moreau (Léa Seydoux), die am Filmanfang (dazu später mehr) einen IMF-Agenten ermordete, unbedingt lebend haben. Während eines Kampfs Kampf kickt IMF-Agentin Jane Carter (Paula Patton) sie aus dem Fenster des Hotels. Als Hunt davon erfährt, nimmt er es achselzuckend zur Kenntnis. Und die vor dem Hotel liegende Leiche der Killerin scheint niemanden zu kümmern. Vielleicht hat der Sandsturm sie auch einfach vor eine andere Hütte geweht.

Es ist unklar, warum der in einem russischen Gefängnis inhaftierte Hunt am Filmanfang bei seinem Ausbruch unbedingt einen anderen Inhaftierten mitnehmen muss. Wobei dieser Ausbruch, mit etwas Hilfe von seinen IMF-Kollegen, musikalisch untermalt von Dean Martins „Ain’t that a kick in the head“, als zünftige Massenschlägerei in den Gefängnisfluren, durchaus seinen Charme hat. Dass dieser irgendwie wichtige Mithäftling dann einige Tage später nicht in amerikanischen Geheimdiensthänden, in die er nach dem Ausbruch übergeben wurde, sondern frei ist und in Dubai für Hunt als Kontaktmann zu einem Waffenhändler fungieren kann, wird nicht erklärt. Aber wahrscheinlich wusste Hunt schon bei dem Ausbruch und bevor er seinen neuen unmöglichen Auftrag erhielt, dass er ihn wenige Tage später braucht. Oder so.

Auch der Filmanfang fasziniert im ersten Moment, wenn der IMF-Agent sich rückwärts von einem Gebäude fallen lässt, dabei seine Verfolger erschießt und auf einem Luftkissen landet, als gut geplante Geheimdienstaktion. Später erfahren wir, dass nichts geplant war und können uns in der nächsten Action-Szene fragen, woher der gute, inzwischen tote Agent wusste, dass er weich landen wird.

Auch etliche Dialoge und damit ganze Szenen können einen nur sprachlos zurücklassen. Denn anstatt durch eine gescheite Informationspolitik Erwartungen und damit Spannung aufzubauen, wird immer wieder in einer späteren Szene einfach gesagt, dass man vorher gelogen oder etwas wichtiges verschwiegen habe. So wird es im Film als große Überraschung inszeniert, dass William Brandt (Jeremy Renner) doch kein blasser Analytiker, sondern ein ausgebildeter IMF-Agent ist. Dabei wusste Hunt das schon von Anfang an (was natürlich die gesamte Enttarnung von Brandt als billigen Taschenspielertrick entlarvt) und Brandt hat wegen seinem letzten Auftrag ein schlechtes Gewissen. Damals sollte er die Hunts beschützen (Prust! Ein Aufpasser für unseren Superhelden! Das wäre James Bond nie passiert.) und er konnte die Ermordung von Hunts Frau nicht verhindern.

Diese Szenen verweisen immer wieder auf ein tieferes Problem: die Macher sind sich über die Motivationen ihrer Charaktere unklar. Also ist letztendlich alles möglich und alles wird auch mal irgendwie angesprochen. So soll es etwas Tragik geben, weil Hunts Frau ermordet und er von seinem Land fallengelassen wird. Das kennen wir aus „24“ und dieser Konflikt zwischen Familie und Dienst für das Vaterland wird von Jack Bauer viel besser verkörpert und den „24“-Machern viel besser durchbuchstabiert. In „Mission: Impossible“ ist uns letztendlich wurscht, dass Ethan Hunt irgendwann in der Vergangenheit seine Frau verloren hat.

Dann soll es mal wieder lässig wie in den alten James-Bond-Filmen sein. Aber gerade der selbstironische Bond-Humor geht Ethan Hunt, der eher wie der Klassenstreber wirkt, der noch schnell einen Schauplatz samt Action-Szene abhaken will, vollkommen ab.

Dass Hunt und sein restliches IMF-Team, bestehend aus Jane Carter (Paula Patton), Denji Dunn (Simon Pegg, wie immer zuständig für die Lacher) und William Brandt (Jeremy Renner als potentieller Hunt-Nachfolger, aber im Moment auch als möglicher Jason-Bourne-Nachfolger vor der Kamera), einen durchgeknallten Russen, der mit einem Atomkrieg die Welt befrieden will (Michael Nyqvist, als Anzugträger mit dem Koffer noch blasser als als Mikael Blomkvist in den Stieg-Larsson-Verfilmungen), jagen, erinnert an die guten alten James-Bond-Filme, als das Böse in Russland beheimatet war. In „Mission Imposssible: Phantom Protokoll“ wird uns ein Operettenrussland präsentiert, das eher an das in Studiokulissen gedrehte Russland aus „Ihr Auftritt, Al Mundy“ oder der „Mission: Impossible“-TV-Serie aus den Sechzigern als an das moderne Russland erinnert. Auch der Bösewicht trägt das Patina alter Zeiten.

Dazu tragen auch nach modernen Standards angenehm altmodisch inszenierten zahlreichen Action-Szenen bei. Man kann die Kämpfe wirklich mitverfolgen. Man sieht den Helden wirklich am Hochhaus herumklettern. Aber sie sind auch nie wirklich packend, weil es in ihnen um nichts geht. Sie sind l’Art pour l’Art mit einem so unverletzbarem Helden, dass James Bond dagegen wie ein verletzlicher Chorknabe wirkt. Von Jason Bourne wollen wir jetzt nicht reden.

Der gänzlich humorfreie Film (Simon Pegg als Comic Relief ignoriere ich mal.) wirkt heute komplett anachronistisch. Wie ein Relikt aus dem Kalten Krieg mit aufgepimpter Action und hastigen Schauplatzwechseln.

Da sieht man sich besser noch einmal einen der alten Agentenfilme mit James Bond, Derek Flint oder Harry Palmer (vor allem „Das Milliarden Dollar Gehirn“) an. Da ist die Action vielleicht nicht so bombastisch wie in „Mission: Impossible – Phantom Protokoll“, aber dafür gibt es ein wunderschönes Sixties-Feeling mit Sean Connery, James Coburn und Michael Caine.

Ein Wort noch zu den vorherigen „Mission: Impossible“-Filmen:

Der erste von Brian de Palma gefiel mir gut. Auch weil de Palma Cruise die meiste Zeit als Volldeppen inszenierte. Und dann die übrige Besetzung: Jon Voight, Emmanuelle Béart, Henry Czerny, Jean Reno, Ving Rhames, Kristin Scott-Thomas und Vanessa Redgrave!

Der zweite von John Woo war hirnlose Action, bei der Stil alles und Story nichts war. Immerhin endet der Langweiler mit einer zünftigen Klopperei am Strand.

Der dritte von J. J. Abrams war kurzweiliges Action-Entertainment. Am besten gefiel mir die Chuzpe, mit der nach dem superschwierigen Einbruch in das Hochhaus in Shangai, aus dem Hunt die ‚Hasenpfote‘ (halt den MacGuffin) stahl, sofort auf die Straße geschnitten wurde, Tom Cruise aus dem Gebäude stürmte und die blechzerfetzende Verfolgungsjagd losging. Was in dem Gebäude geschah, wurde nie geklärt. Oh, und Philip Seymour Hofmann als Bösewicht war, wie immer, gut.

Das gleiche gilt für Ving Rhames, der im vierten Teil nur einen Kurzauftritt hat.

Mission: Impossible – Phantom Protokoll (Mission: Impossible – Ghost Protocol, USA 2011)

Regie: Brad Bird

Drehbuch: André Nemec, Josh Appelbaum

mit Tom Cruise, Jeremy Renner, Simon Pegg, Paula Paton, Michael Nyqvist, Wladimir Maschkow, Josh Holloway, Anil Kapoor, Léa Seydoux, Tom Wilkinson, Ving Rhames

Länge: 132 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Mission: Impossible – Phantom Protokoll“

Rotten Tomatoes über „Mission: Impossible – Phantom Protokoll“

Wikipedia über „Mission: Impossible – Phantom Protokoll“ (deutsch, englisch)

 

 


TV-Tipp für den 15. Dezember: Tatort: Rendezvous mit dem Tod

Dezember 15, 2011

MDR, 20.15

Tatort: Rendezvous mit dem Tod (D 2011, R.: Buddy Giovinazzo)

Drehbuch: Meike Hauck, Clemens M. Schönborn

Kommissarin Saalfeld ermittelt in einem Selbstmord ohne Leiche (ein akuter Fall von “zu viel Zeit”). Ihr Kollege Keppler sucht den Mörders eines in einer Badewanne ertrunkenen, gefesselten Mannes. Und beide zicken sich neunzig Minuten wie debile Kleinstkinder an.

Zehnter Einsatz des Teams Saalfeld/Keppler, das nach einem verheißungsvollem Beginn schnell auf Ehrlicher-Niveau ankam. Auch Buddy Giovinazzo als Regisseur konnte daran nichts ändern.

Bei pulp master ist Buddy Giovinazzos neuester Roman “Piss in den Wind” und eine Wiederveröffentlichung von “Cracktown” in Vorbereitung. Das sind wirklich gute Nachrichten für die Noir-Fans.

mit Simone Thomalla, Martin Wuttke, Franziska Walser, André Hennicke, Nadeshda Brennicke

Hinweise

Tatort-Fundus über das Team Saalfeld/Keppler

Meine Besprechung von Oliver Wachlins Tatort-Roman „Todesstrafe“ (2009, mit dem Team Saalfeld/Keppler)

Wikipedia über Buddy Giovinazzo (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Buddy Giovinazzo

One Road.Endless Possibilities: Interview mit Buddy Giovinazzo (21. Februar 2011, deutsch)

Buddy Giovinazzo in der Kriminalakte


DVD-Kritik: „Hammett“, ein Film von Wim Wenders, produziert von Francis Ford Coppola, nach einem Roman von Joe Gores

Dezember 14, 2011

So ganz unrecht haben die nicht, die meinen, ‚Hammett‘ sei Wenders‘ bester Film. Er ist aber zugleich, und so war das erste Urteil nicht ganz falsch, auch sein unpersönlichster“, fasste der Fischer Film Almanach damals, nachdem der Film im Mai 1982 in Cannes und im Oktober 1982 in Hof gezeigt und im Januar 1983 im Kino anlief, salomonisch die Diskussion im deutschen Feuilleton zusammen.

In seinem US-Debüt erzählt Wim Wenders eine erfundene Geschichte mit und über Dashiell Hammett. Der Ex-Privatdetektiv Hammett will sein Geld als Schriftsteller verdienen. Da wird er von seinem Ex-Kollegen Jimmy Ryan um Hilfe bei der Suche nach einer chinesischen Prostituierten gebeten. Schnell befindet Hammett sich in einem mörderischen Komplott, bei dem sein Leben keinen Cent mehr wert ist und das sehr an seine Geschichten, die alle von seiner Arbeit als Privatdetektiv beeinflusst waren, erinnert.

Mit „Hammett“ war Wenders in Hollywood angelangt. Nach „Alice in den Städten“, „Falsche Bewegung“, „Im Lauf der Zeit“ und „Der amerikanische Freund“ war er einer der anerkannten und auch beim Publikum beliebten Regisseure des Neuen Deutschen Films. Er hatte auch immer nach Hollywood geschielt. Am deutlichsten in seiner Patricia-Highsmith-Verfilmung „Der amerikanische Freund“ mit Dennis Hopper und den „Hollywood“-Regisseuren Nicholas Ray und Samuel Fuller.

Als dann der Ruf aus Hollywood von Francis Ford Coppola, der sein mit den ersten beiden „Paten“-Filmen und mit „Apocalypse Now“ verdientes Geld in seiner Produktionsfirma und Studio American Zoetrope investierte, kam, konnte Wim Wenders nicht absagen.

Denn Coppola schien ein Geistesverwandter zu sein. American Zoetrope war seine Vision eines Künstlerkollektivs, das auch die neuesten Techniken ausprobiert und die visionären Filme macht, die in den Hollywood-Studios nicht produziert wurden.

Das Wenders‘ angebotene Projekt, die Verfilmung eines hochgelobten Krimis von Joe Gores über Dashiell Hammett, der geschickt Fakten mit Fiktion verwebt, schien für Wenders, der auch ein Fan von Hammett und der Schwarzen Serie ist, ein Traumprojekt zu sein. Obwohl ein Noir eine erzählerische Disziplin erfordert, die Wenders sonst nicht hat.

Die Produktion des Filmes für Francis Ford Coppolas Zoetrope Studios war für Wenders eine ernüchternde Erfahrung. Denn im Gegensatz zu seinem Status als Autorenfilmer, der das Drehbuch schrieb und den Endschnitt hatte, war er in Hollywood Teil einer Maschinerie. Es gab mehrere verschiedene Drehbücher. Joe Gores schrieb die erste Fassung. Krimi-Autor Ross Thomas schrieb die letzte Fassung. Es gab, anderthalb Jahre nach dem Ende der Dreharbeiten einen exzessiven Nachdreh. Der Film wurde nicht, wie Wenders es gerne getan hätte, wie die Filme der Schwarzen Serie, in Schwarzweiß, sondern in Farbe gedreht. Er musste mit einem fremden Team arbeiten. Es gab mit Coppola Auseinandersetzungen über die Konzeption des Films. Während Wenders an „Hammett“ arbeitete, drehte die Dokumentation „Nick’s Film – Lightning Over Water“ und „Der Stand der Dinge“, seine persönliche Verarbeitung der desillusionierenden Dreharbeiten für „Hammett“. Denn Wenders hatte sich seine Ankunft in Hollywood ganz anders vorgestellt.

Als „Hammett“ in Cannes seine Premiere erlebte, waren die deutschen Kritiker, die von den Problemen gehört hatten, enttäuscht. Denn „Hammett“ ist viel näher an den Filmen der Schwarzen Serie, dem „Malteser Falken“ und „Tote schlafen fest“, als an „Falsche Bewegung“ und „Im Lauf der Zeit“. Von dem feinfühligen Seelenforscher, dem Chronisten von an sich zweifelnden Männern war in dieser Hollywood-Produktion, die auch noch in Kulissen gedreht wurde (obwohl Wenders normalerweise vor Ort dreht und auch „Hammett“ vor Ort drehen wollte) nichts zu spüren. Das Roadmovie „Paris, Texas“ war dann sein Amerika-Film, der die Kritiker zu Jubelstürmen hinriss.

Auch heute, fast dreißig Jahre nach der Premiere, ist „Hammett“ immer noch ein Solitär in Wenders‘ Filmographie. Danach drehte er „Paris, Texas“, „Der Himmel über Berlin“, die Fortsetzung „In weiter Ferne, so nah!“, das überlange „Bis ans Ende der Welt“, das zwiespältige „Am Ende der Gewalt“, die überraschend gelungene Post-9/11-USA-Bestandsaufnahme „Land of Plenty“, einige Werke, die ich inzwischen aus meinem Gedächtnis gelöscht habe, und zahlreiche, auch kommerziell überaus erfolgreiche Dokumentarfilme, wie „The Buena Vista Social Club“ und „Pina – ein Tanzfilm in 3D“.

Doch in keinem dieser Filme verschwand der Autorenfilmer Wim Wenders so sehr hinter dem Handwerker, der dann doch wieder einige persönliche Themen in einen Genrefilm schmuggelte.

Denn selbstverständlich ist der Privatdetektiv auch ein Alter ego des Künstlers in einer für ihn undurchschaubaren Welt. Das Verhältnis von Wirklichkeit und Fiktion und die Frage nach der Integrität Hammetts als Detektiv und Autor sind auch Fragen, mit denen Wim Wenders sich in seinen Filmen immer wieder beschäftigte.

In dem Edgar-nominierten „Hammett“ wird diese Geschichte als deutliche, zitatreiche Hommage an die Schwarze Serie, die vor lauter Stilbewusstsein vielleicht etwas museal daherkommt, erzählt. Aber trotzdem ist „Hammett“ heute ein Neo-Noir-Klassiker, dessen Qualitäten im Blick zurück und nicht nach vorne liegen.

Die DVD-Ausgabe ist arg sparsam ausgefallen. Sogar auf den Trailer wurde verzichtet. Dabei hätten Coppola und Wenders bei „Hammett“ sicher einiges erzählen können.

Hammett (Hammett, USA 1982)

Regie: Wim Wenders

Drehbuch: Ross Thomas, Dennis O´Flaherty, Thomas Pope

LV: Joe Gores: Hammett, 1975 (Dashiell Hammetts letzter Fall, Hammett)

Mit Frederic Forrest, Peter Boyle, Marilu Henner, Roy Kinnear, Elisha Cook, R. G. Armstrong, Samuel Fuller, Silvia Sydney, Jack Nance, Ross Thomas (einer der Männer im Sitzungszimmer)

DVD

Arthaus/StudioCanal

Bild: 1,85:1 (anamorph)

Ton: Deutsch (Mono DD), Englisch (Stereo DD)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Wendecover

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Vorlage

Joe Gores: Hammett

G. P. Putnam’s Sons, 1975

Deutsche Ausgaben

Dashiell Hammetts letzter Fall (Goldmann Verlag, 1978)

Hammett (Unionsverlag, 2007, überarbeite Übersetzung)

Hinweise

Wikipedia über „Hammett“ (deutsch, englisch)

Homepage von Wim Wenders

Wim Wenders in der Kriminalakte

Wikipedia über Joe Gores

Thrilling Detective über Joe Gores

Joe Gores: Why I write Mysteries

Meine Besprechung von Joe Gores’ „Hammett“ (Hammett, 1975)

Mein Nachruf auf Joe Gores

Joe Gores in der Kriminalakte (mit viel Stoff zu und über Dashiell Hammett)

Dashiell Hammett in der Kriminalakte

Bonus

Wim Wenders beim New York Film Festival 2011

Bei Indiewire schreibt Edward Davis Bericht darüber. Es wurde auch über „Hammett“ gesprochen.