DVD-Kritik: Eine Wiederbegegnung mit dem „Geheimbund der Rose“

Februar 7, 2012

Als der „Geheimbund der Rose“ vor über zwanzig Jahren im Fernsehen lief, war ich mächtig begeistert von dem Zweiteiler. Über drei Stunden gab es Action im Geheimagentenmilieu, einen ausgewachsenen Vater-Sohn-Konflikt und Robert Mitchum als Rosenzüchter. Seitdem wollte ich den Film immer mal wieder sehen, aber im Fernsehen lief er seitdem nicht mehr. Doch jetzt veröffentlichte Koch Media den Film auf einer sehr sparsam ausgestattete Doppel-DVD. Es ist nur der Film in der deutschen und englischen Fassung drauf. Jedenfalls konnte ich meinen damaligen Eindruck überprüfen und, soviel kann schon verraten werden, die David-Morrell-Verfilmung Film von 1988 hat sich gut gehalten.

CIA-Vizechef John Elliot (Robert Mitchum) hat für besondere Aufgaben einige Spezialagenten, die nur seinen Befehlen gehorchen. Seine beiden besten Männer sind „Romulus“ und „Remus“. Waisenkinder, die sich schon im Waisenhaus verbrüderten, von Elliot adoptiert und zu Profikillern ausgebildet wurden. Chris ‚Remus‘ Kilmoonie (David Morse) hat dann irgendwann den Moralischen bekommen und sich sechs Jahre in ein Trappistenkloster zurückgezogen. Jetzt soll er in Bangkok einen KGB-Agenten umbringen. Er kann es nicht. Als er ihn in einem Abelard-Haus (Vor dem zweiten Weltkrieg haben die Geheimdienste den geheimen Abelard-Vertrag geschlossen, nach dem bestimmte Orte Schutzzonen für alle Agenten sind und sie so die Integrität der Dienste gegenüber der Politik aufrecht erhalten können), wieder trifft, bringt ein chinesischer Agent den KGB-Mann um. Remus kann flüchten. Aber alle glauben, dass er gegen den Abelard-Vertrag verstieß. Die Strafe für einen solchen Verstoß ist der Tod. Jeder Geheimagent jagt ihn.

Zur gleichen Zeit soll Saul ‚Romulus‘ Grisman (Peter Strauss) im Auftrag von Elliot ein Attentat verüben. Es gelingt, aber danach fragt Romulus sich, warum er fünf wichtige US-Wirtschaftsbosse publikumswirksam umbringen sollte. Als kurz darauf an einem, ihm von Elliot genannten, Treffpunkt ein Anschlag auf ihn verübt wird, weiß er, dass Elliot ihn umbringen will. Er weiß nur nicht, warum sein Vater, den er bewundert und bedingungslos gehorcht, ihn töten will.

Als Romulus und Remus sich treffen, beschließen sie, die Wahrheit herauszufinden.

Selbstverständlich ist „Geheimbund der Rose“ kein realistischer Blick in die Welt der Agenten. Die dürfte in der jüngsten John-le-Carré-Verfilmung „Dame, König, As, Spion“ akkurater porträtiert werden. Der Film ist ein unterhaltsames Action-Märchen über das Erwachsenwerden von zwei Brüdern, mit leicht zynischer, realpolitischer Grundierung. Denn dass die Geheimdienste gerne ihre eigenen Geschäfte machen und sich ungern von der Politik kontrollieren lassen, wurde jetzt – auf ungleich kleinerem Niveau – bei uns mit der Beobachtung der halben Linksfraktion im Bundestag und dem jahrelangen Nicht-Wahrnehmen einer rechten Terrorgruppe wieder offensichtlich. Ältere können sich gerne auch an länger zurückliegende Geheimdienstskandale, wie das „Celler Loch“, den Mordfall Ulrich Schmücker und die jahrelange Beobachtung des Bürgerrechtlers Rolf Gössner, erinnern.

Und Robert Mitchum als Rosen züchtenden Ziehvater, der skrupellos seine Söhne für seine Interessen ausnutzt und, als sie sich gegen ihn wenden, ihre Aktionen als intellektuelles Spiel auffasst, bei dem er als ihr Lehrer gespannt ihre Züge mitverfolgt und Gegenstrategien entwirft, ist natürlich mehr als die halbe Miete.

Den Rest besorgen die anderen Schauspieler, die guten Action-Szenen (wir reden von einer 80er-Jahre-TV-Produktion) und die ruhig, aber straff erzählte Geschichte.

Insgesamt ist „Geheimbund der Rose“ ein ziemlich gelungener NBC-Zweiteiler, der es schafft, als noch während des Kalten Kriegs entstandener Agentenfilm alle Kalter-Kriegs-Klischees zu vermeiden und die Geheimagenten als eine sich über allen Gesetzen stehende Kaste zeigt, die im Zweifelsfall das Gesetz selbst in die Hand nehmen.

Der „Geheimbund der Rose“ ist ein sehr unterhaltsamer TV-Film, der aufgrund seiner guten Schauspieler besser als vergleichbare B-Pictures ist und allemal einen Blick wert ist.

In Hollywood ist seit Jahren ein Remake des Bestseller-Romans von David Morrell, dem Erfinder von „Rambo“, im Gespräch.

Geheimbund der Rose (Brotherhood ot the Rose, USA 1988)

Regie: Marvin J. Chomsky

Drehbuch: Gy Waldron

LV: David Morrell: The Brotherhood of the Rose, 1984 (Der Geheimbund der Rose)

mit Peter Strauss, Robert Mitchum, David Morse, Connie Sellecca, James B. Sikking, M. Emmet Walsh, James Hong

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DVD

Koch Media

Bild: 1.33:1 (4:3)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: –

Länge: 181 Minuten (2 DVD)

FSK: ab 16 Jahre

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Hinweise

Wikipedia über „Geheimbund der Rose“

Homepage von David Morell

Meine Besprechung von David Morrell „Level 9“ (Scavenger, 2007)

Meine Besprechung von David Morrells „Creepers“ (Creepers, 2005)

Meine Besprechung von David Morrells „Captain America: Der Auserwählte“ (Captain America: The Chosen, 2007/2008)

David Morrell in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 6. Februar: Auf Liebe und Tod/Schießen Sie auf den Pianisten

Februar 6, 2012

Der runde Geburtstag von Francois Truffaut (6. Februar 1932 – 21. Oktober 1984) ist für Arte die Gelegenheit, ihn mit einer kleinen Filmreihe zu ehren und an ihn zu erinnern. Denn so bedeutend Truffaut zu Lebzeiten war, so selten liefen seine Filme in den vergangenen Jahren im Fernsehen und auch auf die DVD wurden erst jüngst von Arthaus/Studiocanal mit einer umfangreichen Veröffentlichung die größten Lücken geschlossen. Obwohl einige Filme noch fehlen (wie „Das grüne Zimmer“), nicht mehr erhältlich sind (wie „Die amerikanische Nacht“) oder eine bessere Ausgabe (Mehr Bonusmaterial!) verdient hätten.

Mit Truffauts letztem Film „Auf Liebe und Tod“ (der anscheinend zuletzt vor über zehn Jahren im Fernsehen lief) und seinem zweiten Film „Schießen Sie auf den Pianisten“ wird auch zugleich die Entwicklung von Francois Truffaut von einem der Begründer der Nouvelle Vague zu einem etablierten Regisseur, der auch Starkino machte, gezeigt. Während er in „Schießen Sie auf den Pianisten“ noch hemmungslos mit der Form des Kriminalfilms, des Film Noirs und den Konventionen des Kinos spielte, weshalb sein Film auch gar nicht so fern von Jean-Luc Godards Kriminalfilmen „Außer Atem“ und „Die Außenseiterbande“ ist, und ihm die Geschichte herzlich egal war, liefert er in „Auf Liebe und Tod“ mit Fanny Ardant und Jean-Louis Trintignant in den Hauptrollen einen klassischen Rätselkrimi mit Noir-Touch, Starbesetzung und französischem Flair. Das ist durchaus unterhaltsam aus der Zeit gefallen.

Arte, 20.15

Auf Liebe und Tod (F 1983, R.: Francois Truffaut)

Drehbuch: Francois Truffaut, Suzanne Schiffman, Jean Aurel

LV: Charles Williams: The long saturday night, 1962 (Die lange Samstagnacht, Auf Liebe und Tod)

Sekretärin Barbara versucht zu beweisen, dass ihr Chef nicht den Liebhaber seiner Frau und anschließend sie umgebracht hat. Aber die Beweise sprechen eine andere Sprache.

„Kriminalkomödie, die darüber hinaus formal und inhaltlich wie eine Anthologie eines Vierteljahrhunderts Truffaut wirkt, und das ohne Staubwolken und Nostalgie. ‚Auf Liebe und Tod‘ ist ein frischer kleiner Spaß, den der Regisseur sich (um sich von ‚La femme d’à côte‘ zu erholen) und den Samstagabendzuschauern gönnt, die sich unterhalten lassen sollen, ohne sich hinterher schämen zu müssen.“ (Fischer Film Almanach 1985)

„Auf Liebe und Tod“ „ist eine Rückbesinnung auf seine Kino-Vorlieben der Zeit, in der er mit dem Filmemachen begann, es ist eine Hommage an den ‚Film Noir‘. Allerdings eine, die sich vor allem auf die ästhetischen Muster bezieht und weniger die Figuren und Geschichten umschließt.“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms, 1985/1993)

mit Fanny Ardant, Jean-Lous Trintignant, Philippe Laudenbach, Caroline Sihol, Philippe Morier-Genoud

Wiederholungen

Dienstag, 7. Februar, 14.30 Uhr

Mittwoch 15. Februar, 14.35 Uhr

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Arte, 22.00

Schießen Sie auf den Pianisten (F 1960, R.: Francois Truffaut)

Drehbuch: François Truffaut, Marcel Moussy

LV: David Goodis: Down there, 1956 (Schüsse auf den Pianisten)

Nach dem Selbstmord seiner Frau hat sich der berühmte Konzertpianist Edouard zurückgezogen und fristet sein Dasein in einer Kaschemme als Barpianist. Als sein Bruder ihn um Hilfe bittet, gerät er in die Schusslinie von Gangstern.

Nach dem Erfolg seines Erstlings „Sie küssten und sie schlugen ihn“ drehte der 27-jährige Francois Truffaut ein stimmungsvolles Kriminalmelodrama, das in jeder Einstellung das Werk eines begeisterten Cineasten ist.

„Auf den ersten Blick kann man der gebrochenen Handlung kaum folgen, versteht kaum, um was es eigentlich geht. Sieht man den Film aber öfter, wird man weniger auf die Gangster- und Liebesgeschichte achten als vielmehr auf die Machart, auf das Strickmuster dieses Films über das Filmemachen und –anschauen. Truffaut, damals nun wahrlich ein junges Genie, das sich das Filmemachen fast ausschließlich theoretisch angeeignet hat, spielt mit dem Zuschauer nach allen Regeln der Filmkunst.“ (Willi Winkler: Die Filme von Francois Truffaut)

Mit Charles Aznavour, Marie Dubois, Nicole Berger

Wiederholung: Donnerstag, 16. Februar, 03.40 Uhr (Taggenau!)

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Hinweise

Wikipedia über Charles Williams, David Goodis (deutsch, englisch) und Francois Truffaut (deutsch, englisch, französisch)

Arte über Francois Truffaut

Kriminalakte über Francois Truffaut

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Bei Arthaus/Studiocanal erschienen „Schießen Sie auf den Pianisten“ und „Auf Liebe und Tod“ (beide mit Einführungen des Truffaut-Biografen Serge Toubiana) als Einzel-DVDs und in der „Francois Truffaut Edition“


TV-Tipp für den 5. Februar: Goldenes Gift

Februar 5, 2012

BR, 23.45

Goldenes Gift (USA 1947, R.: Jacques Tourneur)

Drehbuch: Geoffrey Homes (Pseudonym von Daniel Mainwaring), James M. Cain (ungenannt), Frank Fenton (ungenannt)

LV: Geoffrey Homes: Build my gallows high, 1946 (Goldenes Gift)

Privatdetektiv Jeff Bailey soll für den Gangster Whit Sterling dessen mit einer Tasche Geld durchgebrannte Freundin suchen. Dummerweise verliebt Jeff sich in das titelgebende „Goldene Gift“.

Jacques Tourneur, dessen bekannteste Werke die Horrorfilmklassiker „Katzenmenschen“ und „Ich folgte einem Zombie“ sind, inszenierte diesen Noir, der inzwischen zu den Klassikern des Genres gehört, nach einem Roman von Geoffrey Homes, der auch das Drehbuch schrieb und geschickt mit der Noir-typischen Rückblendenstruktur und den Noir-Archetypen (die heute sattsam bekannte Klischees sind) spielt. Tourneur zeigte sich wieder einmal als Meister der Licht- und Schattenspiele und Robert Mitchum demonstriert, wieviel Schauspiel in einem Nicht-Schauspiel sein kann.

Mit Robert Mitchum, Jane Greer, Kirk Douglas, Rhonda Fleming, Richard Webb, Steve Brodie, Virginia Huston, Paul Valentine, Dickie Moore

Auch bekannt als „Out of the past“

Hinweise

Wikipedia über “Goldenes Gift” (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über “Out of the past”

Roger Ebert über “Out of the past”

Meine Besprechung von „Goldenes Gift“ (Out of the past, USA 1947)


TV-Tipp für den 4. Februar: Agenten-Poker

Februar 4, 2012

MDR, 00.35

Agenten-Poker (USA 1980, R.: Ronald Neame)

Drehbuch: Brian Garfield, Bryan Forbes

LV: Brian Garfield: Hopscotch, 1975

Ein geschasster CIA-Agent will seine Memoiren veröffentlichen. Sie stoßen vor allem in Agentenkreisen auf großes Interesse.

Nette Agentenkomödie, die in Deutschland nur eine Videopremiere erlebte.

„Witzige und größtenteils schwungvolle Agenten-Komödie.“ (Lexikon des internationalen Films)

Der Film war für einen Edgar nominiert, das Drehbuch für den Preis der Writers Guild of America , der Roman erhielt den Edgar als bester Krimi des Jahres und auch Brian Garfield ist mit dieser Verfilmung sehr zufrieden.

mit Walter Matthau, Glenda Jackson, Sam Waterston, Herbert Lom, Ned Beatty, David Matthau, George Baker

Auch bekannt als „Bluff Poker – Ein Schlitzohr packt aus“ (Videotitel)

Hinweise

Wikipedia über „Hopscotch“

Themroc über „Agenten-Poker“

DVD Savant über „Hopscotch“

New York Times: Vincent Canby über „Hopscotch“ (26. September 1980)

Homepage von Brian Garfield

Meine Besprechung von „The Stepfather“ (nach einer Geschichte von Brian Garfield)

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P. S.: Der Trailer ist „bäh“, aber es gelingt ihm verdammt gut, den Film nicht zu verkaufen.


TV-Tipp für den 3. Februar: Nachtschicht: Das tote Mädchen

Februar 3, 2012

ZDFneo, 21.50

Nachtschicht: Das tote Mädchen (D 2010, R.: Lars Becker)

Drehbuch: Lars Becker

Ein russisches Callgirl wird ermordet und in der Elbe versenkt. Das Nachtschicht-Team sucht den Mörder und landet schnell bei einem Privatbankier, der behauptet die Tote nicht zu kennen.

Nix neues von der “Nachtschicht”: Dutzende bekannter Gesichter, die endlich (?) mal wieder (?) zeigen, was sie können, gutes Buch, gute Regie, gute Unterhaltung.

mit Armin Rohde, Barbara Auer, Minh-Khai Phan-Thi, Pierre Semmler, Dietmar Bär, Kai Wiesinger, Jürgen Prochnow, Lisa Maia Potthoff

Wiederholung: Samstag, 4. Februar, 02.25 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über „Nachtschicht“

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Lars Becker


TV-Tipp für den 2. Februar: Shooting Dogs

Februar 2, 2012

3sat, 22.25

Mord unter Zeugen – Shooting Dogs (GB/D 2005, R.: Michael Caton-Jones)

Drehbuch: David Wolstencroft

Gleiches Thema wie “Hotel Ruanda”, aber dieses Mal nimmt ein Pater in seiner Missionsschule die vor dem Bürgerkrieg Flüchtenden auf. Weil „Shooting Dogs“ nach dem vorzüglichen „Hotel Ruanda“ in die Kinos kam, wurde er kaum beachtet. Zu Unrecht. Denn „Shooting Dogs“ ist noch konsequenter und bitterer in seiner Anklage.

Mit John Hurt, Hugh Dancy, Dominique Horwitz, Louis Mahony

Auch bekannt als “Shooting Dogs” (Kinotitel)

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „Shooting Dogs“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „Shooting Dogs“

ZDF über „Shooting Dogs“

Arte über „Shooting Dogs“

BBC über „Shooting Dogs“ : The Making of Shooting Dogs

Meine Besprechung von David Wolstencrofts „Die Spezialisten“ (Good News, Bad News, 2004)

Meine Besprechung der von David Wolstencroft erfundenen Serie “Spooks – Im Visier des MI5 – Staffel 1”


Neu im Kino/Filmkritik: Wer ist der Maulwurf? Oder „Dame, König, As, Spion“

Februar 1, 2012

Als vor etwas über zwanzig Jahren der Kalte Krieg mit einer Implosion des Ostblocks endete, verschwand auch der Spionagethriller von der Bildfläche. Denn jetzt konnten keine fantastischen Abenteuer von tapferen Westagenten, die die bösen Kommunisten besiegten, mehr geschrieben werden. Inzwischen gibt es, die Geheimdienste wurden ja auch nicht aufgelöst, zwar neue Spionagethriller, aber die alten Fronten und Gegner sind unwiderbringlich verschwunden. Die Themen sind geblieben.

 

Die Welt der Spione in meinen Büchern ist eine Metapher für die große Welt, in der wir alle leben. Wir beschummeln einander, belügen uns selbst, erfinden kleine Geschichten und schauspielern uns durchs Leben. Im Berufsleben, in der ganz normalen Welt ist das doch nicht viel anders. Ich glaube, dass ‚Dame, König, As, Spion‘ auch darum bis heute seine Wirkung nicht verfehlt. Als ich das Buch schrieb, wollte ich diese Universalität des Stoffes ausschöpfen und traf offenbar einen Nerv. Die Menschen wollten ihr Leben widergespiegelt sehen im Kontext einer Verschwörung. Das ist ein wiederkehrendes Muster zwischen den Menschen und den Institutionen, die sie erschaffen.

John le Carré

 

Jetzt hat Tomas Alfredson mit „Dame, König, As, Spion“, nach dem Roman von John le Carré, einen Agententhriller gedreht, der einerseits tief verwurzelt in den siebziger Jahren ist und andererseits aktueller kaum sein könnte. Denn die Welt der Geheimagenten, ihre Paranoia und ihre komplizierten Komplotte unterscheiden sich kaum von der Welt der globalen Konzerne und der Industriespionage. Damals wie heute geht es um Loyalität, Vertrauen und den Missbrauch von Vertrauen.

Denn in „Dame, König, As, Spion“ vermutet Control (John Hurt), dass es im Geheimdienst MI6 einen Maulwurf gibt. Er schickt 1973 Jim Prideaux (Mark Strong) in geheimer Mission nach Budapest. Dort soll ihm ein Überläufer verraten, wer im englischen Geheimdienst in führender Position für den KGB arbeitet. Aber das Treffen ist eine Falle. Prideaux wird erschossen. In London wird Control nach dieser fehlgeschlagenen und nicht genehmigten Aktion entlassen. Mit ihm muss sein engster Vertrauter, George Smiley (Gary Oldman), den Circus, wie der MI6 intern genannt wird, verlassen.

Kurz darauf wird Smiley zurückgerufen. Denn der zuständige Minister glaubt inzwischen, dass der Maulwurf keine paranoide Idee von Control war, sondern dass es ihn wirklich gibt. Smiley soll ihn finden. Zusammen mit Peter Guillam (Benedict Cumberbatch) beginnt er sich durch die alten Akten zu wühlen.

Verdächtigt werden von George Smiley der neue Circus-Chef Percy Alleline (Toby Jones), Einsatzleiter Bill Haydon (Colin Firth) und die hochrangigen Mitarbeiter Roy Bland (Ciarán Hinds) und Toby Esterhase (David Dencik).

Wie Alfredson dann diese Ermittlungen mit seinem Topensemble, nach einem straffen Drehbuch von Bridget O’Connor und Peter Straughan (der zuletzt in „Eine offene Rechnung“ bewies, dass er souverän seine Geschichte auf verschiedenen Zeitebenen erzählen kann), erzählt, ist großes und großartiges Kino. Die Drehbuchautoren haben sehr geschickt den doch etwas länglichen und teils eher verwirrend zu lesenden Roman von le Carré in eine stringente Form gebracht und sie erzählen die Wer-ist-der-Täter-Geschichte souverän zwischen der Filmgegenwart und der Vergangenheit wechselnd, die sich teils aus den Akten, teils aus den Erinnerungen von George Smiley und den Erzählungen von anderen Agenten in vielen Rückblenden zusammensetzt. Hoyte van Hoytema, der mit Alfredson bereits bei „So finster die Nacht“ zusammenarbeitete, fand dafür Bilder, die die Vergangenheit in all ihrer Banalität und auch Tristesse heraufbeschwört. Glamourös ist hier nichts.

Mit „Dame, König, As, Spion“ entführt Tomas Alfredson in die siebziger Jahre, die wahrscheinlich mehr nach den Siebzigern aussehen, als die Siebziger jemals nach den Siebzigern ausgesehen haben. Diese Brauntöne, die Farblosigkeit, das Vermuffte, die zu vollen Räume mit ihren Akten, die nur leicht modernisierten, funktionalen Vorkriegsbauten, die zeitlosen Anzüge, die wenigen Frauen, die nur als Sekretärinnen und Gespielinnen vorkommen, – das alles sind Bilder aus einer lange vergangenen Zeit, als die Geheimdienste sich noch als Vorkämpfer im Klassenkampf sahen. Und doch gab es immer Doppelagenten und Überläufer, wie Kim Philby, der Leiter der Gegenaufklärung des Britischen Geheimdienstes und zeitweiliger Anwärter für den Chefposten.

Durch die Inszenierung und auch wie einige Themen aus John le Carrés Roman im Film verstärkt werden, wird eine Brücke zur Gegenwart geschlagen. Denn die Welt des Circus ähnelt der Welt der Konzerne, in denen auch unklar ist, wer für wen arbeitet, gegeneinander intrigiert wird, Leute abgeworben werden und alle mit einer gehörigen Portion Paranoia arbeiten.

Und in der Männerwelt des Circus gibt es zwar Homosexualität, aber es wird nicht darüber geredet. Auch le Carré sagt es in seinem Roman nur in einigen, fast schon kryptischen Halbsätzen. Alfredson wird da in den Bildern, wenn ein Agent schnell seine Beziehung zu einem anderen Mann beendet oder am Ende des Films, deutlicher.

Deshalb hat mir Tomas Alfredsons „Dame, König, As, Spion“ als eigenständige, aber auch werktreue Interpretation des Romans viel besser als die Vorlage gefallen hat.

Die siebenteilige BBC-Verfilmung von 1980 mit Alec Guinness in der Hauptrolle, die ich noch nicht kenne, ist ebenfalls ein Klassiker, der allerdings bei uns, soweit ich weiß, nur einmal vor so dreißig Jahren gezeigt wurde und auch noch nicht auf DVD veröffentlicht wurde. Immerhin kann man sich die englische DVD leicht für wenig Geld besorgen.

 

 

Dame, König, As, Spion (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011)

Regie: Tomas Alfredson

Drehbuch: Bridget O’Connor, Peter Straughan

mit Gary Oldman, Colin Firth, Tom Hardy, John Hurt, Toby Jones, Mark Strong, Benedict Cumberbatch, Ciarán Hinds, David Dencik, Simon McBurney, Kathy Burke, Stephen Graham, Svetlana Khodchenkova, John le Carré (Komparse bei der MI6-Silvesterfeier; also genau aufpassen)

Länge: 127 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

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Vorlage

John le Carré: Tinker, Tailer, Soldier, Spy

Hodder and Stoughton, 1974

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Deutsche Übersetzung von Rolf und Hedda Soellner

Kiepenheuer und Witsch, Köln, 1974

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Seitdem erschien der Roman in zahlreichen Neuausgaben bei verschiedenen Verlagen.

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Die aktuelle Ausgabe

John le Carré: Dame, König, As, Spion

(übersetzt von Rolf und Hedda Soellner)

(mit einem 1991 geschriebenem Vorwort von John le Carré, übersetzt von Werner Schmitz)

List, Berlin 2012

416 Seiten

9,99 Euro

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Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Wikipedia über die Verfilmung „Dame, König, As, Spion“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „Dame, König, As, Spion“

Rotten Tomatoes über „Dame, König, As, Spion“

Homepage von John le Carré

Meine Besprechung von John le Carrés „Geheime Melodie“ (The Mission Song, 2006)

Meine Besprechung von John le Carrés “Marionetten (A most wanted man, 2008)

Meine Besprechung von John le Carrés „Verräter wie wir“ (Our kind of traitor, 2010)

John le Carré in der Kriminalakte

 

 


DVD-Kritik: „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“, die zweite Runde

Februar 1, 2012

Inzwischen hat sich der Kurs von Universitätsprofessor Markus Haglund wohl soweit etabliert, dass er eine Mischung aus Forschungsprojekt und Pro-Bono-Anwaltskanzlei wurde. Jedenfalls suchen Haglund und seine Studenten Roger Andersson, Fia Jönsson, Belal Al-Mukthar und  Anna Sjöstedt, die inzwischen an ihrer Promotion arbeitet, immer noch nach Menschen, die wahrscheinlich unschuldig verurteilt im Gefängnis sitzen. Manchmal kommen die Fälle auch zu ihnen. Und dann versuchen sie den wahren Täter zu finden.
Die gut konstruierten Fälle der schwedischen Krimiserie „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“ (auch wenn für den krimierfahrenen Zuschauer der Täter oft ziemlich schnell offensichtlich ist) bieten einen ordentlichen Querschnitt durch die möglichen Delikte.
Meistens geht es natürlich um Mord, auch mal um fahrlässige Tötung, aber auch Vergewaltigung, Entführung, der Überfall auf ein Juweliergeschäft sind Straftaten mit denen Haglund und seine Studenten sich beschäftigen. Weil bereits von der Polizei ein Täter ermittelt und von einem Richter verurteilt wurde, scheiden die offensichtlichsten Spuren und Tatverdächtigen aus. Entsprechend überraschend entwickelt sich die Handlung, wenn in „Was ist los mit Markus?“ aus einem schnöden Überfall ein Familiendrama, oder in „Mutter hinter Gittern“ aus einer fahrlässigen Tötung wegen Tablettenmissbrauch ein ausgewachsenes Mordkomplott wird.
Auch in „Bücher und Mörder“ über eine ermordete Bestsellerautorin und „Der alte Mann und das Geld“ über einen ermordeten, vermögenden Geizhals und seinen spurlos verschwundenen Sohn, ist alles ganz anders, als es auf den ersten Blick scheint.
Gut, das ist für einen Krimi nichts außergewöhnliches, eher sogar eine Standardanforderung, aber hier sind den Machern von „Verdict Revised“ für eine 45-minütige Folge einige hübsche Plottwists gelungen.
Dagegen ist „In Todesangst“ erstaunlich schwach. Denn während der Geiselnahme verhalten sich alle doch etwas dumm. Der Geiselnehmer will nur mit Haglund reden. Die Geiseln, Roger, Fia, Belal und Tomas Thomén, der Institutsleiter und Punchingball von Haglund, verhalten sich, vor allem nachdem Fia angeschossen wird, merkwürdig passiv. Und die Polizei? Nun, sie belagert das Haus und der Einsatzleiter möchte es gerne auf die altmodische Art stürmen. Gut, dass Haglund am Ende auftaucht und in wenigen Sekunden die Situation entschärft. Das ist weder besonders glaubwürdig, noch spannend.
In der nächsten Folge „Der Tod macht Visite“ liegt Fia im Krankenhaus. Aber anstatt sich zu erholen, glaubt sie, dass ihre Zimmernachbarin ermordet wurde. Die Story ist zwar arg vorhersehbar, auch weil der Täter von Anfang an bekannt ist, aber dafür gibt es viel Krankenhaus-Atmosphäre und Fia und Roger kommen sich näher.
Im Gegensatz zur ersten Staffel, die gegen Ende zunehmend soapiger wurde, wird jetzt – zum Glück – fast vollkommen auf private Plots verzichtet und auch Haglund und seine Studenten sind meistens nicht persönlich in die Fälle involviert. Aber sie begeben sich mehrmals in Lebensgefahr. Mal wissentlich, mal unwissentlich.
Schade ist allerdings, dass Haglund in der zweiten Staffel von „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“ kaum noch auftaucht. Denn er ist, wundervoll garstig gespielt von Mikael Persbrandt (Kommissar Beck, In einer besseren Welt), der Grund, sich die Serie anzusehen. Aber in der zweiten, wieder aus zwölf Episoden bestehenden Staffel, schleicht er nur ab und zu durch sein Haus, bemüht sich möglichst stinkstiefelig zu sein und derangiert-betrunken auszusehen. Seine Rolle ist in fast allen Folgen so klein geraten, dass sie auch ohne Verluste wegfallen könnte.
Insgesamt ist „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“ eine grundsolide Serie, die sich, aufgrund ihrer Prämisse, etwas abseits der eingefahrenen Gleise bewegt und kurzweilig unterhält.
Nach dem momentanen Stand der Dinge endet die Serie mit diesen zwölf Fällen. Anscheinend waren die Kosten zu hoch und natürlich ist es schlecht, wenn der Hauptdarsteller die meiste Zeit durch Abwesenheit glänzt.

Verdict Revised – Unschuldig verurteilt: Staffel 2 (Oskyldigt dömd, Schweden 2009)
Erfinder: Johann Zollitsch
mit Mikael Persbrandt (Markus Haglund), Sofia Ledarp (Fia Jönsson), Helena af Sandeberg (Anna Sjöstedt), Francisco Sobrado (Belal Al-Mukthar), Leonard Terfelt (Roger Andersson), Marie Richardson (Ulrika Stiegler), Anja Lundkvist (Caroline Gustavsson), Magnus Mark (Tomas Thomén)
–
DVD
Edel:motion
Bild: Pal 16:9 (Widescreen)
Ton: Deutsch, Schwedisch (Dolby Digital 2.0 Stereo)
Untertitel: –
Bonusmaterial: –
Länge: 521 Minuten (4 DVDs)
FSK: ab 16 Jhare
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Die Fallbesprechungen im zweiten „Verdict Revised“-Seminar
Lockvogel (Stora skuggan)
Regie: Daniel di Grado
Drehbuch: Thomas Borgström
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Die Farbe des Todes (Alba Femina)
Regie: Daniel di Grado
Drehbuch: Thomas Borgström, Sara Heldt
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Gefangen oder tot (Hotad Åklagare)
Regie: Daniel di Grado
Drehbuch: Thomas Borgström, Sara Heldt
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Was ist los mit Markus (Nowak & Nowak)
Regie: Daniel di Grado
Drehbuch: Thomas Borgström, Sara Heldt
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Mutter hinter Gittern (Goda grannar)
Regie: Niklas Ohlson
Drehbuch: Thomas Borgström, Sara Heldt
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Bücher & Mörder (Stalkern)
Regie: Niklas Ohlson
Drehbuch: Thomas Borgström, Sara Heldt
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Der Nigger (Kinnaberg)
Regie: Niklas Ohlson
Drehbuch: Thomas Borgström, Sara Heldt
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In Todesangst (Gisslan)
Regie: Niklas Ohlson
Drehbuch: Sara Heldt
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Der Tod macht Visite (Nattrond)
Regie: Richard Holm
Drehbuch: Thomas Borgström
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Der alte Mann und das Geld (Pengafällan)
Regie: Richard Holm
Drehbuch: Thomas Borgström, Sara Heldt
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Armes reiches Mädchen (Kidnapped)
Regie: Richard Holm
Drehbuch: Thomas Borgström, Sara Heldt
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Mittsommertod (Okänt Vittne)
Regie: Richard Holm
Drehbuch: Thomas Borgström, Sara Heldt
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Hinweise

Wikipedia über „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“ (deutsch, englisch, schwedisch)

ZDFneo über „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“

FAZ: Hannes Hintermeier über „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“ (18. Juli 2011)

Evolver: Marcel Feige über „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt“ (30. Oktober 2011)

Meine Besprechung von „Verdict Revised – Unschuldig verurteilt: Staffel 1“


TV-Tipp für den 1. Februar: Sturm

Februar 1, 2012

Arte, 20.15
Sturm (Deutschland/Dänemark/Niederland 2009, R.: Hans-Christian Schmid)
Buch: Bernd Lange, Hans-Christian Schmid
Hannah Maynard führt vor dem Tribunal in Den Haag die Anklage gegen den bosnischen Serben und Kriegsverbrecher Duric. Als ihr Hauptzeuge sich in Widersprüche verwickelt, beginnt sie im ehemaligen Kriegsgebiet nach neuen Beweisen zu suchen.
Verdammt guter Politthriller
mit Kerrry Fox, Anamaria Marinca, Stephen Dillane, Rolf Lassgård, Alexander Fehling, Tarik Filipovic, Jesper Christensen

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Sturm“

Berlinale: Pressekonferenz zu „Sturm“ (beginnt erst nach über zwölf Minuten)

Meine Besprechung von „Sturm“


TV-Tipp für den 31. Januar: Wag the Dog

Januar 31, 2012

ZDFneo, 21.00

Wag the dog – Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt (USA 1997, R.: Barry Levinson)

Drehbuch: Hilary Henkin, David Mamet

LV: Larry Beinhart: American Hero, 1991 (American Hero)

Ein Medienberater rät dem Stab des Präsidenten, einen Krieg in Albanien zu inszenieren, um von einer Sexaffäre des Präsidenten abzulenken. Nach einem überzeugenden Anfang gerät das Ablenkungsmanöver außer Kontrolle.

Köstliche Medien- und Politsatire, die von Beinharts langatmigem Buch nur die Idee („Wir fälschen einen Krieg. Merkt doch keiner.“) übernimmt und durch die damaligen politischen Ereignisse (Clinton-Lewinsky-Affäre, Jugoslawien) eine nicht geplante tagespolitische Brisanz erhielt.

Mit einer bestens aufgelegten Riege von Schauspielern: Dustin Hoffman, Robert De Niro, Anne Heche, Denis Leary, Willie Nelson, Kirsten Dunst, William H. Macy, Woody Harrelson

Hinweise

Drehbuch „Wag the Dog“ von David Mamet

Homepage von Larry Beinhart

Huffington Post: Kolumne von Larry Beinhart

Meine Besprechung von Larry Beinharts „Crime – Kriminalromane und Thriller schreiben“


TV-Tipp für den 30. Januar: L. A. Confidential

Januar 30, 2012

Art, 21.00

L.A. Confidential (USA 1997, R.: Curtis Hanson)

Drehbuch: Brian Helgeland

LV: James Ellroy: L. A. Confidential, 1990 (Stadt der Teufel, L. A. Confidential)

Drei unterschiedliche Polizisten versuchen einen Mord aufzuklären und müssen dabei einen tiefen Sumpf aus Drogen, Sex, Gewalt und Abhängigkeiten trockenlegen.

Grandiose Verfilmung eines grandiosen Buches, das den Deutschen Krimipreis erhielt.

Brian Helgeland schaffte das scheinbar unmögliche: er raffte den 500-seitigen Thriller gelungen zu einem etwa zweistündigen Film zusammen und erhielt dafür einen Oscar. Kim Basinger für ihre Rolle als Edelhure erhielt ebenfalls die begehrte Trophäe. Den Edgar gab es natürlich ebenfalls.

mit Kevin Spacey, Russell Crowe, Guy Pearce, James Cromwell, Kim Basinger, Danny DeVito, David Strathairn, Ron Rifkin, Paul Guilfoyle, Simon Baker

Wiederholung: Freitag, 3. Februar, 00.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

SPLICEDwire: Interview mit James Ellroy zu “L. A. Confidential” (1997)

Drehbuch „L. A. Confidential“ von Brian Helgeland

Meine Besprechung von James Ellroys Unterwelt-Trilogie

James Ellroy in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 29. Januar: Lohn der Angst

Januar 29, 2012

Gut, das ist jetzt wirklich für die Nachteulen, aber nach fast vier Stunden „Gandhi“

Tele 5, 00.05

Lohn der Angst (F/I 1953, R.: Henri-Georges Clouzot)

Drehbuch: Henri-Georges Clouzot, Jérôme Géronimi

LV: Georges Arnaud: Le salaire de peur, 1952 (Lohn der Angst)

Vier Männer fahren mit einer Ladung Nitro durch den lateinamerikanischen Dschungel.

Klingt langweilig? Ist aber ein Klassiker, der Anfangs das Leben gestrandeter Abenteuerer in den Kolonien extrem genau zeigt, später extrem spannend ist und einen tiefen, illusionslosen Einblick in die menschliche Seele bietet. Eine existentialistische Parabel im Gewand eines Action-Films. – Seine volle Wirkung entfaltet „Lohn der Angst“ allerdings nur auf der großen Leinwand.

Hellmuth Karasek in „Mein Kino – Die 100 schönsten Filme“: „Clouzots Meisterwerk, wahrscheinlich der vollkommenste und geradlinigste Thriller der Filmgeschichte…Clouzot hat hier (gemeint ist der Filmanfang, A. d. V.) als erster gnadenlose Bilder aus der Dritten Welt, ihren kolonialen Strukturen, der vorherrschenden Desperado-Mentalität, der latent homoerotischen Männerbünde, deren letzter Stolz die Frauen- und Eingeborenen-Verachtung ist, eingefangen – lange vor Taverniers Saustall.“

Gezeigt wird eine zweistündige Version des 150-minütigen Films.

Mit Yves Montand, Peter van Eyck, Charles Vanel

Wiederholung: Freitag, 3. Februar, 03.15 Uhr

Hinweise

Wikipedia über „Lohn der Angst“ (deutsch, englisch, französisch)

Arte über die Henri-Georges-Clouzot-Reihe

Wikipedia über Henri-Georges Clouzot (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 28. Januar: Lost Highway

Januar 28, 2012

ZDFkultur, 22.30
Lost Highway (USA 1997, R.: David Lynch)
Drehbuch: David Lynch, Barry Gifford
Feiner Film von David Lynch, den ich erst kürzlich ausführlich besprochen habe.
mit Bill Pullman, Patricia Arquette, Robert Blake, Balthazar Getty, Robert Loggia, Gary Busey, Michael Massee, Lucy Butler
Wiederholung: Sonntag, 29. Januar, 02.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage von Barry Gifford

Homepage von David Lynch

Deutsche David-Lynch-Seite

Wikipedia über „Lost Highway“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „Lost Highway“ von David Lynch und Barry Gifford

Charlie Rose unterhält sich mit David Lynch (12. Januar 2000; – und damit vor allem über „The Straight Story“)

Meine Besprechung von David Lynchs „Lost Highway“ (Lost Highway, USA 1997)


Neu im Kino/FIlmkritik: „The Descendants“ oder Mit Alexander Payne und George Clooney auf Hawaii

Januar 27, 2012

Jetzt wurde Alexander Paynes neuer Film „The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten“ für den Oscar in den Kategorien „Bester Film“, „Beste Regie“, „Bestes adaptiertes Drehbuch“ , „Bester Hauptdarsteller“ und „Bester Schnitt“ nominiert. Außerdem wurde er, so der aktuelle Stand, für 62 weitere Preise nominiert und 34 hat er schon erhalten. Irgendetwas muss Alexander Payne bei seinem neuesten Film richtig gemacht haben.
Dabei erzählt er eine auf den ersten Blick sehr alltägliche Geschichte mit George Clooney in der Hauptrolle als Familienvater und Anwalt Matt King, der für seine große Familie auch ein Stück unberührtes Land verwaltet.
Als eines Tages seine Frau bei einem Bootsunfall verletzt wird und im Krankenhaus im Koma liegt, gerät auch das Leben von Matt aus den gewohnten Bahnen. Denn er muss sich um seine beiden Töchter kümmern. Die siebzehnjährige Alexandra (Shailene Woodley) erlebt gerade ihre erste große Liebe und Matt hält ihren Freund (Nick Krause), wahrscheinlich wie alle Väter, für einen ziemlichen Taugenichts, der sich auch nicht gut benehmen kann. Bei ihrer ersten Begegnung schlägt ihm Matts Schwiegervater (Robert Foster) dem jungen Schnösel daher gleich mit der Faust ins Gesicht.
Matts zweite Tochter Scottie (Amara Miller) ist erst zehn Jahre und, dank ihres Benehmens, lernt er die Eltern ihrer Klassenkameraden auf der Scottie-wird-es-nie-wieder-tun-Entschuldigungstour kennen.
Jetzt muss er für sie beide der Vater sein, der er nie war.
Und dann verrät ihm Alexandra, dass seine Frau ihn betrog. Selbstverständlich will Matt, der bislang an die perfekte Ehe geglaubt hat, wissen, wer der Nebenbuhler ist und er will ihn zur Rede stellen.
Außerdem steht jetzt der Verkauf des seit Generationen vererbten Landes an. Matt und viele Hawaiianer wollen das Grundstück an einen Einheimischen verkaufen. Matts Familie will vor allem einen möglichst hohen Preis erzielen.
Dass diese Familiengeschichte auf Hawaii spielt, verleiht ihr natürlich ein besonders Flair. Denn abgesehen von einigen, oft langlebigen Krimiserien („Hawaii Fünf-Null“, „Magnum“ und die grottige Neuauflage von „Hawaii Five-0“), ist Hawaii weitgehend unerforschtes Land und gerade das interessierte Alexander Payne, wie er mir in einem Gespräch sagte, an „The Descendants“: „Ich wollte eine alte Geschichte an einem neuen Ort erzählen. Denn bis jetzt hat auf Hawaii noch keine Gesellschaftskomödie gespielt.“
Gleichzeitig, weil er vor Ort drehte, intensiv mit der Autorin der Vorlage, Kaui Hart Hemmings, zusammenarbeitete, sich bis in die Details von ihr beraten ließ, die Nebendarsteller und Komparsen mit Einheimischen besetzte und die Musik klug auswählte, entsteht ein Gefühl für das normale Leben der Upper Class im Paradies.
Payne mischt auch schön das Komische mit dem Tragischen, die verschiedenen Plots ergänzen sich gut und trotzdem ist „The Descendants“ ein Film der mich letztendlich eher kalt lässt. Zu klein erscheinen mir die Konflikte. Zu fern sind mir Matt King, seine Familie und ihre Probleme. Und am Ende stellt sich auch ein leichtes Gefühl von „Wozu die ganze Aufregung?“ ein.
Aber natürlich ist so auch das normale Leben. „Banal Patina“ nannte Payne es und das ist wohl, genau wie bei „About Schmidt“, der Grund, warum ich etwas enttäuscht bin. Denn alles ist etwas zu banal, zu wenig absurd (wobei Payne das Absurde in jeder Situation sucht), zu wenig zugespitzt und George Clooney ist, wie Jack Nicholson in „About Schmidt“, letztendlich nur ein Buchhalter. Aber in Flip-Flops, Shorts und Hawaii-Hemd, was eben die dortige Kleidung für Geschäftsleute ist.
P. S.: „Descendant“ heißt „Nachkomme“ und eigentlich hätte der Verleih den Film „Die Nachkommen“ nennen können, aber vor einigen Jahren haben einige schlaue Leute in Hollywood gemeint, dass es besser sei, wenn ein Hollywood-Film überall den gleichen Titel hat, auch wenn ihn außerhalb der englischsprachigen Länder niemand versteht. Denn nur so kann verhindert werden, dass sinnentstellende Titel gewählt werden.

The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten (The Descendants, USA 2011)
Regie: Alexander Payne
Drehbuch: Alexander Payne, Nat Faxon, Jim Rash
LV: Kaui Hart Hemmings: The Descendants , 2009 (Mit deinen Augen, Neuveröffentlichung unter „The Descendants“)
mit George Clooney, Shailene Woodley, Beau Bridges, Robert Forster, Judy Greer, Matthew Lillard, Nick Krause, Amara Miller, Mary Birdsong, Rob Huebel, Patricia Hastie
Länge: 110 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Descendants“

Rotten Tomatoes über „The Descendants“

Wikipedia über „The Descendants“ (deutsch, englisch)

The Wall Street Journal: Interview mit Kaui Hart Hemmings über „The Descendants“ (23. November 2011)

Nachtrag: Online: Mein Interview mit Alexander Payne


TV-Tipp für den 27. Januar: Sein oder Nichtsein

Januar 27, 2012

RBB, 00.00

Sein oder Nichtsein (USA 1942, R.: Ernst Lubitsch)

Drehbuch: Edwin Justus Mayer (nach einer Geschichte von Ernst Lubitsch und Melchior Lengyel)

Polen 1939: eine drittklassige Theatergruppe voller engagiert sich nach dem Einmarsch Hitlers mehr schlecht als recht gegen die Nazis.

In den USA war der Film ein Flop und auch den Kritikern gefiel er nicht. In Deutschland war zum Kinostart 1960 das Echo wesentlich positiver und heute ist „Sein oder Nichtsein“ ein Klassiker.

„Eine der größten und kühnsten Satiren der Filmgeschichte überhaupt, weil sie die furchtbarsten Schergen des 20. Jahrhunderts in der ganzen Lächerlichkeit ihres Apparats und ihrer Selbstdarstellung bloßstellt, ohne ihre Schrecken zu leugnen.“ (Susanne Weingarten in Alfred Holighaus, Hrsg.: Der Filmkanon)

Der You-Tube-Clip zeigt die ersten Minuten des Films in der deutschen Version.

Mit Carole Lombard, Jack Benny, Robert Stack, Felix Bressart, Lionel Atwill, Stanley Ridges

Hinweise

The Cinema of Ernst Lubitsch

Wikipedia über Ernst Lubitsch

Deutsches Filminstitut über Ernst Lubitsch

TCM über „To be or not to be“


Neu im Kino/Filmkritik: „The Artist“ verzaubert

Januar 26, 2012

Auf die Frage, worauf er bei „The Artist“ am meisten stolz sei, sagt Regisseur und Autor Michel Hazanavicius: „Dass es den Film überhaupt gibt! Und dass er der Vision ähnelt, die ich ursprünglich hatte.“
Das kann jeder Regisseur bei jedem Film sagen, aber bei „The Artist“ stimmt es wirklich. Denn auf dem Papier klingt „The Artist“ wie das reinste Kassengift: Schwarz-Weiß und dann auch noch ohne Dialoge. Ein Stummfilm eben, der vom Ende des Stummfilms und dem Beginn des Tonfilms anhand der Liebe zwischen einem Stummfilmstar und einem Starlet, das zu einem der ersten Tonfilmstars wird, erzählt. Wen soll so etwas interessieren?
Wenn man aber die ersten Minuten von „The Artist“ sieht, ist man sofort gefangen in dieser Welt, in der alles wichtige durch das Spiel der Schauspieler und die Musik von Ludovic Bource gesagt wird.
Hazanavicius, der vorher mit „The Artist“-Hauptdarsteller Jean Dujardin die in Frankreich sehr erfolgreichen, bei uns nur auf DVD erschienenen „OSS 117“-Sixties-Agentenkomödien inszenierte, erzählt die herzige Liebesgeschichte mit viel Liebe zum Detail in einer beschwingten Mischung aus Sentiment und Realismus. Denn auch wenn er, historisch nicht ganz akkurat, vom durch eine neue Technik bedingtem Auf- und Abstieg der Stars in Hollywood erzählt, ist es auch in jeder Sekunde eine Liebeserklärung an die Traumfabrik und das Kino.
Dabei trägt er, wie Martin Scorsese in seinem ähnlich gelagerten „Hugo Cabret“ (Sehbefehl! Kinostart am 9. Februar), zur Selbstvergewisserung der Filmemacher und zum Dialog über das, was uns im Kino und bei Filmen wichtig ist, bei.
Denn „The Artist“ ist einer der Filme, die zeigt, was man im Kino immer mehr vermisst. Es sind nicht die tollen Spezialeffekte, 3D-Spielereien, Wackelkamera und Schnittgewitter, sondern ergreifende Geschichten von Charakteren, deren Schicksal uns interessiert. Und dafür braucht man keine knalligen Farben oder Dialoge.
Insofern hat „The Artist“ einfach alles, was zu einem guten Film gehört.
Er ist sogar so gut, dass er auf zahlreichen Jahresbestenlisten auftauchte (hab ihn auch schon mal für meine Jahresbestenliste notiert), für zwölf BAFTA-Awards, sechs Golden Globes (drei erhielt das Melodram) und jetzt für zehn Oscars nominiert wurde. Und dabei ist „The Artist“ ein französischer Film…

The Artist (The Artist, Frankreich 2011)
Regie: Michel Hazanavicius
Drehbuch: Michel Hazanavicius
mit Jean Dujardin, Bérénce Bejo, John Goodman, James Cromwell, Penelope Ann Miller, Missi Pyle, Malcolm McDowell, Uggy (Palm Dog Award Cannes 2011 als bester Hundedarsteller)
Länge: 100 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

–

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Französische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Artist“

Rotten Tomatoes über „The Artist“

Wikipedia über „The Artist“ (deutsch, englisch, französisch)

Cannes: Presseheft für „The Artist“ (sehr schönes Teil!)

Drehbuch „The Artist“ von Michel Hazanavicius

Kino-Zeit: Interview mit Michel Hazanavicius zu „The Artist“

BR: Interview mit Michel Hazanavicius zu „The Artist“

–

Einige Impressionen von der Premiere in Berlin


Neu im Kino/FIlmkritik: „Drive“ – Endlich startet die James-Sallis-Verfilmung bei uns

Januar 26, 2012

Es hat lange gedauert, bis „Drive“ verfilmt wurde. Denn Hollywood hatte die Filmrechte an dem Noir von James Sallis bereits nach seinem Erscheinen 2005 gekauft.
In dem 160-seitigem Buch erzählt James Sallis schnörkellos die Geschichte eines namenlosen Fluchtwagenfahrer, der nach einem Überfall in eine Gangsterfehde verstrickt wird und, mit sehr ungewissen Überlebenschancen, um sein Leben kämpfen muss. „Drive“ ist auch sein zugänglichstes Buch und mit diesem Roman wurde Sallis, nachdem seine vorherigen Krimis bereits für entsprechende Krimipreise nominiert waren, auch für ein breiteres Publikum ein bekannter Name.
Hollywood dachte wohl, dass das mit Lob überhäufte Buch einfach zu verfilmen sei. Eine einfach Gangstergeschichte. Ein schmales Buch. Kurze Kapitel. Viele Dialoge. Das müsste doch ganz einfach gehen. Aber es dauerte dann doch sechs Jahre, in denen man immer wieder etwas von einer geplanten Sallis-Verfilmung hörte, bis der Film fertig war.
Eine lange Zeit.

Aber das Warten hat sich gelohnt.
Denn Regisseur Nicolas Winding Refn („Pusher“, „Bronson“) zaubert mit Hauptdarsteller Ryan Gosling (zuletzt „The Ides of March“) einen schnörkellosen Oldschool-Gangsterfilm mit guten Schauspielern, schönen Bildern, atmosphärischer Musik und extrem wenigen Dialogen, der, wie schon die im Gegensatz zum Film nicht chronologisch erzählte Vorlage, weniger an Innovationen, die oft ja nur Pseudo-Innovationen sind, und überraschenden Wendungen, sondern am Erzählen einer bekannten Geschichte mit einem neuen Touch und einem Spiel mit den Konventionen des Genres und den Erwartungen des genrekundigen Zuschauers, der natürlich die Vorbilder und Inspirationen identifizieren kann, interessiert ist.
Denn der titelgebende, namenlose Driver ist ein Profi, der vor allem deshalb bis jetzt überlebt hat, weil er der Beste ist und sich bislang keine Emotionen leistete, wozu auch ein Leben in selbstgewählter Einsamkeit zwischen seinen Jobs als Automechaniker, Stuntman und Fluchtwagenfahrer zählt.  Dass er einen bösen Fehler begeht, als er seiner neuen Nachbarin, der alleinerziehenden Irene (Carey Mulligan), hilft, ist von der ersten Zehntelsekunde an offensichtlich. Zuerst hilft er ihr nur bei ihrem Auto, dann wird er zum Ersatzvater für ihr Kind und am Ende will er ihrem gerade aus dem Knast entlassenem Mann Standard (Oscar Isaac), der bei einigen Gangstern Schulden hat, die er mit einem Überfall begleichen kann, helfen.
Der Driver hilft bei dem Überfall, der mit dem Tod von Standard endet und er hat plötzlich eine Tasche voller Geld, das er gar nicht will, und einen Haufen Gangster, die ihn nur umbringen wollen, an der Backe.
Dass er nur seine Ruhe haben will, verstehen die Gangster nicht und Genrefans können sich an einer spiegelbildlichen Variation der Richard-Stark-Verfilmungen „Point Blank“ und „Payback“ erfreuen.
Daneben erinnert „Drive“ natürlich, um nur einige der offenkundigen Referenzen, die Refn geschickt verarbeitet, zu nennen, an Walter Hills „Driver“ über das archetypische Duell zwischen einem Fluchtwagenfahrer und einem Polizisten, William Friedkins Gerald-Petievich-Verfilmung „Leben und Sterben in L. A.“ oder die Filme von Michael Mann. Vor allem natürlich „Heat“ und „Collateral“.
Nicolas Winding Refn erzählt diese altbekannte Geschichte, nach einem Drehbuch von Hossein Amini („Die Flügel der Taube“, „Killshot“ und gerade an einer Adaption von John le Carrés „Verräter wie wir“), in kühl stilisierten Bilder von Los Angeles, in denen er  eine Geographie der Stadt, vor allem der Vororte und Industrieviertel, in die kein Tourist sich freiwillig verirrt, zeichnet. Das ergibt das Bild einer Stadt, die sich, wie das Leben des Drivers, nur an ihrer Funktionalität orientiert, bis man eine Sekunde zögert.
Dazu gibt es Retro-Klänge von Cliff Martinez, lange Autofahrten, einige schockierende Gewaltausbrüche und einige, wenige, knappe Dialoge. Neben dem grandiosen Stummfilm „The Artist“ dürfte „Drive“ in diesem Kinojahr der dialogärmste Film sein.
„Drive“ ist ein feiner Film, der in den vergangenen Monaten überall so abgefeiert wurde, dass es fast schon ein Wunder ist, dass er nicht gegenüber den hohen Erwartungen enttäuscht.

Drive (Drive, USA 2011)
Regie: Nicolas Winding Refn
Drehbuch: Hossein Amini
LV: James Sallis: Drive, 2005 (Driver, später wegen des Films „Drive“)
mit Ryan Gosling, Carey Mulligan, Bryan Cranston, Albert Brooks, Oscar Isaac, Christina Hendricks, Ron Perlman, Kaden Leos
Länge: 101 Minuten:
FSK: ab 18 Jahre
–
Vorlage
James Sallis: Drive
Poisoned Pen Press, Scottsdale/Arizona 2005
–
Deutsche Erstausgabe
Driver
(übersetzt von Jürgen Bürger)
Liebeskind, 2007
160 Seiten
–
Taschenbuchausgabe bei Heyne unter dem Originaltitel und jetzt auch mit einem neuen Cover

Heyne, 2012
160 Seiten
7,99 Euro
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Hinweise

Amerikanische Homepage für „Drive“

Deutsche Homepage für „Drive“

Film-Zeit über „Drive“

Rotten Tomatoes über „Drive“

Wikipedia über „Drive“ (deutsch, englisch)

Cannes: Presseheft für „Drive“

Homepage von James Sallis

Thrilling Detective über Turner

Eindrücke vom Berlin-Besuch von James Sallis

Meine ‘Besprechung’ von James Sallis’ „Deine Augen hat der Tod“ (Death will have your eyes, 1997)

Meine Besprechung von James Sallis’ „Driver“ (Drive, 2005)

Meine Besprechung von James Sallis’ „Dunkle Schuld“ (Cypress Groove, 2003)

Meine Besprechung von James Sallis’ „Dunkle Vergangenheit“ (Cripple Creek, 2006)

Meine Besprechung von James Sallis‘ „Dunkles Verhängnis“ (Salt River, 2007)

Meine Besprechung von James Sallis‘ „Der Killer stirbt“ (The Killer is dying, 2011)

James Sallis in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 26. Januar: Das große Fressen

Januar 26, 2012

3sat, 22.25

Das große Fressen (F/I 1973, R.: Marco Ferreri)

Drehbuch: Marco Ferreri, Rafael Azcona, Francis Blanche (Dialoge)

Vier in der Midlife-Crisis steckende, zum Bürgertum gehörende Männer treffen sich in einer Villa. Sie wollen dort ihren Trieben, nämlich Sex und Essen, bis zum Tod nachgehen.

3sat meint „eine groteske schwarze Komödie“. Im „Großen Filmlexikon“ von TV Spielfilm steht „zügellose schwarze Satire“. Nur das „Lexikon des internationalen Films“ ist nicht amüsiert: „Die Allegorie auf eine nur am Konsum orientierten Gesellschaft geht in der vordergründigen Inszenierung unter.“

Mit Philippe Noiret, Marcello Mastroianni, Ugo Tognazzi, Michel Piccoli, Andrea Ferréol

Wiederholung: Samstag, 28. Januar, 01.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

3sat über „Das große Fressen“

Wikipedia über „Das große Fressen“

Bright Lights Film Journalüber „Das große Fressen“


TV-Tipp für den 25. Januar: Mr. Klein

Januar 25, 2012

Eigentlich könnte der Film auch Mal vor Mitternacht laufen

ARD, 00.20

Monsieur Klein (F/I 1976, R.: Joseph Losey)

Drehbuch: Franco Solinas, Fernando Morandi, Joseph Losey

Paris 1942: Robert Klein verdient als Kunsthändler gut an der Not der Juden. Eines Tages liegt vor seiner Haustür ein an ihn adressiertes Exemplar der „Les informations juives“. Klein will herausfinden, warum er die Zeitung zugeschickt bekommen hat. Er erfährt von einem gleichnamigen Juden, der sich anscheinend seiner Identität bemächtigen will.

Kafkaesker Alptraum ohne die Hoffnung auf ein Happy End, von Losey karg und sehr stilbewusst inszeniert. Delons zurückhaltendes Spiel passt perfekt zur Rolle des emotionslosen Mitläufers, der nur an sich denkt und dabei zielsicher ins Verderben läuft.

Delon war für einen Cesar als bester Schauspieler nominiert, Losey erhielt einen für die Regie und der Film gewann den Cesar für bester Film.

mit Alain Delon, Jeanne Moreau, Michel Lonsdale, Juliet Bertot, Suzanne Flon, Jean Bouise

Hinweise

Wikipedia über „Monsieur Klein“ (deutsch, englisch, französisch)

Homepage von Alain Delon

Wikipedia über Alain Delon (deutsch, englisch, französisch)

Kriminalakte zum 75. Geburtstag von Alain Delon

Meine Besprechung von „Der Leopard“ (mit Alain Delon und Burt Lancaster)

Meine Besprechung von „Die Abenteurer“ (mit Alain Delon und Lino Ventura)

Alain Delon in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 24. Januar: Polizeiruf 110: Tiefe Wunden

Januar 24, 2012

Eins Festival, 21.30

Polizeiruf 110: Tiefe Wunden (D 2003, R.: Buddy Giovinazzo)

Drehbuch: Christian Limmer

Düsterer „Polizeiruf 110″, in dem wir erfahren, wie Kommissar Tauber seinen Arm verlor.

Mit Edgar Selge, Michaela May, Catherine Flemming, Thure Riefenstein

Hinweise

Wikipedia über Buddy Giovinazzo (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Buddy Giovinazzo

One Road.Endless Possibilities: Interview mit Buddy Giovinazzo (21. Februar 2011, deutsch)

Meine Besprechung von Buddy Giovinazzos „Cracktown“ (Life is hot in Cracktown, 1993)

Buddy Giovinazzo in der Kriminalakte

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Demnächst in diesem Theater:

ein ziemlich hemmungsloses Abfeiern von Buddy Giovinazzos neuem Noir „Piss in den Wind“ (Pulp Master) über einen College-Dozenten, der glaubt seine Freundin umgebracht zu haben und seine Probleme mit einem Geist (weiblich, gutaussehend, intelligent, willig und ziemlich tot) verarbeiten will.

Bis dahin gibt es einen Blick auf das Cover: