Meine Bitte, den Film mal vor Mitternacht zu zeigen, wurde erhört
WDR, 23.55
Monsieur Klein (F/I 1976, R.: Joseph Losey)
Drehbuch: Franco Solinas, Fernando Morandi, Joseph Losey
Paris 1942: Robert Klein verdient als Kunsthändler gut an der Not der Juden. Eines Tages liegt vor seiner Haustür ein an ihn adressiertes Exemplar der „Les informations juives“. Klein will herausfinden, warum er die Zeitung zugeschickt bekommen hat. Er erfährt von einem gleichnamigen Juden, der sich anscheinend seiner Identität bemächtigen will.
Kafkaesker Alptraum ohne die Hoffnung auf ein Happy End, von Losey karg und sehr stilbewusst inszeniert. Delons zurückhaltendes Spiel passt perfekt zur Rolle des emotionslosen Mitläufers, der nur an sich denkt und dabei zielsicher ins Verderben läuft.
Delon war für einen Cesar als bester Schauspieler nominiert, Losey erhielt einen für die Regie und der Film gewann den Cesar für bester Film.
mit Alain Delon, Jeanne Moreau, Michel Lonsdale, Juliet Bertot, Suzanne Flon, Jean Bouise
Noch nicht „Oscar“, aber man bemüht sich, die Verleihung des Deutschen Filmpreises (Lola heißt unser Oscar) möglichst prächtig zu gestalten. Erwartet werden 1800 Gäste, 600 Flaschen Schampus stehen bereit, Michael Bully Herbig, Christoph Maria Herbst, Josef Hader, Volker Schlöndorff, Roland Emmerich und Florian David Fitz werden die Gewinner verkünden. Was soll da noch schief gehen?
„basierend auf einer wahren Geschichte“ wurde in den letzten Jahren zu der inflationären Floskel bei Spielfilmen, um der Geschichte einen Hauch von Glaubwürdigkeit zu geben; auch wenn die wahre Geschichte anders war.
Auch der französische Spielfilm „Das Leben gehört uns“ basiert auf einer wahren Geschichte. Nämlich der Geschichte von einem jungen Ehepaar und ihrem Kind, dem mit 18 Monaten Krebs diagnostiziert wurde. Die Ärzte räumen dem Kind sehr geringe Überlebenschancen ein.
Selbstverständlich hoffen die Eltern, das ihr Kind überlebt und sie begeben sich, von einem Krankenhaus zum nächsten, auf eine Odyssee durch das Gesundheitssystem.
So weit, so konventionell.
Aber „Das Leben gehört uns“ wurde von Valérie Donzelli inszeniert, die auch das Drehbuch schrieb und die Hauptrolle spielt, und sie erzählt, basierend auf ihren Tagebüchern, die Geschichte ihres Sohnes Gabriel, der im Film Adam heißt und sich heute kerngesund ist. Ihr Ehemann und Gabriels Vater Jérémie Elkaïm schrieb ebenfalls am Drehbuch mit und übernahm die Rolle des oft als überfordert und so ziemlich verantwortungslos erscheinendem Filmvater.
Sie zeichnen in ihrem Film ein ziemlich ungeschminktes Porträt einer jungen Familie, die den Kampf gegen den Krebs und um ihr Kind aufnimmt. Denn plötzlich müssen sie ihr gesamtes Leben umstellen. Anstatt zu arbeiten und Karriere zu machen, sitzen sie in Krankenhäusern.
„In gewisser Weise ist dieser Film autobiographisch, weil Jérémie und ich ein Kind haben, das schwer krank wurde. Die Fakten liegen sehr nah an dem, was wir durchgemacht haben, dennoch erzählt der Film nicht unsere Geschichte“, sagt Valérie Donzelli im Presseheft.
Ihr Mann Jérémie Elkaïm ergänzt: „Dass wir uns dann in dieses Projekt gestürzt haben, lag daran, dass unser Sohn im wirklichen Leben geheilt wurde. Wir dachten, dass wir etwas Wundervolles mit den Zuschauern teilen können. Der Gedanke, dass wir das Böse loswerden, um etwas Gutes zu teilen, machte das Projekt verlockend. Der Wunsch, über das Kino eine ideale Version des Lebens zu vermitteln, ist etwas, das Valérie und mich sehr stark verbindet.“
Der teils mit Laien gedrehte Film ist auch eine Danksagung an das staatliche Gesundheitssystem und den Sozialstaat. Denn einerseits – und zu Recht – vertrauen Juliette und Roméo (so heißen die Eltern im Film) darauf, dass Adam eine gute und angemessene Behandlung erfährt, andererseits stehen sie deswegen und obwohl sie nicht mehr berufstätig sein können, nicht vor dem finanziellen Ruin.
Und es ist eine kraftvolle Liebeserklärung an das Leben, den Durchhaltewillen und den Glauben einer Familie aneinander und eine großes, unpathetisches Danke-Schön an die Menschen, die sich über viele Jahre in verschiedenen Krankenhäusern um ihren Sohn Gabriel kümmerten und die auch bei den Dreharbeiten mithalfen.
Das alles wird von Donzelli in einer typisch französischen Mischung, mit klug gewählten Stilbrüchen und einem improvisiert-dokumentarischem Touch, präsentiert, die sich selbstbewusst in die Tradition der Nouvelle Vague stellt, die persönliche Geschichten publikumswirksam erzählen wollte. Das gelingt „Das Leben gehört uns“.
Das Leben gehört uns (La Guerre est déclarée, Frankreich 2011)
Regie: Valérie Donzelli
Drehbuch: Valérie Donzelli, Jérémie Elkaïm
mit Valérie Donzelli, Jérémie Elkaïm, César Desseix, Gabriel Elkaïm, Brigitte Sy, Elina Löwensohn, Michèle Moretti, Philippe Laudenbach, Bastien Bouillon, Béatrice De Staël, Anne Le Ny, Frédéric Pierrot, Elisabeth Dion
Das Osterman-Weekend (USA 1983, R.: Sam Peckinpah)
Drehbuch: Alan Sharp, Ian Masters
LV: Robert Ludlum: The Osterman-Weekend, 1972 (Das Osterman-Wochende)
Der CIA nimmt an, dass die Freunde von Journalist John Tanner KGB-Spione sind. Mit Tanners Hilfe verwanzen sie für ein Wochenende sein ganzes Haus. Ab da geht alles schief. Seine Freunde wollen ihre Geheimnisse schützen, Tanner will die Wahrheit wissen und CIA-Agent Fassett spielt ein ganz eigenes Spiel.
Peckinpahs letzter Film ist ein kühler Spionagethriller, ein Verwirrspiel (deshalb kann der Film immer wieder angesehen werden. Nach einem Jahr haben Sie die konfuse Handlung schon wieder vergessen.) und eine Studie über den Verfall von Freundschaft und Vertrauen. „Das Osterman-Weekend“ ist einer der schwachen Peckinpah-Filme mit einer deprimierenden Aussage.
Ulrich von Berg schrieb in „Sam Peckinpah – Ein Outlaw in Hollywood“ (1987): „The Osterman Weekend ist von der ersten bis zur letzten Einstellung ein monströses Vexierspiel, in dem jeder jeden täuscht und betrügt. Keine der Figuren ist zur Identifikation tauglich, alle sind nichts als abhängige Marionetten….Die Menschen in diesem Film sind flach und eindimensional, keiner von ihnen macht eine innere Entwicklung durch, ihre Handlungsmotive sind ohne Ausnahme von Eigennutz bestimmt (Macht, Rache, Prestige, materielle Vorteile). Peckinpah interessiert sich für keinen einzigen von ihnen besonders – und das ist gut angesichts des abstrusen Drehbuchs – sondern allein für das alles Vertrauen zerfressende und alle zwischenmenschliche Beziehungen infiltrierende Geflecht aus Intrigen und Gegenintrigen. Die Atmosphäre von Hilflosigkeit und Abhängigkeit ist wichtig, nicht die Plausibilität des Plots…In Peckinpahs letztem Film unterliegen sie (die eigenen vier Wände, AdV) der totalen Kontrolle eines offensichtlich wahnsinnigen CIA-Agenten. Die stoischen Einzelgänger, die sich in allen seinen anderen Filmen gegen Reglementierung und Anpassung zur Wehr setzen, gib es hier nicht mehr. Das Bild, das Peckinpah in The Osterman Weekend von Amerika entwarf, ist die konsequente Weiterentwicklung der düsteren Zukunftsvision seiner Western, das Versprechen einer freien Gesellschaft wird als Lüge entlarvt. Ein Arrangement mit dieser Gesellschaft ist den höchst unterschiedlichen Männern in Peckinpahs zeitgenössischen Filmen unmöglich“.
Mit Rutger Hauer, John Hurt, Craig T. Nelson, Dennis Hopper, Burt Lancaster, Chris Sarandon, Meg Fosters, Helen Shaver
Die Rebellen von Oberhausen (D 2012, R.: Jason Pohland)
Drehbuch: Jason Pohland
Gut einstündige Doku über, nun, „Die Rebellen von Oberhausen“; – also die jungen deutschen Regisseure, die vor fünfzig Jahren in Oberhausen das Ende von Papas Kino beschworen, einen neuen, die Wirklichkeit reflektierenden Film machen wollten und das bundesdeutsche Kino der siebziger Jahre prägten.
Hansjürgen Pohland, der auch zu den Unterzeichnern gehört, unterhielt sich jetzt, unter anderem, mit Alexander Kluge, Volker Schlöndorff, Edgar Reitz (der gerade im Hunsrück „Die andere Heimat“ dreht) und Haro Senft über das Manifest und seine Wirkung.
Anschließend läuft Alexander Kluges „Abschied von Gestern“.
LV: William Golding: Lord of the Flies, 1954 (Herr der Fliegen)
Nach einem Flugzeugabsturz versucht eine Gruppe britischer Schuljungen zu überleben. Zuerst halten sie sich an die in der Schule eingeübten Regeln. Doch schnell legen sie die Fesseln der Zivilisation ab.
„eine exzellente und intelligente Verfilmung der literarischen Vorlage“ (TV Spielfilm: Das große Filmlexikon) deren pessimistische Botschaft für Kontroversen sorgte und sorgt. Brooks selten gezeigte Verfilmung erlebte seine Deutschlandpremiere erst 1971 im ARD und 1983 dann auch im Kino.
William Golding erhielt 1983 den Nobelpreis für Literatur. Sein Debütroman „Herr der Fliegen“ ist inzwischen ein Klassiker.
1990 drehte Harry Hook ein Remake.
mit James Aubrey, Tom Chapin, Hugh Edwards, Roger Elwin, Tom Gaman, David Brunjes, Kent Fletcher
Wiederholung: Mittwoch, 25. April, 02.10 Uhr (Taggenau!)
LV: Ira Levin: Rosemary’s Baby, 1967 (Rosemaries Baby)
Die sensible Rosemarie und ihr Mann ziehen in New York in ein Apartment ein, das in einem Haus, in dem seltsame Dinge geschehen sollen, ist. Schnell fragt sie sich, ob an den Gerüchten doch etwas dran ist. Vor allem nachdem sie überraschend schwanger wird. Sie glaubt, dass ihr Kind verhext ist. Aber niemand glaubt ihr.
Ein Horrorfilmklassiker, den ich, als ich ihn als Jugendlicher sah, als ziemlich langweilig empfand – und gerade das ist ein Grund, sich diesen Film noch einmal anzusehen und damit das erste Urteil zu revidieren. Außerdem fand ich Levins Roman, dem Polanski sehr genau folgt, gar nicht so schlecht.
mit Mia Farrow, John Cassavetes, Ruth Gordon, Sidney Blackmer, Ralph Bellamy, Charles Grodin, Elisha Cook jr.
Wiederholung: Mittwoch, 25. April, 00.00 Uhr (Taggenau!)
Scoop – Der Knüller (GB/USA 2006, R.: Woody Allen)
Drehbuch: Woody Allen
Auf Wunsch eines frisch verstorbenen Star-Reporters ermitteln ein Magier (Allen gewohnt panisch) und eine junge Journalistin (Johansson ungewohnt tapsig) in einem Mordfall.
Nach dem hochgelobten Krimi „Matchpoint“ gab es mit „Scoop“ wieder einen typischen Allen-Film bei dem die in seiner damaligen Heimat Großbritannien spielende Krimigeschichte nur der Aufhänger für Witze ist. Danach drehte er in England noch den Krimi „Cassandras Traum“ und ging dann nach Spanien.
mit Scarlett Johansson, Woody Allen, Hugh Jackman, Ian McShane, Anthony Head
Auch wenn „R. I. F. – Ich werde dich finden!“ anders als erwartet ist, reiht sich Franck Mancusos Film nahtlos in die Reihe der guten französischen Kriminalfilme ein, die seit einigen Jahren bei uns vor allem als DVD veröffentlicht werden und im TV meist zu publikumsunfreundlichen Zeiten laufen. In Frankreich sind sie dagegen äußerst beliebt. Auch „R. I. F.“ gelang der Sprung in die Kino-Top-10. Dabei ist der düstere Polizeikrimi nicht gerade das typische Kinohitfutter, das sich normalerweise irgendwo zwischen hirnlosen Blockbustern und anspruchslosen Komödien bewegt.
„R. I. F.“ ist ein realistisch erzähltes Drama über Stéphane Monnerau (Yvan Attal [Die Schlange, Fluchtpunkt Nizza]), einen Pariser Kriminalpolizisten mit Borderline-Tendenzen. Als er mit seiner Frau Valérie und ihrem sechsjährigem Sohn in Urlaub fährt, haben sie eine Autopanne. Er lässt sie für wenige Minuten an einer Tankstelle zurück. Als er wiederkommt, ist Valérie spurlos verschwunden.
Regisseur Franck Mancuso, der selbst viele Jahre Polizist war, die Drehbücher für die grandiosen Polizeithriller „36 – Tödliche Rivalen“ und „Counter Investigation – Kein Mord bleibt ungesühnt“ schrieb und „Counter Investigation“ auch inszenierte, konzentriert sich in „R. I. F.“ auf die realistische Beschreibung der Arbeit der Polizei bei einem Routinefall. Aus dem genauen Beobachten der Ermittlungsroutine der Polizei, kombiniert mit dem Drama eines Vaters, der sich fragt, warum seine Frau verschwunden ist und der, als Polizist, etwas mehr in die Ermittlungen involviert ist als ein Normalbürger, entwickelt Mancuso eine gehörige Spannung. Anfangs, weil wir uns fragen, warum Valérie spurlos verschwunden ist. Später, wenn Stéphane in Verdacht gerät, das spurlose Verschwinden seiner Frau inszeniert zu haben, weil wir uns fragen, ob er ein falsches Spiel spielt und wir alles bisher Gesehene neu betrachten.
„R. I. F.“ ist, gedreht mit einer Handkamera, die immer nah bei den Charakteren ist, in rauen, meist etwas zu dunklen Bildern, ein noirischer Polizeikrimi, wie er in Deutschland höchstens von Dominik Graf gedreht wird und natürlich ist dieser Noir tausendmal besser als das, was uns wöchentlich als „Tatort“ angeboten wird.
Als Bonusmaterial gibt es ein informatives vierzigminütiges „Making of“, das auf dem DVD-Cover nicht erwähnt wird.
R. I. F. – Ich werde dich finden! (R. I. F. [Recherche dans l’Intérêt des Familles], Frankreich 2011)
Regie: Franck Mancuso
Drehbuch: Franck Mancuso, Herve Albertazzi
mit Yvan Attal, Pascal Elbé, Armelle Deutsch, Valentina Cervi, Eric Ruf,
Die letzte Spur: Verantwortung (D 2012, R.:Judith Kennel)
Drehbuch: Ortun Ertener
Gutgut, der Pitch war sicher „die deutsche Version von ‚Without a Trace’“, aber ich freue mich über jede Krimiserie, in der nicht einige tapfere Kommissare (oder deren Sekretärinnen) böse Mörder jagen.
Das ZDF zeigt sechs Folgen. Über eine Fortsetzung entscheidet dann die Einschaltquote.
mit Hans-Werner Meyer, Susanne Bormann, Jasmin Tabatai, Florian Panzner
„My Week with Marilyn“ Monroe liefert einen Blick hinter die Kulissen der Dreharbeiten für die Laurence-Olivier-Marilyn-Monroe-Schmonzette „Der Prinz und die Tänzerin“ (The Prince and the Showgirl, USA 1957) und einen Blick in die Anfänge des Superstartums. Denn obwohl Sir Laurence Olivier damals ein hoch geachteter Schauspieler war, war Marilyn Monroe als Sexbombe der Liebling der Massen und des Boulevards. Egal wo sie auftauchte, schnell wurde sie von Fans und Fotografen belagert. Und das war in den fünfziger Jahren, als es noch keine Paparazzi gab. Jedenfalls nannte erst Frederico Fellini sie in „Das süße Leben“ so.
Sogar heute, fünfzig Jahre nach ihrem Tod am 5. August 1962, ist die am 1. Juni 1926 als Norma Jeane Baker geborene Schauspielerin und Sängerin immer noch allgemein bekannt.
Mitte der Fünfziger versuchte Marilyn Monroe, die damals mit Arthur Miller verheiratet war, endlich als ernsthafte Schauspielerin anerkannt zu werden. Mit ihrer Produktionsfirma (was in „My Week with Marilyn“ nicht thematisiert wird) beteiligte sie sich an der Verfilmung eines Bühnenstücks von Terence Rattigan, die in England im Sommer 1956 mit ihr in der Hauptrolle in den Pinewood Studios entstehen sollte. „Der Prinz und die Tänzerin“ ist eine Schmonzette, die nicht mehr als zwei Stunden anspruchslose Unterhaltung liefern sollte. Laurence Olivier wurde als Hauptdarsteller und Regisseur engagiert.
Schnell prallten die verschiedenen Schauspielerhaltungen aufeinander. Olivier gehörte noch zur alten Schule. Die Lee-Strasberg-Schülerin Monroe versuchte mit der Hilfe von Paula Strasberg als ihrer immer anwesenden Schauspiellehrerin sich in die Rolle hineinzufühlen. Was schon etwas absurd ist, weil sie damit eine Tiefe in einer Rolle suchte, die eben diese Tiefe nicht hatte und sie hätte sich sicher, um als Schauspielerin zu glänzen, eine anspruchsvollere Rolle aussuchen können. Außerdem zweifelte sie an sich, war alkohol- und tablettensüchtig, launenhaft und bei den Dreharbeiten extrem unzuverlässig. Immer wieder mussten alle anderen auf sie warten. Am Ende dauerten die Dreharbeiten sechs Monate.
Colin Clark, der später als Dokumentarfilmer eine beachtliche Karriere hatte, war damals der „Dritte Assistent“, was eine höfliche Umschreibung für „Mädchen für alles“ oder „Laufbursche“ ist. So konnte er die Dreharbeiten beobachteten und überall hingehen. Denn es gehörte zu seinen Aufgaben, überall und nirgends zu sein. Später schrieb er zwei Bücher darüber: „The Prince, the Showgirl and Me“ (1995) über die Dreharbeiten und „Meine Woche mit Marilyn“ (My Week with Marilyn, 2000) über einen mehrtägigen Ausflug aufs Land, den er mit Marilyn Monroe unternahm und er sich auch in sie verliebte.
Für den Film wurde selbstverständlich der publikumsträchtigere Titel gewählt, aber im Film geht es – zum Glück! – vor allem um die Dreharbeiten und dieser Einblick ist bestes britisches Kino. Ein pointiertes Drehbuch von Adrian Hodges („Tom & Viv“, „Metroland“, „Primeval – Rückkehr der Urzeitmonster“, „Survivors“, „Rome“, um nur die auch bei uns bekannten Werke zu nennen), in dem die verschiedenen Charaktere scharfzüngig aufeinanderprallen. Regisseur Simon Curtis, der bereits viele englische TV-Filme und Serien inszenierte, die bei uns nicht gezeigt wurden, inszenierte „My Week with Marilyn“ angenehm altmodisch, indem er auf modischen Schnickschnack verzichtet und alles in den Dienst der Geschichte stellt. Das erstklassige Ensemble hat viele Gelegenheiten für grandiose Auftritte und der genaue Blick für die Details, die einen tiefen Blick in die unterschiedlichen Mentalitäten und die damaligen Arbeitsbedingungen an einem Filmset geben, macht diese Coming-of-Age-Geschichte auch zu einer kleinen Geschichtsstunde.
My Week with Marilyn (My Week with Marilyn, GB/USA 2011)
mit Michelle Williams, Kenneth Branagh, Eddie Redmayne, Dominic Cooper, Philip Jackson, Derek Jacobi, Toby Jones, Michael Kitchen, Julia Ormond, Zoë Wanamaker, Emma Watson, Judi Dench
Als die Actionkomödie „Einmal ist keinmal“ mit Katherine Heigl als Kopfgeldjägerin Stephanie Plum in den US-Kinos startete, wurde sie von den US-Kritikern regelrecht geschlachtet.
Als ich den Film sah, fragte ich mich, woher dieser Hass auf den Film kam. Denn obwohl „Einmal ist keinmal“ wahrlich kein Meisterwerk ist, versucht er auch nicht mehr zu sein, als eine kleine, launige Actionkomödie, die wie ein hoch budgetierter TV-Serienpilot wirkt, der irrtümlich im Kino läuft. Denn Regisseurin Julie Anne Robinson stellt in ihrer Verfilmung des ersten Stephanie-Plum-Krimis, wie auch Janet Evanovich in ihrem Roman, ausführlich Stephanies Familie, die Kautionsagentur ihres Vetters Vinnie samt leicht schrägem Personal und ihren künftigen Freund vor. Dieser ist Polizist, soll eine Frau ermordet haben und ist untergetaucht.
Für Stephanie, die händeringend einen Job sucht und deshalb notgedrungen bei Vinnie anheuert, wäre das Kopfgeld von 50.000 Dollar (im Buch 10.000 Dollar), wenn sie Joe Morelli bei der Polizei abliefert, das Ende ihrer Geldsorgen. Dass Morelli sie vor Jahren betrogen hat, stachelt ihren Jagdeifer zusätzlich an. Ohne einen Plan und ohne irgendetwas über die Arbeit zu wissen, aber mit einem losen Mundwerk, macht sie sich in ihrer Heimatstadt Trenton, New Jersey, auf die Jagd.
Der Film folgt dem vor fast zwanzig Jahren erschienenem Roman erstaunlich genau und ist sogar witziger als der Roman. Denn der ist eine ziemlich dröge Mischung aus Romanze und Krimi, mit einer sich mir nicht erschließenden humoristischen Note.
Dagegen ist die Verfilmung, tief in den achtziger Jahre steckend, ziemlich kurzweilig-nette Unterhaltung für Zwischendurch, die nie behauptet mehr zu sein als eine kleine Actionkomödie mit einem vernachlässigbaren Krimiplot voller Unwahrscheinlichkeiten und viel Romantic.
Einmal ist keinmal (One for the Money, USA 2012)
Regie: Julie Anne Robinson
Drehbuch: Stacy Sherman, Karen Ray, Liz Brixius
LV: Janet Evanovich: One for the Money, 1994 (Einmal ist keinmal)
mit Katherine Heigl, Jason O’Mara, Daniel Sunjata, John Leguizamo, Sherri Shepherd, Debbie Reynolds
Nachtschicht: Tod im Supermarkt (D 2006, R.: Lars Becker)
Drehbuch: Lars Becker
Dieses Mal sucht das Nachtschicht-Team den Mörder eines Supermarkt-Wachmanns.
Dritter Nachtschicht-Krimi, der auf seiner Plus-Seite zahlreiche ironische Anspielungen und gute Schauspieler, auf der Minus-Seite einen nicht sonderlich logischen Whodunit verbucht. Und dabei waren die ersten beiden Nachtschicht-Filme gerade weil sie die Whodunit-Stereotypen vermieden gut.
Mit Armin Rohde, Katharina Böhm, Ken Duken, Minh-Phai-Thi, Marie Bäumer, Devid Striesow
LV: Ray Bradbury: Fahrenheit 451, 1953 (Fahrenheit 451)
Im Rahmen des heutigen Thementages „Spirit of the Sixties: Die 60er Jahre“ zeigt 3sat heute Truffauts selten gezeigten Anti-Utopie, in der Bücher, weil sie subversive Gedanken enthalten, verboten sind. Feuerwehrmann Montag erfüllt brav seine Pflicht und verbrennt Bücher, bis er Clarissa kennenlernt und zunehmend an seinem Leben und seinem Tun zweifelt.
Der spätere Regisseur Nicholas Roeg war der Kameramann und Alfred-Hitchcock-Komponist Bernard Herrmann komponierte den Soundtrack
mit Julie Christie, Oskar Werner, Cyril Cusack, Anton Diffring, Jeremy Spenser
Bei „The Nines“ will ich nicht viel über die Handlung erzählen, denn es ist gerade ein großer Spaß, selbst herauszufinden, wie die drei Geschichten miteinander zusammenhängen. In dem ersten Teil „Der Gefangene“ geht es um den Star einer dümmlichen TV-Action-Polizeiserie (Ryan Reynolds), der nach einem Unfall (verursacht durch Trennungsschmerz und Drogeneinnahme), in dem Haus eines Drehbuchautoren, der gerade weg ist, unter Hausarrest gestellt wird. Dort langweilt er sich, lernt die sexy Nachbarin (Hope Davis) kennen, hat eine hyperagile, ewig gut gelaunte Aufpasserin (Melissa McCarthy) und glaubt, dass er nicht der einzige Bewohner des Hauses ist.
In dem zweiten Teil „Reality TV“ geht es um einen Drehbuchautor (Ryan Reynolds), der gerade, begleitet von einem TV-Team, als Showrunner in der Produktion für einen TV-Serienpiloten steckt.
Und wir begegnen wieder Melissa McCarthy als seiner Wunsch-Hauptdarstellerin in der TV-Serie und Hope Davis als seiner Ansprechpartnerin beim Sender.
Im dritten Teil „Wissend“ muss ein PC-Spieldesigner (Ryan Reynolds) nach einem Ausflug mit seiner Familie in die Berge feststellen, dass ihr Auto nicht startet. Er lässt seine Frau (Melissa McCarthy) mit ihrer Tochter zurück und trifft auf dem Weg zu einem Telefon eine Wanderin (Hope Davis).
Und immer wieder, wird der Zahl „Neun“ (was wir schon bei dem Titel „Die Neunen“ ahnten) eine besondere Bedeutung beigemessen.
Aber gerade das Herausfinden dieser Zusammenhänge ist, wie zum Beispiel in David Cronenbergs „Existenz“ oder Christopher Nolans „Inception“, ein großer intellektueller Spaß. Denn John August hatte zwar wenig Geld für den Film (so spielt der halbe Film in seiner Wohnung), aber dafür etliche hübsche und intellektuell herausfordernde Ideen und, natürlich, ein gutes Drehbuch. Ein Drehbuch, das viele Fragen stellt, viele beantwortet, zum Nachdenken anregt und, dank der wandlungsfähigen Schauspieler (für die drei Hauptdarsteller ist es eine gute Demonstration ihres Könnens) und der unterschiedlichen Stile in den drei Segmenten, bis zur letzten Minute das Interesse wach hält. Dabei hat „The Nines“ einen zutiefst freundlich-humane Ton, die durchaus an die Stimmung in Tim Burtons „Big Fish“ erinnert. „Big Fish“ war die erste Zusammenarbeit von Tim Burton und John August. Danach arbeiteten sie bei „Charlie und die Schokoladenfabrik“, „Corpse Bride – Hochzeit mit einer Leiche“, „Dark Shadows“ (Kinostart 10. Mai 2012) und „Frankenweenie“ (geplanter Kinostart 24. Januar 2013) zusammen.
In „The Nines“ fragt John August ziemlich verspielt, teils mit satirischem Unterton, was wirklich ist und wie brüchig die Wirklichkeit ist. Ein großer Spaß.
Das Bonusmaterial ist mit einer Stunde (ohne die vielen Audiokommentare) angenehm umfangreich und sehr informativ. Vor allem John August gibt viele Informationen zur Entstehung des Films, zu den einzelnen Filmsegmenten, wie sie miteinander und mit seinem Kurzfilm „God“, der ebenfalls auf der DVD ist, zusammenhängen.
The Nines – Dein Leben ist nur ein Spiel (The Nines, USA 2007)
Regie: John August
Drehbuch: John August
mit Ryan Reynolds, Melissa McCarthy, Hope Davis, Elle Fanning, David Denman, Octavia Spencer, Ben Falcone, Dahlia Salem, John Gatins
Bonusmaterial: Audiokommentar mit Regisseur John August und Hauptdarsteller Ryan Reynolds, Audiokommentar mit Regisseur John August, Cutter Douglas Crise und Darstellerin Mellisa McCarthy, 9 Deleted Scenes (mit Audiokommentar von Regisseur John August und Editor Douglas Crise), Featurette „Script to Screen“, Featurette „Summing up the Nines“, Interview mit John August, Kurzfilm „God“ (mit Audiokommentar von Regisseur John August, Deutscher Trailer, Origininaltrailer
Edward mit den Scherenhänden (USA 1990, R.: Tim Burton)
Drehbuch: Tim Burton, Caroline Thompson
Zwischen seinen beiden „Batman“-Filmen drehte Tim Burton, der hier erstmals Carte Blanche hatte, dieses dunkle, romantische Märchen über den einsam in einem Schloss auf einem Hügel lebenden „Edward mit den Scherenhänden“. Als eine Kosmetikvertreterin ihn trifft, ist sie fasziniert von ihm und nimmt ihn mit in die typisch amerikanische Vorstadt. Dort ist Edward wegen einer motorischen Fähigkeiten zuerst sehr beliebt.
Ein schöner trauriger Film voller Humor und Skurrilitäten.
„ein Märchen. Und das erzählt er einem Publikum, das schon alle Märchen kennt, an keins mehr glaubt und sich doch danach sehnt. Und er erzählt es mit allen Emotionen, aller Naivität, aller Grausamkeit und auch aller Komik, die das Publikum erwarten darf.“ (Fischer Film Almanach 1992)
mit Johnny Depp, Winona Ryder, Dianne Wiest, Anthony Michael Hall, Kathy Baker, Vincent Price (seine letzte Rolle in einem Spielfilm), Alan Arkin
Lady Vengeance – Leben für die Rache (Sudkorea 2005, Regie: Park Chan-wook)
Drehbuch: Park Chan-wook, Jeong Seo-Gyeong Jeong
Geum-ja saß dreizehn Jahre im Gefängnis für den Mord an einem kleinen Jungen, den sie nicht begangen hat. Jetzt will sie sich an dem wirklichem Täter, einem honorigem Englischlehrer, rächen.
Ein weiteres Meisterwerk des Regisseurs von „Joint Security Area“, „Sympathy for Mr. Vengeance“ und „Oldboy“. Die Kritiker waren vom Abschluß der Rachetrilogie des Südkoreaners begeistert, die zahlenden Zuschauer ebenso – und das Erste zeigte die TV-Premiere, wie erwartet, nach Mitternacht.
Mit Lee Yeong-ae, Choi Min-sik, Oh Dal-su, Kim Shi-hoo, Kim Bu-seon
Der im Ruhestand lebende Gangster Noel nimmt den jungen, heißblütigen Junggangster Mickey bei sich auf. Durch ihn wird er wieder in sein altes Leben zurückgezogen.
Aus heutiger Sicht beendete Alain Corneau mit dem leicht melancholischem Noir „Wahl der Waffen“ die Ära des klassischen französischen Gangsterfilms indem er noch einmal alle Themen bündelte, neu betrachtete und sie endgültig beantwortete. Nach „Wahl der Waffen“ war die Zeit des Nachkriegsgangsters endgültig vorbei.
Einen schöneren Abgesang hätte er nicht bekommen können.
mit Yves Montand, Gérard Depardieu, Catherine Deneuve, Michel Galabru, Gerard Lanvin, Marc Chapiteau