Jesse Stone: Alte Wunden (USA 2007, R.: Robert Harmon)
Drehbuch: Ronni Kern
LV: Robert B. Parker: Sea Change, 2006
Ex-Großstadtcop Jesse Stone langweilt sich in der malerischen Kleinstadt Paradise. Also rollt er einen 15 Jahre alten Mordfall wieder auf.
Vierter Jesse-Stone-TV-Krimi, der das Niveau der vorherigen Stone-Filme hält: gutes altmodisches Schauspielerkino, das vom ZDF (wie die vorherigen Stone-Filme) zu einer indiskutablen Uhrzeit ausgestrahlt wird.
Tom Selleck erhielt für seine Darstellung von Jesse Stone eine Emmy-Nominierung
mit Tom Selleck, Viola Davis, William Devane, Kathy Baker, William Sadler, James Gammon, Saul Rubinek
Dass Jean-Luc Godards Debütfilm „Außer Atem“ ein Klassiker ist, dürfte wohl kaum jemand bestreiten; ein Film der in jedem ernst zu nehmendem Filmkanon auftaucht und es auch in den inzwischen wohl weitgehend vergessenen Filmkanon der Bundeszentrale für politische Bildung von 2003 schaffte.
Dass „Außer Atem“ viele Regisseure beeinflusste, dürfte auch bekannt sein. In der Doku „Godard: Made in USA“ erzählen Robert Benton, Arthur Penn, William Friedkin, Peter Bogdanovich, Paul Schrader, Brian de Palma und James Gray, wie Godard sie beeinflusste.
Dass Jean-Paul Belmondo mit „Außer Atem“ seine Karriere begann, in der er, neben Alain Delon, einer der großen Stars des französischen Kinos der sechziger und siebziger Jahre wurde, ist ebenfalls bekannt. Auch dass das Spätwerk von Belmondo und Delon nicht mit ihrem Frühwerk mithalten kann.
Aber ist ein über fünfzig Jahre alter Film, der die Nouvelle Vague mitbegründete und der Nukleos für verschiedene Entwicklungen war, heute immer noch sehenswert? Ist das, was damals als Neuerung erkannt und bejubelt wurde, heute nicht hoffnungslos veraltet, naiv und anachronistisch?
Nun, „Außer Atem“ ist nichts davon. Der Film hat eine heute immer noch mitreisende Energie, die von der Experimentierfreude der Beteiligten, von den Kürzungen, die Godard machen musste, und den Darstellern, vor allem Jean-Paul Belmondo als Michel Poiccard und Jean Seberg als Patricia Franchini, kommt.
Michel ist ein Kleingangster, der ungefähr jedem zweiten Rock hinterhersteigt. Aber in die Amerikanerin Patricia hat er sich verliebt. Er weiß auch nicht warum. Aber er will unbedingt bei ihr bleiben. Die Sorbonne-Studentin, die auch als Journalistin arbeitet und die New York Herald Tribune verkauft, findet ihn wohl eher „interessant“.
Als er ein geklautes Auto von Marseille nach Paris fährt, wird er von einem Polizisten erwischt, tötet ihn (obwohl wir die Tat nie sehen) und taucht in Paris bei ihr unter. Während er auf das Geld von einem Freund wartet, verbringt er die Tage mit ihr. In einem kleinen Hotelzimmer und ständig miteinander redend. Sie geht zu einem Interview mit dem bekannten Autor Parvulesco (gespielt von Jean-Pierre Melville), erfährt, dass ihr Liebhaber von der Polizei gesucht wird, verrät ihn und Michel wird auf der Flucht erschossen.
Das ist nicht viel Story. Das meiste ist improvisiert. Was hier bedeutet, dass Godard die Texte erst kurz vor dem Dreh schrieb und den Schauspielern teils während des Drehs zuflüsterte. Die Vorbilder aus den USA sind deutlich zu erkennen. „Außer Atem“ ist die französische Variante eines Hollywood-Gangsterfilms, eines Noirs, die Geschichte einer unglücklichen Liebe von einem Mann zu einer Femme Fatale.
Es ist aber auch der Aufbruch zu einem neuen Kino, das bereits viele Merkmale von Jean-Luc Godards späteren Filmen hat, wie die endlos-ziellosen Dialoge, die zwischen Tiefsinn und Dadaismus pendeln, die regelbrechende Kamera und dem Verweigern von bekannten Genrekonventionen.
Gleichzeitig, in einer Mischung aus Improvisation beim Drehen, langen, ungeschnittenen Szenen, in denen die Kamera sich teils schwerelos durch den Raum bewegt, einem Vernachlässigen der Continuity (die ja darauf aufpasst, dass die Anschlüsse stimmen und Gläser nicht mal leer, mal voll sind) und einem kräftigen Kürzen der ersten Schnittfassung entstand dann diese nervöse Energie, die einfach über Anschlussfehler und damals in der Filmsprache verbotenen Jump Cuts hinwegsah.
Damals brachte „Außer Atem“, wie auch die anderen Filme der Nouvelle Vague, frischen Wind in das verstaubte Kino der Väter.
Heute; nun, heute wirkt „Außer Atem“ immer noch wie eine frische Brise, die zeigt, was möglich ist.
Das Bonusmaterial
Das reichhaltige Bonusmaterial der Blu-Cinemathek-Ausgabe ist exzellent. Es gibt eine knapp fünfminütige Einführung von Colin McCabe zum Film, die gut achtzigminütige SW-Dokumentation „Zimmer 12: Hotel de Suède“ (Frankreich, 1993) von Claude Ventura und Xavier Villetard, die kurz vor dem Abriss des Hotels, in dem die langen Gespräche zwischen Belmondo und Seberg stattfanden, sich leicht prätentiös auf Spurensuche begaben und viele Interviews mit damals am Film Beteiligten machten, die fünfzigminütige, filmhistorisch sehr spannende Doku „Godard: Made in USA“ (Frankreich, 2009) von Luc Lagier über Godards Besuche und Arbeit in den USA und, mit zahlreichen Interviews mit US-Regisseuren, über seinen Einfluss auf ihre Arbeit, und die knapp achtminütige leicht experimentelle Annäherung „Luc und wie er Jean-Luc sieht“ von Godard-Freund und -Kenner Luc Moullet für Arte Kurzschluss.
Dazu gibt es noch eine umfangreiche Bildergalerie, einige Filmplakate (Nostalgia rules!) und den Trailer, der auch ein kleines Kunstwerk und „sehr Godard“ ist. Außer Atem (À bout de souffle, Frankreich 1960)
Regie: Jean-Luc Godard
Drehbuch: Jean-Luc Godard (nach einer Geschichte von Francois Truffaut)
Buch zum Film: Claude Francolin: À bout de souffle, 1960 (Außer Atem)
mit Jean-Paul Belmondo, Jean Seberg, Daniel Boulanger, Jean-Pierre Melville, Henri-Jacques Huet, Van Dode, Jean-Luc Godard, Roger Hanin
– DVD
Studio Canal/Arthaus – Blu Cinemathek
Bild: 1,33:1 (1080/24p Full HD)
Ton: Deutsch, Französisch, Spanisch (Mono DTS-HD Master Audio)
Untertitel: – (obwohl „Deutsch, Englisch, Holländisch, Japanisch, Portugiesisch, Spanisch, Türkisch“ angekündigt sind)
Bonusmaterial: Filmpräsentation von Colin McCabe, Godard: Made in USA, Zimmer 12: Hotel de Suède, Luc und wie er Jean-Luc sieht, Fotogalerie, Trailer, Filmplakate
Länge: 90 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
SWR, 20.15 Tatort: Oskar (D 2002, R.: Niki Stein)
Drehbuch: Niki Stein
Erster Fall für die Frankfurter Kommissare Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) und Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki): sie suchen eine Mutter, die ihr Kind getötet hat und stolpern dabei durch triste Mietskasernen.
Nachdem Kommissar Brinkmann (Karl-Heinz von Hassel oder „der Mann mit der Fliege“) vorher in Frankfurt am Main mit meist höchst langweilig-absurden Fällen die Geduld des gutwilligen Zuschauers strapazierte, hatte ich von dem neuen Team aus der Finanzmetropole nichts erwartet und war positiv überrascht. Denn hier stimmte alles.
Nach acht Jahren und 18 Fällen beendete das Team Dellwo/Sänger 2010 seine Ermittlungsarbeit mit deutlich mehr guten als schlechten Fällen.
mit Andrea Sawatzki, Jörg Schüttauf, Peter Lerchbaumer, Christiane Schulz, Oliver Bootz, Edda Leesch Hinweise Tatort-Fundus über das Team Dellwo/Sänger Meine Besprechung des Tatort-Romans „Bevor es dunkel wird“ von Uli Aechtner mit Dellwo/Sänger
Noir-Fans lassen die Sektkorken knallen: nach fünf Jahren gibt’s endlich wieder „Die Lady von Shanghai“ und die „Frau ohne Gewissen“
Arte, 20.15 Die Lady von Shanghai (USA 1948, R.: Orson Welles)
Drehbuch: Orson Welles
LV: Sherwood King: If I die before I wake, 1938
Michael O’Hara heuert als Matrose und Mädchen für alles auf der Jacht der Bannisters an. Schnell erliebt er sich in Elsa Bannister und wird von ihr in ein Mordkomplott hineingezogen.
Heute zählt „Die Lady von Shanghai“ zu den zeitlosen Noir-Klassiker. Die grandiose Schlusssequenz im Spiegelkabinett gehört zu den Glanzstücken der Filmgeschichte: die Kontrahenten stehen sich gegenüber, ihr Bild wird in unzähligen Spiegeln gespiegelt und erst als bei der Schießerei die Spiegel zerschossen werden, können wir langsam erkennen, wer ein Mensch und was sein Abbild ist.
Aber während der Produktion sah es ganz anders aus: Orson Welles machte aus einem einfachen Krimi ein verschachteltes Vexierspiel, schrieb ständig Szenen um, das Studio mischte sich ein, es gab Probleme mit dem Geld und Insekten betrachteten die Filmcrew als Jagdrevier. Und, als sei das alles nicht genug, machte Welles aus dem Sexsymbol und Columbia-Star Hayworth eine kalte und berechnende Mörderin. Alle Zeichen waren für einen Flop gesetzt und das Studio schloss den Film, nachdem auch mit Umschneiden nichts mehr zu retten war, erst einmal in seinen Giftschrank.
Mit Orson Welles, Rita Hayworth, Everett Sloane Wiederholung: Donnerstag, 19. Januar, 14.50 Uhr Hinweise
Wikipedia über „Die Lady von Shanghai“ (deutsch, englisch)
Arte, 21.45 Frau ohne Gewissen (USA 1944, R.: Billy Wilder)
Drehbuch: Raymond Chandler, Billy Wilder
LV: James M. Cain: Double Indemnity, 1936 (Doppelte Abfindung)
Ein Versicherungsagent verliebt sich mit tödlichen Konsequenzen in die falsche Frau.
„Der Prototyp des Film noir über die Frau als Femme fatale, einer der besten Filme Wilders und der Vorlage Cains weit überlegen.“ (Paul Werner: Film noir und Neo-Noir)
Mti Fred MacMurray, Barbara Stanwyck, Edward G. Robinson Wiederholung: Montag, 23. Januar, 14.25 Uhr Hinweise
Wikipedia über „Frau ohne Gewissen“ (deutsch,englisch)
Arte, 20.15 Der Pate II (USA 1974, R.: Francis Ford Coppola)
Drehbuch: Mario Puzo, Francis Ford Coppola
Sozusagen Pre- und Sequel zu „Der Pate“: Michael Corleone, jetzt das Familienoberhaupt, plant einen Casino-Deal auf Kuba. Und dazwischen wird der Aufstieg von Vito Corleone erzählt.
Die Fortsetzung von „Der Pate“ ist länger und mindestens genauso gut wie der erste Film. Für viele ist der zweite Pate-Film sogar noch besser (ich bin da unentschlossen). Außerdem wird „Der Pate II“ immer als Beispiel herangezogen für die These, Fortsetzungen seien besser als die Originale.
„Der Pate II“ erhielt mehrere Oscars: Bester Film, Beste Regie, Bestes Drehbuch, Bester Nebendarsteller (Robert de Niro), Beste Filmmusik (Nino Rota, Carmine Coppola), beste Ausstattung.
Mit Al Pacino, Robert De Niro, Robert Duvall, Diane Keaton, Lee Strasberg (ja, der Schauspiellehrer), John Cazale, Talia Shire, James Caan, Harry Dean Stanton, Danny Aiello
Manhattan Murder Mystery (USA 1992, R.: Woody Allen)
Drehbuch: Woody Allen, Marshall Brickman
Als eine Nachbarin in ihrem noblen New Yorker Mietshaus überraschend stirbt, glaubt Carol Lipton (Diane Keaton), dass sie ermordet wurde und sie beginnt, mit einem befreundeten Krimiautor, den Mörder zu suchen. Ihr Mann Larry (Woody Allen) ist davon überhaupt nicht begeistert.
Eine Krimikomödie von Woody Allen, bei der sich für die die Wortgefechte vom „Dünnen Mann“ inspirieren ließ und auch sonst lustvoll im Fundes des klassischen Hollywood-Krimis wühlte. Cineasten können also einiges entdecken.
„So unverhohlen publikumsfreundlich war Woody Allen lange nicht mehr.“ (Fischer Film Almanach 1995)
Sein nächster Film war „Bullets over Broadway“.
mit Woody Allen, Diane Keaton, Anjelica Huston, Alan Alda, Jerry Adler, Ron Rifkin, Zach Braff (sein erster Spielfilm), Frank Pellegrino (dito, später war er bei den „Sopranos“)
ZDFneo, 23.20 The Prisoner (USA 2009, R.: Nick Hurran)
Drehbuch: Bill Gallagher
Sechsteiliges Remake (oder Update) der kultigen englischen Sixties-Serie, die, trotz eher lauwarmer Kritiken, sicher einen Blick wert ist.
Im Mittelpunkt steht ein Mann, der in der Wüste aufwacht, nicht weiß, wie er dorthin gekommen ist, in einer abgelegenen Stadt als Nummer 6 empfangen wird und den Ort möglichst schnell wieder verlassen möchte. Aber das geht nicht. Die DVD mit viel Bonusmaterial erscheint am 24. Februar.
Mit Ian McKellen, James Caviezel, Ruth Wilson, Jamie Campbell Bower, Hayley Atwell Hinweise
Wikipedia über „The Prisoner“ (deutsch,englisch)
Welche neuen Aspekte kann David Fincher Stieg Larssons Roman „Verblendung“ für das Kino abgewinnen? Immerhin wurde der Krimi bereits vor zwei Jahren von Niels Arden Oplev mit Michael Nyqvist als Mikael Blomkvist und Noomi Rapace als Lisbeth Salander verfilmt. Die Drehbuchautoren Nikolaj Arcel und Rasmus Heisterberg hatten die Geschichte für die 152-minütige Kino-Version (es gibt auch eine dreißig Minuten längere TV-Version) sinnvoll entschlackt und sich auf den Rätselplot konzentriert, in dem
Enthüllungsjournalist Mikael Blomkvist im Auftrag von Henrik Vanger herausfinden soll, wer vor vierzig Jahren seine Nichte Harriet Vanger auf einer einsam gelegenen Insel ermordete und ihm seitdem jedes Jahr eine getrocknete Blume schickt.
Blomkvist arbeitet sich tief in die Familiengeschichte der Vangers, einer schwedischen Großindustriellenfamilie, die auch gute Kontakte zu den Nazis hatte, ein. Denn Henrik Vanger vermutet, dass Harriet von einem Familienmitglied ermordet wurde.
Als Blomkvist mit seinen Ermittlungen nicht weiterkommt, nimmt er Kontakt zu Lisbeth Salander, einer begnadeten, aber auch ziemlich verhaltensgestörten jungen Hackerin mit einer problematischen Vergangenheit auf. Gemeinsam entdecken sie eine Mordserie, die anscheinend schon kurz nach dem Ende des zweiten Weltkrieges begann.
An dem feinem schwedischen Film war nichts auszusetzen. Jedenfalls für uns Europäer und auch die Larsson-Fans, die im Zweifelsfall eine werkgetreue Umsetzung fordern, waren zufrieden.
Für das US-Remake nahm sich Steve Zaillian (Der Falke und der Schneemann, Schindlers Liste, Gangs of New York, Die Dolmetscherin, American Gangster) den Schmöker vor – und bis auf einige kleine Details, folgte er Larssons Roman und Arcels und Heisterbergs Drehbuch fast schon sklavisch.
So werden im Original die Recherchen von Mikael und Lisbeth ausführlicher gezeigt. Es gibt einige Rückblenden in Lisbeths Jugend, die erklären, warum sie entmündigt wurde. Bei Fincher erzählt Lisbeth das nur. Sowieso erhält Lisbeth, wenn man „Verdammnis“ und „Vergebung“, die nächsten beiden Romane von Stieg Larsson nicht kennt, erstaunlich viel Filmzeit. In „Verblendung“ ist sie ja noch eine Nebenfigur, die aber auch im Roman mit vielen Buchseiten bedacht wird.
Am Ende, wenn Mikael entdeckt, was mit Harriet geschah, änderten Fincher und Zaillian eine Kleinigkeit, die immerhin dazu führte, dass die Macher des Remakes sagen konnten: „Wir haben ein anderes Ende.“ Ja, nur bewegt sich diese Änderung auf dem Niveau von „anstatt des gelben Kleides ziehen wir das Grüne an“.
Und bei Fincher deuten einige Szenen bereits auf einen Director’s Cut hin. Am deutlichsten wird das, wenn Mikaels Tochter ihn bei den Vangers besucht, sie ihm wohl etwas wichtiges sagen will (was dann aber wohl geschnitten wurde) und sie ihm bei der Abfahrt sagt, dass die rätselhaften Buchstaben und Zahlen in Harriets Tagebuch auf Bibelstellen hinweisen. Diesen entscheidenden Hinweis, der in Oplevs Film von Lisbeth kommt, konnte Fincher nicht wegschneiden. Auch die Übernahme von Mikaels Zeitschrift „Millennium“ durch die Vangers und Lisbeths Überwachung von Wennersström (einem bösen Kapitalisten, der Mikael böse reinlegte) werden im Remake als Subplots zuerst groß eingeführt und dann so lieblos fallengelassen, dass ich den Verdacht nicht los wurde, dass Fincher hier für die Kinoauswertung einiges schneiden musste.
Dafür ist das Ende von Finchers Film, nachdem der Serienmörder enttarnt ist und bekannt ist, was mit Harriet geschah, gefühlt noch länger als in der Erstverfilmung und fast so zäh wie in Larssons Roman, der da noch einen halbgaren Wirtschaftskrimi samt enervierend langer Rehabilitation von Mikael auftischt.
Abgesehen von solchen Kleinigkeiten orientiert David Fincher sich fast schon peinlich genau, auch visuell, an dem schwedischen Film, nur mit einem höherem Budget und bekannteren Schauspielern, wie Daniel Craig (der inzwischen als James Bond einfach zu bekannt ist, um einen biederen Reporter zu spielen), Christopher Plummer, Stellan Skarsgård und Robin Wright.
So bleibt als größter Gewinn von Finchers Film gegenüber Oplevs Film, dass „Nine Inch Nails“-Mastermind Trent Reznor und Atticus Ross, die auch die Musik für Finchers „The Social Network“ schrieben, für den grandiosen Sound des Unwohlseins verantwortlich sind.
Insgesamt ist David Finchers „Verblendung“ kein schlechter Film. Die Zeit vergeht bei dem überlangen Film sogar ziemlich schnell, aber er kann nie beantworten, warum das Remake gemacht werden musste; – abgesehen natürlich von den blanken kommerziellen Erwägungen.
Und, für einen US-Film, der sich an ein breites Publikum richtet, gibt es ziemlich viel nackte Haut zu sehen (Daniel Craig und Rooney Mara gemeinsam im Bett) zu sehen, Vulgärsprache („Fuck“) zu hören und gefährliche Substanzen (Alkohol! Zigaretten!) werden in rauen Mengen genossen. Oh, und eine Katze überlebt den Film nicht. Insofern ist das R-Rating „for brutal violent content including rape and torture, strong sexuality, graphic nudity, and language“ wohlverdient und der Film wurde für eine kommerziellere Freigabe nicht verharmlost.
Doch das alles kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass „Verblendung“ ein Werk ist, auf das Kenner des ersten Films durchaus verzichten können und das einfach nur, wie schon die erste Verfilmung, den Roman mit all seinen Schwächen illustriert.
Wer allerdings die schwedische Verfilmung nicht kennt, dem wird Finchers Version gefallen. Verblendung (The Girl with the Dragon Tatoo, USA 2011)
Regie: David Fincher
Drehbuch: Steve Zaillian
LV: Stieg Larsson: Män son hatar kvinnor, 2005 (Verblendung)
mit Daniel Craig, Rooney Mara, Christopher Plummer, Stellan Skarsgård, Steven Berkoff, Robin Wright, Yorick van Wageningen, Joely Richardson, Geraldine James, Goran Visnjic, Julian Sands
Länge: 158 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
–
Zum Film wurde Larssons Roman mit einem neuen Cover veröffentlicht Stieg Larsson: Verblendung (übersetzt von Wibke Kuhn) Heyne, 2011 (Movie-Tie-In) 704 Seiten
9,99 Euro
– Originalausgabe
Män son hatar kvinnor
Norsteds Förlag, Stockholm 2005
– Deutsche Erstausgabe
Heyne, 2006
– Hinweise Amerikanische Homepage zum Film Deutsche Homepage zum Film Film-Zeit über „Verblendung“ Rotten Tomatoes über „Verblendung“
Wikipedia über „Verblendung“ (deutsch, englisch)
Jesse Stone – Totgeschwiegen (USA 2006, R.: Robert Harmon)
Drehbuch: J.T. Allen, Tom Selleck, Michael Brandman
LV: Robert B. Parker: Death in Paradise, 2001
Dritter Jesse-Stone-Film nach dem dritten Jesse-Stone-Roman. Dieses Mal muss Kleinstadtcop Jesse Stone den Mord an einer 14-jährigen aufklären. Seine Ermittlungen führen ihn in die besseren Kreise von Boston.
Ein weiterer feiner Polizeifilm.
Mit Tom Selleck, Edward Edwards, Viola Davis, John Diehl, William Devane
ARD, 22.45 Tatort Hamburg (D 2012, R.: Ernst August Zurborn)
Drehbuch: Ernst August Zurborn 75-minütige Doku über die Arbeit einer Mordkommission. Zurborn durfte die Polizisten bei vier Mordfällen begleiten.
Und nach Mitternacht gibt es, als TV-Premiere (!), „Brothers Bloom“ (USA 2009, Regie: Rian Johnson, mit Adrian Brody, Mark Ruffalo und Rachel Weisz). Das Lexikon des internationalen Films meint: „Unterhaltsam zwischen Screwball-Komödie, Gauner- und Abenteuerfilm lavierender Genre-Mix mit exzellenten Darstellern und viel Gespür für komödiantisches Timing.“ Am Dienstag, den 17. Januar, läuft die Gaunerkomödie bereits um 23.15 Uhr im WDR – und wird dann vielleicht der Tagestipp.
Konditor Mauritz wird ermordet. Seine thailändische Katalog-Frau Sita schweigt und die Kommissare Batic und Leitmayr haben einen neuen Fall.
Dieser Tatort ist unbestritten einer der besten Batic/Leitmayr-Tatorte. Und sie hatten in den Neunzigern wirklich eine Reihe wirklich guter Fälle gehabt!
Mit Udo Wachtveitl, Miro Nemec, Michael Fitz, Barbara-Magdalena Ahrens,Ulrich Noethen, Petra Kleinert, Anna Villadolid
Nach der Inhaltsangabe und dem Trailer erwartete ich eine Action-haltige „Ein Mann sieht rot“-Variante mit Clive Owen als rot sehendem Papa. Immerhin hat er unter anderem in „Shoot ‚em up“ bewiesen, dass er Action kann und auch in „Duplicity“, „The International“, „Children of Men“, „Inside Man“, „Sin City“ und „Die Bourne Identität“ (vor allem seine Texte!) gefiel er mir.
Aber „Trust – Die Spur führt ins Netz“ ist kein Action-Thriller und für die „Ein Mann sieht rot“-Fraktion hat er auch nichts zu bieten. Es ist ein Drama in dem ein Pädophiler eine ganz gewöhnliche Mittelstandsfamilie, in der die liberalen Eltern eine vertrauensvolle Beziehung zu ihren Kindern haben, zerstört.
Dieser nähert sich der 14-jährigen Annie (Liana Liberato in ihrem Spielfilmdebüt) als Internet-Bekanntschaft. Sie chattet mit ihm. Er gibt ihr gute Hinweise und sie hält ihn für einen klugen Gleichaltrigen. Dann verrät er ihr, dass er bereits mit der Schule fertig ist und studiert. Sie akzeptiert das. Sie verabreden sich. Sie sieht schockiert, dass er auch das Studium schon lange hinter sich hat. Dass er ihr Vater sein könnte. Trotzdem, immerhin kennt sie ihn ja aus dem Netz, gehen sie auf ein Hotelzimmer und er kann sie zum Sex überreden, den er heimlich filmt.
Als ihre Eltern Will (Clive Owen) und Lynn (Catherine Keener) das herausfinden, gehen sie gleich zur Polizei. Ihre Tochter ist damit nicht einverstanden. Denn sie liebt Charlie (Chris Henry Coffey) und kann nichts böses in seinen Taten entdecken.
Ab jetzt zeigt Regisseur David Schwimmer, der vor allem durch seine langjährige Rolle in der TV-Serie „Friends“ bekannt ist, in bedrückenden Szenen und beeindruckend konsequent, wie der Missbrauch von Vertrauen eine Familie zerstört und wie die Eltern, vor allem der Vater, versuchen damit umzugehen, dass sie ihre Tochter nicht beschützen konnten.
Regisseur David Schwimmer, die treibende Kraft hinter dem Projekt, wurde für den Film durch seine jahrelange Arbeit für das Rape Treatment Center in Santa Monica, wo er viele Opfer, Therapeuten und Polizisten kennenlernte, inspiriert. Im Bonusmaterial erwähnt Schwimmer vor allem die ihn sehr beeindruckende Schilderung eines Vaters, dessen Tochter vergewaltigt wurde, und wie er versuchte damit umzugehen.
Clive Owen, selbst Vater von zwei Kindern, die ungefähr in Annies Alter sind, war, wie man im „Making of“ und den Interviews erfährt, sofort begeistert von dem Drehbuch, das ihm eher eine Nebenrolle gibt und, ohne zu predigen, die verschiedenen Facetten einer solchen Tat zeigt. Dazu gehört neben der Arbeit von Polizisten und Therapeuten, auch die Hilflosigkeit der Eltern und des Opfers.
Dank des guten Drehbuchs, der guten Schauspieler und der zurückhaltenden Regie zeigt „Trust – Die Spur führt ins Netz“ eindrucksvoll und nachhaltig, was ein Missbrauch für die Betroffenen bedeutet, wie hilflos sie sind und man hört die „Es war Liebe“-Bekundungen von älteren Männern mit Minderjährigen mit anderen Ohren.
Ich hatte WamBam-Action erwartet und etwas viel besseres bekommen: ein zum Nachdenken anregendes Drama. Trust – Die Spur führt ins Netz (Trust, USA 2010)
Regie: David Schwimmer
Drehbuch: Andy Bellin, Robert Festinger
mit Clive Owen, Catherine Keener, Liana Liberato, Jason Clarke, Noah Emmerich, Viola Davis
– DVD
Koch Media
Bild: 2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1; DTS), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Making of (17 Minuten), Interviews (13 Minuten), Behind the Scenes (3 Minuten), Outtakes/Geschnittene Szenen (6 Minuten), Deutscher und englischer Trailer, Wendecover
Länge: 101 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
– Hinweise
Wikipedia über „Trust“ (deutsch, englisch) Rotten Tomatoes über „Trust“ Collider Interview mit David Schwimmer über „Trust“ (30. März 2011)
Los Angeles, 1937: Evelyn Mulwray beauftragt Privatdetektiv Jake Gittes, das Verschwinden ihres Mannes, dem Chef der Wasserwerke, aufzuklären. Schnell gerät der kleine Detektiv in ein Komplott, das er nie ganz durchschaut.
Sozusagen die Essenz der Schwarzen Serie. Georg Seeßlen hält „Chinatown“ für den definitiven private eye-Film der siebziger Jahre.
Mit Jack Nicholson, Faye Dunaway, John Huston, Perry Lopez, John Hillerman, Diane Ladd, Roman Polanski, Bruce Glover, James Hong, Burt Young,
Arte, 20.15 Der Pate (USA 1972, R.: Francis Ford Coppola)
Drehbuch: Mario Puzo, Francis Ford Coppola
LV: Mario Puzo: The godfather, 1969 (Der Pate)
Die Mafia als gepflegter Familienbetrieb. Ein immer wieder gern gesehener Klassiker, der in den vergangenen Jahren fast nur in der von Coppola für das Fernsehen bearbeiteten Fassung im TV lief. Arte zeigt jetzt alle drei „Der Pate“-Filme zu einer angenehmen Uhrzeit.
„Der Pate – Teil II“ läuft am kommenden Sonntag, den 15. Januar, um 20.15 Uhr.
„Der Pate – Teil III“ läuft am Sonntag, den 22. Januar, um 20.15 Uhr und am Dienstag, den 24. Januar um 01.50 Uhr (Taggenau!)
Mit Marlon Brando, Al Pacino, James Caan, John Cazale, Robert Duvall, Diane Keaton, Sterling Hayden, Al Lettieri, Talia Shire
Michael Clayton ist der Troubleshooter für eine große New Yorker Kanzlei. Als einer ihrer Anwälte ausrastet und damit den Prozess gegen das multinationale Chemieunternehmen U/North gefährdet, ist Clayton gefordert. Doch dieser steckt gerade selbst in einer Midlife-Crises.
Tony Gilroy, der als Autor der actionhaltigen Jason-Bourne-Trilogie bekannt wurde, hat mit seinem Regiedebüt einen Paranoia-Thriller inszeniert, bei dem die Bedrohung nicht mehr vom Staat sondern von der Wirtschaft ausgeht. Trotzdem haben Action-Fans bei „Michael Clayton“ schlechte Karten. Fans des guten, im positiven Sinn altmodischen Schauspielerkinos haben dagegen gute Karten.
Tony Gilroy war als bester Autor und Regisseur für einen Oscar nominiert, George Clooney als bester Darsteller, Tom Wilkinson als bester Nebendarsteller und Tilda Swinton erhielt einen Oscar einen BAFTA-Awards als beste Nebendarstellerin.
Gilroys Buch erhielt auch den Edgar-Allan-Poe-Preis.
Mit George Clooney, Tom Wilkinson, Tilda Swinton, Sydney Pollack, Michael O’Keefe
Der letzte Scharfschütze (USA 1976, R.: Don Siegel)
Drehbuch: Scott Hale, Miles Hood Swarthout
LV: Glendon Swarthout: The Shootist, 1975 (Der Superschütze)
Revolverheld Books will seine letzten vom Krebs gekennzeichneten Tage in Ruhe verbringen. Aber so einfach ist das nicht.
Einer der besten Spätwestern – und John Waynes letzter Film.
„Don Siegel unterzog in ‚The Shootist – Der Scharfschütze’ den Mythos einer distanzierten Würdigung, die noch einmal dem Western zurückgab, was ihm in den letzten Jahren abhanden gekommen war: Ruhe. Und vielleicht exakt diese Botschaft ist es, die endgültig dem Genre ein friedvolles Ende bescheren hätte können: nämlich, die, dass der Western tot, die Grenze erschlossen, die Gesellschaft korrupt ist und dass man sich darüber nicht besonders aufregen muss.“ (Georg Seesslen: Western)
Die Western Writers of America verliehen Swarthouts Buch den Spur-Award als bester Western-Roman des Jahres 1975. Später nahmen sie „The Shootist“ in die Liste der 21 besten Western, Swarthout in die Liste der besten Western-Autoren und die Verfilmung in die Liste der zehn besten Western des zwanzigsten Jahrhunderts auf.
Mit John Wayne, Lauren Bacall, James Stewart, Ron Howard, Richard Boone, John Carradine
Fast pünktlich zu seinem Geburtstag (4. Januar 1932) zeigt 3sat einen Klassiker von Carlos Saura:
3sat, 22.25 Garten der Lüste (Spanien 1970, R.: Carlos Saura)
Drehbuch: Rafael Azcona, Carlos Saura
Die Familie des nach einem Autounfalls an einer Amnesie leidenden Industriellen versucht alles, um an die Nummer für ein Bankkonto zu kommen. Dafür stellt sie Stationen seines Lebens nach.
Selten gezeigte Farce über die Bourgeoisie während der Franco-Diktatur, inszeniert von einem der Großen des spanischen Kinos.
„einer der besten Filme Sauras“ (Gertrud Koch in „Carlos Saura“, Hanser Reihe Film Band 26, 1981)
mit José Luis López Vázquez, Luchy Soto, Francisco Pierrá, Charo Soriano Hinweise
Wikipedia über Carlos Saura (deutsch, englisch)
Tödliche Versprechen – Eastern Promises (GB/USA/Can 2007, Regie: David Cronenberg)
Drehbuch: Steven Knight
Eine Hebamme gerät zwischen die Fronten der Russenmafia. Denn sie besitzt ein Tagebuch, das einige Verbrecher belastet. Ein Killer soll sie umbringen.
Hartes, in London spielendes, top besetztes Gangsterdrama von David Cronenberg.
Steven Knight schrieb unter anderem das Oscar- und BAFTA-nominierte und mit dem Edgar Allan Poe-Preis ausgezeichnete Drehbuch zum Stephen Frears-Film „Kleine schmutzige Tricks“ (Dirty Pretty Things, GB 2002).
„Eastern Promises“, wurde, oft in den Kategorien, bester Film, beste Regie, beste Hauptrolle und bestes Drehbuch, für zahlreiche Preise nominiert und erhielt auch einige. Knights Drehbuch war für den Edgar nominiert.
Im Moment arbeiten Steven Knight, David Cronenberg und Viggo Mortensen an einer Fortsetzung von „Eastern Promises“.
mit Viggo Mortensen, Naomi Watts, Armin Müller-Stahl, Vincent Cassel
Jesse Stone – Knallhart (USA 2006, R.: Robert Harmon)
Drehbuch: Tom Epperson
LV: Robert B. Parker: Night Passage, 1997 (Das dunkle Paradies)
Der zweite Jesse-Stone-Film erzählt die Vorgeschichte: in ihr tritt Jesse Stone seinen Job in Paradise an und muss zuerst den Kleinstadtsumpf ausmisten. Denn – Überraschung! – Stone hat den Job nur wegen seines Lebenslaufs (und dem Fazit: kaputter Verlierer) bekommen.
Im Buch endet die Ankunft von Jesse Stone in Paradise in einem Western-Showdown. Im Film ist es etwas weniger dramatisch. Aber auch der zweite Jesse-Stone-Film ist gute altmodische Unterhaltung, bei der die Charaktere im Mittelpunkt stehen.
„No fools over at CBS, the net quickly followed one of last year’s best TV movies, „Stone Cold,“ with this equally first-rate prequel.” (Variety)
Mit Tom Selleck, Stephanie March, Stephen Baldwin, Saul Rubinek, Viola Davis, Kohl Sudduth