Drehbuch: Bruno Tardon, Patrick Dewolf, Patrice Leconte, Michel Blanc
Zwei flüchtige Verbrecher wollen ein Kasino ausrauben.
Damals gefiel mir im Kino der französische Kassenhit, der auch in Deuschland im Kino von fast 350.000 Leuten gesehen wurde (Platz 48 der 1985er Besucherstatistik).
Heute immer noch? Ich denke schon, denn: „Ein originelles Drehbuch, flotte Regie und gute Darsteller heben diesen Film über das Mittelmaß der meisten Actionstreifen hinaus.“ (Fischer Film Almanach 1986)
Leconte drehte später die Georges-Simenon-Verfilmung „Die Verlobung des Monsieur Hire“, „Der Mann der Friseuse“, „Die Frau auf der Brücke“ und „Die Witwe von Saint-Pierre“.
mit Bernard Giradeau, Gérard Lanvin, Christiane Jean, Maurice Barrier, Bertie Cortez
Beginnen wir mit dem Positiven: Ryan Reynolds. Er spielt die Rolle des wagemutigen Jetpiloten Hal Jordan, der zu einem Green Lantern (bleiben wir beim englischen Begriff, denn „Grüne Laterne“ klingt doch etwas dämlich) wird, mit dem nötigen Augenzwinkern. So, als würde er sagen: „Ich weiß, dass das ein vollkommen kindischer Film ist, aber lass uns einfach eine gute Zeit haben.“
Doch es hilft nichts. Denn letztendlich stimmt nichts an dem Film.
Das beginnt schon mit der 3D-Optik, die dazu führt, dass die Tricktechnik um Jahrzehnte zurückgeworfen wird. Die Wächter, die fremden Welten, die Kämpfe: alles sieht nach billigster Computeranimation und Videogame aus dem letzten Jahrzehnt aus. Dass es besser geht, zeigte George Lucas schon damals in seinen letzten drei „Krieg der Sterne“-Filmen. So gibt es vor sechs Jahren in „Star Wars: Episode III – Die Rache der Sith“ eine Totale von einer Zukunftsstadt, bei der man den Eindruck hat, dass man eine echte Stadt sieht (und im Kino, bei den Dialogen, immer wieder herzhaftes Gelächter).
In „Green Lantern“ denkt man dann, weil die Tricks durchgehend mies sind, an einen schlampig gezeichneten Trickfilm. Vor allem, wenn Hal Dinge aus dem Nichts erschafft, die dann auch so ein ekliges Chemiegrün haben: zuerst auf dem Planeten Oa, wo das Green Lanterns Corps (eine Art galaktische Friedenstruppe) sich versammelt hat. Da gibt es dann einen Schwertkampf mit aus Gedankenkraft erschaffenen Schwertern, der schon stark an die „Krieg der Sterne“-Lichtschwerter erinnert. Später, wenn Hal auf der Erde einen abstürzenden Hubschrauber in ein Auto umdenkt und über eine erfundene grüne Brücke fahren lässt oder wenn er immer wieder supergroße grüne Wummen erfindet, wird es nicht besser.
Wenn es dann 3D-Aufnahmen von Räumen gibt, fehlt in den Räumen (wobei es im Weltall und auf fremden Planeten sowieso einige Probleme mit den Dimensionen gibt) und, erstaunlich oft, bei den Gesichtern das gewohnte räumliche Empfinden. Die Schauspieler sehen dann wie Scherenschnitte aus; was einen selbstverständlich aus der Wirklichkeit des Films reißt.
Die Story folgt grob und erstaunlich holprig der üblichen Superheldengeschichte, die wir in den vergangenen Jahren gefühlte Tausendmal gesehen haben: Held ist ein Niemand; Held wird zum Superhelden auserkoren (von Spinnenbiss über Unfall in den afghanischen Bergen hin zu selbstauferlegter Mission); Held trainiert seine neuen Fähigkeiten; Held bewährt sich im Kampf gegen den großen Bösewicht und er nimmt seine gesellschaftliche Verantwortung als Superheld für die kommenden Fortsetzungen (wenn das Einspielergebnis stimmt) an.
Immerhin hat in „Green Lantern“ der Held keine Probleme damit, der Auserwählte zu sein. Er nimmt diese Aufgabe fast schon schulterzuckend, so als ob er einfach ein neues Computerspiel ausprobieren würde, an.
Und erkennbare psychische Probleme hat er auch nicht. Das macht ihn, gegenüber den mit psychologischem Ballast aufgeblasenen anderen Kino-Superhelden, sehr sympathisch.
In „Green Lantern“ wird diese Initiationsgeschichte des Helden eher unlustig, aber immerhin unter zwei Stunden, mit einigen ausgesprochen dümmlichen Dialogen (wenn Hal den anderen Green Lanterns erklärt, dass man sich seiner Furcht stellen müsse und dass wir Menschen so toll sind, weil wir uns unseren Ängsten stellen) und erstaunlich konfus abgehandelt. Der Bösewicht ist einerseits Hector Hammond (Peter Sarsgaard), der nachdem er einen Tropfen Blut von Parallax in sich aufnimmt, selbst zum Monster mutiert (Hm, warum wird er böse, während die Green Lanterns starben?), andererseits Parallax, das unglaublich lang auf einem unglaublich fernem Planetem eingesperrte ultimative Böse; ein gelbes, zähnefletschendes Monstrum, das riesengroß ist, einige Green Lanterns verschlingt und tötet, später einige Menschen brutzelt und von Hal in einem unglaublich kurzem Endkampf ziemlich profan getötet wird.
Und damit wären wir bei den Action-Szenen. Genauer wohl Post-Action-Szenen. Denn in einer traditionellen Action-Szene sehen wir die Schauspieler und Stuntmänner bei der Arbeit und wie sie sich in Gefahr begeben. Es gibt die Verfolgungsjagd in „French Connection“, die Verfolgungsjagden und Kämpfe in den James-Bond-Filmen (den letzten Bond-Film lassen wir mal weg), die Kämpfe in den Filmen von Jackie Chan, die Zerstörungsorgie in „Terminator 3“, wenn die Filmemacher einen gesamten Straßenzug zerstören.
In einem Post-Action-Film sind die Action-Szenen dagegen so zerschnippselt, dass man die Action gar nicht mehr verfolgen kann und man im schlechtesten Fall den Eindruck hat, dass man die Szene auch gleich selbst spielen könnte. Wenn die Action nicht im Schnittgewitter untergeht, ist sie so übertrieben, dass man sofort merkt, dass sie im Studio vor einem Green Screen und im Computer entstand. Die Folge: Langeweile, weil wir nicht mehr emotional in die Kämpfe involviert sind.
Diese Post-Action-Szenen sind in „Green Lantern“ reiner Selbstzweck. Pubertäre Kloppereien, die nicht länger im Gedächtnis bleiben. Denn in einer guten Action-Szene zeigt sich der unterschiedliche Charakter der Kämpfenden. Deshalb können gute Action-Szenen, weil sie die Geschichte voranbringen, wie zuletzt in Takashi Miikes „13 Assassins“, ohne zu langweilen, gute fünfzig Minuten dauern.
In „Green Lantern“ erfahren wir dagegen in den Kämpfen nichts über die einzelnen Charaktere. Entsprechend gelangweilt erleben wir die Kloppereien auf fremden Planeten, im Weltraum und auch auf der Erde.
Ach, es ist zum Haare raufen. Denn was wäre bei dieser Besetzung und bei dem Budget von 200 Millionen Dollar (offizielle Angabe, wobei ein guter Teil sicher in der Entwicklungshölle verschwunden ist) drin gewesen. Martin Campbell hat den TV-Klassiker „Edge of Darkness“ (Am Rande der Finsternis) gedreht und mit seinem zweiten James-Bond-Film „Casino Royale“ einen tollen Bond-Reboot gemacht. Peter Sarsgaard hat in den vergangenen Jahren seine Vielfältigkeit als Schauspieler gezeigt. Mark Strong scheint in jedem angesagten Film dabei zu sein. In „Green Lantern“ erkennt man sie unter ihren Masken kaum. Tim Robbins ist fast verschenkt und Angela Bassett; – nun, sie ist auch dabei, aber sie überlebt den Film nicht. Glaube ich jedenfalls. Denn das war im Schnitt nicht so klar. Der ist von Stuart Baird; ein Altmeister mit zwei Oscar-Nominierungen und eigenen Regieerfahrungen bei den Thrillern „U. S. Marshals“ (Auf der Jagd) und „Executive Decision“ (Einsame Entscheidung).
Und James Newton Howard schrieb einen verdächtig nach einer schlechten „24“-Kopie klingenden Soundtrack.
Die Drehbuchautoren Greg Berlanti, Michael Green, Marc Guggenheim und Michael Goldenberg sind zwar vor allem aus dem Fernsehen bekannt. Aber mit „Everwood“, „Eli Stone“, „Smallville“, „No ordinary Family“ und „Heroes“ haben sie als Autoren und Erfinder nicht gerade bei den schlechtesten Serien mitgemischt. Und Goldenberg schrieb die Bücher für „Contact“ und „Harry Potter und der Orden des Phönix“.
Die wissen also schon, was sie tun. Nur in „Green Lantern“ zeigen sie nichts davon.
Denn bei einem Budget von 200 Millionen Dollar (und dem damit verbundenem sicheren Gewinn) darf man doch wohl erwarten, dass auch etwas Geld in die Geschichte gesteckt wird: in Charaktere, die uns wichtig sind, gute Dialoge und eine schlüssige Geschichte. Wenn das vorhanden ist, lieben wir die Action-Szenen und können auch schlechte Tricks verzeihen.
Green Lantern (Green Lantern, USA 2011)
Regie: Martin Campbell
Drehbuch: Greg Berlanti, Michael Green, Marc Guggenheim, Michael Goldenberg (nach einer Geschichte von Greg Berlanti, Michael Green, Marc Guggenheim)
LV: Comic-Charaktere von DC Comics
mit Ryan Reynolds, Blake Lively, Peter Sarsgaard, Mark Strong, Angela Bassett, Tim Robbins, Jay O. Sanders, Taika Waititi
Vengeance – Killer unter sich (Hongkong/Frankreich 2009, R.: Johnny To)
Drehbuch: Ka-Fai Wai
In Macao wird die Tochter des französischen Restaurantbesitzers Francis Costello in ihrer Wohnung schwer verletzt. Ihre Familie wird ermordet. Costello beschließt, die Täter zu stellen. Dabei helfen dem ehemaligen Profikiller einige Kollegen, die er zufällig im Hotel trifft.
Das ging aber schnell. Bereits wenige Monate nach der DVD-Premiere läuft Johnny Tos neuester Neo-Noir-Thriller im TV.
Mit „Vengeance“ zeigt Hongkong-Regisseur Johnnie To wieder einmal, wofür ihn Filmfans seitdem sie vor zehn Jahren seinen stilisierten Gangsterfilm „The Mission“ (Unbedingt ansehen!) sahen, lieben: schnörkelloses Genrekino mit stilvoll eingestreuten Zitaten und gerade in ihrer Reduktion grandiosen Actionszenen. Das ist in seiner Stilisierung pures Kino, das näher bei Jean-Pierre Melville als an der Wirklichkeit ist.
mit Johnny Hallyday, Sylivie Testud, Anthony Wong, Simon Yam
In der grandiosen BBC-Serie „Life on Mars“ landete der Polizist Sam Tyler (John Simm) nach einem Autounfall im Koma und erwachte 1973 in Manchester.
In dem noch besseren „Life on Mars“-Spin-off „Ashes to Ashes“ wird die Polizistin Alex Drake (Keeley Hawes) im heutigen London angeschossen und erwacht im Juli 1981 in London. Dort trifft sie auf die aus „Life on Mars“ bekannten Polizisten DCI Gene Hunt (Philip Glenister) und seine beiden Untergebenen Ray Carling (Dean Andrews) und Chris Skelton (Marshall Lancaster).
Alex Drake weiß sofort, auch weil sie sich als Polizeipsychologin mit dem Fall Sam Tyler beschäftigte, wo sie ist: im Koma und in Tylers Welt. Sie weiß, dass sie jetzt den Kampf gegen ihr Koma aufnehmen muss. Sie will wieder aufwachen. Dafür muss sie, so sagt sie sich, in ihrer Fantasie ein großes Rätsel lösen und alles, was sie wahrnimmt, sind Hinweise auf die Lösung. Das Rätsel ist die Ermordung ihrer Eltern mit einer Autobombe 1981. Wenn es ihr gelingt, den Anschlag zu verhindern, kann sie zurückkehren in die Gegenwart, ihr altes Leben und zu ihrer Tochter.
„Ashes to Ashes“ ist, wie gesagt, das Spin-off zu der erfolgreichen BBC-Serie „Life on Mars“. Aber, weil die Macher in dem Spin-off die Fantasiewelt komplexer und geschlossener gestalten, ist „Ashes to Ashes“ wesentlich besser als das dagegen doch etwas einfach gestrickte Original. Denn die Serienerfinder Matthew Graham und Ashley Pharoah setzen jetzt die in „Life on Mars“ bereits angelegte Welt wesentlich konsequenter um. „Life on Mars“ war, trotz der ziemlich durchgeknallten Idee, doch nur eine 70er-Jahre-Krimiserie mit einigen Irritationen. „Ashes to Ashes“ gibt sich vollkommen der Fantasiewelt der Protagonistin Alex Drake hin.
Denn weil Alex Drake weiß, dass das alles ihre Wahrnehmung ist, unterhält sie sich mit den anderen Charakteren, vor allem DCI Hunt und ihrer Mutter, auch ziemlich freimütig darüber – und diese finden nichts besonderes dabei. Im normalen Leben hätte man Drake dagegen schon nach dem ersten Gespräch in eine geschlossene Anstalt verwiesen.
Und, weil es ihre Fantasie ist, ist „Ashes to Ashes“ die Über-80s-Krimiserie, mit allen Klischees, die man aus diesen Serien kennt. Nur noch übertriebener: das gegensätzliche Buddy-Cop-Team, die dummen Kollegen, die als Treffpunkt fungierende Pizzeria, der Rassismus, die Homophobie, der Sexismus (wobei Alex Drake auch immer betont sexy, um nicht ’nuttig‘ zu sagen, herumläuft und die Fälle oft im Prostituiertenmilieu spielen oder es mindestens einen Hinweis auf das Milieu gibt [Was sagt uns das über Alex Drake und die 80er-Jahre-Krimiserien?]) und die fast schon allgegenwärtige Gewalt. Denn es vergeht kaum ein Verhör oder eine Festnahme, ohne dass der Verdächtige meistens grundlos geschlagen wird.
Weil „Ashes to Ashes“ 1981 spielt, sind die Siebziger auch noch präsent. Was vor allem aus TV-Seriensicht heißt: „The Sweeney“ (in England kennt die Serie jedes Kind, bei uns höchstens Insider; aber auch bei den „Füchsen“, so der deutsche Titel, artete eine Festnahme oft in eine veritable Schlägerei aus) und „Die Profis“. Die 80er waren dann „Miami Vice“ und die dort herrschende Betonung des Stils.
Stilvoll ist auch „Ashes to Ashes“. Die Sets sind einerseits als Fantasie von Alex Drake überstilisiert (so hat die Decke des Polizeireviers ein Schachbrettmuster), andererseits wurden die Wohn- und Bekleidungsmoden der frühen achtziger Jahre rekreiert und künstlich so überhöht, dass sogar „Miami Vice“ wie der schmuddelige Halbbruder von „Ashes to Ashes“ aussieht.
Dazu gibt es unzählige zeitgenössische Songs, die die Ereignisse und Gefühle der einzelnen Charaktere punktgenau kommentieren. Sie bilden den Soundtrack für die Zeit – und für die Gefühle von Alex Drake. Dieses Stilelement wurde in „Life on Mars“ kaum verwandt. Denn erst mit „Miami Vice“ wurden zeitgenössische Hits und Songs, die extra für die Serie geschrieben wurden (und dann zu Hits wurden), in einer TV-Serie populär. „Ashes to Ashes“ bedient sich bei den damaligen britischen Hits.
Und alle spielen einen kleinen Tick neben der Spur. Wie in einem Traum. Da ist es auch egal, dass Gene Hunts Audi Quattro 1981 noch gar nicht in England erhältlich war.
„Ashes to Ashes – Zurück in die 80er: Staffel 1“ ist eine in jeder Beziehung fantastische Krimiserie.
Die DVD
Bei uns wurde die von der BBC gekürzte internationale Version von „Ashes to Ashes – Zurück in die Zukunft: Staffel 1“ veröffentlicht. Das ist schade. Denn gerade in der englischen Sprachfassung kann man, dank Gene Hunt, sein Reservoir an Beleidigungen und Slangausdrücken gut erweitern.
Das Bonusmaterial bewegt sich im gewöhnlichen Rahmen. Das Making-of „Life after Mars“ ist informativ, vor allem wenn die Autoren und Produzenten reden, aber besteht insgesamt weitgehend aus den üblichen Lobhuddeleien. Die „Set Tour“ ist dagegen sehr informativ, weil die Production-Designerin Stevie Herbert erklärt, wie die Sets entstanden und warum sie sie so und nicht anders baute. In der „Car Explosion“ wird gezeigt, wie die Autoexplosion, in der die Eltern von Alex Drake sterben, entstand. Die „Outtakes“ (vor allem vom Dreh in der Schwulendisco [Yep, stellen Sie sich vor: Gene Hunt und seine beiden sehr heterosexuellen Kollegen ermitteln undercover in einer Schwulendisco]) und die „Deleted Scenes“ sind nette Beigaben.
Ashes to Ashes – Zurück in die 80er: Staffel 1 (Ashes to Ashes, GB 2008)
Der Wolf hetzt die Meute (USA 1984, R.: Richard Tuggle)
Drehbuch: Richard Tuggle
New-Orleans-Cop Wes Block jagt einen Prostituiertenmörder. Als eine Prostituierte, bei der er kurz vorher war, ermordet wird, vermutet er eine Beziehung zwischen ihm und dem Mörder. Er hält es sogar nicht für ausgeschlossen, selbst der Täter zu sein.
Als Zuschauer wissen wir in dem Regiedebüt des Drehbuchautors von „Flucht von Alcatraz“ (obwohl Eastwood im Hintergrund dann doch Regie führte) schon früh, dass sich Block in diesem Punkt irrt. Dennoch ist „Der Wolf hetzt die Meute“ (doofer deutscher Titel des wesentlich treffenderen Originaltitels „Tightrope“) ein spannender Psycho-Thriller, der die dunkle Seite von Dirty Harry erkundet, bei den Kritikern ziemlich gut ankam und an der Kasse erfolgreich war.
Im Rückblick ist „Der Wolf hetzt die Meute“ einer von Eastwoods besten Filmen aus den achtziger Jahren.
mit Clint Eastwood, Genevieve Bujold, Dan Hedaya, Alison Eastwood, Jennifer Beck
LV: Sherman Alexie: The Lone Ranger and Tonto Fistfight in Heaven, 1993 (Regenmacher, Smoke Signals)
Extrem selten gezeigtes, mit zahlreichen Preisen ausgezeichnetes, absolut sehenswertes Roadmovie über zwei junge Indianer, die die Asche von Victors Vater in das Reservat bringen wollen.
„Ein Film, der lange weitergeht im Kopf und Lust aufs Leben macht.“ (Frauke Hanck, AZ, 3. Dezember 1998)
„I’d give it a B- in artistic terms and an A+ in political terms.“ (Sherman Alexie)
mit Adam Beach, Evan Adams, Irene Bedard, Gary Farmer
Nach dem Erfolg der ersten Staffel von „George Gently – Der Unbestechliche“ zögerte die BBC nicht lange und bestellte weitere, jeweils 90-minütige Filme, die inzwischen anscheinend alle nur noch auf dem von Alan Hunter erfundenem Charakter basieren. Aber am bewährten Rezept wurde nichts geändert: immer noch ermitteln Chief Inspector George Gently und sein deutlich jüngerer Kollege Detective Sergeant John Bacchus in Northumberland in den Sechzigern (die ersten vier neuen Fälle spielen 1964, die bislang letzten beiden Fälle 1966) und die gut ausgedachten Fälle stehen im Mittelpunkt der Filme. Das Privatleben kommt, zum Glück, kaum vor, und, wenn doch, hängt es auf nachvollziehbare Weise mit dem Fall zusammen.
In den Fällen, immerhin waren die Sechziger eine Zeit der großen Veränderungen, werden diese gesellschaftlichen Brüche und Umbrüche thematisiert. Einerseits fällt auf, wie viel sich in den vergangenen gut fünfzig Jahren, vor allem, auch weil sie in den sechs „George Gently“-Fällen immer wieder angesprochen wird, in der Sexualmoral, geändert hat. Andererseits fällt immer wieder auf, wie viel doch gleich geblieben ist.
Das liegt natürlich an den guten Drehbüchern von Peter Flannery, Mick Ford und Jimmy Gardner, die sich im Rahmen der Whodunit-Struktur auf genau diese Brüche stürzen.
In „Vergeltung“, dem schwächsten „George Gently“-Fall bislang, geht es um sexuellen Missbrauch in einem Kinderheim. Denn während in den anderen Filmen die Ermittlungen, das Zeitkolorit, die damaligen Konventionen und gesellschaftlichen Veränderungen (die sich teilweise nur zart andeuten) gut miteinander verbunden sind, finden die Macher bei „Vergeltung“ nie die richtige Mischung. Alles wirkt unkonzentriert und hastig. Dazu passt auch, dass George Gently suspendiert wird.
„Tödliche Mission“ hat dann wieder das gewohnte Niveau. In dem Fall wird die Animierdame eines Nachtclubs ermordet auf einem Kirchenaltar gefunden. Gentlys Ermittlungen führen zu einer religiös-fanatischen Abtreibungsgegnerin, die mit Verbündeten Mahnwachen vor dem Nachtclub abhält, und ihrem Ehemann, der eine Beziehung zu der Toten hatte.
In „Böses Blut“ will George Gently herausfinden, wie ein Koffer voller abgelaufener Ausweise aus der Verwaltung verschwinden konnte. Bei seinen Ermittlungen, die nachdem eine Angestellte der Verwaltung, die die Mutter eines dunkelhäutigen Babys war, ermordet wird, zu Mordermittlungen werden, gerät Gently auch zwischen die Fronten von Rockern und, teils illegal in England lebenden, Arabern. Der alltägliche Rassismus bildet den Hintergrund für „Böses Blut“.
In „Giftige Lügen“ ist der vermeintliche Selbstmord des Vorstehers einer Mühle und ein in der Mühle ausgeraubter Safe der Beginn für eine Geschichte, in der es um Politik (sie spielt kurz vor den britischen Unterhauswahlen und der Mühlenbesitzer kandidiert), das Verhältnis von Gewerkschaften zu Arbeitgebern und, wieder einmal die damalige Sexualmoral geht.
Dass es bereits früher Gewalt gegen und durch Kinder gab, erfahren wir in „Die Saat des Bösen“. Dabei beginnt der Fall ganz alltäglich: eine Frau, die einen zweifelhaften Ruf hat, wird ermordet. Ihr Exmann gesteht die Tat. Als einige Monate später ein Kind vermisst wird, trifft George Gently wieder auf die Familie der Ermordeten.
Und in „Liebe und Verrat“ wird ein linksorientierter Akademiker nach einer Demonstration gegen die Stationierung eines Atom-U-Bootes ermordet. Gently und Bacchus müssen an der Uni zwischen radikalpazifistischen Studenten, sexueller Befreiung (unter Männern und Frauen, aber nicht unter Männern) und den Uni-Regeln, vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, ermitteln.
Im Gegensatz zu den ersten drei Gently-Fällen, in denen eher ein Blick in die Vergangenheit herrschte, geht es in den sechs neuen Gently-Fällen immer wieder darum, wie gesellschaftliche Veränderungen sich auch im beschaulichen Northumberland niederschlagen und in den kommenden Jahren gesellschaftliche Konflikte auslösen und auch die Gesellschaft verändern werden. In den Fällen wird immer wieder die Keimzelle dieser Entwicklungen, und wogegen sie sich richteten, gezeigt. So sind die Fälle auch ein Seismograph für die damaligen Brüche in der Gesellschaft und die künftigen Veränderungen.
Die zweite und dritte Staffel von „George Gently – Der Unbestechliche“ bieten wieder spannende und lehrreiche Unterhaltung, bei der auch beeindruckt, wie viel Mühe sich bei der Ausstattung und Kameraarbeit gegeben wurde. Denn wenn man nicht wüsste, dass die Filme erst jetzt entstanden sind, könnte man sie auch für sehr gelungene Krimis aus den Sechzigern halten.
Und, das ist die erfreuliche Nachricht für alle Gently-Fans: George Gently und John Bacchus ermitteln weiter. Die BBC zeigt noch in diesem Jahr zwei neue „George Gently“-Filme und für nächstes Jahr sind bereits zwei weitere Filme bestellt.
Die DVD-Ausgabe
Wie üblich sind die Extras bei Edel überschaubar. Es gibt nämlich keine. Auch auf Untertitel wurde verzichtet. Und die Verteilung der Folgen unterscheidet sich von der Ausstrahlung. In England wurden „Vergeltung“, „Tödliche Mission“, „Böses Blut“ und „Giftige Lügen“ als zweite Staffel 2009 und „Die Saat des Bösen“ und „Liebe und Verrat“ als dritte Staffel 2010 ausgestrahlt. Bei uns wurden die sechs Fälle gleichmäßig auf zwei DVD-Boxen à drei Filme verteilt.
Auf den englischen DVDs (wobei die beiden Filme der dritte Staffel erst Ende Juli in England erscheinen) sind dagegen einige, wohl eher textlastigen, Infos dabei. Das klingt für Bonusmaterial-Junkies auch nach Graubrot.
George Gently – Der Unbestechliche (GB 2009/2010)
Idee: Peter Flannery
LV: basierend auf dem Charakter von Alan Hunter
mit Martin Shaw (George Gently), Lee Ingleby (John Bacchus), Simon Hubbard (PC Taylor), Mal Whyte (Chief Constable Lilley), Melanie Clark Pullen (Lisa Bacchus)
–
DVD
George Gently – Der Unbestechliche: Staffel 2
Edel
Bild: 16:9
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0 Stereo)
Untertitel: –
Bonusmaterial: –
Länge: 270 Minuten (3 DVDs à 90 Minuten)
FSK: ab 12 Jahre
–
George Gently – Der Unbestechliche: Staffel 3
Edel
Bild: 16:9
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0 Stereo)
Untertitel: –
Bonusmaterial: –
Länge: 267 Minuten (3 DVDs à 89 Minuten)
FSK: ab 12 Jahre
–
Die neuen Fälle von George Gently
Vergeltung (Gently with the Innocents, GB 2009)
Regie: Daniel O’Hara
Drehbuch: Peter Flannery
LV: Alan Hunter: Gently with the Innocents, 1970 (im Vorspann steht „nach einem Roman“, aber, nach dem Klappentext, hat die Buchstory nichts mit der Filmgeschichte zu tun)
–
Tödliche Mission (Gently in the Night, GB 2009)
Regie: Daniel O’Hara
Drehbuch: Peter Flannery
–
Böses Blut (Gently in the Blood, GB 2009)
Regie: Ciarán Donnelly
Drehbuch: Peter Flannery
–
Giftige Lügen (Gently through the Mill, GB 2009)
Regie: Ciarán Donnelly
Drehbuch: Mick Ford
LV: Alan Hunter: Gently through the Mill, 1958 (nur Titelgleichheit; Buch wird im Vorspann nicht erwähnt)
Tödliche Versprechen – Eastern Promises (GB/USA/Can 2007, Regie: David Cronenberg)
Drehbuch: Steven Knight
Eine Hebamme gerät zwischen die Fronten der Russenmafia. Denn sie besitzt ein Tagebuch, das einige Verbrecher belastet. Ein Killer soll sie umbringen.
Hartes, in London spielendes, top besetztes Gangsterdrama von David Cronenberg.
Steven Knight schrieb unter anderem das Oscar- und BAFTA-nominierte und mit dem Edgar Allan Poe-Preis ausgezeichnete Drehbuch zum Stephen Frears-Film „Kleine schmutzige Tricks“ (Dirty Pretty Things, GB 2002).
„Eastern Promises“, wurde, oft in den Kategorien, bester Film, beste Regie, beste Hauptrolle und bestes Drehbuch, für zahlreiche Preise nominiert und erhielt auch einige. Knights Drehbuch war für den Edgar nominiert.
Im Moment arbeiten Steven Knight, David Cronenberg und Viggo Mortensen an einer Fortsetzung von „Eastern Promises“.
mit Viggo Mortensen, Naomi Watts, Armin Müller-Stahl, Vincent Cassel
Sherlock: Ein Fall von Pink (GB 2010, R.: Paul McGuigan)
Drehbuch/Erfinder: Steven Moffat, Mark Gatiss
LV: Charakter von Sir Arthur Conan Doyle
Die Idee war wohl ganz einfach: Was wäre, wenn Sherlock Holmes im heutigen London leben würde?
Die Skepsis der Krimifans auf der Insel über diese bescheuerte Idee wich, schon während sie den ersten Holmes-Film sahen, nackter Begeisterung, die sich in zahlreichen Jubelarien, Nominierungen und Preisen, unter anderem dem BAFTA für die beste Drama Series, niederschlug. Denn Steven Moffat und Mark Gatiss haben nur wenig im Holmes-Universum geändert. Sie haben Sherlock Holmes, Dr. Watson und all die anderen aus den Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle bekannten, wichtigen Charaktere und deren Beziehungsgeflecht einfach aus der Vergangenheit in die Gegenwart versetzt, das ganze erzählerisch ordentlich beschleunigt (jedenfalls im Vergleich zu den vielen bekannten Film- und TV-Interpretationen) und neue Holmes-Geschichten erfunden, die auch von Doyle hätten stammen können.
So jagt Sherlock Holmes in „Ein Fall von Pink“ einen Serienmörder, der seine Opfer, die augenscheinlich keinen Grund für einen Selbstmord hatten, so vergiftet, dass es nach einem Selbstmord aussieht.
Der Fall und wie Holmes den Täter enttarnt, ist zwar etwas schwach, aber dafür lernen wir alle Charaktere kennen und Holmes darf mehrmals zeigen, wie gut er kombinieren kann; wenn er zum Beispiel Dr. John Watson nach einer kurzen Begrüßung dessen Biographie erklärt oder Holmes und Watson zu Fuß ein Taxi verfolgen und, weil Holmes London in und auswendig kennt, sie es auch erwischen.
Dass die ARD die geniale BBC-Serie „Sherlock“ im Sommerloch versteckt wird, ist natürlich gut geplant. Denn da schalten weniger Menschen die Glotze ein. Andererseits ist es schon gemein, dass „Sherlock“ direkt nach dem „Tatort“ läuft. Denn da fällt der Vergleich zwischen den mediokren deutschen Krimis (britisches Understatement) mit den überragenden britischen Krimis so leicht.
Und für Nachschub ist auch schon gesorgt. Im Herbst zeigt die BBC drei weitere „Sherlock“-Filme, die dann auch auf Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle basieren.
Mit Benedict Cumberbatch (Sherlock Holmes), Martin Freeman (Dr. John Watson), Rupert Graves (DI Lestrade), Una Stubbs (Mrs. Hudson), Louise Brealey (Molly Hooper),Vinette Robinson (Sgt Sally Donovan), Phil Davis (Jeff), Mark Gatiss (Mycroft)
Drehbuch: Frank Nugent, Oscar Millard, Ben Hecht (ungenannt) (nach einer Geschichte von Chester Erskine)
Krankenwagenfahrer Frank Jessup verliebt sich in Diane Tremayne, als er ihre reiche Stiefmutter in letzter Sekunde rettet. Dass Diane sie umbringen wollte, stört den verliebten Jüngling nicht.
In seinen Filmen hat Martin Scorsese bereits öfter Songs der Rolling Stones verwandt. Bei „Shine a Light“ drehte er einen Film mit ihnen. Einen Konzertfilm, der ihre beiden 2006er-Konzert im New Yorker Beacon Theater dokumentiert.
Als Gäste waren Buddy Guy, Christina Aguilera und Jack White auf der Bühne dabei. Im Publikum kann man auch einige bekannte Gesichter sehen.
„Shine a Light“ ist natürlich mehr ein „Rolling Stones“-Konzertfilm als ein Martin-Scorsese-Film, obwohl Scorses mit „The Last Waltz“ bereits einen legendären, im TV schon lange nicht mehr gezeigten Konzertfilm über das letzte Konzert der Rockband „The Band“ drehte.
Es kommen zwar eine Sachbeschädigung und ein Einbruch („Arschkalt“) und ein Betrug („Win Win“) in den beiden Kinoneustarts vor, aber Kriminalfilme sind es nicht. Es sind beides typische Feelgood-Filme, die mit einem guten Hauptdarsteller punkten können. Denn Herbert Knaup sieht man viel zu selten, vor allem in einer Hauptrolle, auf der großen Leinwand und Paul Giamatti, nun, haben wir erst letzte Woche in „Barney’s Version“ gesehen.
Rainer Berg (Herbert Knaup) arbeitet als „Mr. Frost“-Lieferant für Tiefkühlfisch in Norddeutschland. Seine Verkäufe sind zwar gut, aber beliebt ist der Stinkstiefel nicht. Und er hat auch allen Grund mit dem Leben zu hadern: ein schlechter Job, eine weggelaufene Frau und ein Vater, der in einem Nobelaltersheim auf seine Kosten lebt und immer noch glaubt, dass Rainer den Familienbetrieb von einem Geschäftserfolg zum nächsten führt. Dabei ist das Unternehmen schon lange pleite und die Fabrikhalle verfällt langsam.
Als „Mr. Frost“ von einem internationalem Konzern übernommen wird und die Holländerin Lieke van der Stock (Elke Winkens) den Betrieb restrukturieren soll, ist er davon selbstverständlich überhaupt nicht begeistert. Aber es kommt noch schlimmer. Lieke hält es in einem Anfall kindischer Bosheit für eine gute Idee, dem Stinkstiefel als Beifahrer den immer fröhlichen und schwatzhaften Betriebstrottel Tobias Moerer (Johannes Allmayer), der gerne mal eine Palette Tiefkühlfisch gegen die Wand fährt und einen Kurzschluss produziert, zu geben. Rainer soll ihn als Verkäufer einarbeiten.
Wie die Geschichte über den emotional erkalteten Stinkstiefel, der im Laufe von neunzig Filmminuten auftaut, weitergeht, kann man sich an zwei Fingern abzählen und weil Regisseur und Drehbuchautor André Erkau dies mit so viel norddeutsch-unterkühltem Humor und einer Prise Kaurismäki erzählt, gibt es auch keine falschen Sentimentalitäten.
Aber es gibt auch, immer wieder, vollkommen unpassende Szenen, die sich vor allem in der „Mr. Frost“-Tiefkühlhalle abspielen und zwischen Satire und Comedy der platten Art schwanken. Vor allem wenn Elke Winkens als neue Chefin ihren holländischen Akzent übertreibt und ihr Gesicht immer wieder durchaus beeindruckend verzieht oder sich diebisch über ihre aus heiterem Himmel (auch bekannt als der Wille des Autors) kommende Idee, Rainer und Tobias als Team loszuschicken, freut.
So lässt „Arschkalt“ einen dann doch etwas kalt zurück. Oder in der Sprache der Tiefkühlkost: nur halb aufgetaut.
Arschkalt (D 2011)
Regie: André Erkau
Drehbuch: André Erkau
mit Herbert Knaup, Johannes Allmayer, Elke Winkens, Peter Franke, Thorsten Merten
Eine Woche nach „Barney’s Version“ spielt Paul Giamatti in „Win Win“ einen gänzlich anderen Charakter und wieder ist an seinem Spiel nichts auszusetzen.
In „Win Win“ ist er der New-Jersey-Anwalt Mike Flaherty. Ein gutherziger Mittelständler, der als Anwalt, wie viele seiner Kollegen, gerade so über die Runden kommt. Dafür ist er allgemein beliebt, gutherzig, hilfsbereit, glücklich verheiratet, hat zwei liebe Kinder und trainiert das chronisch erfolglose Ringkampfteam der Schule. Er versucht, wie so viele andere Menschen, über die Runden zu kommen, ohne jemand zu verletzten. Auch dass er sich spontan vor Gericht entschließt, die Vormundschaft für einen an Alzheimer erkrankten Mandanten zu übernehmen entspringt mehr der eigenen finanziellen Not, gekoppelt mit einer ordentlichen Portion Mitgefühl für den ihm vom Gericht zugewiesenen Mandanten, als wirklich bösem Willen. Immerhin hat er sich vorher wochenlang bemüht, die Tochter von Leo Poplar (Burt Young) zu finden. Außerdem will Leo auch nichts mehr mit ihr zu tun haben. Somit, so denkt sich Mike, schadet er niemandem und das monatliche Pflegegeld von 1500 Dollar, die er dringend braucht, würden ihm aus der aktuellen finanziellen Klemme helfen.
Es läuft alles gut, bis eines Abends Leos Neffe Kyle (Debütant und Ringer Alex Shaffer) vor seiner Tür sitzt. Mike und seine Frau Jackie (Amy Ryan) nehmen ihn eher widerwillig für eine Nacht auf. Aus der einen Nacht werden mehrere Nächte und der wortkarge Kyle integriert sich langsam in die Familie und die Schule. Dass er ein Ringkampftalent ist, ist nicht schädlich. Im Gegenteil: die Schulmannschaft gewinnt endlich einmal einen Kampf.
Aber dann taucht Kyles drogensüchtige Mutter (Melanie Lipsky) auf. Sie möchte die Pflege ihres Vaters aus rein finanziellen Motiven übernehmen. Zuerst ist es die anvisierte Erbschaft, später das Pflegegeld, das sie gut gebrauchen kann und Mike hat Leo schließlich auch, gegen Leos ausdrücklichen Wunsch und gegen Mikes vor Gericht gegebene Zusage, in ein Altersheim abgeschoben. Dieses gebrochene Versprechen könnte Mike die Zulassung kosten.
Schon der Titel „Win Win“ gibt einen deutlichen Hinweis auf das Ende. Denn „Win Win“ bezeichnet in der Spieltheorie eine Situation, die dazu führt, dass am Ende alle besser dastehen als am Anfang (deshalb reden Politiker heute auch so gerne von Win-Win-Situationen, während Wissenschaftler gerne die ganze Welt als ein Gefangenendilemma sehen).
Daher ist, wer diesen Wink mit dem Zaunpfahl versteht und weil es sich für ein Feelgood-Movie so gehört, das Ende von „Win Win“ vorgezeichnet. Auch den Weg dorthin beschreitet Tom McCarthy in seinem Independent-Film größtenteils auf den vertrauten Pfaden von Sport- und Familienfilm. Aber wie McCarthy dann in vielen kleinen Szenen und präzisen Beobachtungen, die so scheinbar mühelos und leicht, fast als seien sie zufällig aufgenommen worden, daherkommen, seine Geschichte erzählt, ist sehenswert. Denn sie spielt vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Finanzkrise, die dazu führt, dass auch Mittelständler um ihr ökonomisches Überleben kämpfen müssen und auch die heile Welt von Mike ist brüchig.
Außerdem hat McCarthy alle seine Charaktere in der Grauzone zwischen Gut und Böse, Heldentum und Feigheit angesiedelt. Sie sind eben, auch dank der tollen Schauspieler, normale Menschen mit all ihren Fehlern und ihrer Menschlichkeit.
So ist „Win Win“ ein angenehm unkitschiges Feelgood-Movie mit einigen kritischen Untertönen, präzisen Beobachtungen und guten Schauspielern über einen Mann, der etwas Geld wollte und eine zweite Familie findet. Das erinnert natürlich an die Filme von Frank Capra. Aber Tom McCarthy verzichtet in seinem zutiefst humanistischem Film auf die damals übliche Schlussansprache. Dafür ist der Glaube an das Gute im Menschen in jedem Bild präsent.
Bei „Win Win“ können sich auch die Zuschauer zu den Gewinnern zählen.
Win Win (Win Win, USA 2011)
Regie: Tom McCarthy
Drehbuch: Tom McCarthy (nach einer Geschichte von Tom McCarthy und Joe Tiboni)
mit Paul Giamatti, Amy Ryan, Bobby Cannavale, Jeffrey Tambor, Burt Young, Melanie Lynskey, Alex Shaffer
Drehbuch: Peter Morgan (nach seinem Theaterstück von 2006)
Vor dem Interview hielt Richard Nixon es für eine gute Idee: 1977, drei Jahre nach seinem Rücktritt als Präsident der USA wegen der Watergate-Affäre, gab er dem britischen TV-Journalisten David Frost ein Interview, in dem er seine Sicht der Ereignisse erzählen wollte. Aber Frost war gut vorbereitet und das Interview nahm einen anderen Verlauf.
Grandioses Schauspielerkino.
„Frost/Nixon“ war für fünf Oscars, fünf Golden Globes und sieben BAFTA-Awards, immer auch in den KategorienBester Film, Beste Regie, Bestes Drehbuch, nominiert.
mit Michael Sheen, Frank Langella, Kevin Bacon, Rebecca Hall, Matthew Macfadyen, Oliver Platt
Let’s Make Money – machen wir Geld (Österreich 2008, R.: Erwin Wagenhofer)
Drehbuch: Erwin Wagenhofer
Spielfilmlange Doku über globale Finanzströme und was unsere Rente mit der Ausbeutung in Ghana und Indien und millionenteuren sinnlosen Hotels und Wohnsiedlungen in Spanien zu tun hat. Einige Aussagen von Investoren und Fondsmanagern sind schön entlarvend, aber letztendlich bestätigt „Let’s Make Money“ nur, hübsch bebildert, eigene Vorurteile gegen die Globalisierung.
Denn bei seiner Hatz um den halben Globus kratzt Wagenhofer (We feed the world) immer nur an der Oberfläche.
„Ein aufwändig recherchierter, über weite Strecken erhellender Film, der sich nahtlos in die Reihe der dokumentarischen Globalisierungskritik der letzten Jahre fügt.“ (Lexikon des internationalen Films)
Was es bedeutet als Soldat an der Front zu stehen, zeigt Sam Peckinpah in seinem Hohelied auf den einfachen Soldaten „Steiner – Das eiserne Kreuz“, das damals einer der größten Kinohits der siebziger Jahre war. Dabei waren anscheinend schon die Dreharbeiten des 15 Millionen D-Mark teuren Films in Jugoslawien der reinste Krieg und standen finanziell immer wieder auf der Kippe. Denn Wolf C. Hartwig, der mit seiner Produktionsgesellschaft Rapid für die „Schulmädchen-Report“-Filme verantwortlich war, wollte jetzt einen ernsten Film mit Hollywood-Beteiligung produzieren. Die Verfilmung von Willi Heinrichs Debütroman „Das geduldige Fleisch“ über den deutschen Soldaten Steiner und seine Erlebnisse an der Ostfront während des Rückzugs, sollte, wie später die Produktionen von Bernd Eichinger, ein deutscher Kriegsfilm für den Weltmarkt werden. Für die Bestsellerverfilmung wurden die Stars James Coburn, James Mason, David Warner und Maximilian Schell für die Hauptrollen und eine Riege bekannter deutscher Schauspieler, wie Vadim Glowna, Klaus Löwitsch, Arthur Brauss und Burkhardt Driest, verpflichtet. Die Regie sollte Sam Peckinpah übernehmen – und wahrscheinlich erhielt man damals noch nicht so viele Informationen aus Hollywood. Denn Sam Peckinpah verwandelte die Dreharbeiten in Jugoslawien, wenig überraschend für alle, die ihn kannten, in ein Schlachtfeld. Vor und hinter der Kamera. In dem Bonusmaterial der jetzt veröffentlichten, restaurierten und erstmals ungekürzten Veröffentlichung des Films gibt es dazu zahlreiche Geschichten der damals Beteiligten. Sie erzählen auch, wie Hartwig (der nicht interviewt wurde) sich immer wieder Geld besorgte und kurz vor dem Ruin stand. Er versprach auch Unmengen an Statisten und Material und lieferte dann nicht. So musste ein Großangriff mit drei Panzern gedreht werden. Und Sam Peckinpah inszenierte den Film, den er im Kopf hatte.
Dabei hatte er bei „Steiner – Das eiserne Kreuz“ sogar den Endschnitt und das Ergebnis ist ein auch heute noch überwältigender Kriegsfilm. Die Geschichte, der Kampf zwischen Feldwebel Steiner (James Coburn) und Hauptmann Stransky (Maximilian Schell), ist dabei nur die dramaturgische Klammer für einen illusionslosen Blick auf das Soldatenleben, ein komplexes Beziehungsgeflecht zwischen den einzelnen Charakteren und ihrer widerstreitenden Weltanschauungen.
Die Offiziere organisieren den Rückzug und sehen das Kriegsende und die Niederlage nur als Vorbereitung für den nächsten Krieg an. Neu an der Front ist Stransky. Er hat sich an die Ostfront versetzen gelassen, um dort das Eiserne Kreuz zu erhalten. Für den preußischen Adligen wäre das Eiserne Kreuz die Krönung seiner militärischen Laufbahn und bei seiner Familie und Freunden die endgültige Auszeichnung. Für Steiner ist die Auszeichnung dagegen nur noch ein Stück Blech – und er hat keine Lust seine Männer für die Ambitionen eines Endsieg-gläubigen Feiglings sterben zu lassen.
Diese Geschichte packt Peckinpah in Bilder und Szenen, die im Gedächtnis bleiben. Bei den Kampfszenen, die oft im Nebel oder Rauch stattfinden, ist es die Art, wie er die Zeitlupe verwendet und die ihn sehr deutlich von den vielen glücklosen Nachahmern unterscheidet. Bei den intimen Szenen ist es das Spiel der Schauspieler, ihre Dialoge, ihre Gesten und, wie in den Kampfszenen, der Schnitt.
Gleichzeitig unterläuft Peckinpah von der ersten bis zur letzten Sekunde, obwohl er auf den ersten Blick die Erwartungen eines Kriegsfilms erfüllt, die Konventionen des Kriegsfilms.
Die „Special Edition“ auf Blu-ray
Digital restauriert, uncut und mit gut zwei Stunden Bonusmaterial. Da bekommt der Peckinpah-Fan schon bei der Ankündigung feuchte Augen. Denn die bisherigen deutschen Ausgaben von „Steiner – Das eiserne Kreuz“ waren gekürzt, enthielten nur die deutsche Tonfassung und kein nennenswertes Bonusmaterial.
Das Bonusmaterial für die „Special Edition“ wurde von Peckinpah-Fan Mike Siegel, der auch die wunderschöne Doppel-DVD „Passion & Poetry – The Ballad of Sam Peckinpah“ (Kaufbefehl!) veröffentlichte, erstellt. Dabei griff er auf Interviews, die er für „Passion & Poetry“ führte (und dort nur in Ausschnitten veröffentlichte), und seine eigene umfangreiche Peckinpah-Sammlung zurück. Das Kernstück ist dabei die 45-minütige Doku „Leidenschaft & Poesie: Sam Peckinpahs Krieg“. Dazu gibt es weitere Ausschnitte aus dem Interview mit Vadim Glowna und viel historisches Material, wie O-Töne der Stars, einige geschnitte Szenen (wozu auch eine Szene mit James Coburn und Senta Berger gehört) und Werbespots, die Sam Peckinpah mit James Coburn in Japan drehte.
Da fehlt nur noch die 48-minütige Super-8-Fassung für das Heimkino. Aber das dürfte, obwohl manche Super-8-Fassungen eine gute Kurzfassung des Films sind, der einzige Wermutstropfen sein.
Insgesamt ist das jetzt die definitive Ausgabe von Sam Peckipahs Kriegsfilmklassiker „Steiner – Das eiserne Kreuz“.
In der für Mitte Juli angekündigten korrigierten Auflage ist der Fehler behoben.
Am 8. September 2011 erscheint der Kriegsfilmklassiker auf DVD.
Steiner – Das eiserne Kreuz (Cross of Iron, D/GB 1977)
Regie: Sam Peckinpah
Drehbuch: Julius J. Epstein, Walter Kelley, James Hamilton
LV: Willi Heinrich: Das geduldige Fleisch, 1955
mit James Coburn, Maximilian Schell, James Mason, David Warner, Klaus Löwitsch, Vadim Glowna, Fred Stillkrauth, Roger Fritz, Dieter Schidor, Durkhard Driet, Michale Nowka, Senta Berger, Arthur Braus, Véronique Vendell, Mikael Slavco Stimac
Bonusmaterial: Leidenschaft und Poesie: Sam Peckinpahs Krieg, On Location (Interviews mit Sam Peckinpah, James Coburn, David Mason, Maximilian Schell, David Warner), Krüger küsst Kern, Briefe von Vadim & Sam, Vadim & Sam: Vater & Sohn, Schnittreste, Steiner in Japan, Mikes Homemovies: Steiner trifft Kiesel wieder, Trailer Deutschland, TV-Spot USA, Trailer USA/England
Verdict Revised – Unschuldig verurteilt: Mauer des Schweigens (Schweden 2008, R.: Molly Hartleb)
Drehbuch: Inger Scharis, Johann Zollitsch
Erfinder: Johann Zollitsch
Einer der angenehmen Nebeneffekte der ÖR-Spartenkanäle ist, dass auch ungewöhnliche TV-Serien (jedenfalls für alle, deren Horizont bei „CSI“ endet), gerne auch nicht aus den USA, nach Deutschland kommen. Ich sage nur „Breaking Bad“, „Hustle“, „Mad Men“, „Spooks“, „Suite Noire“ und „Xanadu“. Auch „Verdict Revised“ kommt, trotz des englischen Titels, nicht aus den USA, sondern aus Schweden.
Mikael Presbandt (Kommissar Beck, Codename: Medizinmann, In einer besseren Welt) spielt Markus Haglund, einen Professor für Strafrecht, der sich lieber in der Kneipe als im Hörsaal aufhält und jetzt mit vier Studenten für die Rechte von unschuldig Verurteilten kämpft.
In Schweden wurden bis jetzt 24 Folgen gedreht. ZDFneo zeigt die aus zwölf Folgen bestehende erste Staffel.
Mit Mikael Persbrandt, Sofia Ledarp, Helena af Sandeberg, Francisco Sobrado, Leonard Terfelt
Drehbuch: Samson Raphaelson, Joan Harrison, Alma Reville
LV: Francis Iles (Pseudonym von Anthony Berkeley): Before the fact, 1932 (Vor der Tat)
Hals über Kopf verknallt sich die schüchterne, vermögende Lina McLaidlaw in den Playboy Johnny Aysgarth. Nach ihrer Heirat erfährt sie, dass ihr Mann ein Spieler ist und dringend Geld braucht. Deshalb glaubt sie, dass er sie umbringen will.
Klassiker.
Zur Einordnung: Das ist der Hitchcock, in dem Grant mit einem Glas Milch auf einem Tablett eine Treppe hochgeht.
“Durchaus spannend, aber auch humorvoll, ist ‘Verdacht’ eine Kriminalgeschichte ohne ein Verbrechen.” (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms)
mit Joan Fontaine, Cary Grant, Sir Cedric Hardwicke, Nigel Bruce
Im Schatten der Nacht (USA 1949, R.: Nicholas Ray)
Drehbuch: Nicholas Ray, Charles Schnee
LV: Edward Anderson: Thieves like us, 1937
Drei Häftlinge flüchten aus dem Gefängnis. Der Jüngste verliebt sich auf dem Land in eine Frau und will ein ehrliches Leben beginnen. Aber die Polizei jagt das Liebespaar erbarmungslos weiter.
Das extrem selten gezeigte Regiedebüt von Nicholas Ray „schildert die beiden als Ausgestoßene, deren Liebe gegen die Welt der Gewalt keine Chance hat.“ (Paul Werner: Film Noir)
„Nicholas Ray’s first feature is one of the great ‚couple on the run‘ movies, given an added poignancy by the pair’s genuine love for each other.“ (Alexander Ballinger/Danny Graydon: The Rough Guide to Film Noir, 2007)
Robert Altman verfilmte Edward Andersons Krimi 1973 als „Diebe wie wir“ wieder.
Mit Farley Granger, Cathy O’Donnell, Howard Da Silva, Jay C. Flippen, Helen Craig, Will Wright , William Phipps
auch bekannt als „Sie leben bei Nacht“ (Titel der OmU-TV-Fassung; denn einen Kinostart erlebte der Film bei uns nicht)
Sam Fullers für wenig Geld gedrehter und damals wegen seines In-your-face-Stils sicher schockierender Film „Der nackte Kuss“ ist eine irritierende, teils packende, teils langweilende, letztendlich nicht überzeugende Mischung aus Noir, Melodrama der Douglas-Sirk-Schule und Klippschuldidaktik, die gerade wegen ihrer Machart einlädt, die Geschichte und einzelne Szenen in die verschiedensten psychologischen, psychoanalytischen, sozialen und politischen Richtungen zu interpretieren – und so mehr in dem Film zu sehen, als wirklich vorhanden ist. Denn die ziemlich absurde Story plätschert eher vor sich hin, als dass sie von Sam Fuller, der auch das Drehbuch schrieb und den Film produzierte, zielstrebig in eine Richtung getrieben wird.
Das erste Mal begegnen wir Kelly (Constance Towers), als sie wütend einen betrunkenen Mann zusammenschlägt und sich von ihm die ihr zustehenden 75 Dollar nimmt. Das nächste Mal, zwei Jahre später, taucht sie in einer lauschigen All-American-Kleinstadt auf, springt mit dem Stadtpolizisten ins Bett, beschließt nach einem Blick in den Spiegel ihr Leben zu ändern, nimmt sich in einer Pension ein Zimmer und nimmt einen Job als Krankenschwester für verstümmelte Kinder an. Sie ist schnell allseits beliebt, trifft sogar den Finanzier der örtlichen orthopädischen Klinik, einen jungen, gut aussehenden Millionär, Junggesellen und Nachfahren des Stadtgründers, der sich auch sofort in sie verliebt und sie trotz ihrer Vergangenheit als Prostituierte (hm, das hieß damals wohl noch Freudenmädchen und heute Sex-Arbeiterin) heiraten will.
Die Hochzeit platzt, als Kelly entdeckt, dass ihr Zukünftiger ein Pädophiler ist und ihr einreden will, dass sie beide Ausgestoßene aus der Gesellschaft und daher füreinander bestimmt seien. Sie erschlägt ihn und muss sich im letzten Drittel des Films gegen eine Armada zweifelhafter Belastungszeugen wehren.
Ernst nehmen kann man die Geschichte dieses B-Picture nicht. Dafür ist sie zu sehr schlechte Kolportage. Sam Fuller badet zu sehr im Klischee der Hure mit dem goldenen Herzen und kinderliebenden Übermutter. Sie ist eine Über-Doris-Day. Nur um Kelly dann Sekunden später in typischer Tough-Guy-Manier agieren zu lassen. Die Schauspieler spielen oft zu theatralisch. Die Dialoge sind oft gruselig. Einzelne Szenen dauern viel zu lange, andere sind erkennbar Füllmaterial um die Laufzeit zu strecken. Die Gewalt, die Verstümmelungen der Kinder und der Sex, vulgo nackte Haut und Bilder aus dem Bordell, sind zu sehr auf den Effekt beim damaligem vergnügungssüchtigem Publikum hin inszeniert. So schlägt in den ersten Minuten eine wütende Frau endlos auf einen Mann ein – und die Kamera übernimmt die Perspektive des Mannes, was dazu führt, dass die Furie uns, die nichtsahnenden Zuschauer, schlägt. In diesem Moment wird ein Ton vorgegeben, der nicht zu den späteren teils süßlichen, teils dokumentarischen Szenen passt.
„Der nackte Kuss“ wäre ein krudes, nicht besonders interessantes B-Movie, wie es tausend andere gibt, wenn Sam Fuller nicht von Anfang an die Kleinstadt als bigotte Vorhölle zeigen würde. Da springt ein anständiger und geachteter Polizist sofort mit Kelly ins Bett. Da gibt es ein gut funktionierenden, von einer Frau geleitetes Bordell, in dem auch die ehrbaren Bürger verkehren und die Aussage der Puffmutter hat bei der Polizei mehr Gewicht als die Aussage der zugezogenen, auf ihrer Arbeit äußerst beliebten, großherzigen und kinderliebenden Kelly. Es gibt ein Krankenhaus für verstümmelte Kinder und Sam Fuller, der im zweiten Weltkrieg Soldat war und seine Kriegserfahrungen in dem Spielfilm „The Big Red One“ verarbeitete, zeigt exzessiv, nach dem Koreakrieg und kurz vor dem Beginn der offenen US-Intervention in Vietnam, ihre künstlichen Gelenke und wie sie sich mühsam mit ihnen bewegen. Der Zukünftige, ein gutaussehender Junggeselle und Frauenschwarm, ist ein Pädophiler; was Kelly nach dem ersten Kuss wusste. Denn es war ein ’nackter Kuss‘, was, so erklärt sie uns, das Kennzeichen eines Perversen sei. Und er will eine ehemalige Prostituierte heiraten.
Heute fällt in diesen Momenten vor allem auf, wie hanebüchen vieles in dem Film ist. Aber 1964 liefen „Das war der wilde Westen“, „Alexis Zorbas“, „My Fair Lady“ (mt Audrey Hepburn), „Mary Poppins“ (mit Julie Andrews), „Cleopatra“ (mit Elizabeth Taylor), „Schick mir keine Blumen“ (mit Doris Day), und „Marnie“ (mit Tippi Hedren) im Kino. Dagegen ist „Der nackte Kuss“ aus einer vollkommen anderen Welt.
Insofern ist „Der nackte Kuss“ als wütender Blick hinter die saubere Fassade des Kleinstadt-Amerikas und der dort herrschenden Doppelmoral interessant. Denn Sam Fuller greift in „Der nackte Kuss“ die gesellschaftlichen Konventionen ständig an, demaskiert und unterläuft sie. Als psychologische Zeitdiagnose ist der Noir höchst aufschlussreich. Denn, es ist eine Binsenweisheit, dass man aus den kleinen, schnell gedrehten Werken, den B-Pictures in denen die Macher, solange sie einen billig produzierten Film, der sein Geld einspielen würde, ablieferten, ihre Botschaft kompromisslos formulieren konnten, mehr über die wahren Verhältnisse in einem Land lernen kann, als aus den hochbudgetierten Filmen.
Aber ein guter Film ist „Der nackte Kuss“ nicht. Ein bizarrer, ein irritierender, ein teils langweilender, teils beunruhigender und polarisierender Film ist „Der nackte Kuss“ schon, der jetzt in der „Arthaus Retrospektive“ als sparsam ausgestatte DVD mit gutem Bild und Ton erschien.
Andere Stimmen
„The one who maintained the highest noir profile in the 1960s was Sam Fuller with a trio of startingly brash movies – ‚Underworld USA‘ (1961), ‚Shock Corridor‘ (1963) and ‚The Naked Kiss‘ (1964). All three were forthright attacks on bourgeois hypocrisy and suburban values and the closest in feel to the noirs of the classic era. In Fuller’s uncompromising vision, the cynicism, pessimism and dark existentialism of film noir were far from dead.“ (Alexander Ballinger/Danny Graydon: The Rough Guide to Film Noir, 2007)
„Weitgehend einfühlsamer und zurückhaltender Kriminalfilm mit melodramatischen Akzenten. Hervorragend: das sensible Spiel der Hauptdarstellerin.“ (Lexikon des internationalen Films)
„Fuller demontiert in diesem Film, der von vielen Kritikern als sein bösartigstes und beunruhigendstes Werk angesehen wird, so ziemlich alle Ideale, die den Amerikanern hoch und heilig sind.“ (TV Spielfilm: Das große Filmlexikon, 2006)
Die deutsche Premiere war am 30. September 1982 im WDR.
Der nackte Kuss (The naked kiss, USA 1964)
Regie: Sam Fuller
Drehbuch: Sam Fuller
mit Constance Towers, Anthony Eisley, Michael Dante, Virginia Grey, Patsy Kelly, Marie Devereux