Melvin Purvis (Christian Bale) jagt John Dillinger (Johnny Depp).
Die Version von Michael Mann.
Da waren meine Erwartungen entsprechend hoch – und sie wurden enttäuscht. Denn im Vergleich zu „Dillinger“ von John Milius mit Warren Oates als John Dillinger und Ben Johnson als Melvin Purvis ist Manns Version doch ein eher laues Lüftchen mit Starpower und einer die Atmosphäre zerstörenden Digitalkamera (wobei das allerdings auch am Kino gelegen haben kann. Denn ein Kumpel meinte, er hätte eine Vorführung gesehen, bei der Mann die Technik überwachte und die Bilder seien grandios gewesen).
„spannende Genre-Bricolage“ (Lexikon des internationalen Films)
Mit Johnny Depp, Christian Bale, Marion Cotillard, Giovanni Ribisi, Billy Crudup, Stephen Dorff, James Russo, Rory Cochrane, Channing Tatum, Diana Krall
Power – Weg zur Macht (USA 1986, R.: Sidney Lumet)
Drehbuch: David Himmelstein
Wahlkampfmanager Pete St. John übernimmt den Auftrag, einen Politneuling zum Senator von Ohio zu machen. Da erfährt er, dass sein Kunde auf der Gehaltsliste von ausländischen Konzernen steht. St. John fragt sich, ob er seinen Auftrag erfüllen soll.
„Hervorragend gespielte Satire über politische Verführbarkeit sowie die suggestive Kraft, die von den Rollenbildern der Politiker ausgehen kann“, schreibt das Lexikon des internationalen Films über diesen sträflich unterschätzten und fast unbekannten Film von Sidney Lumet, der bei uns seine Premiere auf Video erlebte und alle Jubeljahre, meist zu extrem schlechten Zeiten, im Fernsehen läuft. Denn, wie immer bei Lumet, sind die Schauspieler exzellent, man erfährt etwas über unsere Gesellschaft und man wird auch noch gut unterhalten.
mit Richard Gere, Julie Christie, Gene Hackman, Kate Capshaw, Denzel Washington, E. G. Marshall, Fritz Weaver, J. T. Walsh, Michael Learned
LV: Jim Thompson: The Grifters, 1963 (Muttersöhnchen, Die Abzocker)
Roy Dillon schlägt sich als kleiner Trickbetrüger mehr schlecht als Recht durch. Als er an eine größere Menge Geld kommt, haben seine Freundin Mary und seine Mutter Lilly plötzlich Interesse an ihm; besonders an dem Geld.
Der potentielle Klassiker basiert auf einem der besten und düstersten Bücher von Thompson. Westlake schrieb ein grandioses Drehbuch, und das gesamte Team (es wäre wirklich unfair, eine einzelne Person herauszuheben) gab ihr bestes. „The Grifters ist ein starkes Stück Kino, ein Krimi, der seinen Alptraum formvollendet präsentiert.“ (Fischer Film Almanach)
Mit Anjelica Huston, John Cusack, Annette Bening, Pat Hingle, Charles Napier, J. T. Walsh, Xander Berkeley
Es geht auch darum, wie man durch die Toten zu leben lernt oder, besser noch – das Leben durch den Tod erst zu begreifen und zu entdecken. Ein Konzept, das ich faszinierend und außerordentlich fesselnd finde. Hier hat der Tod das Gesicht einer eindrucksvollen Frau mit dem geheimnisvollen Lächeln einer Mona Lisa – wer könnte dem widerstehen? Jedenfalls nicht der Personalmanager, genau so wenig wie ich. Also bin ich mit ihm und den anderen Komplizen auf die Reise gegangen, in der Hoffnung, dass am Ende eine bescheidene und doch bedeutende Aussage über die Conditio Humana von gestern, heute und morgen steht.
Eran Riklis über „Die Reise des Personalmanagers“
Das Arthaus-Publikum kennt Eran Riklis als Regisseur von „Die syrische Braut“ und „Lemon Tree“, der auf der Berlinale den Panorama-Publikumspreis erhielt. In beiden Filmen beschäftigte Riklis sich mit den Auswirkungen des Nahost-Konflikts auf gewöhnliche Menschen. In seinem neuesten Film „Die Reise des Personalmanagers“ verlässt er seine Heimat und damit auch die Probleme und Absurditäten des israelischen Alltags.
Obwohl gerade eine solche Absurdität am Anfang der „Reise des Personalmanagers“ steht.
Bei einem Selbstmordattentat starb Yulia Petracke. Erst nach einer Woche konnte ihre Leiche identifiziert werden und ein Journalist klagt Jerusalems größte Bäckerei, bei der sie angestellt war, wegen ihres menschenverachtenden Umgangs mit ihrem Personal an. Dass die Rumänin zum Zeitpunkt ihres Todes bereits lange entlassen war und nur weil der verheiratete Abteilungsleiter in sie verliebt war, weiterhin in den Büchern geführt und bezahlt wurde, kümmert den Journalisten auf der Suche nach seiner nächsten Schlagzeile wenig.
Deshalb entschließt sich die Firmenchefin, um den Ruf der Bäckerei zu retten, für eine angemessene Beerdigung zu sorgen. Dies kann allerdings nur in der Heimat von Yulia geschehen. Sie schickt ihren von dieser Aufgabe absolut nicht begeisterten Personalmanager, zusammen mit dem Journalisten und der Toten, nach Rumänien.
Auf der Reise lernt der namenlose, letztendlich grundgütige Personalmanager die Familie der Toten kennen und er erlebt einige seltsame Abenteuer. Denn bei Riklis ist der Ostblock ein wahrer Operettenostblock mit trinkfesten Einheimischen, funktionstüchtigen Panzern aus alten Militärbeständen, die mal schnell ausgeborgt werden können, einer nicht funktionierenden Technik (mit Funklöchern von der Größe der Taiga) und einer auch ohne Planwirtschaft überbordenden und nicht funktionierenden Bürokratie.
„Die Reise des Personalmanagers“ wird schnell zu einem Feelgood-Film für das Arthaus-Publikum, bei dem nichts so geleckt wie in einer Hollywood-Produktion ist, es auch nicht weniger Klischees gibt, es herrlich menschelt und der etwas unbeeindruckt zurücklässt, weil „Die Reise des Personalmanagers“ einfach jedem gefallen will und damit als Konsensfilm bei Festivals natürlich für die verschiedenen Publikumspreise prädestiniert ist. Beim Filmfestival in Locarno erhielt der Film dann auch den Publikumspreis.
Immerhin gibt es im Film nichts, was wirklich verärgert, aber es gibt auch nichts was wirklich begeistert – und damit letztendlich auch keinen Grund, sich den Film anzusehen. Jedenfalls im Kino. Im Fernsehen…
Die Reise des Personalmanagers (שליחותו של הממונה על משאבי אנוש/Shliḥuto shel Ha’Memuneh al Mash’abey Enosh, Israel/Deutschland/Frankreich/Rumänien 2010)
Regie: Eran Riklis
Drehbuch: Noah Stollman
LV: Abraham B. Jehoshua: Die Passion des Personalbeauftragten (2006)
mit Mark Ivanier, Guri Alfi, Noah Silver, Rozina Cambos, Julian Negulesco, Bogdan Stanoevitch
LV: Ross MacDonald: The moving target, 1949 (Reiche sterben auch nicht anders, Das wandernde Ziel)
Privatdetektiv Lew Harper soll den verschwundenen Mann der reichen Mrs. Sampson finden.
Wenn wir von einflussreichen Privatdetektivromanautoren sprechen, darf ein Name nicht fehlen: Ross MacDonald.
Hier die kommerziell erfolgreiche Verfilmung des ersten Archer-Romans. Lew Archer heißt im Film Lew Harper. Der Grund dafür war, so Goldman im Audiokommentar zur DVD, dass MacDonald die Rechte am Namen nicht abgeben wollte. „Ein Werk nur mittlerer Qualität“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms)
Drehbuchautor William Goldman schreibt im lesenswerten „Das Hollywood-Geschäft“ (Adventures in the Sreen Trade, 1984) über „Ein Fall für Harper“ und die Qualität seines Drehbuchs: „Der daraus entstandene Film war übrigens aus einer Vielzahl von Gründen sehr erfolgreich, von denen ich keinen für mich verbuchen kann.“
Mit Paul Newman, Lauren Bacall, Julie Harris, Janet Leigh, Arthur Hill, Robert Wagner, Robert Webber, Shelley Winters, Strother Martin
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass „London Boulevard“ einen deutschen Kinostart erlebt. Immerhin ist William Monahans Regiedebüt, als Verfilmung eines Krimis von Ken Bruen, ein düsterer Gangsterfilm, die Ken-Bruen-Verfilmung „Blitz“ mit Jason Statham als rücksichtslosem Sergeant Tom Brant erlebte bei uns vor wenigen Wochen nur eine DVD-Premiere und die Ken-Bruen-Verfilmung „The Guards“ mit Iain Glen als Privatdetektiv Jack Taylor (Bruens bekannterem Serienhelden) ist ein TV-Film, der bisher bei uns noch nicht gezeigt wurde und der erste von mehreren Taylor-Filmen ist.
Aber mit Colin Farrell und Keira Knightley hat Monahan zwei kassenträchtige Hauptdarsteller. In den Nebenrollen sind die auch bei uns bekannten Briten David Thewlis, Ray Winstone und Eddie Marsan dabei und Oscar-Preisträger Chris Menges übernahm die Kamera.
Das ist ein hochkarätiges Paket für die Geschichte von Mitchel (Colin Farrell), der gerade drei Jahre im Knast verbrachte und von seinem Kumpel Billy (Ben Chaplin) schon am Gefängnistor aufgefordert wird, sein altes Leben wieder aufzunehmen. Denn in der Szene hat Mitchel immer noch einen guten Namen. Sogar der Gangsterboss Gant (Ray Winstone) erblickt in ihm einen potentiellen Nachfolger.
Aber Mitchel will nicht mehr. Er will aussteigen. Seine Arbeit als Mädchen für alles bei dem öffentlichkeitsscheuen Filmstar Charlotte (Keira Knightley) sieht er als die Chance auf ein ehrliches Leben. Charlotte, die in den Filmen nicht mehr nur ein Stück Fleisch und Stichwortgeberin für die männlichen Helden sein möchte, flüchtet vor dem Ruhm und den allgegenwärtigen Paparazzi, die auch ihr Haus Tag und Nacht belagern. Bei ihr wohnt Jordan (David Thewlis), ein sich von der Welt entrückt gebendes Unikum, mit einem beträchtlichen Drogenkonsum und einigen ungeahnten Talenten.
Mitchel will die Möglichkeit, für ein ehrliches Leben wahrnehmen. Aber da sind noch seine alten Freunde und in Charlottes Haus sind einige wertvolle Gegenstände.
Schon Bruens knapper Noir „London Boulevard“ war eine Anspielung auf Billy Wilders Filmklassiker „Sunset Boulevard“ über die Beziehung eines jungen, aufstrebenden Drehbuchautors zu einer zurückgezogen lebenden, alternden Hollywood-Schönheit mit tragischem Ausgang. Auch „London Boulevard“ hat nicht unbedingt ein Happy End. Jedenfalls kein Happy End im Walt-Disney-Sinn.
Bis dahin gibt es einen fein stilisierten, coolen Retro-Gangsterfilm, der eher in den sechziger oder siebziger Jahren in London zu spielen scheint. Die Musik, die zeitlose Kleidung, die alten Häuser und die weitgehende Abwesenheit von Handys und Computern tragen zu diesem Eindruck bei. Auch stilistisch orientiert William Monahan (der Drehbuchautor von „The Departed“ und „Der Mann, der niemals lebte“) eher an „Get Carter“ und „The Long Good Friday“, zwei Klassikern des britischen Kinos, als an „Bube, Dame, König, Gras“ oder „Layer Cake“.
Die plötzlichen Gewaltausbrüche werden von Monahan mit der nötigen, altmodischen Härte gezeigt, wenn ein Kneipengespräch in einem Wutausbruch endet und niemand eingreift. Oft bedient Monahan sich auch einer elliptischen Erzählweise (die damit Bruens knappen, sarkastischen Stil ins Kino überträgt), in der er die letzten Sekunden vor dem Gewaltausbruch und die Auswirkungen zeigt.
„London Boulevard“ ist definitiv einer meiner Lieblingsfilme des Kinojahres 2011.
London Boulevard (London Boulevard, USA/GB 2010)
Regie: William Monahan
Drehbuch: William Monahan
LV: Ken Bruen: London Boulevard, 2001 (London Boulevard)
mit Colin Farrell, Keira Knightley, David Thewlis, Anna Friel, Ben Chaplin, Ray Winstone, Eddie Marsan, Sanjeev Bhaskar, Stephen Graham, Ophelia Lovibond
Bereits in den ersten Minuten seines Noirs „Brand“ zeichnet Autor und Regisseur Thomas Roth („Falco – Verdammt wir leben noch!“, die „Trautmann“-Filme und mehrere „Tatorte“) ein bürgerliches Milieu, das wir aus Claude Chabrols Filmen kennen.
Brand (Josef Bierbichler) ist ein erfolgreicher Schriftsteller, der schon lange nichts mehr veröffentlicht hat, und der jetzt täglich im Krankenhaus seine im Sterben liegende Frau (Erika Deutinger) besucht. Die gefeierte Schauspielerin hat Krebs im Endstadium und Brand kann mit ihrem Sterben nur umgehen, indem er ihren Verfall fotografiert. Sie ist damit nicht einverstanden, aber sie weiß auch, dass ihr Mann nur so mit ihrem Tod umgehen kann.
Als er in einem Krankenhauszimmer eine Tote fotografiert, hört er jemand kommen. Er versteckt sich in der Dusche und beobachtet eine junge Krankenschwester, beim Verrichten ihrer Notdurft. Während dieser für ihn unglaublich peinlich-demütigenden Szene (denn Brand will sie nicht beobachten, aber er kann sich auch nicht bemerkbar machen) verliebt er sich in Angela (Angela Gregorivic). Sie erwidert seine Avancen. Immerhin ist er eine bekannte Persönlichkeit des kulturellen Lebens und sie ist zwar verheiratet, aber auch sie möchte aus ihrer Ehe flüchten. Denn ihr türkischstämmiger Mann Celik (Denis Moschitto) ist krankhaft eifersüchtig. Außerdem ist er Polizist – und das ist auch schon die größte Überraschung in dem arg minimalistischem Film, der dem altbekannten Noir-Plot, in dem ganz normaler Mann sich in die falsche Frau verliebt, einen neuen Dreh gibt. Denn in „Brand“ kann das Liebespaar von der Polizei keine Hilfe erwarten. Im Gegenteil.
Davon abgesehen bewegt sich Roth in seinem neuen Spielfilm zu sehr in den von Claude Chabrol in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder beschrittenen Pfaden. Aber während bei Chabrol die Kritik an der Bourgeoisie immer wieder von ätzendem Humor und der Lust am Demaskieren einer Gesellschaftsschicht garniert wurde, hält Roth sich zurück. Die Stimmung ist melancholisch, es wird wenig geredet, alles erscheint grau in grau und sogar der Sex ist nicht lebensbejahend. Dafür muss Brand auf dem Balkon stehend erleiden, wie seine Geliebte von ihrem Mann in ihrer Wohnung förmlich vergewaltigt wird, während Celiks Kollege, in der Einfahrt stehend, mit gutem Blick auf den Balkon, auf ihn wartet.
Wenn es mehr solcher Szenen, das Erzähltempo etwas schneller gewesen und es doch noch die eine oder andere überraschende Wendung gegeben hätte, hätte mir dieser Noir besser gefallen. So aber ist „Brand“ nur die optisch fein herausgeputzte Ösi-Variante eines durchschnittlichen Claude-Chabrol-Films.
Brand (Österreich/Deutschland 2011)
Regie: Thomas Roth
Drehbuch: Thomas Roth
mit Josef Bierbichler, Angela Gregovic, Erika Deutinger, Denis Moschitto, Karlheinz Hackl, Heribert Sasse, Manuel Ruby
Die Zärtlichkeit der Wölfe (D 1973, R.: Ulli Lommel)
Drehbuch: Kurt Raab
Ulli Lommels Frühwerk ist vom wahren Fall des Serienkillers Fritz Haarmann inspiriert (wobei die Geschichte, um Geld zu sparen, von den Zwanzigern in die Vierziger verlegt wurde) und mindestens der halbe Fassbinder-Clan spielte bei diesem Klassiker des Horrorfilms mit.
„ein Geniestreich“ (Robert Fischer/Joe Hembus: Der Neue Deutsche Film, 1981)
„in Raabs grinsendem, glatzköpfigem Unhold, gerissen, unterwürfig, mitleiderregend und doch erschreckend und voller Gier, wenn er das Blut seiner Opfer saugt, haben wir eines der überzeugendsten, menschlichen Ungeheuer des Kinos vor uns.“ (James Marriott/Kim Newman: Horror, 2006)
Dass dieser Film-Haarman sein Unwesen im Nachkriegsdeutschland treibt, alle sich misstrauen und etwas zu verbergen haben, verleiht dem Film eine zutiefst verunsichernde, düstere Stimmung. Cineasten dürfen sich an den Anspielungen auf andere Filme erfreuen.
mit Kurt Raab, Jeff Roden, Margit Carstensen, Hannelore Tiefenbrunner, Wolfgang Schenck, Rainer Werner Fassbinder, F. K. Praetorius, Rosel Zech, Ingrid Caven, Peer Raben, Irm Hermann, Jürgen Prochnow, Prigitte Mira, Peter Chatel
Es war einmal vor langer Zeit, als sich einige Filmfanatiker auf den Weg machten. Sie wollten nicht mehr nur in „Les Cahiers du Cinéma“ über Film schreiben, sondern Filme drehen. Filme, die mehr mit der Wirklichkeit zu tun hatten, als das, was damals im Kino lief.
Louis Malle, Jean-Luc Godard, Francois Truffaut und Claude Chabrol hießen die Jungs und ihre Debütfilme „Fahrstuhl zum Schafott“, „Außer Atem“, „Sie küssten und sie schlugen ihn“ und „Die Enttäuschten“ begründeten in den späten fünfziger Jahren die Nouvelle Vague, die nicht nur das französische Kino veränderte.
Heute, über fünfzig Jahre nach ihrer Premiere, sind ihre Filme immer noch erstaunlich frisch. (Kurzer Einschub: Besprechungen des jüngst bei StudioCanal erschienenen Werkes von Francois Truffaut und von „Außer Atem“, jetzt mit Tonnen an Bonusmaterial in der Blu Cinemathek erschienen, folgen demnächst.)
Diese Frische kommt einerseits natürlich von dem jugendlichen Drang, in dem ersten Film möglichst viel von den eigenen Wünschen, Themen und Obsessionen unterzubringen. Eine war das amerikanische Kino. Vor allem der Kriminalfilm. Der Film Noir. Allein schon, dass ein in Hollywood entstandenes Genre einen französische Namen hat, sagt wohl genug aus. Auch Malles Debütfilm „Fahrstuhl zum Schafott“ ist ein Noir.
Es kommt aber auch von der Wahl der Drehorte. So suchte Louis Malle für „Fahrstuhl zum Schafott“ vor allem Orte, die mehr an die USA (oder das Bild, das sie damals in Frankreich von den USA hatte) und die Moderne mit viel Beton, Stahl und Glas erinnerten. Die in einem Motel spielenden Szenen wurden, 200 Kilometer von Paris entfernt, am Ärmelkanal, in Le Touquet gedreht, weil es in ganz Frankreich nur dieses eine Motel, das im Film dann in der Nähe von Paris sein soll, gab. Die nächtlichen Autobahnen, die nächtlichen Pariser Straßen durch die Jeanne Moreau spaziert, begleitet von den improvisierten Klängen des Jazz-Ttompeters Miles Davis (der hier nicht von seinen Stammmusikern, sondern von Saxophonist Barney Wilen, Pianist René Urtreger, Bassist Pierre Michelot und Schlagzeuger Kenny Clarke begleitet wurde), die modernen Bürogebäude mit ihrem funktionalem Design, das alles war damals eher ein Blick in die Zukunft. So sagt Louis Malle in dem auf der DVD enthaltenem Interview, dass es damals in ganz Paris vielleicht fünf Bürogebäude mit so einem Fahrstuhl gab. Er zeigte in „Fahrstuhl zum Schafott“ ein Fantasie-Paris, das damals erst im Entstehen war.
Es wurde vor Ort, ohne zusätzliche Beleuchtung, auf den Straßen von Paris, gedreht. Es wurde alles vermieden, was an die typischen, aus anderen französischen Filmen bekannten Innenräume erinnerte – und Louis Malle und sein Kameramann Henri Decae (der Kameramann der Nouvelle Vague – und vieler französischer Filme) stilisierten ihre Bilder immer wieder. Besonders deutlich wird das in „Fahrstuhl zum Schafott“ wenn Lino Ventura Maurice Ronet verhört und wenn er, am Filmende, Jeanne Moreau als Anstifterin überführt.
Und die Regisseure der Nouvelle Vague sprachen vieles an, das damals in Filmen totgeschwiegen wurden. In „Fahrstuhl zum Schafott“ ist das jugendliche Lebensgefühl, der Indochina-Krieg und der Ehebruch (kurze Nebenbemerkung: Louis Malles nächster Film „Die Liebenden“ war wegen seiner aus damaliger Sicht verharmlosenden Sicht des Ehebruchs sogar ein veritabler Skandalfilm. Auch in „Fahrstuhl zum Schafott“ wurden für die damalige deutsche Kinoauswertung einige Stellen, die jetzt untertitelt im Film sind, geschnitten).
Die Geschichte für seinen Debütfilm hatte Louis Malle nicht, wie seine Kollegen Francois Truffaut und Jean-Luc Godard öfters, in einem amerikanischem Kriminalroman, sondern in Noel Calefs Kriminalroman „Ascenseur pour L’echaufad“ gefunden. Dennoch hätte die Geschichte von dem perfekten Mord genausogut in den USA spielen können.
Das Liebespaar Julien Tavernier (Maurice Ronet) und Florence Carala (Jeanne Moreau) will Taverniers Chef, den Waffenhändler Simon Carala (Jean Wall), umbringen. Tavernier tötet ihn nachdem die Angestellten bereits ins Wochenende gegangen sind. Als er zu seiner Geliebte gehen will, bemerkt er, dass er ein wichtiges Beweisstück vergessen hat. Er geht zurück in das Bürogebäude und, als er im Fahrstuhl nach oben fahren will, stellt der Pförtner den Strom ab.
Während Tavernier versucht, sich aus dem zwischen zwei Etagen stehen gebliebenem Fahrstuhl zu befreien, wartet Florence in einem Café auf ihn. Als sie sein Auto an ihr vorbeifahren sieht und die Beifahrerin erblickt, glaubt sie, dass er sie mit einer anderen Frau betrügt. Sie streift gedankenverloren durch das nächtliche Paris.
In Taverniers Auto saßen Véronique (Yori Bertin) und, am Steuer ihr Freund, der kriminellen Abenteuern nicht abgeneigte Louis (Georges Poujouly). Sie klauten den Wagen für eine Spritztour, auf der sie ein vermögendes deutsches Ehepaar kennenlernen und gemeinsam einen feuchtfröhlichen Abend verbringen. Als Louis das Auto des Deutschen klauen will, wird er von ihm erwischt. Im Affekt erschießt Louis den Deutschen.
Inspektor Chérier (Lino Ventura) glaubt, dass Tavernier den Deutschen ermordet hat. Denn Tavernier hat kein Alibi, sein Auto wurde am Tatort gesehen und seine Freundin, die glaubt, dass er sie betrügt, belastet ihn schwer.
Jedenfalls bis die Leiche von ihrem Mann, Simon Carala, entdeckt wird.
Louis Malle erzählt diese drei Geschichten, wenn man die Ermittlungen der Polizei hinzuzählt, vier Geschichten in knapp neunzig Minuten. Entsprechend dicht, assoziativ und oft schon hastig, fast wie ein Bebop-Stück, ist „Fahrstuhl zum Schafott“ erzählt. Da gibt es keine überflüssigen Bilder. Eher schon umgekehrt – und gerade das macht „Fahrstuhl zum Schafott“, abgesehen von seinem Rang als Filmklassiker, auch heute noch gut ansehbar.
Außerdem ist die Noir-Philosophie immer noch aktuell.
Fahrstuhl zum Schafott (Ascenseur pour l’echaufad, Frankreich 1958)
Regie: Louis Malle
Drehbuch: Roger Nimier, Louis Malle
LV: Noel Calef: Ascenseur pour l’echafaud, 1956 (Fahrstuhl zum Schafott)
Mit Jeanne Moreau, Maurice Ronet, Lino Ventura, Georges Poujouly, Yori Bertin, Jean Wall, Charles Denner, Jean-Claude Brialy (Gast in der Bar)
–
DVD
Arthaus (StudioCanal)/Kulturspiegel (Französisches Kino 9)
Bild: 1,66:1 (SW)
Ton: Deutsch, Französisch (Mono Dolby Digital)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Booklet mit exklusiven Texten zum Film, Interview mit Louis Malle „Parlons Cinéma“ (17 Minuten, untertitelt), US-Trailer
Länge: 88 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
(DVD ist auch erhältlich in der „Arthaus Collection Französisches Kino/Gesamtedition“)
Grandiose spielfilmlange Doku, in der Werner Herzog seine Zusammenarbeit mit Klaus Kinski reflektiert. Sie verband über fünf Filme eine innige und sehr produktive Hassliebe. Denn „Aguirre, der Zorn Gottes“, „Nosferatu“, „Woyzeck“, „Fitzcarraldo“ und „Cobra Verde“ sind Klassiker des Neuen Deutschen Films (auch wenn sie nicht unbedingt in Deutschland entstanden) und in jedem Fall gehören sie zu ihren besten Arbeiten.
Mit Werner Herzog, Klaus Kinski, Claudia Cardinale, Mick Jagger, Eva Mattes, Thomas Mauch, Maximilian Schell
Ex-Privatdetektiv Harry Ross jobbt für das mit ihm befreundete, sich im vergangenen Ruhm sonnendes Schauspielerpaar Jack und Catherine Ames. Während eines Botenganges für sie stolpert er über eine Leiche und die alten Instinkte werden wieder wach. Ross will seinen Freunden gegen die Erpresser helfen.
Betont altmodischer Privatdetektiv-Krimi, der sich ausdrücklich auf die Tradition bezieht (so kann er als dritter Lew-Harper-Film gesehen werden. Newman spielte Harper in „Ein Fall für Harper“ und „Unter Wasser stirbt man nicht“. Harper ist der Filmname des von Ross MacDonald erfundenen Privatdetektiv Lew Archer.), mit pointierten Dialogen und einem Haufen Altstars glänzend unterhält.
Die Musik ist von Elmer Bernstein.
„Ein reines Vergnügen.“ (W. O. P. Kistner, AZ, 6. August 1998)
„Benton zeigt angenehm gelassen, wie die Vergangenheit als Ballast wirkt, dem man nicht entrinnt, und wie ihr Fortwirken neues Unheil erzeugt.“ (Fischer Film Almanach 1999)
Das klingt doch verdammt nach Ross MacDonald.
mit Paul Newman, Susan Sarandon, Gene Hackman, Stockard Channing, James Garner, Reese Witherspoon, Giancarlo Esposito, Liev Schreiber, John Spencer, M. Emmet Walsh
Wie versprochen gibt es jetzt, nachdem der Occupy-Abend vorbei ist, die Liste der gezeigten Filme, ergänzt um einige Filme, die wir gerne gezeigt hätten, dann aber aus Zeitgründen weglassen mussten. Denn sonst wäre die Diskussion (sie wurde aufgenommen und – na mal sehen, wie gut die Aufnahme wurde) noch kürzer ausgefallen.
Wir starteten mit dem für seine zurückhaltende Art bekannten Michael Moore
Danach
Gerne hätte ich noch diese beiden Clips gezeigt, aber Berlin klopfte an die Tür
Il Divo – Der Göttliche (I/Fr 2008, R.: Paolo Sorrentino)
Drehbuch: Paolo Sorrentino
Porträt des italienischen Politikers Giulio Andreotti, der zwischen 1972 und 1992 sieben Mal Ministerpräsident war und immer wieder in Verdacht geriet, mit der Mafia zu gute Kontakte zu haben.
Sorrentinos hochgelobter Film knüpft an die Tradition des italienischen Polit-Thrillers an.
Mit Toni Servillo, Anna Bonaiuto, Piera Degli Espositi
Der Schrei der Eule (D/F/GB/Kan 2009, R.: Jamie Thraves)
Drehbuch: Jamie Thraves
LV: Patricia Highsmith: The Cry of the Owl, 1962 (Der Schrei der Eule)
Robert beobachtet nachts heimlich die schöne Jenny. Sie verliebt sich in ihn und verlässt ihren Verlobten Greg. Als Greg nach einer Schlägerei spurlos verschwindet, wird Robert des Mordes verdächtigt.
Bereits Claude Chabrol und Tom Toelle verfilmten 1987 den Krimi. Während beide Verfilmungen sich sehr ähneln und, wenn man die Prämisse akzeptiert, gelungen sind, kann das anscheinend von Jamie Thraves Film nicht behauptet werden.
LV: Arthur Schnitzler: Traumnovelle, 1926 (Buchausgabe, davor 1925/1926 als Fortsetzungsroman in „Die Dame“ erschienen)
Nachdem seine Frau ihm eine Jahre zurückliegende außereheliche Sexfantasie beichtet, tickt William aus. Verstört irrt der Doktor durch das nächtliche New Yorker zwischen Prostituierten und Swingerclubs.
Kubricks letzter Film ist nicht sein bester. Dafür ist er zu lang (auf mich wirkt er wie der Rohschnitt) und durch den Wechsel der Handlungszeit vom Wien der späten Kaiserjahre in das heutige New York wird die Geschichte ihres moralischen Kontextes beraubt. Denn in einer heute, unter normalen Menschen, spielenden Geschichte ist es einfach unglaubwürdig, dass ein Mann so von einer außerehelichen Sexualfantasie irritiert ist.
Zum Glück spielen weite Teile in pompös-altmodischen Innenräumen und die Dialoge wurden auch von Schnitzler übernommen. So kann man meistens ausblenden, dass „Eyes Wide Shut“ zur falschen Zeit spielt.
Mit Tom Cruise, Nicole Kidman, Sydney Pollack, Sky Dumont
Heute startet das supertolle Dokumentarfilmfestival „One World Berlin“. Bis zum Mittwoch, den 30. November, laufen im Kino Arsenal (Potsdamer Straße 2, S/U-Bahnhof Potsdamer Platz) etliche Filme, die sich mit bürger- und menschenrechtlichen Fragen beschäftigen. Nach den Filmen, von denen die meisten erstmals in Deutschland laufen, kann mit den Filmemachern und Experten diskutiert werden.
Eröffnung mit „Examined Life“ (Kanada 2008, Regie: Astra Taylor)
Skype-Interview mit einer Filmprotagonistin
Moderation: Werner Koep-Kerstin
„Examined Life“ zeigt acht PhilosophInnen „bei der Arbeit“. Cornel West, Avital Ronell, Peter Singer, Kwame Anthony Appiah, Martha Nussbaum, Michael Hardt, Slavoj Žižek und Judith Butler reflektieren, analysieren und formulieren an für sie prägnanten Orten in New York über ihre Ideen und ihr Leben. Taylor hat einen „Walking Heads“-Film gemacht, der gleichzeitig viele für die Menschenrechtsarbeit wichtige Diskurse vorstellt und ihn damit zum geeigneten Eröffnungsfilm für ein Filmfestival über Menschen- und Bürgerrechte macht.
Freitag, 25. November, 19.00 Uhr
Verschiedene Filme von und über „Occupy Wall Street“ und „Occupy Berlin“
mit Thomas Scheffer (Videoatonale, Künstler, Institut für Kunst im Kontext, UdK Berlin) und Prof. Dr. Dieter Rucht (Soziologe, Bewegungsforscher, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), Freie Universität Berlin) und Vertretern der hiesigen Occupy-Bewegung
Moderation: Axel Bussmer
Arabischer Frühling – amerikanischer Herbst – deutscher Winter. Die Begeisterung für eine Protestbewegung, die einen Vorstoß in die Höhle des Löwen wagt – den symbolischen und de facto Sitz des internationalen Finanzwesens auf der Wall Street in New York – war die Inspiration für „Occupy Wall Street“. In den vergangenen Wochen schwappte die Bewegung nach Deutschland über. Auch in Berlin, in Rufweite des Bundestages, hat die Occupy-Bewegung ihre Zelte aufgeschlagen.
Das Programm für diesen Abend stellen wir im Moment zusammen – und ich werde euch danach verraten, welche Filme wir gezeigt haben.
Samstag, 26. November, 15.00 Uhr
All watched over by Machines of Loving Grace (GB 2011, Regie: Adam Curtis)
Moderation: Axel Bussmer
Der dreistündige Archiv-Essay-Film „All watched over by Machines of Loving Grace“ von Adam Curtis spannt einen weiten historischen Bogen – von den Vordenkern des Neoliberalismus wie Ayn Rand bis zu verheerenden Auswirkungen der brutalen Kolonialpolitik im Kongo. Curtis untersucht die Rolle staatlicher und großwirtschaftlicher Kontrolle – und inwieweit beide Instanzen miteinander verflochten sind. Außerdem beschäftigt er sich mit unserem Glauben, dass es perfekte Systeme geben kann, und wie Computer, anstatt unser Leben einfacher zu gestalten, unsere Weltsicht verändern.
Viel Stoff zum Nachdenken, an einem ruhigen Samstagnachmittag – und garantiert, wie die anderen Filme von Curtis nie im deutschen Fernsehen zu sehen.
Montag, 28. November, 19.00 Uhr
Censuren – en thriller (Schweden 2011, Regie: Peter Normark)
Dear Censor (GB 2011, Regie: Matt Petty)
The Magic Bullet (Ausschnitte, Schweden 2011, Regie: Markus Öhrn)
Einerseits gibt es in Demokratien keine Zensur. Andererseits gibt es Institutionen, die darüber entscheiden, wie alt man sein muss, um einen Film sehen zu können und die teilweise ein Entfernen der schlimmsten Szenen verlangen, bevor auch Erwachsene die Filme sehen dürfen. An diesem Abend beschäftigen wir uns mit der Filmzensur in Schweden und England.
Die schwedische Filmzensur hat pünktlich zum hundertsten Geburtstag die Arbeit eingestellt. In „Censuren – en Thriller“ wird gezeigt, wie die weltweit erste Filmzensurbehörde im Lauf der Jahre Filme zensierte und so auch eine alternative Sittengeschichte schrieb.
Das seit 1912 bestehende British Board of Film Classification (BBFC, bis 1984 British Board of Film Censors) ist noch aktiv. Matt Pellys „Dear Censor“ porträtiert die bisher fünf amtierenden britischen Oberzensoren, ihre Arbeitsauffassung, wie sie bestimmte Filme zensierte und wie die Regisseure mit ihr zusammen arbeiteten.
In der Black Box im Eingangsbereich des Arsenals ist für die Dauer des Festivals das 50-stündige Werk „The Magic Bullet“ von Markus Öhrn zu sehen. Öhrn hat dafür alle Filmszenen, die auf Anweisung der schwedischen Zensurbehörde aus Filmen herausgeschnitten wurden, zusammengetragen. In diesem filmischen Gedächtnis der anderen Art begegnen sich Softcorepornos, Splatterfilme, Filmkunst – und Burt Reynolds und Liza Minnelli.
Nach den beiden Dokumentarfilmen wollen wir uns mit Markus Öhrn über sein Kunstprojekt und die Bedeutung von Filmzensur im Wandel der Zeit unterhalten.
Dienstag, 29. November, 19.00 Uhr
Musik als Waffe (D 2010, Regie: Tristan Chytroschek)
Die brisantesten Enthüllungen von Wiki-Leaks betreffen die Militäroperationen der westlichen Streitkräfte in Vorderasien. „Musik als Waffe“ und „Remote Control War“ zeigen hoch unkonventionelle Waffen, die in den jüngsten Kriegen zum Einsatz kamen. In „Musik als Waffe“ wird gezeigt, wie mit Kinderliedern, Songs und lauten Geräuschen gefoltert werden kann.
Dienstag, 29. November, 21.30 Uhr
Remote Control War (Kanada 2010, R.: Leif Kaldor)
mit Otfried Nassauer (Leiter des Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit (BITS))
Moderation: Werner Koep-Kerstin
In „Remote Control War“ wird gezeigt, wie sich mit ferngesteuerten Drohnen der Krieg verändert. Dass in naher Zukunft effektive ferngesteuerte Kampfmaschinen mit Bauteilen vom Elektronikmarkt angefertigt werden können, ist dabei sicher eine sehr beunruhigende Vision künftiger Kriege, die von Soldaten, die ihn ihrem Wohnzimmer weitab des Kampfgebiete sitzen, geführt werden.
This is England – Ende einer Kindheit (GB 2006, R.: Shane Meadows)
Drehbuch: Shane Meadows
England während der Thatcher-Jahre: der zwölfjährige Skinhead Shaun findet in einem Exknacki einen Vaterersatz. Als dieser die Skins zu einer Nazigruppe machen will, folgt Shaun ihm blind.
Rabiates, autobiographisch gefärbtes, hochgelobtes Jugenddrama, das den British Independent Film Award und den BAFTA-Award als bester britischer Film erhielt und bei uns seine Premiere auf DVD erlebte.
„Der bewegende Film zeichnet das Porträt einer verlorenen Generation und zugleich die Studie einer in emotionaler Kälte erstarrten Gesellschaft.“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Stephen Graham, Thomas Turgose, Jo Hartley, Andrew Shim, Vicky McClure
Damals, Mitte der achtziger Jahre, war die kurzlebige TV-Serie „Street Hawk“ eine weitere TV-Serie, die im Fahrwasser von „Das fliegende Auge“, „Airwolf“ und „Knight Rider“, in denen Helden mit Hightech-Autos und -Hubschraubern, immer mit einem ordentlichen Science-Fiction-Touch, das Verbrechen bekämpften. In „Street Hawk“ kämpfen ein Hightech-Motorrad, von dem es nur einen Prototyp gibt, ein Super-Fahrer und ein in der geheimgehaltenen Zentrale sitzender Tüftler, gegen das Verbrechen in Los Angeles. Bei uns wurde die Serie 1986/1987 von RTLplus gezeigt.
Heute ist „Street Hawk“ eine dieser Achtziger-Jahre-Serien, bei der bemerkenswert ist, dass nichts bemerkenswert ist. Denn ohne die dicke Nostalgiebrille und gesteigertes Fantum („Ich muss jeden Auftritt von George Clooney haben.“) ist „Street Hawk“ zum Vergessen.
Es gibt, immerhin, einige Auftritte von Gaststars, wie George Clooney (ganz am Anfang seiner Karriere), Dennis Franz (lange vor dem „NYPD Blue“-Ruhm), Bianca Jagger (einer der wenigen Filmauftritte der damals vor allem als Ex-Frau von Mick Jagger bekannten Schönheit, die einfach nur ihren Körper präsentieren musste), Sybil Danning (damals, hm, nun, der Sex- und B-Picture-Star), und bewährten Recken, wie Clu Gulager, Michael Horsley, Christopher Lloyd („Zurück in die Zukunft“) und Charles Napier, und eine durchaus prophetische Sicht künftiger Straßenkriminalitätsbekämpfung.
Denn „Street Hawk“ ist ein Motorrad, das mit einigen Schusswaffen und einem Laserstrahler ausgerüstet ist, das unglaublich schnell fahren kann (besonders wenn in der Zentrale der Düsenantrieb, der hier „Hyberthrust“ heißt, eingeschaltet wird), via Funk in ständigem Kontakt mit der Zentrale steht (gut, das war schon damals keine Utopie) und in Echtzeit superscharfe Bilder in sie überträgt. Dort können die Bilder in Sekundenschnelle, auch über verschiedene Datenbanken, analysiert werden. Das war damals noch reine Zukunftsmusik.
Und wenn Norman Tuttle, der Erfinder des Motorrads Street Hawk, bei einer langwierigen Recherche von Akten und Zeitungsartikeln entnervt fordert, dass alle Daten in den Computer eingegeben werden sollten, damit er sie sofort auf Gemeinsamkeiten durchsuchen kann, dann war das damals eine spinnerte Zukunftsvision. Heute machen wir genau das täglich mindestens einmal, wenn wir bei Google (oder einer anderen Suchmaschine) ein Wort eingeben oder uns, bei Amazon, via Data-Mining, Buchempfehlungen geben lassen. Auch dass Tuttles Zentrale über das Telefonnetz arbeitet und, wenn die Telefongesellschaft in „Goldraub“ an den Leitungen arbeitet, die Technik in der Zentrale und dem Motorrad nicht mehr einwandfrei funktioniert, ist für uns längst Alltag.
Dieser Norman Tuttle (Joe Regalbuto) ist der in den typischen Hollywood-Klischees verhaftete, von der Regierung bezahlte Wissenschaftler, der das Motorrad entwickelte und jetzt mit Jesse March (Rex Smith) als Fahrer des Motorrads seine Erfindung einem Test unterziehen will. Dieser Praxistest ist so geheim, dass niemand davon etwas erfahren darf. Auch Jesse March darf niemandem davon erzählen. Das sorgt für Konflikte, wenn er der Frau, die er gerade als Street Hawk gerettet hat, seine wahre Identität nicht verraten darf, und wenn er bei seiner Tagesarbeit bei der Polizei im Bereich Öffentlichkeitsarbeit, wo er nach einem Unfall hinversetzt wurde, sich immer wieder frei nehmen muss, um als Street Hawk das Verbrechen zu bekämpfen. Natürlich ist Jesse March das absolute Gegenteil von Tuttle: er ist ein Frauenschwarm, sportlich und für ihn ist die Maschine einfach nur ein tolles Motorrad. Für Tuttle ist sie der heilige Gral.
Die Fälle sind, auch nach dem damaligen TV-Standard betrachtet, mau und wirken oft, als ob man ein Drehbuch für eine 25-minütige Episode auf 45 Minuten gestreckt habe . Mal will ein Gangsterboss „Street Hawk“ umbringen und er engagiert dafür einen Fahrer (Georg Clooney), der ein alter Freund von Jesse March ist. Mal hilft Jesse March einer alten halbchinesischen Freundin und er muss sich entscheiden, ob er sie mit ihrem neuen Freund in den Osten gehen lässt (jaja, „Casablanca“). Mal hilft er einer sich auf der Flucht vor Gangstern befindenden Kronzeugin (Sybil Danning), mal soll ein reicher Erbe vor unbekannten Attentätern beschützt werden (immerhin hat in dieser Folge Dennis Franz einige großartige Auftritte), mal soll ein gestohlenes Pferd gefunden werden. Die Plots sind alle mit heißer Nadel gestrickt und dienen nur als Entschuldigung für die langen Action-Szenen, die sich, musikalisch unterlegt von „Tangerine Dream“ (damals eine vor allem im Ausland populäre deutsche Elektronik-Band), weitgehend in Fahrten auf Street Hawk erschöpfen.
Die DVD-Ausgabe ist wirklich nur den Die-Hard-Fans und den unverbesserlichen Nostalgikern zu empfehlen. Die Bildqualität ist erschreckend schlecht, auf Untertitel und Bonusmaterial wurde verzichtet. Dabei hätte es durchaus eine ausführliche „Street Hawk“-Doku (siehe unten) gegeben.
Street Hawk – Die komplette Serie (Street Hawk, USA 1985)
Erfinder: Bruce Lansbury, Robert Woltersdorff, Paul M. Belous
mit Rex Smith (Jesse March), Joe Regalbuto (Norman Tuttle), Richard Venture (Lt. Commander Leo Altobelli), Jeannie Wilson (Rachel Adams)
Musik: Tangerine Dream
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DVD
Polyband
Bild: 4:3 (1,33:1)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital Mono 2.0)
Untertitel: –
Bonusmaterial: Wendecover
Länge: 630 Minuten (4 DVDs)
FSK: ab 12 Jahre
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Die Ausflüge von „Street Hawk“
Pilotfilm (Pilot)
Regie: Virgil W Vogel
Drehbuch: Robert Wolsterdorff, Paul M. Belous
mit James Avery, Christopher Lloyd
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Der beste Freund (The second self)
Regie: Virgil W. Vogel
Drehbuch: Bruce Cervi, Nichoals Corea
mit George Clooney
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Joe Cannon kommt (The Adjuster)
Regie: Virgil W. Vogel)
Drehbuch: Nicholas Corea
mit Michael Horsley
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Die Kronzeugin (Vegas Run)
Regie: Virgil W. Vogel
Drehbuch: Deborah Davies)
mit Sibyl Danning, Gregory Itzin
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Der Mord auf Video (Dog Eat Dog)
Regie: Daniel Haller
Drehbuch: Bruce Cervi, Nicholas Corea
mit James Whitmore jr., Lee Ving (u. a. Flashdance, Straßen in Flammen, Black Moon), Charles Lampkin (irgendwie kommt mir das Gesicht bekannt vor)
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Brandstiftung (Fire on the Wing)
Regie: Virgil W. Vogel
Drehbuch: John Huff, L. Ford Neale
mit Clu Gulager
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Alte Zeiten werden werden wach (Chinatown Memories)
Regie: Paul Stanley
Drehbuch: Deborah Davis, Hannah Shearer
mit Keye Luke
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Der Doppelgänger (The unsinkable 453)
Regie: Kim Manners
Drehbuch: Paul M. Belous, Robert Wolterstorff
mit Bianca Jagger
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Tödlicher Waffenschmuggel (Hot Target)
Regie: Harvey Laidman
Drehbuch: Deborah Davis, Sheldon Willens
mit Charles Napier
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Schriftsteller leben gefährlich (Murder is a Novel Idea)
Regie: Harvey Laidman
Drehbuch: Karen Harris
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Das arabische Vollblut (The Arabian)
Regie: Richard Compton
Drehbuch: Joseph Gunn
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Das falsche Opfer (Female of the Species; auch bekannt als „The Assassin“)
Regie: Harvey Laidman
Drehbuch: Karen Harris
mit Tom Everett, Dennis Franz
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Goldraub (Follow the Yellow Gold Road)
Regie: Daniel Haller
Drehbuch: Burton Armus
mit Harry Northup, Don Swayze (der jüngere, ihm verdammt ähnlich sehende Bruder von Patrick Swayze)
Die frisch geschiedene Meg Altman entdeckt mitten in Manhattan ihr Traumhaus. In ihm ist sogar, letzter Schrei der Sicherheitsindustrie für ängstliche, stinkreiche Großstädter, ein Panic Room. In diesen sicheren Raum kann sich der Hausbesitzer während eines Einbruchs zurückziehen und abwarten bis die Polizei anrückt. Meg hält den Raum für überflüssig, aber als in der Nacht drei Einbrecher auftauchen, flüchtet sie mit ihrer Tochter in den Panic Room. Dummerweise wollen die Einbrecher die in diesem Zimmer versteckten Millionen des Vorbesitzers stehlen.
Das mag jetzt neu klingen, aber im Kern erzählt „Panic Room“ eine uralte, aus jedem zweiten Western bekannte Story. Tauschen Sie einfach den Panic Room gegen ein Fort oder eine Wagenburg; die Einbrecher gegen Indianer aus und Sie wissen genau, in welchem Moment die Kavallerie auftaucht. Oh, und in welchem Zustand das Haus ist.
David Koepp und David Fincher machen daraus einen spannenden Hightechthriller.
Oder sagen wir es mit den Worten von Georg Seeßlen: Panic Room „ist vor allem ein reduzierter, ebenso brillant konstruierter wie fotografierter Thriller, ein Kammerspiel des Terrors, das alle Elemente, die am Anfang eingeführt wurden, beständig transponiert, wendet und variiert. Insofern ist Panic Room ein Stück reiner Film-Komposition, in der Sujets, Objekte und Einstellungen die Rollen von Melodien, Takten und Tönen übernehmen (…). Und wie für eine musikalische Komposition, so gilt auch für Panic Room: Es kommt nicht allein auf die Erfindung einer Melodie an, sondern auch darauf, was ein Interpret mit ihr anzustellen weiß.“ (in Frank Schnelle [Hrsg.]: David Fincher)
Mit Jodie Foster, Kristen Stewart, Forest Whitaker, Dwight Yoakam, Jared Leto, Patrick Bauchau, Andrew Kevin Walker (der „Se7en“-Drehbuchautor spielt den verschlafenen Nachbarn)