Drehbuch: Michelangelo Antonioni, Tonino Guerra, Edward Bond (Mitarbeit Dialoge)
LV: Julio Cortázar: Las Babas del diablo, 1959 (Kurzgeschichte, „Der Teufelsgreifer“ in Der Verfolger)
London: ein Modefotograf entdeckt, als er ein in einem Park geschossenes Foto, vergrößert, eine Leiche. Auf seiner Suche nach der Leiche und dem Mörder vermischt sich für ihn immer mehr Schein und Realität.
Das klingt jetzt nach einem Mystery-Thriller, aber der Krimiplot ist für Antonioni nur die Krücke für eine Odyssee durch das Swinging London, eine Meditation über die Wirklichkeit und eine weitere Analyse der Bindungslosigkeit der Großstädter.
Und das klingt jetzt doch zu sehr nach drögem Kunstgewerbe. Dabei ist „Blow up“ reinstes Kino und ein präzises Porträt einer bestimmten Zeit und eines Ortes.
Herbie Hancock schrieb die Musik. Rocksongs, wozu auch ein Konzert der Yardbirds gehört, ergänzen seinen Score.
„‘Blow up’ wurde nicht nur ein Schlüsselfilm der 60er Jahre, sondern auch – gerade wegen der Zensureingriffe in mehreren europäischen Ländern (die vor allem die Szene mit den zwei Mädchen betraf) – Antonionis einziger kommerzieller Erfolg.“ (Claudia Lenssen, in Michelangelo Antonioni, Hanser Reihe Film 31)
Anschließend, um 01.15 Uhr, läuft „Zabriskie Point“ oder Michelangelo Antonioni besucht die Hippies in den USA und verirrt sich in der Wüste. Ebenfalls sehenswert!
mit David Hemmings, Vanessa Redgrave, Sarah Miles, John Castle, Peter Bowles, Jane Birkin, Veruschka von Lehndorff (als Veruschka)
LV: Edgar Wallace: The Squeaker, 1927 (Der Zinker)
In London haben alle Verbrecher Angst vor dem Zinker. Aber wer ist der geheimnisvolle Mann?
Ein früher Edgar-Wallace-Film, der lange Zeit als verschollen galt, vor zwei Jahren aus zwei in Archiven gefundenen Kopien restauriert wurde und heute, als Abschluss eines Edgar-Wallace-Abends (nach „Das Gasthaus an der Themse“ um 20.15 Uhr und der neuen Doku „German Grusel“ um 21.45 Uhr) seine TV-Premiere erlebt.
LV: Jim Thompson: The Grifters, 1963 (Muttersöhnchen, Die Abzocker)
Roy Dillon schlägt sich als kleiner Trickbetrüger mehr schlecht als Recht durch. Als er an eine größere Menge Geld kommt, haben seine Freundin Mary und seine Mutter Lilly plötzlich Interesse an ihm; besonders an dem Geld.
Der potentielle Klassiker basiert auf einem der besten und düstersten Bücher von Thompson. Westlake schrieb ein grandioses Drehbuch, und das gesamte Team (es wäre wirklich unfair, eine einzelne Person herauszuheben) gab ihr bestes. „The Grifters ist ein starkes Stück Kino, ein Krimi, der seinen Alptraum formvollendet präsentiert.“ (Fischer Film Almanach)
Mit Anjelica Huston, John Cusack, Annette Bening, Pat Hingle, Charles Napier, J. T. Walsh, Xander Berkeley
Polizeiruf 110: Denn sie wissen nicht, was sie tun (D 2011, R.: Hans Steinbichler)
Drehbuch: Christian Jeltsch
Nach einer Bombendrohung geht in einem Fußgängertunnel neben Kommissar Hanns von Meuffels die Bombe hoch. Als er den im Sterben liegenden Attentäter entdeckt, will er herausfinden, ob es noch einen weiteren Anschlag gibt. Von Meuffels bleibt bei dem Sterbendem.
Sodele, das ist der „Polizeiruf 110“, der aus Jugendschutzgründen zu schlimm für eine 20.15-Uhr-Ausstrahlung war: „Der Anschlag des Selbstmordattentäters, die Tunnelszenen und die Szenen vor dem Tunnel sind für die jugendschutzrechtliche Bewertung die wesentlichen Szenen. Die Vielzahl der schrecklichen Bilder nach dem Selbstmordattentat im Tunnel und die durchgängig gehaltene Spannung, durch die Angst vor einem weiteren Attentat, sind für Kinder als problematisch anzusehen. Entspannende Momente finden kaum statt“. (BR)
Jetzt können wir uns überzeugen, ob die Münchner wirklich einen so schlimmen Film produziert haben, der Unter-14-Jährigen (die um 20.15 Uhr, falls sie sich überhaupt für so einen Film interessieren, an einem Sonntagabend eigentlich auf dem Weg ins Bett sein sollten) nachhaltig den Schlaf und das Vertrauen in den Staat rauben könnte.
Immerhin soll dieser „Polizeiruf 110“ verdammt gut sein, er das Kompetenzgerangel der verschiedenen Dienststellen und überforderte und hilflose Ermittler zeigen. Das hört sich doch mal nach einer verdienten Auszeit vom gepflegt-langweiligen „Tatort“/“Polizeiruf 110“-Einerlei an.
mit Matthias Brandt, Anna Maria Sturm, Sebastian Urzendowsky, Rainer Bock, Saskia Vester
P. S.: Sie sollten den Film aufnehmen. Denn, auch wenn er in die Mediathek gestellt wird, können Sie ihn da auch erst nach 22.00 Uhr sehen. Wegen des – Sie ahnen es – Jugendschutzes.
Garda Sergeant Gerry Boyle (Brendan Gleeson) ist Kleinstadt-Polizist im County Galway und er hat schon alles gesehen. Naja, alles, was es so normalerweise in der westirischen Provinz gibt. Entsprechend gelangweilt reagiert er zuerst auf einen Autounfall von einigen Jugendlichen und nachdem er die am Unfallort gefundenen Drogen probiert, sieht der Tag auch schon viel besser aus. Auch als er einen Erschossenen entdeckt, lässt er sich nicht aus seinem Trott reißen.
Die kurz darauf anberaunte große Sitzung aller westirischen Polizisten, die von einem FBI-Agenten über einen anstehenden großen Drogendeal informiert werden, ist für ihn nur ein weiteres Zeit vergeudendes Treffen, das er immerhin dafür nutzen kann, den FBI-Agenten Wendell Everett (Don Cheadle) ordentlich zu beleidigen. Denn dieser kommt nicht nur aus den USA (schon schlimm), ist einer der typischen geschniegelten, alles besser wissenden FBI-Agenten (noch schlimmer), sondern auch noch ein Farbiger.
Aber als Boyle die Bilder der Drogenschmuggler sieht, ändert sich alles. Denn einer von ihnen ist der in seinem Revier gefundene und bislang namenlose Ermordete.
Notgedrungen müssen Boyle und Everett zusammen arbeiten. Denn dieses Mal stimmt die Spur des FBI. Die Drogenhändler Francis Sheehy-Skeffington (Liam Cunningham), Liam O’Leary (David Wilmot) und Clive Cornell (Mark Strong), der als Ersatzmann für den Toten eingesprungen ist und von seinen Kollegen und dem ganzen Verbrecherscheiß ziemlich genervt ist, wollen in Boyles Revier einen Drogendeal durchführen.
Während „The Guard – Ein Ire sieht schwarz“ in seinem Hauptplot eher lässig den Konventionen des Buddy-Movies folgt, in dem zwei ungleiche Partner sich zusammenfinden müssen und dabei einige Verbrecher verhaften (oder gleich umbringen, weil die Bösewichter sich nicht verhaften lassen wollen), schweift John Michael McDonagh (dem Bruder von „Brügge sehen…und sterben?“-Macher Martin McDonagh) in seinem schwarzhumorigem Spielfilmdebüt immer wieder ab. Vor allem Boyles Privatleben zwischen einsamen Abenden vor dem Fernseher und Sex im Hotelzimmer mit Prostituierten (beides natürlich immer mit Alkohol abgeschmeckt) und seine Beziehung zu seiner sterbenden Mutter werden ausführlich, teilweise auf Kosten des Krimiplots, gezeichnet.
„The Guard“ ist halt wie ein Abend in einem irischen Pub. Etwas ziellos, aber voller guter und oft haarsträubender Geschichten, mit viel Sentiment, etwas Sex und einer ordentlichen Portion Gewalt. Nur das Pint muss man schon selbst mitbringen.
The Guard – Ein Ire sieht schwarz (The Guard, Großbritannien/Irland 2010)
Mitte der sechziger Jahre werden die drei jungen Mossad-Agenten Stephen Gold (Marton Csokas/Tom Wilkinson), David Peretz (Sam Worthington/Ciarán Hinds) und Rachel Singer (Jessica Chastain/Helen Mirren), bei ihrem ersten Feldeinsatz, undercover nach Ost-Berlin geschickt. Sie sollen Dieter Vogel (Jesper Christensen), der als „Chirurg von Birkenau“ einer der schlimmsten KZ-Ärzte war und jetzt als Frauenarzt in Ost-Berlin arbeitet, identifizieren und nach Israel entführen. Dort soll er vor Gericht gestellt werden. Der Einsatz geht teilweise schief und dreißig Jahre später sind Gold, Peretz und, vor allem, Singer für ihre damalige Heldentat, die inzwischen zu einem Nationalmythos wurde, berühmt. Doch die Heldensaga hat, wie wir spätestens seit dem Western-Klassiker „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ wissen, mit der Wahrheit nur wenig zu tun und jetzt könnte die Wahrheit bekannt werden.
John Madden (Shakespeare in Love, Killshot) erzählt in „Eine offene Rechnung“ die Geschichte von Rachel Singer, die zur Heldin der Mission wurde und deren Tochter jetzt ein Buch über ihre Heldentat geschrieben hat, elegant auf zwei Zeitebenen und zwischen Legende und Wirklichkeit wechselnd.
So wird aus dem Thriller schnell ein tolles Drama um Schuld und Sühne, um das Leben mit einem selbstgeschaffenem Mythos, um einen daraus entstandenen Nationalmythos und der Frage, welchen Preis man bereit ist, für die Wahrheit zu zahlen.
Das sind schwere moralische und politische Fragen, die von John Madden, den Drehbuchautoren Matthew Vaughn (Kick-Ass, X-Men: Erste Entscheidung), Jane Goldman (dito) und Peter Straughan (Männer, die auf Ziegen starren; Dame, König, Ass, Spion), dem hochkarätigem Ensemble und Kameramann Ben Davis (Layer Cake, Kick-Ass) in erster Linie über die Bilder transportiert werden.
So entstand angenehm altmodisches Erzählkino, bei dem die Geschichte im Mittelpunkt steht, und das auch wegen seiner Handlungszeit (1965/66 und 1997) wie aus der Zeit gefallen wirkt, aber immer noch aktuelle Fragen stellt.
Eine offene Rechnung (The Debt, USA 2010)
Regie: John Madden
Drehbuch: Matthew Vaughn, Jane Goldman, Peter Straughan (nach dem Drehbuch des Films „Ha-Hov“ von Assaf Bernstein und Ido Rosenblum)
mit Helen Mirren, Tom Wilkinson, Ciarán Hinds, Jessica Chastain, Marton Csokas, Sam Worthington, Jesper Christensen, Brigitte Kren
Eine schwüle Sommernacht in Brooklyn – und alle Treffen sich in Sal’s Pizzeria.
Spike Lees dritter Spielfilm und inzwischen ein Klassiker.
„Lee macht im Grunde etwas sehr Mutiges. Er hält seinen eigenen Leuten ihren eigenen Rassismus vor. Erst wenn sie dies erkennen, sind sie in der Lage, anders mit dem Rassismus der Weißen umzugehen, als es das Ende des Films zeigt.“ (Fischer Film Almanach 1990)
„Das Richtige getan hat Lee, indem er einen Film gedreht hat, der seine Dringlichkeit in keinem Augenblick vermeint, ohne deshalb Lösungen mit auf den Weg geben zu wollen. Statt die eine richtige Position zu behaupten, orchestriert Lee virtuos eine Vielzahl von Positionen.“ (Cristina Nord, in Gunnar Landsgesell/Andreas Ungerböck, Hrsg.: Spike Lee, 2006)
mit Danny Aiello, Ossie Davis, Ruby Dee, Richard Edson, Spike Lee, Giancarlo Esposito, Bill Nunn, John Turturro, John Savage, Samuel L. Jackson, Rosie Perez, Martin Lawrence
Blutrot (USA 2008, R.: Lucky McKee, Trgve Allister Diesen)
Drehbuch: Stephen Susco
LV: Jack Ketchum: Red, 1995 (Blutrot)
Drei Jugendliche bringen den Hund von Avery Ludlow um. Ludlow will, dass die Jugendlichen ihr Unrecht einsehen. Dafür legt er sich mit dem neureichen Daddy von zwei der Jugendlichen.
Grandioses Drama, das hemmungslos Western-Topoi plündert, und ernsthaft Fragen über Verantwortung, Gerechtigkeit und Menschlichkeit behandelt.
Oder: der beste Clint-Eastwood-Film des Jahres ohne Clint Eastwood.
Mit Brian Cox, Noel Fisher, Tom Sizemore, Kyle Gallner, Shiloh Fernandez, Kim Dickens, Robert Englund, Amanda Plummer, Delaney Williams
Johnny zieht in den Krieg (USA 1971, R.: Dalton Trumbo)
Drehbuch: Dalton Trumbo, Luis Buñuel (ungenannt)
LV: Dalton Trumbo: Johnny got his gun, 1939 (Süß und ehrenvoll; Johnny zieht in den Krieg)
Im Ersten Weltkrieg wird der junge Johnny schwer verletzt. Ohne Arme und Beine, blind, taub und stumm wird er im Krankenhaus zum Versuchtstier von Ärzten und Johnny versucht sein Leiden zu begreifen.
Sehr selten gezeigter Antikriegsklassiker, der damals bei der europäischen Kritik (unter anderem Spezialpreis der Jury und Großer Preis der Kritik in Cannes) gut ankam. In den USA nicht so. .
mit Timothy Bottoms, Kathy Fields, Marsha Hunt, Jason Robards, Donald Sutherland
Drehbuch: Alain Delon, Jean Curtelin, Jacques Deray
LV: Gilles Perrault: Le dérapage, 1987 (Doppelmord in der Avenue Victor Hugo)
Nachdem Anwalt Durand einen Freispruch für seinen Mandanten, der seine Eltern bestialisch ermordet haben soll, kommen ihm Zweifel an dessen Unschuld. Während eines nächtlichen Gesprächs will Durand die Wahrheit herausfinden.
Spannendes Psychoduell, das zwar mit einer arg hypothetischen Prämisse (Warum sollte sich der Anwalt darum kümmern, ob sein Mandant schuldig oder unschuldig ist?) beginnt und ein starkes 80er-Jahre Flair hat, aber mit Manuel Blanc eine echte Entdeckung liefert.
Endlich, der %&##§$% Wahlkampf ist vorbei und Deutschlands bester Hauptstadtsender liefert die Wahlergebnisse. Bis 21.00 Uhr ohne große Unterbrechungen (Abendschau und Tagesschau zählen nicht wirklich), danach gibt’s eine kurze Pause und ab 23.30 Uhr werden weitere Ergebnisse geliefert.
Wetten, dass alle Politiker erklären, dass sie gewonnen haben?
Wetten, dass die Piraten nicht wissen, was sie sagen sollen?
Frank James, der inzwischen ganz friedliebender Farmer ist, erfährt, dass Bob Ford, der Mörder seines Bruders Jesse, freigesprochen wurde. Er beschließt, Jesses Mörders zu töten.
Fritz Langs erster Farbfilm und Western, der mit der historischen Wirklichkeit nicht allzuviel zu tun hat. Danach drehte er noch zwei weitere Western: „Western Union“ (Überfall der Ogalalla) und „Rancho Notorious“ (Engel der Gejagten).
Eine feine Räuberpistole
mit Henry Fonda, Gene Tierney, Jackie Cooper, Henry Hull, John Carradine
Beginnen wir mit der guten Nachricht: Sie müssen sich keine Sorge um ihre Rente machen. Auch nicht, ob Sie im Alter gut gepflegt werden.
Und nun die schlechte: Wie eine Texttafel am Anfang des deutsch-schweizerischen Science-Fiction-Films „Hell“ (schön doppeldeutiger Titel) informiert, geht 2016 sowieso alles den Bach runter, die Sonne verwandelt Europa in eine Steppenlandschaft, die die Sahara wie das blühende Leben aussehen lässt, die meisten Menschen sind tot und an die Sozialsysteme denkt sowieso niemand mehr. Bankenkrise und Griechenland-Rettung sind auch Schnee von gestern. Schließlich ist unsere heißgeliebte Zivilisation zusammengebrochen und es herrscht das Recht des Stärkeren.
Im Mittelpunkt des Films steht eine Gruppe von jungen Menschen: Marie (Hannah Herzsprung), die ihre zwölfjährige Schwester Leonie (Lisa Vicari) beschützt, deren Fahrer Phillip (Lars Eidinger) und Tom (Stipe Erceg), den sie an einer verlassenen Tankstelle treffen.
Gemeinsam wollen sie in die Berge. Denn dort soll es Wasser geben.
Auf ihrem Weg treffen sie eine Bäuerin (Angela Winkler). Die nimmt Marie, die nach einem Zusammenstoß mit einer Verbrecherbande, allein ist, auf. Die große Bauernfamilie auf dem einsam gelegenen Hof gibt sich betont freundlich, bis Marie das Geheimnis des Clans entdeckt und sie sich gegen die ihr zugedachte Rolle wehrt.
Tim Fehlbaum hat in seinem Debütfilm so vieles richtig gemacht, dass man eigentlich nur noch an einigen Kleinigkeiten, wie der arg knappen Charakterisierung der Protagonisten, dem manchmal nicht stringentem Verhalten der Protagonisten gegenüber den Sonnenstrahlen und dem letzten Drittel, das tief, aber spannend, in die Kiste des Backwood- und Survival-Horrors greift, herummäkeln kann.
Dagegen steht Fehlbaums kluge Entscheidung, sich wirklich auf das Genre einzulassen und, wenn auch wenig überraschend entlang den Konventionen des postapocalyptischen Science-Fiction-Films, eine stringente Geschichte über eine Gruppe von Menschen in einer Extremsituation zu erzählen.
Er hat ein Gespür für Stimmungen. Der Bildaufbau überzeugt. Die Vision der heißen Zukunft, in der in Europa alles verdorrt ist, wird mit bedrückend-eindrücklichen, meist überbelichteten Bildern (ein einfacher, aber effektvoller Trick) gezeichnet. Die wenigen Dialoge sind nicht zum Weglaufen. Sowieso erzählt Fehlbaum seine Geschichte, wie es sich für einen Kinofilm gehört, in erster Linie über die Bilder.
So wirkt „Hell“ öfters wie der Bastard-Bruder des in philosophischer Sicht beeindruckenderen SF-Films „The Road“. Aber John Hillcoat hatte für seinen Film auch eine Vorlage von Cormac McCarthy.
Dafür hat Fehlbaum Angela Winkler, die als tiefgläubige Bäuerin wie die Wiedergeburt von Hannibal Lecter im Rock erscheint.
Insgesamt ist „Hell“ ein beeindruckendes Debüt, das zeigt, dass auch in Deutschland Science-Fiction-Filme gedreht werden können, die ihr schmales Budget (im Vergleich zu einer Hollywood-Produktion) mit guten Ideen ausgleichen. Nach Südafrika („District 9“) und England („Moon“) zeigt jetzt Deutschland, dass im Moment die interessantesten Science-Fiction-Filme von den Rändern kommen und, wenn es für uns dumm läuft, dreht Fehlbaum, wie einige andere hoffnungsvolle deutsche Nachwuchsregisseure, die hier kein Geld für ihre Filme erhielten, seinen nächsten Film in Hollywood.
Kurz gesagt: „Hell“ ist ein absolut sehenswerter Science-Fiction-Film. Auch ohne den patriotischen Bonus.
Hell (Deutschland/Schweiz 2011)
Regie: Tim Fehlbaum
Drehbuch: Tim Fehlbaum, Oliver Kahl, Thomas Woebke
Bretagne: Ein zehnjähriges Mädchen wird erdrosselt und vergewaltigt gefunden. Für die Kommissarin Lesage ist der Hauptverdächtige der erfolglose Zeichenlehrer der Ermordeten. Während sich der Verdächtige immer mehr zurückzieht, beginnt seine Frau für ihn zu kämpfen.
Eine weitere gelungene Zusammenarbeit des Teams Barski/Chabrol. In diesem ruhigen Provinzkrimi geht es um die verschiedenen Formen von Lüge.
Mit Sandrine Bonnaire, Jacques Gamblin, Antoine de Caunes, Valeria Bruni Tedeschi, Bernard Verley, Bulle Ogier
Ein beliebter Sportlehrer in einem Nobelort in Florida weist die sexuellen Avancen einer reichen Schülerin zurück. Danach behauptet sie, er habe sie vergewaltigt. Die Polizei glaubt ihr nicht, bis eine zweite Schülerin den gleichen Vorwurf erhebt.
Und das ist nur eine der ersten überraschenden Wendungen in diesem kleinen Thriller, bei dem die Stars lustvoll ihr Image ausfüllen, gegen es anspielen und sich (und uns) letztendlich fast ständig belügen. Denn in „Wild Things“ ist, unter der Sonne Floridas, nichts so wie es scheint. Eine schöne „Sommernachtsfantasie“.
Mit Kevin Bacon, Matt Dillon, Neve Campbell, Theresa Russell, Denise Richards, Robert Wagner, Bill Murray
Polizeiruf 110: Er sollte tot (D 2006, R.: Dominik Graf)
Drehbuch: Rolf Basedow
Die junge Prostituierte Maria ermordet den Rentner Waller. In dem Verhör will Kommissar Tauber herausfinden, warum sie das tat.
Für sein Drehbuch stützte Rolf Basedow sich auf die Protokolle eines wahren Falles aus Schleswig-Holstein. Und Dominik Graf inszenierte das Zusammentreffen zwischen dem ruppigen, einarmigen Kommissar Tauber und der jungen Mörderin mit seiner gewohnten Meisterschaft.
Dominik Graf und Rolf Basedow sind nach „Sperling und das Loch in der Wand“, „Sperling und der brennende Arm“ und „Hotte im Paradies“ ein erprobtes Team für erstklassige Unterhaltung. Zuletzt arbeiteten sie bei der TV-Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ zusammen.
Fegefeuer der Eitelkeiten (USA 1990, R.: Brian De Palma)
Drehbuch: Michael Cristofer
LV: Tom Wolfe: The Bonfire of the Vanities, 1987 (Fegefeuer der Eitelkeiten)
Ein Yuppie überfährt nachts einen Afroamerikaner und alle haben endlich die Story ihres Lebens.
Damals zu Unrecht verrissene und geflopte eigenständige Verfilmung eines grandiosen Buches über New York, die Achtziger, Ehrgeiz, Yuppies, Schwarze, Bürgermeister und – in diesem Sumpf niederer Gelüste – ein Richter als moralische Instanz. Noir im Gewand von Satire, Sittenbild und hoher Literatur.
Michael Cristofer schrieb auch das Drehbuch zu „Die Hexen von Eastwick“, zur vor Ewigkeiten geplanten und inzwischen auf unbekannte Zeiten verschobenen Michael Connelly-Verfilmung „Im Schatten des Mondes“ (Void Moon) und zum in Planung befindlichen „The Thomas Crown Affair II“ (wieder mit Pierce Brosnan und basierend auf Eric Amblers „Topkapi“). Außerdem drehte er die Cornell Woolrich-Verfilmung „Original Sin“.
Mit Bruce Willis, Tom Hanks, Melanie Griffith, Kim Cattrall, Morgan Freeman, F. Murray Abraham