Out of time – Sein Gegner ist die Zeit (USA 003, R.: Carl Franklin)
Drehbuch: David Collard
Matt Whitlock schiebt als Polizeichef von Banyan Key eine ruhige Kugel in dem Sunshine State Florida. Seine verheiratete Geliebte Ann verzuckert seinen Alltag. Als sie unheilbar an Krebs erkrankt und ihn als Begünstigten in ihre Lebensversicherung einsetzt, will er ihr helfen. Er gibt ihr die seinem Polizeisafe gebunkerte halbe Million Dollar Drogengeld. Wenige Stunden später sind sie und ihr Mann tot. Sie wurden ermordet und anschließend verbrannt. Whitlocks Ex Alex leitet die Ermittlungen. Alle Beweise deuten auf den unbekannten Geliebten als Mörder. Matt Whitlock muss daher das Komplott aufdecken, bevor er als Mörder verhaftet wird.
Für Genre-Junkies ist der wunderschön entspannte Florida-Noir-Thriller „Out of Time – Sein Gegner ist die Zeit“ ein Festschmaus.
Collard schrieb ein wendungsreiches, kunstvoll die Balance zwischen Tradition und Innovation haltendes, Drehbuch. Franklin setzte es punktgenau um. Das Ensemble, angeführt von dem immer guten Denzel Washington, spielte genussvoll auf. Gerade die vielen Nebendarsteller, wie der Pathologe (als Sidekick des Helden ist er natürlich sehr wichtig), die Untergebenen von Alex und Matt, die DEA-Agenten, der Hotelchef und die ältere Zeugin, hatten prächtige Auftritte. Die Stuntmen durften vor allem bei einem Kampf auf Leben und Tod an einem Balkongitter im siebten Stock eines Hotels ihr Können zeigen. Die Aufnahmen Florida, besonders der Sonnenuntergängen, sind traumhaft und die Musik von Graeme Revell gibt allem einen entspannt-südamerikanischen Touch.
Mit Denzel Washington, Eva Mendes, Salma Latham, Dean Cain, John Billingsley
Tödliche Versprechen – Eastern Promises (GB/USA/Can 2007, Regie: David Cronenberg)
Drehbuch: Steven Knight
Eine Hebamme gerät zwischen die Fronten der Russenmafia. Denn sie besitzt ein Tagebuch, das einige Verbrecher belastet. Ein Killer soll sie umbringen.
Hartes, in London spielendes, top besetztes Gangsterdrama von David Cronenberg.
Steven Knight schrieb unter anderem das Oscar- und BAFTA-nominierte und mit dem Edgar Allan Poe-Preis ausgezeichnete Drehbuch zum Stephen Frears-Film „Kleine schmutzige Tricks“ (Dirty Pretty Things, GB 2002).
„Eastern Promises“, wurde, oft in den Kategorien, bester Film, beste Regie, beste Hauptrolle und bestes Drehbuch, für zahlreiche Preise nominiert und erhielt auch einige. Knights Drehbuch war für den Edgar nominiert.
Im Moment arbeiten Steven Knight, David Cronenberg und Viggo Mortensen an einer Fortsetzung von „Eastern Promises“.
mit Viggo Mortensen, Naomi Watts, Armin Müller-Stahl, Vincent Cassel
Tödliche Entscheidung (USA 2007, R.: Sidney Lumet)
Drehbuch: Kelly Masterson
Andy, der für Drogen Geld aus der Firmenkasse nahm, kann seinen Bruder Hank überreden, das elterliche Juweliergeschäft zu überfallen. Der Überfall, auch weil die Mutter gar nicht daran denkt, irgendwelchen hergelaufenen, maskierten Verbrechern die Juwelen zu geben, geht schief – und dann bröckelt die heile Fassade der Familie verdammt schnell ab.
Mit seinem bislang letztem Film drehte Sidney Lumet, nach einigen schwächeren Werken, mit einer Familientragödie noch einmal so richtig voll auf. Er seziert, wieder einmal, die Kehrseite des amerikanischen Traums anhand. Dieses Mal am Beispiel einer ziemlich kaputten, weißen Mittelstandsfamilie.
Der Pitch war vielleicht: „Family Business“, aber ohne Lacher.
„Tödliche Entscheidung“ ist ein feiner Noir und, kein Wunder bei der Besetzung, großes Schauspielerkino.
mit Philip Seymour Hoffman, Ethan Hawke, Albert Finney, Marisa Tomei, Aleksa Palladino, Michael Shannon, Amy Ryan, Sarah Livingston, Brían F. O’Byrne, Rosemary Harris
Jackie Chan scheint so langsam mit seinem Alterswerk zu beginnen. Nach dem gelungenem Noir-Gangsterfilm und Immigrationsdrama „Stadt der Gewalt“ und dem an der Kinokasse erfolgreichem Remake „Karate Kid“ hat er mit „Little Big Soldier“ einen weiteren Film gedreht, bei dem er in erster Linie als Schauspieler überzeugt. Allerdings ist „Little Big Soldier“ wesentlich witziger als die humorlose „Stadt der Gewalt“ und die Kämpfe, die in „Stadt der Gewalt“ nur kurze Eruptionen von Gewalt waren, sind in „Little Big Soldier“ ausführlicher choreographiert. Es ist fast wie in alten Zeiten, als Jackie-Chan-Filme für eine lockere Mischung aus Action und Comedy standen. Aber Jackie Chan lässt bei den meisten Kämpfe jüngeren Schauspielern den Vortritt. Außerdem sind die Kämpfe so zerschnitten, dass man die artistischen Leistungen kaum bewundern kann.
Dass Jackie Chan dieses Mal kaum selbst kämpft, fällt kaum auf. Denn er hat sich in „Little Big Soldier“ eine Rolle auf den Leib geschrieben, die sich gerade durch besondere Hasenfüßigkeit auszeichnet. Er spielt den dritten Sohn eines Bauern. Seine beiden Brüder sind bereits im Kampf gefallen und er will nur vom Militärdienst befreit werden und genug Geld bekommen, um sein Feld zu bestellen. Er ist ein kleiner Mann mit kleinen Träumen.
Nach einer Schlacht, in der alle Soldaten starben und er nur wegen seiner langerprobten Kampftechnik „Toter Mann“ überlebte, kann er einen gegnerischen General gefangennehmen. Er will ihn zu seinem König bringen und die Belohnung in Empfang nehmen.
Diese Reise zu seinem König ist voller Gefahren. Anfangs versucht der Gefangene immer wieder zu fliehen. Er wird daran, nicht immer mit feinen Methoden, gehindert. Sie werden von den Soldaten des Gefangenen verfolgt. In dem Wald sind Banditen. Später kommen, wenig überraschend, die beiden gegensätzlichen Soldaten sich näher.
Denn der kleine Soldat ist der sprichwörtliche kleine Mann, der seine Machtlosigkeit durch Bauernschläue und, als er sich mit Gefangenen, der ihm als Kämpfer hoffnungslos überlegen ist, duelliert, Clownereien kompensiert. Gleichzeitig ist er auf seinen Vorteil bedacht und gehässig. So stößt er mehrmals genussvoll mit seinem Finger in eine schmerzende Wunde seines Gefangenen. Jetzt hat er endlich die Chance, sich einmal an einem der Menschen zu rächen, die ihn aus seinem gemütlichen Leben rissen. Und diese Chance nimmt er ausgiebig wahr. Mit solchen Szenen entgeht Jackie Chan auch der Gefahr, den von ihm gespielten Soldaten als guten Menschen zu heroisieren und zu verkitschen.
Gerade in dieser Gegenüberstellung von einem kleinen Mann, der die Kriege der Großen einfach erleiden muss, und einem General (der sich später sogar als Thronfolger entpuppt), der einfach über die Menschen bestimmt und diese seinen strategischen Entscheidungen unterordnet, gelingt Regisseur Sheng Ding ein mit den typischen Jackie-Chan-Elementen angereicherter Antikriegsfilm, der zwar in der Vergangenheit spielt, aber auch ein Statement zu den derzeitigen Kriegen liefert.
Und für’s Auge gibt es einige prächtige Landschaftsaufnahmen.
Little Big Soldier (Da bing xiao jiang, China/Hongkong 2010)
Regie: Sheng Ding
Drehbuch: Jackie Chan
mit Jackie Chan, Leehom Wang, Rongguang Yu, Ken Lo, Sung-jun Yoo, Peng Lin
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DVD
New KSM
Bild: 16:9 (2.35:1)
Ton: Deutsch, Mandarin (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Extras (angekündigt): Making Of, Jackie Chan Goes Berlinale 2010, Trailer, Bildergalerie (Gesamtlaufzeit ca. 49 Minuten)
LV: Robert Ludlum: The Bourne Identity, 1980 (Der Borowski-Betrug, Die Bourne-Identität)
CIA-Agent und Killer Jason Bourne hat sein Gedächtnis verloren. Schlimme Sache. Aber schlimmer ist, dass seine ehemaligen Arbeitgeber ihn umbringen wollen.
Die eher werkferne, kommerziell erfolgreiche Verfilmung des ersten Borowski-Buches. Für die Verfilmung des damals über zwanzig Jahre alten Buches wurde nur das Skelett der Handlung übernommen, der Rest aktualisiert und ein unterhaltsamer Action-Thriller gedreht, der sogar angenehm altmodisch ist. Nur Matt Damon wirkt einfach fünf Jahre zu jung für den eiskalten Profikiller. Aber das Problem hatte er in den spannenden Fortsetzungen, die an den kommenden Montagen laufen, nicht mehr.
Mit Matt Damon, Franka Potente, Chris Cooper, Clive Owen, Brian Cox, Walton Goggins
Ein Freund gewisser Damen – The Walker (USA 2007, R.: Paul Schrader)
Drehbuch: Paul Schrader
Carter Page III ist ein schwuler Südstaatenschönling und Begleiter der Damen der politischen High Society von Washington, D. C.. Er hält sich aus allem heraus, bis er seiner besten Freundin, der Senatorengattin Lynn Lockner ein Alibi gibt. Denn sie ist gerade über die Leiche ihres ermordeten Geliebten gestolpert.
In der grandiosen Charakterstudie „The Walker“ spielt Woody Harrelson den Charakter, den Schrader-Fans bereits aus „Taxi Driver“ (damals Robert De Niro), „American Gigolo – Ein Mann für gewisse Stunden“ (Richard Gere) und „Light Sleeper“ (Willem Dafoe) kennen: der Drifter, der die Gesellschaft von außen betrachtet und wegen einer für ihn unerreichbaren Frau seine Position als Beobachter aufgibt. Wie diese Filme ist „The Walker“ auch eine Analyse einer bestimmten Gesellschaftsschicht: hier der politischen Kaste in Washington, D. C., die sich in Räumen bewegt und verhält, als ob die Zeit kurz nach dem Bürgerkrieg stehen geblieben wäre.
Ein toller altmodischer Film, der seine deutsche Premiere auf der Berlinale erlebte, später, trotz der namhaften Besetzung, nur auf DVD veröffentlicht wurde und jetzt vom Ersten zur Geisterstunde (senderinterne Sprachregel: Prime-Time für gute Filme) versendet wird.
Mit Woody Harrelson, Kristin Scott Thomas, Lauren Bacall, Ned Beatty, Moritz Bleibtreu, Mary Beth Hurt, Lily Tomlin, Willem Dafoe
Das Schweigen der Lämmer (USA 1991, R.: Jonathan Demme)
Drehbuch: Ted Tally
LV: Thomas Harris: The silence of the lambs, 1988 (Das Schweigen der Lämmer)
FBI-Agentin Starling verfolgt einen Serienkiller und verliebt sich in den inhaftierten Hannibal Lecter.
Inzwischen schon ein Klassiker, der – zu Recht – etliche Oscars erhielt (Bester Film, Regie, Drehbuch, Hauptrolle). Beim wiederholten Sehen fällt auf, wie wenig von den schockierenden Ereignissen wirklich zu sehen ist – und wie konservativ die Kameraführung ist. Achten sie auf die erste Begegnung von Jodie Foster und Anthony Hopkins. Da ist keine Bewegung überflüssig, kein Schnitt zu viel und es wird sich in jeder Sekunde auf das Drehbuch und die Schauspieler verlassen.
Hitchcock hätte der Film gefallen.
Mit Jodie Foster, Anthony Hopkins, Scott Glenn, Ted Levine
Unter Verdacht: Laufen und Schießen (D 2010, R.: Ed Herzog)
Drehbuch: Wolfgang Stauch
Kriminalrätin Eva Prohacek darf wieder im internen Schmutz der Polizei herumwühlen. Dieses Mal ermittelt sie, weil die Polizisten, wenn in Villen ein Einbruch gemeldet wird, immer zu spät am Tatort eintrifft, gegen ein ganzes Polizeirevier. Als bei einem Einsatz eine junge Polizistin stirbt, hat Eva Prohacek eine erste Spur.
Dank dem bewährten Team dürfen wir auf die bewährte Qualität hoffen. Kaum zu glauben, dass die Serie seit fast zehn Jahren und fünfzehn Folgen ihr Niveau hält.
mit Senta Berger, Rudolf Krause, Gerd Anthoff, Tim Bergmann, Philipp Moog, Johann von Bülow, Justus von Dohnányi
Wenn an Heiligabend ein Mann durch den Wald läuft, er in letzter Minute einen Zug erreicht und kurz darauf in einem Abteil stirbt, dann ist in einem Film das Verhängnis für die Mitreisenden nicht weit. Auch in Brian Kings Debütfilm „Night Train“ ist da so. Denn die beiden neben dem Toten im Abteil sitzenden Menschen, der betrunkene Vertreter Peter Dobbs (Steve Zahn) und die junge, blonde Medizinstudentin Chloe White (Leelee Sobieski) sehen sich das Gepäck des Toten an und entdecken eine kleine Schachtel. Peter kann einen Blick hineinwerfen und er entdeckt Juwelen im Wert von mehreren Millionen. Seine Chance auf ein neues Leben!
Auch Chloe will diese Chance ergreifen. Der Schaffner Miles (Danny Glover) will zunächst, ganz nach Vorschrift, den Vorfall melden. Aber mit dem Geld könnte er seiner kranken Frau helfen. Also beschließen die drei, die sich bisher noch nie begegnet sind, die Leiche verschwinden zu lassen und das Vermögen unter sich aufzuteilen.
Das ist leichter geplant, als getan. Und als an der nächsten Station ein Mann (Constantine Gregory) einsteigt und sich nach dem Toten erkundigt, wissen Miles, Peter und Chloe, dass sie ein ziemlich großes Problem haben. Dieser Mann, der in einem Sydney-Greenstreet-Ähnlichkeitswettbewerb einen guten Platz erreichen dürfte, nennt sich Mr. Gutman und seine Verabredung heißt Mr. Cairo. Krimifans kennen diese Namen aus Dashiell Hammetts auch verfilmtem Roman „Die Spur des Falken“. Das sind nicht die einzigen Namen, die bei Krimi- und Filmfans ein anerkennendes Nicken auslösen und andeuten, welchen Vorbildern Brian King (der auch das Drehbuch für den tollen SF-Film „Cypher“ schrieb) seine Referenz erweist. Nämlich der Schwarzen Serie, Alfred Hitchcock und den John-Huston-Humphrey-Bogart-Filmen.
Mr. Gutman verrät den Drei, dass auf der Box ein Fluch laste und er nicht die einzige Person sei, die sie haben wolle.
Und Chloe verblüfft Peter und Miles immer wieder. Denn die Blondine entpuppt sich ziemlich schnell als skrupellose Femme Fatale, die keine Probleme mit dem Zerstückeln von Leichen hat. Und das ist noch ihre harmloseste Tat.
„Night Train“ ist einer der kleinen Filme, die auf einem begrenzten Raum und mit wenigen Schauspielern eine ordentliche Portion an Thrill herausholen. Früher wäre „Night Train“ als eine Folge der „Twilight Zone“ oder von „Alfred Hitchcock präsentiert“ durchgegangen.
Dazu tragen auch die Bilder des fahrenden Zuges (heute computeranimiert, früher Modelleisenbahn), die seltsam zeitlose Ausstattung und der kammerspielartige Ton bei. Denn „Night Train“ ist über weite Strecken ein abgefilmtes Theaterstück, das kein Geld in Action-Sequenzen investieren konnte und sich dabei auf die Story und die Schauspieler verlassen musste.
Das funktioniert auch, bis im letzten Drittel des Films, sehr gut. Dann wird ziemlich unvermittelt das Blutzoll erhöht und die Lebensaussichten der wenigen Zugpassagiere tendieren gegen Null. Da hätte etwas mehr Zurückhaltung nicht geschadet.
Jedenfalls vergehen die knapp neunzig Minuten im „Night Train“ sehr zügig und dieser Zug erreicht ohne Verspätungen sein Ziel.
Night Train (Night Train, USA 2009)
Regie:Brian King
Drehbuch: Brian King
mit Danny Glover, Steve Zahn, Leelee Sobieski, Matthias Schweighöfer, Takatsuna Mukai, Togo Igawa, Richard O’Brien, Jo Marr, Constantine Gregory, Geoff Bell
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DVD
Bronson Entertainment
Bild: 1.85:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (DTS, Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial (angekündigt): Making of (23 Minuten), Interviews (29 Minuten), Original Trailer
LV: Robert Thomas: Huit Femmes, 1958/1962 (Theaterstück)
Weihnachten in einem verschneiten Landhaus: In der Nacht wird der Hausherr ermordet. Die Täterin ist eine der acht Frauen, die im Haus sind. Selbstverständlich hat jede von ihnen auch ein gutes Motiv das Ekel umzubringen.
Ein Cozy mit Gesang und einem Darstellerinnenensemble, das über jeden Zweifel erhaben ist und die Crème de la Crème des französischen Films versammelt.
Wenn „Lange Nacht“ ein Amifilm wäre, wäre der Film ein Kandidat für einen Totalverriss. Die Tricks sind schlecht. Die raren Actionszenen sind lächerlich. Für einen Horrorfilm gibt es zu wenig Blut und Gore. Immerhin orientiert sich „Lange Nacht“ mehr an den Teen-Horrorfilmen à la „Freitag, der 13.“ als ein psychologischen Thrillern, in denen die Dynamik innerhalb der Gruppe im Mittelpunkt steht. Dafür sind die einzelnen Charaktere zu blass gezeichnet und es gibt kaum Konflikte zwischen ihnen.
Auch die Story ist aus diesen Slasher-Filmen sattsam bekannt: eine Gruppe Jugendlicher fährt in den Wald und wird dann flugs von irgendjemand dezimiert. In „Lange Nacht“ sind das zuerst die jungen Dorfnazis und später irgendwelche Viecher, die an deformierte Gorillas erinnern, und anscheinend aus der Erde kommen.
Die Schauspieler sind; – nun, wahrscheinlich alles Laien. Die Dialoge funktional und banal, aber dadurch oft auch, im Gegensatz zu den TV-Film-Dialogen, ziemlich lebensnah. Einige Monologe tendieren ins Pseudophilosophische. Also alles nicht so toll.
Aber es darf nicht vergessen werden, dass „Lange Nacht“ nicht in nordamerikanischen Wäldern oder einem unserer Nachbarländer, sondern im benachbarten Brandenburg spielt und die Macher den Versuch unternommen haben, einen geradlinigen Horrorfilm zu inszenieren. Einen Film, der weitab von den Fördergremien und TV-Produktionen entstanden ist. Einen Film, der sich weigert, ein weiteres langatmiges Beziehungs- und Selbstfindungsdrama zu sein, in dem die jugendlichen Protagonisten sich stundenlang über ihre Befindlichkeiten unterhalten. Der Preis für diesen Mut ist das in jeder Sekunde sichtbare, viel zu geringe Budget, das nicht durch ein gutes Drehbuch ausgeglichen wird.
„Lange Nacht“ ist wahrlich kein guter Film. Es ist auch kein Film der versteckten Qualitäten. Aber es ist ein Versuch, aus dem deutschen Konsenskino auszubrechen und einfach einen geradlinigen Horrorfilm zu drehen, ohne in eine Blutorgie (die anschließend bei den Prüfgremien zu einer Schnittorgie führt) auszuweichen.
Und dafür muss man schon dankbar sein.
Lange Nacht – Der Anfang der Nacht ist das Ende der Welt (D 2009)
Regie: Till Kleinert
Drehbuch: Till Kleinert, Aaron Craemer
mit Isabelle Höpfner, Sarah Baumann, Volkram Zschiesche, Markus Staab-Poncet, Sebastian Stielke, Ulf Peter Schmidt, Sascha Kölzow, Mandy Rudski, Ketel Weber, Leo Solter
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DVD
Bronson Entertainment
Bild: 1.78:1 (16:9)
Ton: Deutsch (DTS, Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Englisch, Italienisch
Bonusmaterial (angekündigt): Originaltrailer, Audiokommentare, Making of
LV: Uwe Erichsen: Das Leben einer Katze, 1984 (später “Die Katze”)
In der Düsseldorfer Innenstadt endet ein Bankraub in einer Geiselnahme. Die Polizei umstellt die Filiale und ein nervenzerfetzendes Duell beginnt. Aber die Polizisten wissen nicht, dass sie von Probek beobachtet werden und dieser alles geplant hat.
Grandioser deutscher Action-Thriller, der sich nicht vor amerikanischen Vorbildern verstecken muss.
“Für einen bundesdeutschen Spielfilm zeigt ‚Die Katze‘ eine erstaunliche Professionalität: präzise Kamera- und Schauspielerführung, eine funktionelle Dramaturgie, eine funktionierende Geschichte.” (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms – Völlig überarbeitete Neuausgabe)
Beim Cognac Festival du Film Policier gab’s dafür den “Grand Prix” und den “FR3 Grand Prix” (Unwichtige Bonus-Information: Guy Hamilton war der Juryvorsitzende).
mit Götz George, Gudrun Landgrebe, Heinz Hoenig, Ralf Richter
Zwischen all den Cops, die von den Geistern der Vergangenheit gejagt werden, Alkoholiker, Choleriker und in fast jeder denkbaren Beziehung verkorkste Gestalten sind, sind die Jungs von der Stratetic Response Unit (SRU) in Toronto eine willkommen Abwechslung. Die SRU ist eine Spezialeinheit, die immer dann gerufen wird, wenn die Situation brenzlig ist. Das sind meistens Geiselnahmen, aber auch der Schutz gefährdeter Personen, das Überwältigen von Amokläufern, Snipern, Gangstern und Selbstmördern und auch die Hilfe bei potentiell gefährlichen Verhaftungen. Dabei ist ihr oberstes Ziel immer, dass bei ihren Einsätzen niemand stirbt. Auch nicht die Täter. Stattdessen versuchen sie, die Täter mit Worten zur Aufgabe zu bewegen. Dafür müssen sie auch herausfinden, warum er das tut, was er tut. Entsprechend genau werden die Hintergründe der Tat von den Polizisten ermittelt. Die Mitglieder der SRU sind Profis, die ihre Arbeit erledigen und, auch ohne dass es in jeder Folge ellenlange private Plots gibt, dreidimensionale Charaktere mit einem Privatleben. Aber, wie in den alten Polizeiserien, steht in „Flashpoint – Das Spezialkommando“ die Arbeit und damit verbunden der aktuelle Einsatz im Mittelpunkt.
Dabei sind die Fälle der zweiten Staffel noch besser als die der ersten Staffel. Schon in der ersten Staffel hatten die Täter immer gute Gründe für ihr Handeln und oft wechselten während der Episode die Sympathien vom Opfer hin zum Täter. Aber in der zweiten Staffel werden die Polizisten der SRU immer öfter vor Entscheidungen gestellt, in der sie nur die Wahl zwischen zwei schlechten Entscheidungen haben oder etwas tun müssen, wozu sie nach dem Gesetz verpflichtet sind, das aber ihren normalen menschlichen Empfindungen zuwiderläuft. So meint Sergeant Gregory Parker, der Chef der SRU, am Ende von „Zum Schutz des Bösen“ zur neuen Kollegin Donna Sabine, die eine Polizistin erschießen musste: „Wenn wir etwas gut machen, heißt das nicht, dass wir uns auch gut fühlen müssen.“
In dieser Folge müssen sie auf einem Flughafen einen Serienmörder beschützen, der sicher vom Flugzeug ins Gefängnis gebracht werden soll. Aber einige Bürger und Angehörige der Opfer des Mörders wollen nicht, dass der Mörder einer Bestrafung entgeht.
In der ebenfalls ziemlich noirischen Episode „Der letzte Tanz“ drohen sie einem Mann, ihn zu erschießen, wenn er vor ihren Augen versucht, den Wunsch seiner todgeweihten Frau auf einen Freitod zu erfüllen.
Öfters stehen in der zweiten Staffel jugendliche Täter im Mittelpunkt. In „Freund für immer“ überfallen zwei Jugendliche einen Lebensmittelladen. Donnie will so für seinen einzigen wirklichen Schulfreund das Geld besorgen, das dessen Eltern dringen benötigen, wenn sie in Toronto bleiben wollen.
In „Amoklauf“ will sich ein künstlerisch begabter Jugendlicher für die zahlreichen Demütigungen von seinen Klassenkameraden rächen. Die Sache läuft aus dem Ruder. Am Ende gibt es Verletzte und das SRU muss einen Vater verhaften, der seinen Sohn beschützen wollte.
In „Die perfekte Familie“ entführen zwei Jugendliche ein Baby. Sie hatte es an Pflegeeltern abgegeben. Als ihr Freund, ein ziemlich verantwortungsloser Hallodri, der seine Jugend in zahlreichen Pflegefamilien verbrachte, auf heile Familie machen will, schnappen sie sich das Baby. Bei der Verfolgungsjagd kann die SRU nicht wie üblich agieren, weil der Schutz des Babys oberste Priorität genießt. In einem Vergnügungspark kommt es zum deprimierendem Showdown.
Und in „Eine bessere Zukunft“ versucht Derek Medeiros dem Ghetto und der Gangkriminalität zu entkommen. Er arbeitet inzwischen in einem Krankenhaus und er versucht seinen jüngeren Bruder Matt von der Straße fernzuhalten. Als Matt angeschossen wird, muss Derek sich zwischen seinem neuen und seinem alten Leben entscheiden. Denn die Gang verfolgte sie ins Krankenhaus und will sie umbringen. Die SRU versucht die verfeindeten Parteien vor einem tödlichen Schusswechsel zu isolieren.
In „Der Verrat“ können die Sgt. Gregory Parker und seine Männer eine Geiselnahme in einer Bank schnell und unblutig beenden. Da nimmt einer der Geisel den Geiselnehmer als Geisel. Denn seine schwangere Frau wurde von Gangstern entführt und er soll ihnen jetzt eine halbe Million überweisen. Verschärft wird die Situation, weil der Geiselnehmer und die Geisel seit langem miteinander befreundet sind.
Um den Schutz von Kindern geht es auch in „Die Festung“. In dieser Folge wollen einige russische Gangster eine Nobelvilla ausräumen. Da tauchen die Kinder des Hausbesitzers auf und das Kindermädchen versucht die Kinder zu beschützen. Denn es ist für sie ein Unterschied, ob sie bei einem Diebstahl oder bei einer Geiselnahme, die mit einigen Toten enden kann, hilft.
Und in der Auftaktfolge „Obdachlos“ wollen drei Männer einen Banker, der sie mit seinen windigen Versprechen in den Ruin trieb, zur Rede stellen. In dieser Folge wird auch die Hilflosigkeit der Opfer der Bankenkrise gezeigt. Sie werden von anonymen Banken, ohne sich dagegen wehren zu können, um ihr mühsam erspartes Geld gebracht.
Gerade weil auch in der zweiten Staffel der kanadischen Polizeiserie „Flashpoint – Das Spezialkommando“ der aktuelle Einsatz und damit die Täter und Opfer und die Hintergründe für die Tat im Vordergrund stehen, regt die Serie immer wieder zum Nachdenken an. Gleichzeitig gibt es immer auch eine ordentliche Portion Action, ohne dass die Action übertrieben wirkt, und etliche atmosphärische Aufnahmen vom winterlichen Toronto.
Während die neun Folgen den Krimi- und Drama-Fan in jeder Hinsicht befriedigen, ist das Bonusmaterial mit zwei kurze, insgesamt siebenminütige Featurettes, enttäuschend. Das ist kaum mehr als nichts.
Flashpoint – Das Spezialkommando: Staffel 2 (Kanada 2009)
Erfinder: Mark Ellis, Stephanie Morgenstern
mit Hugh Dillon (Ed Lane), Enrico Colantoni (Sgt. Gregory Parker), Amy Jo Johnson (Julianna ‘Jules’ Callaghan), David Paetkau (Sam Braddock), Sergio Di Zio (Mike Scarlatti), Michael Cram (Kevin ‘Wordy’ Wordsworth), Mark Taylor (Lewis Young), Jessica Steen (Donna Sabine)
Mit Schirm, Charme und Melone: Auftrag: Angst (GB 1961, R.: Peter Hammond)
Drehbuch: Berkeley Mather
Nachdem Arte 2009 die legendären Folgen von „Mit Schirm, Charme und Melone“ zeigte, zeigt der Sender ab heute werktäglich die ersten 54 Folgen von „Mit Schirm, Charme und Melone“. Diese Folgen liefen noch nie im deutschen Fernsehen und gerade die ersten Folgen der Serie unterscheiden sich beträchtlich von den späteren Folgen. Denn Emma Peel ist noch nicht dabei und John Steed spielt die zweite Geige. Die Hauptrolle in der Agentenserie hat der Arzt Dr. David Keel, der dem Organisierten Verbrechen den Krieg erklärte, nachdem Verbrecher seine Frau töteten.
In „Auftrag: Angst“ kämpft Keel gegen eine Erpresserbande.
mit Ian Hendry, Patrick Macnee, David Andrews, Dawn Beret, Ingrid Hafner, Philip Gilbert, Philip Locke, Stratford Johns, Willoughby Goddard
80 Jahre ist Jean-Luc Godard und 3sat wird seinem Ruf als Kultursender mit einer Godard-Filmnacht gerecht. Gezeigt werden
3sat, 22.55
Eine Frau ist eine Frau (F/I 1960, R.: Jean-Luc Godard)
Drehbuch:
Anna will ein Kind. Ihr Freund ist von der Idee nicht begeistert. Aber vielleicht springt sein Freund als Samenspender ein.
Godards erster Farbfilm ist eine anarchistische Mischung aus Komödie und Musical, aus Verehrung für Lubitsch und Hollywood-Musicals und Dekonstruktion dieser Filme. Ein großer Spaß für offene Geister.
mit Anna Karina, Jean-Paul Belmondo, Jean-Claude Brialy, Jeanne Moreau
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3sat, 00.15
Elf Uhr nachts (F/I 1965, R.: Jean-Luc Godard)
Drehbuch: Jean-Luc Godard
LV: Lionel White: Obsession, 1963
Ferdinand stolpert in eine undurchsichtige Mordgeschichte und flüchtet mit seiner Ex Marianne quer durch Frankreich auf eine einsame Insel.
Auch bzw. besser bekannt als „Pierrot le fou“. Die Krimifarce hat mit dem Buch wenig bis nichts zu tun, aber viel mit Godard, seinem filmischen Kosmos und dem Lebensgefühl der Sechziger.
Mit Jean-Paul Belmondo, Anna Karina
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3sat, 02.00
Die Außenseiterbande (F 1964, R.: Jean-Luc Godard)
Drehbuch: Jean-Luc Godard
LV: Dolores Hitchens: Fool’s gold, 1958 (Flucht nach Las Vegas)
Vordergründig erzählt Godard die Planung und Durchführung eines Einbruches. Aber die Abschweifungen von dieser Geschichte sind ihm wichtiger. Inzwischen ist „Die Außenseiterbande“ ein Klassiker der Nouvelle Vague und einer der zugänglichsten Filme Godards. Ein schöner Film, aber eher für die Cineasten unter uns.
„´Bande à part´ (Die Außenseiterbande) ist der heiterste Film Godards, nicht wegen seiner Story (eigentlich ist die gar nicht so heiter), sondern wegen der ironischen leichten Art, mit der Godard spielerisch mit den Formen, die er in den vorangegangenen Filmen entwickelt hat, umgeht. Er selbst spricht einen Kommentar, der ergänzt, ironisiert, ansatzweise interpretiert und vor allem immer wieder darauf hinweist, daß alles, was da geschieht, auch anders verlaufen könnte…In ´Bande à part´ weist der leichte, spielerische, ironisch-distanzierte Kommentar ebenso auf die Entstehung wie die äußerst raffinierte Schwarzweiß-Fotografie von Raoul Coutard (z. B. bei den Autofahrten).“ (Hanser Reihe Film 19: Jean-Luc Godard)
Mit dem spannenden Krimi „Fool’s gold“ hat „Die Außenseiterbande“ natürlich, außer der Prämisse und einigen Elementen der Handlung, kaum noch etwas gemeinsam. Oder sagen wir es umgekehrt: dafür, dass Godard sich nur von dem Roman inspirieren ließ, hat er verdammt viel übernommen.
Mit Anna Karina, Claude Brasseur, Sami Frey
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3sat, 03.35
Weekend (F/I 1967, R.: Jean-Luc Godard)
Drehbuch: Jean-Luc Godard
Der Wochenendtrip eines jungen Ehepaares wird zu einem Abgesang auf die Wohlstandsgesellschaft. Ein Film, der nicht in wenigen Worten beschrieben werden kann, sondern gesehen werden muss.
„‚Week-End‘ ist das Chaos; ‚Week-End‘ ist wie das Zeugnis eines fremden, fernen Sterns (des unseren?). Wir sind das Chaos – ein Trümmerfeld abendländischer Kultur -“ (Ronald M. Hahn/Volker Jansen: Lexikon des Science-Fiction-Films)
Drehbuch: Walter Hill (nach dem Drehbuch „Yojimbo“ von Ryuzo Kikushima und Akira Kurosawa)
USA, 1931: In dem texanischen Grenzkaff Jericho kämpfen zwei Schnapsbrennerbanden um die Vorherrschaft. Da taucht ein wortkarger Fremder, der sich gut mit Schusswaffen auskennt, auf. Beide Banden hätten ihn gerne als Handlanger und er lässt sich von beiden bezahlen.
Walter Hills Version von Akira Kurosawas „Yojimbo“ (und damit auch von Sergio Leones „Yojimbo“-Remake „Für eine Handvoll Dollar“). Und Kurosawa ließ sich für seinen Samurai-Film von Dashiell Hammetts „Red Harvest“ (Bluternte, Rote Ernte) inspirieren.
Schade, dass Walter Hill seitdem keinen guten Kinofilm mehr drehte.
mit Bruce Willis, Bruce Dern, William Sanderson, Christopher Walken, David Patrick Kelly, Karina Lombard, Ned Eisenberg
Sodele, bei den Alligatorpapieren (Dank an Alfred für die Bilder) sind meine neuen TV-Krimi-Buch-Tipps draußen. Wer also wissen will, welche Krimiverfilmungen vor Weihnachten im Fernsehen laufen, muss klicken:
Die Vorfreude der Programmgestalter auf ein friedliches Weihnachtsfest hinterlässt tiefe Spuren im Programm. Wer nicht gerade wegen Sherlock Holmes (gespielt von Basil Rathbone) schlaflose Nächte verbringen oder den Geburtstag von Jean-Luc Godard mit „Elf Uhr nachts“, „Außer Atem“ und der „Außenseiterbande“ feiern will, muss sich mit Dominik Grafs Uwe-Erichsen-Verfilmung „Die Katze“ (die zuletzt wegen Claude Chabrols Tod verschoben wurde), Jonathan Demmes Thomas-Harris-Verfilmung „Das Schweigen der Lämmer“, David Lynchs Barry-Gifford-Verfilmung „Wild at heart“, Bob Rafelsons James-M.-Cain-Verfilmung „Wenn der Postmann zweimal klingelt“, Doug Limans Robert-Ludlum-Verfilmung „Die Bourne Identität“ und Alfred Hitchcocks Victor-Canning-Verfilmung „Familiengrab“ begnügen.
LV: Ross MacDonald: The moving target, 1949 (Reiche sterben auch nicht anders, Das wandernde Ziel)
Privatdetektiv Lew Harper soll den verschwundenen Mann der reichen Mrs. Sampson finden.
Wenn wir von einflussreichen Privatdetektivromanautoren sprechen, darf ein Name nicht fehlen: Ross MacDonald.
Hier die kommerziell erfolgreiche Verfilmung des ersten Archer-Romans. Lew Archer heißt im Film Lew Harper. Der Grund dafür war, so Goldman im Audiokommentar zur DVD, dass MacDonald die Rechte am Namen nicht abgeben wollte. „Ein Werk nur mittlerer Qualität“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms)
Drehbuchautor William Goldman schreibt im lesenswerten „Das Hollywood-Geschäft“ (Adventures in the Sreen Trade, 1984) über „Ein Fall für Harper“ und die Qualität seines Drehbuchs: „Der daraus entstandene Film war übrigens aus einer Vielzahl von Gründen sehr erfolgreich, von denen ich keinen für mich verbuchen kann.“
Mit Paul Newman, Lauren Bacall, Julie Harris, Janet Leigh, Arthur Hill, Robert Wagner, Robert Webber, Shelley Winters, Strother Martin
„Das ‚Clockwork Orange‘ unserer Generation“ steht auf dem Cover von Mo Alis Debütfilm „Shank“. Mit dem Werbespruch wird eine Fallhöhe aufgebaut, an der der Film nur scheitern kann. Doch auch ohne diesen hochstehenden Vergleich von der Werbeabteilung ist „Shank“ ein schlechter Film. Jedenfalls für alle, die nicht zum von den Machern anvisiertem Zielpublikum gehören. Das, ungefähr Fünfzehnjährige (aus Südlondon oder einer strukturell ähnlichen Gegend), mag das vielleicht anders sehen.
Dass „Shank“ für Ältere so ziemlich auf ganzer Linie scheitert, liegt nicht unbedingt an dem Miniplot (Junior will den Tod seines Bruders rächen, er macht sich auf den Weg, muss einige Prüfungen überstehen, findet neue Freunde, steht am Schluss dem Mörder seines Bruders gegenüber und muss sich entscheiden, ob er weiterhin den gewaltlosen Weg seiner Gang gehen oder sich rächen will) und dem Willen der Macher, in erster Linie einen Actionfilm mit Musik und Humor zu machen, sondern an der Inszenierung. Mo Ali drehte vorher einige Musikvideos und „Shank“ wirkt über weite Strecken, unterlegt mit der richtigen Musik, wie ein Video für einen Rap-Song.
Die Kamera wackelt, es wird oft geschnitten und es wird reichlich unmotiviert ständig zwischen normaler Geschwindigkeit, Zeitlupe und trendigem Zeitraffer gewechselt. Sparsam eingesetzt können solche Tempoverschiebungen das Gesehene intensivieren. Aber gerade weil Mo Ali diese Stilmittel so wahllos und häufig benutzt, nutzen sie sich schnell zu ärgerlichen Manierismen ab.
Das ganze wird mit schlecht verstandenem Standbild-und-Erklärung-Guy-Ritchie, aber ohne dessen Humor, und etwas „Kill Bill“-Quentin-Tarantino verschnitten. Denn wie in „Kill Bill“ wird auch mal, weil man es kann, der Stil gewechselt. In „Shank“ hin zu einem altmodischen Computerspiel, so „Tron“ auf dem Fahrrad, und Anime.
Die Action-Szenen werden, wie es heute üblich ist, so zerschnitten, dass die Arbeit der Stuntmänner kaum noch erkennen ist.
Die krude Geschichte von „Shank“ spielt 2015 in einem von Gangs regiertem London. Die Macher entschieden sich für das Verlegen der Geschichte in die Zukunft allerdings nicht, weil sie, wie man es aus Science-Fiction-Filmen gewohnt ist, so ihre Botschaft und Kritik an der Gegenwart besser formulieren konnten, sondern aus finanziellen Erwägungen. Denn so mussten sie in Südlondon keine Straßen sperren lassen, sondern konnten auf nicht befahrenen Nebenstraßen und verlassenen Industriegeländen drehen. Die Location-Scouts und Set-Designer gaben ihr bestes, möglichst verfallene Gebäude und Straßen zu finden und diese dann mit einigen Ladungen Müll weiter zu vermüllen.
Allerdings bleibt die negative Zukunftsutopie blass. Es wird kein Grund für den rapiden Verfall der Gesellschaft genannt. Es wird auch keine Kritik an der Gesellschaft oder an bestimmten Werten geübt und selbstverständlich wird auch nichts, wie in Kubricks genialem „Clockwork Orange“ satirisch überspitzt. Denn dafür müsste man eine politische Forderung oder eine Gesellschaftsutopie haben. In „Shank“ geht es nur um Action und eine eher banale moralische Botschaft.
„Shank“ ist ein Michael-Bay-Film mit Mini-Budget: Stil über Substanz und bitte nicht nach der Logik fragen.
Die DVD
Das Bonusmaterial ist für einen kleinen Film erfreulich umfangreich und informativ. Die Interviews sind das Rohmaterial für das halbstündige „Making of“, das einige interessante Einblicke in die Produktion gewährt. „Beim Dreh“ und „Outtakes“ sind verschiedene, mehr oder weniger witzige Szenen von den Dreharbeiten. Einmal gesehen und vergessen. Ebenso die kurze, eindeutig als Werbung gedachten Reportage von der Premiere. „Der Dodger Gate Skandal“ ist eine Pseudo-Doku über einen „Shank“-Schauspieler, der ausrastet, weil ihm seine Wünsche nicht erfüllt werden.
Shank (Shank, GB 2010)
Regie: Mo Ali
Drehbuch: Paul van Carter
mit Kedar Williams-Stirling, Adam Deacon, Ashley Bashy Thomas, Michael Socha, Jan Uddin, Kaya Scodelario, Jennie Jacques, Rheanne Murray, Jerome Holder, Colin Salmon, Terry Stone, Robbie Gee, Luke de Woolfson, Robert Fucilla
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DVD (Two Disc Extreme Edition)
Ascot Elite
Bild: 2.4:1 (16:9)
Ton: Deutsch (DTS, Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Interviews (mit Mo Ali, Kedar Williams-Stirling, Adam Deacon, Ashley Thomas, Kaya Scodelario, Jan Uddin, Michael Socha [12 Minuten]), Outtakes (8:20 Minuten), Beim Dreh (3:40 Minuten), Der Dodger Gate Skandal (8 Minuten), Making of (30 Minuten), Die Premiere (3:20 Minuten), Original Trailer (1:20 Minuten)