Stilsicherer, an das Kino der Siebziger erinnernder, 1988 in New York spielender Polizeithriller über zwei Brüder: der eine folgt der Familientradition und wird Polizist; der andere Discobesitzer und Verbrecher. Jetzt steht der Discobesitzer vor der Frage, ob er vollständig mit seiner Familie brechen soll.
„Helden der Nacht hat alle Ingredienzien eines Genrethrillers. Mehr noch, Gray scheint einigen dieser Klassiker seine Reverenz erweisen wollen. In seinen besten Momenten ruft Helden der Nacht Erinnerungen an die Korruptionsthriller Sidney Lumets oder die dreckigen kleinen Nachtfilme Scorseses wach.“ (epd Film 2/2008)
Mit Joaquin Phoenix, Mark Wahlberg, Eva Mendes, Robert Duvall, Tony Musante
Auf den ersten Blick hat Alain Delon, der vor allem für seine Verbrecherrollen bekannt ist, in Luchino Viscontis dreistündigem Epos „Der Leopard“ eine untypische Rolle. Er spielt Tancredi Falconeri, den Neffen von Don Fabrizio Salina (Burt Lancaster). Don Fabrizio ist ein sizilianischer Adliger und Großgrundbesitzer, der sich um 1860 mit der neuen Zeit arrangieren muss und dem es, auch weil er ein kluger Machtpolitiker ist, auch gelingt.
Tancredi ist der junge Filou, für den der Krieg ein tolles Abenteuer ist; wobei er strategisch klug die Seite der Antiroyalisten wählt, weil sie so nach dem erwartbarem Sieg der Garibaldi-Revolutionäre den Fuß in der Tür des neuen Systems haben. Gegenüber seinem Onkel begründet er seine Entscheidung mit dem inzwischen berühmtem Satz: „Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass alles sich verändert.“ (in der deutschen Synchronisation: „Wenn wir wünschen, dass die Verhältnisse so bleiben wie sie sind, müssen gewisse Dinge verändert werden.“)
Nach der Revolution (die für die Don Fabrizio nur eine Revolte war) soll Tancredi dessen Tochter Concetta Salina (Lucilla Morlacchi) heiraten, aber er verliebt sich in Angelica Sedara (Claudia Cardinale), die Tochter eines Emporkömmlings, der jetzt Bürgermeister ist. Don Fabrizio Salina unterstützt diese Heirat. Denn so können sie auch in der neuen Zeit an der Macht bleiben.
In diesen letzten Minuten des Films, am Ende einer unendlich langen und wahrscheinlich unglaublich teuren Ballsequenz, wird deutlich, dass Tancredi nicht nur ein anpasserischer Filou ist, der seinem Herzen folgte, sondern immer auch seinen Aufstieg im Sinn hatte. Und dafür war die Heirat mit Angelica Sedara geeigneter als die mit Concetta Salina.
Deshalb unterscheidet sich auf den zweiten Blick Tancredi gar nicht so sehr von Delons bekannten bekannten Verbrecherrollen, in denen er Männer spielt, die egoistisch ihre Ziele verfolgen, nicht zu festen Bindungen fähig sind und in erster Linie Geld und Macht wollen. Denn dass Angelica gut aussieht hat ihm seine Entscheidung sicher erleichtert, aber letztendlich hat er genau wie Don Fabrizio die Frau geheiratet, die seinen Zielen am besten dient. Und die wenigen Szenen zwischen Don Fabrizio und seiner Frau geben einen illusionslosen Blick auf das Ende einer Zweckehe.
Neben diesem machtpolitischem Zynismus, der den Film wohltuend von anderen Kostümdramen unterscheidet, wird in „Der Leopard“ vor allem, auf verschiedenen Ebenen (Achten Sie auf die Gebäude!) die Geschichte eines Verfalls erzählt. Denn die Hauptrolle hat nicht Alain Delon (der sogar erstaunlich selten im Bild ist) sondern Burt Lancaster. Er ist der alternde Herrscher eines Hauses, das versucht, sich mit den neuen Gegebenheiten zu arrangieren. Dabei kämpft er nicht gegen die sich verändernde Gesellschaft an, sondern er bemüht sich immer, möglichst langfristig seine Macht und damit verbunden die Macht seiner Familie zu sichern. Gleichzeitig ist er sich, wie ein schöner Dialog am Anfang des Films zwischen ihm und dem Geistlichen zeigt, seiner eigenen Vergänglichkeit und Machtlosigkeit bewusst. Er weiß, dass seine Macht nur weltlich und damit endlich ist, während die Kirche ewig lebt.
Auch deshalb unterstützt er Tancredi bedingungslos. Mal offen, indem er ihm Geld für die Aufständischen zusteckt. Mal weniger offen, indem er einen Sitz im Parlament ablehnt und stattdessen, durch die Blume, Tancredi als einen Mann der neuen Zeit empfiehlt.
Gleichzeitig sieht Don Fabrizio auf die neuen Machthaber herab. Luchino Visconti (selbst ein Adliger) zeigt das immer wieder, wenn die Kamera unangenehm lang auf dem angewiderten Blick von Don Fabrizio verharrt. Für ihn sind die Gewinner der Revolution nur kulturlose Kriegsgewinnler, die man wie Schmeißfliegen erträgt. Denn kaum sind sie an der Macht, machen sie ihm in seinem Haus betont devote Aufwartungen, wechseln flugs die Kleider und verleihen sich Adelstitel.
Luchino Visconti zelebriert, mit schwelgerischem Pomp, in seinem ersten Spielfilm nach seinen neorealistischen Werken (der letzte war „Rocco und seine Brüder“, ebenfalls mit Alain Delon) das Ende einer Ära, die für Don Fabrizio auch ein Sittenverfall ist. Denn die Umwelt mit all ihren niederen Trieben dringt immer tiefer in das Haus Salina ein. Auch hier stehen sich Anfang und Ende des Film spiegelbildlich gegenüber. In den ersten Minuten beten die Salinas in ihrem Haus. Von außen dringt Lärm herein. Aber das Ritual des Gebetes ist wichtiger.
Am Ende ist diese Welt in das Haus der Salinas eingedrungen. Denn auf dem Ball, der im Film sagenhafte 45 Minuten dauert, mischen sich die Adligen mit den Aufsteigern und der gesittete Ball nimmt immer wieder die Züge einer Orgie an.
Dabei verdeckt die äußere Pracht nur mühsam die bittere Botschaft des vielschichtigen Films, der gerade aus seinen Widersprüchen und damit verbundenen Interpretationsangebote auch für heutige Zuschauer seine Kraft zieht.
Die DVD
Das Bild ist fantastisch. Die dreistündige Version (weltweit die längste) wurde jetzt durchgehend synchronisiert. Schade ist, dass dafür am Bonusmaterial gespart wurde: es gibt nur den italienischen Trailer und eine Bildergalerie.
Drehbuch: Jean-Emmanuel Conil (Pseudonym von Alain Page), Jean-Claude Carrière (Adaption und Dialoge), Jacques Deray (Adaption und Dialoge)
Viel Story hat „Der Swimmingpool“ nicht, aber darum ging es auch nicht. Denn das High Concept hieß: Das ehemalige Liebespaar „Alain Delon und Romy Schneider am Swimmingpool. Und Jane Birkin ist auch dabei.“
Denn der Filmplot ist eine (wenn man mehr als Delon und Schneider leicht bekleidet am Swimmingpool sehen will) arg zähe Dreiecksgeschichte mit Sex und Mord unter der südfranzösischen Sonne.
mit Alain Delon, Romy Schneider, Maurice Ronet, Jane Birkin
Bruce ist nach einem gescheiterten Banküberfall auf der Flucht. Da entdeckt er das Tagebuch einer Frau.
Ösi-Hommage an den Film Noir. Fillei und Krenn haben zwölf Jahre an dem Film gearbeitet und auf Festivals auch einiges an Lob für ihren No-Budget-Film (Low wäre wohl schon etwas zu hoch gegriffen) erhalten.
„Talentprobe“ (Bert Rebhandl, Berliner Zeitung 11. November 2010)
mit Matthew Mark Meyer, Sal Giorno, Brian Hanna, Tim Kirkpatrick
Unstoppable – Außer Kontrolle (Unstoppable, USA 2010)
Regie: Tony Scott
Drehbuch: Mark Bomback
Zugfahren mit „Last Boy Scout“ Tony Scott: nach „Die Entführung der U-Bahn Pelham 123“ lässt Tony Scott jetzt den feuchten Traum jedes Trassenküssers wahr werden: ein Zug mit sehr gefährlicher Ladung donnert im Affentempo auf sein Ziel zu. Nur zwei Männer wissen, wie man die Superduperkatastrophe verhindern kann. Sie besteigen den fahrenden Zug.
„Unstoppable“ basiert auf wahren Ereignissen. Aber die Macher haben sich einige spannungsfördernde Freiheiten genommen.
Delonmania auf allen Kanälen (ARD, RBB, MDR, Eins Festival mit eins, zwei, drei Filmen), aber nur einer darf Tagestipp werden
MDR, 23.45
Der Clan der Sizilianer (F 1969, R.: Henri Verneuil)
Drehbuch: Henri Verneuil, José Giovanni, Pierre Pelegri
LV: Auguste Le Breton: Le Clan des Siciliens, 1967
Kamera: Henri Decae
Musik: Ennio Morricone
Ein entflohener Sträfling entführt mit einer Gangsterbande ein mit Juwelen beladenes Flugzeug. Während der Planung beginnt er ein Verhältnis mit der Schwiegertochter des Bosses.
Allein schon die Besetzung mit Jean Gabin, Alain Delon und Lino Ventura verspricht einen vergnüglichen Abend und einen Kassenknüller. Bei der Kritik war der Film dagegen ziemlich unbeliebt: „Gut fotografierte und musikalisch intelligent akzentuierte Gaunergeschichte, die jedoch eine psychologische Darstellung und ausreichende Charakterisierung der Personen vermissen läßt.“ (Film-Dienst) oder „larmoyante Opernhandlung um sizilianische Gangsterehre“ (Der Spiegel)
Killer stellen sich nicht vor (F 1980, R.: Jacques Deray)
Drehbuch: Jacques Deray, Christopher Frank
LV: Jean-Patrick Manchette: Trois hommes à abattre, 1976 (Killer stellen sich nicht vor/Westküstenblues)
Monsieur Emmerich läßt einige seiner Angestellten, die mit seiner Geschäftspolitik nicht einverstanden sind, aus dem Weg räumen. Als Spieler Gerfaut einen der schwer verletzten Angestellten an einer Straße entdeckt, bringt er ihn in ein Krankenhaus und setzt sich selbst – ohne sein Wissen – auf Emmerichs Todesliste. Gerfaut nimmt den Kampf auf.
Der Film mit hat nichts mit dem Buch zu tun. Naja, bis auf den Autounfall am Anfang.
Davon abgesehen: französischer Politthriller, der die Genreerwartungen gut bedient.
Mit Alain Delon, Dalila Di Lazzaro, Michel Auclair
–
ARD, 03.00
Der Sträfling und die Witwe (F/I 1971, R.: Pierre Granier-Deferre)
Drehbuch: Pierr Granier-Deferre, Pascal Jardin
LV: Georges Simenon: La Veuve Couderc, 1940 (Die Witwe Couderc)
1934 auf einem abgelegenen Hof spielende Liebesgeschichte zwischen einem entflohenen Sträfling und einer Witwe.
Starkes Krimidrama über einen Ex-Sträfling, der ein ehrliches Leben führen will, von einem Sozialhelfer unterstützt und einem Polizisten verfolgt wird.
Mit Alain Delon, Jean Gabin, Mimsy Farmer, Michel Bouquet, Bernard Giraudeau, Gérard Depardieu (in einer Nebenrolle als junger Gangster)
Zweimal Delon. Einmal Top, jedenfalls künstlerisch, einmal Flop.
ARD, 00.35
Monsieur Klein (F/I 1976, R.: Joseph Losey)
Drehbuch: Franco Solinas, Fernando Morandi, Joseph Losey
Paris 1942: Robert Klein verdient als Kunsthändler gut an der Not der Juden. Eines Tages liegt vor seiner Haustür ein an ihn adressiertes Exemplar der „Les informations juives“. Klein will herausfinden, warum er die Zeitung zugeschickt bekommen hat. Er erfährt von einem gleichnamigen Juden, der sich anscheinend seiner Identität bemächtigen will.
Kafkaesker Alptraum ohne die Hoffnung auf ein Happy End, von Losey karg und sehr stilbewusst inszeniert. Delons zurückhaltendes Spiel passt perfekt zur Rolle des emotionslosen Mitläufers, der nur an sich denkt und dabei zielsicher ins Verderben läuft.
Delon war für einen Cesar als bester Schauspieler nominiert, Losey erhielt einen für die Regie und der Film gewann den Cesar für bester Film.
mit Alain Delon, Jeanne Moreau, Michel Lonsdale, Juliet Bertot, Suzanne Flon, Jean Bouise
Drehbuch: Alain Delon, Robin Davis, Dominique Robelet, Claude Veillot
LV: Jean-Patrick Manchette: La position du tireur couché, 1981 (Die Position des schlafenden Killers, Position: Anschlag liegend)
Profikiller Martin Terrier hat genug Geld und will aussteigen. Das gefällt seinen Chefs nicht.
Eine weitere hochkarätig besetzte, misslungene Manchette-Verfilmung, die für das deutsche Publikum um 15 Minuten gekürzt. Die Originallänge beträgt 100 Minuten.
Mit Alain Delon, Catherine Deneuve, Philippe Léotard, Stéphane Audran
Bad Boys – Harte Jungs (USA 1995, R.: Michael Bay)
Drehbuch: Michael Barrie, Jim Mulholland, Doug Richardson (nach einer Geschichte von George Gallo)
Zwei Cops sollen in Miami innerhalb von 72 Stunden Heroin im Wert von 100 Millionen Dollar, das aus der Asservatenkammer der Polizei geklaut wurde, wieder beschaffen.
Das geht in dem Buddy-Movie nicht ohne zahlreiche dumme Sprüche, Tote, zerstörte Gebäude und einige weitere kleinere Kollateralschäden ab.
Michael Bays erster Kinofilm und schon „Vintage Bay“: deutlich mehr Liebe zur Optik und zum Demolieren von Dingen, als zur Geschichte.
mit Martin Lawrence, Will Smith, Theresa Randle, Tchéky Karyo, Téa Leoni, Nestor Serrano, Joe Pantoliano, Marg Helgenberger
Bei den Alligatorpapieren sind meine neuen TV-Krimi-Buch-Tipps online. Belesene Krimifans dürfen sich unter anderem auf diese Werke freuen:
Weil ‚der eiskalte Engel‘ Alain Delon am 8. November seinen 75. Geburtstag feiert, gibt es viele Delon-Filme. Dazu gehören die Jean-Patrick-Manchette-Verfilmungen „Der Schock“, „Killer stellen sich nicht vor“ und „Rette deine Haut, Killer“, José Pinheiros Frédéric-H.-Fajardie-Verfilmung „Der Panther II – Eiskalt wie Feuer“, Jacques Derays Gilles-Perrault-Verfilmung „Der Anwalt“, José Giovannis „Endstation Schafott“, Pierre Granier-Deferres Georges-Simenon-Verfilmung „Der Sträfling und die Witwe“, Henri Verneuils Auguste-le-Breton-Verfilmung „Der Clan der Sizilianer“, Julien Duviviers Louis-Thomas-Verfilmung „Mit teuflischen Grüßen“ und René Cléments Patricia-Highsmith-Verfilmung „Nur die Sonne war Zeuge“. Leider werden die von Jean-Pierre Melville inszenierten Delon-Filme dieses Mal nicht gezeigt. Außerdem laufen Francis Ford Coppolas „Cotton Club“ (das Drehbuch schrieb William Kennedy), Michael Manns Thoms-Harris-Verfilmung „Roter Drache“, Alfred Hitchcocks David-Dodge-Verfilmung „Über den Dächern von Nizza“, Carol Reeds Graham-Greene-Verfilmung „Der dritte Mann“, Phillip Noyces Graham-Greene-Verfilmung „Der stille Amerikaner“ und, als TV-Premiere, Lars Beckers neuer „Nachtschicht“-Film „Das tote Mädchen“.
Zehnteilige Dokureihe über das Leben im Frankfurter Bahnhofsviertel. Heute geht’s los und nächsten Samstag geht’s weiter. Weitere Informationen und die Sendungen gibt’s in der Mediathek.
Drehbuch: Roland Kibee, James R. Webb (nach einer Story von Borden Chase)
1866 machen die beiden Glücksritter Trane und Erin Mexiko unsicher. Denn sie sind nicht politischen Ideologien, sondern grünen Scheinen treu.
Damals ein gewaltiger Erfolg an der Kasse, später eines der Vorbilder für den Spaghetti-Western und heute immer noch höchst unterhaltsam anzusehen, wie zwei Jungs mit einigen lässigen Sprüchen und Schüssen die mexikanische Revolution zur Operette degradieren.
Mit Gary Cooper, Burt Lancaster, Denise Darcel, Cesar Romero, Ernest Borgnine, Charles Bronson (noch als Charles Buchinsky), Jack Elam
Aber er ist, jedenfalls für alle die sicher und wohlbehalten im Kino sitzen, ein verdammt guter Alptraum.
Paul Conroy (Ryan Reynolds [Selbst ist die Braut, X-Men Origins: Wolverine, Smokin‘ Aces]), der im Irak als LKW-Fahrer für eine amerikanische Firma arbeitet und in einen Hinterhalt geriet, bei dem seine Kollegen starben, wurde lebendig in einen Sarg gelegt und vergraben. Er entdeckt ein Feuerzeug und ein Handy. Mit diesem versucht er Hilfe herbeizuholen. Doch das ist gar nicht so einfach. Er gerät an Anrufbeantworter. Er gerät in verschiedene Warteschleifen und – wenig verwunderlich – ihm wird zunächst nicht geglaubt. Als er von einem Militärpolizisten, der ihm versichert, dass Hilfe unterwegs sei, erfährt, dass er nicht der erste lebendig Begrabene ist und dass die meisten nicht gerettet werden, bestätigt das nur seine schlimmsten Befürchtungen. Außerdem melden sich seine Entführer. Sie verlangen von ihm für seine Freilassung ein erkleckliches Lösegeld.
Cortés und dem Drehbuchautor Chris Sparling gelingt es aus einer einfachen Prämisse und der Einheit von Ort (die Kamera verlässt nie den Sarg) und Zeit (da wird etwas geschwindelt) ein Maximum an Spannung herauszuhohlen. Denn „Buried“ ist in erster Linie ein Terrorfilm, in dem ein Mann seinen Gegnern ausgeliefert ist. Er kann sich nicht wehren. Weder gegen die plötzlich auftauchende Schlange, noch gegen die Forderungen seiner Entführer, die von ihm auch Selbstverstümmelungen verlangen, noch gegen seine Entlassung. Denn als seine Arbeitgeber erfahren, dass Paul Conroy in einem Sarg liegt, nicht mehr lange zu leben hat und sie wahrscheinlich mit einer hohen Schadensersatzforderung von seiner Witwe konfrontiert werden, entlassen sie ihn rückwirkend, weil er, entgegen den Firmenstatuten, eine Beziehung mit einer Kollegin gehabt haben soll.
Das ist der schwarzhumorige Höhepunkt des Films und eine präzise Beschreibung des menschenverachtenden Kapitalismus.
Der Rest ist perfektes, schnörkelloses B-Picture-Kino, in dem im Rahmen einer einfachen Geschichte und mit einem kleinen Budget (Ich glaube billiger als „ein Sarg“ geht es kaum.), eine spannende Geschichte erzählt wird. Es gibt auch keine langen moralisch-philosphischen Diskurse oder abschweifende Nebengeschichten. Es gibt nur einen Mann in einem Sarg, der um sein Leben kämpft. Und mehr braucht man nicht für spannende neunzig Minuten.
Buried – Lebendig begraben (Buried, Spanien 2010)
Regie: Rodrigo Cortés
Drehbuch: Chris Sparling
mit Ryan Reynolds, Robert Paterson, José Luis Garcia-Pérez, Stephen Tobolowsky, Samantha Mathis, Warner Loughlin, Erik Palladino, Ivana Mino, Warner Loughlin (die anderen Schauspieler sind nur am Telefon zu hören; daher sollte ich eigentlich die Synchronsprecher angeben. Aber deren Namen kenne ich nicht.)
Vorbemerkung 1: Das ist eine Besprechung der 190-minütigen Kinofassung.
Vorbemerkung 2: Ich kenne die 330-minütige Langfassung, die in einigen Kinos läuft, nicht. Daher weiß ich nicht, wo Regisseur Olivier Assayas die Schere angesetzt hat. Ich vermute in der zweiten Hälfte, nachdem Carlos in Wien den Anschlag auf das OPEC-Hauptquartier verübte.
Vorbemerkung 3 gibt es nicht, weil ich jetzt mit meiner Kritik von dem, mit kleinen Einschränkungen, grandiosem Film beginne.
Carlos, wie sich der am 12. Oktober 1949 in Caracas (Venezuela) geborene Anwaltssohn Ilich Ramirez Sánchez, nannte war in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts der meistgesuchte Terrorist. Seinen Ruf begründete er im Dezember 1975 mit der Geiselnahme im OPEC-Hauptquartier in Wien und der anschließenden gelungenen Flucht. In den folgenden Jahren war er der meistgesuchte Terrorist der Welt und wahrscheinlich jeder über 35-jährige erinnert sich noch an das Fahndungsfoto und einige seiner Anschläge. 1982 und 1983 verübte Carlos, weil die französische Polizei seine Frau Magdalena Kopp verhaftete, in Frankreich mehrere blutige Anschläge auf Züge, Bahnhöfe und Gebäude. Auch in Berlin (Hey, mein Wohnort) verübte er 1983 einen Anschlag auf das französische Kulturzentrum „Maison de France“. Nach dem Ende des Kalten Krieges tauchte Carlos mit seiner Frau Magdalena und ihrer Tochter Elba Rosa zunächst in Amman (Jordanien) unter. Am 14. August 1994 wurde er in Khartum (Sudan) verhaftet und 1997 in Paris zu lebenslanger Haft verurteilt.
Olivier Assayas erzählt nach einem von ihm und Dan Franck geschriebenen Drehbuch diese Lebensgeschichte. Vor dem Dreh recherchierten sie gründlich und dabei wurde aus einem normallangem Spielfilm schnell ein in zehn Ländern und mit über 120 Schauspielern gedrehtes Epos, das dieses Jahr beim Filmfestival in Cannes seine umjubelte Premiere erlebte. Für die normale Kinoauswertung wurde dann ordentlich gekürzt. Die lange Fassung ist, als Dreiteiler, vor allem für das Fernsehen gedacht.
Die Kinofassung zerfällt in zwei Teile. Im ersten, längeren und mitreisenderen Teil erzählt Assayas den Aufstieg von Carlos bis zur Geiselnahme im OPEC-Hauptquartier, der anschließenden Flucht mit einem Flugzeug und, entgegen dem Befehl von Wadi Haddad (dem Anführer der Volksfront für die Befreiung Palästinas [PFLP]) der Freilassung der Geisel gegen ein erkleckliches Lösegeld. Haddad und Carlos trennen sich.
Im zweiten, kürzeren Teil versucht Carlos eine eigene Terrorgruppe aufzubauen, er verliebt sich in die Deutsche Magdalena Kopp, verübt als Söldner für verschiedene Terrorgruppen weltweit zahlreiche Anschläge, versteckt sich an verschiedenen Orten und isoliert sich zunehmend. Der Schakal, wie Carlos auch genannt wurde, wird zum gehetzten Tier, das einen großen Teil seiner Zeit in verschiedenen Verstecken verbringt. Dieser Teil ist, weil es im Gegensatz zum ersten Teil für Carlos kein handlungstreibendes Ziel mehr gibt, schwächer. Die Handlung wirkt sprunghaft und deshalb langweilig. Wahrscheinlich hat Assayas hier am meisten gekürzt.
Doch das ist nur ein kleiner Minuspunkt. Denn insgesamt ist „Carlos“ ein mitreisender Film, der die Geschichte des internationalen Terrorismus der siebziger und achtziger Jahre aus der Perspektive einer der, vielleicht sogar der treibenden Kraft erzählt und seinen Protagonisten als einen sehr zwiespältigen, aber auch sehr faszinierenden Charakter porträtiert. Dank dem großartigem Spiel von Édgar Ramirez (Domino – Live Fast, Die Young; 8 Blickwinkel, Das Bourne Ultimatum, Che) ist Carlos, trotz all seiner negativen Seiten, eine verdammt coole Socke. Es wird erfahrbar, warum er damals als Held verehrt wurde und man kann erahnen, warum heute andere Terroristen als Helden verehrt werden.
Kleiner Tipp: Weil in „Carlos“, wie in der Realität, ein buntes Sprachengemisch herrscht, sollte die untertitelte Originalfassung angesehen werden. Die Geschichte wirkt dann noch authentischer.
Carlos – Der Schakal (Carlos, Frankreich/Deutschland 2010)
Regie: Olivier Assayas
Drehbuch: Olivier Assayas, Dan Franck
mit Édgar Ramírez, Nora von Waldstätten, Alexander Scheer, Christoph Bach, Julia Hummer, Aljoscha Stadelmann, Jule Böwe, Ahmat Kaabour, Udo Samel
Jesse Stone: Ohne Reue (USA 2009, R.: Robert Harmon)
Drehbuch: Tom Selleck, Michael Brandman
LV: Charakter von Robert B. Parker
Widmung: Für Robert B. Parker
Jesse Stone ist suspendiert. Aber nachdem zwei Menschen erschossen werden und es keine Spur von dem Täter gibt, wird Stone als Berater eingestellt. Außerdem werden in Paradise Drugstores überfallen.
Der sechste und bislang letzte Jesse-Stone-Film ist in erster Linie eine melancholische Charakterstudie und, wie die vorherigen Stone-Filme, ein angenehm altmodischer Krimi, bei dem die Charaktere, die Geschichte und die lakonischen Dialoge im Mittelpunkt stehen. Auch ohne eine Romanvorlage von Robert B. Parker atmet der Film in jeder Sekunde Parkers Geist.
mit Tom Selleck, Kathy Baker, Kohl Sudduth, Stephen McHattie, Krista Allen, William Sadler, Saul Rubinek, William Devane, Kerri Smith
Drehbuch: Winfried Bonengel, Ingo Hasselbach, Douglas Graham
LV: Ingo Hasselbach (zusammen mit Winfried Bonengel): Die Abrechnung – ein Neonazi steigt aus, 1993
Recht selten gezeigter Spielfilm über zwei Jugendlicher, die in der DDR von der großen Freiheit träumen und, nach einer mißglückten Republikflucht, im Knast zu Nazis werden.
Nach der umstrittenen Dokumentation „Beruf Neonazi“ (über Bela Ewald Althans) drehte Bonegel einen Spielfilm über jungendliche Nazis. Mit Ingo Hasselbach konnte er einen hochkarätigen Aussteiger zur Mitarbeit bewegen. Der Skandal war vorprogrammiert.
Aber:
„Doch das provokante Potenzial, mit dem Bonengel spekuliert haben mag, ist gleich null, ebenso wie das Formbewusstsein des Films.“ (Robert Weixelbaumer, tip 25/2002)
„Die Möblierung der Innenwelt der Protagonisten aber will Bonengel nicht gelingen. Zwar lässt der Film, anders als damals ‚Beruf Neonazi‘, keinen Zweifel an seiner Distanz zur rechtsradikalen Szene, aber die Erklärungen dafür, wie man in diese hineingerät, fallen entweder sehr plump und sprunghaft aus, oder es wird ganz auf sie verzichtet.“ (Rupert Koppold, Rheinische Post, 4. September 2002)
Mit Christian Blümel, Aaron Hildebrand, Jule Flierl, Luci van Org, Harry Baer, Dieter Laser
Halbzeit für US-Präsident Barack Obama. Vielleicht auch erst Viertelzeit. Jedenfalls gibt’s von der Geisterstunde bis zum Morgengrauen viele Infos über den Präsidenten, die Kongresswahlen, sein Land und den ganzen Rest.