Bilder vom roten Teppich und erste Berichte von der diesjährigen Berlinale.
Zusammenfassungen gibt’s um 00.35 Uhr (ZDF) und 01.10 Uhr (3sat). RBB präsentiert ab 02.15 Uhr „Das Festival-Tagebuch aus Berlin“ und anschließend Mitschnitte der Berlinale-Pressekonferenzen. Die Pressekonferenzen sind für Nachteulen bis zum Ende der Berlinale der surreale TV-Höhepunkt.
Drehbuch: Jerzy Kromolowski, Mary Olson-Kromolowski
LV: Friedrich Dürrenmatt: Das Versprechen – Requiem auf den Kriminalroman, 1957
Kamera: Chris Menges
Musik: Hans Zimmer
Ein Polizist sucht nach seiner Pensionierung – zunehmend wahnhaft – einen Kindermörder. Als Beute für den Mörder wählt er ein Kind aus.
Grandiose, ruhige Studie über Alter und Einsamkeit. Penn hielt sich bei seiner Version an Dürrenmatts Buch „Das Versprechen“. Dürrenmatt schrieb es, nachdem er mit dem optimistischen Ende von „Es geschah am hellichten Tag“ (D 1958) unzufrieden war. Sogar die notorisch schwer zu begeisternde Ponkie schrieb: „Das Vorhersehbare eines Krimiklassikers – und die Brutal-Details eines grausamen Thrillers: ein respektables, aber nicht zwingend nötiges Remake.“ (AZ, 11. 10. 2001)
Mit Jack Nicholson, Patricia Clarkson, Benicio Del Toro, Mickey Rourke, Helen Mirren, Robin Wright Penn, Vanessa Redgrave, Sam Sheppard, Tom Noonan, Harry Dean Stanton, Aaron Eckhart
Jazzline: Leverkusener Jazztage 2008: Maceo Parker und die WDR Big Band
Die etwas andere kleine Nachtmusik: Heute gibt es nach Mitternacht ein Konzert von Maceo Parker und der WDR Big Band. Das Programm bestand, wie schon auf der 2007 veröffentlichten mitreisenden Doppel-CD „Roots & Grooves“, aus eigenen und Ray-Charles-Stücken, die von Maceo Parker funky aufbereitet wurden.
Mit Schirm, Charme und Melone: Stadt ohne Rückkehr (GB 1965, R.: Roy Ward Baker)
Drehbuch: Brian Clemens
Die beiden Agenten John Steed und Emma Peel sollen herausfinden, warum in Little Bazeley vier Agenten verschwunden sind. Die Lösung liegt unter der Erde.
Arte zeigt ab heute die britische Serie werktäglich um 17.40 Uhr und startet mit der ersten Folge der vierten Staffel oder ganz einfach mit dem ersten Auftritt von Emma Peel. Denn bevor Diana Rigg die Partnerin von Patrick Macnee wurde, standen ihm Ian Hendry (als Dr. David Keel und der war damals der Hauptdarsteller, aber den Zuschauern gefiel John Steed besser) und Honor Blackman (als Catherine Gale, aber dann kam das Angebot, in einem James-Bond-Film mitzuspielen) zur Seite und die Serie war Anfangs eine normale Krimiserie.
Mit dem schlagkräftigem Duo John Steed und Emma Peel entstand dann die auch heute noch bekannt-beliebte Mischung aus Superschurken, abgedrehten Geschichten, surrealen Einfällen und britischem Understatement.
Brian Clemens schrieb, bevor er bei „The Avengers“ einstieg, unter anderem einige Folgen für „Geheimauftrag für John Drake“. Später war er auch an der Neuauflage von „Mit Schirm, Charme und Melone“ (The new Avengers), „Die Profis“ (The Professionals), „Die Profis – Die nächste Generation“ (CI 5: The new Professionals; immer auch als Produzent und oft auch als Erfinder), „Thriller“ (eine nie in Deutschland gezeigte Serie), „Die Zwei“ (The Persuaders!),. „Ein gesegnetes Team“ (Father Dowling Mysteries) und „Bugs“ beteiligt.
Serpico ist ein junger, idealistischer Polizist, der auch gegen die Korruption im System vorgehen will. Seine Kollegen und Vorgesetzten findet das nicht gut.
Grandioser, auf Tatsachen beruhender, vor Ort gedrehter, pessimistischer Cop-Thriller mit Al Pacino
„Die Karriere von Frank Serpico…erlaubt Lumet einen breiten, aber detaillierten Angriff auf die in der Stadt ausgebreitete Korruption und die frustrierenden Mechanismen der Bürokratie bei ihrer Selbstverteidigung, während die emotionalen Kräfte seines Films, dieses Mal, denen des Helden treffend angepasst sind.“ (Richard Combs in Monthly Film Bulletin)
Neben der verzichtbaren Elmore-Leonard-Verfilmung „Be Cool“, der grottigen Richard-Stark-Verfilmung „Payback“ und dem überflüssigem „Psycho“-Remake läuft in den kommenden beiden Wochen auch Hitchcocks Original. Die weiteren sehenswerten Kriminalromanverfilmungen sind die Tatorte „Tod eines Mädchens“ (nach einem Drehbuch von Horst Bieber) und „Laura, mein Engel“ (nach einem Drehbuch von Richard Hey), Sidney Lumets Peter-Maas-Verfilmung „Serpico“, José Giovannis „Endstation Schafott“, Sean Penns Friedrich-Dürrenmatt-Verfilmung „Das Versprechen“, David Lynchs Barry-Gifford-Verfilmung „Wild at Heart“, Frank Darabonts Stephen-King-Verfilmung „Die Verurteilten“, Michael Ciminos Robert-Daley-Verfilmung „Im Jahr des Drachen“, Michael Manns Thomas-Harris-Verfilmung „Roter Drache“, Ron Sheltons James-Ellroy-Verfilmung „Dark Blue“ (Inspiration wäre wohl treffender.), Marc Rothemunds „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ (Fred Breinersdorfer schrieb das Drehbuch.) und die TV-Premiere „Familienaufstellung“ (nach einem Drehbuch von Thea Dorn und Seyran Ates).
Ein Special, in dem Promis wie Fritz Wepper, Ulrike Folkerts, Miroslav Nemec, Hannelore Hoger, Dirk Bielefeldt (aka „Herr Holm“), Dieter Pfaff und Wolfgang Menge (Ah, endlich ein wirklich kompetenter Name. Menge war schon beim „Stahlnetz“ dabei.) Filmausschnitte mit unseren liebsten TV-Kommissaren kommentieren und ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern.
Ergänzend gibt es um 20.15 Uhr „Tatort: Tod eines Mädchens“ (ein Stoever-Brockmöller-Tatort nach einem Drehbuch von Horst Bieber), um 23.10 Uhr „Tatort: Jagdrevier“ (ein Finke-Klassiker von Wolfgang Petersen), um 00.45 Uhr „Stahlnetz: In jeder Stadt…“, um 02.05 Uhr „Schwarz Rot Gold: Im Sumpf“ (die letzte Folge der Serie) und um 03.35 Uhr „Stahlnetz: Bankraub in Köln“ (auch diese „Stahlnetz“-Folge wurde von Jürgen Roland nach einem Drehbuch von Wolfgang Menge inszeniert) .
Wild at Heart – Die Geschichte von Sailor und Lula (USA 1990, R.: David Lynch)
Drehbuch: David Lynch
LV: Barry Gifford: Wild at Heart: The Story of Sailor and Lula, 1984
Sailor und Lula flüchten vor einem Detektiv und einem Killer, die beide im Auftrag von Lulas durchgeknallter Mutter reinen Tisch machen sollen. Und dann treffen sie auf den Gangster Bobby Peru und dessen Komplizin Perdita Durango.
Lynchs wildes Roadmovie, ausgezeichnet mit der Goldenen Palme in Cannes, ist ein hemmungslos übertriebener Trip durch einen Alptraum namens Amerika. Ein Meisterwerk.
Barry Gifford schrieb später das Drehbuch für den Lynch-Film „Lost Highway”. Außerdem publizierte er neben seinen Romanen, wie „Perdita Durango“, lesenswerte Sachbücher, wie „Out of the past“ über den Film Noir.
Im Anschluss: „Es war einmal… Wild at Heart“ (F 2008, Doku über den Film)
Mit Nicolas Cage, Laura Dern, Diane Ladd, Willem Dafoe, Isabella Rossellini, Harry Dean Stanton, Crispin Glover
Irgendwie klingt das schon fast nach Drittverwertung: Nach dem überzeugendem Doku-Drama „Mogadischu“ (Remy schrieb das Drehbuch) und der 45-minütigen Doku (ebenfalls von Remy) gibt es heute eine spielfilmlange Doku, in der auch geschnittene Szenen aus dem Spielfilm gezeigt werden.
Aber bei Arte ist es natürlich nicht so einfach:
„Autor des Fernsehfilmdrehbuchs und des Dokumentarfilms ist Maurice Philip Remy. Mit ihm wagte ARTE nun ein ungewöhnliches Experiment. Auf der Basis von über 100 Stunden gedrehtem Filmmaterial für „Mogadischu“ … sowie der in jahrelanger Arbeit zusammengetragenen Materialien für den Dokumentarfilm erarbeitete Remy für ARTE ein Doku-Drama.
„Das sind einfach traumhafte Voraussetzungen“, so Remy, „die Outtakes aus einer Sechs-Millionen-Produktion für ein Doku-Drama verwenden zu können. Wir zeigen keine Dialoge und haben vor allem distanzierte Szenen ausgewählt; aber selbst das ist einfach unglaublich packend und authentisch!“
Zu sehen sind auch zahlreiche Szenen, die im Fernsehfilm nicht gezeigt werden. Außerdem Filmaufnahmen und Interviews, die in der kurzen Dokumentation keinen Platz gefunden haben. Einige der Gesprächspartner haben zum ersten Mal vor einer Kamera über die dramatischen Ereignisse vom Oktober 1977 gesprochen, so die Chefstewardess Hannelore Brauchart oder die Witwe von Flugkapitän Jürgen Schumann, der sich in Aden für seine Passagiere geopfert hat. Außerdem kommen weitere Geiseln zu Wort, Politiker des Bonner Krisenstabs, Vertreter des Auswärtigen Amtes und der Kommandeur der GSG 9, General Ulrich Wegener.“ (Arte)
Der Filmfan wünscht sich jetzt eine DVD mit dem Spielfilm und Remys kurzer und langer Dokumentation. Denn die derzeit erhältliche Spielfilm-DVD „Mogadischu“ hat als Bonusmaterial nur ein kurzes Making-of und das ist kein Grund, die DVD zu kaufen.
Sein oder Nichtsein (USA 1942, R.: Ernst Lubitsch)
Drehbuch: Edwin Justus Mayer (nach einer Geschichte von Ernst Lubitsch und Melchior Lengyel)
Polen 1939: eine drittklassige Theatergruppe voller engagiert sich nach dem Einmarsch Hitlers mehr schlecht als recht gegen die Nazis.
In den USA war der Film ein Flop und auch den Kritikern gefiel er nicht. In Deutschland war zum Kinostart 1960 das Echo wesentlich positiver und heute ist „Sein oder Nichtsein“ ein Klassiker.
„Eine der größten und kühnsten Satiren der Filmgeschichte überhaupt, weil sie die furchtbarsten Schergen des 20. Jahrhunderts in der ganzen Lächerlichkeit ihres Apparats und ihrer Selbstdarstellung bloßstellt, ohne ihre Schrecken zu leugnen.“ (Susanne Weingarten in Alfred Holighaus, Hrsg.: Der Filmkanon)
Unter den zahlreichen ernsten Filmen, wie „Leo und Claire“ und „Der neunte Tag“, zum heutigen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus ist „Sein oder Nichtsein“ das witzige, nicht minder aufklärerische Gegenmittel. Der You-tube-Clip zeigt die ersten Minuten des Films in der deutschen Version.
Mit Carole Lombard, Jack Benny, Robert Stack, Felix Bressart, Lionel Atwill, Stanley Ridges
Nachtschicht: Blutige Stadt (D 2009, R.: Lars Becker)
Drehbuch: Lars Becker
In ihrem sechsten Einsatz jagt das Team des KDD (Kriminaldauerdienst, oder die Nachtschicht der Hamburger Polizei) einen Killer, der sich „Q“ nennt und als erstes einen türkischen Reiseunternehmer hinrichtet. Die Spur führt zum Revierleiter Neumann.
„Nachtschicht“ ist eine der wenigen Serien, für die sich die TV-Gebühren lohnen.
Mit Armin Rohde, Barbara Auer, Minh-Khai Phan-Thi, Uwe Kockisch, Maja Maranow, Sibel Kekilli, Pierre Semmler, Simon Schwarz
Mord im Orient-Express (GB 1974, Regie: Sidney Lumet)
Drehbuch: Paul Dehn
LV: Agatha Christie: Murder on the Orient Express, 1934
Millionär Ratchett wird im Orient-Express ermordet. Der Zug bleibt im Schnee stecken und der Mörder muss noch im Zug sein. Hercule Poirot befragt die Passagiere.
Starbesetzer Edelkrimi mit Albert Finney (als Hercule Poirot), Lauren Bacall, Martin Balsam, Ingrid Bergman, Jacqueline Bisset, Jean-Pierre Cassel, Sean Connery, Sir John Gielgud, Anthony Perkins, Vanessa Redgrave, Michael York, Richard Widmark (als Leiche). Wolf Donner meinte: „Kulinarisches Kino, angenehm überflüssig und verwirrend nutzlos.“ (Donner in Die Zeit)
Tatort: Finale am Rothenbaum (D 1991, R.: Dieter Kehler)
Drehbuch: Frank Göhre
Gangster entführen einen Tennis-Champion. Damit das Spiel weitergehen kann, müssen Stoever und Brockmöller ihn befreien.
Spannender (jedenfalls aus der Erinnerung an die Erstausstrahlung) und eher selten gezeigter Stoever-Tatort. Bei dem Tennis-Champion Andi Behrens denken wir natürlich immer noch sofort an Boris Becker.
Mit Manfred Krug, Charles Brauer, Christina Plate, Knut Hinz, Manfred Lehmann
Und ich bereite schon die nächste Spurensuche vor. In ihr werden mehrere Sammlungen von Kurzgeschichten und Kurzromane (Novellen? Längere Kurzgeschichten? Hmhm.) vorgestellt.
Biopic über den unbeliebten Amtsvorgänger von Barack Obama. Die meisten Kritiker waren nicht allzu begeistert vom neuesten Werk des filmischen Aufklärers Oliver Stone („Platoon“, „JFK“, „Nixon“, „Natural Born Killers“). Zu brav. Zu unwitzig. Zu staatstragend. Halt ziemlich genau das Gegenteil vom grandiosen Trailer (untermalt von den „Talking Heads“) und den Erwartungen des Publikums.
Aber in einigen Jahren wird der Kassenflop (in den USA ; bei uns dürfte er dagegen für lange Zeit den Rekord für die schnellste TV-Auswertung eines Spielfilms halten) als die offizielle Bush-Biographie durchgenudelt werden. Denn die Leistungen der Schauspieler werden allgemein gelobt und nette Biopics gehen im Puschenkino immer.
Mit Josh Brolin, Elizabeth Banks, James Cromwell, Ellen Burstyn, Richard Dreyfuss, Scott Glenn, Stacy Keach, Thandie Newton, Jeffrey Wright
Auch bekannt als “W. – Ein missverstandenes Leben” (DVD-Titel)
„Cracker“, bei uns auch bekannt unter dem etwas dämlich-harmlosen Titel „Für alle Fälle Fitz“, ist einer der seltenen Glücksfälle der TV-Geschichte, die in England allerdings häufiger vorkommen als in Deutschland. Denn Anfang der neunziger Jahre gab ein Sender das Okay für eine damals bahnbrechende Serie, die auch heute – wie die jüngst erschienene „Für alle Fälle Fitz“-Komplettbox zeigt – nichts von ihrer Faszination verloren hat. Bereits in den ersten Minuten, wenn Robbie Coltrane als Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald verspätet (er musste noch die Rennergebnisse erfahren) eine improvisierte Vorlesung an der Uni hält, wird ein einmaliger Charakter präsentiert. Er brüllt die Namen der großen abendländischen Denker und schleudert deren Werke in den Hörsaal. Danach fordert er die verblüfften Studierenden zum selber Denken auf und verlässt den Saal.
Entweder schaltet man danach ab, oder man will mehr über diesen Charakter erfahren, dessen Privatleben ein einziges Chaos ist. Er ist ein Trinker, Spieler und Choleriker. Seine Ehe ist in den ersten „Cracker“-Folgen schon in – höflich formuliert – ernsten Schwierigkeiten und es wird noch schlimmer. Aber er ist auch ein ausgezeichneter Psychologe, der gnadenlos in den Wunden seiner Gegner herumbohrt.
Diese Verhöre, in denen Fitz eine unangenehme Wahrheit nach der nächsten ausposaunt, sind für die mit ihm im Raum Anwesenden die reinste Folter. Denn Fitz nimmt nicht nur den Verdächtigen gnadenlos in die Zange, sondern er benutzt auch die anwesenden Polizisten, indem er intime Details (meistens wahr, selten erfunden) über sie ausplaudert. Der Originaltitel „Cracker“ sagt alles über diese Verhöre, die dank der guten Dialoge von Jimmy McGovern (der Fitz erfand und die meisten Drehbücher schrieb) und den guten Schauspielern zu den Höhepunkten jeder Folgen gehören.
„„I smoke too much.“
Die erste Folge „Mord ohne Erinnerung“ etabliert das Polizeiteam und Fitz mit seinem chaotischen Privatleben. Der Fall ist noch ein Whodunit. In einem Zugabteil wird eine seiner Studentinnen bestialisch erstochen. Als in der Nähe der Bahngleise ein blutbesudelter Mann gefunden wird, der behauptet sein Gedächtnis verloren zu haben, beginnt Fitz ihn zu bearbeiten. Denn offensichtlich ist er der Täter und er simuliert seinen Gedächtnisverlust. In den späteren Folgen ist der Täter dann fast immer von Anfang an bekannt. Es werden die Irrwege der Polizei und die Verhöre von Fitz, in denen er sich an die Wahrheit herantastet, gezeigt. Außerdem wird die Dynamik innerhalb der ermittelnden Polizisten zunehmend wichtiger. Bereits in der zweiten Folge wird einer ihrer Kollegen ermordet.
Den ersten Höhepunkt erreichte der schonungslose Umgang mit den Darstellern in „Kalte Rache“. In dieser Folge beginnt der Arbeiter Albie Kinsella (Robert Carlyle), nach der Beerdigung seines Vaters, als ein pakistanischer Kaufmann auf die sofortige Zahlung des korrekten Preises besteht (letztendlich geht es um vier Shilling), mit einem Rachefeldzug. Er will sich nicht mehr wie Dreck behandeln lassen. Er ersticht den Pakistani.
Sein drittes Opfer ist DCI David Bilborough (Christopher Eccleston), der Teamleiter. In dem „Making of“ erzählt Jimmy McGovern wie es zu diesem Mord an einem der Hauptdarsteller kam. Eccleston fühlte sich nach den ersten drei Folgen als Schauspieler unterfordert. Deshalb wollte er aussteigen. McGovern erzählte ihm dann von dieser minutenlangen Szene: Er verfolgt den Mörder durch mehrere enge Gassen in dessen Wohnung, dort wird er von ihm erstochen und kriecht dann schwer verletzt durch einen scheinbar endlosen Flur auf eine menschenleere Gasse. Dabei berichtet er seinen Kollegen über sein Funkgerät, was er in den vergangenen Minuten über den Täter erfahren hat.
Eccleston kehrte zurück. Und, weil kein Zuschauer vorher wusste, dass Bilborough die Folge nicht überleben wird, waren sie ähnlich schockiert wie Fitz und seine Arbeitskollegen DS Jane ‚Panhandle‘ Penhaligon (Geraldine Somerville) und DS Jimmy Beck (Lorcan Cranitch). Denn, so das eherne Gesetz von TV-Serien, ein Hauptdarsteller stirbt nicht. Jedenfalls nicht so.Und nicht mitten in einer Folge.
In den nächsten Folgen rückten die Konflikte innerhalb des Teams immer mehr in den Mittelpunkt. Beck fühlte sich für den Tod von Bilborough verantwortlich. Er versucht mit seiner Schuld klarzukommen und wird zunehmend zu einem Problem. Penhaligon versucht ihre Beziehung zu Fitz auf die Reihe zu bekommen. Denn nachdem Judith Fitzgerald in der ersten Folge ihren Ehemann verließ, hatte sie Sex mit ihm. In „Männerphantasien“ wird sie während der Jagd nach einem Serienvergewaltiger selbst vergewaltigt. Sie glaubt, dass ihr Kollege Beck der Täter ist.
Bei diesen Spannungen innerhalb des Teams verläuft in „Kalte Rache“ der Übergang von Bilborough zu seinem Nachfolger DCI Charlie Wise (Ricky Tomlinson) reibungslos. In den späteren Folgen wird allerdings deutlich, dass Wise als Chef bei schwierigen Fällen überfordert ist.
„I drink too much.“
Auch in den Mordfällen stehen die zwischenmenschliche Dynamik, die Sehnsüchte, Ängste und seelischen Defekte der einzelnen Charaktere im Mittelpunkt. Die große Politik wird von Jimmy McGovern (und später Paul Abbott) nur selten, Organisierte Kriminalität und Wirtschaftskriminalität nie aufgegriffen. Denn dafür ist der Psychologe Fitz nicht zuständig. In „Mörderische Liebe“ beginnt ein junges Liebespaar eine Mordserie. Sie fühlt sich von der Gesellschaft ausgestoßen. Er ist ein Stotterer. In „Tod eines Knaben“ wird ein Lehrer verdächtigt, einen seiner Schüler umgebracht zu haben. Das Ende der Folge, wenn der Lehrer Fitz alles gesteht, ist schockierend.
In „Teuflische Verführung“ hat eine Teenagerin ein Liebesverhältnis mit dem von ihr bewunderten religiösen Vorsteher einer christlichen Sekte. Als sie der Öffentlichkeit sagen will, dass sie schwanger ist, beschließen die Gemeindoberen das Problem auf nicht gerade christliche Weise zu lösen. Diese Folge über religiösen Wahn (bei ihr) und Bigotterie (bei ihm) gehört zu den schwächeren Folgen.
In „Männerphantasien“ wird ein Serienvergewaltiger gesucht. In „Bruderliebe“ wird eine Prostituierte brutal ermordet. Ein Tatverdächtiger ist schnell gefunden. Aber während er inhaftiert ist, geschieht ein weiterer Mord. Fitz verdächtigt den Bruder des Tatverdächtigen: einen geachteten katholischen Priester. Die Gespräche zwischen den beiden über Schuld, Sühne und Verpflichtungen sind grandios. Es sind elaborierte Katz-und-Maus-Spiele, in denen jeder den anderen zu ungewollten Geständnissen bewegen will.
In „Racheengel“ steht die Liebe zwischen einem etwa Dreißigjährigen zu einem unbeherrschten Heim-Jugendlichen im Mittelpunkt. Ein gemeinsam verbrachter Abend in der Wohnung des Älteren führt zum Tod der Vermieterin.
Auch in „Liebesfalle“ geht es um Liebe. Dieses Mal ist eine Studentin in Fitz verliebt. Sie schreibt ihm verklausulierte Liebesbriefe, begeht Morde und dringt in das Leben von Fitz ein.
Die ersten neun Fälle wurden in England als jeweils etwa fünfzigminütige Zwei- und Dreiteiler ausgestrahlt. Dabei sind die hundertminütigen Fälle immer etwas zu kurz. 150 Minuten ist dagegen die ideale Länge für einen „Cracker“-Fall. Jimmy McGovern erzählt im „Making of“, dass er jedes seiner Drehbücher kürzen musste.
„Für alle Fälle Fitz“ erhielt zahlreiche Preise. Robbie Coltrane erhielt an drei aufeinander folgenden Jahren den BAFTA Award als bester Darsteller. Die Serie erhielt zweimal den BAFTA Award als beste Serie des Jahres. Im dritten Jahr wurde sie „nur“ nominiert. Die Drehbücher zu „Mörderische Liebe“ und „Bruderliebe“ von Jimmy McGovern erhielten einen Edgar.
„I gamble too much.“
Nach neun Fällen war dann Schluss. Fitz war, zum dritten Mal, glücklicher Vater. Judith lebte wieder bei ihm. Das Ermittlerteam aus „Mord ohne Erinnerung“ existierte nicht mehr. 1996 und 2006 folgten zwei weitere spielfilmlange, Edgar-nominierte Episoden.
In „Weiße Teufel“ bittet ihn die Polizei von Hongkong um Hilfe. Ein chinesischer Unternehmer wurde ermordet. In dieser Folge tritt, von der Stammbesetzung, nur DCI Wise auf. Die Hongkong-Polizistin Janet Lee Cheung nimmt die Rolle von DS Penhaligon ein und Fitz knackt einen weiteren Mörder. „Weiße Teufel“ ist dabei, in unbekanntem Gelände, ein wenig Dienst nach Vorschrift.
In „Nine Eleven“ kehrt Fitz zur Hochzeit seiner Tochter für einige Tage nach Manchester zurück. Schnell wird er in einen Mordfall (der für ihn auch die willkommene Gelegenheit ist, sich vor familiären Verpflichtungen zu drücken) verwickelt. Ein junger Amerikaner wurde nach einer Anti-Bush-Stand-up-Comedy ermordet. Kurz darauf wird ein zweiter US-Amerikaner ermordet.
„Nine Eleven“ verbindet durchaus gelungen den Antiterrorkrieg der USA mit dem Nordirlandkonflikt. Der Mörder Kenny Archer diente als Soldat in Nordirland. Er leidet immer noch an den seelischen Folgen seines Einsatzes, der inzwischen in der Öffentlichkeit nur noch als vernachlässigbares Scharmützel gesehen wird.
Im direkten Vergleich zu den ersten„Cracker“-Episoden sind „Weiße Teufel“ und „Nine Eleven“ ein insgesamt schwacher Nachschlag. Die Fälle sind auf dem Niveau der vorherigen Fälle. Aber in beiden Filmen fehlt die sich über mehrere Episoden entwickelnde Dynamik innerhalb des Teams. In „Weiße Teufel“ und „Nine Eleven“ sind die Ermittler weitgehend austauschbare Charaktere, die in ihren besten Momenten an das alte Ermittlerteam erinnern.
„I am too much.“
Die schön gestaltete Komplettbox der Serie „Für alle Fälle Fitz“ bietet fast 24 Stunden spannende Unterhaltung und sollte in keiner DVD-Krimisammlung fehlen. Denn im Fernsehen werden die einzelnen Folgen kaum gezeigt. Bei der letzten Ausstrahlung kürzte das ZDF die beiden gezeigten Folgen „Mord ohne Erinnerung“ und „Tod eines Knaben“ einfach um über zehn Minuten. Das Bonusmaterial ist kärglich, aber die britische Ausgabe hat noch weniger. Das „Making of“ anlässlich des Drehs von „Nine Eleven“ ist informativ. Der ZDF-Beitrag über die Synchronisation nett.
Los Angeles, 1928: Ein Kind verschwindet. Als die Polizei es unverletzt nach fünf Monaten findet, behauptet die Mutter, dass das nicht ihr Sohn sei. Ist sie, wie die Polizei über die Nervensäge behauptet, verrückt oder versucht die Polizei etwas zu vertuschen?
Nach gut 140 Minuten ist diese Frage beantwortet.
Just another Period-Picture mit Stars, stilechter Ausstattung, Überlänge (oder Blockbuster-Länge), sackweise Auszeichnungen, lauwarmen Kritiken und, natürlich, basierend auf einem wahren Fall.
Mit Angelina Jolie, Gattlin Griffith, John Malkovich, Jeffrey Donovan, Amy Ryan, Colm Feore
New York, heute: ein junger Detective soll ein mysteriöses Massaker aufklären und stößt auf einen Sumpf auf Korruption und Verrat in den eigenen Reihen.
Just another Cop-Movie mit Knatsch in Familie 1 (Vater, Bruder, nichtsnutzige Verwandtschaft, Frauen) und Familie 2 (Vater, Bruder, nichtsnutziger Verwandtschaft, korrupten Kollegen; – gerne in Personalunion).
Mit Edward Norton, Colin Farrell, Jon Voight, Noah Emmerich, Jennifer Ehle, Frank Grillo
The Gingerbread Man – Eine nächtliche Affäre (USA 1998, R.: Robert Altman)
Drehbuch: Clyde Hayes
LV: John Grisham (Originalstory – soweit bekannt nicht veröffentlicht)
Anwalt Rick Magruder verknallt sich in Mallory Doss und bemerkt nicht, wie sehr sie ihn für ihre Interessen benutzt.
Die erfolgloseste und – so auch meine Ansicht – die beste Grisham-Verfilmung. Altman verfilmte einen Drehbuch-Entwurf, den Grisham vor seinem Leben als Bestseller-Autor schrieb, und das Studio startete den Film – nach einem Streit mit Altman über die endgültige Fassung – fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Im Gegensatz zu den erfolgreichen Grisham-Bücher und deren Verfilmungen löst der Held, natürlich ein Anwalt, nicht das Problem, sondern er ist das Problem. In dem düsteren Südstaaten-Thriller glänzen etliche Stars.
Mit Kenneth Branagh, Robert Downey Jr., Embeth Davidtz, Robert Duvall, Tom Berenger, Daryl Hannah, Famke Janssen
Hirnwäscher – wie gefährlich ist Scientology? (D 2009, R.: Tilman Jens)
Drehbuch: Tilman Jens
Doku über die Sekte, die in Berlin ihre Deutschlandzentrale hat und vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Der Anlass für die heutige Ausstrahlung der Doku ist der Kinostart des neuen Tom-Cruise-Films „Operation Walküre“.