In einer post-apokalyptischen Welt – dass „Never let go – Lass niemals los“ nicht in der Vergangenheit spielt, ahnen wir anhand der Kleidung und wissen wir aufgrund der vorhandenen Smartphones – leben eine Mutter (Halle Berry) und ihre beiden Kinder Samuel (Anthony B. Jenkins) und Nolan (Percy Daggs IV) im Süden von Tennessee im Wald. Ihr Bewegungsradios wird eingeschränkt durch die dicken Seile, die sie sich umbinden, sobald sie das Haus verlassen. Die mit dem Haus verbundenen Seile beschützten sie vor den im Wald lebenden bösen Geistern. Das behauptet jedenfalls ihre Mutter.
Als Samuel und Nolan älter werden, fragen sie sich, ob ihre Mutter ihnen die Wahrheit über die Monster im Wald und die Welt hinter dem Ende des Seils erzählt.
Horrorfilm-Regisseur Alexandre Aja („High Tension“, „The Hills have eyes“, „Crawl“) malt diese Situation in dichten Bildern und mit einem kleinem Ensemble aus. Die Geschichte selbst ist so abstrakt, dass sie für verschiedene, sich teils diametral gegenüberstehende Interpretationen offen ist. Also konkret: beschützt Momma ihre Kinder oder hält sie sie gefangen? Gibt es die im Wald lebenden Monster oder sind sie ein Fantasiegebilde der Mutter? Für welche Bedrohung stehen die Monster?
Es gibt nur wenige Andeutungen, wie es dazu kam, dass Momma und ihre beiden Kinder im Wald vom Wald leben und Angst vor den im Wald lebenden Monstern haben. Diese sehen, wenn sie auftauchen, wie gut erhaltene Zombies oder Wasserleichen aus. Es wird überhaupt nicht erklärt, wie die drei über zehn Jahre in dem Haus im Wald überleben konnten.
Nach dem Set-up entwickelt sich die Geschichte, mit einigen überraschenden Wendungen, in vertrauten Bahnen zu einem Ende, das mich nicht überraschte. Auch wenn Aja mit seiner Schlusspointe ein eindeutiges Ende vermeidet. Der Weg dorthin gestaltet sich trotzdem, dank der Schauspieler, der atmosphärischen Inszenierung und der Offenheit für verschiedene Interpretationen, ziemlich unterhaltsam.
P. S.: Aktuell denken die Macher schon darüber nach, die Geschichte weiter zu erzählen und auch die Vorgeschichte zu erzählen. Ich frage mich, ob das eine gute Idee ist. Denn dann würde vieles, was hier noch offen für sehr verschiedene Interpretationen ist, beantwortet werden.
Never let go – Lass niemals los(Never let go, USA 2024)
Regie: Alexandre Aja
Drehbuch: KC Coughlin, Ryan Grassby
mit Halle Berry, Percy Daggs IV, Anthony B. Jenkins
Die Studentinnen Alex und Marie wollen sich auf dem Land bei Alex‘ Eltern auf eine Prüfung vorbereiten. Schon am ersten Abend massakriert ein Sadist Alex‘ Familie und entführt sie. Marie will sie retten.
TV-Premiere. „Spannender, visuell höchst drastischer Psychothriller mit Horrorelementen“ (Lexikon des internationalen Films), der in Deutschland keine Jugendfreigabe erhielt, in verschiedenen Fassungen erschien und bis März 2023 auf der Liste der jugendgefährdenden Medien stand. Danach erschien er ungeschnitten auf DVD – und könnte jetzt auch ungeschnitten im Fernsehen laufen.
Für den Franzosen Alexandre Aja war der ultrabrutale Horrorfilm, sein zweiter Spielfilm, der Durchbruch. In Hollywood drehte er die Horrorfilme „The Hills Have Eyes – Hügel der blutigen Augen“, „Mirrors“, „Piranha 3D“, „Horns“ (nach dem Roman von Joe Hill) und „Crawl“.
mit Cécile de France, Maïwenn, Philippe Nahon, Franck Khalfoun, Andrei Finti, Oana Pellea
Wiederholung: Samstag, 25. Mai, 01.40 Uhr (Taggenau!)
Florida wird mal wieder von einem besonders schlimmen Hurrikan heimgesucht und alle Menschen sollten in ihren Wohnungen bleiben. Aber Haley (Kaya Scodelario) macht sich auf den Weg in ihren Geburtsort. Denn ihr Vater Dave (Barry Pepper) meldet sich nicht. Sie findet ihn verletzt im Kriechkeller des Elternhauses. Als sie ihn aus dem Keller zieht, bemerkt Haley, dass sie nicht allein sind. Ein Alligator ist ebenfalls im Keller und er hat sie auf seinen Speiseplan gesetzt.
Bei einem weiteren Ausbruchsversuch aus dem Keller bemerkt Haley, dass sie nicht von einem, sondern von zwei großen Alligatoren gejagt werden.
In der Realität sind die meisten Alligatoren zwischen durchaus beängstigenden dreieinhalb und vier Metern. Einige sind auch furchterregende sechs Meter groß und das ist ungefähr die Größe der in dem spannenden Horrorthriller „Crawl“ auftauchenden Alligatoren.
Weil das Wasser unaufhaltsam steigt, müssen Haley und Dave, der sich kaum bewegen kann, trotzdem versuchen, an den Tieren vorbei aus dem Keller zu entkommen.
Das ist das angenehm sparsame Set-up für Alexandre Ajas neuen Horrorfilm „Crawl“. Genrefans kennen seine vorherigen Filme, wie „High Tension“, das Wes-Craven-Remake „The Hills Have Eyes – Hügel der blutigen Augen“, „Piranha 3D“ und der Joe-Hill-Verfilmung „Horns“.
„Crawl“ ist ein fast in Echtzeit in einem Haus spielendes Zwei-Personenstück, das sich auf den Kampf von Haley und Dave gegen die Alligatoren konzentriert. Dabei sind die Alligatoren extrem hungrig, beißwütig und schlecht gelaunt. Etwaige Retter werden von ihnen umstandslos totgebissen.
Für ein schnörkelloses B-Picture, das einfach nur knappe neunzig Minuten spannend und ohne ironische Brechungen oder ablenkende Nebengeschichten unterhalten will, ist das genug.
Dummerweise sind die Macher zu sehr einem völlig überflüssigem „mehr ist besser“-Wahn verfallen. Schon ein mordgieriger Alligator im Keller wäre abendfüllend gewesen. Zwei Alligatoren sind dann mehr als genug. Aber Aja und die Drehbuchautoren Michael und Shawn Rasmussen lassen ungefähr ein Dutzend Alligatoren auf die Menschen los, die dann auch noch gegen das Unwetter kämpfen müssen. Ohne die Aussicht auf Hilfe.
Crawl (Crawl, USA 2019)
Regie: Alexandre Aja
Drehbuch: Michael Rasmussen, Shawn Rasmussen
mit Kaya Scodelario, Barry Pepper, Morfydd Clark, Ross Anderson, Jose Palma, George Somner, Anson Boon
Als William Lustigs erster Spielfilm unter seinem Namen (davor drehte er zwei Pornos) 1980 in die Kinos kam, waren die Kritiken für „Maniac“, wie man in der „Gallery of Outrage“ im Bonusmaterial der jetzt veröffentlichten DVD nachlesen kann, ziemlich negativ. Denn auf den irgendwie gearteten guten Geschmack nahm er keine Rücksicht. Es war ein billig gedrehter Exploitation-Film reinsten Wasser. Ein Film, der New York als Vorhölle zeigte, die die paranoiden Visionen von „Ein Mann sieht rot“ und „Taxi Driver“ als lauschige Nachmittagsunterhaltung erscheinen ließ. Lustig erzählte seinen Film aus der Sicht eines wahnsinnigen Täters, der grundlos Frauen bestialisch ermordet, und so verfügt „Maniac“ über keinen moralischen Kompass, der das Tun seines Protagonisten irgendwie rechtfertigen oder in eine moralisch einwandfreie Perspektive rücken könnte. Hauptdarsteller Joe Spinell in der Rolle seines Lebens, erfand diesen Killer und spielte ihn beeindruckend als von inneren Stimmen, sexuellen Trieben und Hass getriebenen Frauenmörder, der in seiner abgeranzten Wohnung von Schaufensterpuppen umgeben ist, denen er die Haare der von ihm skalpierten Frauen auf den Kopf heftet. Spinell gelingt es, dass wir mit dem von ihm gespielten Frank Zito mitfühlen. Ihn nicht nur als Bestie, sondern auch als getriebenen Menschen sehen.
Die Filmgeschichte erschöpft sich dann weitgehend in einer Aneinanderreihung von Suspense-Momenten, in denen Zito Frauen beobachtet, verfolgt und tötet. Das ist natürlich spannend, aber auch immer auf den schnellen Dollar im nächsten Autokino (vulgo Bahnhofskino) angelegt und kommerziell war der sehr billig, teils ohne Drehgenehmigung in New York gedrehte Film ein Erfolg.
Später wurde „Maniac“ ein kleiner Kultfilm für die Horrorfilmgemeinde, der – natürlich – in Deutschland beschlagnahmt wurde. 1983 vom Landgericht München, wegen eines Verstoßes gegen § 131 StGB (Gewaltdarstellung). Damit war Lustigs Film, wie auch einige andere, inzwischen teilweise zu Klassikern gewordenen Horrorfilme, faktisch vom deutschen Markt verschwunden.
Es wurde später eine FSK-16-Version erstellt, die den 88-minütigen Film um sechs Minuten kürzte. Letztendlich wurden die Morde bis zur Unkenntlichkeit gekürzt, aber die nihilistische Atmosphäre der nackten Angst bleibt erhalten.
„Maniac“ ist kein guter Film, aber als Einblick in das Leben eines Wahnsinnigen und als Vorbild für künftige Slasher-Filme, die immer brutaler wurden, ist er ein wichtiger Film. Außerdem sorgt er heute immer noch für Unwohlsein. Nicht wegen der Morde, die aus heutiger Sicht ziemlich zahm inszeniert sind, sondern wegen seiner schwarzen Vision der Gesellschaft.
2012 produzierte Horrorfilmregisseur Alexandre Aja („Mirrors“, „The Hills have Eyes“ [Remake]) ein Remake, das bei uns ungekürzt als „Alexandre Ajas Maniac“ in die Kinos kam. Für die DVD-Auswertung wurde der Film für die FSK-ab-18-Jahre-Version um über zwei Minuten gekürzt.
Regisseur Franck Khalfoun verlegte die Geschichte von der Ost- an die die Westküste, ließ Frank andere Morde begehen, behielt aber Lustig und Spinells Vision bei und mit Elijah Wood (Frodo in „Der Herr der Ringe“, Kevin in „Sin City“) konnte er sogar einen bekannten Hauptdarsteller engagieren, den man allerdings die meiste Zeit nicht sieht, weil Khalfoun den Film, bis auf zwei, drei kurze Szenen, aus Franks Perspektive inszenierte. Diese subjektive Sicht, die das filmische Äquivalent zur Ich-Perspektive in einem Roman sein soll, wird alle Jubeljahre für einen ganzen Film ausprobiert und jedes mal wird deutlich, dass sie im Film dann nicht funktioniert. Denn wir sehen zwar, was der Protagonist sieht, aber wir sehen nicht seine Reaktionen darauf. Wir wissen nicht, wie er sich fühlt und deshalb langweilt auch in „Alexandre Ajas Maniac“ dieses Stilmittel ziemlich schnell. Da helfen auch nicht die stimmungsvollen Nachtaufnahmen und die unappetitlichen Mordszenen. Denn unser Ekel muss ja nicht unbedingt Franks Ekel sein.
Lustigs „Maniac“ ist in diesen Momenten einfach einige Klassen besser und hat, mit vielen Bildern von New York in den ausgehenden Siebzigern, den Klassikerbonus. Aber wirklich ansehen muss man sich keinen der beiden Filme. Denn „Maniac“ ist ein waschechter Exploitation-Film mit den damit verbundenen Problemen (geringes Budget, schlechte Schauspieler, schlechte Dialoge). „Alexandre Ajas Maniac“ ist vor allem langweilig.
Zu den „FSK ab 18“-DVDs
Das Beste, was über die jetzt erschienenen DVD-Ausgaben von William Lustigs „Maniac“ und Franck Khalfouns Remake gesagt werden kann, ist, dass sie einen ersten Eindruck von dem Film vermitteln. Denn auch in der „ab 18 Jahre“-Version mussten sie für den bundesdeutschen Markt (Österreich und Schweiz sind etwas anderes) geschnitten werden. Bei William Lustigs Film wurde, nach einem Blick in den Schnittbericht, wohl fast die „ab 16 Jahre“-Fassung genommen. Aber vielleicht sieht man ja bei der ein oder anderen Mordszene etwas mehr. Insofern sind sie für filmhistorisch Interessierte und Horrorfilmfans belanglos.
Maniac (Maniac, USA 1980)
Regie: William Lustig
Drehbuch: C. A. Rosenberg, Joe Spinell
mit Joe Spinell, Caroline Munro, Gail Lawrence, Kelly Piper, Sharon Mitchell, Tom Savini (der sich hier den Kopf wegschießt; – jedenfalls in der ungekürzten Version)
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DVD
Ascot-Elite
Bild: 1,85:1 (16:9)
Ton: Deutsch (Dolby Digital 2.0, 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Grindhouse Q & A, TV Spots, Gallery of Outrage, Originaltrailer, Wendecover
Länge: 79 Minuten
FSK: ab 18 Jahre
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Alexandre Ajas Maniac (Maniac, Frankreich/USA 2012)
Regie: Franck Khalfoun
Drehbuch: Alexandre Aja, Grégory Levasseur
mit Elijah Wood, Nora Arnezeder, Liane Balaban, America Olivio
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DVD
Ascot-Elite
Bild: 2.40:1 (16:9)
Ton: Deutsch (DTS 5.1, Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Making of, Interviews, Originaltrailer, Wendecover