Neu im Kino/Filmkritik: Über den Berlinale-Gewinner „Gelbe Briefe“

März 5, 2026

Am 21. Februar erhielt „Gelbe Briefe“ auf der Berlinale den Goldenen Bären. Jetzt, wenige Tage später, läuft İlker Çataks neuer Film im Kino an.

Çatak erzählt die Geschichte eines gefeierten Künstlerehepaares, deren Ehe in eine existenzbedrohende Krise gerät. Sie ist am Staatstheater eine anerkannte Hauptdarstellerin, er ist gefeierter Bühnenautor und unterrichtet an der Universität. Ihre dreizehnjährige Tochter Ezgi (die während des gesamten Films deutlich älter wirkt) hat die normalen Probleme von pubertierenden Jugendlichen. Sie sind eine typische linksliberale Künstlerfamilie. Bis die anonym bleibende Regierung sich entschließt, Derya (Özgü Namal) und Aziz (Tansu Biçer), das Ensemble des Theaters und Aziz‘ Universitätskollegen fristlos zu entlassen. Begründet wird dies mit erfundenen Anschuldigungen. In Wirklichkeit geht es wohl um das Theaterstück, über das wir nur erfahren, dass die Premiere ein Erfolg war und die kommenden Vorstellungen ausverkauft sind, und Protesten an der Universität, die sich anscheinend irgendwie gegen die Regierung richten. Genauer führt Çatak das nicht aus.

Gegen die ungerechtfertigte und nicht begründete Entlassung wehren Aziz und Derya sich; wie die Mitbetroffenen, die fortan nur noch ab und an als Stichwortgeber auftauchen und irgendwann vollkommen aus dem Film verschwinden. Ungeachtet ihres Kampfes um ihre Arbeitsplätze, müssen Aziz und Dervy jetzt nach Arbeit suchen. Sie können ihren gewohnten Lebensstandard nicht mehr halten. Sie müssen aus ihrer Wohnung ausziehen und von Ankara nach Istanbul zu Aziz‘ Mutter in deren deutlich kleinere Wohnung umziehen.

Dabei fragen sie sich, wie sehr sie gegen die Entlassung protestieren sollen, ob sie sich arrangieren sollen oder gerade jetzt mit explizit politischen Aktionen, wie einem von Aziz in Istanbul geschriebenem Theaterstück, auffallen sollen.

Die uninteressanteste Idee von İlker Çataks „Gelbe Briefe“ ist, dass er explizit sagt, dass im Film Berlin Ankara und Hamburg Istanbul sei. Damit das jedem im Kinosaal auffällt, zeigt er, nach der Nennung der Städte, explizit einige allgemein bekannte Wahrzeichen, deutsche Worte und in einem Bild deutlich die Autokennzeichen von mehreren Hamburger Taxis. Der geneigte Zuschauer kann, nach diesem Wink mit dem Zaunpfahl, darüber Nachdenken, ob und wie sehr Deutschland und die Türkei austauschbar sind.

Dieser gewollte Verfremdungseffekt ist nicht mehr als ein überflüssiger und auch ärgerlicher Gimmick. Ständig werden Filme oder Teile von Filmen nicht an dem Handlungsort gedreht. In diesem Fall spielt der Film außerdem fast ausschließlich in Innenräumen, vor allem in zwei Wohnungen und im Theater.

Zusätzlich zu dem Hinweis, dass deutsche Städte türkische Städte sein sollen, besetzte er alle Rollen mit türkischen, teils in verschiedenen europäischen Ländern lebenden Schauspielern, die in ihrer Muttersprache spielen konnten. Das ist eine Entscheidung, die nicht weiter stört, weil die wenigsten Zuschauer sich für Details der Produktion interessieren, die Filme entweder in der Originalfassung (was in diesem Fall die türkischsprachige Fassung ist) oder in der synchronisierten Fassung sehen.

Irritierend ist, dass İlker Çatak zwar einen Film drehte, der explizit in der Türkei spielen soll (und wohl auch dort hätte gedreht werden können), er sich aber erstaunlich wenig für die politischen Probleme innerhalb der Türkei interessiert. Zu nennen sind hier der Wandel von einer Demokratie zu einer von Recep Tayyip Erdoğan geführten Diktatur, der Islamismus, die Kurdistanfrage und die Verortung der Türkei in die politischen Probleme in der Region. Das alles kommt in „Gelbe Briefe“ nicht vor. Die aktuelle politische Situation der Türkei wird ignoriert. Ohne diesen Kontext ist unklar, gegen welche Politik und welches Regime protestiert wird.

In dem so entpolitisierten Drama reduziert sich daher die Frage nach dem Widerstand gegen die Regierung, auf die Frage, ob Derya die große Rolle in einer TV-Soap bei einem schlechten Sender annehmen soll oder ob sie in einem kritischen Stück ihres Mannes vor einem kleinen Publikum auftreten soll. Es ist die Frage zwischen Kommerz und Kunst. Es ist auch die Frage, zwischen Sorgen für die Familie und künstlerischer Selbstverwirklichung.

Diese universelle Frage behandelt Çatak ebenso universell als Familiendrama, das letztendlich überall und zu jeder Zeit spielen könnte – und auch spielt. Er bleibt nah bei seinen Figuren. Ihr Handeln bleibt durchgehend nachvollziehbar. Den dramaturgischen, die Geschichte nicht voran bringenden Schlenker mit dem Freund von ihrer Tochter hätte es nicht gebraucht. Über die aktuelle politische Situation in der Türkei wird höchstens zwischen den Zeilen erzählt. Hier bleibt „Gelbe Briefe“ als sich politisch gebendes Kino weit hinter dem selbst gewählten Anspruch zurück.

Gelbe Briefe (Deutschland/Frankreich/Türkei 2026)

Regie: İlker Çatak

Drehbuch: İlker Çatak, Ayda Meryem Çatak, Enis Köstepen

mit Özgü Namal, Tansu Biçer, Leyla Smyrna Cabas, İpek Bilgin, Aydın Işık, Aziz Çapkurt

Länge: 128 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Gelbe Briefe“

Moviepilot über „Gelbe Briefe“

Metacritic über „Gelbe Briefe“

Rotten Tomatoes über „Gelbe Briefe“

Wikipedia über „Gelbe Briefe“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Gelbe Briefe“

Meine Besprechung von İlker Çataks „Das Lehrerzimmer“ (Deutschland 2023)

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Hysteria“ – ein verbrannter Koran und verschwundene Filmaufnahmen

November 7, 2025

Zuerst findet ein arabischstämmiger Komparse am Drehort für einen Film über den ausländerfeindlichen Anschlag am 29. Mai 1993 in Solingen einen verbrannten Koran. Er ist entsetzt und wirft dem Regisseur gotteslästerliches Verhalten vor.

Kurz darauf verschwinden die auf analogem Film aufgenommenen Aufnahmen von dem Drehtag. Die Praktikantin Elif sollte sie in der Wohnung des Regisseurs Yigit deponieren. Von dort sind sie verschwunden – und weil Elif zum fraglichen Zeitpunkt den Wohnungsschlüssel verloren hatte, ist die Zahl der Verdächtigen potentiell unüberschaubar.

Mehmet Akif Büyükatalay zeigt in seinem zweiten Spielfilm „Hysteria“ wie aus minimalen Anlässen – Missverständnissen und kleinen Lügen – mehr oder weniger existenzbedrohende Katastrophen entstehen können. Das erinnert strukturell an die ungleich gelungeneren Filme von Ruben Östlund, wie „Höhere Gewalt“, „The Square“ und, mit Einschränkungen, „Triangle of Sadness“.

Bei Büyükatalay wirken die Prämisse, die Figuren und die daraus entstehende Geschichte allerdings immer etwas zu ausgedacht und sich zu sehr auf das Schweigen von Figuren verlassend. So wirft das beständige Schweigen von Yigit zu seinem die Gefühle von Gläubigen missachtendem Umgang mit ihrem zentralen Buch Fragen auf, die nicht beantwortet werden. Auch Elifs Verhalten nach dem Drehtag und ihr betont laxer Umgang mit den Tagesaufnahmen, dem wichtigsten Material bei einem Film, wirkt unglaubwürdig. Der Koran und die Aufnahmen sind nicht mehr als MacGuffins für ein Planspiel über…kulturelle Missverständnisse, gewürzt mit einer ordentlichen Paranoia. Denn Elif verrät der Person, die den verschwundenen Schlüssel gefunden hat, die zu dem Schlüssel passende Adresse. Unmittelbar danach fragt sie sich, ob jetzt nicht ein Bösewicht, über den sie nichts weiß, ungehindert in die Wohnung eindringen kann.

In diesen Minuten erzeugt er ein Gefühl von Angst und er legt genug Spuren aus, um fast alle verdächtig erscheinen zu lassen.

Am Ende präsentiert er dann eine Lösung, die die vorherige Geschichte ignoriert. Es ist unklar, ob Büyükatalay nicht wusste, wie die Geschichte enden soll oder ob er Angst vor der ultimativen Eskalation hatte.

Hysteria“ regt weniger zum Nachdenken an und sorgt für weniger Unwohlsein als die Filme von Büyükatalays Vorbildern. So dient, neben dem schon erwähnten Östlund, Michael Hanekes „Die Drehbücher“ als Türstopper in Yigits Wohnung.

Hysteria (Deutschland 2025)

Regie: Mehmet Akif Büyükatalay

Drehbuch: Mehmet Akif Büyükatalay

mit Devrim Lingnau, Mehdi Meskar, Serkan Kaya, Nicolette Krebitz, Aziz Capkurt, Nazmi Kirik

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Hysteria“

Moviepilot über „Hysteria“

Rotten Tomatoes über „Hysteria“

Wikipedia über „Hysteria“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Hysteria“


Neu im Kino/Filmkritik: „Stille Post“ aus Cizre nach Berlin

Dezember 15, 2022

Der in Berlin lebende Grundschullehrer Khalil glaubt, auf einem Video seine Schwester Selem zu erkennen. Bis dahin glaubte der Kurde, sie sei vor Jahren erschossen worden. Das Video ist aus der in dem Moment von der restlichen Welt abgeschlossenen südostanatolischen Stadt Cizre. Das türkische Militär hat auf der Jagd nach PKK-Terroristen die Stadt eingekesselt und den Ausnahmezustand verhängt.

Khalil will Selem aus Cizre retten. Helfen könnte ihm der PKK-Mann Hamid. Er hat Kontakt zu den in Cizre lebenden Kurden, die gegen das türkische Militär kämpfen. Hamid knüpft an seine Hilfe eine Bedingung: Khalil, der sich bislang nicht für kurdische Interessen einsetzte, soll die in Cizre von kurdischen Kämpfern aufgenommenen Bilder in die TV-Nachrichten bringen und so das türkische Militär und die türkische Regierung anklagen.

Khalil soll dafür seine Freundin, eine bei einem TV-Sender arbeitende Journalistin, benutzen.

Stille Post“ ist Florian Hoffmanns Abschlussfilm an der dffb. Auf die Geschichte kam er, weil der in Berlin geborene Regisseur türkische und kurdische Freunde hat. 2015 diskutierten und zerstritten sie sich über die Ereignisse in Cizre und wie sie zu verstehen seien. Mit Menschenrechtsaktivisten reiste Hoffmann nach Cizre, um einen Dokumentarfilm über das Leben der Menschen in Cizre zu drehen. Der Film entstand nicht. Er erkannte, dass er mit einem Dokumentarfilm, in dem die Gesichter seiner Gesprächspartner zu sehen wären, deren Leben gefährden würde.

Also erfand er die Geschichte von Khalil, die einen guten Einblick in das migrantische Leben und die Konflikte innerhalb der türkischen und kurdischen Community bietet.

Diese gelungenen Szenen werden konterkariert durch die immer wieder stark knirschende Geschichte. So ist es, zum Beispiel, für die Geschichte sehr wichtig, aber unglaubwürdig, dass Hamid und die PKK nur über Khalil an die Medien herantreten können.

Das von Florian Hoffmann gezeichnete Bild der Medien ist ein Zerrbild. Es ist die Sicht eines Aktivisten, der bestimmte politische Ziele erreichen will und enttäuscht ist, wenn das nicht so funktioniert, wie er es gerne hätte. Aus dieser Perspektive sollen die Medien einfach ungeprüft die in Cizre (oder einem anderem Kampfgebiet) aufgenommenen Videos ausstrahlen und so eine bestimmte Stimmung verbreiten. Die Medien sollen sie aber nicht überprüfen und auch nicht hinterfragen.

Jetzt sind die oft verwackelten Videos, die damals von Videoaktivisten aufgenommen wurden, in „Stille Post“ zu sehen. Im Film bilden sie ein Gegengewicht zu den Bildern aus Berlin.

Stille Post (Deutschland 2021)

Regie: Florian Hoffmann

Drehbuch: Florian Hoffmann

mit Hadi Khanjanpour, Kristin Suckow, Zübeyde Bulut, Aziz Çapkurt, Vedat Erincin, Jeanette Hain, Ferhat Keskin, Jacob Matschenz

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Stille Post“

Moviepilot über „Stille Post“

Wikipedia über „Stille Post“