VoD-Kritik: „Sunburned“ – einmal Sommerurlaub mit Urlaubsbekanntschaft

Februar 19, 2021

Mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester und ihrer Mutter verbringt die 13-jährige Claire den Sommerurlaub in einem Ferienressort in Andalusien.

Während ihre Mutter und ihre Schwester die Zeit mit Urlaubsliebschaften verbringen, streunt Claire, jung, naiv und gelangweilt, durch das Hotel, nimmt am Freizeitprogramm teil und trifft am Strand auf den gleichaltrigen Amram. Der aus dem Senegal kommende Flüchtling verkauft billigen Schmuck und hofft auf eine bessere Zukunft. Für Geld würde er fast alles tun. Claire verbringt viel Zeit mit ihm. Und auch Amram genießt die Zeit mit ihr. Als ihre Beziehung intensiver wird, möchte sie ihm helfen; wobei ihre Versuche, ihm zu helfen seine Situation verschlechtern. So gibt sie ihm die Kreditkarte ihrer Mutter. Er kann damit selbstverständlich kein Geld abheben, aber er wird als Dieb verdächtigt.

Sunburned“, der im Sommer in den Kinos lief, ist der dritte Spielfilm von Carolina Hellsgård. Ihr Spielfilmdebüt „Wanja“ lief auf der Berlinale und war für den Best First Feature Award nominiert. Als nächste inszenierte sie den in Deutschland spielenden und trotz einiger Mängel sehenswerten Zombiefilm „Endzeit“. Ihr dritter Spielfilm ist eine Coming-of-Age-Geschichte, die auch die Flüchtlingsthematik anspricht und das Leben in einem Ferienressort schildert, das für mich einen immerwährenden Besuch im Purgatorium angenehmer erscheinen lässt. Entsprechend sympathisch fand ich Claires ständig gelangweilt-genervten Blick. Schon als Kind hält sie nichts von dieser Form des Massentourismus, der überhaupt kein Interesse am Gastland hat. Sie ist auch die einzige Person, die sich für das Leben außerhalb der Hotelanlage interessiert und aufgeschlossen für neue Erfahrungen ist. Sie und Amram durchleben in diesem Urlaub auch einen Reifungsprozess. Amram gibt seinem Leben sogar eine neue Richtung. Auch wenn Hellsgård im Dunkeln lässt, wohin ihn das führt.

Hellsgård schildert das alles mit einem sympathisierenden Blick, der den Schauspielern, vor allem den jungen Schauspielern, viel Zeit gibt, sich vor der Kamera zu entfalten. Belohnt wird das mit einem sehr natürlichen Spiel. Auch der fehlende pädagogische Zeigefinger trägt dazu bei. Die großen Fragen werden mehr angedeutet als direkt angesprochen. Die Stimmung bleibt in einem sommerlich flirrenden Ungefähren voller Spiegelungen und Schattenspiele. „Sunburned“ ist weniger ein Drama als eine Sommerpastiche, die an der sensibel gefilmten Oberfläche bleibt und wenig über die einzelnen Figuren verrät.

Ein Problem für jüngere Zuschauer – immerhin ist die Protagonistin dreizehn Jahre alt – dürfte sein, dass fast ausschließlich Englisch gesprochen wird. Und ob ältere Jugendliche sich für den ersten Kuss einer Jüngeren interessieren, bezweifle ich aus eigener Seherfahrung. Als Vierzehnjähriger wollte ich vor allem die Filme gehen, die frei ab sechzehn oder achtzehn Jahren waren.

Das ändert nichts daran, dass „Sunburned“ ein sehenswertes, angenehm undidaktisches, sensibel beobachtetes Drama ist.

Sunburned (Deutschland/Niederlande/Polen 2019)

Regie: Carolina Hellsgård

Drehbuch: Carolina Hellsgård

mit Zita Gaier, Gedion Oduor Wekesa, Sabine Timoteo, Nicolais Borger

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Als VoD bei Amazon Prime, Google Play, YouTube, Magenta TV und Apple iTunes erhältlich.

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Sunburned“

Moviepilot über „Sunburned“

Meine Besprechung von Carolina Hellsgård Olivia-Vieweg-Verfilmung „Endzeit“ (Deutschland 2018)

Homepage von Carolina Hellsgård


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Endzeit“ mit zwei jungen Frauen, vielen Zombies und einer Kräuterhexe

August 22, 2019

Zombies in der deutschen Provinz, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen? Warum nicht.

Nach einer weltweiten Katastrophe, die die Menschheit auf wenige, sehr wenige Überlebende dezimierte, jagen die Zombies in „Endzeit“ in Thüringen, zwischen Weimar und Jena, Menschen. In diesen beiden Städten haben sich die letzten Menschen vor den Zombies verschanzt. In Weimar geht man rabiat gegen die Zombies vor. Man tötet sie und alle die sich infiziert haben könnten. In Jena soll dagegen an einem Gegenmittel geforscht werden und es soll über eine friedliche Koexistenz zwischen Menschen und Zombies nachgedacht werden. Die einzige Verbindung zwischen den zwanzig Kilometer voneinander entfernt liegenden Städten ist ein unbemannter Versorgungszug.

In diesem verstecken sich, als der Zug Weimar verlässt, die 22-jährige Vivi (Gro Swantje Kohlhof) und die 26-jährige Eva (Maja Lehrer). Die taffe Kämpferin Eva wurde bei einem Zombieangriff verletzt. Sie hofft, dass ihr in Jena geholfen werden kann. Vivi ist das komplette Gegenteil von Eva. Sie macht sich Vorwürfe, weil sie ihre jüngere Schwester bei einem Zombieangriff nicht retten konnte. Sie ist auch etwas verpeilt und unbeholfen.

Während der Fahrt bleibt der Zug auf offener Strecke stehen.

Seit der Wiederkehr von Zombies in die Popkultur vor nun schon auch deutlich über zehn Jahren haben die Untoten sich durch alle Länder, Orte und Zeiten (Zombies im viktorianischen England? Warum nicht.) durchgebissen. Nur um Deutschland machten sie einen großen Bogen. Es gab, immerhin, 2010 den in Berlin spielenden Zombie-Film „Rammbock“. Und das war es dann auch schon.

Inzwischen ist die Welle etwas abgeebbt. „Die Nacht der lebenden Toten“-Regisseur George A. Romero, der Erfinder des modernen Zombies in der Popkultur, starb 2017. Im Juli beendete Robert Kirkman mit dem 193. Heft seine langlebige Comicserie „The Walking Dead“. Die TV-Serie läuft weiter und es werden weitere Ableger produziert. Die lange angekündigte Fortsetzung von „World War Z“ wird wohl nicht mehr gedreht werden.

Da kommt „Endzeit“ fast als Nachschlag. Der Film basiert auf Olivia Viewegs Comic „Endzeit“. Seinen Ursprung hatte er in ihrer 2011 entstandenen Diplomarbeit an der Bauhaus-Universität in Weimar. Danach wurde die Diplomarbeit auch veröffentlicht und später von ihr zu einem Drehbuch, das 2015 den Tankred-Dorst-Preis gewann, umgeschrieben. 2018 erschien Carlsen „Endzeit“ in einer deutlich erweiterten Comic-Fassung.

Fast gleichzeitig entstand der von Carolina Hellsgård inszenierte Film. Entsprechend eng miteinander verbunden sind Buch und Film. Der Film wirkt oft sogar, als habe man einfach den Comic als Storyboard genommen. Leider. Denn Comic und Film sind zwei unterschiedliche Medien. Dialoge, die in einem Comic funktionieren, wirken gesprochen hölzern. Details, die in einem gezeichneten Bild nicht weiter auffallen oder überhaupt nicht auftauchen, fallen im Film auf. So sind im Film beide Frauen erstaunlich unvorbereitet auf die Reise gegangen. Sie haben keine Waffen dabei. Sie haben nichts zu essen dabei (Gut, es sind ja nur zwanzig Kilometer mit dem Zug.). Eva hat eine nur halb gefüllte Wasserflasche dabei (im Hochsommer!). Vivi läuft mit Sandalen herum, mit denen ich noch nicht einmal vor die Haustür gehen würde.

Auf der Reise verhalten sie sich oft idiotisch. In der Nacht schlafen sie friedlich nebeneinander, anstatt dass eine Wache schiebt. Sie schlafen ungeschützt auf dem Boden. Bis sie sich Waffen und besseres Schuhwerk besorgen, vergeht viel Zeit.

Und warum verkehrt der Versorgungszug zwischen den beiden Städten ohne einen Fahrer und eine Wache? Schließlich muss die Strecke, selbstfahrende Züge hin, selbstfahrende Züge her, von auf den Gleisen herumlungernden Zombies geräumt werden.

Gut, das kann einfach erklärt werden: wenn ein Fahrer im Zug gewesen wäre, hätten Eva und Vivi nicht so einfach einsteigen können.

Diese Details und die Dialoge reißen einen immer wieder aus der Filmgeschichte heraus. In einem Comic stört das alles nicht. Schließlich wird die Realität in Comiczeichnungen immer stark vereinfacht. Gleichzeitig werden bestimmte Dinge betont.

Die Geschichte ist ein feministischer Zugriff auf das Genre, bei dem die beiden jungen Protagonistinnen kein Interesse an Männern haben. Diese tauchen nur als Neben-Nebenfigur oder Zombie (wobei auch hier viele Frauen dabei sind) auf. Stattdessen begegnen Vivi und Eva im Niemandsland zwischen Weimar und Jena einer Frau (im Film gespielt von Trine Dyrholm), die eine tiefe Koexistenz mit der Pflanzenwelt hat und Vivi gerne bei sich aufnähme.

Gleichzeitig erzählt „Endzeit“ eine Coming-of-Age-Geschichte, die im Buch offensichtlicher und glaubwürdiger als im Film ist. Denn Vieweg zeichnete Vivi und Eva mit ihren großen Augen und ihren mädchenhaften, fast noch kindlichen Körpern als junge Menschen, die irgendwo im Teenageralter sind. Im Film sind sie deutlich älter. Vivi ist 22 Jahre, Eva 26. Damit sind beide erwachsene Menschen.

Während der Comic die Zombieapokalypse aus feministischer und ökologischer Perspektive betrachtet, scheitert der Film an seinen hölzernen Dialogen, den zu vielen nicht plausiblen Details, einer zu sparsamen Charakterisierung der beiden Hauptfiguren und einer damit verbundenen thematischen Diffusität. So schwankt der Film unentschlossen zwischen Zombiefilm, Coming-of-Age-Drama, düsterem Märchen und romantischer Naturverklärung.

P. S. für den Horrorfan: Die Zombieangriffe sind spärlich und oft schnell vorbei. Der Suspensefaktor ist ebenfalls überschaubar.

Endzeit (Deutschland 2018)

Regie: Carolina Hellsgård

Drehbuch: Olivia Vieweg

LV: Olivia Vieweg: Endzeit, 2018

mit Gro Swantje Kohlhof, Maja Lehrer, Trine Dyrholm, Barbara Philipp, Axel Werner, Amy Schuk, Muriel Wimmer

Länge: 90 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Olivia Vieweg: Endzeit

Carlsen, 2018

288 Seiten

22 Euro

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Filmportal über „Endzeit“

Moviepilot über „Endzeit“

Metacritic über „Endzeit“

Rotten Tomatoes über „Endzeit“

Wikipedia über „Endzeit“

Homepage von Olivia Vieweg


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