TV-Tipp für den 19. Februar: Nico, 1988

Februar 18, 2021

Arte, 22.45

Nico, 1988 (Nico, 1988, Italien/Belgien 2017)

Regie: Susanna Nicchiarelli

Drehbuch: Susanna Nicchiarelli

TV-Premiere. Faszinierendes Porträt von Christa Päffgen (Trine Dyrholm, grandios!), die als Nico bekannter war. Bekannt wurde sie als Fotomodelle, Muse von Andy Warhol und Sängerin einiger Songs der ersten LP von „The Velvet Underground“. Danach nahm sie einige Solo-Platten auf und hatte eine kleine, treue Fanbasis. Susanna Nicchiarelli konzentriert sich in ihrem Porträt auf die letzten Monate der drogenabhängige Künstlerin.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Trine Dyrholm, John Gordon Sinclair, Anamaria Marinca, Sandor Funtek, Thomas Trabacchi, Karina Fernandez

Hinweise

Moviepilot über „Nico, 1988“

Metacritic über „Nico, 1988“

Rotten Tomatoes über „Nico, 1988“

Wikipedia über Nico (deutsch, englisch)

AllMusic über Nico

Meine Besprechung von Susanna Nicchiarellis „Nico, 1988“ (Nico, 1988, Italien/Belgien 2017)

Meine Besprechung von Tobias Lehmkuhls „Nico – Biographie eines Rätsels“ (2018)


„Nico – Biographie eines Rätsels“, das auch sang

August 30, 2018

Durch Susanna Nicchiarellis sehenswertes, vor wenigen Wochen gestartetes Biopic „Nico, 1988“ dürfte die Biographie von Nico, bürgerlich Christa Päffgen wieder bekannter sein. Sie wurde am 16. Oktober 1938 in Köln geboren, zog als Kind mit ihrer Mutter nach Berlin, wurde in den Fünfzigern zum Fotomodell, spielte als sie selbst in Federico Fellinis „La dolce vita“ mit, hatte Sex mit ungefähr jedem prominenten Musiker und Schauspieler, von Alain Delon bekam sie 1962 einen Sohn (den dieser niemals anerkannte), hing in Andy Warhols Factory herum, trat in etlichen Warhol-Filmen auf, sang bei der legendären, legendären Kult-Band „The Velvet Underground“ mit, veröffentlichte selbst einige LPs, von denen vor allem die ersten legendär sind, und war drogensüchtig.

Am 18. Juli 1988 starb sie, noch keine fünfzig Jahre alt, auf Ibiza. Sie stürzte während einer Fahrradtour und starb an den Folgen eines zu spät erkannten geplatzten Aneurysmas.

Heute ist sie, als erstes It-Girl, vor allem bekannt für die wenigen Lieder, die sie für „The Velvet Underground“ (mehr oder weniger gegen den Willen der Band) sang, und für die von John Cale produzierte und arrangierte LP „The Marble Index“ (1969). Sie war und ist als Pop-Platte so weit entfernt vom Mainstream, wie es nur möglich ist. Mit dieser LP, ihrer Musik und ihrem Image wurde sie einige Jahre später zum Vorbild für etliche Musikerinnen und die Gothic-Gemeinde, die sie fortan kultisch verehrt.

Tobias Lehmkuhl, der als freier Journalist für die „Zeit“, die „Süddeutsche Zeitung“ und den „Deutschlandfunk Kultur“ arbeitet, schrieb jetzt die erste deutschsprachige Biographie über Nico. In „Nico – Biographie eines Rätsels“ zeichnet er ihr Leben chronologisch nach, versucht einige ihrer Provokationen einzuordnen und entlarvt einige Geschichten, die über sie in Umlauf sind, als falsch. Dabei war Nico als immer wieder unzuverlässige Erzählerin ihrer eigenen Biographie die Quelle dieser mehr oder weniger frei erfundenen Geschichten über ihre Herkunft, ihre Kindheit und Jugend.

Er konzentriert sich in seiner Biographie auf die Zeit bis zur Veröffentlichung ihren ersten LPs. So schreibt er ab Seite 206 (von 271) über die Produktion von „The Marble Index“, ihrer zweiten LP und die LP, in der sie ihre Stimme fand. Die folgenden Jahre, in denen sie lange mit dem Avantgarde-Regisseur Philippe Garrel liiert war und nur sehr unregelmäßig LPs bei kleinen Labels veröffentlichte, fasst er auf wenigen Seiten zusammen.

Er erzählt Nicos Leben in einem gefühligen Stil. Immer wieder stellt er verständnisheischende, sich in sie hinein versetzende Fragen, anstatt die Fakten hinzuschreiben oder verschiedene Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen. Dieser Mangel an Gesprächspartnern und Texten, aus denen er zitieren kann, ist angesichts des Lebens von Nico schon auffällig. Es entspricht aber auch dem Bild, das er von ihr zeichnet. So sind viele Punkte einfach unklar. Zum Beispiel wie sie ihr Geld verwaltete. Sie war auch eine Frau ohne besondere Interessen. Sie war zuerst ein It-Girl, das möglichst ohne eigene Anstrengung berühmt sein wollte. Entsprechend schnell brach sie als als Zwölfjährige nach wenigen Stunden die Ballettschule ab. Sie besuchte nur wenige Jahre die Schule und sie gefiel sich in ihrer Dummheit. Einige ihrer Bekannten, so Lehmkuhl, hielten sie sogar für eine Analphabetin. Später war Nico eine drogensüchtige Musikerin, die nicht spielen und singen konnte. Das kultivierte sie aber perfekt.

Sie taumelte wie Forrest Gump durch ihr Leben. Anfangs war sie, auf der Suche nach Berühmtheit, an den richtigen Orten. Es waren die Orte, an denen Künstler und vergnügungssüchtige High Society sich trafen. Ab den frühen siebziger Jahren war sie nicht mehr in den In-Locations, sondern lebte in einer Abbruchbude, das als Künstlerrefugium fungierte. Immer hatte sie Sex. Meistens waren die Männer jünger als sie und eigentlich nie hielt die Beziehung länger. Als Mutter war sie eine Vollkatastrophe.

Exemplarisch für Lehmkuhls Stil und die Schwierigkeiten beim Beschaffen von Informationen über Nico zeigt diese Passage aus seinem Buch: „…wie überhaupt die Beweggründe für Nicos Tun und Lassen sehr oft nicht nachvollziehbar sind. Ihre Reisebewegungen dieser Jahre bilden ein engmaschiges Netz über Europa und Nordamerika, aber weder gibt es Aufzeichnungen von ihr über die eigenen Umtriebe, noch besaß Nico eine Agentur, die über ihre zahlreichen Modeljobs Buch geführt hätte.

Überhaupt ist schwer nachvollziehbar, wie die Niederungen des Alltags in Nicos Leben der sechziger Jahre ausgesehen haben mögen. Da sie kein Konto besaß: Wie fand das Geld zu ihr? Wie buchte sie ihre Flüge? Kaufte sie ihr Essen im Supermarkt, oder aß sie ausschließlich außer Haus? Was waren ihre irdischen Besitztümer? Gab es einen Plattenspieler, auf dem sie ihre oder die Musik ihrer Bekannten hörte? Alte Donizetti- oder Zarah-Leander-Aufnahmen? Oder hörte sie Musik nur auf Konzerten und im Studio? Was tat sie, wenn sie nicht mit Musik, Modeln oder Männern beschäftigt war? Las sie, sah sie fern, oder sinnierte sie vor sich hin?“

Diese verständnisheischenden Fragen, die den Leser einbeziehen sollen, nerven mich. Sie und zahlreiche Abschweifungen, die wenig bis nichts über Nico verraten, blähen die Biographie unnötig auf.

Am Ende erfährt man in der Biographie nicht mehr über die Sängerin als in einer gut recherchierten Reportage. Und man erfährt mehr über ihre Zeit als It-Girl als über ihre Musik und ihren Einfluss auf andere Musiker. Das liegt sicher auch daran, dass Tobias Lehmkuhl vor allem ein Literatur- und kein Musikkritiker ist.

Tobias Lehmkuhl: Nico – Biographie eines Rätsels

Rowohlt, Berlin, 2018

288 Seiten

24 Euro

Lesung

Am Montag, den 1. Oktober, liest Tobias Lehmkuhl in der Fahimi Bar (Skalitzer Straße 133, Berlin) um 20.00 Uhr aus seinem Buch vor.

Weitere Infos und Tickets.

Hinweise

Wikipedia über Nico (deutsch, englisch)

AllMusic über Nico

Rowohlt über „Nico – Biographie eines Rätsels“

Perlentaucher über „Nico – Biographie eines Rätsels“

Meine Besprechung von Susanna Nicchiarellis „Nico, 1988“ (Nico, 1988, Italien/Belgien 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: „Nico, 1988“ – am Ende ihres Lebens, immer noch vom Ruhm ihrer ersten Aufnahmen zehrend

Juli 18, 2018

Schon zu Lebzeiten hatte Nico eine treue Fangemeinde, deren Verhältnis zur Hitparade ganz einfach war: wenn der Song in den Charts ist, ist er Mist.

Neben der Fangemeinde, die sie kultisch verehrt – was ein höflicher Ausdruck für kaum vorhandene Plattenverkäufe und Auftritte in kleinen Locations ist -, kennt die breitere Öffentlichkeit Nico vor allem als Sängerin von Velvet Underground. So auch die Ein-Satz-Biographie bei AllMusic: „Model, actress, chanteuse, and former Velvet Underground frontwoman known for her sultry voice and ice-goddess presence.“ Dabei ist sie auf der ersten Platte von „Velvet Underground“ (die mit dem Bananen-Cover) nur bei den Songs „Femme Fatale“, „All tomorrow’s parties“ und „I’ll be your mirror“ zu hören. Und das auch nur, weil Produzent Andy Warhol das unbedingt wollte. Die Band – Lou Reed, John Cale, Sterling Morrison und Maureen ‚Moe‘ Tucker – hätte schon damals gerne auf das Model verzichtet.

Die am 16. Oktober 1938 in Köln als Christa Päffgen geborene Sängerin „stilisierte ihr kaum vorhandenes Diseusen-Talent zum Mysterium. Mit einer Wisperstimme, die in Bassregionen jenseits der Hörgrenze reichte, hauchte das ehemalige Fotomodell abstrakte Klagen und surrealistischen Weltschmerz zu delikater Orchesterbegleitung.“ (Barry Graves/Siegfried Schmidt-Joos/Bernward Halbscheffel: Das neue Rock-Lexikon, 1998)

Ihre ersten beiden Solo-LPs „Chelsea Girl“ (1967) und „The Marble Index“ (1968, produziert von John Cale) haben einen gewissen allgemein akzeptierten Klassikerstatus. Die beiden nachfolgenden, ebenfalls von Cale produzierten LPs „Desertshore“(1970) und „The End“ (1974) schließen an „The Marble Index“ an und sind fast unbekannt. Danach versandete die Karriere der Chanteuse. In den frühen Achtzigern wurde sie vom Gothic-Publikum wiederentdeckt und fortan kultisch verehrt.

Jetzt, dreißig Jahre nach ihrem Tod am 18. Juli 1988 auf Ibiza läuft „Nico, 1988“ in unseren Kinos an und der Film, der letztes Jahr auf den Internationalen Filmfestspielen in Venedig seine Premiere hatte, ist ein Denkmal der besonderen Art. Es ist eine Liebeserklärung an eine Sängerin, die letztendlich am Tiefpunkt ihres Lebens gezeigt wird; – was dann doch eine etwas seltsame, verquere und fast schon feindselige Liebeserklärung ist, die Nico wahrscheinlich genau deshalb gefallen hätte. Immerhin wird sie als eine Frau porträtiert, die kompromisslos ihre künstlerische Vision verfolgt und an ihrer aktuellen Arbeit gemessen werden will. Auch wenn die niemand hören will.

Susanna Nicchiarellis im heute ungewöhnlichen, hier sehr passendem 1.37:1 „Academy“-Filmformat gedrehtes Biopic „Nico, 1988“ beginnt mit einer Wohnungsbesichtigung einer etwas renovierungsbedürftigen Arbeiterwohnung in Greater Manchester, wo sie ihre letzten Jahre lebte. Während der Besichtigung zieht sie sich auf die Toilette zurück: um Geräusche aufzunehmen und Drogen zu konsumieren. Damit sind in den ersten Minuten die Themen des Films schon umrissen. Während Nico mit ihrer Band quer durch Europa und hinter den damals noch vorhandenen Eisernen Vorhang tourt, muss sie in Interviews immer wieder Fragen zu Velvet Underground und Andy Warhol beantworten. Dabei würde die launenhafte Diva, die nur noch ein Schatten ihrer früheren Schönheit ist, lieber über ihre aktuellen Klangexperimente reden.

Nico-Darstellerin Trine Dyrholm interpretiert bei den zahlreichen Auftritten von Nico und ihrer Band die Songs selbst. Die im Film ausführlich präsentierten Songs sind ein Best-of-Nico, inclusive der mit ihr verbundenen Velvet-Underground-Songs, in gemäßigt experimentellen, rockig mitreisenden Arrangements. Die Soundtrack-CD scheint es nur als Stream bzw. Download zu geben.

Zwischen den Konzerten konsumiert Nico Heroin. Sie, die in ihren jungen Jahren die Geliebte und Muse von ungefähr jedem angesagten Künstler war (von Alain Delon hat sie einen von ihm nie anerkannten Sohn), hat jüngere Liebhaber und erinnert sich schlaglichtartig an ihre Vergangenheit. Vor allem an ihre Zeit im Umfeld von Andy Warhol und ihre Kindheit in Berlin, das von den Alliierten bombardiert wird. Diese alptraumartigen Erinnerungen sind, so der Film, der Nukleus ihres künstlerischen Schaffens.

Aus diesen Episoden ergibt sich ein faszinierendes Porträt einer drogenabhängigen Künstlerin, die stur bis zu ihrem überraschenden, durch einen Fahrradsturz verursachten Tod, ihren Weg verfolgt.

Nico, 1988 (Nico, 1988, Italien/Belgien 2017

Regie: Susanna Nicchiarelli

Drehbuch: Susanna Nicchiarelli

mit Trine Dyrholm, John Gordon Sinclair, Anamaria Marinca, Sandor Funtek, Thomas Trabacchi, Karina Fernandez

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Nico, 1988“

Metacritic über „Nico, 1988“

Rotten Tomatoes über „Nico, 1988“

Wikipedia über Nico (deutsch, englisch)

AllMusic über Nico


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