In den 80er Jahren treffen sich Clotaire und Jackie in Nordfrankreich. Der 17-jährige Clotaire ist ein aus einem Problembezirk kommender Halbstarker, der statt die Schulbank zu drücken, mit seinen Freunden vor der Schule posiert und eine Karriere als Verbrecher anvisiert. Die 15-jährige Jackie ist eine neue, strebsame Schülerin. Sie kommt aus einem gutbürgerlichen Haus und lässt sich von ihm und seinen Jungs nicht einschüchtern. Sofort verliebt er sich in die schlagfertige Schönheit. Auch sie verliebt sich in ihn.
Während sie immer mehr Zeit miteinander verbringen, rutscht er immer weiter ins kriminelle Milieu ab. Als er für ein Verbrechen, das er nicht begangen hat, zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wird, trennen sich ihre Wege.
Zehn Jahre später wird er entlassen. Die inzwischen 25-jährige Jackie ihr eigenes bürgerliches Leben. Der 28-jährige Ex-Sträfling besucht sie nicht, sondern versucht sein eigenes Leben auf die Reihe zu bekommen und dabei einige alte Rechnungen begleichen.
Und mehr soll, nachdem ich jetzt fast den gesamten Film verraten habe, verraten werden. „Beating Hearts“ ist der neue Film von Gilles Lellouche, der vor allem für die nette Komödie „Ein Becken voller Männer“ bekannt ist. Sein neuester, fast drei Stunden langer Film ist dagegen ein wild pulsierendes Drama, das gerade bei den in den 80er Jahren spielenden Szenen einen starken „Betty Blue“-Vibe verströmt. Auch später befolgt Lellouche das „Mehr ist mehr“-Prinzip. Aber die vielen Szenen, in denen Jackie und Clotaire nach Clotaires Gefängnisaufenthalt getrennt ihr Leben leben, sind größtenteils langweilige Zeitfüller bis sie sich endlich wieder begegnen und ihre Beziehung wieder aufnehmen.
Trotzdem ist „Beating Hearts“ ein insgesamt gelungener, keine Exzesse scheuender Liebesfilm und Gangsterfilm.
mit Adèle Exarchopoulos, François Civil, Mallory Wanecque, Malik Frikah, Alain Chabat, Benoît Poelvoorde, Vincent Lacoste, Élodie Bouchez, Karim Leklou
Wegen eines Sturmtief stellt die Bahn ihren Betrieb ein und verteilt Taxi-Gutscheine an die am Abend in München im Hauptbahnhof gestrandeten Passagiere. Die pensionierte Professorin und verbal rüstige Alt-Prostlerin Marianne (Iris Berben), das zerstrittene Pärchen Tiana (Nilam Farooq), die am nächsten Vormittag eine für ihr Start-Up wichtige Präsentation, und Freund, der tiefenentspannte Schluffi Philipp (Ben Münchow), und die geistig behinderte Susi (Lena Urzendowsky) entern Josephs Taxi. Jeder von ihnen muss aus einem anderen wichtigen Grund am nächsten Tag in Hamburg sein.
Als der notorisch schlecht gelaunte Joseph (Joachim Król) die Taxi-Gutscheine sieht und erfährt, dass er jeden Gutschein einzeln abrechnen kann, ist er bereit von München nach Hamburg zu fahren.
In seinem Feelgood-Film „791 km“ erzählt Tobi Baumann („Faking Hitler“), wie die fünf Menschen, die sich zufällig getroffen haben, sich auf der nächtlichen Fahrt quer durch Deutschland näher kommen. Und wie es das Drehbuch so will, sind sie alle gegensätzliche und sich entsprechnd gut ergänzende Archetypen, die auch ein Spiegelbild der deutschen Gesellschaft sind. Das ist immer eine Spur zu didaktisch erzählt und zu sehr in Richtung TV-Bildschirm erzählt, um auf der großen Kinoleinwand zu begeistern.
791 km (Deutschland 2023)
Regie: Tobi Baumann
Drehbuch: Gernot Gricksch (nach einer Idee von Tobi Baumann)
mit Iris Berben, Joachim Król, Nilam Farooq, Ben Münchow, Lena Urzendowsky, Langston Uibel, Barbara Philipp, Denis ‚Marschall‘ Ölmez, Götz Otto
In einem Stuhlkreis sitzen Täter und Opfer eines Verbrechens und reden darüber. ‚restorative justice‘ nennt sich die Methode. Es geht um einen formalisierten Prozess des gegenseitigen Verstehens und auch Verzeihens. Sie ähnelt dem bei uns als Täter-Opfer-Ausgleich bekannten Modell.
In seinem Spielfilm „All eure Gesichter“ zeigt Jeanne Herry („In sicheren Händen“) mehrere dieser Prozesse und sie zeigt die Chancen, die diese Methode hat. Sie geht auch auf die Voraussetzungen, aber nicht auf die Beschränkungen ein.
Trotzdem ist „All eure Gesichter“ als karg inszeniertes, sich auf seine Schauspieler, die sich teils im Stuhlkreis, teils direkt gegenüber sitzen, konzentrierendes Dialogdrama sehenswert. Das Kammerspiel für die große Leindwand regt zum Nachdenken über Schuld, Sühne und verschiedene Methoden einer Verarbeitung an.
All eure Gesichter (Je verrai toujours vos visages, Frankreich 2023)
Regie: Jeanne Herry
Drehbuch: Jeanne Herry, Chloé Rudolf
mit Birane Ba, Leïla Bekhti, Dali Benssalah, Elodie Bouchez, Suliane Brahim, Jean-Pierre Darroussin, Adèle Exarchopolous, Gilles Lellouche, Miou-Miou, Denis Podalydès
Massachusetts im Winter 1964: die schüchterne Eileen Dunlop (Thomasin McKenzie) lebt noch bei ihrem Vater, einem jähzornigem Alkoholiker, und arbeitet im Jugendgefängnis als Sekretärin. Ihr triester Alltag verändert sich schlagartig, als die neue Psychologin des Gefängnisses eintrifft. Rebecca Saint John (Anne Hathaway) ist ein Marilyn-Monroe-Lookalike, die sofort allen Männern den Kopf verdreht. Aber dann lädt die Femme Fatale Eileen zu einem Drink ein.
„Eileen“ ist die langweilige Arthaus-Version eines Noirs. Für einen gelungenen Noir entwickelt sich die Geschichte viel zu langsam und nebulös. Ehe dann im dritten Akt plötzlich alles anders wird.
Eileen (Eileen, USA 2023)
Regie: Willliam Oldroyd
Drehbuch: Ottessa Moshfegh, Luke Goebel
LV: Ottessa Moshfegh: Eileen, 2015 (Eileen)
mit Thomasin McKenzie, Anne Hathaway, Shea Whigham, Marin Ireland, Owen Teague
In seinem Biopic „Munch“ über den Künstler Edvard Munch (12. Dezember 1863 – 23. Januar 1944) (Ja, das ist der mit dem Bild „Der Schrei“, das die Ghostface-Maske in den „Scream“-Filmen inspirierte.) erzählt Henrik M. Dahlsbakken das schwierige Leben des Künstlers zwischen Alkoholismus, Genie und Wahnsinn nicht chronologisch nach. Er zersplittert es auf mehrere Zeitebenen, zwischen den er kontextlos hin und her springt und er lässt Munch von drei Schauspielern und einer Schauspielerin spielen. Sie spielen ihn als 21-, 29-, 45- und 80-jährigen Mann. Und für jeden Munch-Schauspieler gibt es einen eigenen Stil.
Das Ergebnis ist ein sich experimentell gebendes Biopic, das wenig über den Künstler verrät und einen erstaunlich unberührt lässt.
Munch (Munch, Norwegen 2023)
Regie: Henrik M. Dahlsbakken
Drehbuch: Mattis Herman Nyquist, Gina Cornelia Pedersen, Fredrik Høyer, Eivind Sæther
mit Alfred Ekker Strande, Mattis Herman Nyquist, Ola G. Furuseth, Anne Krigsvoll, Anders Baasmo Christiansen, Lisa Carlehed, Jesper Christensen