TV-Tipp für den 10. November: Jimmy’s Hall

November 9, 2021

Arte, 20.15

Jimmy’s Hall (Jimmy’s Hall, Großbritannien/Irland/Frankreich 2014)

Regie: Ken Loach

Drehbuch: Paul Laverty

1932 kehrt der Sozialist Jimmy Gralton aus dem amerikanischem Exil in seine geliebte irische Heimat zurück. Er will sich jetzt um seine Mutter kümmern. Aber alte Freunde überreden ihn, den Tanzsaal wieder zu eröffnen. Schnell wird ‚Jimmy’s Hall‘ zu einem Treffpunkt, in dem getrunken, getanzt und politisiert wird. Sehr zum Unwillen der katholischen Kirche.

TV-Premiere (schon lange überfällig). Schönes, leicht nostalgisches, von wahren Ereignissen inspiriertes Drama.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Barry Ward, Simone Kirby, Jim Norton, Aisling Franciosi, Aileen Henry, Francis Magee, Andrew Scott, Brian F. O’Byrne

Wiederholung: Freitag, 12. November, 14.15 Uhr

Hinweise

Moviepilot über „Jimmy’s Hall“

Metacritic über „Jimmy’s Hall“

Rotten Tomatoes über „Jimmy’s Hall“

Wikipedia über „Jimmy’s Hall“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ken Loachs „Jimmy’s Hall“ (Jimmy’s Hall, Großbritannien/Irland/Frankreich 2014)

Meine Besprechung von Ken Loachs „Ich, Daniel Blake“ (I, Daniel Blake, Großbritannien/Frankreich/Belgien 2016)

Meine Besprechung von Ken Loachs „Sorry, we missed you“ (Sorry we missed you, Großbritannien/Frankreich/Belgien 2019)


TV-Tipp für den 15. Februar: Ich, Daniel Blake

Februar 15, 2020

3sat, 20.15

Ich, Daniel Blake (I, Daniel Blake, Großbritannien/Frankreich/Belgien 2016)

Regie: Ken Loach

Drehbuch: Paul Laverty

TV-Premiere – und ein dickes, ehrlich gemeintes Lob für den Ausstrahlungstermin!

Gutes, packendes, konventionell erzähltes und gefilmtes Sozialdrama über den titelgebenden Schreiner Daniel Blake, der nach einem Schlaganfall in die Fänge der Sozialbürokratie gerät.

In Cannes erhielt „Ich, Daniel Blake“ die Goldene Palme.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Dave Johns, Hayley Squires, Dylan McKiernan, Briana Shann, Kate Rutter, Sharon Percy, Kema Sikazwe

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Ich, Daniel Blake“

Metacritic über „Ich, Daniel Blake“

Rotten Tomateos über „Ich, Daniel Blake“

Wikipedia über „Ich, Daniel Blake“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ken Loachs „Jimmy’s Hall“ (Jimmy’s Hall, Großbritannien/Irland/Frankreich 2014)

Meine Besprechung von Ken Loachs „Ich, Daniel Blake“ (I, Daniel Blake, Großbritannien/Frankreich/Belgien 2016)

Meine Besprechung von Ken Loachs „Sorry, we missed you“ (Sorry we missed you, Großbritannien/Frankreich/Belgien 2019)


Neu im Kino/Filmkritik: „Sorry we missed you“, Ken Loach

Januar 31, 2020

Das dürfte jetzt Ken Loachs dritter letzter Film sein. Jedenfalls dachte man schon bei seinen beiden vorherigen Filmen „Jimmy’s Hall“ und „Ich, Daniel Blake“, dass es der letzte Film des 1936 geborenen Ken Loach sei. Er dachte das auch. Aber es gibt immer noch Ungerechtigkeiten, gegen die er anfilmen muss. Dieses Mal geht es um die Zustände im vollkommen deregulierten Paketzustellergewerbe, die einen netten „Sorry we missed you“-Zettel an den Briefkasten kleben, wenn der Paketempfänger nicht da ist.

Ricky Turner ist ein typischer Mann aus der Arbeiterklasse, der stolz darauf ist, immer gearbeitet zu haben. Er ist mit der Altenpflegerin Abby verheiratet. Ihr pubertierender Sohn steht kurz vor dem Schulabschluss. Dass er inzwischen ein notorischer Schulschwänzer ist, wissen seine Eltern noch nicht. Ihre jüngere Tochter ist noch ein Kind, das ihren Vater bewundert. Viel Geld hatten sie nie. Dafür stimmt der Zusammenhalt unter ihnen. Letztendlich sind sie sind eine glückliche Familie aus der Arbeiterklasse.

Nur dass es diese Arbeiterklasse heute nicht mehr gibt. Und das gesellschaftliche Versprechen nach einem eigenen kleinen Haus, dem sichtbaren Symbol ihres Aufstiegs, ist seit der Finanzkrise für sie unerreichbar. Stattdessen hangelt Ricky sich von Job zu Job. Er sucht schon länger erfolglos eine Arbeit, mit der er seine Familie ernähren kann. Seine Frau arbeitet währenddessen zwölf Stunden, von denen sie nur für die Hälfte bezahlt bekommt. So kommen sie finanziell halbwegs über die Runden.

Da schlägt ihm ein Freund vor, als Paketzusteller zu arbeiten. Ricky wird genommen. Und damit betritt er einen von Loach und seinem langjährigem Drehbuchautor Paul Laverty mit bitterer Konsequenz nachgezeichneten Teufelskreislauf, der die Familie Turner zerstört. Denn Ricky ist kein Angestellter der Firma, sondern ein selbstständiger Unternehmer, der für die Firma arbeitet. Hoffnungsvoll steigt Ricky groß ein. Mit ihrem letzten Geld und dem Verkauf von Abbys Autos kauft er einen Lieferwagen. Theoretisch kann er so mehr verdienen.

Schnell stellt Ricky fest, dass dem nicht so ist. Je mehr er ackert, umso mehr verschuldet er sich. Denn jede echte und vermeintliche Pflichtverletzung wird bestraft. Wenn er seiner Tochter einen Tag lang seine Arbeit zeigt, gibt es eine Abmahnung. Jedes unternehmerische Risiko wird von der Firma auf den Paketboten abgewälzt. Deshalb muss er die Strafzettel bezahlen, die er erhält, wenn er bei der Paketzustellung falsch parkt. Die Zeit für die Zustellung der einzelnen Pakete ist zu knapp bemessen. Freie Tage gibt es nicht. Kranksein auch nicht. Und er wird als Paketzusteller stärker als jeder Angestellte überwacht. Gleichzeitig hat er weniger Rechte.

Es ist ein Teufelskreislauf, in den schnell seine Familie hineingezogen wird. Ricky hat zunehmend nur noch ein Ziel, das er immer weniger erreichen kann, während er seine Familie zerstört. Die Konsequenz mit der Loach das, immer nah an der Realität, erzählt, ist atemberaubend.

Loach und Laverty kamen auf die Idee für ihren neuen Film „Sorry we missed you“ während sie für ihren vorherigen Film „Ich, Daniel Blake“ recherchierten. An Essensausgaben trafen sie viele Menschen, die arbeiteten und trotzdem nicht genug zum Leben hatten. Während der intensiven Recherchen schälte sich dann die Geschichte von Ricky und seiner Familie heraus. Der Film wurde dann, wie „Ich, Daniel Blake“ in Newcastle gedreht, mit Kurierfahrern, die sich selbst spielen.

Loach und Laverty zeigen in ihrer klinisch präzisen Fallstudie die Auswirkungen des globalisierten, von allen Zwängen befreiten Kapitalismus auf den Einzelnen. Ricky, seine Frau, seine Kollegen und auch sein Chef sind da nur kleine Rädchen im Getriebe, die ausgebeutet und ausgespuckt werden. Dieser deregulierte Kapitalismus ist ein anonymer Gegner, der ein Proletariat vereinsamter Arbeiter geschaffen hat.

Sorry we missed you“ ist ein wütender Film, der zum Handeln auffordert. Gerade wegen seines bitteren Endes. Ricky sieht vielleicht keinen Ausweg. Aber die Zuschauer – und die Gesellschaft – sollten das Ende als einen Aufruf zur Veränderung ansehen. Denn die vulgärneoliberale, entsolidarisierte Hölle, in der Ricky als Lohnsklave lebt, kann nicht die Welt sein, in der wir leben wollen.

Sorry we missed you (Sorry we missed you, Großbritannien/Frankreich/Belgien 2019)

Regie: Ken Loach

Drehbuch: Paul Laverty

mit Kris Hitchen, Debbie Honeywood, Rhys Stone, Katie Proctor, Ross Brewster, Charlie Richmond, Julian Ions

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Sorry we missed you“

Metacritic über „Sorry we missed you“

Rotten Tomatoes über „Sorry we missed you“

Wikipedia über „Sorry we missed you“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ken Loachs „Jimmy’s Hall“ (Jimmy’s Hall, Großbritannien/Irland/Frankreich 2014)

Meine Besprechung von Ken Loachs „Ich, Daniel Blake“ (I, Daniel Blake, Großbritannien/Frankreich/Belgien 2016)

Paul Laverty in Cannes über den Film

Die Cannes-Pressekonferenz


TV-Tipp für den 26. September: El Olivo – Der Olivenbaum

September 25, 2018

Arte, 20.15

El Olivo – Der Olivenbaum (El Olivo, Spanien/Deutschland 2016)

Regie: Icíar Bollaín

Drehbuch: Paul Laverty

Als ihr über alles geliebter Großvater zunehmend dement wird, beschließt Alma, den von ihm über alles geliebten Olivenbaum, den Almas Vater an einen deutsche Öko-Energiekonzern verkaufte, wieder zurück in die Heimat zu holen. Zusammen mit einem Arbeitskollegen und ihrem Onkel macht sie sich auf den Weg nach Düsseldorf.

TV-Premiere eines milde kapitalismuskritischen Feelgood-Movies. Da wäre mehr möglich gewesen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Anna Castillo, Javier Gutiérrez, Pep Ambròs, Manuel Cucala, Miguel Angel Aladren, Carme Pla, Ana Isabel Mena, María Romero

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „El Olivo“

Moviepilot über „El Olivo“

Rotten Tomatoes über „El Olivo“

Wikipedia über „El Olivo“ (englisch, spanisch)

Meine Besprechung von Icíar Bollaíns „El Olivo – Der Olivenbaum“ (El Olivo, Spanien/Deutschland 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: „Ich, Daniel Blake“, nicht Ken Loach

November 26, 2016

In Cannes erhielt Ken Loach für seinen neuesten Film „Ich, Daniel Blake“ die Goldene Palme und – auch wenn ich die Konkurrenz nicht vollständig kenne („Julieta“, „Paterson“, „Toni Erdman“, „Elle“, „The Neon Demon“ und „American Honey“ liefen ebenfalls im Wettbewerb), hat er den Preis weniger für diesen Film gewonnen, sondern implizit für sein Lebenswerk (auch wenn er schon für seinen vorherigen Film „Jimmy’s Hall“, der sein letzter sein sollte, eine Goldene Palme erhielt) und seine hehre Botschaft erhalten. Nicht, dass „Ich, Daniel Blake“ ein schlechter Film ist. Es ist ein gutes, packendes, aber auch konventionell erzähltes und gefilmtes Sozialdrama über den titelgebenden Schreiner Daniel Blake.

Der Endfünfziger hat sein ganzes Leben in Newcastle gearbeitet. Aber jetzt, nach einem Herzinfarkt bei der Arbeit, bei dem beinahe von einem Gerüst gefallen wäre, benötigt der Witwer staatliche Unterstützung. Er hat Anspruch auf Arbeitslosen- und Sozialhilfe.

Er gerät in den Moloch der Sozialverwaltung mit ihren teils abstrusen Vorschriften, die auf alles achten. Außer auf die Würde des Menschen. Für Ken Loach war die Wut über die absichtliche Ineffizienz der Bürokratie das Motiv, „Ich, Daniel Blake“, wieder nach einem Drehbuch von seinem Stammautor Paul Laverty, zu drehen. So soll Blake Arbeit suchen, um eine Unterstützung zu erhalten. Obwohl ihm sein Arzt genau das Verboten hat. So kann er erst, nachdem er eine telefonische Benachrichtigung erhalten hat, einen Einspruch gegen den Bescheid, den er schon erhalten hat, erheben. Wann er diesen Anruf erhält, kann ihm allerdings niemand sagen. Bis dahin wird allerdings kein Geld auf sein Konto überwiesen. Es ist zum Verzweifeln. Aber Daniel Blake versucht tapfer, humorvoll und immer seine Würde bewahrend, die Regeln einzuhalten, während die Regeln gerade darauf angelegt sind, ihm das alles zu nehmen.

Eines Tages trifft er auf dem Amt die siebenundzwanzigjährige Katie, die nicht zu ihrem Termin vorgelassen wird, weil die alleinerziehende Mutter sich als gerade aus London Zugezogene um einige Minuten verspätete. Für den Regelverstoß wird sie selbstverständlich sanktioniert. Blake beginnt ihr und ihren beiden Kindern (sieben und zehn Jahre alt) zu helfen. Schließlich brauchen sie etwas zu Essen und die vom Amt gestellte Wohnung hat zwar vier Wände, aber sonst nichts.

Ich, Daniel Blake“ ist ein typischer Ken-Loach-Film, der immer noch für die Arbeiterklasse, das Proletariat, die Abgehängten, die Chancenlosen kämpft und der an eine bessere Gesellschaft glaubt. Dabei verpackt er seine Sozialkritik in packendes Kino, das aufgrund seiner genauen Beobachtung, auch durch zahlreiche improvisierte Szenen und Laiendarsteller, und der realistischen Erzählweise überzeugt.

Das ist unbedingt sehenswert. Im Kino oder im Puschenkino.

ich-daniel-blake-plakat

Ich, Daniel Blake (I, Daniel Blake, Großbritannien/Frankreich/Belgien 2016)

Regie: Ken Loach

Drehbuch: Paul Laverty

mit Dave Johns, Hayley Squires, Dylan McKiernan, Briana Shann, Kate Rutter, Sharon Percy, Kema Sikazwe

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Ich, Daniel Blake“

Metacritic über „Ich, Daniel Blake“

Rotten Tomateos über „Ich, Daniel Blake“

Wikipedia über „Ich, Daniel Blake“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ken Loachs „Jimmy’s Hall“ (Jimmy’s Hall, Großbritannien/Irland/Frankreich 2014)

Die Cannes-Presskonferenz

 


TV-Tipp für den 26. Oktober: Das Kino des Ken Loach

Oktober 26, 2016

Arte, 21.55

Das Kino des Ken Loach (Großbritannien 2016, Regie: Louise Osmond)

Drehbuch: Louise Osmond

Spielfilmlange Doku über Ken Loach, das soziale Gewissen des englischen Kinos. Sein neuester, selbstverständlich sehenswerter Film „Ich, Daniel Blake“, der in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet, läuft bei uns am 24. November an. In England hatte er jetzt den besten Kinostart eines Loach-Films.

Davor, um 20.15 Uhr, zeigt Arte sein Sozialdrama „Sweet Sixteen“ (Großbritannien/Deutschland/Spanien 2002).

mit Ken Loach, Tony Garnett, Paul Laverty, Gabriel Byrne, Chris Menges, Alan Parker

Hinweise

Arte über Ken Loach

Wikipedia über Ken Loach (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ken Loachs „Jimmy’s Hall“ (Jimmy’s Hall, Großbritannien/Irland/Frankreich 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: Das milde kapitalismuskritische Märchen „El Olivo – Der Olivenbaum“

August 27, 2016

Ein wichtiges Thema, ein Autor, der schon öfter gelungen komplexe Themen behandelte, eine Regisseurin, die damit ebenfalls darin Erfahrung hat. Viel besser könnten die Umstände nicht sein für diese zwischen Spanien und Deutschland spielende Geschichte, die auch und vor allem ein Kommentar zur spanischen Wirtschaftskrise sein will. In, so die Regisseurin Icíar Bollain, der Form eines Märchens mit einem realen Bezugspunkt.

Das Drehbuch ist von ihrem Lebensgefährten Paul Laverty, der bereits für ihren mit mehreren Goyas ausgezeichneten Film „Und dann der Regen“ das Buch schrieb. Der Ken-Loach-Stammautor weiß, wie man eine scharfe Kritik aus linker Perspektive am Kapitalismus, an herrschenden Institutionen und Strukturen in eine unterhaltsame Geschichte verpackt, die Partei für die kleinen Leute, die Unterdrückten, ergreift und zur Empörung und zum Handeln gegen die herrschenden Verhältnisse auffordert. In „El Olivo“ ist die Gesellschaftskritik dann so unspezifisch, dass alles in einer sentimentalen Wohlfühl-Watte endet.

Im Mittelpunkt von „El Olivo – Der Olivenbaum“ steht die junge, etwas burschikose Spanierin Alma, die in einer Geflügelfarm einer schlecht bezahlten Arbeit nachgeht. Ihre Familie hatte einmal viele Olivenbäume. Für sie und ihren zunehmend dementen Großvater, den sie abgöttisch liebt, ist dabei vor allem ein uralter Olivenbaum besonders wichtig. Viele Erinnerungen und die halbe Familiengeschichte sind mit ihm verbunden. Aber ihre Eltern verkauften den Baum schon vor längerem und steckten das Geld in ein inzwischen bankrottes Restaurant.

Als Alma erfährt, dass der Baum nicht vernichtet wurde, sondern in Düsseldorf im Empfangsbereich eines Öko-Energiekonzerns steht, entschließt sie sich, den Baum zurückzuholen und so ihrem schweigsamen Großvater einen letzten Wunsch zu erfüllen.

Bis Alma mit ihrem Onkel Alcachofa und dem in sie verliebten Arbeitskollegen Rafa, die beide keine Ahnung von ihrem Plan haben, in einem LKW losfährt, vergeht allerdings viel Zeit, in der wir mit vielen Rückblenden zwar einiges über sie, ihr Umfeld und die Familiengeschichte erfahren, aber die ganze Zeit auf den Beginn der Geschichte, – den Aufbruch, die Fahrt nach Deutschland und die Befreiung des Baumes -, warten. Die Fahrt nach Deutschland ist dann nur die Anhäufung einiger eher belangloser Anekdoten und Streitigkeiten in der Fahrerkabine.

In Düsseldorf, das immer der austauschbare Handlungsort für irgendeine Großstadt bleibt, fällt der Film endgültig in sich zusammen. Zwischen Streitigkeiten und Versöhnungen untereinander und campieren vor der Bank, erhält Alma dann auch noch die Hilfe einiger flugs herbeigeeilter, Happening-süchtiger Freizeitkapitalismusgegner, die von einer Frauen-Wohngemeinschaft die nötigen Informationen für ihren Protest erhielten.

Diese studentische WG, die wie ein Befehl der Filmförderung wirkt, redet vorher arg didaktisch auf biederem TV-Niveau über die bösen Banken, den Kapitalismus, den Naturschutz und ob man überhaupt etwas tun solle. Sie initiieren dann doch eine „Free the Tree“-Bewegung, die Alma in Düsseldorf helfen soll, den Olivenbaum zu befreien. Den Anstoß dafür erhielten die WG-Damen durch einen Internet-Post von Almas Freundin und natürlich hätte man hier im Rahmen der Filmgeschichte etwas über die guten Seiten der sozialen Medien bei der Vernetzung und Gemeinschaftsbildung über Ländergrenzen erzählen können. So wie Jon Favreau es in seinem Road-Movie „Kiss the Cook“ in kulinarischem Zusammenhang tat. Bei „El Olivo“ wirkt dieser irgendwann lieblos fallengelassene Handlungsstrang allerdings durchgehend wie ein Fremdkörper, weil die Internetöffentlichkeit für die Baumrettungs-Kampagne nur am Ende, bei einer kindischen Protestaktion, eine realweltliche Entsprechung findet.

Dieser für die Haupthandlung letztendlich erschreckend unerhebliche Handlungsstrang ist wie der gesamte Film zwar gut gemeint, aber mehr als ein milde kapitalismuskritisches Feelgood-Movie mit unantastbar strahlender Heldin und, sicher auch wegen ihres idiotischen „ich gehe in die Bank und hole den Riesenbaum heraus“-Plans, unklarer Stoßrichtung der Kritik kommt dabei nicht heraus.

El Olivo - Plakat

El Olivo – Der Olivenbaum (El Olivo, Spanien/Deutschland 2016)

Regie: Icíar Bollaín

Drehbuch: Paul Laverty

mit Anna Castillo, Javier Gutiérrez, Pep Ambròs, Manuel Cucala, Miguel Angel Aladren, Carme Pla, Ana Isabel Mena, María Romero

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „El Olivo“

Moviepilot über „El Olivo“

Rotten Tomatoes über „El Olivo“

Wikipedia über „El Olivo“ (englisch, spanisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Ken Loach besucht „Jimmy’s Hall“

August 14, 2014

Das war’s. „Jimmy’s Hall“ sei sein letzter Film. Der 1936 geborene Ken Loach will keinen weiteren Film mehr inszenieren und wer kann ihm das in seinem Alter verübeln? Aber schon jetzt, während ich diese Besprechung schreibe, merke ich, wie sehr uns in den nächsten Jahren seine Stimme fehlen wird. Denn „Jimmy’s Hall“ vereint wieder einmal und jetzt auch zum letzten Mal all seine Themen. Es ist eine Geschichte der kleinen Leute, ein Aufruf zum Selbstbewusstsein und Widerstand und ein sehr menschlicher Film, der das Herz auf dem rechten Fleck (was bei Loach „links“ heißt) hat. Es ist daher auch eine Gesellschaftsanalyse und dieses Mal wieder ein Beitrag zur Geschichtsschreibung. Es ist ein erbaulicher, Mut machender und zum Aktivismus aufrufender Film, der dabei nie den agitatorischen Ton einer Parteitags- oder Demonstrationsrede anstimmt.

Ken Loach erzählt, nach einem Drehbuch von Paul Laverty, mit dem er seit „Carla’s Song“ (1996) zusammenarbeitete, die Geschichte des 1886 geborenen Jimmy Gralton, der 1932 nach einem zehnjährigen Zwangsexil wegen revolutionärer Umtriebe aus den USA in seine irische Heimat, die Grafschaft Leitrim, zurückkehrt. Jetzt will der kämpferische Sozialist nur in Ruhe leben und sich um den Hof und seine Mutter kümmern.

Aber schon bald fragen ihn die Jugendlichen, ob er die „Pearse-Connolly Hall“ wieder aufbauen will. Diese Halle war ein Gemeindezentrum, in dem getanzt, gelacht, gelesen, unterrichtet und Sport getrieben wurde. Es war ein Ort, der den Menschen das gab, was die Kirche und der Staat ihnen nicht gaben.

Zehn Jahre später, bei seiner Rückkehr, hat sich daran, trotz der Kämpfe der vergangenen Jahre, nichts geändert. Schnell liegt Jimmy Gralton, nach dem Wiederaufbau der Halle, wieder im Clinch mit den Landbesitzern und den Geistlichen, die bei jeder Predigt gegen die unmoralischen und unchristlichen Umtriebe in der Pearse-Connolly Hall wettern und von der Kanzel die Namen der Besucher der Tanzhalle verkünden. Neu sind nur die Jazz-Schallplatten und Tänze, die Gralton aus den USA mitbrachte.

James ‚Jimmy‘ Gralton gab es wirklich. Er war am 13. August 1933 ohne einen Prozess als illegaler Einwanderer aus seiner Heimat ausgewiesen worden. Das ging, weil er auch einen US-amerikanischen Pass hatte und die Machthaber sich so elegant eines Problems entledigen konnten. Anschließend wurden auch die Akten zu dem Vorgang vernichtet.

Jimmy’s Hall“ nimmt sich, auch weil es nur wenige Dokumente über Gralton gibt, Freiheiten. So ist die Liebesgeschichte historisch nicht verbürgt und Gralton gründete gleich nach seiner Ankunft eine Revolutionäre Arbeitsgruppe, die Teil eines Netzwerkes war, aus dem eine neue kommunistische Partei entstand. Der Wiederaufbau der Pearse-Connolly Hall ging dann allerdings, wie auch im Film, auf Bitten der örtlichen Jugendlichen zurück, die nicht mehr auf der Straße tanzen wollten.

Loachs Film ist daher kein Biopic, sondern eine Geschichte, die auch in einem Pub oder einer Tanzhalle bei einigen Pint Bier erzählt werden könnte mit klar konturierten Charakteren und Konflikten (wobei Loach sich auf den Konflikt zwischen Gralton und der katholischen Kirche konzentriert), ohne didaktische Dialoge und erhobenen Zeigefinger, aber mit Herz, Witz und einem aufbauendem Ende. Dabei spitzen Laverty und Loach die Konflikte im teilweise arg betulich vor sich hin plätscherndem Film nicht so zu, wie es möglich wäre. Denn mit der Tanzhalle legte Gralton sich mit allen mächtigen Gruppen in der Gegend, wozu auch die IRA gehörte, an.

Jimmy’s Hall“ ist sicher nicht Ken Loachs bester Film, aber es ist ein würdiger Abschluss eines Lebenswerkes, der gerade dadurch in einem milderen Licht erscheint. Denn wer erzählt künftig Ken-Loach-Geschichten im Kino?

Jimmys Hall - Plakat

Jimmy’s Hall (Jimmy’s Hall, Großbritannien/Irland/Frankreich 2014)

Regie: Ken Loach

Drehbuch: Paul Laverty

mit Barry Ward, Simone Kirby, Jim Norton, Aisling Franciosi, Aileen Henry, Francis Magee, Andrew Scott, Brian F. O’Byrne

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film 

Film-Zeit über „Jimmy’s Hall“

Moviepilot über „Jimmy’s Hall“

Metacritic über „Jimmy’s Hall“

Rotten Tomatoes über „Jimmy’s Hall“

Wikipedia über „Jimmy’s Hall“

Ken Loach über „Jimmy’s Hall“

Die Pressekonferenz in Cannes

und, als Zugabe, eine Podiumsrunde mit Ken Loach und Paul Laverty am 14. Februar 2014 während der diesjährigen Berlinale, mit deutscher Übersetzung


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