Neu im Kino/Filmkritik: „Verflucht normal“, trotz Tourette

Mai 28, 2026

Als John Davidson (Robert Aramayo) 2019 von der damals schon hochbetagten und vom Volk frenetisch verehrten Queen den Orden des British Empire erhalten soll, ist er nervös. Das ist verständlich. Denn wer wäre nicht nervös, wenn er nicht in wenigen Minuten vor der Queen stehen wird?

Aber John Davidson ist aus einem anderen Grund nervös. Er hat Angst, dass er sie beleidigt und einen Skandal provoziert. Er leidet nämlich an dem Tourette-Syndrom und er soll für seinen Aktivismus ausgezeichnet werden. In den vergangenen Jahren engagierte sich der in Großbritannien bekannte John Davidson für Menschen, die das Tourette-Syndrom haben. Er gehört zu der Minderheit, die an ausgeprägter Koprolalie, also dem unkontrolliertem Ausrufen von Obszönitäten und Flüchen, leidet.

Dieser Aktivismus war dem 1971 in der schottischen Kleinstadt Galashiels geborenen Arbeiterkind nicht in die Wiege gelegt worden. Seine ersten Lebensjahre verlaufen normal. Die ersten Anzeichen hat er als Zwölfjähriger. Wahllos beleidigt er Klassenkameraden und Lehrer. Die anschließende Entschuldigung werden ihm immer weniger geglaubt. Die Bestrafungen von seinen Eltern, Lehrern und Mitschülern fallen immer drastischer aus. Um nicht zu Fluchen, versucht er, nichts zu sagen und verrenkt sich dabei komisch. Schnell wird er in seiner Schulklasse und auch der Gesellschaft zum Außenseiter.

In den frühen achtziger Jahren war das Tourette-Syndrom eine öffentlich kaum bekannte Krankheit. Das änderte sich erst in den vergangenen Jahren. Und, wenigstens in Großbritannien, ist das auch der Verdienst von John Davidson.

Lang lebe Ned Devine!“-Regisseur Kirk Jones erzählt jetzt in dem Biopic „Verflucht Normal“ Davidsons Geschichte vom Beginn der Krankheit bis zur Ehrung durch die Queen. In bester britischer Tradition wird aus Davidsons Leben ein realistisch geerdeter, in der Arbeiterklasse spielender, pointiert erzählter Feelgood-Film zwischen herzhaftem Lachen, absurden Szenen (wie Davidsons Vorstellungsgespräch im Gemeindezentrum als Hilfe für den Hausmeister Tommy Trotter [Peter Mullan]), herzlichen Szenen (wie Davidsons erste und für sein weiteres Leben entscheidende Begegnung mit Dottie Achenbach [Maxine Peake], der Mutter seines Schulfreundes Murray, die ihn ohne Vorurteile in ihre Familie aufnimmt), Szenen, die gleichzeitig beides sind (wie das erste von Davidson organisierte Treffen von Menschen mit Tourette) und Momenten, in denen es nicht genug Taschentücher in Reichweite geben kann.

Verflucht normal (I swear, Großbritannien 2025)

Regie: Kirk Jones

Drehbuch: Kirk Jones

mit Robert Aramayo, Maxine Peake, Peter Mullan, Shirley Henderson, Scott Ellis Watson, Francesco Piacentini-Smith, Steven Cree

Länge: 121 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Verflucht normal“

Metacritic über „Verflucht normal“

Rotten Tomatoes über „Verflucht normal“

Wikipedia über „Verflucht normal“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Reisen ohne Zukunft (?) mit dem „Suicide Tourist“

Juli 4, 2020

Die ersten Minuten von „Suicide Tourist“ machen neugierig. Der äußert bieder und durchschnittlich wirkende Versicherungsagent Max Isaksen (Nikokaj Coster-Waldau) spricht in eine Videokamera und kündigt seinen nahen Tod an. Die folgenden Minuten, wenn Regisseur Jonas Alexander Arnby zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und herspringt und einige Fährten auslegt, steigern diese Neugierde auf den Fortgang der Geschichte.

Wenn man die Geschichte dann, und ohne das Ende zu verraten, in eine rudimentäre chronologische Ordnung bringt, wird es recht banal. Max ist unheilbar erkrankt. In den nächsten Monaten wird der Tumor in seinem Gehirn seine Persönlichkeit radikal verändern. Später wird er daran sterben. Max will seine Frau Lærke nicht mit seiner Leidensgeschichte belasten. Im Zusammenhang mit einem seiner Versicherungsfälle erfährt er vom Hotel Aurora und seiner besonderen Dienstleistung. Diese ist, das wird im Film nahe gelegt, mindestens im legalen Graubereich, falls nicht sogar illegal. Die Betreiber des abgelegenen Luxusressort helfen ihren Gästen beim Suizid.

Wenn ein Kunde mit dem Hotel Aurora einen Vertrag über einen begleiteten Suizid abschließt, gibt es auch eine seltsame Klausel, die dem Kunden einen Rücktritt verweigert. Der Vertrag wird in jedem Fall erfüllt.

Gestandene Thrillerfans vermuten in dem Moment schon das Schlimmste. Denn warum sollte jemand, der unbedingt sterben möchte und dafür ein einsam gelegenes Hotel aufsucht, nicht mehr sterben wollen? Und warum sollte Max, der an einer tödlichen Krankheit leidet, seine Meinung ändern wollen?

Regisseur Arnby deutet während des Films immer wieder an, dass die Hotelbetreiber ihre Kunden regelmäßig gegen ihren Willen töten. Diese Andeutungen führen am Ende nicht zur Aufdeckung einer großen Verschwörung. Sie zeigen, wie Max in dem Moment die Welt wahrnimmt.

In seinem meditativ erzähltem Film „Suicide Tourist“ setzt sich „When Animals dream“-Regisseur Jonas Alexander Arnby unglücklich zwischen die Stühle. Sein Film ist kein Thriller (und will es auch nicht sein), kein Horrorfilm und auch kein Drama über die Probleme der umstrittenen kommerziellen Suizidbeihilfe. Sie dient hier nur als Aufhänger für eine reichlich dröge und, aufgrund seiner Struktur, äußerst umständlich erzählte Geschichte eines introvertierten Mannes, der sich, nach der tödlichen Diagnose, fragt, ob sein Leben noch einen Sinn hat. Nach neunzig Minuten und einer enttäuschenden Pointe wissen wir es.

Suicide Tourist (Selvmordsturisten, Dänemark/Deutschland/Frankreich/Schweden/Norwegen 2019)

Regie: Jonas Alexander Arnby

Drehbuch: Rasmus Birch

mit Nikokaj Coster-Waldau, Tuva Novotny, Robert Aramayo, Jan Bijvoet, Solbjørg Højfeldt, Slimane Dazi, Sonja Richter, Johanna Wokalek

Länge: 90 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „Suicide Tourist“

Moviepilot über „Suicide Tourist“

Metacritic über „Suicide Tourist“

Rotten Tomatoes über „Suicide Tourist“

Wikipedia über „Suicide Tourist“

Meine Besprechung von Jonas Alexander Arnbys „When Animals dream“ (Når dyrene drømmer, Dänemark 2014)