DVD-Kritik: Zur englischen Mini-Krimiserie „The Bay“

April 15, 2020

Für Detectice Sergeant Lisa Armstrong von der Polizei Morecambe, einer im Nordwesten Englands in der Grafschaft Lancashire liegenden Küstenstadt, beginnt es wie ein Routinefall. In der Nacht sind die Zwillinge Holly und Dylan Meredith spurlos verschwunden. Die Polizei beginnt mit der Suche nach den beiden Teenagern.

Armstrong erhält im Team die Aufgabe der Familienbeauftragten. Sie soll die Eltern und Familie der verschwundenen Zwillinge betreuen, Ansprechpartnerin bei Fragen sein, ihnen wichtige Ermittlungsschritte und -erkenntnisse erklären, sie zur Mitarbeit bewegen – und herausfinden, was die Familie mit dem Verschwinden von Holly und Dylan zu tun hat. Denn selbstverständlich sind sie auch alle verdächtig.

Als Armstrong den Stiefvater der verschwundenen Zwillinge, Sean Meredith, trifft, ist sie schockiert. Mit ihm hatte sie in der Nacht, als die Zwillinge verschwanden, Sex. Und dieser Punkt ist eigentlich mein einziger Kritikpunkt an der sechsteiligen ITV-Miniserie „The Bay“. Es ist einfach unglaublich dumm von Armstrong, dass sie diesen flüchtigen, alkoholgetränkten One-Night-Stand verschweigt, später sogar Beweismaterial zurückhält und damit die Ermittlungen und ihre Karriere gefährdet. Denn einen wirklich nachvollziehbaren Grund für ihr Verhalten gibt es nicht. Vor allem weil die alleinerziehende Armstrong uns als äußerst kompetente, vernünftige und von ihren Kollegen respektierte Ermittlerin vorgestellt wird. Wenn sie ihrem Chef sofort über ihre persönliche Befangenheit in diesem Fall informiert hätte, wäre sie nicht in das Ermittlungsteam aufgenommen worden; – und die Miniserie hätte schon in der ersten Episode ihre Protagonistin verloren.

Davon – und von einigen damit verbundenen Komplikationen – abgesehen erzählt „The Bay“ stringent und angenehm realitätsnah die Ermittlungen der Polizei, die durch Dylans Tod komplizierter werden. Die Polizisten sind größtenteils ganz normale Menschen, die professionell zusammenarbeiten und sich nicht alle zwei Minuten anschreien, weil sie gerade auf einem Ego-Trip sind oder gerade gegen alle Dienstvorschriften verstoßen und gleichzeitig einige Straftaten begehen. Sie erledigen, ganz brave Staatsdiener, ihre Arbeit und versuchen den Fall aufzuklären, in dem sie zusammen arbeiten und alle Spuren verfolgen. Auch die Verhöre mit Zeugen und Verdächtigen gestalten sich angenehm ruhig. Jedenfalls auf Seite der Polizei.

Auch der Vermissten- und Mordfall wird nah an der Wirklichkeit aufgeklärt. Es gibt also keine durchgeknallten Serienkiller mit absurden Mordmotiven, sondern nur die langwierigen Ermittlungen in einer klassischen Arbeiterfamilie, die versucht über die Runden zu kommen. Der richtige Vater der verschwundenen Zwillinge kümmert sich seit Ewigkeiten nicht um seine Familie. Der unzuverlässige und auch aufbrausende Stiefvater kämpft als Fischer ums Überleben. Die Mutter versucht die Familie zusammen zu halten. Sagt sie jedenfalls. Schließlich gibt es in einem Krimi nur die Gewissheit, dass jeder lügt.

Die Subplots, vor allem die Probleme von Armstrongs beiden pubertierenden Kindern, sind, auch wenn es anfangs unklar ist, erkennbar mit dem Verschwinden der Zwillinge und damit auch der alle Plots durchziehenden Frage von Vertrauen und Lüge verbunden.

Gleichzeitig entwirft Drehbuchautor Daragh Carville, der in der Nähe von Morecambe lebt, ein Porträt eines Küstendorfs und seiner ökonomischen Probleme.

The Bay“ ist ein feiner, in sich abgeschlossener, im positiven Sinn unspektakulär-altmodischer Krimi. Eine zweite Staffel, mit einem neuen von Daragh Carville geschriebenem Fall, ist bereits abgedreht. Wieder mit Morven Christie als DS Lisa Armstrong und ihren aus der ersten Staffel bekannten Polizeikollegen.

The Bay – Staffel 1 (The Bay, Großbritannien 2019)

Regie: Lee Haven Jones, Robert Quinn

Drehbuch: Daragh Carville

Serienschöpfer: Daragh Carville, Richard Clark

mit Morven Christie, Jonas Armstrong, Chanel Cresswell, Imogen King, Art Parkinson, Taheen Modak, Daniel Ryan, Matthew McNulty, Louis Greatorex, Adam Long

DVD

Edel Motion

Bild: PAL 16:9 (2:1)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Hinter den Kulissen

Länge: 274 Minuten (6 Episoden) (2 DVDs)

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

ZDFneo über „The Bay“

Moviepilot über „The Bay“

Rotten Tomatoes über „The Bay“

Wikipedia über „The Bay“


DVD-Kritik: Der „Death in Paradise“ geht in die dritte Staffel

November 4, 2014

Zwei Staffeln, beziehungsweise zwei Jahre, lang löste DI Richard Poole auf der Karibikinsel Saint Marie Mordfälle. Er war der typische fish out of water: ein überaus steifer und korrekter Brite, der immer seinen Anzug an hat und Tee trinkt (natürlich richtig zubereitet), während er knifflige Mordfälle löst. Seine Arbeitskollegen Camile Bordey, Dwayne Myers und Fidel Best, die alle gebürtige Inselbewohner sind, sich entsprechend leger kleiden und eine karibisch entspannte Lebenseinstellung haben, waren zunächst erstaunt über den Inbegriff des britischen Empire, der mit ihnen zusammenarbeiten soll. Aber schnell wurden sie ein gutes Team, das viele Morde löste, bis Poole, der sich nur langsam an die karibische Lebenseinstellung und das Klima gewöhnte (ohne jemals auf seine korrekte Bekleidung zu verzichten), in „Tickende Uhren“, der Auftaktepisode der dritten „Death in Paradise“-Staffel, gemeuchelt wird.
Als Ersatz kommt Humphey Goodman, ein ebenso brillanter Detektiv mit der seltsamen Angewohnheit, sich auf Zetteln und Servietten Notizen zu machen, und äußerst schusselig ist. Wenn ein Kabel im Weg liegt, stolpert er darüber. Jedenfalls beim Lösen der ersten Mordfälle. Davon abgesehen ist er vollkommen normal. Er braucht keinen Tee, kleidet sich dem Klima entsprechend, setzt sich in den Sand und ist verheiratet. Jedenfalls am Anfang. Aber seine Frau verlässt ihn.
Durch diese Umbesetzung wird „Death in Paradise“ zu einer gewöhnlichen, netten, sonnigen Rätselkrimiserie, die kurzweilig unterhält, aber nicht mehr das besondere Flair der ersten Fälle hat, die vor allem von dem Culture Clash zwischen britischer Steifheit und karibischer Lockerheit lebte.
Die Fälle selbst, wieder acht Mordfälle, die in einer knappen Stunde aufgeklärt werden, sind Rätselkrimis, die mit einer Versammlung aller Betroffenen in einem Raum endet, wo der Detektiv dann den Mörder überführt.
So wird während eines Drehs für einen Zombie-Horrorfilm ein Stand-In vergiftet. Aber wollte der Mörder in Wirklichkeit nicht die Hauptdarstellerin ermorden? In ihrem nächsten Fall wird während einer Kunstausstellung ein Gigolo, der auch viel über Kunst weiß, ermordet. Dann wird eine Stewardess vergiftet. Die Polizisten fragen sich, wer ihrer Arbeitskollegen der Täter ist. Ein Minister soll sich in seinem Arbeitszimmer umgebracht haben. Aber Goodman ist misstrauisch.
Raus aus geschlossenen Räumen und in die freie Wildbahn geht es in ihrem nächsten Fall: Ein Mitglied einer Gruppe von Vogelbeobachtern, die einen besonders seltenen Vogel sichten wollen, wird ermordet und, wie es sich für einen Rätselkrimi gehört, haben alle Mitglieder der Gruppe, obwohl einer von ihnen der Mörder sein muss, wasserdichte Alibis.
Als auf einer vor Saint Marie gelegenen Insel der Familienpatriarch ermordet wird, müssen Goodman und seine Kollegen den Mörder finden, während sie wegen eines Sturms von der Zivilisation abgeschnitten sind. Goodmans Kollege Poole befand sich in einem früheren Mordfall in einer ähnlichen Situation.
Und im letzten Mordfall der dritten „Death in Paradise“-Staffel wird in einer ziemlich britischen Seniorenresidenz eine Ärztin ermordet, obwohl der Tatort auf einen Suizid schließen lässt.
Die Fälle sind, wie gesagt, vergnügliche Rätselkrimis, bei denen es unmöglich ist, den Mörder, den genauen Hergang und das Tatmotiv vor der Auflösung zu erraten. Aber das war schon zu Zeiten von Hercule Poirot so.
Alelrdings fehlt in der dritten Staffel das Flair des Besonderen, das Richard Poole auf die Insel trug. Humphrey Goodman ist halt nur ein guter Mann.
Dieses Mal gibt es sogar etwas Bonusmaterial: sieben kurze Werbe-Featurettes, die in 18 Minuten durchgesehen sind und als „Making of Death in Paradise“ angekündigt sind.

Death in Paradise - Staffel 3 - DVD-Cover

Death in Paradise – Staffel 3 (Death in Paradise, Großbritannien 2014)
Regie: Cilla Ware, Dusan Lazarevic, Robert Quinn, Richard Signy
Drehbuch: Robert Thorogood, Daisy Coulam, Paul Logue, Ian Kershaw, J. C. Wilsher, Simon Winstone, Jack Lothian
Erfinder: Robert Thorogood
mit Kris Marshall (DI Humphrey Goodman), Sara Martins (DS Camille Bordey), Danny John-Jules (Officer Dwayne Myers), Gary Carr (Fidel Best), Don Warrington (Commissioner Selwyn Patterson), Élisabeth Bourgine (Catherine), Ben Miller (DI Richard Poole)

DVD
Edel
Bild: 16:9 PAL
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: –
Bonusmaterial: Making of Death in Paradise
Länge: 435 Minuten (4 DVDs)
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

BBC über „Death in Paradise“

BBC Germany über „Death in Paradise“

Wikipedia über „Death in Paradise“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von “Death in Paradise – Staffel 1″ (Death in Paradise, GB/Fr 2011)

Meine Besprechung von „Death in Paradise – Staffel 2“ (Death in Paradise, GB 2013)