Neu im Kino/Filmkritik: Fremdschämen mit und über „Toni Erdmann“

Juli 14, 2016

Zuerst waren die Deutschen begeistert, dass nach acht Jahren wieder ein deutscher Film im Wettbewerb von Cannes lief.

Dann waren die Kritiker begeistert. Sie hätten „Toni Erdmann“ gerne den Hauptpreis und alle möglichen und unmöglichen anderen Trophäen gegeben. Aber die Jury ignorierte den Film bei der Preisvergabe.

Und jetzt startet der mit vielen Vorschusslorbeeren und einhelligem Kritikerlob bedachte Film in unseren Kinos.

Toni Erdmann ist ein von dem Musiklehrer Winfried (Peter Simonischek) erfundene Kunstgestalt. Der desillusionierte, megaschlaffe 68er mit einem Hang zu abgestandenen und unwitzigen Witzen erfindet Toni Erdmann, als er in Bukarest seine Tochter Ines (Sandra Hüller) besucht. Sie ist eine taffe Unternehmensberaterin, die gerade einer Firma die Gründe für eine Massenentlassung liefern soll. Zu ihrem Vater, der das komplette Gegenteil von ihr ist, vermeidet sie schon seit Jahren den Kontakt.

Jetzt sitzt er in der Lobby ihrer Firma und sie muss ihn notgedrungen zu Empfängen mit Geschäftspartnern mitnehmen, auf denen er mit seinem unberechenbarem Verhalten, seiner Missachtung der Etikette und seinen lauen Scherzen die Anwesenden verzückt. Jedenfalls tun sie so.

Der große Krach zwischen Vater und Tochter ist vorgezeichnet. Aber anstatt Bukarest zu verlassen, kehrt er als Coach Toni Erdmann mit schlecht sitzender Perücke und Gebiss zurück. Ines geht, wie alle anderen, auf die Scharade ein.

Mit gut drei Stunden ist „Toni Erdmann“ sehr lang, ohne jemals wirklich zu langweilen. Das liegt an Maren Ades präzisem und unerbittlichem, aber die Charaktere nicht denunzierendem Blick für peinliche Situationen. Eigentlich reiht sich eine peinliche Situation an die nächste. Als Zuschauer denkt man ‚ja, genauso ist es‘, während die Kamera dran bleibt, bis auch wirklich die letzte Reaktion und der missglückte Versuch, die Peinlichkeit zu überspielen, gezeigt wurde. Die Fremdschäm-Grenze ist in diesem Moment schon lange überschritten. Denn kein Witz von Toni Erdmann ist witzig. Keine Verkleidung überzeugt.

Seine Tochter Ines ist als das komplette Gegenteil zu ihrem tiefenentspanntem Vater immer zu angespannt, zu gereizt, genervt und penibel, um als Mensch oder als Beraterin zu überzeugen.

Sie sind Kunstfiguren in einer Abfolge ausgedachter Situationen, die Teil einer gnadenlos durchgezogenen Versuchsanordnung sind, in denen es für die Charaktere keine Entwicklung, keine irgendwie geartete Erlösung und auch keine Veränderung gibt.

Dank der genauen Beobachtung und dem Talent von Peter Simonischek und Sandra Hüller geraten die absurden und peinlichen Szenen durchaus kurzweilig. Das häufige Lachen des wohlbehalten im dunklen Kinosaal sitzenden Publikums ist allerdings eher ein verzweifeltes Lachen, ein Ventil für das latente Unwohlsein, das fast jede Szene des Films hervorruft.

Es ist ein Feelbad-Film, den man nicht unbedingt ein zweites Mal sehen will und der keine große Geschichte erzählt, sondern nur Momente aneinanderreiht. Wobei Lehrer Winfried einmal meint, das Leben bestehe aus Erinnerungen an Momente.

Toni Erdmann - Plakat

Toni Erdmann (Deutschland/Österreich/Rumänien 2016)

Regie: Maren Ade

Drehbuch: Maren Ade

mit Peter Simonischek, Sandra Hüller, Michael Witterborn, Thomas Loibl, Trystan Pütter, Hadewych Minis, Lucy Russell

Länge: 162 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Toni Erdmann“

Moviepilot über „Toni Erdmann“

Rotten Tomatoes über „Toni Erdmann“

Wikipedia über „Toni Erdmann“ (deutsch, englisch)

Die Cannes-Pressekonferenz (englisch und deutsch)


TV-Tipp für den 1. Oktober: Finsterworld

Oktober 1, 2015

Arte, 23.15
Finsterworld (Deutschland 2013)
Regie: Frauke Finsterwalder
Drehbuch: Frauke Finsterwalder, Christian Kracht
Perfekte Einstimmung auf die Feierlichkeiten zur Einheit. Denn Frauke Finsterwalder und Christian Kracht toben sich in ihrem Episodenfilm so richtig gemein in deutschen Befindlichkeiten (echten und falschen, alten und neuen) aus. Denn das „Finsterworld“-Deutschland ist ein aus der Zeit gefallenes Deutschland voller gestörter Charaktere, die sich auf die Nerven gehen und die sich letztendlich in ihrer Tristesse gut eingerichtet haben.
Das ist zwar nicht durchgehend gelungen, hat aber erfrischend wenig mit den gängigen deutschen Komödien zu tun; was schon einmal eine gute Sache ist.
mit Johannes Krisch, Michael Maertens, Margit Carstensen, Sandra Hüller, Ronald Zehrfeld, Corinna Harfouch, Bernhard Schütz, Christoph Bach, Carla Juri, Leonard Scheicher, Jakub Gierszal, Max Pellny, Markus Hering, Dieter Meier

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Finsterworld“
Moviepilot über „Finsterworld“
Wikipedia über „Finsterworld“
Die Zeit: Ijoma Mangold unterhält sich mit Christian Kracht über „Finsterworld“ (10. Oktober 2013)

Meine Besprechung von Frauke Finsterwalders „Finsterworld“ (Deutschland 2013)


DVD-Kritik: „Finsterworld“ ist Deutschland, ist nicht Deutschland, ist Deutschland,…

Mai 2, 2014

Auch „Finsterworld“, der erste Spielfilm von Frauke Finsterwalder, nach einem Drehbuch von ihr und ihrem Ehemann Christian Kracht, spielt, wie die ganzen romantischen Komödien, in einer Parallelwelt; einem Deutschland, das es so nicht gibt. Aber das „Finsterworld“-Deutschland ist ein aus der Zeit gefallenes Deutschland voller gestörter Charaktere, die sich auf die Nerven gehen und die sich letztendlich in ihrer Tristesse gut eingerichtet haben.
In dem Film gibt es ein Ehepaar, das nur das Negative sieht und ihren Deutschlandhass in kurzweiligen Sentenzen von sich gibt, einen Fußpfleger, der sich im Alterheim in eine Bewohnerin verliebt, einen Polizisten, der in einem Bärenkostüm nach Nähe sucht, eine TV-Reporterin, die in ihren Drei-Minuten-Reportagen gerne große Kunst über das wahre Leben abliefern würde und dabei doch nur um sich selbst kreist, einen Einsiedler, der stumm im Wald lebt, und uniformierte Schüler, die sich während einer Klassenfahrt zu einem Konzentrationslager nicht für das Leid der Ermordeten interessieren.
Weil diese Charaktere teilweise miteinander verwandt sind und sie sich während des Films mehr oder weniger zufällig begegnen, hängen die Geschichten, die eigentlich eher Episoden aus einem beschädigten Land sind, im bewährten „Short Cuts“- oder „Magnolia“-Stil locker miteinander zusammen. Aber letztendlich werden sie nicht durch einen erzählerischen Zusammenhang, sondern durch den durchgehend misantrophischen Blick auf die Charaktere und Deutschland zusammen gehalten.
„Finsterworld“ ist ein, auch in der Inszenierung, durch und durch künstlicher Film, der wenig über Deutschland, aber viel über die Macher und ihren Hass auf Deutschland verrät. Dieser Deutschland-Hass ist allerdings ein unter Linksintellektuellen seit Jahrzehnten so gepflegter Topoi, dass „Finsterworld“ wie ein später Nachfolger des Neuen Deutschen Films und eine Rainer-Werner-Fassbinder-Hommage wirkt.
Deshalb ist es ein aus der Zeit gefallener Film, ohne besonders großen Erkenntnisgewinn, aber durchaus immer wieder spaßig anzusehen. Vor allem wenn Corina Harfouch und Bernhard Schütz als versnobtes, sich prächtig verstehendes Ehepaar ihren Deutschlandhass pflegen. Schütz nennt sie im Presseheft treffend „Manufaktum-Faschisten“.
Oder Sandra Hüller als endlos plappernde, um sich selbst kreisende Dokumentarfilmerin, die mit Michelangelo Antonionis „Liebe 1962“ einen vollkommen verschobenen Referenzrahmen für ihre kurzen TV-Dokus, in denen sie das wahre Leben zeigen will, nennt.
Und Ronald Zehrfeld als ihr Freund und knuffiger Polizist im Bärenkostüm ist natürlich schön anzusehen.
Da braucht es dann keine „Feuchtgebiete“ Carla Juri als Schülerin und „Dutschke“ Christoph Bach als gutwilligen Lehrer, der seine Schüler mit einem KZ-Besuch fortbilden will. Dabei ist er viel zu jung für einen 68er-Lehrer, aber er verkörpert exakt diesen Typus.
Wie gesagt: „Finsterworld“ ist ein aus der Zeit gefallener Film. Ein Film, der einerseits dreißig, vierzig Jahre zu spät kommt, andererseits ein probates Gegengift zu den deutschen Kinokomödien, wie „Irre sind männlich“, „Vaterfreuden“ oder „Der fast perfekte Mann“, ist.

Finsterworld - DVD-Cover

Finsterworld (Deutschland 2013)
Regie: Frauke Finsterwalder
Drehbuch: Frauke Finsterwalder, Christian Kracht
mit Johannes Krisch, Michael Maertens, Margit Carstensen, Sandra Hüller, Ronald Zehrfeld, Corinna Harfouch, Bernhard Schütz, Christoph Bach, Carla Juri, Leonard Scheicher, Jakub Gierszal, Max Pellny, Markus Hering, Dieter Meier

DVD
Alamode Film
Bild: 2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial (angekündigt): Interview, Making of, Deleted Scenes, Trailer
Länge: 91 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Finsterworld“
Moviepilot über „Finsterworld“
Wikipedia über „Finsterworld“
Die Zeit: Ijoma Mangold unterhält sich mit Christian Kracht über „Finsterworld“ (10. Oktober 2013)