Neu im Kino/Filmkritik: „Shattered – Gefährliche Affäre“, wieder einmal

November 23, 2022

Die ersten Bildern des Thrillers zeigen einen Mann, der vor einer malerischen Berglandschaft Fahrrad fährt. Schon bevor die Kamera zurückfährt und zeigt, dass der Mann auf einem Hometrainer sitzt, dachte ich, dass „Shattered – Gefährliche Affäre“ ein ganz schlechter Film ist.

Die folgenden knapp neunzig Minuten bestätigten in beeindruckender Konsequenz diesen ersten Eindruck.

Der Radfahrer ist Chris Decker. Der Tech-Millionär lebt in Montana, abgeschottet von der Welt, in einem auf einem Hügel liegendem Hightech-Haus. Seine Tage als Privatier verbringt er allein mit seinem Computer.

Als er spätnachts im nahe gelegenem Dorf in einem Supermarkt (yeah, keine hundert Einwohner im Umkreis von hundert Kilometern aber ein 24/7-Supermarkt) eine Kleinigkeit einkauft, trifft er auf Sky. Sie plaudern miteinander. Er verliebt sich in die Schönheit. Nachdem ihm ein Bein gebrochen wurde, bietet sie ihm an, zu ihm zu ziehen und ihm die nächsten Wochen im Haushalt zu helfen.

Das ist selbstverständlich keine gute Idee. Denn Sky will ihn ausrauben und umbringen.

Shattered – Gefährliche Affäre“ ist ein durch und durch vorhersehbarer, formelhafter 08/15-Thriller mit einer kleinen Sexbeigabe, die zu gering ist, um ihn ernsthaft als Erotik-Thriller zu bezeichnen. Erotik-Thriller waren – Ältere erinnern sich mit Schrecken daran – eine in den Neunzigern sehr beliebte Thrillervariante, die nach wenigen gelungenen Werken nur noch dazu diente, Schrottfilme mit etwas nackter Haut und Blut zu verkaufen. Später entstande Filme, die dann direkt auf DVD oder im Fernsehen ausgewertet wurden, waren noch schlechter und belangloser.

Regisseur Luis Prieto verrichtet in seinem neusten Spielfilm Dienst nach Vorschrift. Dabei inszenierte er vorher ein ansehnliches Remake von Nicolas Winding Refn „Pusher“ und den den flotten Thriller „Kidnap“ (mit Halle Berry). Beide Filme sind keine Meisterwerke, aber einen Blick wert und sie machten mich neugierig auf seine weiteren Arbeiten. In den vergangenen Jahren arbeitete Prieto fast ausschließlich für das Fernsehen.

Shattered – Gefährliche Affäre“ markiert nur auf dem Papier seine Rückkehr ins Kino. Denn letztendlich ist der Thriller ein TV-Film, den man irgendwann guckt, wenn man zu faul ist, um die unter einem Kissen liegende Fernbedienung zu suchen.

Shattered – Gefährliche Affäre (Shattered, USA/Deutschland 2022)

Regie: Luis Prieto

Drehbuch: David Loughery

mit Cameron Monaghan, Lilly Krug, John Malkovich, Sasha Luss, Frank Grillo

Länge: 92 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Shattered – Gefährliche Affäre“

Moviepilot über „Shattered – Gefährliche Affäre“

Metacritic über „Shattered – Gefährliche Affäre“

Rotten Tomatoes über „Shattered – Gefährliche Affäre“

Wikipedia über „Shattered – Gefährliche Affäre“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Luis Prietos „Pusher“ (Pusher, Großbritannien 2012)


Neu im Kino/Filmkritik: Luc Besson schickt „Anna“ auf die „Nikita“-Tour

Juli 18, 2019

Im Gegensatz zu den diese Woche ebenfalls startenden Filmen „Der König der Löwen“ und „Child’s Play“ ist „Anna“ kein Remake und auch kein Reboot. Trotzdem ist Luc Bessons neuester Film ein ziemlich liebloses und konfuses Aufwärmen seiner größten Hits.

Im Mittelpunkt des an Action erstaunlich armen Action-Thrillers steht Anna Poliatova (Sasha Luss). Nach Frankreich kommt sie 1990 als Fotomodell. In Wirklichkeit ist sie eine vom KGB ausgebildete und für fünf Jahre verpflichtete Killerin. Während sie emotionslos ihre Aufträge erledigt und eine Affäre mit ihrem Ausbilder Alex Tchenkov (Luke Evans) hat, wird der CIA-Agent Lenny Miller (Cillian Murphy) auf sie aufmerksam. Er versucht sie auf seine Seite zu ziehen.

Und Anna möchte so schnell wie möglich aussteigen. Denn je länger sie als Killerin in chaotische Situationen stolpert – ihr Abschlussprüfung besteht aus dem Mord an einem Oligarchen in einem gut besuchten Nobelrestaurant, das danach eine umfassende Grundsanierung benötigt -, umso mehr schwinden ihre Überlebenschancen.

Man muss wirklich kein Cineast sein, um „Anna“ als inoffizielles Remake von Luc Bessons Klassiker „Nikita“ (1990) zu erkennen. Bei seinen Filmen „Leon – Der Profi“ (1994) und „Lucy“ (2014), das man als Re-Imagination von „Nikita“ sehen kann, bediente er sich ebenfalls. Um nur die Selbstzitate zu erwähnen. Aus diesen Versatzstücken macht Luc Besson allerdings kein visionäres oder aufregendes Kino.

Anna“ ist ein aufgewärmter Agententhriller, der aus keinem ersichtlichen Grund 1990 spielt. Die damaligen weltpolitischen Umbrüche haben für die Filmgeschichte keine Bedeutung.

Die Ausstattung ist beeindruckend anachronistisch. Ständig sind Laptops, Handys, Überwachungskameras, samt dazugehöriger Technik, ein Rollkoffer und ein USB-Stick im Bild. Dass es diese Gegenstände damals nicht oder nicht in der Menge gab, kümmert die Macher nicht. Sie sollen nur ein diffuses Retro-Gefühl heraufbeschwören. Und sie zeigen in jeder Minute, wie wenig Besson sich dieses Mal um Details kümmerte und eine in sich schlüssige und stimmige Welt beschreiben wollte.

Während Besson seine anderen Filme chronologisch erzählte, gibt es in „Anna“ alle paar Minuten eine erklärende Rückblende. So erfahren wir erst nach Annas erstem Mord im Westen, dass sie kein naives Fotomodell, sondern eine eiskalte Killerin ist. Anschließend gibt es eine Rückblende, in der wir erfahren, wie Anna von Alex nach einem fehlgeschlagenen Raub für das KGB-Killerprogramm rekrutiert wird. Die nächste Rückblende gibt es kurz darauf. Dieses Stilmittel kann, sparsam benutzt, für eine überraschende Enthüllung sorgen. Wenn es zu oft angewandt wird, ist es in einem Mainstream-Film schnell nur noch eine nervige, die Handlung bremsende Marotte.

Auf Action verzichtet Besson fast vollkommen. Es gibt nur wenige Actionszenen und diese sind ziemlich lahm. Egal ob man den aktuellen „John Wick“/“Atomic Blonde“-Standard anlegt oder Bessons frühere Filme heranzieht.

Die Hauptrolle besetzte Besson mit Sasha Luss. Er lernte das Model bei seinen Dreharbeiten für sein überflüssiges, sehr teures und an der Kasse geflopptes „Das fünfte Element“-Remake „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ kennen. Da fiel sie in dem bunten Stil-über-Substanz-Kindergeburtstag nicht weiter auf. Als Hauptdarstellerin ist sie eine Fehlbesetzung, die außer ihrem Aussehen nichts zum Film beitragen kann.

Luke Evans, Cillian Murphy und Helen Mirren, die ihre trutschige Rolle als böse Ausbilderin von Anna sichtlich genießt, holen dagegen aus ihren Klischeerollen das meiste heraus. Im Rahmen des gesamten Films ist das ein aussichtsloser Kampf gegen Windmühlen.

Anna (Anna, Frankreich 2019)

Regie: Luc Besson

Drehbuch: Luc Besson

mit Sasha Luss, Helen Mirren, Luke Evans, Cillian Murphy, Lera Abova, Alexander Petrov, Nikita Pavlenko

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Französische Homepage zum Film

Moviepilot über „Anna“

AlloCiné über „Anna“

Metacritic über „Anna“

Rotten Tomatoes über „Anna“

Wikipedia über „Anna“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Luc Bessons „The Lady – Ein geteiltes Herz“ (The Lady, Frankreich/Großbritannien 2011)

Meine Besprechung von Luc Bessons „Lucy“ (Lucy, Frankreich 2014)

Meine Besprechung von Luc Bessons „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ (Valerian and the City of a thousand Planets, Frankreich 2017)

Luc Besson in der Kriminalakte

 


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