Neu im Kino/Filmkritik: „Feuchtgebiete“ auf intellektuell: „Nymphomaniac – Teil 1“

Februar 20, 2014

Die Werbung lief in den vergangenen Monaten mit Clips und Bildern über die Reizworte „Stars“, „Porno“ und „Lars von Trier“. „Nymphomaniac“ sollte ein ungefähr fünfstündiges Werk werden, das in zwei Teilen in verschiedenen Fassungen gezeigt wird. Denn neben der vollständigen Fassung, die auch mal Hardcore-Fassung genannt wird, sollte es, entsprechend den Zensurbestimmungen der verschiedenen Länder, entsprechend gekürzte Fassungen geben. Freunde des pornographischen Films kennen das Spiel ja von den Soft- und Hardcore-Varianten. In der Hardcore-Variante des Films sieht man dann mehr vom Geschlechtsverkehr und auch mehr, ähem, anatomische Details.

Dann hörte man, vor allem im Umfeld der Berlinale und damit kurz vor dem Kinostart, dass in den Nacktszenen Body-Doubles und auch Prothesen eingesetzt wurden. Damit war klar, dass das zu sehende Geschlechtsteil nicht unbedingt das Geschlechtsteil des Schauspielers ist. Außerdem kürzte Lars von Trier nicht nur Sex-, sondern auch andere Szenen.

Damit schrumpfte der anvisierte Skandal – immerhin spielen Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgard, Shia LaBeouf, Christian Slater, Jamie Bell, Uma Thurman, Willem Dafoe, Connie Nielsen, Jean-Marc Barr und Udo Kier mit – schon auf das Normalmaß einer äußerst gelungene Werbestrategie. Außerdem hat natürlich niemand, der noch seine Tassen im Schrank hat, von dem Provokateur von Trier einen schnöden Porno erwartet.

In der deutschen Kinofassung des ersten Teils von „Nymphomaniac“ (und nur darum geht es in dieser Besprechung, Teil 2 folgt zum Kinostart am 3. April. Dann mit Dafoe und Kier.) gibt es – was jetzt nicht wirklich überraschend ist – auf der Porno-Ebene erstaunlich wenig bis nichts zu sehen. Außerdem ist der Film „frei ab 16 Jahre“, was sicher ein Grenzfall ist, aber es ist auch die Freigabe, die ich nach dem Film für wahrscheinlich hielt.

Auf der nackten Story-Ebene erzählt Lars von Trier hier nur die Arthouse-Variante der ersten Liebe, bei der einzelne Szenen, Segmente und mehr oder weniger metaphysische und optische Spielereien beeindruckender sind als die Geschichte, die durch die Struktur des Films auch immer wieder reflektiert wird. Das ist dann sogar erstaunlich unterhaltsam und kurzweilig und oft brüllend komisch mit einer ordentlichen Portion Absurdität geraten, obwohl diese zwei Stunden nur das Vorspiel sein können. Die von Seligman (Stellan Skarsgard) in einem Hinterhof gefundene, laut dem Presseheft, ungefähr fünfzigjährige Joe (Charlotte Gainsbourg, geb. 1971), sagt, dass sie eine ganz schlimme Frau sei, eine ungläubige Sünderin, die kein Mitleid verdient habe, eine selbst diagnostizierte Nymphomanin. Nymphomanie ist, laut Wikipedia, die Bezeichnung für ein gesteigertes Verlangen von Frauen nach Geschlechtsverkehr mit wechselnden Geschlechtspartnern; was ja an sich nicht so schlimm ist. Jedenfalls wenn man, wie Joe, nicht gläubig ist. Dennoch sind für sie die Schläge, die sie erhielt, bevor sie von Seligman entdeckt wurde, die gerechte Strafe für ihr gottloses Leben.

In der Nacht versucht sie dann Seligman zu überzeugen, dass ihre Selbsteinschätzung richtig ist. Sie erzählt ihm chronologisch ihr Leben in mehreren Rückblenden, in denen Joe von der Debütantin Stacy Martin, der Hauptdarstellerin des ersten Teils, gespielt wird. Dabei tauschen sich Joe und Seligman, züchtig angezogen und höflich den Abstand wahrend, auch immer wieder über die Struktur der Geschichte aus und diskutieren darüber, ob Joes Verhalten jetzt verwerflich ist oder nicht. Seligman sieht es durchgängig als normales, fröhliches, lebensbejahendes Verhalten. Es gibt Tonnen von Informationen über auch abseitige Gebiete und Seligman, ein passionierter Fliegenfischer, vergleicht Joes Geschichten immer wieder mit dem Fischen. Eigentlich erfahren wir in „Nymphomaniac“ mehr über das Fliegenfischen und die Musik von Johann Sebastian Bach, als über Sex.

Joe erzählt von ihrer guten Beziehung zu ihrem Vater (Christian Slater). Zuerst als Kind und, später, in Schwarzweiß, als er im Krankenhaus liegend einen schmerzhaften Tod hat.

Diese Episode ist, auch wenn wir nie erfahren, warum Joes Vater im Delirium lag, extrem schmerzhaft.

Durchgehend komischer sind dagegen Joes Erzählungen von ihren sexuellen Erlebnissen. Bei der von ihr veranlassten Entjungferung durch den an ihr vollkommen desinteressierten Moped-Bastler Jerome (Shia LaBeouf) gibt es eine herrliche Abrechnung mit dem männlichen Sexualverhalten: Hose runter, drei Stöße von vorne, fünf von hinten (Seligman erklärt uns die Bedeutung der Zahlen), fertig, Hose hoch und weiter, erfolglos, am Moped rumschrauben.

Brüllend komisch ist später der Auftritt einer hysterischen Ehefrau (Uma Thurman), die mit ihren Kindern Joes Wohnung, den Pfuhl der Sünde, besichtigt und ihren Kindern dabei alles, inclusive der kommenden Therapiegespräche, erklärt, während Joe und ihr Ehemann peinlich berührt dabei stehen. Viel effektiver kann man das psychologisierende Beziehungsdramenkino nicht durch den Kakao ziehen und endgültig demontieren.

Davor gibt es einen Wettbewerb zwischen Joe und ihrer Freundin B. (die meisten Charaktere haben nur Initialen). Wer während einer Zugfahrt die meisten sexuellen Erlebnisse hat, erhält als Preis eine Tüte Süßigkeiten.

Wie ein roter Faden zieht sich Joes Beziehung zu Jerome durch den Film. Nach ihrer Entjungferung verlor sie ihn aus den Augen. Später, als sie sich nach ihrem abgebrochenem Studium in einer Druckerei bewirbt, trifft sie ihn wieder. Jerome, der übergangsweise Chef einer Druckerei ist, stellt sie als Sekretärin ein. Zunächst lehnt sie seine Avancen ab. Als sie ihm ihre Liebe gestehen will, ist er gerade mit seiner Frau abgereist. Aber am Ende des Films trifft sie ihn zufällig wieder. Während Seligman dieses Treffen für einen unglaubwürdigen Zufall hält, besteht Joe auf ihrer Version. Immerhin erzähle sie die Geschichte. Warum sie Jerome dabei allerdings zu so einem unsympathischen Schmierlappen macht, sagt sie nicht.

Diese Erzählungen von Joe, über deren Wahrheitsgehalt daher debattiert werden kann, und die dazu gehörigen Betrachtungen von Joe und Seligman sind in insgesamt acht, streng voneinander getrennte Kapitel unterteilt. Im ersten Teil von „Nymphomaniac“ gibt es die ersten fünf Kapitel, die alle in einer seltsam anonymen und ortlosen Gegend, die meist das muffige Patina der fünfziger Jahre mit spartanisch eingerichteten Räumen, abgeranzten Sperrholz-Möbeln und alten Backsteingebäuden, verströmt und in denen Stacy Martin als junge Joe im Zentrum steht.

Nymphomaniac – Teil 1“ ist, wie die Musik von „Rammstein“, die den Film beginnt und beendet, ein letztendlich harmloses Spiel mit Tabus.

Nymphomaniac – Teil 1“ ist eine moralische Geschichte über eine junge Frau, die von ihrem Geschlechtsteil fasziniert ist und am Ende den Mann fürs Leben findet.

Nymphomaniac – Teil 1“ ist oft umwerfend komisch, pendelt zwischen Tief- und Flachsinn.

Nymphomaniac – Teil 1“ ist die Arthouse-Variante von „Feuchtgebiete“.

Nymphomaniac 1 - Plakat

Nymphomaniac – Teil 1 (Nymphomaniac – Volume 1, Dänemark/Deutschland/Frankreich/Schweden 2013)

Regie: Lars von Trier

Drehbuch: Lars von Trier

mit Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgard, Stacy Martin, Shia LaBeouf, Christian Slater, Jamie Bell, Uma Thurman, Jesper Christensen

Länge: 117 Minuten (Kinofassung – es gibt auch weitere Fassungen)

FSK: ab 16 Jahre

Teil 2 läuft am 3. April an. Ebenfalls FSK-16.

Hinweise

Englischsprachige Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Facebook-Seite zum Film

Film-Zeit über „Nymph( )maniac – Teil 1“

Moviepilot über „Nymph( )maniac – Teil 1“

Metacritic über „Nymph( )maniac – Teil 1“

Rotten Tomatoes über „Nymph( )maniac – Teil 1“

Wikipedia über „Nymph( )maniac – Teil 1“ (deutsch, englisch)

Die Berlinale-Pressekonferenz, die zum Stadtgespräch wurde.


Neu im Kino/Filmkritik: „Der Medicus“ begibt sich auf die Reise

Dezember 26, 2013

Was Hollywood kann, können wir auch. Manchmal. Nämlich epische, auf den Weltmarkt zielende Bestsellerverfilmungen. Bernd Eichinger hat sie früher gemacht: „Der Name der Rose“, „Das Geisterhaus“, „Das Parfüm“ und, basierend auf einer wahren Geschichte, „Der Untergang“. Heute muss wohl Nico Hofmann ran. Auf sein Produzentenkonto gehen „Der Tunnel“, „Stauffenberg“, „Mogadischu“, „Der Turm“ und „Unsere Mütter, unsere Väter“. Da ist Noah Gordons Schmöker „Der Medicus“, der allein in Deutschland über sechs Millionen mal verkauft wurde, nicht in schlechten Händen.

Für den 155-minütigen Film wurde der 850-seitige Roman (in der aktuellen Heyne-Ausgabe; die alte Knaur-Ausgabe hat nur 632 Seiten) natürlich kräftig, aber sinnvoll gekürzt. So konzentriert sich die Geschichte jetzt, mit einigen Subplots auf Coles Ausbildung und sein Leben in Isfahan.

In der im elften Jahrhundert spielenden Geschichte will der junge Rob Cole, der als Kind in England in einem Bergwerk schuftet, nach dem Tod seiner Mutter (sie starb an der Seitenkrankheit, vulgo einer Blinddarmentzündung), wissen, wie Menschen geheilt werden können. Er schließt sich einem herumziehendem Arzt, der mehr Scharlatan als Mediziner ist, an, hört später von den medizinisch wesentlich gebildeteren Juden, dass in Persien in dem Ort Isfahan Ibn Sina lehrt. Ibn Sina soll ein großer Arzt sein und junge, talentierte Ärzte ausbilden. Rob Cole macht sich auf die gefährliche und lange Reise nach Isfahan, die im Film budgetschonend ziemlich schnell abgehandelt wird, während sie – so meine Erinnerung – einen großen Teil von Noah Gordons Schmöker ausmacht.

In Isfahan wird Cole von Ibn Sina als Schüler aufgenommen, er verliebt sich in Rebecca, befreundet sich mit seinen Mitschülern, vor allem mit dem Juden Mirdin, und gerät auch in die dortigen politischen Intrigen.

Später findet Cole ein Gegenmittel gegen die Pest, führt nachts im Keller Obduktionen durch und operiert, sozusagen als Höhepunkt des Films, in einer sehr kitschigen Szene den an der Seitenkrankheit leidenden Schah, während ihm sein jüdischer Freund Mirdin und sein muslimischer Lehrer Ibn Sina assistieren. Da sind dann – auch wenn es dramaturgisch gerechtfertigt ist und wohl auch so im Buch steht – die drei Weltreligionen unter christlich-abendländischer Vorherrschaft miteinander vereint. Dabei war damals, wie „Der Medicus“ historisch korrekt zeigt, das Morgenland kulturell wesentlich weiter entwickelt als Europa, das sich noch im finstersten Mittelalter suhlte und im Film fast ohne Farbtupfer auskommen muss, während der Orient schön farbenprächtig ist.

In anderen Punkten ist der Film, wie der Roman, historisch nicht korrekt. So fand die erste historisch belegte Blindarmentfernung in den 1880er Jahren statt. Der Überträger der Pest wurde auch erst Jahrhunderte später entdeckt. Undsoweiter.

Der Medicus“ ist halt ein epischer Abenteuerfilm, der trotz seiner Laufzeit kurzweilig unterhält, auf Schauwerte setzt, erträglich kitschig ist, immer etwas bieder wirkt, wegen der vielen Innenaufnahmen etwas zu deutlich auf die spätere TV-Ausstrahlung schielt und durch und durch durchschnittlich ist. Nie wirklich schlecht, aber auch nie wirklich gut.

Francois Truffaut hätte diesen Konsensfilm für die Familie wahrscheinlich in die von ihm abgelehnte „Tradition der Qualität“ aufgenommen.

Anmerkung: Im Fernsehen soll eine insgesamt ungefähr dreistündige Fassung gezeigt werden. Wenn ich einen Blick auf die Laufzeit werfe, dürften die Ergänzungen sich in einem ähnlichen Rahmen wie bei „Der Baader Meinhof Komplex“ (noch eine Eichinger-Produktion) bewegen. Da waren sie ziemlich verzichtbar.

Der Medicus - Plakat

Der Medicus (Deutschland 2013)

Regie: Philipp Stölzl

Drehbuch: Jan Berger

LV: Noah Gordon: The Physician, 1986 (Der Medicus)

mit Tom Payne, Ben Kingsley, Stellan Skarsgard, Olivier Martinez, Emma Rigby, Elyas M’Barek, Fahri Yardim, Makram J. Khoury, Michael Marcus

Länge: 155 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Der Medicus“

Moviepilot über „Der Medicus“

Rotten Tomatoes über „Der Medicus“

Wikipedia über „Der Medicus“

Homepage von Noah Gordon