Neu im Kino/Filmkritik: Über François Ozons Albert-Camus-Verfilmung „Der Fremde“

Januar 2, 2026

Meursault ist der Ich-Erzähler in Albert Camus‘ „Der Fremde“, einem 1940 geschriebenem, 1942 erschienenem kurzen, in der damaligen Kolonie Algerien spielende Roman, der schnell zum Klassiker und einem der wichtigsten Werke des Existentialismus wurde.

Dieser Meursault ist ein 1938 in Algier allein lebender dreißigjähriger kleiner Angestellter. Er erzählt zuerst von der Beerdigung seiner entfernt in einem Altersheim verstorbenen Mutter, von seinem halbseidenem Nachbarn, von seiner unmittelbar nach der Beerdigung seiner Mutter beginnenden Affäre mit einer ehemaligen Kollegin, wie er scheinbar grundlos einen jungen Araber tötet und für diese Tat vor Gericht gestellt wird. In der Verhandlung geht es dann vor allem um sein Verhalten.

Jetzt verfilmte François Ozon diesen Klassiker sehr nah an der Vorlage entlang in wunderschönen SW-Bildern. In jedem Moment ist der Respekt vor der Vorlage spürbar.

Ozon erfindet viele Dialoge, die im Roman nur zusammengefasst zu lesen sind. Er zeigt in eindrucksvollen Bildern, was im Roman der Erzähler, der alles ohne erkennbare Regung verfolgt, in wenigen Worten erzählt. Das damalige Leben in der Kolonie wird fassbar. Ebenso Meursaults Lebenseinstellung.

Diese wird schon deutlich, wenn Meursault erfährt, dass seine Mutter verstorben ist und er diese Nachricht ohne eine erkennbare Gefühlsregung aufnimmt. Die Trauerfeierlichkeiten beobachtet er eher von außen. Die erforderlichen Rituale, die für ihn keine Bedeutung haben, vollzieht er, nachdem er dazu aufgefordert wird, quasi automatisch. Damals – wie gesagt, die Geschichte spielt 1938 und damals hatte die Religion in der Gesellschaft eine andere Bedeutng als heute – war sein Verhalten, wie auch später Aussagen von Charakterzeugen vor Gericht zeigen, verstörend und schockierend. Schockierend und gegen alle Trauer-Konventionen ist auch, dass Meursault unmittelbar nach dem Tod seiner Mutter sich am Strand vergnügt und eine Beziehung mit einer jungen Frau beginnt. Auch hier folgt er emotionslos den Konventionen, denen ein Verliebter folgen soll. Später ermordet er ohne einen erkennbaren Grund einen Araber. Die anschließende Gerichtsverhandlung verfolgt er ebenso ungerührt. Das war damals sicher zutiefst verstörend und ungewöhnlich. Heute ist das anders.

Entsprechend offensichtlich ist die Botschaft des Films und entsprechend überflüssig ist Meursaults Verteidiungsrede am Filmende. Sie wiederholt nur in epischer Länge noch einmal das bereits Gesagte.

Damit kämen wir zum Problem des Films. Mit etwas über zwei Stunden ist „Der Fremde“ einer der längsten Filme von François Ozon. Nur „Gelobt sei Gott“ ist länger. Während das in dem auf Tatsachen basierendem Drama kein Problem war, ist die Ozon-unübliche Länge in „Der Fremde“ ein Problem. Überraschende Wendungen – wenn wir von Meursaults Mord absehen – gibt es nicht. Ozon erzählt Meursaults Geschichte, wie Camus, chronologisch als eine weitgehend zufällige Abfolge von Ereignissen, die auch wegen der strengen Inszenierung als Passionsgeschichte ohne Gott und ohne eine höhere Bedeutung gelesen werden kann.

Das ist allerdings nur ein kleiner Kritikpunkt an einem ansonsten gelungenem Film. Die SW-Fotografie verleiht dem Drama das Aussehen eines vergessenen Meisterwerks aus den fünfziger Jahren. Die Schauspieler sind gut. Die einzelnen Szenen sind kluge Übertragungen vom Roman in den Film. Ozon verdeutlicht Dinge, die Camus nur in Halbsätzen schilderte. Er erfand viele Dialoge. Und die Geschichte über das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft und die Anforderungen der Gesellschaft an den Einzelnen ist immer noch aktuell.

Damit ist „Der Fremde“ der erste Höhepunkt des Kinojahres.

Der Fremde (L’Étranger, Frankreich 2025)

Regie: François Ozon

Drehbuch: François Ozon, Philippe Piazzo

LV: Albert Camus: L’Étranger, 1942 (Der Fremde)

mit Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Pierre Lottin, Denis Lavant, Swann Arlaud, Christophe Malavoy, Nicolas Vaude, Jean-Charles Clichet, Mireille Perrier, Hajar Bouzaouit, Abderrahmane Dehkani, Jérôme Pouly, Jean-Claude Bolle-Reddat, Christophe Vandevelde, Jean-Benoît Ugeux

Länge: 123 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Internationaler Titel: The Stranger

Hinweise

Allociné über „Der Fremde“

Moviepilot über „Der Fremde“

Metacritic über „Der Fremde“

Rotten Tomatoes über „Der Fremde“

Wikipedia über „Der Fremde“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Francois Ozons “In ihrem Haus” (Dans la Maison, Frankreich 2012)

Meine Besprechung von Francois Ozons ”Jung & Schön” (Jeune & jolie, Frankreich 2013)

Meine Besprechung von Francois Ozons „Eine neue Freundin“ (Une nouvelle amie, Frankreich 2014)

Meine Besprechung von François Ozons „Frantz“ (Frantz, Deutschland/Frankreich 2016)

Meine Besprechung von François Ozons „Der andere Liebhaber“ (L’Amant Double, Frankreich/Belgien 2017)

Meine Besprechung von François Ozons „Gelobt sei Gott“ (Grâce à Dieu, Frankreich 2019)

Meine Besprechung von François Ozons „Alles ist gutgegangen“ (Tout s’est bien passé, Frankreich 2021)

Meine Besprechung von François Ozons „Peter von Kant“ (Peter von Kant, Frankreich 2022)

Meine Besprechung von François Ozons „Mein fabelhaftes Verbrechen“ (Mon Crime, Frankreich 2023)


TV-Tipp für den 2. Januar: Anatomie eines Falls

Januar 1, 2026

ARD, 23.45

Anatomie eines Falls (Anatomie d’une chute, Frankreich 2023)

Regie: Justine Triet

Drehbuch: Justine Triet, Arthur Harari

TV-Premiere – und Nein, ich sage jetzt nichts zur Uhrzeit, sondern verweise auf die Mediathek. Dort sollte der Film anschließend für einige Tage ansehbar sein.

Fiel Samuel Maleski aus dem Fenster oder half seine Frau Sandra Voyter etwas nach? Über zweieinhalb spannende Stunden rollt Justine Triet diesen Fall akribisch auf.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Sandra Hüller, Swann Arlaud, Milo Machado Graner, Antoine Reinartz, Samuel Theis, Jehnny Beth

Hinweise

Moviepilot über „Anatomie eines Falls“

AlloCiné über „Anatomie eines Falls“

Metacritic über „Anatomie eines Falls“

Rotten Tomatoes über „Anatomie eines Falls“

Wikipedia über „Anatomie eines Falls“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Justine Triets „Anatomie eines Falls“ (Anatomie d’une chute, Frankreich 2023)


Neu im Kino/Filmkritik: Unfall, Suizid oder Mord? Machen wir die „Anatomie eines Falls“

November 4, 2023

Ein Whodunit ist „Anatomie eines Falls“ (schön doppeldeutiger Titel) nicht. Dafür steht, jedenfalls für die Polizei, die Täterin viel zu schnell fest. Es war die Ehefrau.Es gibt auch keine Spur zu einem anderen möglichen Täter, der Samuel Maleski aus dem Fenster des einsam gelegenen Hauses gestoßen haben könnte. Einen Suizid hält seine Frau Sandra Voyter für unwahrscheinlich. Sie ist eine erfolgreiche Schriftstellerin, die in ihren Werken Wahrheit und Fiktion miteinander verschmilzt. Seit zwei Jahren lebt sie zurückgezogen mit ihrem Mann und ihrem elfjährigem, stark sehbehinderten Sohn Daniel in der Nähe von Grenoble in den Bergen in einem Haus.

Nach einem Spaziergang mit seinem Hund entdeckt Daniel im Schnee die Leiche seines Vaters. In der Stunde vor der Entdeckung der Leiche war Sandra allein mit Samuel. Davor sie stritten sich; – vor einer Studentin, die Sandra für ihre Doktorarbeit interviewte. Anschließend verhinderte er mit lauter und extrem nerviger Musik das Interview.

Alle Beweise sprechen, so stellt auch Sandras Anwalt und Freund Vincent Renzi fest, gegen sie. Das wird auch bei der ungefähr zwei Drittel des Films einnehmenden, im Detail beschriebene Gerichtsverhandlung deutlich. Zeugen sprechen über Sandra, Samuel, die Beziehung von Sandra und Samuel, ihre Beziehung zu ihrem Sohn und wie sich alles in den vergangenen Jahren veränderte. Sandra, die nicht möchte, dass diese intimen Details vor Gericht und damit in der Öffentlichkeit verhandelt werden, steht vor der Frage, welche weiteren Details sie über ihr Leben preisgeben soll.

Als Justine Triets Film dieses Jahr in Cannes die Goldene Palme erhielt, klang es fast so, als habe „Anatomie eines Falls“ nur einen Trostpreis erhalten. Denn Sandra Hüller, die Sandra Voyter spielt, begeisterte in Cannes die Kritik noch in einem weiteren Wettbewerbsfilm. Nämlich Jonathan Glazers Martin-Amis-Verfilmung „The Zone of Interest“. Für die Kritik wurde sie die Schauspielerin des Festivals. Und Sandra Hüller ist auch gewohnt gut als Schrifstellerin, Mutter und Ehefrau, die versucht ihr Privatleben und das ihrer Familie zu schützen. Sie spielt hier, nicht wie in den vergangen Jahren öfters, eine überspannte Frau am Rande des Nervenzusammebruchs, sondern eine normale Frau, die ihre Intimsphäre wahren und ihre Familie beschützen möchte.

Der Film selbst konzentriert sich auf den Kriminalfall. Er zeigt in teils quälender Länge die einzelnen Schritte eines Kriminalfalls vom Anfang bis zum Ende. Also von der Tat über die polizeilichen Ermittlungen, die Besprechungen der Verdächtigen mit dem Anwalt, die einzelnen Verfahrenschritte (wozu hier die Frage, wie die Tatverdächtige, die Mutter, mit dem einzigen Zeugen, der zugleich ihr Sohn ist, zusammenleben kann, ohne dessen Aussage zu beeinflussen) und dem Gerichtsverfahren bis hin zum Urteilsspruch.

Dabei ist dieses Gerichtsverfahren im Vergleich zu den uns aus US-Filmen bekannten Gerichtsverfahren und auch aus anderen französischen Filmen bekannten Gerichtsverfahren erstaunlich wenig formalisiert. Eher schon wirkt es wie ein Kneipenstreit. Das steigert die Spannung und geht auf Kosten der Glaubwürdigkeit.

Gleichzeitig wird deutlich, wie komplex so ein kleiner Fall sein kann. Und wie sehr vergangene Ereignisse in die eine oder in die andere Richtung interpretiert werden können. Auch weil die Zuhörenden nie die ganze Geschichte kennen. Sie fragen sich in dem Moment, ob der Streit unter Eheleuten das Vorspiel für einen Mord war. Oder nur ein lautstarker Streit, der einen Tag später vergessen war.

Diese Konzentration auf einen Fall und das Gerichtsverfahren macht „Anatomie eines Falls“ zu einem Kriminalfilm, der seine Spannung über zweieinhalb Stunden halten kann. 

Anatomie eines Falls (Anatomie d’une chute, Frankreich 2023)

Regie: Justine Triet

Drehbuch: Justine Triet, Arthur Harari

mit Sandra Hüller, Swann Arlaud, Milo Machado Graner, Antoine Reinartz, Samuel Theis, Jehnny Beth

Länge: 151 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

 

Moviepilot über „Anatomie eines Falls“

AlloCiné über „Anatomie eines Falls“

Metacritic über „Anatomie eines Falls“

Rotten Tomatoes über „Anatomie eines Falls“

Wikipedia über „Anatomie eines Falls“ (deutsch, englisch, französisch)


TV-Tipp für den 7. Juni: Gelobt sei Gott

Juni 6, 2023

Arte, 20.15

Gelobt sei Gott (Grâce à Dieu, Frankreich 2019)

Regie: François Ozon

Drehbuch: François Ozon

TV-Premiere. Intensives, sehr nah an den erschreckenden Fakten, die das Erzbistum Lyon erschütterten und in Frankreich entsprechend bekannt sind, entlang inszeniertes Drama. Es geht um den praktizierenden Katholiken Alexandre Guérin, der als Kind von Pater Bernard Preynat missbraucht wurde. Jahrzehnte später, inzwischen selbst Vater, entdeckt er, dass Preynat im Erzbistum Lyon immer noch im Kindern arbeitet. Er will etwas dagegen unternehmen. Als erstes wendet er sich an Preynats Arbeitgeber, die katholische Kirche. Sie ist ihm dabei keine große Hilfe.

Zusammen mit anderen Betroffenen gründet er später die Interessengruppe „La Parole Liberée“ (Das gebrochene Schweigen). Sie machen den Skandal öffentlich und finden zahlreiche weitere Betroffene.

Als Ozon seinen Film drehte, war das Verfahren gegen Preynat immer noch nicht abgeschlossen. Am 4. Juli 2019 wurde Preynat von einem Kirchengericht des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger für schuldig befunden und aus dem Klerus ausgeschlossen. Das staatliche Gerichtsverfahren gegen ihn endete am 16. März 2020 mit einer fünfjährigen Haftstrafe. Gegen zahlreiche weitere Mitglieder des Erzbistums gab es ebenfalls Klagen.

Anschließend, um 22.30 Uhr, zeigt Arte in der losen Reihe „Es war einmal…“ eine brandneue, gut einstündige Doku über den Film.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Melvil Poupaud, Denis Ménochet, Swann Arlaud, Èric Caravaca, François Marthouret, Bernard Verley, Josiane Balasko, Martine Erhel

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Gelobt sei Gott“

AlloCiné über „Gelobt sei Gott“

Metacritic über „Gelobt sei Gott“

Rotten Tomatoes über „Gelobt sei Gott“

Wikipedia über „Gelobt sei Gott“ (deutsch, englisch, französisch)

Berlinale über „Gelobt sei Gott“

Homepage von Francois Ozon

Meine Besprechung von Francois Ozons “In ihrem Haus” (Dans la Maison, Frankreich 2012)

Meine Besprechung von Francois Ozons ”Jung & Schön” (Jeune & jolie, Frankreich 2013)

Meine Besprechung von Francois Ozons „Eine neue Freundin“ (Une nouvelle amie, Frankreich 2014)

Meine Besprechung von François Ozons „Frantz“ (Frantz, Deutschland/Frankreich 2016)

Meine Besprechung von François Ozons „Der andere Liebhaber“ (L’Amant Double, Frankreich/Belgien 2017)

Meine Besprechung von François Ozons „Gelobt sei Gott“ (Grâce à Dieu, Frankreich 2019)

Meine Besprechung von François Ozons „Alles ist gutgegangen“ (Tout s’est bien passé, Frankreich 2021)

Meine Besprechung von François Ozons „Peter von Kant“ (Peter von Kant, Frankreich 2022)


Neu im Kino/Filmkritik: „Gelobt sei Gott“, aber nicht die katholische Kirche

September 27, 2019

https://www.youtube.com/watch?v=VXeM65mq5DI

Der Film könnte überall spielen. Denn wer in den letzten Jahren aufmerksam die Zeitung gelesen hat, hat oft genug vom sexuellen Missbrauch von Kindern durch Würdenträger in der katholischen Kirche gelesen.

Zum Beispiel von diesem Fall aus Lyon, den François Ozon in seinem neuen Film „Gelobt sei Gott“ akribisch nachzeichnet.

Es beginnt damit, dass Alexandre Guérin (Melvil Poupaud), glücklich verheirateter Vater mehrerer Kinder und praktizierender Katholik, erfährt, dass Pater Preynat, der ihn als Kind missbrauchte, schon vor einigen Jahren in die Nähe von Lyon zurückkehrte, immer noch Priester ist und immer noch mit Kindern arbeitet.

Alexandre wendet sich an Kardinal Barbarin, den Erzbischof von Lyon. Die Kirche nimmt geduldig und verständnisvoll sein Anliegen auf, die von der Kirche angestellte Mediatorin Régine Maire redet mit ihm und sie lässt immer viel Zeit verstreichen zwischen Alexandres Schreiben. Und sie denkt nicht daran, den beschuldigten Priester, der die Taten nie bestreitet, aus dem Dienst zu entfernen.

Alexandre ist der erste Mann, den Ozon in seinem neuen Film porträtiert. Danach folgen François Debord (Denis Ménochet) und Emmanuel Thomassin (Swann Arlaud).

François ist ein militanter Atheist, der ihren Fall an die Öffentlichkeit bringt und die Interessengruppe „La Parole Liberée“ (Das gebrochene Schweigen) gründet. Die Gruppe bringt Preynats Taten und die Untätigkeit der Kirche an die Öffentlichkeit.

Emmanuel ist innerlich zerbrochen. Diese Figur besteht, im Gegensatz zu Alexandre und François, nicht aus einer realen Figur, sondern orientiert sich an einem Opfer und veränderte bei ihm einige Details. Er steht damit für die Opfer, die nach dem sexuellen Missbrauch kein normales Leben führen können.

Während die Handlung sich, immer nah an den Tatsachen, chronologisch fortbewegt, konzentriert Ozon sich nacheinander auf einen der drei Männer. Somit besteht „Gelobt sei Gott“ aus drei jeweils ungefähr gleich langen, thematisch miteinander verbundenen Kurzfilmen. Stilistisch verfolgt Ozon die Ereignisse mit dem ruhigen, objektiv-distanzierten Blick eines Dokumentarfilmers. Weil es ein Spielfilm ist, kann Ozon, der das Thema ursprünglich als Dokumentarfilm bearbeiten wollte, Ereignisse zeigen, bei denen in der Realität niemals eine Kamera dabei wäre. Zum Beispiel wenn die Männer erfahren, dass ihr Vergewaltiger noch immer aktiv ist, wenn sie sich entschließen, den Kampf gegen die mächtige Kirche aufzunehmen, und wenn sie sich hinter verschlossenen Türen unterhalten.

Gelobt sei Gott“ behandelt sein Thema facettenreich und mit eindeutiger Sympathie für die Opfer, die teilweise immer noch gläubig sind. Er gibt ihnen eine Stimme und lässt sie durch die verschiedenen Figuren zu Wort kommen. So sind Alexandres Briefe an die Kirche, die er im Voice-Over vorliest, die Briefe, die Alexandre Guérin an den Erzbischof von Lyon schrieb.

Ozons dokumentarischer Spielfilm zeigt auch, wie – höflich formuliert – unbefriedigend die bisherige Auseinandersetzung der katholischen Kirche mit dem Thema ist. Anstatt sich um die Opfer die kümmern, wurden (und werden?) die Täter und die Institution geschützt. Immerhin wurde Pater Preynat am 4. Juli 2019 von einem Kirchengericht des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger für schuldig befunden und aus dem Klerus ausgeschlossen. Ob er gegen diese Entscheidung Berufung eingelegt hat, konnte ich jetzt nicht herausfinden. Das staatliche Gerichtsverfahren gegen ihn hat immer noch nicht stattgefunden. Kardinal Barbarin, Régine Maire (die Kirchenpsychologin, die für die Unterstützung der Opfer von Priestern zuständig ist) und fünf weitere kirchliche Amtsträger wurden im Januar 2019 wegen der Nichtanzeige sexueller Übergriffe auf Minderjährige unter 15 Jahren und wegen unterbliebener Hilfeleistung angeklagt. Kardinal Barbarin erhielt eine eine Bewährungsstrafe, gegen die er Berufung einlegte. Im November soll darüber verhandelt werden.

Gelobt sei Gott (Grâce à Dieu, Frankreich 2019)

Regie: François Ozon

Drehbuch: François Ozon

mit Melvil Poupaud, Denis Ménochet, Swann Arlaud, Èric Caravaca, François Marthouret, Bernard Verley, Josiane Balasko, Martine Erhel

Länge: 138 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Gelobt sei Gott“

AlloCiné über „Gelobt sei Gott“

Metacritic über „Gelobt sei Gott“

Rotten Tomatoes über „Gelobt sei Gott“

Wikipedia über „Gelobt sei Gott“ (deutsch, englisch, französisch)

Berlinale über „Gelobt sei Gott“

Homepage von Francois Ozon

Meine Besprechung von Francois Ozons “In ihrem Haus” (Dans la Maison, Frankreich 2012)

Meine Besprechung von Francois Ozons ”Jung & Schön” (Jeune & jolie, Frankreich 2013)

Meine Besprechung von Francois Ozons „Eine neue Freundin“ (Une nouvelle amie, Frankreich 2014)

Meine Besprechung von François Ozons „Frantz“ (Frantz, Deutschland/Frankreich 2016)

Meine Besprechung von François Ozons „Der andere Liebhaber“ (L’Amant Double, Frankreich/Belgien 2017)