Alles ist gutgegangen (Tout s’est bien passé, Frankreich 2021)
Regie: François Ozon
Drehbuch: François Ozon, Philippe Piazzo (Mitarbeit)
LV: Emmanuèle Bernheim: Tout s’est bien passé, 2013 (Alles ist gutgegangen)
Nach einem Schlaganfall will der 84-jährige Kunstsammler und Fabrikant André Bernheim (André Dussollier) sterben. Seine Töchter Emmanuèle (Sophie Marceau) und Pascale (Géraldine Pailhas) helfen ihm dabei.
Auf einem wahren Fall basierendes feinfühliges Drama über Sterbehilfe und Beziehungen.
Meursault ist der Ich-Erzähler in Albert Camus‘ „Der Fremde“, einem 1940 geschriebenem, 1942 erschienenem kurzen, in der damaligen Kolonie Algerien spielende Roman, der schnell zum Klassiker und einem der wichtigsten Werke des Existentialismus wurde.
Dieser Meursault ist ein 1938 in Algier allein lebender dreißigjähriger kleiner Angestellter. Er erzählt zuerst von der Beerdigung seiner entfernt in einem Altersheim verstorbenen Mutter, von seinem halbseidenem Nachbarn, von seiner unmittelbar nach der Beerdigung seiner Mutter beginnenden Affäre mit einer ehemaligen Kollegin, wie er scheinbar grundlos einen jungen Araber tötet und für diese Tat vor Gericht gestellt wird. In der Verhandlung geht es dann vor allem um sein Verhalten.
Jetzt verfilmte François Ozon diesen Klassiker sehr nah an der Vorlage entlang in wunderschönen SW-Bildern. In jedem Moment ist der Respekt vor der Vorlage spürbar.
Ozon erfindet viele Dialoge, die im Roman nur zusammengefasst zu lesen sind. Er zeigt in eindrucksvollen Bildern, was im Roman der Erzähler, der alles ohne erkennbare Regung verfolgt, in wenigen Worten erzählt. Das damalige Leben in der Kolonie wird fassbar. Ebenso Meursaults Lebenseinstellung.
Diese wird schon deutlich, wenn Meursault erfährt, dass seine Mutter verstorben ist und er diese Nachricht ohne eine erkennbare Gefühlsregung aufnimmt. Die Trauerfeierlichkeiten beobachtet er eher von außen. Die erforderlichen Rituale, die für ihn keine Bedeutung haben, vollzieht er, nachdem er dazu aufgefordert wird, quasi automatisch. Damals – wie gesagt, die Geschichte spielt 1938 und damals hatte die Religion in der Gesellschaft eine andere Bedeutng als heute – war sein Verhalten, wie auch später Aussagen von Charakterzeugen vor Gericht zeigen, verstörend und schockierend. Schockierend und gegen alle Trauer-Konventionen ist auch, dass Meursault unmittelbar nach dem Tod seiner Mutter sich am Strand vergnügt und eine Beziehung mit einer jungen Frau beginnt. Auch hier folgt er emotionslos den Konventionen, denen ein Verliebter folgen soll. Später ermordet er ohne einen erkennbaren Grund einen Araber. Die anschließende Gerichtsverhandlung verfolgt er ebenso ungerührt. Das war damals sicher zutiefst verstörend und ungewöhnlich. Heute ist das anders.
Entsprechend offensichtlich ist die Botschaft des Films und entsprechend überflüssig ist Meursaults Verteidiungsrede am Filmende. Sie wiederholt nur in epischer Länge noch einmal das bereits Gesagte.
Damit kämen wir zum Problem des Films. Mit etwas über zwei Stunden ist „Der Fremde“ einer der längsten Filme von François Ozon. Nur „Gelobt sei Gott“ ist länger. Während das in dem auf Tatsachen basierendem Drama kein Problem war, ist die Ozon-unübliche Länge in „Der Fremde“ ein Problem. Überraschende Wendungen – wenn wir von Meursaults Mord absehen – gibt es nicht. Ozon erzählt Meursaults Geschichte, wie Camus, chronologisch als eine weitgehend zufällige Abfolge von Ereignissen, die auch wegen der strengen Inszenierung als Passionsgeschichte ohne Gott und ohne eine höhere Bedeutung gelesen werden kann.
Das ist allerdings nur ein kleiner Kritikpunkt an einem ansonsten gelungenem Film. Die SW-Fotografie verleiht dem Drama das Aussehen eines vergessenen Meisterwerks aus den fünfziger Jahren. Die Schauspieler sind gut. Die einzelnen Szenen sind kluge Übertragungen vom Roman in den Film. Ozon verdeutlicht Dinge, die Camus nur in Halbsätzen schilderte. Er erfand viele Dialoge. Und die Geschichte über das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft und die Anforderungen der Gesellschaft an den Einzelnen ist immer noch aktuell.
Damit ist „Der Fremde“ der erste Höhepunkt des Kinojahres.
Der Fremde (L’Étranger, Frankreich 2025)
Regie: François Ozon
Drehbuch: François Ozon, Philippe Piazzo
LV: Albert Camus: L’Étranger, 1942 (Der Fremde)
mit Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Pierre Lottin, Denis Lavant, Swann Arlaud, Christophe Malavoy, Nicolas Vaude, Jean-Charles Clichet, Mireille Perrier, Hajar Bouzaouit, Abderrahmane Dehkani, Jérôme Pouly, Jean-Claude Bolle-Reddat, Christophe Vandevelde, Jean-Benoît Ugeux
Mein fabelhaftes Verbrechen (Mon Crime, Frankreich 2023)
Regie: François Ozon
Drehbuch: François Ozon, (in Zusammenarbeit mit) Philippe Piazzo
LV: Georges Berr, Louis Verneuil: Mon Crime, 1934 (Theaterstück)
TV-Premiere. Paris, 30er Jahre: zwei junge, in einer Absteige zusammen lebende Frauen – eine Schauspielerin und eine Anwältin – wollen den Tod eines einflussreichen Theaterproduzenten als Karrierebooster benutzen. Die Schauspielerin gesteht den Mord, die Anwältin verteidigt sie und alles läuft nach Plan, bis die echte Mörderin auftaucht und ihren Anteil will.
Drehbuch: François Ozon (freie Adaption des Stücks „Der Junge aus der letzten Reihe“ von Juan Mayorga)
Kleinstadt-Lehrer Germain ist begeistert von den gut geschriebenen Aufsätzen seines sechzehnjährigen Schülers Claude. Der schleicht sich in die Familie eines Mitschülers ein. Germain fordert Claude auf, weiterzuschreiben. Und wir fragen uns, wie nah Claude bei der Wahrheit bleibt.
Ein auf mehreren Ebenen, mit einer ordentlichen Portion Claude Chabrol,.gekonnt und gewitzt erzählter Krimi ohne Mord und Totschlag.
LV: Rainer Werner Fassbinder: Die bitteren Tränen der Petra von Kant, 1971
François Ozon verfilmt und interpretiert Rainer Werner Fassbinders sehr autobiographisches Stück „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“. Grandios! Und überaus witzig.
Swimming Pool(Swimming Pool, Frankreich/Großbritannien 2003)
Regie: François Ozon
Drehbuch: François Ozon, Emmanuele Bernheim
Sommer in Frankreich: eine erfolgreiche britische Krimiautorin versucht in dem Landhaus ihres Verlegers ihre Schreibblockade zu überwinden. Da taucht die quirlige zwanzigjährige Tochter des Verlegers auf – und mit der Ruhe ist es vorbei. Auch mit der Schreibblockade?
Erotikthriller, der normalerweise zu nächtlicher Stunde läuft.
„Eine souveräne Fingerübung, nicht mehr, aber auch nicht weniger.“ (Michael Meyns, Zitty 17/2003)
mit Charlotte Rampling, Ludivine Sagnier, Charles Dance, Marc Fayolle
Drehbuch: François Ozon (freie Adaption des Stücks „Der Junge aus der letzten Reihe“ von Juan Mayorga)
Kleinstadt-Lehrer Germain ist begeistert von den gut geschriebenen Aufsätzen seines sechzehnjährigen Schülers Claude. Der schleicht sich in die Familie eines Mitschülers ein. Germain fordert Claude auf, weiterzuschreiben. Und wir fragen uns, wie nah Claude bei der Wahrheit bleibt.
Ein auf mehreren Ebenen, mit einer ordentlichen Portion Claude Chabrol,.gekonnt und gewitzt erzählter Krimi ohne Mord und Totschlag.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.
mit Fabrice Luchini, Ernst Umhauer, Kristin Scott Thomas, Emmanuelle Seigner, Denis Ménochet, Bastien Ughetto, Jean-François Balmer, Yolande Moreau, Catherine Davenier
Madeleine Verdier und Pauline Mauléon leben zusammen in einer Ein-Zimmer-Absteige, die nur in Spielfilmen eine gewissen Wohnlichkeit verkörpert. Madeleine ist eine unbekannte Schauspielerin auf der Suche nach irgendeiner, auch noch so kleinen Rolle. Pauline ist eine Anwältin auf der Suche nach ihrem ersten Mandanten. Beide sind jung, wollen im Paris der dreißiger Jahre das Leben genießen und sie brauchen jeden Pfennig. Zum Beispiel um die seit Monaten überfällige Miete bei ihrem Vermieter zu zahlen. Denn so langsam können sie ihn mit ihrem Aussehen und Charme nicht mehr zu einer weiteren Stundung überreden.
Deshalb kommt ihnen der Tod des einflussreichen Theaterproduzenten zupass. Madeleine war für einen Vorsprechtermin in der Villa des Produzenten, der jedes Klischee des fetten, schleimigen und sexgierigen Kapitalisten verkörpert. Das Vorsprechen lief schnell aus dem Ruder – und jetzt hält die Polizei sie für die Mörderin des Theatermannes.
Nach polizeilichen Verhören und einem Gespräch mit ihrer Mitbewohnerin gesteht Madeleine die Tat. Sie hat ihn zwar nicht getötet, aber gemeinsam wollen sie den Mord als Booster für ihre Karriere als Schauspielerin und Anwältin benutzen. Sie machen die Gerichtsverhandlung zum Medienzirkus. Sie stellen die Tat als Notwehr gegen einen übergriffigen Mann da. Und nach dem Freispruch könnte es für sie nicht besser aussehen. Die eine steigt als Schauspielerin, die andere als Anwältin auf. Die gut betuchten, heiratswilligen Männer stehen Schlange.
Dummerweise taucht in dem Moment Odette Chaumette (Isabelle Huppert, gewohnt grandios) auf. Der Stummfilmstar beherrscht immer noch den großen Auftritt. Nur die Filmrollen dafür gibt es nicht mehr. Jetzt fordert sie von Madeleine und Pauline ihren Anteil. Denn sie ist die Mörderin. Und sie könnte die Tat gestehen.
Immer noch liegt François Ozons Arbeitstempo irgendwo zwischen Claude Chabrol und Rainer Werner Fassbinder. Ein Film pro Jahr ist normal. Dabei ist er witziger als Fassbinder und er betrachtet seine Figuren liebevoller als Chabrol. Und er verfilmt öfter Theaterstücke, die er so bearbeitet, dass sie am Ende nicht wie Theaterstücke wirken. Auch sein neuester Film basiert auf einem Theaterstück, das er frei interpretiert und zu einer gleichzeitig zeitgenössischen und traditionsbewussten Screwball-Comedy macht.
Nach mehreren ernsten Filmen, – auch sein vorheriger Film, die gelungene Rainer-Werner-Fassbinder-Hommage „Peter von Kant“, war letztendlich ziemlich ernst -, hat François Ozon jetzt wieder eine waschechte Komödie gedreht, die, so Ozon, als Abschluss einer Trilogie über den Status der Frau mithilfe von Humor und Glamour gesehen werden könne. Die beiden vorherigen Filme dieser sehr losen Trilogie waren „8 Frauen“ (ebenfalls mit Isabelle Huppert) und „Das Schmuckstück“.
„Mein fabelhaftes Verbrechen“ ist eine in den Dreißigern spielende Screwball-Comedy, in der Tempo alles ist. Die Pointen folgen atemberaubend schnell aufeinander. Die Dialoge sind scharfzüngig und voller Anspielungen. Die Geschichte hat zahlreiche temberaubende und überraschende Wendungen. Sie sind wenig vorhersehbarer, aber letztendlich schlüssig. Schließlich verhalten sich alle Figuren in dem Stück, wenn sie von dem Mord profitieren wollen, überaus eigennützig. Vor allem die Männer sind nicht besonders intelligent, dafür aber eitel. Wobei Madame Chaumette als vollendete Diva mit ausladenden Kleidern und Gehabe auch ziemlich eitel ist.
Als Inspiration benutzte Ozon das 1934 entstandene, zweimal von Hollywood verfilmte Theaterstück „Mon Crime“ von Georges Berr und Louis Verneuil. Ozon modernisierte es so gelungen, dass „Mein fabelhaftes Verbrechen“ trotz Modernisierungen in jeder Sekunde wie ein zu Unrecht vergessenes altes Stück wirkt. Schließlich waren in den klassischen Screwball-Comedies die Frauen für die damalige Zeit sehr emanzipiert. In diesem Kosmos fallen zwei, später drei selbstbewusste Frauen, die sich von den Männern nichts vorschreiben lassen, nicht weiter auf.
Ein fabelhafter Spaß.
Mein fabelhaftes Verbrechen (Mon Crime, Frankreich 2023)
Regie: François Ozon
Drehbuch: François Ozon, (in Zusammenarbeit mit) Philippe Piazzo
LV: Georges Berr, Louis Verneuil: Mon Crime, 1934 (Theaterstück)
mit Nadia Tereszkiewicz, Rebecca Marder, Isabelle Huppert, Dany Boon, Fabrice Luchini, André Dussollier, Édouard Sulpice, Régis Laspalès, Olivier Broche
LV: Aidan Chambers: Dance on my Grave, 1982 (Tanz auf meinem Grab )
TV-Premiere. Ein Küstendorf in der Normandie in den Achtzigern: der sechzehnjährige Alex muss vor Gericht erklären, warum er auf dem Grab eines Toten tanzte (80er Jahre Provinzprobleme halt). In Rückblenden entfaltet Ozon eine sich über einen Sommer erstreckende Liebes- und Coming-of-Age-Geschichte zwischen dem schüchternen Alex und dem zwei Jahre älteren coolen David.
„Sommer 85“ ist der Auftakt der Reihe „rbb QUEER“. Bis zum 15. August zeigt das rbb Fernsehen dienstags um 22.45 Uhr sieben queere Filme, sechs als deutsche Erstausstrahlung. Die nächsten Filme der sechsten Ausgabe von „rbb QUEER“ sind „Einfach Charlie“ (11. Juli, Großbritannien 2017, Regie: Rebekah Fortune), „Sprung ins kalte Wasser“ (18. Juli, Zypern/Griechenland/Italien 2021, Regie: Stelios Kammitsis), „Sweetheart“ (25. Juli, Großbritannien 2021, Regie: Marley Morrison), „Weekend“ (1. August, Großbritannien 2011, Regie: Andrew Haigh), „Als wir tanzten“ (8. August, Georgien/Schweden 2019, Regie: Levan Akin) und – endlich! – „Tangerine L.A.“ (15. August, USA 2015, Regie: Sean Baker).
Am Donnerstag läuft François Ozons neuer Film „Mein fabelhaftes Verbrechen“ an. Die Screwball-Comedy ist ein herrlich schwarzhumoriger Spaß über einen Mord und wie viele Damen davon profitieren wollen.
mit Félix Lefebvre, Benjamin Voisin, Philippine Velge, Valeria Bruni Tedeschi, Melvil Poupaud, Isabelle Nanty, Laurent Fernandez, Aurore Broutin
TV-Premiere. Intensives, sehr nah an den erschreckenden Fakten, die das Erzbistum Lyon erschütterten und in Frankreich entsprechend bekannt sind, entlang inszeniertes Drama. Es geht um den praktizierenden Katholiken Alexandre Guérin, der als Kind von Pater Bernard Preynat missbraucht wurde. Jahrzehnte später, inzwischen selbst Vater, entdeckt er, dass Preynat im Erzbistum Lyon immer noch im Kindern arbeitet. Er will etwas dagegen unternehmen. Als erstes wendet er sich an Preynats Arbeitgeber, die katholische Kirche. Sie ist ihm dabei keine große Hilfe.
Zusammen mit anderen Betroffenen gründet er später die Interessengruppe „La Parole Liberée“ (Das gebrochene Schweigen). Sie machen den Skandal öffentlich und finden zahlreiche weitere Betroffene.
Als Ozon seinen Film drehte, war das Verfahren gegen Preynat immer noch nicht abgeschlossen. Am 4. Juli 2019 wurde Preynat von einem Kirchengericht des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger für schuldig befunden und aus dem Klerus ausgeschlossen. Das staatliche Gerichtsverfahren gegen ihn endete am 16. März 2020 mit einer fünfjährigen Haftstrafe. Gegen zahlreiche weitere Mitglieder des Erzbistums gab es ebenfalls Klagen.
Anschließend, um 22.30 Uhr, zeigt Arte in der losen Reihe „Es war einmal…“ eine brandneue, gut einstündige Doku über den Film.
LV: Rainer Werner Fassbinder: Die bitteren Tränen der Petra von Kant, 1971
TV-Premiere. François Ozon verfilmt und interpretiert Rainer Werner Fassbinders sehr autobiographisches Stück „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“. Grandios! Und überaus witzig.
Drehbuch: François Ozon (nach dem Bühnenstück von Pierre Barillet und Jean-Pierre Grédy)
In den Siebzigern übernimmt die Frau eines cholerischen Fabrikanten, der aufgrund eines Herzinfarkts seine Firma unpässlich ist, die Firmenleitung. Sie, die bislang nur das Schmuckstück war, findet Gefallen an ihrer neuen Rolle.
„lustvoll mit Überspitzungen arbeitende Emanzipationskomödie, gestaltet als liebenswürdige Hommage an ‚klassische‘ amerikanische und französische Film-Musicals“ (Lexikon des internationalen Films)
Am Samstag, den 3. Juni, zeigt One um 22.00 Uhr Ozons letzten Film „Peter von Kant“.
Sein neuer Film „Mein fabelhaftes Verbrechen“ startet am 6. Juli im Kino. Wieder eine Komödie, wieder mörderisch gut,
mit Catherine Deneuve, Gérard Depardieu, Fabrice Luchini, Karin Viard, Judith Godrèche, Sergi Lopez
Dass François Ozon ein großer Bewunderer von Rainer Werner Fassbinder ist, dürfte bekannt sein. Bereits 2000 verfilmte er „Tropfen auf heiße Steine“, ein erst posthum aufgeführtes Theaterstück von Fassbinder. Jetzt nahm Ozon sich ein anderes Stück von Fassbinder vor, nämlich „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“. Das Theaterstück wurde 1971 von Peer Raben für die vierte Experimenta inszeniert. Ein Jahr später verfilmte Fassbinder in zehn Drehtagen sein Stück. Es spielt in der wie eine Theaterbühne wirkenden Wohnung von Petra von Kant (Margit Carstensen). Sie ist eine Modeschöpferin, die den Zenit ihrer Karriere hinter sich hat. Vorne und hinten lässt sie sich von Marlene (Irm Hermann) bedienen.
Als Petra von Kant Karin Thimm (Hanna Schygulla) kennen lernt, verliebt sie sich in sie.
In seiner Verfilmung betont Fassbinder das Theaterhafte. Er erzählt eine deprimierende Geschichte von toxischen Beziehungen unter Frauen. Der Film ist, aus heutiger Sicht, eines von Fassbinders Schlüsselwerken und damit einer der Filme, die zuverlässig in jeder Liste der wichtigsten Werke von Fassbinder auftauchen.
Zum fünfzigsten Geburtstag des Films interpretiert Ozon das Stück neu, und wie der Titel „Peter von Kant“ und der auf dem Plakat prominent platzierte Hinweis „frei nach“ verraten, veränderte er einiges. Zum Beispiel die Geschlechter der Figuren. Außerdem kürzte er das Stück. Fassbinders Film dauert über zwei Stunden. Ozons Neuinterpretation keine neunzig Minuten. Und es gibt zahlreiche Anspielungen auf Rainer Werner Fassbinder, seine Person, sein Umfeld und sein Werk.
Dabei hat Ozon kein Enthüllungswerk gedreht.
Schon für Fassbinders Zeitgenossen dürfte offensichtlich gewesen sein, dass das Stück und die dort gezeigten Beziehungen autobiographisch sind. Nur dass Fassbinder aus einer männlichen Diva eine weibliche Diva machte. Ozon macht das wieder rückgängig. Schockierend ist das nicht. Schließlich hat sich Gesellschaft in den vergangenen fünfzig Jahren gewandelt. Da ist eine Liebesgeschichte unter Männern nicht mehr schockierend oder irgendwie Aufsehen erregend. Gleichzeitig wissen wir heute, auch weil alle, die damals mit Fassbinder zusammen arbeiteten, öffentlich über die Arbeit sprachen, viel mehr über das Leben und die Strukturen in der Fassbinder-Familie.
Insofern zeigt Ozon nur, was schon im Original deutlich erkennbar war.
Und natürlich kann durch den Geschlechtertausch viel gefassbindert werden. Mal mehr, mal weniger offensichtlich.
Denis Ménochet, der Peter von Kant spielt, versinkt förmlich in der Rolle der aus dem Leim geratenen, sich selbst gefallenden und bemitleidenden männlichen Diva. In der einen Sekunde ist er ein großspurig auftretender Regisseur, der mit dem Telefon die Welt regiert, im nächsten Moment ein im Selbstmitgleid ertrinkender Tropf und, wenige Sekunden später ein hoffnungslos in einen anderen Mann verliebter Mann. Er zeigt seine Gefühle mit fast schon boulevardesker Offenheit. Er steht im Mittelpunkt, genießt es und will doch ständig bestätigt und umhütet werden. Ménochet spielt diesen Peter von Kant in jeder Sekunde glaubhaft und so, dass wir immer den Menschen hinter all seinen Posen und Manipulationen erkennen.
Neben ihm steht Stefan Crépon zunehmend im Zentrum der Aufmerksamkeit des Zuschauers. Er spielt Karl, den Diener von Peter von Kant. Schweigend erfüllt er die Wünsche seines Chefs und erträgt stoisch seine Launen und ständigen Stimmungsumschwünge. Er sagt kein Wort. Er ist immer im Hintergrund da und er kommentiert stumm das Geschehen.
Khalil Gharbia spielt Amir Ben Salem, das Objekt der Begierde. Isabelle Adjani Peter von Kants vermögende Freundin und ehemalige Muse, den Filmstar Sidonie von Gassenab. Sie stellt ihm Amir vor. Und Hanna Schygulla ist als Peter von Kants Mutter dabei.
Ozon inszeniert seine Version der „bitteren Tränen der Petra von Kant“, wie schon Fassbinder, betont theaterhaft, mit vielen Fassbinder-Anspielungen und zum Lachen reizenden Stellen.
Peter von Kant (Peter von Kant, Frankreich 2022)
Regie: François Ozon
Drehbuch: François Ozon
LV: Rainer Werner Fassbinder: Die bitteren Tränen der Petra von Kant, 1971
mit Denis Ménochet, Isabelle Adjani, Khalil Gharbia, Hanna Schygulla, Stefan Crépon, Aminthe Audiard
François Ozon, hier zusammen mit Stefan Crepon (der im Film Karl spielt), eröffnete am 8. September 2022 im Delphi Kino das diesjährige Queer Film Festival mit seinem Film „Peter von Kant“, seiner freien Bearbeitung von Rainer Werner Fassbinders „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“.
Um das selbstbestimmte Sterben geht es in François Ozons neuem Film „Alles ist gutgegangen“, der auf einer wahren Geschichte von Emmanuèle Bernheim basiert. Die früh verstorbene Pariserin Emmanuèle Bernheim (30. November 1955 – 10. Mai 2017) war Roman- und Drehbuchautorin. So arbeitete sie mit Ozon bei „Unter dem Sand“ (Sous le Sable, 2000), „Swimming Pool“ (2003) und „5×2 – Fünf mal zwei“ (5×2, 2004) zusammen. Ihre Bücher, zu denen „Das Klappmesser“, „Ein Liebespaar“, „Die Andere“ und „Der rote Rock“ (verfilmt von Claire Denis) gehören, erschienen bei Klett-Cotta und Hanser.
Als der immer noch sehr fidele 84-jährige Kunstsammler und Fabrikant André Bernheim (André Dussollier) einen Schlaganfall hat, bittet er seine Tochter Emmanuèle (Sophie Marceau) ihm beim Sterben zu helfen. Seine andere Tochter Pascale (Géraldine Pailhas), die als Kind ebenfalls unter dem dominantem Vater gelitten hat, ist etwas verkrätzt, weil sie nicht gefragt wurde. Trotzdem raufen sich die beiden Schwestern zusammen.
Emmanuèle Bernheim schrieb anschließend das mit dem „Grand prix des lectrices de Elle“ ausgezeichnete Buch „Alles ist gutgegangen“ (Tout s’est bien passé, 2013) über den Tod ihres Vaters. Schon vor dem Erscheinen des Buches fragte sie François Ozon, ob er es verfilmen möchte. Aber er wusste zunächst nicht, wie er ihre Geschichte zu seiner Geschichte machen könnte. Auch andere Regisseure interessierten sich für die Geschichte. Nach ihrem Tod bemühte er sich wieder um die Geschichte und er fand den für ihn richtigen Zugang.
Chronologisch erzählt er, wie die Schwestern Emmanuèle und Pascale mit dem Wunsch ihres Vaters hadern, ihn vom Gegenteil überzeugen wollen und ihn ihm letztendlich doch erfüllen. Es geht dabei auch um die Beziehungen innerhalb einer wohlhabenden, kunstaffinen französischen Familie, in der der Vater ein Kunstsammler, die Mutter Claude de Soria eine bedeutende Bildhauerin, eine Tochter Organisatorin von Klassik-Festivals und die andere eine bekannte Autorin (und verheiratet mit dem Direktor der Cinémathèque française) ist. Das ist natürlich ein Blick in eine sonst von der Öffentlichkeit abgeschirmte Welt und hat etwas von einer Familienaufstellung. Dabei entfaltet sich das problematische Beziehungsgeflecht innerhalb der Familie Bernheim entlang der Frage, ob der Wunsch des nach dem Schlaganfall gelähmten und von fremder Hilfe abhängigem Patriarchen nach einem selbstbestimmten Tod erfüllt werden soll.
Und damit geht es auch um die Frage der Sterbehilfe. Hier spielt die von Hanna Schygulla gespielte Sterbehelferin eine entscheidende Rolle. Sie erklärt die Gesetze dazu in Frankreich (verboten) und in der Schweiz (erlaubt, wenn auf bestimmte Dinge geachtet wird) und als Vertreterin eines Sterbehilfevereins hat sie eine eindeutige Position dazu.
Im Rahmen der Filmgeschichte sind die unterschiedlichen Regeln in Frankreich und der Schweiz nicht der Auftakt zu einer Diskussion über diese Regeln. Sie dienen am Filmende als spannungssteigerndes Element.
Im Mittelpunkt von Ozons selbstverständlich sehenswertem Abschiedsdrama „Alles ist gutgegangen“ steht die Beziehung der beiden Schwestern Emmanuèle und Pascale zueinander und zu ihrem Vater und wie sie sich von seinem Schlaganfall bis zu seinem Tod entwickelt.
Alles ist gutgegangen (Tout s’est bien passé, Frankreich 2021)
Regie: François Ozon
Drehbuch: François Ozon, Philippe Piazzo (Mitarbeit)
LV: Emmanuèle Bernheim: Tout s’est bien passé, 2013 (Alles ist gutgegangen)
mit Sophie Marceau, André Dussollier, Géraldine Pailhas, Charlotte Rampling, Éric Caravaca, Hanna Schygulla, Grégory Gadebois
LV: Robert Thomas: Huit Femmes, 1958/1962 (Theaterstück)
Weihnachten in einem verschneiten Landhaus: In der Nacht wird der Hausherr ermordet. Die Täterin ist eine der acht Frauen, die im Haus sind. Selbstverständlich hat jede von ihnen ein gutes Motiv das Ekel umzubringen. Und ein todsicheres Alibi.
Ein Cozy mit Gesang und einem Darstellerinnenensemble, das über jeden Zweifel erhaben ist und die Crème de la Crème des französischen Films versammelt.
Drehbuch: François Ozon (frei nach „Broken Lullaby“ von Ernst Lubitsch)
Quedlinburg, 1919: Am Grab ihres im Krieg gefallenen Mannes trifft Anna auf den Franzosen Adrien. Sie findet ihn sympathisch und sie glaubt, dass er etwas über den Tod ihres Mannes weiß.
François Ozons vor allem in der ersten Hälfte verdammt gelungene und durchgehend wunderschön anzusehende Lubitsch-Interpretation.
Der andere Liebhaber (L’Amant Double, Frankreich/Belgien 2017)
Regie: François Ozon
Drehbuch: François Ozon, in Zusammenarbeit mit Philippe Piazzo
LV: Joyce Carol Oates: Lives of the Twins, 1987 (Der Andere; Erstveröffentlichung unter dem Pseudonym Rosamund Smith)
Die hoffnungslos neurotische Chloé verliebt sich in ihren Psychotherapeuten – und seinen Zwillingsbruder. Das führt zu einigen mörderischen Verwicklungen.
TV-Premiere zu einer indiskutablen Uhrzeit.François Ozons Psychothriller ist ein wunderschöner intellektueller Spaß mit überraschenden Wendungen bis zur letzten Minute. Immer nach dem alten Thriller- und Horrorfilmprinzip „nichts ist, wie es scheint“; – was natürlich auch eine Täuschung sein kann.
LV: Robert Thomas: Huit Femmes, 1958/1962 (Theaterstück)
Weihnachten in einem verschneiten Landhaus: In der Nacht wird der Hausherr ermordet. Die Täterin ist eine der acht Frauen, die im Haus sind. Selbstverständlich hat jede von ihnen ein gutes Motiv das Ekel umzubringen. Und ein todsicheres Alibi.
Ein Cozy mit Gesang und einem Darstellerinnenensemble, das über jeden Zweifel erhaben ist und die Crème de la Crème des französischen Films versammelt.
Drehbuch: François Ozon (frei nach „Broken Lullaby“ von Ernst Lubitsch)
Quedlinburg, 1919: Am Grab ihres im Krieg gefallenen Mannes trifft Anna auf den Franzosen Adrien. Sie findet ihn sympathisch und sie glaubt, dass er etwas über den Tod ihres Mannes weiß.
TV-Premiere zu einer unverschämten Sendezeit. Denn Ozons Lubitsch-Interpretation ist verdammt gelungen (vor allem die erste Hälfte) und selbstverständlich einen Blick wert.