Neu im Kino/Filmkriik: „Der perfekte Schein – Der Fall Bojarski“ und die perfekten Blüten

Juli 31, 2026

Hätte einer der vielen französischen Unternehmer, denen er in den vierziger Jahren seine damals visionären Erfindungen zeigte, sie gekauft oder ihn angestellt, wäre der polnische Flüchtling Jan Bojarski (Reda Kateb) vielleicht nie zum „Leonardo da Vinci der Geldfälscher” und zum „Cézanne des Falschgeldes” geworden. Schon während des Zweiten Weltkriegs fälscht er in Frankreich Pässe. Später, um seine Familie zu ernähren, französische Geldscheine. Die meiste Zeit seiner Karriere arbeitet er allein. Mit den brachialen Methoden einer Gangsterbande, zu der er in den frühen fünfziger Jahren kurz gehört, ist er nicht einverstanden. Er ist ein Gewalt ablehnender Tüftler.

Fortan stellt er die Blüten im heimischen Keller her. Die Druckplatten, die Farben, das Papier (mit in ganz Frankreich zusammengekauftem OCB-Zigarettenpapier als Grundlage) und die Druckerpresse stellt er in zeitintensiver Heimarbeit selbst her. Anschließend verteilt er die Blüten im ganzen Land. Dabei befolgte er einige Regeln, die seine Entdeckung verhindern sollen und die dazu führen, dass die Polizei vermutet, dass die bewundernswert guten Blüten, die in Details sogar besser als die Originale sind, von einer mehrköpfigen Bande in Umlauf gebracht werden.

Währenddessen jagt ihn Kommissar Mattei (Bastien Bouillon). Er ist von den handwerklichen und künstlerischen Fähigkeiten des Fälschers fasziniert und frustriert, weil er über Jahre, entgegen jeder Wahrscheinlichkeit, keine heiße Spur.

Einmal treffen Bojarski und Mattei, so erzählt Jean-Paul Salomé es in seinem Krimi „Der perfekte Schein – Der Fall Bojarski”, in Vichy in einer Hotelbar aufeinander. Das Gespräch erinnert Krimifans selbstverständlich an das Gespräch zwischen Al Pacino und Robert De Niro in Michael Manns Neo-Noir-Gangsterthrillerklassiker „Heat”. Auch wenn Mattei Bojarski ähnlich obsessiv jagt, ist Salomés Film kein Actionthriller, sondern ein traditionsbewusster Noir, der sich gekonnt in die Tradition des französischen Kriminalfilms der fünfziger und sechziger Jahre stellt. Er hat, passend zur Profession des Protagonisten, einen Blick für Details und viel Geduld beim Erzählen seiner Geschichte. Salomés Fokus beim Erzählen liegt auf den Figuren, ihren Handlungen und Beziehungen.

Der perfekte Schein” basiert auf der wahren Geschichte von Jan Bojarski (15. Oktober 1912 in Lancut, Österreich-Ungarn – 2. Mai 2003 in Saint-Sauveur, Départment Isere). Im Januar 1964 wurde er durch eine Verkettung von Zufällen verhaftet und zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Wegen guter Führung wurde er nach 13 Jahren entlassen.

Weil etliche Details in Bojarskis Leben als Verbrecher nicht vollständig geklärt sind, beispielsweise, was seine Frau wusste, nahm Salomé sich Freiheiten. Das Ergebnis ist ein stimmiger Retro-Krimi – mit einem äußerst sympathischem, introvertiertem Verbrecher, der einfach nur ein kleinbürgerlich-gutes Leben für seine Familie und sich will, als Protagonisten.

Der perfekte Schein – Der Fall Bojarski (L’Affaire Bojarski, Frankreich 2025)

Regie: Jean-Paul Salomé

Drehbuch: Jean-Paul Salomé, Bastien Daret, Delphine Gleize (in Zusammenarbeit mit) (nach einer Idee von Marie-Pierre Huster)

mit Reda Kateb, Sara Giraudeau, Bastien Bouillon, Pierre Lottin, Quentin Dolmaire, Victor Poirier, Olivier Loustau

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

AlloCiné über „Der perfekte Schein – Der Fall Bojarski”

Moviepilot über „Der perfekte Schein – Der Fall Bojarski”

Wikipedia über „Der perfekte Schein – Der Fall Bojarski” (englisch, französisch) und über Czesław Jan Bojarski (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Jean-Paul Salomés „Eine Frau mit berauschenden Talenten“ (La daronne, Frankreich 2020) und der DVD

Meine Besprechung von Jean-Paul Salomés „Die Gewerkschafterin“ ( La Syndicaliste, Frankreich/Deutschland 2022)

 


Neu im Kino/Filmkritik: Über François Ozons Albert-Camus-Verfilmung „Der Fremde“

Januar 2, 2026

Meursault ist der Ich-Erzähler in Albert Camus‘ „Der Fremde“, einem 1940 geschriebenem, 1942 erschienenem kurzen, in der damaligen Kolonie Algerien spielende Roman, der schnell zum Klassiker und einem der wichtigsten Werke des Existentialismus wurde.

Dieser Meursault ist ein 1938 in Algier allein lebender dreißigjähriger kleiner Angestellter. Er erzählt zuerst von der Beerdigung seiner entfernt in einem Altersheim verstorbenen Mutter, von seinem halbseidenem Nachbarn, von seiner unmittelbar nach der Beerdigung seiner Mutter beginnenden Affäre mit einer ehemaligen Kollegin, wie er scheinbar grundlos einen jungen Araber tötet und für diese Tat vor Gericht gestellt wird. In der Verhandlung geht es dann vor allem um sein Verhalten.

Jetzt verfilmte François Ozon diesen Klassiker sehr nah an der Vorlage entlang in wunderschönen SW-Bildern. In jedem Moment ist der Respekt vor der Vorlage spürbar.

Ozon erfindet viele Dialoge, die im Roman nur zusammengefasst zu lesen sind. Er zeigt in eindrucksvollen Bildern, was im Roman der Erzähler, der alles ohne erkennbare Regung verfolgt, in wenigen Worten erzählt. Das damalige Leben in der Kolonie wird fassbar. Ebenso Meursaults Lebenseinstellung.

Diese wird schon deutlich, wenn Meursault erfährt, dass seine Mutter verstorben ist und er diese Nachricht ohne eine erkennbare Gefühlsregung aufnimmt. Die Trauerfeierlichkeiten beobachtet er eher von außen. Die erforderlichen Rituale, die für ihn keine Bedeutung haben, vollzieht er, nachdem er dazu aufgefordert wird, quasi automatisch. Damals – wie gesagt, die Geschichte spielt 1938 und damals hatte die Religion in der Gesellschaft eine andere Bedeutng als heute – war sein Verhalten, wie auch später Aussagen von Charakterzeugen vor Gericht zeigen, verstörend und schockierend. Schockierend und gegen alle Trauer-Konventionen ist auch, dass Meursault unmittelbar nach dem Tod seiner Mutter sich am Strand vergnügt und eine Beziehung mit einer jungen Frau beginnt. Auch hier folgt er emotionslos den Konventionen, denen ein Verliebter folgen soll. Später ermordet er ohne einen erkennbaren Grund einen Araber. Die anschließende Gerichtsverhandlung verfolgt er ebenso ungerührt. Das war damals sicher zutiefst verstörend und ungewöhnlich. Heute ist das anders.

Entsprechend offensichtlich ist die Botschaft des Films und entsprechend überflüssig ist Meursaults Verteidiungsrede am Filmende. Sie wiederholt nur in epischer Länge noch einmal das bereits Gesagte.

Damit kämen wir zum Problem des Films. Mit etwas über zwei Stunden ist „Der Fremde“ einer der längsten Filme von François Ozon. Nur „Gelobt sei Gott“ ist länger. Während das in dem auf Tatsachen basierendem Drama kein Problem war, ist die Ozon-unübliche Länge in „Der Fremde“ ein Problem. Überraschende Wendungen – wenn wir von Meursaults Mord absehen – gibt es nicht. Ozon erzählt Meursaults Geschichte, wie Camus, chronologisch als eine weitgehend zufällige Abfolge von Ereignissen, die auch wegen der strengen Inszenierung als Passionsgeschichte ohne Gott und ohne eine höhere Bedeutung gelesen werden kann.

Das ist allerdings nur ein kleiner Kritikpunkt an einem ansonsten gelungenem Film. Die SW-Fotografie verleiht dem Drama das Aussehen eines vergessenen Meisterwerks aus den fünfziger Jahren. Die Schauspieler sind gut. Die einzelnen Szenen sind kluge Übertragungen vom Roman in den Film. Ozon verdeutlicht Dinge, die Camus nur in Halbsätzen schilderte. Er erfand viele Dialoge. Und die Geschichte über das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft und die Anforderungen der Gesellschaft an den Einzelnen ist immer noch aktuell.

Damit ist „Der Fremde“ der erste Höhepunkt des Kinojahres.

Der Fremde (L’Étranger, Frankreich 2025)

Regie: François Ozon

Drehbuch: François Ozon, Philippe Piazzo

LV: Albert Camus: L’Étranger, 1942 (Der Fremde)

mit Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Pierre Lottin, Denis Lavant, Swann Arlaud, Christophe Malavoy, Nicolas Vaude, Jean-Charles Clichet, Mireille Perrier, Hajar Bouzaouit, Abderrahmane Dehkani, Jérôme Pouly, Jean-Claude Bolle-Reddat, Christophe Vandevelde, Jean-Benoît Ugeux

Länge: 123 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Internationaler Titel: The Stranger

Hinweise

Allociné über „Der Fremde“

Moviepilot über „Der Fremde“

Metacritic über „Der Fremde“

Rotten Tomatoes über „Der Fremde“

Wikipedia über „Der Fremde“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Francois Ozons “In ihrem Haus” (Dans la Maison, Frankreich 2012)

Meine Besprechung von Francois Ozons ”Jung & Schön” (Jeune & jolie, Frankreich 2013)

Meine Besprechung von Francois Ozons „Eine neue Freundin“ (Une nouvelle amie, Frankreich 2014)

Meine Besprechung von François Ozons „Frantz“ (Frantz, Deutschland/Frankreich 2016)

Meine Besprechung von François Ozons „Der andere Liebhaber“ (L’Amant Double, Frankreich/Belgien 2017)

Meine Besprechung von François Ozons „Gelobt sei Gott“ (Grâce à Dieu, Frankreich 2019)

Meine Besprechung von François Ozons „Alles ist gutgegangen“ (Tout s’est bien passé, Frankreich 2021)

Meine Besprechung von François Ozons „Peter von Kant“ (Peter von Kant, Frankreich 2022)

Meine Besprechung von François Ozons „Mein fabelhaftes Verbrechen“ (Mon Crime, Frankreich 2023)