Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Aus Colin Niels „Nur die Tiere“ wird Dominik Molls „Die Verschwundene“

Oktober 8, 2021

Am 19. Januar verschwindet Évelyne Ducat, die Frau eines aus der Gegend stammenden vermögenden Geschäftsmanns. Ihr Wagen steht an einer Landstraße im Schnee. Die Suche der Polizei verläuft ergebnislos.

Dagegen erfahren wir in Colin Niels Noir „Nur die Tiere“ und in Dominik Molls kongenialer Verfilmung des Romans, die bei uns unter dem Titel „Die Verschwundene“ in den Kinos läuft, was passierte. Dabei entfaltet die Geschichte sich nicht chronologisch, sondern aus verschiedenen, nacheinander erzählten Perspektiven. Diese Erzählungen überlappen sich zeitlich teilweise. Und sie ergeben ein düsteres Porträt des französischen Landlebens im Zentralmassiv. Die Höfe liegen weit auseinander. Das Einkommen der Landwirte ist kärglich. Jedenfalls bei den Landwirten, die Alice als Sozialarbeiterin besucht. Auch ihr gehört ein Hof. Er wird von ihrem Mann Michel betrieben. Ihre Ehe – beide sind Mttvierziger – ist im Alltag erstarrt.

Einer ihrer Kunden ist der allein lebende Joseph. Er ist auch ihr Geliebter; wobei die Initiative dafür von ihr ausging. Er hat – soviel kann verraten werden – Évelyne nicht ermordet. Allerdings entdeckt er Évelynes auf seinem Hof hingelegte Leiche, versteckt sie spontan in seiner Scheune und baut eine Beziehung zu der langsam verwesenden Leiche auf.

Eine andere Person, die eine Beziehung zur verschwundenen Évelyne hat, ist Marion. Die Mittzwanzigerin verliebt sich in die Endvierzigerin und zieht wegen ihr ins Zentralmassiv. Évelyne ist über das plötzliche Auftauchen ihrer Geliebten nicht begeistert. Sie möchte die Beziehung sofort beenden.

Niel wählte für seinen Noir eine ungewöhnliche Struktur. Er lässt seine Figuren ihre Geschichte erzählen und ordnet sie so an, dass sie auch immer mehr Hintergründe über Évelynes Verschwinden enthüllen. In einem Roman, der sich wie eine Sammlung von lose miteinander verbundenen Kurzgeschichten liest, funktioniert das ganz gut. Immerhin hängen die Erzählungen miteinander zusammen und jede Figur sucht nach Liebe. Es ist allerdings auch eine Struktur, die nur schwer in einen Film übertragen werden kann. So wird Alice, die Erzählerin der ersten Geschichte, zunehmend unwichtiger. Und Marions Geschichte spielt vor Èvelynes Verschwinden. Sie hat nur sehr wenige Berührungspunkte mit den anderen Geschichten. Sie ist allerdings sehr wichtig, um Évelynes Verschwinden zu verstehen.

Die aus den unterschiedlichen Perspektiven entstehende Geschichte von Èvelynes Ermordung ist auch eine Abhandlung über die Macht des Zufalls. Denn die verschiedenen Handlungen haben hier immer wieder Konsequenzen, die die handelnden Personen nicht wollten oder von denen sie nichts wissen. So hat Marion keine Ahnung, was ihr Auftauchen in der Provinz auslöst.

Wie in dem ebenfalls diese Woche im Kino angelaufenem Horrorfilm und Cannes-Gewinner „Titane“, geht es in „Nur die Tiere“/“Die Verschwunden“, wie gesagt, um die Suche nach Liebe und den seltsamen Wegen, die sie geht. Dabei akzeptieren die Macher vorbehaltlos jede Form von Liebe zu anderen ‚Menschen‘. Aber während das in „Titane“ nur eine lose, fast schon bemühte Interpretionsklammer ist, wird dieses Thema in „Nur die Tiere“/“Die Verschwundene“ erzählerisch stringenter, geschlossener und mit stärker in der Realität verhafteten Personen und Ereignissen erzählt. Umso verstörender sind dann die von Joseph und Michel gewählten Objekte der Begierde.

Dominik Moll („Lemming“, „Der Mönch“) übertragt den Roman und seine eigentlich unverfilmbare Struktur und Erzählweise gelungen auf die Leinwand. Dabei verändert er einiges, aber er bleibt bei seiner Interpretation immer nah an der Vorlage.

Am Ende haben wir einen sehenswerten Film und einen lesenswerten Roman.

Die Verschwundene (Seules les bêtes, Frankreich/Deutschland 2019)

Regie: Dominik Moll

Drehbuch: Dominik Moll, Gilles Marchand

LV: Colin Niel: Seules les bêtes, 2017 (Nur die Tiere)

mit Denis Ménochet, Valeria Bruni Tedeschi, Laure Calamy, Damien Bonnard, Nadia Tereszkiewicz, Bastien Bouillon, Guy Roger ‚Bibisse‘ N’drin

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Colin Niel: Nur die Tiere

(übersetzt von Anne Thomas)

Lenos Verlag, 2021

288 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

Seules les bêtes

Éditions du Rourgue, 2017

Demnächst

Colin Niel: Unter Raubtieren

(übersetzt von Anne Thomas)

Lenos Verlag, 2021

360 Seiten

24 Euro

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

AlloCiné über „Die Verschwundene“

Filmportal über „Die Verschwundene“

Moviepilot über „Die Verschwundene“

Rotten Tomatoes über „Die Verschwundene“

Wikipedia über „Die Verschwundene“ (deutsch, englisch, französisch) und Colin Niel 

Perlentaucher über „Nur die Tiere“


TV-Tipp für den 20. August: Wir sind alle Astronauten

August 20, 2018

Arte, 21.55

Wir sind alle Astronauten (Asphalte, Frankreich 2015)

Regie: Samuel Benchetrit

Drehbuch: Samuel Benchetrit, Gábor Rassov

Tragikomödie über die Bewohner eines typischen Banlieue-Mietshauses in Frankreich. Zum Beispiel eine Schauspielerin, die in den Achtzigern berühmt war. Oder ein Mieter, der den Fahrstuhl nicht benutzten darf, weil er im ersten Stock wohnt. Auch nicht, als er nach einem Unfall im Rollstuhl sitzt. Oder eine Algerierin, die einen Astronauten bewirtet, der darauf wartet, von der NASA abgeholt zu werden.

Alltägliche, unglaubliche und wahre Geschichten

mit Isabelle Huppert, Gustave Kervern, Valeria Bruni Tedeschi, Tassadit Mandi, Jules Benchetrit

Hinweise

AlloCiné über „Wir sind alle Astronauten“

Rotten Tomatoes über „Wir sind alle Astronauten“

Wikipedia über „Wir sind alle Astronauten“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 25. Oktober: Wir sind alle Astronauten

Oktober 25, 2017

Arte, 20.15

Wir sind alle Astronauten (Asphalte, Frankreich 2015)

Regie: Samuel Benchetrit

Drehbuch: Samuel Benchetrit, Gábor Rassov

Tragikomödie über die Bewohner eines typischen Banlieue-Mietshauses in Frankreich. Zum Beispiel eine Schauspielerin, die in den Achtzigern berühmt war. Oder ein Mieter, der den Fahrstuhl nicht benutzten darf, weil er im ersten Stock wohnt. Auch nicht, als er nach einem Unfall im Rollstuhl sitzt. Oder eine Algerierin, die einen Astronauten bewirtet, der darauf wartet, von der NASA abgeholt zu werden.

Alltägliche, unglaubliche und wahre Geschichten

mit Isabelle Huppert, Gustave Kervern, Valeria Bruni Tedeschi, Tassadit Mandi, Jules Benchetrit

Hinweise

AlloCiné über „Wir sind alle Astronauten“

Rotten Tomatoes über „Wir sind alle Astronauten“

Wikipedia über „Wir sind alle Astronauten“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Die introvertierte Komödie „Viva la Libertà“

März 1, 2014

Italien ist – jedenfalls politisch betrachtet – ein Irrenhaus, das damit auch die Vorlage für entsprechende Satiren bietet. Auch „Viva la Libertà“ ist eine Satire auf die italienische Politik.

Enrico Oliveri (Toni Servillo) ist der Vorsitzende der wichtigsten Oppositionspartei. Aber die Umfragen sind mies, alle kritisieren ihn und hoffen doch auf ihn, weil sie keine Alternative haben. Ihm wird das alles zu viel und er verschwindet spurlos. Sein engster Mitarbeiter Andrea Bottini (Valerio Mastandrea) deckt ihn zunächst, aber alle fragen nach Enrico. Da erfährt er von Enricos Bruder Giovanni (wieder Toni Servillo) und als dieser spontan in einem Restaurant einem Polit-Journalisten ein Interview als Enrico gibt und der Journalist glücklich über das Exclusiv-Interview von dannen zieht, hat Bottini eine grandiose Idee. Der Doppelgänger kann doch einige Tage den Parteivorsitzenden spielen. Das Aussehen passt und Giovanni muss halt einfach still sein.

Aber Giovanni, ein exzentrischer Philosoph zwischen Genie und Wahnsinn, der bis vor kurzem in einer geschlossenen Anstalt war und schon seit Ewigkeiten nicht mehr mit seinem Bruder gesprochen hat, denkt nicht daran. Mit einem beseelten Lächeln stellt er sich vor die Mikrofone und becirct die Massen mit halbphilosophischen Sentenzen. Die Öffentlichkeit ist begeistert. Endlich redet ein Politiker Klartext und spricht die Probleme des Landes ohne Scheuklappen an. Für mich waren Giovannis Sätze dagegen nur allgemeines Geplauder, das sich, mit abendländischer Bildung gesättigt, schön anhörte, aber nur mit anderen Worten, teils sogar noch wolkiger, die Sprechblasen der Politiker wiederholte.

Aber neben der Geschichte von Giovanni erzählt Roberto Andò, der die Vorlage und das Drehbuch schrieb und Regie führte, auch die Geschichte von Enrico, der nach Frankreich zu einer alten Geliebten (Valeria Bruni Tedeschi) flüchtete, bei ihr untertaucht, sich mit ihrem neuen Freund, einem Regisseur, über Filme unterhält (denn die Oliveri-Brüder sind auch große Filmfans) und schließlich bei dem Dreh für einen Film mithilft. Hier findet er sein kleines Glück. Jedenfalls für den Moment.

Viva la Libertà“ ist eine im gemäßigten Tempo erzählte melancholische Komödie der leisen Tönen, in der wenig über die italienische Politik (als Politik-Komödie versagt der Film kläglich), aber viel über die Midlife-Crises eines Mannes erfahren. Denn Enrico fragt sich, ob er in der Vergangenheit die richtigen Entscheidungen getroffen hat oder ob er nicht doch mit Danielle und einer Arbeit im Filmgeschäft glücklicher geworden wäre.

Und Toni Servillo (zuletzt „La Grande Bellezza – Die große Schönheit“) liefert in einer Doppelrolle eine weitere Glanzleistung.

Viva la Liberta - Plakat

Viva la Libertà (Viva la Libertà, Italien 2013)

Regie: Roberto Andò

Drehbuch: Roberto Andò, Angelo Pasquin

LV: Roberto Andò: Il trono vuoto, 2012

mit Toni Servillo, Valerio Mastandrea, Valeria Bruni Tedeschi, Michela Cescon, Anna Bonaiuto, Eric Trung Nguyen

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Viva la Libertà“

Moviepilot über „Viva la Libertà“

Rotten Tomatoes über „Viva la Libertà“ (derzeit noch keine Besprechungen)

Wikipedia über „Viva la Libertà“ (englisch, italienisch)


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