Neu im Kino/Filmkritik: Eine Nacht in der Notaufnahme „In den besten Händen“

Raphaela ‚Raf‘ stürzt unglücklich und landet in der Notaufnahme.

Yann wird bei einer Demonstration verletzt und landet ebenfalls in der Notaufnahme eines Krankenhauses mitten in Paris. Vor der Tür gibt es gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den gegen die Regierung protestierenden Gelbwesten. Im Krankenhaus wird wie immer gearbeitet. Mit zu wenig Personal und zu vielen Patienten, die mehr oder weniger stark verletzt sind und mehr oder wenig nervig sind. Wobei Raf und Yann, die im gleichen Zimmer landen, zu den nervigen Patienten gehören.

Raf ist Comcizeichnerin, besorgte Mutter (ihr Sohn demonstriert) und seit zehn Jahren mit ihrer Verlegerin Julie liiert. Jetzt, nachdem Raf in der Nacht der neben ihr schlafenden Julie im Sekundentakt eine Suada aus beleidigenden Kurznachrichten schickte, hatten sie wieder Streit und trennten sich. Danach stürzte Raf unglücklich und brach sich den Arm.

Yann ist auf den ersten Blick das komplette Gegenteil von der hysterischen Raf. Der LKW-Fahrer fuhr, mit dem Firmen-LKW, aus der Provinz nach Paris um dort gegen die Politik von Präsident Macron zu demonstrieren. Bei der Demonstration wurde er von der Polizei verprügelt. In einer Mischung aus panischer Angst seinen Job zu verlieren und sturer Selbstüberschätzung, dass er trotz seiner schweren Beinverletzungen das Krankenhaus verlassen kann, versucht er immer wieder aufzustehen.

Beide sind von ihrer Weltsicht überzeugt, glauben, dass die Welt sich nur um sie dreht und dass alle anderen Idioten sind.

Zwischen ihnen versucht die seit einer Woche in der Nachtschicht arbeitende Krankenschwester Kim (Aissatou Diallo Sagna) zu schlichten. Wenn sie sich nicht, wie meistens, um andere Patienten kümmern muss, die echte Notfälle sind.

In ihrem neuen Film „In den besten Händen“ erzählt „La Belle Saison“-Regisseurin Catherine Corsini, was in einer Nacht in einer Notaufnahme geschieht; wobei es wegen der Proteste eine besondere Nacht ist und Corsini, künstlerisch verdichtet, von einer Nacht erzählt, in der die Hölle los ist. Denn, seien wir ehrlich, wenn alle Nächte in der Notaufnahme so anstrengend wären, würde niemand mehr in der Notaufnahme arbeiten. Trotzdem ist die Situation im Gesundheitswesen auch in Frankreich nicht gut.

Dieser Einblick in die Arbeit in einer Notaufnahme bildet den Hintergrund für das Aufeinanderprallen zweier gegensätzlicher und doch sehr ähnlicher Charaktere. Raf und Yann gehören zwar zwei vollkommen verschiedenen Schichten der französischen Gesellschaft an, aber als Menschen sind sie für ihre Umgebung die meiste Zeit hysterische, egozentrische Nervensägen. Vor allem Raf.

Ihnen zur Seite steht ein Ensemble knapp gezeichneter Figuren, wie die Krankenschwester Kim, Rafs Freundin Julie und Zufallsbegegnungen, die aus „In den besten Händen“ einen richtigen Ensemblefilm machen. Sie bilden einen Mikrokosmos der französischen Gesellschaft und sie zeigen gesellschaftliche Probleme und Verwerfungen auf.

Corsini erzählt das hochenergetisch, oft am Rand der Hysterie und mit viel trockenem, schwarzen und auch verzweifeltem Humor, der entsteht, um eine unerträgliche Situation erträglich zu machen.

Das ist teils etwas platt, teils etwas zu didaktisch (wenn Yann Raf und der gesamten Notaufnahme lautstark erklärt, warum er protestiert) und immer wieder arg plakativ. Eine Nacht in der Notaufnahme, wenn alle Nerven zum Zerreißen gespannt sind, ist halt nicht der Ort für differenzierte Analysen. „In den besten Händen“ ist in jeder Beziehung eine knallige Situationsbeschreibung.

In den besten Händen (La Fracture, Frankreich 2021)

Regie: Catherine Corsini

Drehbuch: Catherine Corsini

mit Marina Foïs, Valeria Bruni Tedeschi, Pio Marmaï, Aissatou Diallo Sagna, Caroline Estremo, Jean-Louis Coulloc’h, Camille Sansterre, Marin Laurens, Ferdinand Perez

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

AlloCiné über „In den besten Händen“

Moviepilot über „In den besten Händen“

Metacritic über „In den besten Händen“

Rotten Tomatoes über „In den besten Händen“

Wikipedia über „In den besten Händen“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Catherine Orsinis „La belle saison – Eine Sommerliebe“ (La belle saison, Frankreich/Belgien 2015) und der Blu-ray

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