Neu im Kino/Filmkritik: Über Park Chan-wooks Noir „Die Frau im Nebel“

Februar 5, 2023

In der südkoreanischen Hafenstadt Busan verunglückt ein Hobby-Bergsteiger tödlich bei einer Klettertour. Jang Hae-joon (Park Hae-il), der ermittelnde Kommissar, vermutet schnell einen Mord. Und er vermutet, dass die jüngere Frau des Toten, die Chinesin Song Seo-rae (Tang Wei), die Täterin ist. Allerdings hat sie ein ausgezeichnetes Alibi: zur Tatzeit pflegte sie als Krankenschwester eine ältere bettlägerige Frau und sie beantwortete einen Kontrollanruf auf dem Telefon der Patientin.

Schon bei ihrer ersten Begegnung herrscht zwischen ihnen diese seltsame Anziehungskraft, die bei Noir-Fans alle Warnglocken ertönen lässt. Trotzdem verliebt Jang sich in die geheimnisvolle Femme Fatale. Der an Schlaflosigkeit leidende Ermittler beginnt sie zu beobachten und durch die nächtliche Stadt zu verfolgen.

Seit seiner Premiere in Cannes, wo „Die Frau im Nebel“ den Preis für die beste Regie erhielt, wird Park Chan-wooks Neo-Noir überall abgefeiert. Er stand auf Jahresbestenlisten, wurde für wichtige Filmpreise nominiert, erhielt bislang auch einige Preise und er dürfte noch weitere Auszeichnungen erhalten.

Trotzdem kann ich die große Begeisterung nur teilweise nachvollziehen. Denn gerade für den Noir-Fan hat das langsam erzählte Krimidrama einige unübersehbare Schwächen. Die weitgehend – Park Chan-wook variiert natürlich ein wenig – bekannte Story ist es nicht. Es sind andere Dinge.

Doch beginnen wir mit dem Positiven. Park Chan-wook inszenierte seinen melancholischen Noir überaus elegant und atmosphärisch. Auch der verschachtelte Wechsel zwischen Zeitebenen, Realität und Fantasie gefällt am Anfang. In der zweiten Hälfte des Films wird dieser ständige Wechsel zunehmend verwirrend und weniger überzeugend verwandt. Sowieso ist diese Hälfte deutlich schlechter. Sie spielt ein Jahr nach dem ersten Mord. In dem Moment, also nach ungefähr achtzig Filmminuten, ist der Mord an dem Bergsteiger aufgeklärt. Jang weiß, dass Song die Mörderin ist und er könnte sie verhaften. Er tut es nicht, aber sie klären ihr Verhältnis zueinander – und der Film könnte zu Ende sein. Aber es geht weiter. Fast eine Stunde lang gibt es eine ermüdende Abfolge zufällger Ereignisse, wie einer zufälligen Begegnung auf einem Markt in Ipo, einem weiteren Mord, in den Song wieder verwickelt ist und in dem Jang wieder der Ermittler ist, arkane Ermittlungen mit einer neuen Partnerin und einem doch etwas umständlichem, ziemlich düsterem Ende. Auch für einen Noir.

Doch das Schicksal von dem obsessiv verliebtem Kommissar und der geheimnisvollen Mordverdächtigen berührt kaum. Ihre Gefühle und Motive bleiben eher verborgen. Das von Park Chan-wook entworfene Beziehungsgeflecht zwischen ihnen ist komplex, aber vor allem ein intellektuelles Spiel. Die elegant und auch gelungene Inszenierung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass einen diese Noir-Geschichte und die Leiden der Figuren emotional kalt lassen. Eben darum ist „Die Frau im Nebel“ definitiv nicht Park Chan-wooks bester Film.

Mit gut zweieinhalb Stunden ist „Die Frau im Nebel“ außerdem eindeutig zu lang. Früher hätte ein Hollywood-Regisseur diese Noir-Geschichte über einen ehrlichen Polizisten, der sich in die falsche Frau verliebt, und einer Femme Fatale, die an ihren Taten leidet, locker in neunzig Minuten erzählt.

Zu Park Chan-wooks früheren Filmen gehören „Joint Security Areas“, „Oldboy“, „Lady Vengeance“, „I’m a Cyborg, but that’s OK“, „Stoker“, „Die Taschendiebin“ und die John-le-Carré-Miniserie „Die Libelle“.

Die Frau im Nebel (Heojil Kyolshim, Decision to leave [internationaler Titel], Südkorea 2022)

Regie: Park Chan-wook

Drehbuch: Park Chan-wook

mit Tang Wei, Park Hae-il, Lee Jung-hyun, Go Kyung-pyo, Park Yong-woo, Jung Yi-seo

Länge: 138 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Die Frau im Nebel“

Metacritic über „Die Frau im Nebel“

Rotten Tomatoes über „Die Frau im Nebel“

Wikipedia über „Die Frau im Nebel“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Park Chan-wooks “Stoker” (Stoker, USA 2012)

Meine Besprechung von Park Chan-wooks „Die Taschendiebin“ (The Handmaiden, Südkorea 2016)


TV-Tipp für den 20. September: Blackhat

September 20, 2018

Vox, 23.00

Blackhat (Blackhat, USA 2014)

Regie: Michael Mann

Drehbuch: Morgan Davis Foehl

Nach einem verheerendem Hackerangriff auf kritische Infrastruktur tun sich chinesische und amerikanischer Sicherheitsleute zusammen. Aber ohne die Hilfe von Nick Hathaway, einem genialen, gerade inhaftierten Hacker, können sie den titelgebenden Blackhat nicht besiegen.

Bislang letzter Film von Michael Mann, der, trotz einiger gelungener Set Pieces und Bilder, nur eine lahme Version von „Miami Vice“ im Hackermilieu ist. „Blackhat“ ist langweiliger Unfug, der gerade so die Qualität eines passablen, aber verzichtbaren B-Pictures erreicht.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Chris Hemsworth, Wang Leehom, Tang Wei, Viola Davis, Hold McCallany, Andy On, Ritchie Coster, John Ortiz, Yorick van Wageningen

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Blackhat“
Moviepilot über „Blackhat“
Metacritic über „Blackhat“
Rotten Tomatoes über „Blackhat“

Wikipedia über „Blackhat“ (deutsch, englisch)

Wired unterhält sich mit Michael Mann über „Blackhat“ und sieht sich mit Experten den Film an

Meine Besprechung der von Michael Mann erfundenen Krimiserie “Vega$ – Staffel 1″ (Vega$, USA 1978/1979)

Meine Besprechung von Michael Manns “Blackhat” (Blackhat, USA 2014)

Michael Mann in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 2. April: Blackhat – Außer Kontrolle

April 1, 2018

ZDF, 23.35

Blackhat (Blackhat, USA 2014)

Regie: Michael Mann

Drehbuch: Morgan Davis Foehl

Nach einem verheerendem Hackerangriff auf kritische Infrastruktur tun sich chinesische und amerikanischer Sicherheitsleute zusammen. Aber ohne die Hilfe von Nick Hathaway, einem genialen, gerade inhaftierten Hacker, können sie den titelgebenden Blackhat nicht besiegen.

Bislang letzter Film von Michael Mann, der, trotz einiger gelungener Set Pieces und Bilder, nur eine lahme Version von „Miami Vice“ im Hackermilieu ist. „Blackhat“ ist langweiliger Unfug, der gerade so die Qualität eines passablen, aber verzichtbaren B-Pictures erreicht.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Chris Hemsworth, Wang Leehom, Tang Wei, Viola Davis, Hold McCallany, Andy On, Ritchie Coster, John Ortiz, Yorick van Wageningen

Wiederholung: Mittwoch, 4. April, 00.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Blackhat“
Moviepilot über „Blackhat“
Metacritic über „Blackhat“
Rotten Tomatoes über „Blackhat“

Wikipedia über „Blackhat“ (deutsch, englisch)

Wired unterhält sich mit Michael Mann über „Blackhat“ und sieht sich mit Experten den Film an

Meine Besprechung der von Michael Mann erfundenen Krimiserie “Vega$ – Staffel 1″ (Vega$, USA 1978/1979)

Meine Besprechung von Michael Manns “Blackhat” (Blackhat, USA 2014)

Michael Mann in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Michael Mann zieht den „Blackhat“ an

Februar 5, 2015

Wie zeige ich Computercodes, das Internet und den Cyberkrieg? Schwierig, aber in den vergangenen Jahren gab es ja einige interessante Ideen. Michael Mann, einer der stilprägenden und stilistisch überzeugendsten Regisseure der verganenen Jahrzehnte, stand in seinem neuen Thriller „Blackhat“ ebenfalls vor der Frage. Denn in dem Film geht es um den Cyberwar, einen skrupellosen Gangster und zwei Männern, die gegen ihn kämpfen.
Es beginnt mit Angriffen auf das Chai Wan Atomkraftwerk in Hong Kong und die Börse in Chicago. Den ersten Angriff zeigt Michael Mann in einer atemberaubenden Montage, in der die Kamera sich von China durch Datenleitungen und Computer zu einem weit entfernten Ort rast, wo die Kamera sich aus einem Computer heraus in das Zimmer bewegt, in dem der Verbrecher, mit einem Tastendruck seine Schadsoftware losschickt. Beim zweiten und dritten Verwenden dieser Montage fällt dann vor allem die bescheidene Animation auf. Die restliche Zeit lässt Mann, wenn er die Computerspezialisten bei der Arbeit beobachtet, dann Männer angestrengt auf Bildschirme blicken (langweilig!) und zeigt einen mit grünen Buchstaben, Zahlen und Ziffern gefüllten schwarzen Bildschirm. Das ist noch langweiliger (jaja, in der Wirklichkeit ist das so) und erinnert an die Uralt-Cybercrimethriller aus den Achtzigern und Neunzigern, die heute sogar durch die nostalgische Brille betrachtet, nur langweiliger Unfug sind. Und genau das ist „Blackhat“: langweiliger Unfug, der gerade so die Qualität eines passablen, aber verzichtbaren B-Pictures erreicht, das sich mit einer sattsam bekannten Story einfach an ein aktuelles Thema, wie Drogenhandel, Terrorismus oder halt Cybercrime, ranhängt. Da hilft es auch nichts, dass Computerexperten sich über die richtige Verwendung von Fachbegriffen und der richtigen Darstellung von Abläufen freuen.
Denn der Plan des extrem blassen und austauschbaren Bösewichts ist hirnrissig, sichert ihm aber die uneingeschränkte Aufmerksamkeit aller Sicherheitsbehörden von zwei normalerweise miteinander verfeindeter Weltmächte. Als erstes jagt er ein AKW in die Luft. Danach manipuliert er die Börse. Das waren die unauffälligen Testläufe seiner Software. Sein nächstes Ziel bleibt lange im Dunkeln, aber unsere tapferen Helden entdecken es mit einer Sherlock-Holmes-würdigen Deduktion.
Der Held, gespielt von Chris Hemsworth, ist der Super-Supermann: der beste Hacker der Galaxis, sportlich, an allen möglichen und unmöglichen Waffen ausgebildet, philosophisch bewandert und ein echter Frauenheld, der sich in die sexy Schwester von seinem Unifreund verliebt. Der Unifreund, ebenfalls ein begnadeter Hacker, Chinese und jetzt im Staatsdienst, will bei der Jagd nach dem unbekannten Saboteur unbedingt seinen alten Kumpel Nick Hathaway haben. Denn ein Teil der Schadsoftware wurde von Hathaway an der Uni, als kleine Entspannungsübung, geschrieben.
Dieses Dreieck von zwei miteinander befreundeten Männern und einer Frau erinnert an „Miami Vice“. Sowieso wirkt „Blackhat“ oft wie „Miami Vice 2“, der allerdings nie die hypnotische Qualität erreicht, die „Miami Vice“ in seinen besten Momenten hatte. „Miami Vice“ ist allerdings auch ein eher konfuses Remake der TV-Serie mit einem größeren Budget, aber ohne neue Erkenntnisse.
Auch all die anderen vertrauten Michael-Mann-Elemente sind da: die Männerfreundschaften, die dünne Grenze zwischen Gut und Böse, die Beziehungen der Charaktere zueinander, die tollen Bilder (allerdings viel zu wenige; meistens sind es eben Nahaufnahmen von Menschen, die in Räumen an Schreibtischen sitzen), die Musik. Aber immer wirkt es wie eine Pflichtübung.
Die Story ist eine Ansammlung von Klischees, die wir aus besseren Filmen kennen. Denn „Blackhat“ kann sich nie entscheiden, was in welchem Tonfall seine Geschichte erzählt werden soll. So schwankt der Film unentschlossen zwischen einem realistichen Hackerkrimi, einem eskapistischer James-Bond-Film, einem Neo-Noir, der dieses Mal vor exotischer Kulisse spielt, und, gegen Ende, einem Gangsterthriller.
Und diese Filmgeschichte ist – trotz des realen Hintergrundes und den stimmigen Details – unglaubwürdig. Eigentlich verharmlost sie in der Post Snowden-Ära die realen Gefahren des Cyberkriegs, indem die altbekannte Geschichte von dem Einzelgänger, der im Alleingang den Bösewicht (der als Handlanger einige Terroristen und Söldner hat) in einer ganz und gar irdischen Konfrontation besiegt. Sozusagen: Nick Hathaway gegen Doktor Mabuse.
Das ist nicht besonders beeindruckend.

Blackhat - Plakat

Blackhat (Blackhat, USA 2014)
Regie: Michael Mann
Drehbuch: Morgan Davis Foehl
mit Chris Hemsworth, Wang Leehom, Tang Wei, Viola Davis, Hold McCallany, Andy On, Ritchie Coster, John Ortiz, Yorick van Wageningen
Länge: 133 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Blackhat“
Moviepilot über „Blackhat“
Metacritic über „Blackhat“
Rotten Tomatoes über „Blackhat“
Wikipedia über „Blackhat“
Wired unterhält sich mit Michael Mann über „Blackhat“ und sieht sich mit Experten den Film an

Meine Besprechung der von Michael Mann erfundenen Krimiserie “Vega$ – Staffel 1″ (Vega$, USA 1978/1979)

Michael Mann in der Kriminalakte

Pressekonferenz zum Film mit Michael Mann und einigen der Schauspieler

Nachtrag (6. Februar 2015): In der SZ gibt es einen lesenswerten Artikel von Hakan Tanriverdi, der sich mit den wahren Gefahren des Cyberkriegs als Krieg beschäftigt und der damit auch „Blackhat“ einem Realitätstest unterzieht. Tanriverdi kommt zu einem ernüchterndem Ergebnis: weltweit gibt es ein, zwei Fälle, die man als ‚Krieg‘ bezeichnen kann und die, wie „Stuxnet“, nur über Computer verübt wurden.

Spionage ist ein anderes Thema.