Neu im Kino/Filmkritik: Über den Zeitreise-Kinderkrimi „Das geheime Stockwerk“

März 14, 2026

Als der zwölfjährige Karli in dem Lastenaufzug des früheren, in den Alpen liegenden Nobelhotels, das seine Eltern jetzt renovieren, gleichzeitig zwei bestimmte Knöpfe drückt, öffnen sich die Fahrstuhltüren nicht mehr in der Gegenwart, sondern im Jahr 1938. Damals herrschte in dem Hotel reges Treiben. In der Lobby des Hotels trifft er die gleichaltrige, ziemlich altkluge und patente Hannah Friedländer. Die aus Berlin kommende Jüdin gastiert mit ihrem Vater in dem Grandhotel. Karli lernt auch den ebenfalls gleichaltrige Schuhputzer Georg, den Hotelpianisten Bruno und die Brüder Heinrich und Herrmann, die verzogenen, skrupellosen und gewaltgeneigten Kinder des ebenfalls in dem Hotel logierenden Nazis Otto Hartwig, kennen.

Als Georg verdächtigt wird, Hotelgäste bestohlen zu haben, wollen Karli und Hannah die Unschuld ihres Freundes beweisen.

Gleichzeitig nerven Karli in der Gegenwart seine Eltern. Er soll nicht immer spurlos verschwinden. Er soll nicht zu spät zum Essen kommen. Er soll, trotz Schulferien, bei der Renovierung helfen. Er soll sich mit den Dorfjugendlichen befreunden. Dass er im Hotel keinen Handyempfang hat, ärgert ihn in der Gegenwart. In der Vergangenheit funktioniert sein Handy dann überhaupt nicht mehr. Und der Fahrstuhl funktioniert nur in eine Richtung. D. h. er kann in die Vergangenheit fahren, aber er kann niemand aus der Vergangenheit mit in die Gegenwart nehmen.

Es gibt sie noch: deutsche Kinderfilme, die nicht zu poppig-bunten Flachwitzorgien ausarten oder die sozialkritische Dramen für Erwachsene sind. „Das geheime Stockwerk“ erzählt eine – für Kinder – spannende Kriminal- und Zeitreisegeschichte. Dabei wird auch über den Nationalsozialismus informiert und der Frage nachgegangen, warum sich damals so wenige Menschen gegen den Terror wehrten. Es sind Fragen, die Karli beschäftigen, nachdem er 1938 Hannah und all die anderen Menschen im Hotel kennen lernt.

Es gibt Humor, präzise gezeichnete Figuren, nachvollziehbare Konflikte – und ein zu Herzen gehendes Ende. Dafür erhielt „Das geheime Stockwerk“ 2025 den Goldenen Spatz.

Das geheime Stockwerk (Deutschland/Österreich/Luxemburg 2025)

Regie: Norbert Lechner

Drehbuch: Antonia Rothe-Liermann, Katrin Milhahn

mit Silas John, Annika Benzin, Maximilian Reinwald, André Jung, Marie Jung, Marc Limpach, Maximilian Simonischek, Konstantin Horn, Ben Winkler, Tobias Resch, Franz Buchrieser

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Das geheime Stockwerk“

Moviepilot über „Das geheime Stockwerk“

Wikipedia über „Das geheime Stockwerk“


Neu im Kino/Filmkritik: Über Margarethe von Trottas „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“

Oktober 20, 2023

Manchmal läuft es dumm. Margarethe von Trotta drehte ihren Film über Ingeborg Bachmann im Frühjahr 2022. Im Mittelpunkt steht die Beziehung der Dichterin zu Max Frisch.

Zwischen dem Ende der Dreharbeiten und der Premiere auf der diesjährigen Berlinale im Wettbewerb wurde im November 2022 der bis dahin nicht veröffentllichten Briefwechsel zwischen Bachmann und Frisch veröffentlicht. Die Briefe werfen ein neues Licht auf die offene Beziehung zwischen den beiden Dichtern und sie widerlegten einige Legenden über diese Beziehung.

Damit war der Film als faktengetreuer Blick durch das Schlüsselloch schon vor der Premiere überholt. Insofern betrachtet man „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“ besser nicht als quasi-dokumentarisches Biopic, sondern als die Geschichte einer toxischen Liebesgeschichte, die in den späten fünfziger und sechziger Jahren im Künstlermilieu spielt und unnötig verschachtelt erzählt wird. Von Trotta springt nämlich hin und her zwischen Szenen, in denen Ingeborg Bachmann, von Alpträumen geplagt, im Krankenhaus behandelt wird, zurück zu ihrer vier Jahre dauernden Beziehung zu Max Frisch und zu einer Reise nach Ägypten, bei der sie von dem jüngeren Schriftsteller Adolf Opel begleitet wird.

Weil von Trotta Jahreszahlen nicht nennt, fällt es schwer, die einzelnen Rückblenden in eine chronologische Struktur einzuordnen. Das wäre wichtig, um zu wissen, an welchem Punkt ihrer Beziehung zu Max Frisch Ingeborg Bachmann gerade steht. Von Trotta stellt auch die verschiedenen prominenten Freunde von Ingeborg Bachmann namentlich nicht weiter vor. So erfahren wir erst im Abspann, dass der Pianist, den sie in Rom besucht und mit dem sie offen redet, nicht irgendein Pianist, sondern der Komponist Hans Werner Henze ist.

Die im Zentrum des Films stehende Beziehung zwischen Ingeborg Bachmann (1926 – 1973) und Max Frisch (1911 – 1991) dauerte von 1958 bis 1962. Sie beginnt mit einem Brief von ihm, in dem er schreibt, wie sehr ihn ihr Hörspiel „Der gute Gott von Manhattan“ beeindruckt hatte. Er lädt sie nach Paris zur Premiere von seinem Stück „Biedermann und der Brandstifter“ ein. Sie verlieben sich und beginnen eine offene Beziehung, die von beiden ausgenutzt wird.

Im Film sind die Rollen schnell und sehr eindeutig verteilt. Max Frisch (Ronald Zehrfeld) ist ein bräsiger, teils selbstmitleidiger Egomane, der die gesamte Aufmerksamkeit auf sich zieht und Ingeborg Bachmann (Vicky Krieps), von der er abhängig ist, mehr oder weniger subtil terrorisiert. Sie braucht Ruhe für ihre dichterische Arbeit. Er hämmert seine Texte auf einer Schreibmaschine, die durch das gesamte Haus donnert. Er kann, weil er glaubt, in ihrem Schatten zu stehen, ihren Erfolg als Dichterin nicht akzeptieren. Rücksichtslos treibt er die zarte Dichterin in den Wahnsinn und den Tod. So weit, so eindeutig und so langweilig und unglaubwürdig. Denn es ist nie nachvollziehbar, warum eine erfolgreiche, freiheitsliebende und auch selbstbewusste Dichterin sich von so einem uninteressanten Mann abhängig macht.

Es ist schon erstaunlich, dass von Trotta, die vor elf Jahren Leben und Denken von Hannah Arendt kongenial in den Griff bekam, hier so versagt. In „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“ erzählt sie nur, ziemlich verworren, eine Beziehungsgeschichte, die bei ihr weiter banalisiert wird.

Dabei zeigt schon ein Blick in den Wikipedia-Eintrag über Ingeborg Bachmann, dass ihr Leben die Grundlage für mindestens ein gutes Biopic ist. Dieser Film ist es nicht.

Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste (Schweiz, Österreich/Deutschland/Luxemburg 2023)

Regie: Margarethe von Trotta

Drehbuch: Margarethe von Trotta

mit Vicky Krieps, Ronald Zehrfeld, Tobias Resch, Basil Eidenbenz, Luna Wedler, Marc Limpach

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“

Moviepilot über „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“

Rotten Tomatoes über „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“

Wikipedia über „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Margarethe von Trottas “Hannah Arendt” (Deutschland 2012; DVD-Besprechung)

Meine Besprechung von Margarethe von Trottas „Auf der Suche nach Ingmar Bergman (Deutschland 2018)

Meine Besprechung von Cuini Amelio Ortiz/Peter Altmanns Dokumentarfilm „Margarethe von Trotta – Zeit der Frauen“ (Italien/USA/Deutschland 2021)