Neu im Kino/Filmkritik: Über die neueste Verfilmung von Victor Hugos „Les Misérables – Die Geschichte von Jean Valjean“

April 2, 2026

Victor Hugos „Die Elenden“ besteht aus fünf Bänden. In der alten Diogenes-Ausgabe von 1986, die ich besitze (und als Jugendlicher verschlungen habe [Wer braucht schon den „Herr der Ringe“, wenn er Jean Valjean hat?]) erstreckt sich Hugos epischer, immer wieder lustvoll ausfransender Roman auf fünf Bücher und insgesamt, mit allen Anmerkungen, 1856 engbedruckte Seiten.

Der Roman ist ein Klassiker. Französisches Kulturgut und immer wieder verfilmt mit Stars und Pomp. Meistens wird der gesamte Roman als Epos verfilmt. Schließlich erzählt Hugo eine ereignisreiche Abenteuergeschichte, die gut als Film funktioniert.

In seiner Verfilmung geht Éric Besnard den anderen Weg. Er konzentriert sich auf einen kleinen, aber sehr wichtigen Teil der von Hugo über viele Seiten erzählten Geschichte. Besnard verfilmte nur das Zweite Buch („Der Rückfall“) des ersten Bandes. In diesem siebzig Seiten umfassendem Buch erzählt Hugo, wie die Begegnung mit einen Geistlichen dazu führt, dass Jean Valjean zu einem anderen Menschen wird. In dem Moment legt Hugo das Fundament für den weiteren Roman. Ohne diese Begegnung gäbe es nicht den Jean Valjean, den die Welt aus dem Roman und den vielen, vielen Verfilmungen kennt.

Im Dezember 1815 kehrt der gerade nach zwanzig Jahren aus der Haft entlassene Jean Valjean bei einem Priester ein. Der nimmt ihn freundlich und ohne Vorurteile auf. Trotzdem bestiehlt der verbitterte, von der Gesellschaft gemiedene und als Ex-Sträfling verachtete Valjean ihn. Als Gendarmen Valjean auf seiner Flucht verhaftet und Bienvenu das gestohlene wertvolle Silberbesteck zurückgeben wollen, sagt Bienvenu, er habe Valjean die Gegenstände geschenkt und er gibt dem ihm, vor den Augen der Polizei, noch zwei wertvolle Kerzenleuchter.

Diese Begegnung führt dazu, dass Valjean über seine Haltung zur Welt nachdenkt. Er wird zum geläuterten Mann und will fortan nur noch Gutes tun. Dafür setzt er sein Vermögen, das er sich ausgehend von dem Silberbesteck und dem Kerzenleuchter erarbeitete, ein.

Besnards Kammerspiel enthällt wie in einem Brennglas die zentralen Konflikte des Romans. Im Mittelpunkt der in sich abgeschlossenen Geschichte stehen Jean Valjean und der Geistliche Bienvenue. Er ist ein Bischof, der auf allen Prunk verzichtet. Seine Schwester und seine Magd wohnen bei ihm und bringen weitere Perspektiven ein.

Einige kurze Rückblenden in Valjeans Leben – er wurde für den Diebstahl eines Stückes Brot und mehrere Fluchtversuche zu insgesamt neunzehn Jahren Zuchthaus verurteilt – Bienvenues Leben vermitteln weitere Informationen über diese beiden gegensätzlichen Männer.

Im Zentrum der Begegnung zwischen dem Sträfling und dem Geistlichen stehen dabei heute immer noch aktuelle Fragen, die in einem deutlich anderem Rahmen auch in der ebenfalls diese Woche startenden schwarzen Hochzeitskomödie „Das Drama“ behandelt werden.

Durch diese Konzentration auf eine kurze Episode, wenige Personen, gespielt von guten Schauspielern, die auch schweigend viel sagen, und wenige, eigentlich nur einen Handlungsort umgeht Besnard die Gefahr, sich entscheiden zu müssen, was er weglässt oder er nur noch episodisch und oberflächlich erzählt, während er versucht, alle wichtigen Ereignisse in einen langen Film zu pressen. Es gelingt ihm auch so.

Les Misérables – Die Geschichte von Jean Valjean (Jean Valjean, Frankreich 2025)

Regie: Éric Besnard

Drehbuch: Éric Besnard

LV: Victor Hugo: Les Misérables, 1862 (Die Elenden)

mit Grégory Gadebois, Bernard Campan, Alexandra Lamy, Isabelle Carré

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Les Misérables – Die Geschichte von Jean Valjean“

AlloCiné über „Les Misérables – Die Geschichte von Jean Valjean“

Rotten Tomatoes über „Les Misérables – Die Geschichte von Jean Valjean“

Wikipedia über „Les Misérables – Die Geschichte von Jean Valjean“ (deutsch, französisch)


TV-Tipp für den 2. Juni: Die Elenden

Juni 1, 2024

Arte, 20.15

Die Elenden (Les Misérables, Frankreich 1995)

Regie: Claude Lelouch

Drehbuch: Claude Lelouch

LV: Victor Hugo: Les Misérables, 1862 (Die Elenden)

Genaugenommen handelt es sich nicht um eine TV-Premiere, weil der fast dreistündige Film bereits schon mindestens einmal im deutschen Fernsehen lief (laut OFDb am 9. Oktober 1999 um 06.05 Uhr auf RTL II [kein Kommentar]). Aber er ist hier vollkommen unbekannt, obwohl Claude Lelouch („Ein Mann und eine Frau“) die Regie führte und das Drehbuch schrieb, Jean-Paul Belmondo die Hauptrolle spielt (und er dabei in drei Rollen brilliert), die Vorlage Victor Hugos „Les Misérables“, ein vielfach verfilmter Nationalklassiker, ist, der Film in Frankreich in der Startwoche auf dem ersten Platz stand, er von Kritikern gelobt wurde und den Golden Globe als bester fremdsprachiger Film erhielt.

Bemerkenswert bei Lelouchs Adaption von Hugos Roman, der die Geschichte des ehemaligen Sträflings Jean Valjean erzählt, der nach seiner Haft in der Gesellschaft aufsteigt, aber immer Angst davor hat, dass jemand von seiner Haft erfährt, sind die Freiheiten, die Lelouch sich nimmt. Er verlegt die Geschichte in die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und er lässt die Geschichte auf mehreren Zeitebenen spielen, unter anderem während der Nazi-Zeit.

mit Jean-Paul Belmondo, Michel Boujenah, Alessandra Martines, Salomé Lelouch, Annie Girardot, Philippe Léotard, Robert Hossein

auch ‚bekannt‘ als „Les Misérables“

Wiederholung: Sonntag, 9. Juni, 11.25 Uhr

Hinweise

Arte über den Film (nach der Ausstrahlung in der Mediathek neben anderen Filmen von Claude Lelouch)

AlloCiné über „Die Elenden“

Rotten Tomatoes über „Die Elenden“

Wikipedia über „Die Elenden“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Claude Lelouchs „Die schönsten Jahre eines Lebens“ (Les plus belles années d’une vie, Frankreich 2019)


TV-Tipp für den 7. November: Die Legion der Verdammten

November 7, 2013

 

MDR, 23.35

Die Legion der Verdammten (Frankreich/Italien 1982, R.: Robert Hossein)

Drehbuch: Alain Decaux, Robert Hossein

LV: Victor Hugo: Les Misérables, 1982 (Die Elenden)

Der Galeerensträfling Jean Valjean will ehrlich leben.

Sehr gelungene Romanverfilmung, die sich auf die Handlung von Victor Hugos Epos konzentrierte. Dummerweise sind gerade die Abschweifungen der eigentlich interessante Punkt des epischen Romans. Denn die Geschichte des geläuterten Sträflings und des ihn hartnäckig verfolgenden Polizisten in den Wirren der französischen Politik im frühen 19. Jahrhundert ist reinste Kolportage.

Im Kino lief eine dreistündige Fassung, heute wird eine 200-minütige Fassung präsentiert und für das französische Fernsehen entstand sogar eine gut vierstündige Fassung, die wahrscheinlich mit dieser Fassung ziemlich identisch ist.

Ach ja: Lest den Roman!

mit Lino Ventura, Michel Bouquet, Evelyne Bouix, Christiane Jean, Jean Carmet, Francoise Seigner

Hinweise

Wikipedia über Victor Hugo, den Roman und „Die Legion der Verdammten“

Meine Besprechung des Films “Die Abenteurer” (nach einem Buch von José Giovanni, mit Lino Ventura)

Kriminalakte über Lino Ventura