TV-Tipp für den 19. September: Bis dann, mein Sohn

September 18, 2022

Arte, 21.45

Bis dann, mein Sohn (Di jiu tian chang, Volksrepublik China 2019)

Regie: Wang Xiaoshuai

Drehbuch: A Mei, Wang Xiaoshuai

TV-Premiere. Dreistündiges, drei Jahrzehnte umspannendes, nicht chronologisch erzähltes Epos, das von zwei normalen Familien und ihrem Leben in einem sich ab den frühen Achtzigernrapide wandelndem China erzählt.

Wang Xiaoshuai („Beijing Bicycle“) erzählt das mit großem Atem und mit vielen Andeutungen, die wahrscheinlich nur für Chinesen verständlich sind. Ich empfand am Ende des Films jedenfalls mehr Bewunderung für alle möglichen Aspekte das Films als Begeisterung für das gesamte Werk.

Auf der Berlinale erhielten Yong Mei als beste Darstellerin und Wang Jingchun als bester Darsteller einen Silbernen Bären.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Wang Jingchun, Yong Mei, Qi Xi, Wang Yuan, Du Jiang, Ai Liya, Xu Cheng, Li Jingjing, Zhao Yanguozhang

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Bis dann, mein Sohn“

Metacritic über „Bis dann, mein Sohn“

Rotten Tomatoes über „Bis dann, mein Sohn“

Wikipedia über „Bis dann, mein Sohn“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Bis dann, mein Sohn“

Mein Besprechung von Wang Xiaoshuais „Bis dann, mein Sohn“ (Di jiu tian chang, Volksrepublik China 2019)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Wang Xiaoshuais „Bis dann, mein Sohn“

November 19, 2019

Über drei Stunden nimmt sich Wang Xiaoshuai, um in seinem neuen Film „Bis dann, mein Sohn“ die sich über drei Jahrzehnte erstreckende Geschichte zweier Familien zu erzählen.

Sein Epos beginnt in den frühen achtziger Jahren im Norden Chinas. Liu Yaojun, seine Frau Wang Liyun, Shen Yingming und seine Li Haiyan arbeiten in einer Metallfabrik. Sie wohnen im dazu gehörendem Wohnheim. 1982 kommen am gleichen Tag ihre Kinder Xingxing und Haohao zur Welt. Als Liyun vier Jahre später wieder schwanger wird, wird sie von ihrer Freundin und Vorgesetzten Haiyan im Rahmen der kompromisslos durchgesetzten Ein-Kind-Politik zur Abtreibung gezwungen. 1994 stirbt Xingxing im Staudamm bei einem Badeunfall. Sein Freund Haohao war dabei.

Danach ziehen Yaojun und Liyun nach Südchina. Sie adoptieren eine Jungen, den sie Xingxing nennen. Sie leben ärmlich und isoliert von den Einheimischen.

2011 besuchen sie wieder die Industriestadt im Norden Chinas, die sie kaum wiedererkennen. Aus der früheren Arbeiterstadt wurde eine moderne Metropole. Sie treffen auch Yingming, Haiyan und Haohao wieder.

Wang Xiaoshuai („Beijing Bicycle“, „Shanghai Dreams“) erzählt diese sich über drei Jahrzehnte erstreckende Geschichte in langen Einstellungen, in denen wenig geredet und wenig erklärt wird. Damit bleiben dann sicher viele Anspielungen, die Chinesen sofort verstehen, für alle anderen unverständlich. Verständlich sind in jedem Fall die Folgen der rücksichtslos durchgesetzten Ein-Kind-Politik, die Wang erstaunlich negativ darstellt. Auch die Vergangenheit erscheint sehr oft in einem sehr düsteren Licht, was aufgrund der totalitären Strukturen Chinas und der staatlichen Zensur durchaus erstaunlich ist. Abgemildert wird die Kritik an China durch die im Film erzählte Zeitspanne. Während das Leben in Nordchina und in der Fabrik mit angegliedertem Wohnheim in seiner Kargheit noch sehr an die fünfziger Jahre erinnert und es in Südchina nicht fortschrittlicher aussieht, unterscheidet sich die Arbeiterstadt 2011 optisch kaum von einer westlichen Großstadt. Insofern erzählt „Bis dann, mein Sohn“ auch die Geschichte einer umfassenden, in wenigen Jahren vollzogenen Modernisierung. Jedenfalls an der Oberfläche.

Wang springt dabei in seiner doppelten Familiengeschichte immer wieder zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her. Dabei ist nicht immer ersichtlich, wann die Szene spielt. Außerdem richtet sich sein Film vor allem an ein chinesisches Publikum, das die Anspielungen mühelos versteht und die Hintergründe kennt. Für einen Westler, der wenig über China weiß, bleibt da etliches unverständlich. Vielleicht auch deshalb empfand ich nach den drei Stunden vor allem Bewunderung für jeden nur denkbaren Aspekt des Films, aber keine echte Begeisterung.

Auf der Berlinale erhielt „Bis dann, mein Sohn zwei Silberne Bären. Yong Mei als beste Darstellerin. Wang Jingchun als bester Darsteller.

Bis dann, mein Sohn (Di jiu tian chang, Volksrepublik China 2019)

Regie: Wang Xiaoshuai

Drehbuch: A Mei, Wang Xiaoshuai

mit Wang Jingchun, Yong Mei, Qi Xi, Wang Yuan, Du Jiang, Ai Liya, Xu Cheng, Li Jingjing, Zhao Yanguozhang

Länge: 185 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Länge

Homepage zum Film

Moviepilot über „Bis dann, mein Sohn“

Metacritic über „Bis dann, mein Sohn“

Rotten Tomatoes über „Bis dann, mein Sohn“

Wikipedia über „Bis dann, mein Sohn“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Bis dann, mein Sohn“


Neu im Kino/Filmkritik: Am Ende gibt es ein „Feuerwerk am helllichten Tag“

Juli 24, 2014

Mit „Feuerwerk am helllichten Tag“ gewann Diao Yinan den diesjährigen Goldenen Bären, den Hauptpreis der Berlinale. Es ist, wie es sich für einen Berlinale-Gewinner gehört, ein Film, der einen Blick in eine fremde Kultur eröffnet und sich mit dieser kritisch auseinandersetzt. Es ist also ein ‚wichtiger‘ Film. In „Black Coal, Thin Ice“ (so der Berlinale-Titel) ist es das heutige China und für seine Gesellschafts- und Systemkritik bediente Yinan sich beim Film Noir und dem Polizeifilm. Beide Genres eignen sich vorzüglich zur Gesellschaftskritik; wobei der Polizeifilm unter dem Mantel der Verbrechensaufklärung einfacher die Ursachen und gesellschaftlichen Folgen von Problemen ansprechen kann, während der Film noir seine Geschichten eher im psychologischen ansiedelt, wenn der Protagonist sich in die falsche Frau, die skrupellose, männermordende Femme Fatale, verliebt und sie ihn ins Verderben stürzt. Auch in „Feuerwerk am hellichten Tag“ verliebt ein Mann sich in die falsche Frau.

Der Film beginnt 1999 in einer nordchinesischen Provinz, die vom Kohlebergbau abhängig ist. An verschiedenen, weit auseinanderliegenden Orten werden Leichenteile gefunden. Die Polizei ist zunächst ratlos, aber nachdem sie herausfinden, dass der Tote Arbeiter in einem Kohlekraftwerk war, wissen sie auch, wie die Teile von einer Person über das halbe Land verteilt werden konnten.

Als der ermittelnde Polizist Zhang Zili den mutmaßlichen Täter verhaften will, geht die Verhaftung grotesk schief. Am Ende der blutigen Slapstickszene, die sich vollkommen vom Tonfall des restlichen Films unterscheidet, sind vier Menschen, darunter zwei Polizisten und der Verdächtige, tot. Zili wird schwer verletzt und quittiert den Dienst.

Fünf Jahre später arbeitet er als Wachmann und ist ein Trinker. Da trifft er einen alten Kollegen, der ihm sagt, dass sie Wu Zhizhen beobachten. Zhizhen war damals die trauernde Witwe. Jetzt ist sie mit dem Chef einer kleinen Wäscherei liiert und in zwei neuen Mordfällen hatte sie Verbindungen zu den Opfern. Zilis Kollege Wang, der jetzt die Ermittlungen leitet, glaubt, dass sie mehr über die Morde weiß. Aber er hat keine Beweise.

Zili, der außerdem immer noch an seiner funf Jahre zurückliegenden Scheidung zu knappern hat, beginnt Zhizhen zu beobachten und er spricht sie an. Sie erkennt ihn nicht und will zunächst nichts von ihm wissen. Aber dann beginnen sie doch eine vom gegenseitigem Mißtrauen überschattete Beziehung. Immerhin könnte Zili ihr nächstes Opfer werden.

Aber Zhizhen ist viel zu zurückhaltend und zu passiv für die klassische Femme Fatale.

Sowieso ist „Feuerwerk am hellichten Tag“ viel zu kühl und zu offen inszeniert, um jemals wirkliches Interesse an den introvertiert-schweigsamen, eher passiven Charakteren aufkommen zu lassen. Das ist so ziemlich das Gegenteil von ähnlich gelagerten Neo-Noirs aus den USA, wie „Sea of Love“ oder „Basic Instinct“, in denen sich ebenfalls ein reichlich derangierter Polizist in eine Mordverdächtige verliebte.

Es gibt in Yinans Film auch zu viele Szenen, die die Geschichte in keinster Weise voranbringen. Wenn zum Beispiel in Echtzeit eine Glasflasche langsam eine lange Treppe hinunterrollt oder wenn, in einer langen Kamerafahrt, ein Moped durch einen Tunnel fährt, einen im Schnee liegenden Mann umkreist (es ist Zili) und der Mopedfahrer mit Zilis Motorrad verschwindet, dann sieht das gut aus, ist aber nur eine l’Art pour l’Art.

Unter der Oberfläche des Krimiplots und der Liebesgeschichte werden auch viele aktuelle Probleme Chinas und der Industrialisierung angesprochen. Allerdings dürften außerhalb Chinas die meisten Anspielungen nicht verstanden werden. Teils weil uns das Wissen fehlt, teils weil die Kritik so subtil formuliert wird, dass die chinesische Zensurbehörde nur einige kleine Änderungen verlangte. In China wurde der Film, was für seine gesellschaftliche Relevanz spricht, ein veritabler Hit. Innerhalb von zwanzig Tagen spielte er über 100 Millionen Yuan ein, während normalerweise solche kleineren Filme lediglich ein bis zwei Millionen Yuan einspielen.

So gelungen „Feuerwerk am helllichten Tag“ formal ist, so wenig hat er mich emotional gepackt. Auch weil mich kein Charakter wirklich interessierte und vieles auf einprägsame Bilder hin inszeniert wurde, ohne die verrätselte Geschichte wirklich voranzubringen.

Feuerwerk Am Helllichten Tage - Plakat

Feuerwerk am helllichten Tag (Bai Ri Yan Huo, China/Hongkong 2014)

Regie: Diao Yinan

Drehbuch: Diao Yinan

mit Liao Fan, Gwei Lun Mei, Wang Xuebing, Wang Jingchun, Yu Ailei, Ni Jingyang

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Feuerwerk am helllichten Tag“

Moviepilot über „Feuerwerk am helllichten Tag“

Rotten Tomatoes über „Feuerwerk am helllichten Tag“

Wikipedia über „Feuerwerk am helllichten Tag“ (deutsch, englisch)

Berlinale: Pressekonferenz zum Film


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