Neu im Kino/Filmkritik: „Send Help“, Sam Raimi besucht eine Insel

Januar 29, 2026

Linda Liddle (Rachel McAdams) ist eine gute Angestellte. Im Umgang mit anderen Menschen ist sie etwas seltsam, um nicht zu sagen anstrengend und nervig.

Der neue Besitzer der Firma ist Bradley Preston (Dylan O’Brien). Von seinem verstorbenem Vater hat er jetzt das Firmenimperium übernommen. Seine Kompetenz als Chef beschränkt sich darauf, der oberflächliche, kapitalistische Dummkopf zu sein, dem bisher alles in den Schoß fiel. Er ist das komplette Gegenteil von Linda, die seit Jahren in ihrem Bereich Strategie und Planung exzellente, kaum bis überhaupt nicht gewürdigte Arbeit leistet.

Nach einem Flugzeugabsturz sind Linda und Bradley die einzigen Überlebenden. Immerhin bietet ihnen die malerische Südseeinsel alle Annehmlichkeiten, die die Natur einem bieten kann. Weil es keine anderen Menschen, Funkgeräte oder funktionierende Smartphones gibt, müssen sie abwarten, bis sie von einer Suchmannschaft entdeckt werden.

Bis dahin müssen Linda und Bradley miteinander auskommen und überleben.

Dabei ist Survival-Fan Linda die kompetene Person, die einen Unterstand baut, Essen besorgt und Bradley versorgt. In dem Moment liegt Bradley noch schwer verletzt am Strand. Später ist er auch keine große Hilfe.

Cineasten denken bei dieser Situation – zwei Menschen auf einer einsamen Insel und ein damit verbundener Wechsel der Machtverhältnisse – sicher an Ruben Östlunds „Triangle of Sadness“ (der dritte Akt spielt auf einer Insel) und Lina Wertmüllers „Hingerissen von einem ungewöhnlichen Schicksal im azurblauen Meer im August“ (Travolti da un insolito destino nell’azzurro mare d’agosto, Italien 1974). Beide Filme sind ätzende Kritiken am Kapitalismus und den Geschlechterverhältnissen, die auf der Insel komplett umgedreht werden. Aber wie dauerhaft ist diese Veränderung? Und verändert sich wirklich etwas oder handelt es sich nur um einen kurzen Tausch der Herrschaftsverhältnisse?

Auch Linda entdeckt auf der Insel ungeahnte und verborgene Fähigkeiten, die sie beim äußerst blutigen Abschlachten eines sehr wilden Wildschweins demonstriert. In diesem und einigen weiteren Momenten zeigt sich Sam Raimis Vergangenheit als Horrorfilmregisseur.

Bis auf diesen und ein, zwei weitere blutige Szenen ist sein neuer Film vor allem ein psychologisches Drama und eine schwarzhumorige Satire. „Send help“ ist auch einer seiner kleinen Filme, wie „Ein einfacher Plan“ und „Drag me to Hell“, in denen er sich nicht darum kümmern muss, ob sie ein Multi-Millionen-Budget wieder einspielen. Sein neuester Horrorfilm ist sogar noch reduzierter als alle seine vorherigen Filme. Bis auf einige wenige Szenen, vor allem am Filmanfang, in dem er die beiden gegensätzlichen Hauptfiguren treffend und knapp charakterisiert, handelt es sich um ein kurzweiliges und ziemlich vergnügliches Zwei-Personenstück, das sich vor allem an einem malerischem Strand entfaltet. Die größte Gefahr für Linda und Bradley sind dabei nicht wilde Tiere oder zu wenig Essen und Trinken, sondern der Mensch mit seinen Wünschen, Zielen und Trieben zwischen Egoismus, gepaart mit einer guten Portion Rachsucht, und Altruismus.

Da verzeiht man gerne die erstaunlich schlechten Tricks beim Flugzeugabsturz und später auf der Insel das durchgehende Flair eines Studiodrehs.

P. S.: Sam-Raimi-Buddy Bruce Campbell ist nur auf einigen Fotografien zu sehen.

Send help (Send help, USA 2026)

Regie: Sam Raimi

Drehbuch: Damian Shannon, Mark Swift

mit Rachel McAdams, Dylan O’Brien, Edyll Ismail, Dennis Haysbert, Xavier Samuel, Chris Pang, Thaneth Warakulnukroh, Emma Raimi

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Send help“

Metacritic über „Send help“

Rotten Tomatoes über „Send help“

Wikipedia über „Send help“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Sam Raimis „Armee der Finsternis (Tanz der Teufel III)“ (Army of Darkness – Evil Dead 3, USA 1992)

Meine Besprechung von Sam Raimis „Die fantastische Welt von Oz“ (Oz, the Great and Powerful, USA 2013)

Meine Besprechung von Sam Raimis „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ (Doctor Strange in the Multiverse of Madness, USA 2022)


Neu im Kino/Filmkritik: Schöne „Tage am Strand“ mit schönen Müttern und schönen Söhnen

November 28, 2013

Roz und Lil sind seit ihrer Kindheit Freundinnen und während sie am Strand liegen, sehen sie bewundernd und zufrieden ihre Kinder an. Denn Ian und Tom sind zwei gutaussehende Surfer, die auch etwas im Kopf haben und sich eigentlich demnächst eine Freundin aus den Schönheiten des Ortes suchen müssten. Das tun sie auch, aber anders als es nach den bürgerlichen Moralvorstellungen gewünscht wird.

Denn Lils Sohn Ian (Xavier Samuel) geht mit Roz (Robin Wright) ins Bett und Roz‘ Sohn Tom (James Frecheville) geht mit Lil (Naomi Watts) ins Bett und Regisseurin Anne Fontaine behandelt diese beiden Liebesgeschichten als ob es das normalste auf der Welt wäre, mit der besten Freundin seiner Mutter ins Bett zu gehen; – wobei natürlich zwei extrem gutaussehende Mütter gewählt wurden und auch die beiden Söhne extrem gutaussehend sind. Auch die Landschaft, – gedreht wurde in dem australischen Küstenort Seal Rocks -, sieht traumhaft aus. Und so schleicht sich schnell mehr als eine Spur Seifenoper in diese auf einer Kurzgeschichte der am 17. November 94-jährig verstorbenen Doris Lessing basierenden unglaubwürdigen Liebesgeschichte. Auch die hölzernen Dialoge gehen in Richtung Seifenoper.

Drehbuchautor Christopher Hampton („Gefährliche Liebschaften“, „Der stille Amerikaner“, „Eine dunkle Begierde“, „Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft“) und Regisseurin Anne Fontaine („Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft“) gelingt es nie, die Idee der doppelten Liebesgeschichte in eine glaubwürdige Form zu bringen. „Tage am Strand“ bleibt immer ein Konstrukt. Es bleibt ein lebloses Gedankenexperiment, qualitativ hübsch angerichtet, aber emotional nicht berührend, fast schon eine leichte Ennui auslösend.

Da helfen auch nicht mehr die elegante, auf jedes Skandalisierung verzichtende Inszenierung und die guten Schauspieler. Ben Mendelsohn hat dabei für seine Nebenrolle eine Extra-Erwähnung verdient. Er spielt den Ehemann von Roz, der in Sydney eine Professur annimmt und sich von ihr trennt, weil Roz den Küstenort nicht verlassen will, als entspannten, lebensklugen Wissenschaftler, der spätestens nachdem Roz lieber ihn als Lil verlässt, weiß, dass er in dieser Freundschaft immer die zweite Geige spielen wird. Trotzdem bleiben sie freundschaftlich miteinander verbunden. Mendelsohn spielte zuletzt in „Killing them softly“ und „The Place beyond the Pines“ ganz anders gelagerte, aber nicht minder prägnante Nebenrollen.

Tage am Strand - Plakat

Tage am Strand (Adore, Australien/Frankreich 2013)

Regie: Anne Fontaine

Drehbuch: Christopher Hampton

LV: Doris Lessing: The Grandmothers, 2003 (Die Großmütter, Erzählung)

mit Naomi Watts, Robin Wright, Xavier Samuel, James Frecheville, Sophie Lowe, Jessica Tovey, Gary Sweet, Ben Mendelsohn

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Anmerkung: Bei der FSK ist „Two Mothers“ als Originaltitel genannt, was auch daran liegt, dass die Macher verschiedene Titel probierten und „Tage am Strand“ je nach Land und Zeitpunkt verschiedene Titel hat.

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Tage am Strand“

Moviepilot über „Tage am Strand“

Metacritic über „Tage am Strand“

Rotten Tomatoes über „Tage am Strand“

Wikipedia über „Tage am Strand“ und Doris Lessing (deutsch, englisch)