Neu im Kino/Filmkritik: Männerprobleme und Reichenprobleme: „Die geschützten Männer“ und „Rich Flu“

Dezember 12, 2024

In „Rich Flu“ bricht ein Virus aus, der die reichsten und einflussreichsten Menschen der Welt tötet. Plötzlich ist Reichtum tödlich.

In „Die geschützten Männer“ verwandelt ein Virus Männer in rasende Sexbestien, die kurz darauf, im Zustand höchster sexueller Ekstase, sterben.

Dummerweise machen „Rich Flu“-Regisseur Galder Gaztelu-Urrutia und „Die geschützten Männer“-Regisseurin Irene von Alberti viel zu wenig aus ihren vielversprechenden Prämissen.

Rich Flu“ beginnt als bitterböse antikapitalistische Satire, in der die reichen Menschen in Panik geraten und arm sein wollen, weil sie nur so überleben können. Also jedenfalls wollen sie ärmer als der reichste Mensch der Erde sein. Dafür verschenken sie auch mal große Aktienpakete an verdiente Mitarbeiter.

Anstatt jetzt der ‚Ersten Welt‘ genüsslich bei ihrer Selbstzerstörung zuzusehen und sich zu überlegen, welches Gegenmittel es gegen das Virus geben könnte, lässt Galcer Gaztelu-Urrutia („Der Schacht“) das satirische Potential seiner Geschichte links liegen zugunsten einer umgekehrten Migrationsgeschichte. Während im Moment Afrikaner aus ihren Heimatländern in Richtung Europa flüchten, flüchten in „Rich Flu“ Europäer in Richtung Afrika und in Richtung Armut. Die Bilder, die Gaztelu-Urrutia dafür findet, sind die Bilder, die aus zahlreichen anderen Migrationsdramen und den Nachrichten bekannt sind. Nur die Marschrichtung und die Hautfarbe der Flüchtenden sind anders. Gleichzeitig konzentriert Gaztelu-Urrutia sich auf eine ziemlich unsympathisch egoistische und oberflächliche Flüchtende, die in Afrika in einer am Strand lebenden Hippie-Kommune aufgenommen wird.

In „Die geschützten Männer“ führt ein Virus dazu, dass alle sexuell potenten Männer mehr oder weniger schnell zu Sexbestien mutieren und sterben. Für Anita Martinelli und Sarah Bedford, die Vorsitzenden der kleinen Frauenpartei, ist das Männersterben die Gelegenheit, an die Macht zu kommen. Während einige Männer in einem abgeschiedenem Labor an einem Gegenmittel forschen, bauen die Frauen ihre Macht aus. Und sie wiederholen die Machtspiele und Intrigen der Männer. Aus der Herrschaft der Männer wird eine Herrschaft der Frauen. Mehr ändert sich nicht.

So ist Irene von Albertis Verfilmung von Robert Merles 1974 erschienenem Roman „Die geschützten Männer“ nicht mehr als eine siebziger Jahre-Agitprop-Satire. Durchaus liebevoll ausgestattet und engagiert gespielt, aber nicht mehr als eine in der Vergangenheit verhaftete Satire.

Beide Satiren bleiben sträflich unter dem Potential ihrer Ausgangsidee. „Rich Flu“ erzählt nach einem vielversprechendem Beginn nur eine weitere Migrationsgeschichte. Mit einer veränderten Marschroute. Dieses Mal wird vom reichen Norden in den armen Süden (solange er noch arm ist) geflüchtet wird. „Die geschützten Männer“ belässt es bei altmodischen Agitprop-Theater, das immerhin gut für einige, eher anspruchslose Lacher ist.

Rich Flu (Rich Flu, Spanien 2024)

Regie: Galder Gaztelu-Urrutia

Drehbuch: Pedro Rivero, Galder Gatzelu-Urrutia, Sam Steiner, David Desola (nach einer Idee von David Desola und Galder Gaztelu-Urrutia)

mit Mary Elizabeth Winstead, Rafe Spall, Lorraine Bracco, Dixie Egerickx, César Domboy, Timothy Spall, Jonah Hauer-King, Dayana Esebe

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Rich Flu“

Wikipedia über „Rich Flu“ (deutsch, englisch)

Die geschützten Männer (Deutschland 2024)

Regie: Irene von Alberti

Drehbuch: Irene von Alberti

LV: Robert Merle: Les hommes protégés, 1974 (Die geschützten Männer)

mit Britta Hammelstein, Mavie Hörbiger, Yousef Sweid, Bibiana Beglau, Godehard Giese, Julika Jenkins, Michaela Caspar, Johanna Polley, Sina Martens

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Die geschützten Männer“

Moviepilot über „Die geschützten Männer“

Wikipedia über „Die geschützten Männer“


TV-Tipp für den 29. Juli: Tel Aviv on Fire

Juli 28, 2023

One, 21.45

Tel Aviv on Fire (Tel Aviv on Fire, Luxemburg/Frankreich/Israel/Belgien 2018)

Regie: Sameh Zoabi

Drehbuch: Dan Kleinman, Sameh Zoabi

An der Grenze zwischen Israel und dem Westjordanland erhält der palästinensische Schluffi Salam von einem der Zöllner ein Angebot, das er am liebsten ablehnen möchte, aber nicht ablehnen kann. Denn der israelische Zöllner Assi kontrolliert ihn täglich und kann ihm das Leben zur Hölle machen. Außerdem ist er ein großer Fan der TV-Seifenoper „Tel Aviv on Fire“ und er hat einige Vorschläge zur Handlung. Salam soll sie in die Drehbücher der nächsten Folgen einarbeiten.

TV-Premiere. Gelungene, etwas harmlos geratene Komödie.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Kais Nashif, Lubna Azabal, Yaniv Biton, Nadim Sawalha, Maisa Abd Elhadi, Salim Daw, Yousef Sweid

Wiederholung: Montag, 31. Juli, 23.20 Uhr

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Tel Aviv on Fire“

Rotten Tomatoes über „Tel Aviv on Fire“

Wikipedia über „Tel Aviv on Firre“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Sameh Zoabis „Tel Aviv on Fire“ (Tel Aviv on Fire, Luxemburg/Frankreich/Israel/Belgien 2018)


Neu im Kino/Filmkritik: „Tel Aviv on Fire“ oder Wie eine Soap Opera das wahre Leben beeinflusst

Juli 5, 2019

Der kleine Grenzverkehr sorgt immer wieder für Erheiterung. Beim Zuschauer. Für den Betroffenen von entwürdigenden Kontrollen, bohrenden Fragen und der penetranten Neugier von Zöllnern, die berufsbedingt Dinge tun dürfen, die man sich noch nicht einmal von seiner Frau gefallen lässt, sieht das anders aus. Entsprechend unwohl fühlt sich der junge Palästinenser Salam als am Grenzübergang vom Westjordanland nach Israel seine Habseligkeiten durchsucht. Dabei entdecken die israelischen Grenzsoldaten ein noch nicht verfilmtes Drehbuch der in Ramallah produzierten Soap Opera „Tel Aviv on Fire“. Salam behauptet gegenüber Assi, dem Leiter der Kontrollstation, einer der Autoren der in Israel und Palästina unglaublich beliebten Soap Opera zu sein.

In der 1967, wenige Tage vor dem legendären Sechstagekrieg, spielenden Soap geht es um die glamouröse palästinensische Spionin Rachel, die den israelischen General Yehuda Edelman verführen soll. Dafür eröffnet sie gegenüber dem Hauptquartier des Militärs ein französisches Edelrestaurant. Edelman gehört schnell zu den Stammgästen und er erwidert die Avancen Rachels, die sich als aus Frankreich kommende jüdische Immigrantin ausgibt. Alle Zuschauer fragen sich, ob sie ihre Mission erfolgreich beenden kann oder ob sie sich in den General verliebt und ob sie ihren Geliebten, den palästinensischen Widerstandskämpfer Marwan, verlässt.

In Wirklichkeit ist Salam der Neffe des Produzenten. Der Slacker ist seit einigen Stunden als Produktionsassistent eingestellt. Weil er während der Dreharbeiten spontan die von dem Autor aufgeschriebenen Sätze korrigierte, soll er jetzt die Dialoge zwischen Rachel und Edelman so umformulieren, wie sie von Israelis gesagt würden.

Der israelische Kommandeur Assi kritisiert allerdings ganz andere Dinge als die hölzernen Dialoge an der Liebesgeschichte. Ihm gefällt die Darstellung des israelischen Generals nicht. Nach seiner Ansicht verhält sich der Held nicht heldenhaft genug. Deshalb schlägt er Salam einige Änderungen vor, die Salam notgedrungen akzeptiert. Denn sonst könnte er die Grenze nicht jeden Tag zweimal passieren.

Während Assi in den folgenden Tagen immer stärker auf das Drehbuch Einfluss nimmt, versucht Salam die Änderungen im Studio zu verkaufen. Außerdem begegnet er wieder seiner Jugendliebe, die er immer noch liebt. Sie will allerdings nichts von ihm wissen.

Sameh Zoabis Komödie „Tel Aviv on Fire“ bietet einen Einblick in das komplizierte Verhältnis zwischen Israel und Palästina. Dabei wird eine auf beiden Seiten der Grenze gesehene Soap zum Katalysator und Mittel der Völkerverständigung. Auch wenn die Produzenten der Soap das ursprünglich anders planten. Schließlich sind sie palästinensische Patrioten. Zoabi jongliert in seiner Komödie gelungen und kurzweilig zwischen den Ereignissen am Set, den Dreharbeiten, den Hahnenkämpfen während des Drehs und Salams unbeholfenen Versuchen als Drehbuchautor, der Beziehung zwischen Salam und Assi, Salams Werben um seine Ex und den ausführlich gezeigten Ereignissen in der Soap Opera, die auch ein überspitzter Kommentar zum Verhältnis zwischen Palästina und Israel ist. Das ist witzig, intellektuell vergnüglich und am Ende, angesichts der realen Situation im Nahen Osten, vielleicht etwas zu harmlos-harmonieselig. Wobei gemeinsames Lachen mit- und übereinander ein nicht zu unterschätzender Beitrag zur Völkerverständigung ist.

Tel Aviv on Fire (Tel Aviv on Fire, Luxemburg/Frankreich/Israel/Belgien 2018)

Regie: Sameh Zoabi

Drehbuch: Dan Kleinman, Sameh Zoabi

mit Kais Nashif, Lubna Azabal, Yaniv Biton, Nadim Sawalha, Maisa Abd Elhadi, Salim Daw, Yousef Sweid

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Tel Aviv on Fire“

Rotten Tomatoes über „Tel Aviv on Fire“

Wikipedia über „Tel Aviv on Firre“