Frank Elder ist zurück

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Wenige Monate nach dem ersten hochgelobten Kriminalroman mit Detective Inspector Frank Elder erscheint „Schau nicht zurück“. In dem zweiten Elder-Roman beweist der in England hochgeschätzte John Harvey wieder einmal seine Klasse. Die Geschichte beginnt mit einem missglückten Polizeieinsatz und wird immer mehr zu einem düsteren Porträt des heutigen Englands.

In London will die Polizei den seit langem gesuchten Gangster James William Grant verhaften. Doch die Verhaftung geht schief. Grant kann Detective Constable Paul Draper erschießen. Anschließend erschießt Einsatzleiter George Mallory ihn. Die einzige Zeugin des Schusswechsels und Beinahe-Opfer Detective Sergeant Maddy Birch kann sich nachher nicht erinnern, ob Grant den Derringer bereits von Anfang an in der Hand hatte oder Mallory ihn nachträglich dorthin legte. Noch während die „Behörde zur Untersuchung polizeilicher Vergehen“ den Fall untersucht, fühlt Maddy Birch sich verfolgt. Kurz darauf ist sie tot. Sie wurde erstochen. Die ersten Ermittlungen des von Detective Chief Inspector Karen Shields, einer Schwarzen, geleiteten Teams führen zu nichts.

Der seit drei Jahren frühpensionierte DI Frank Elder interessiert sich für den Fall. Denn vor sechzehn Jahren hatte er eine sehr kurze Affäre mit Birch. Jetzt will er als unabhängiger, zum Fall hinzugezogener Experte helfen, den Mord aufzuklären.

Gleichzeitig versucht seine sechzehnjährige, vor einem Jahr von Keach entführte und vergewaltige Tochter Katherine ihr Leben in den Griff zu bekommen. Sie trifft sich mit älteren, in Drogengeschäfte verwickelten Jugendlichen. Bei einer Polizeikontrolle wird in ihrer Tasche Heroin gefunden. Elder will ihr helfen.

Vor wenigen Wochen erhielt John Harvey den Diamond Dagger der Crime Writers‘ Association (CWA) für seine Verdienste als Autor. „Schau nicht zurück“, der mittlere Teil der Elder-Trilogie, zeigt eindrucksvoll warum er von seinen Kollegen so geschätzt wird. Denn wie ruhig und überlegt Harvey seine Geschichte ausbreitet, mit wie wenigen Strichen er seine Charaktere lebendig werden lässt und wie pointiert er die heutige britische Gesellschaft porträtiert, das ist ganz einfach wirklich gekonntes Handwerk. Hier arbeitet ein Autor, der sich nicht an irgendwelche modischen Trends anschließt oder mangelnde inhaltliche Substanz mit Sex und Gewalt verdecken will. Insofern ist der 1938 geborene Harvey, genau wie der 1930 geborene Regisseur Clint Eastwood, ein Erzähler der alten Schule. Für sie steht die Geschichte im Mittelpunkt; alles andere muss sich ihr unterordnen.

Deshalb steht in dem Polizeiroman nicht Frank Elder sondern Maddy Birch und die Jagd nach ihrem Mörder im Zentrum der Erzählung. John Harvey stellt sie genauer beim Einsatz, der anschließenden Befragung und mit ihrer Freundin vor. Dann kommt auf Seite 81 der Schock. Die über so viele Seiten liebevoll eingeführte Vierundvierzigjährige wurde ermordet. Bis Frank Elder sich dann in die Ermittlungen einmischt, vergehen wieder etliche Seiten. Auf diesen Seiten beginnt John Harvey den Fall auszubreiten und entwirft ein Porträt des heutigen Englands. Allerdings kein sehr positives Bild. Die Gesellschaft und damit auch die Polizei sind korrupt. Rassismus und Sexismus sind allgegenwärtig. Im Hintergrund wabert ein endloser Krieg gegen den Terrorismus.

Dies ist der Hintergrund für John Harveys ruhig erzählten Polizeiroman, in dem er souverän die Perspektiven wechselt und die einzelnen Erzählstränge so entwickelt, dass man letztendlich unbedingt wissen will, wie der Mord an einer Polizistin mit einer fehlgeschlagenen Verhaftung zusammenhängt.

P. S.: Natürlich können die Elder-Romane unabhängig voneinander gelesen werden.

 

 

John Harvey: Schau nicht zurück

(übersetzt von Sophie Kreutzfeldt)

dtv, 2007

448 Seiten

8,95 Euro

 

Originaltitel:

Ash & Bone

Heinemann, London, 2005

 

Homepage von John Harvey:

http://www.mellotone.co.uk/

CWA zur Verleihung des Cartier Diamond Dagger für John Harvey:

http://thecwa.co.uk/daggers/2007/cartier.html

2 Responses to Frank Elder ist zurück

  1. […] Meine Besprechung von “Schau nicht zurück” […]

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