Straßenfeger, die Erste

Als vor zwei Jahren die letzte offizielle Francis-Durbridge-Verfilmung „Die Kette“ auf DVD erschien, schrieb ich, es sei nur eine Frage der Zeit, bis alle Durbridge-Verfilmungen der ARD, die vor allem in den Sechzigern „Straßenfeger“ waren, auf DVD veröffentlicht würden.

Jetzt ist es soweit. Mit „Der Andere“, „Es ist soweit“, „Das Halstuch“ und „Die Schlüssel“ liegen in der dafür eigens von ARD-Video/Studio Hamburg initiierten zehnteiligen Straßenfeger-Reihe die ersten vier Durbridge-Verfilmungen vor. Die restlichen sechs Durbridge-Verfilmungen, „Percy Stuart“, „Butler Parker“ „Es muss nicht immer Kaviar sein“ und die Wilkie-Collins-Verfilmungen „Die Frau in Weiß“ und „Der rote Schal“ werden bis Mitte Febuar veröffentlicht.

Als erstes fällt bei den DVDs auf, wie kurz die damaligen Straßenfeger waren. „Der Andere“ und „Es ist soweit“ wurden jeweils als Sechsteiler ausgestrahlt und jede Folge dauerte keine vierzig Minuten. Als zweites fällt auf, dass im Gegensatz zu fast allen DVD-Veröffentlichungen von deutschen TV-Serien, die Filme nicht einfach auf die DVDs geklatscht wurden. Die Filme wurden restauriert. Bei dem fast fünfzig Jahre altem Mehrteiler „Der Andere“ ist die Bildqualität trotzdem immer noch historisch. Bei dem ein Jahr später ausgestrahlten „Es ist soweit“ ist sie deutlich besser. Und es gibt extra für die DVD-Ausgabe produziertes Bonusmaterial! „Der Andere“ enthält ein gut einstündiges Interview mit Siegurd Fitzek. „Es ist soweit“ ein gut fünfundvierzigminütiges Interview mit Eva-Ingeborg Scholz und ein Featurette über die Restaurierung. Außerdem wurden noch einige Trailer für andere Straßenfeger und TV-Krimioldies draufgepackt; – diese Art der Werbung ist bei deutschen Serien- und Film-DVDs immer noch so selten, dass sie extra erwähnt werden muss.

Die erste deutsche Verfilmung eines Buches von Francis Durbridge war 1959 „Der Andere“. Es ist die deutsche Version eines drei Jahre vorher inszenierten britischen Fernsehspiels und, wie wahrscheinlich auch das Original, ist es ein bebildertes Hörspiel. Denn niemals wird sich um eine Visualisierung bemüht. Die meiste Zeit stehen oder sitzen die Schauspieler, wie in einem Theaterstück, in geschlossenen Räumen und reden. Auch wenn der eine dem anderen ein Buch mit einer Inschrift zeigt, dann liest der andere die Inschrift vor. Kamerabewegungen gibt es kaum. Schnitte innerhalb einer Szene sind ebenfalls eine Seltenheit. So können die Schauspieler oft mehrere Minuten lang durchspielen.

Die Außenaufnahmen des gesamten Mehrteilers können locker an einer Hand abgezählt werden.

Die Story beginnt mit dem Tod des italienischen Tauchers und Wissenschaftlers Paolo Rocello. Er wurde auf dem Hausboot des spurlos verschwundenen James Cooper gefunden. Der erste Verdacht des ermittelnden Detective Inspektor Mike Ford fällt auf den ehrbaren Internatslehrer David Henderson. Immerhin wurde er ungefähr zur Tatzeit von Katherine Walters auf dem Boot beobachtet. Wir Zuschauer wissen allerdings, dass Henderson als er von Walters beobachtet wurde, nicht Rocello umbrachte, sondern seine Armbanduhr mit der des Opfers austauschte.

Und damit sind bereits nach wenigen Minuten die zwei großen Fragen für die restlichen gut zweihundert Minuten etabliert: Wer ist der Mörder? Und warum tauscht Henderson die Uhr aus?

„Es ist soweit“, ein Jahr später ausgestrahlt, markiert einen wahren Quantensprung. Während für „Der Andere“ anscheinend überhaupt nicht in England gedreht wurde, wurde jetzt gleich drei Wochen in England gedreht. Innerhalb von Szenen wird wesentlich öfter geschnitten – meist wird traditionell mit Schuss und Gegenschuss gearbeitet. Die Kamera bewegt sich, verfolgt einzelne Schauspieler und die Schauspieler mussten nicht mehr erklären, dass in einem Schulheft Worte stehen. Jetzt werden uns die Worte gezeigt. Kurz: es wird alles das gemacht, was auch schon damals seit langem zu einem Spielfilm gehörte.

Die von Francis Durbridge erfundene Geschichte ist noch einen Tick absurder als in „Der Andere“. Die zehnjährige Tochter des Wissenschaftlers Clive Freeman verschwindet. Die Polizei findet keine Spur. Die Entführer melden sich nicht. Das ist, gleich in der ersten Folge, ein typisches Durbridge-Rätsel. Denn während der restlichen fünf Folgen wird die Frage nach dem Motiv der Entführer (Geld ist es nicht) nicht beantwortet.

Ziemlich schnell beginnen Clive Freeman und seine Frau Lucy, die sich am Anfang scheiden lassen wollten, oft ohne die Hilfe der Polizei ihre Tochter zu suchen. Die erste Spur führt sie, dank einer sehr assoziativen Deduktion aufgrund einiger Worte in einem Schulheft, in das Fotoatelier von Pelford. Und irgendwann, wie in „Der Andere“ mischt sich der Geheimdienst in die Angelegenheit ein.

Die ersten beiden Durbridge-Verfilmungen der Straßenfeger-Edition sind mit ihrem langsamen Erzähltempo auch heute noch ansehbar. Denn die Geschichte bewegt sich immer voran. Durbridge sorgt für genug Verwirrung, um einem weiterrätseln zu lassen, ohne dass man den Überblick verliert und die Namensnennugen allzu penetrant ausfallen. Und jede Folge endet mit einem Cliffhanger.

Allerdings wird ein großer Teil der Spannung dadurch gewonnen, dass am Anfang von „Der Andere“ der Internatslehrer David Henderson und am Anfang von „Es ist soweit“ die Entführer sich irrational verhalten (Haben Sie schon einmal Entführer gesehen, die ein Kind wochenlang versteckt halten und keine Forderung an die Eltern richten, in der Hoffnung sie so weichzukochen?) und so dem Zuschauer ein Rätsel aufgeben, das erst nach sechs Folgen gelöst wird. Außerdem agieren die einzelnen Charaktere oft psychologisch unplausibel. Manchmal, weil sie ein doppeltes Spiel spielen. Manchmal, weil Durbridge so den Verdacht in eine falsche Richtung lenken will. Dabei entwickeln sich die Geschichten in „Der Andere“ und „Es ist soweit“ nicht aus den einzelnen Charakteren heraus, sondern aus einem Spiel mit Überraschungen und Tricks. Insofern ist Francis Durbridge weniger ein Magier als ein Bluffer.

Aber in der beschaulichen Welt des britischen Cozy (Alle Menschen bei Durbridge benehmen sich immer furchtbar gesittet und höflich.) ist er ein unterhaltsamer Bluffer, der in Deutschland, wie Edgar Wallace, bekannter als in seiner Heimat ist.

Straßenfeger 01: Der Andere/Es ist soweit

Studio Hamburg

Sprache/Ton: Deutsch (2.0 Mono)

Bild: 4:3, SW

Bonusmaterial: Kurzdokumentation Straßenfeger – Das Phänomen, Interview mit Darsteller Siegurd Fitzek,

TV Juwelen – Die Straßenfeger im neuen Glanz, Interview mit Hauptdarstellerin Eva-Ingeborg Scholz

Freigegeben ab 12 Jahre

Enthält

Der Andere (Deutschland 1959, 200 Minuten)

Regie: Joachim Hoene

Drehbuch: Francis Durbridge (Übersetzung: Marianne de Barde)

Mit Albert Lieven, Wolf Frees, Heinz Klingenberg, Helmuth Rudolph, Ingeborg Körner, Sigurd Fitzek, Werner Schumacher

Es ist soweit (Deutschland 1960, 236 Minuten)

Regie: Hans Quest

Drehbuch: Francis Durbridge (Übersetzung: Marianne de Barde)

Mit Jürgen Goslar, Eva-Ingeborg Scholz, Gaby Jaeger, Peter Pasetti, Siegfried Lowitz, Annemarie Holtz, Benno Sterzenbach, Karl Lieffen, Wolf Petersen

Die Straßenfeger-Editon im Überblick:

1) Der Andere/Es ist soweit

2) Das Halstuch/Die Schlüssel

3) Percy Stuart – Folge 1 – 26

4) Percy Stuart – Folge 27 – 52

5) Tim Frazer/Tim Frazer: Der Fall Salinger

6) Melissa/Ein Mann namens Harry Brent

7) Wie ein Blitz/Das Messer

8) Butler Parker – Folge 1 – 26

9) Es muss nicht immer Kaviar sein

10) Die Frau in Weiß/Der rote Schal

Hinweise

Homepage zur Straßenfeger-Edition

Meine Besprechung der Francis-Durbridge-Verfilmung „Die Kette“

Krimi-Couch über Francis Durbridge

Wikipedia über Francis Durbridge (deutsch, englisch)

One Response to Straßenfeger, die Erste

  1. […] Meine Besprechung von „Straßenfeger 01: Der Andere/Es ist soweit“ […]

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