Die trüben Hamburger Gewässer des Herrn Brack

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Ein türstopperdickes Werk voll literarisch-hochkultureller Anspielungen, eleganter Perspektivwechsel und das ausführlich geschilderte Privatleben des Ermittlers, der wegen seinem Beruf zuviel Alkohol trinkt, depressiv ist und Probleme mit dem anderen Geschlecht hat; das alles werden Sie bei Robert Brack nicht finden. Er belässt es gerne bei ungefähr 200 Seiten, schreibt gerne in der ersten Person und seine Helden müssen sich in Abenteuern beweisen, die eine Nummer zu groß für sie sind. Da bleibt keine Zeit für liebevoll gepflegte Depressionen.

Das war schon in dem kürzlich wiederveröffentlichtem „Psychofieber“, dem letzten Auftritt des Journalisten Tolonen aus dem Jahr 1993, so und hat sich auch in seinem neuesten Roman „Und das Meer gab seine Toten wieder“ nicht geändert.

In „Und das Meer gab seine Toten wieder“ soll die Engländerin Jennifer Stevenson von der International Policewomen’s Association Anfang März 1932 herausfinden, warum in Hamburg zwei Polizistinnen der Weiblichen Kriminalpolizei sich im Sommer 1931 angeblich umbrachten, diese vorbildliche Einheit aufgelöst wurde und deren Leiterin Josephine Erkens sich so seltsam benimmt. Stevenson stößt schnell auf institutionelle Widerstände. Denn offensichtlich soll sie die Wahrheit über den Doppelselbstmord nicht herausfinden. Außerdem ist sie von der fremden Stadt, den politischen Wirren und der Boheme der Weimarer Jahre verwirrt.

Robert Brack zeichnet mit wenigen Worten ein plastisches Bild des damaligen Hamburgs und thematisiert ein unbekanntes Kapitel der Polizeigeschichte. Denn in den Zwanzigern gab es bereits Polizistinnen, die mit einem eher sozialpädagogischen Ansatz arbeiteten. Er hält sich bei der Geschichte fast schon sklavisch an die Fakten. Weil dieser Hamburger Polizeiskandal fast unbekannt ist, ist es nachvollziehbar, dass Robert Brack zuerst einmal die Ergebnisse seiner Recherchen veröffentlichen wollte. Und die sind schon skandalös genug für einen spannenden Roman. Aber gleichzeitig kann er nur ein faktengestütztes Ende anbieten. Das ist dann, wie es in der Realität oft ist, unbefriedigend. Denn die Lösung ist eher banal und es kann nicht alles aufgeklärt werden.

Außerdem scheint es im Hamburg der frühen Dreißiger nur so von Sprachtalenten zu wimmeln. Jennifer Stevenson kann zwar etwas deutsch, aber die Deutschen scheinen noch besser englisch zu können. Das ist dann etwas unglaubwürdig. Eine Ermittlerin aus München oder Wien wäre vielleicht glaubwürdiger gewesen.

Mit der Aufklärung eines Mordes hat auch Journalist Tolonen in „Psychofieber“ seine Probleme. Auf einer Elbinsel wird, nach einer Party, eine ermordete junge Frau gefunden. In Verdacht gerät der untergetauchte Sohn des Innensenators, Kai-Uwe Katzur. Tolonen wittert eine große Story, mit der er sein kurz vor der Pleite stehendes Journalistenbüro retten will. Dass gleichzeitig die Rechten gegen Flüchtlinge demonstrieren und die Nazis in den Senat einziehen, nimmt Tolonen nur am Rand wahr.

„Psychofieber“ erschien 1993 als letzter Band der Tolonen-Trilogie und ist auch ein prägnantes Sittenbild der frühen Neunziger, als die Medien und bürgerlichen Parteien gegen die Asylantenflut polemisierten, das Grundrecht auf Asyl faktisch abschafften, rechtsradikale Parteien in Parlamente einzogen und in Hamburg die Statt-Partei in den Senat einzog (Schill folgte erst später). Diese politische Situation wird vom Ich-Erzähler Tolonen nur zynisch kommentiert. Immerhin ging er nicht zur Wahl und ist viel zu abgeklärt für eine selbstgerechte moralische Empörung. Allerdings ist er auch nicht so clever, wie er denkt. Denn am Ende von „Psychofieber“ landet er im Gefängnis.

„Psychofieber“ und „Und das Meer gab seine Toten wieder“ sind zwei spannende, wenn auch nicht perfekte, Krimis von einem Erzähler, der vor allem eine in einer bestimmten Zeit spielende Geschichte erzählen will. Deshalb sind seine Romane auch immer ein Sittenbild der Zeit, in der sie spielen.

In dem in „Psychofieber“ abgedruckten, lesenswertem Gespräch mit Helmut Ziegler sagt Robert Brack zu seinen Anfängen: „Ich wollte jedoch nicht über die Funktion des Semikolons nachdenken, sondern mich mit der Wirklichkeit auseinandersetzen. Dazu musste man den Krimi nehmen.“

Der Satz gilt auch noch für den heutigen Robert Brack

Robert Brack: Und das Meer gab seine Toten wieder

Edition Nautilus, 2008

224 Seiten

13,90 Euro

Robert Brack: Psychofieber

(mit einem Werkstattgespräch von Helmut Ziegler, Band 10 der „Kriminelle Sittengeschichte Deutschlands)

Edition Köln, 2008

224 Seiten

12,80 Euro

Originalausgabe

rororo thriller, 1993

Hinweise

Homepage von Robert Brack

Edition Nautilus: Interview mit Robert Brack über „Und das Meer gab seine Toten wieder“

Meine Besprechung von Robert Bracks „Schneewittchens Sarg“ (2007)

3 Responses to Die trüben Hamburger Gewässer des Herrn Brack

  1. krimileser sagt:

    „Jennifer Stevenson kann zwar etwas deutsch, aber die Deutschen scheinen noch besser englisch zu können.“

    Hamburg „war“ eine internationale Hafenstadt.

  2. […] Meine Besprechung von Robert Bracks „Und das Meer gab seine Toten wieder“ (2008) […]

  3. […] spielt. Robert Brack gelang mit seinen in den frühen Dreißigern spielenden Kriminalromanen „Und das Meer gab seine Tote wieder“ und „Blutsonntag“ wesentlich besser, die damalige Zeit wiederauferstehen zu lassen. Und dieses […]

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