Wie Richard Dale zum Mann wurde

März 4, 2009

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Joe R. Lansdale ist ein begnadeter Geschichtenerzähler, der sich meistens in den Genres Krimi und Horror tummelt, aber auch einige gelungene Ausflüge in die Mainstream-Literatur unternahm. „Der Teufelskeiler“ ist eines dieser mainstreamigeren Werke. In ihm erzählt Richard Dale, wie er während der Großen Depression in Osttexas in ärmlichen Verhältnissen auf einer abgelegenen Farm aufwuchs, Groschenhefte liebte, sie seinem schwarzen Freund Abraham Wilson vorlas, Schriftsteller werden wollte und gegen den Teufelskeiler kämpfen musste. Dieser Eber taucht seit Jahrzehnten (die Legenden behaupten seit einem Jahrhundert) immer wieder auf, vernichtet die Ernte und tötet alles, was sich ihm in den Weg stellt. Nur der steinalte Onkel Pharao überlebte die Begegnung mit „Old Satan“. Seitdem benötigt er Krücken.

Jetzt ist Old Satan zurückgekehrt. Er trampelt über die Felder der Dales. Richards Vater ist mit einem Zirkus als Preisboxer unterwegs. Er will so Geld für die Familie verdienen. Richards Mutter ist schwanger und der fünfzehnjährige Richard ist der Herr im Haus. Als „Old Satan“ die Hunde der Dales zerfetzt, weiß Richard Dale, dass er den Teufelskeiler zur Strecke bringen muss. Gemeinsam mit Abraham und einigen Hunden macht Richard sich auf die Jagd.

Der Teufelskeiler“ liest sich, weil beide Geschichten in der gleichen Welt spielen, in Teilen wie eine Vorstudie zu Joe R. Lansdales mit dem Edgar ausgezeichnetem, leider nicht mehr erhältlichem „Die Wälder am Fluss“ (The Bottoms, 2000). Beide Geschichten spielen in Osttexas am Sabine River während der Depression. In beiden Erzählungen ist de Erzähler ein älterer Mann, der sich unsentimental an seine Jugend erinnert und konsequent aus seinem damaligen Erfahrenshorizont erzählt. Beide sind, auch, Erziehungsromane. Und in beiden Geschichten muss der Ich-Erzähler sich gegen ein mythisches Monster wehren. In „Der Teufelskeiler“ ist es ein wilder Eber. In „Die Wälder am Fluss“ ist es der mysteriöse Ziegenmann. Außerdem, immerhin ist „Die Wälder am Fluss“ ungefähr dreimal so lang wie „Der Teufelskeiler“, wird in „Die Wälder am Fluss“ ein Frauenmörder gejagt und die Frage des Rassismus nimmt einen viel breiteren Raum ein.

Dagegen konzentriert sich „Der Teufelskeiler“ auf das karge Leben eines Jugendlichen und wie er im Sommer 1933 zum Mann wird. Lansdale gelingt es auf knapp 140 Seiten eine gleichzeitig auf mehreren Ebenen überzeugende Geschichte für Jugendliche und Erwachsene zu erzählen.

Joe R. Lansdale: Der Teufelskeiler

(übersetzt von Richard Betzenbichler, illustriert von Henning Ahlers)

Shayol, 2008

144 Seiten

12,90 Euro

Originalausgabe

The Boar

Subterranean Press, 1998

Hinweise

Homepage von Joe R. Lansdale

Subterranean Press: Längeres Interview mit Joe R. Lansdale

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Wilder Winter“ (Savage Season, 1990)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Rumble Tumble” (Rumble Tumble, 1998)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Der Gott der Klinge“ (The God of the Razor, 2007)


TV-Tipp für den 4. März: Die verrückten Reichen

März 4, 2009

Und noch ein selten gezeigter Film:

ARD, 00.35

Die verrückten Reichen (F/D/I 1975, R.: Claude Chabrol)

Drehbuch: Claude Chabrol, Norman Enfield

LV: Lucie Faure: Le Malheur fou, 1970

Ami-Autor William Brandeis und dessen Gattin Claire nehmen am oberflächlichen Gesellschaftsleben teil und betrügen sich gegenseitig. Als sie auf Claire Wunsch in ein Landhaus ziehen, bröckelt der Schein.

Nun, ein eher schwacher Chabrol, der ziemlich schnell aus dem Gedächtnis verschwindet. Trotz der zahlreichen parodistischen Elemente und Slapstick-Ästhetik.

Interessant ist „Die verrückten Reichen“ vor allem wegen des Aufwandes. Das kanadische Filmfinanzierungssystem ermöglichte eine bis in die Nebenrollen große Besetzung und die gesamte Ausstattung war echt. So waren die Türen des Studioappartements aus massivem Holz.

Mit Bruce Dern, Stéphane Audran, Sydney Rome, Jean-Pierre Cassel, Ann Margaret, Maria Schell, Charles Aznavour, Curd Jürgens, Tomas Milan, Sybil Danning, Claude Chabrol (als Mann im Verlagsbüro)

Hinweise

Wikipedia über Claude Chabrol

Senses of Cinema über Claude Chabrol


Cover der Woche

März 3, 2009

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Kleinkram: Vom Big Thrill über Western und Filme hin zu einem Geheimnis

März 3, 2009

Die März-Ausgabe von The Big Thrill, dem Magazin der ITW ist online mit Vorstellungen und Interviews zu den neuen Büchern von David Hewson, Raymond Benson, Barry Eisler (sein erster Standalone), Roger Smith, Michael Robotham,

Jonathan Kellerman und Gregg Olsen, um nur einige der bekannten Namen zu nennen.

Einige Zitate aus den Interviews:

Hewsons normaler Tag:Get up around seven, walk dog, do email, edit, write, write, write, walk dog, take break, nap, write, write, write, edit, quick beer with normal human beings, eat, sleep.

Eisler über seine literarischen Vorbilder: „I love Trevanian, whose killers Nicolai Hel (in Shibumi) and Jonathan Hemlock (in The Eiger Sanction and The Loo Sanction) are sympathetic in part because they are superior human beings–superior in intellect, taste, and culture. Andrew Vachss, with his dark, gritty Burke novels and hard-boiled atmosphere, has also been an influence. Pat Conroy and Dave Gutterson have inspired me with the lyricism of their prose. The cadences and imagery of T.S. Eliot and Cormac McCarthy are certainly influences, as well. Stephen King has inspired me with his humor and honesty, and his admonition that the author’s job is to tell the truth.“

Kellerman: To my mind, all good fiction needs a strong degree of mystery, in that the reader has to be sufficiently curious to turn the page.  Crime novels, or whatever you choose to call them, use murder and such as propellants.

The Cold Spot Tom Piccirilli sagt „Fuck Outlining“ und einige seiner Kollegen sehen das ähnlich.

Englischsprachige Western-Fans müssen die kommenden Wochen öfters bei The Tainted Archive vorbeischauen. Dort wird in vier Teilen der Black-Horse-Western „The Sheriff and the Widow“ von Chap O’Keefe veröffentlicht. Ich kenne das Teil zwar nicht, aber wenn alte Ausgaben für 90 Pfund bei Ebay verkauft werden, kann bei einem kostenlosen Download doch nichts falsch gemacht werden.

Zur Einstimmung gibt’s den Covertext:

As dangerous as unstable dynamite . . . That was Sheriff Ross Kemp’s assessment of Jessica Blackwood. She was darkly beautiful with flirting amber eyes, and she was married to the richest rancher around. Kemp was no sucker. He stayed out of Jessica’s cheating games. But mysterious notes, a bizarre accusation and the bushwhack murder of her madly jealous husband shoved him into the biggest trouble of his life.

Tried and convicted on a trumped-up charge, Kemp was sentenced to ten years of living hell in the state pen. His only hope of being saved was by trusting Jessica’s lovely, unspoilt stepdaughter, Ellen. But as she began to uncover the truth, so she fell into deadly danger from Orson Rymer, gambler and blackmailer, and Snake McClay, evil-minded gunslick. It looked as if justice would never be done!

Und direkt zum ersten Teil.

Es gibt immer mehr Filme, die im Netz legal kostenlos gesehen werden können. Maxdome hat die kostenlose Sektion erweitert. Aber oft ist es nur die erste Folge einer Serie, wie „Alles außer Mord“, „Deadline“, „Blackout“, „Der Bulle von Tölz“, „Der Elefant“, „GSG 9“, „SK Kölsch“ und „Blond, Eva Blond“ (Die war gut!) gratis.

Da ist Videoload schon besser. Neben den üblichen gut abgehangenen (und oft nicht sonderlich interessanten) Spielfilmen gibt es auch einige Perlen und Serien, wie „Little Britain“ (BBC), „Gun – Kaliber .45“ und, demnächst, die BBC-Serien „Dr. Who“, „Spooks“ und „Extras“.

Bei den Filmen ist für uns natürlich die meist nur nachmitternächtlich gezeigte James-Ellroy-Verfilmung „Brown’s Requiem“ interessant. Aber „B. Monkey“, „Cypher“, „Freeway“ und „Rush Hour“ kann man durchaus anklicken.

Wer es dagegen mehr mit dem geschriebenen Wort hat, aber vom Film nicht lassen kann, sollte mal bei MyMovieScript vorbeischauen und in der großen Auswahl von Drehbüchern und Treatments stöbern.

Alternativ kann die Internet Movie Script Database (IMSDb) besucht werden. Da sind allerdings viele (alle?) Drehbücher html-Dateien.

Oder lässt sich von Drehbuchautor William C. Martell ein Drehbuch-Geheimnis verraten. Zum Beispiel warum der vierte Indiana-Jones-Film nicht so gut ist:

Eventually Indy is dumped by Russians Agents in that 1950s town full of mannequins from the remake of THE HILLS HAVE EYES, and we know what that means. Soon they will test a nuclear weapon, and Indy will be toast. So what does our hero do? Indy runs around the town pointlessly for about five minutes. He runs left for a while, then runs right for a while, then runs some other way for a while. He isn’t running *to* anywhere and he also isn’t getting away from the town… he’s just running around like a chicken with its head cut off. In a pointless panic. Not making any progress – because there is no plan that we can see and no plan he can see. That makes the *scene* pointless and boring. Okay, imagine our hero trapped in a nuclear test site – and it’s boring! (…)

Make sure your protagonist always has a plan – and when that fails, they come up with a new plan. The problem isn’t having plans that fail, it’s having no plan at all. A man without a plan is a stalled story… or a story stalling for time. No plan means no chance to fail… and no chance to succeed – just stuff happening that wr don’t care about. When Indiana Jones is running around pointlessly – without plan or purpose – we lose respect for him… and don’t care whether he finds that lead lined refrigerator or not.

Diesen Tipp hätte Andrea Maria Schenkel sich beim Schreiben von “Bunker” an die Wand heften sollen.


TV-Tipp für den 3. März: Starkey

März 3, 2009

NDR, 00.30

Starkey (GB/Irl/F 1998, R.: David Caffrey)

Drehbuch: Colin Bateman

LV: Colin Bateman: Divorcing Jack, 1995 (Eine Nonne war sie nicht)

Journalist Starkey hat mal wieder einen über den Durst getrunken und erwacht neben einer Ermordeten. Die Polizei hält ihn für den Mörder und verschiedene Terroristen- und Gangstergruppen jagen ihn.

Ziemlich durchgeknallter Politthriller, der in seinen besten Momenten etwas vom Wahnsinn des Krieges in Nordirland zeigt. Aber meisten eher leidlich komisch zwischen den verschiedenen Genres schwankt. Irgendwie ist das Buch, ausgezeichnet mit dem Betty-Trask-Preis (kein Krimipreis, aber so Bateman auf seiner Homepage ein gut dotierter Preis) und „eine Kreuzung von Marx Brothers und Frederick Forsyth“ (Sunday Press), besser.

„The thing about Divorcing Jack is that it probably reflects, although it is in some ways a surreal movie with so much going on in it, but it does pretty much reflect the craziness of things here and how funny things can be.“ (Colin Bateman)

Mit David Thewlis, Rachel Griffiths, Robert Lindsay, Jason Isaacs, Richart Gant

Hinweis

Homepage von Colin Bateman

eFilmCritic: Interview mit Colin Bateman zu „Divorcing Jack“


Sleeper 2: Agent Carver will aussteigen

März 2, 2009

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„Die Schlinge zieht sich zu“ von Autor Ed Brubaker und Zeichner Sean Phillips ist die fulminante Fortsetzung des ersten „Sleeper“-Bandes „Das Schaf im Wolfspelz“. Am Ende des ersten Bandes saß Undercover-Agent Holden Carver mächtig in der Patsche. Es war ihm zwar gelungen in dem weltumspannenden Gangstersyndikat von Tao bis ganz nach oben zu steigen. Dieser Aufstieg konnte gelingen, weil im Geheimdienst nur sein Vorgesetzter John Lynch von dem Einsatz wusste. Doch Lynch liegt im Koma und Tao sucht, nach einem fehlgeschlagenen Coup, den Spitzel in den eigenen Reihen. Carvers Lebenserwartung tendiert gegen Null.

Deshalb möchte Carver aussteigen. Doch das scheint unmöglich, bis er am Anfang von „Die Schlinge zieht sich zu“ auf dem Weg zu seiner Wohnung das Signal von Lynch für ein gemeinsames Treffen entdeckt. Dort wird er von Sir Malcolm Jones, einem britischen Agenten im Ruhestand, erwartet. Jones sagt ihm, dass es einen Weg zurück gibt. Lynch hat in einer Akte die Hintergründe des Undercover-Einsatzes aufgeschrieben. Gemeinsam beginnen sie mit den Vorbereitungen für Carvers Ausstieg.

Allerdings erfährt auch Tao über einen CIA-Agenten, dass der sich in seiner Nähe befindende, immer noch unbekannte Undercover-Agent aussteigen will.

Die Jagd auf Carver ist eröffnet, – mit ihm als Jäger und Gejagtem.

Ed Brubaker und Sean Phillips schildern in „Die Schlinge zieht sich zu“ nicht nur die Jagd auf den Verräter in den eigenen Reihen, sondern auch die zunehmend aussichtslos erscheinenden Bemühungen von Carver, der aussteigen will. Denn jeder Schritt, der ihn näher an seinen Ausstieg aus dem Gangstersyndikat und zurück zu seinem alten Leben (was auch immer das war) bringt, bringt ihn auch immer mehr in Gefahr. Diese Geschichte einer Menschenjagd würde allein schon, wenn sie nach den gängigen Regeln der Dramaturgie erzählt wird, für eine spannende Lektüre sorgen. Aber Brubaker und Phillips rücken, ohne die actionreiche Handlung zu vernachlässigen, den Gewissenskonflikt von Carver immer mehr in den Mittelpunkt. Denn Carver ist ein Noir-Held, der im falschen Leben gefangen ist. Er will etwas Gutes tun, indem er einen Gangsterboss zur Strecke bringt. Dafür muss er seine neuen Freunde und seine Geliebte verraten. Er muss Menschen, die oft auf der richtigen Seite des Gesetzes stehen, umbringen. Er muss das Leben eines Verbrechers führen, ohne einer zu sein. Er wird vom Geheimdienst gefangen genommen und an einem geheimen Ort gefoltert, weil sie ihn für einen Verbrecher halten. In dieser Welt der sich verschiebenden Grenzen und der ständigen Umkehrung von Gut und Böse, Vertrauen und Misstrauen, ist es nur eine ironische Volte, dass Carver von Tao befreit wird.

In der Noir-Welt von Ed Brubaker gibt es in „Die Schlinge zieht sich zu“ für den Undercover-Agenten Carver keine Erlösung und keine Antwort auf die Frage, wie er mit den widerstreitenden Verpflichtungen umgehen kann. Jedenfalls noch nicht.

Dafür endet der zweite „Sleeper“-Band mit einem grandiosen Cliffhanger, der für den dritten, für April angekündigten „Sleeper“-Band „Die Gretchenfrage“ weitere spannende Lesestunden verspricht.

Der dritte „Criminal“-Band „Gragbesang“, ebenfalls von dem Team Brubaker/Phillips, ist für Ende April angekündigt.

Ed Brubaker/Sean Phillips: Sleeper 2: Die Schlinge zieht sich zu

(übersetzt von Maria Morlock)

Cross Cult, 2009

144 Seiten

19,80 Euro

Originalausgabe

Sleeper 2: All false moves

DC Comics 2004

Enthält

Sleeper 7 – 12

CD Comics 2003/2004

Hinweise

Homepage von Ed Brubaker

Blog von Sean Phillips

Ed Brubaker/Sean Phillips: Criminal 1 – Feigling, 2008 (Criminal 1: Coward, 2007)

Ed Brubaker/Sean Phillips: Criminal 2 – Blutsbande, 2008 (Criminal 2: Lawless, 2007)

Ed Brubaker/Colin Wilson: Point Blank, 2008 (Point Blank, 2003)

Ed Brubaker/Sean Phillips: Sleeper 1 – Das Schaf im Wolfspelz, 2008 (Sleeper: Out in the cold, 2003)


TV-Tipp für den 2. März: Terroristenjagd im Sauerland

März 2, 2009

ARD, 21.00

Terroristenjagd im Sauerland – Wie das BKA ein Blutbad verhinderte (D 2009, R.: Peter Gerhardt, Ahmet Senyurt)

Drehbuch: Peter Gerhardt, Ahmet Senyurt

45-minütige Doku über die als Sauerland-Zelle bekannt gewordenen Fritz Gelowicz, Daniel Schneider und Adem Yilmaz. Die Doku versucht herauszufinden, warum drei deutsche Jungs (Yilmaz hat zwar eine türkischen Pass, wuchs aber in Hessen auf) zu Islamisten wurden, die in Deutschland einen verheerenden Anschlag planten, und zeichnet die Ermittlungen der Polizei, die zur Verhaftung der Drei am 4. September 2007 führte, nach.

Wiederholung: Dienstag, 3. März, 03.50 Uhr (Taggenau! – danach wahrscheinlich in der Mediathek, den dritten Programmen und den Spartensendern, wie Phönix)

Hinweis

ADR über die Doku (wenig informativ und ohne Links; Hey, hat das Erste nicht eine gut ausgebaute Nachrichtenredaktion, die einige Berichte über die Sauerland-Zelle archiviert hat?)