LV: John Buchan: The Thirty-Nine Steps, 1915 (Die neundundreißig Stufen)
Richard Hannay wird verdächtigt einen Spion umgebracht zu haben. Die Suche nach dem Mörder führt ihn durch halb England zu einem mordlüsternem Spionagering.
Schon seit Jahren nicht mehr gezeigter Hitchcock-Klassiker. Der “Anlass” für die derzeitigen Wiederholungen ist der 110. Geburtstag des Meisters der Suspense am 13. August.
“Was mir bei The 39 Steps gefiel, waren die jähen Umschwünge und das rapide Springen von einer Situation in die nächste. (…) Sollte ich The 39 Steps noch einmal drehen, dann würde ich wieder nach diesem Rezept vorgehen. Aber das kostet wirklich eine Menge Arbeit. Man muss einen Einfall auf den anderen folgen lassen, und das unheimlich schnell.” (Alfred Hitchcock zu Peter Bogdanovich)
Mit Madeleine Carroll, Robert Donat, Lucie Mannheim, Godfrey Tearle, Peggy Ashcroft, John Laurie
„Choke“ ist nicht „Fight Club“, obwohl die erste Szene von „Choke“ an „Fight Club“ erinnert. Clark Greggs Debütfilm beginnt mit einem Treffen der Anonymen Sexsüchtigen. Sie sitzen im Kreis in einem anonymen Raum in einer Kirche auf viel zu kleinen Stühlen und Erzähler Victor Mancini (grandios: Sam Rockwell) stellt die anderen Sexsüchtigen kurz und sarkastisch vor. Danach verzieht er sich mit einer Sexsüchtigen auf die Toilette.
Aber im Gegensatz zu dem „Fight Club“-Erzähler will Victor sich bessern. Er kann es nur nicht. Er kommt einfach nicht über die vierte Stufe des Programms, in dem er alle seine Sünden aufschreiben soll, hinaus. Seine kärglichen Brötchen verdient er sich als Darsteller in einem historischen Themenpark. Dort arbeitet auch sein Freund Denny, ein weiterer Sexsüchtiger, der für seine Verfehlungen (wie historisch falsche Kleidung, Accessoires und Sprache) öfters am Pranger steht (und so immerhin nicht masturbiert). Den Unterhalt für seine demenzkranke Mutter verdient Victor vor allem, indem er in Nobelrestaurants am Essen erstickt und sich von einer hilfsbereiten Hand retten lässt. Der Retter fühlt sich als sein Beschützer und schickt ihm immer wieder Geld.
In Victors Leben ist seine Mutter Ida Mancini (Anjelica Huston in einer weiteren Paraderolle) der Dreh- und Angelpunkt. Mit ihr erlebte er in seiner Jugend, wenn er nicht von einer Pflegefamilie zur nächsten gereicht wurde, zahlreiche Abenteuer. Denn Ida lebte in ständiger Opposition zur Gesellschaft. Jetzt ist sie, dank übermäßigem Drogenkonsum, frühzeitig gealtert. Victor hätte gerne seine alte, lebenslustig-anarchistische Mutter zurück. Jedenfalls irgendwie.
Da bietet die Ärztin Dr. Paige Marshall eine abenteuerliche Therapie an und der sexsüchtige Victor hat erstmals Probleme mit einem Orgasmus. Denn er verliebt sich in die Ärztin.
Während das Buch (wenigstens in der deutschen Übersetzung) eine ziemlich zähe Lektüre ist, ist die Verfilmung eine flotte, schwarzhumorige Groteske über Abhängigkeiten und die Sucht danach, anderen Menschen zu gefallen. Denn hier spielt jeder Charakter den anderen etwas vor und alle Beziehungen sind gestört.
Vor allem Victor hat kein eigenes Leben. Er wird immer nur dann lebendig, wenn er in eine Rolle schlüpft, die andere Menschen (scheinbar) von ihm erwarten. Dabei ist er überhaupt nicht glücklich. Es ist eine kindische Gefallsucht, die ihn aber nicht zu einem Heiligen macht. Denn sein Leitspruch ist „Was würde Jesus nicht tun?“.
Die Charakterstudie „Choke“ ist das Kinodebüt von Schauspieler Clark Gregg. Aber dank guter Darsteller und eines pointierten Drehbuchs fallen die geringe Drehzeit und das überschaubare Budget (vor allem im Vergleich zu „Fight Club“) kaum auf.
Störend ist allerdings, wie schon bei dem Roman, eine gewisse Zeit- und Ortlosigkeit. Denn alles spielt an austauschbaren, oft künstlichen Orten, wie einem Themenpark, einem Altersheim, einem Stripclub, Sexsüchtigen-Treffen und in Victors Junggesellenwohnung. Das alles könnte irgendwann in den vergangenen Jahrzehnten irgendwo in den USA spielen. Insofern ist die filmische Zustandsbeschreibung genauso heimatlos wie seine Charaktere.
Das sehenswerte Bonusmaterial ist, wie immer, wenn eine kleine Produktion auch ein Liebhaberprojekt ist, sehr umfangreich ausgefallen. Es gibt entfallene Szenen mit sehr selbstkritischen Kommentaren von Regisseur und Drehbuchautor Clark Gregg (Schade, dass er keinen Audiokommentar aufgenommen hat.), zwei informative Auftritte von Chuck Palahniuk und Clark Gregg (einmal beim L. A. Film Festival, einmal in einem persönlichen Gespräch), und zwei ausführliche Featurettes.
Choke (Choke, USA 2008)
Regie: Clark Gregg
Drehbuch: Clark Gregg
LV: Chuck Palahniuk: Choke, 2001 (Der Simulant)
mit Sam Rockwell, Anjelica Huston, Kelly MacDonald, Brad William Henke, Clark Gregg
Sprachen: Deutsch, Englisch (DTS, Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Deleted Scenes (ca. 11 Minuten, mit Audiokommentar von Clark Gregg und Sam Rockwell), Gag Reel (ca. 2 Minuten), Clark Gregg im Gespräch mit Chuck Palahniuk (ca. 11 Minuten), „Mein Name ist Victor und ich bin sexsüchtig“ – Featurette mit Sam Rockwell (ca. 16 Minuten), „Die Leibe einer Mutter“ – Featurette mit Anjelica Huston (ca. 6 Minuten), Aufnahmen vom L. A. Film Festival (ca. 4 Minuten)
The Gingerbread Man – Eine nächtliche Affäre (USA 1998, R.: Robert Altman)
Drehbuch: Clyde Hayes
LV: John Grisham (Originalstory – soweit bekannt nicht veröffentlicht)
Anwalt Rick Magruder verknallt sich in Mallory Doss und bemerkt nicht, wie sehr sie ihn für ihre Interessen benutzt.
Die erfolgloseste und – so auch meine Ansicht – die beste Grisham-Verfilmung. Altman verfilmte einen Drehbuch-Entwurf, den Grisham vor seinem Leben als Bestseller-Autor schrieb, und das Studio startete den Film – nach einem Streit mit Altman über die endgültige Fassung – fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Im Gegensatz zu den erfolgreichen Grisham-Bücher und deren Verfilmungen löst der Held, natürlich ein Anwalt, nicht das Problem, sondern er ist das Problem. In dem düsteren Südstaaten-Thriller glänzen etliche Stars: Kenneth Branagh, Robert Downey Jr., Embeth Davidtz, Robert Duvall, Tom Berenger, Daryl Hannah, Famke Janssen
Nachtschicht: Tod im Supermarkt (D 2006, R.: Lars Becker)
Drehbuch: Lars Becker
Dieses Mal sucht das Nachtschicht-Team den Mörder eines Supermarkt-Wachmanns.
Dritter Nachtschicht-Krimi, der auf seiner Plus-Seite zahlreiche ironische Anspielungen und gute Schauspieler, auf der Minus-Seite einen nicht sonderlich logischen Whodunit verbucht. Und dabei waren die ersten beiden Nachtschicht-Filme gerade weil sie die Whodunit-Stereotypen vermieden gut.
Mit Armin Rohde, Katharina Böhm, Ken Duken, Minh-Phai-Thi, Marie Bäumer, Devid Striesow
Bei Go in the Movies wird ab heute „14 Drehbücher in 14 Tagen lesen und darüber reden“ gespielt. Es beginnt mit „American Beauty“, geht weiter über „The Crying Game“, „The Apartment“, „The Sixth Sense“, „Chinatown“, „Wall*E“, „Tootsie“, „Aliens“, „Little Miss Sunshine“, „Psycho“, „Crash“ und endet mit „The Wild Bunch“.
(Selbstverständlich ist dort auf die Drehbücher verlinkt.)
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Ein längerer Verkaufstrailer für die Jim-Thompson-Verfilmung „The Killer inside me“ von Michael Winterbottom ist online. Gefällt mir sehr gut (obwohl ich nicht verstehe, warum Frauen im Bett immer einen BH tragen) und ich hoffe, dass der Film 2010 auch in deutschen Kinos läuft.
Außerdem gibt es Videos, in denen die Produzenten über den Film und die Dreharbeiten reden:
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Und, obwohl es noch ein gutes halbes Jahr bis zur Premiere dauert: der Trailer für den neuen Film von Paul Greengras mit Matt Damon in der Hauptrolle (Yep, das „Bourne“-Team ist wieder zusammen; Brian Helgeland schrieb das Drehbuch) sieht ebenfalls verdammt gut. „Green Zone“ basiert zwar auf einem Sachbuch, aber nach dem Trailer haben die sich wohl einige Freiheiten genommen
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Am Wochenende (13. – 15. November) läuft in Berlin im Zoo Palast das „Asia Filmfest“. Das Programm liest sich sehr vielversprechend: „Red Cliff“ (das neue Epos von John Woo), „Vengeance“ (ein Gangsterfilm von Johnnie To mit Johnny Hallyday in der Hauptrolle), „Overheard“ (das neue Werk der „Infernal Affairs“- Macher Alan Mak und Felix Chong), „Shinjuku Incident“/“Stadt der Gewalt“ (der neue, ernste Film mit Jackie Chan) und „Crows Zero II“ (ein neuer Film des unglaublich produktiven Takashi Miike).
Drehbuch: Charles Bennett, Alma Reville, Ian Hay, Helen Simpson, E. V. H. Emmett
LV: Joseph Conrad: The Secret Agent, 1907 (Der Geheimagent)
Kinobetreiber Verloc ist in Wirklichkeit ein Saboteur. Als ein Polizist, der undercover als Gemüsehändler ermittelt, ihn enttarnt, schickt Verloc einen Jungen mit einer Bombe los.
Ein früher Hitchcock-Klassiker mit einigen immer noch beeindruckenden Szenen und einem zeitlosen Thema.
Legendär ist “Sabotage” auch wegen einer Suspense-Szene, die Hitchcock später bedauerte: dem Transport der Bombe durch den Jungen und den auf dem Weg zum Ziel entstehenden Verzögerungen.
mit Sylvia Sidney, Oscar Homolka, Desmond Tester, John Loder
Die Bourne-Verschwörung (USA/D 2004, R.: Paul Greengrass)
Drehbuch: Tony Gilroy
LV: Robert Ludlum: The Bourne Supremacy, 1986 (Die Borowski-Herrschaft, Das Bourne Imperium)
Jason Bourne ist in Goa untergetaucht. Als ein Anschlag auf ihn verübt wird und er in Berlin ein Attentat verübt haben soll, beginnt Bourne den wirklichen Täter zu jagen.
Überaus erfolgreiche und auch bei der Kritik beliebte Fortsetzung von “Die Bourne-Identität”. Wieder, bis auf die Regie, mit dem bewährten Team und einigen halsbrecherischen Autoverfolungsjagden. Die Story ist ein Aufguss von „Die Bourne Identität“ (Am Anfang kämpft Bourne mit seiner Amnesie. In der Mitte erinnert er sich an seine Vergangenheit. Am Ende kämpft er gegen einen anderen Profikiller. Oh, und etliche Autos werden geschrottet.). Die vielen Berlin-Bilder sind dagegen für Berlin-Freunde ein Fest.
Gilroys Drehbuch war für den Edgar Allen Poe-Preis nominiert.
Der dritte Bourne-Film „Das Bourne-Ultimatum“ läuft am nächsten Sonntag, den 15. November, um 20.15 Uhr auf RTL.
Mit Matt Damon, Franka Potente, Brian Cox, Julia Stiles, Karl Urban, Joan Allen, Michelle Monaghan
Nach Sam Peckinpahs „Sierra Charriba“ (um 22.55 Uhr in einer restaurierten Fassung) geht’s mit einem weiteren Western weiter:
BR, 00.50
Die gefürchteten Vier (USA 1966, R.: Richard Brooks)
Drehbuch: Richard Brooks
LV: Frank O’Rourke: A mule for the Marquesa, 1964 (später “The Professionals”)
Mexiko 1917: ein texanische Öl- und Viehmillionär engagiert vier Söldner seine von einem mexikanischen Revolutionär und Banditenführer entführte Frau zu befreien. Die vier Profis machen sich auf den Weg.
Richard Brooks Western-Klassiker „The Professionals“ ist gleichzeitig eine Heroisierung und zynische Demontage des professionellen Kriegshandwerks. Einer von Brooks besten, vielleicht sogar sein bester, Film.
Mit Burt Lancaster, Lee Marvin, Robert Ryan, Woody Strode, Claudia Cardinale, Jack Palance, Ralph Bellamy
„Die Krimis von Jürgen Ebertowski zeichnen sich durch gründliche Recherche, überzeugende Charaktere und große Spannung aus. Kennzeichnend in seinen Büchern ist der wiederkehrende Berlinbezug und der multikulturelle Hintergrund“, sagen die Verleiher (keine Ahnung, wer das genau ist) in ihrer Urteilsbegründung.
Der »Krimifuchs« würdigt das langjährige Schaffen eines Autors im Krimi-Genre. Ebertkowski hat zuletzt den vierten Fall mit Eugen Meunier, „Blutwäsche“ (Rotbuch), veröffentlicht.
Weil’s auf der derzeit sehr spartanischen Homepage zur Kriminacht nicht steht, hier noch einige weitere Informationen: Im Vorverkauf kostet eine Eintrittskarte 10 Euro (zuzüglich Vorverkaufsgebühren und nur an Kassen mit einem CTS-System), an der Abendkasse 13 Euro und weitere Infos gibt’s unter dieser Telefonnummer zu den üblichen Dienstzeiten: (030) 90294 – 4795.
Bei den Alligatoren gibt es die neuen, von Alfred wunderschön bebilderten TV-Krimi-Buch-Tipps, mit subjektiven Einschätzen von mir zu diesen und vielen anderen Werken:
In den kommenden beiden Wochen gibt es einige TV-Premieren. Nämlich Astrid Paprottas ersten „Tatort“ (sie schreibt schon am Zweiten), Martin Asphaugs Unni-Lindell-Verfilmung „Kommissar Isaksen – Das 13. Sternbild“, Paul Greengrass‘ Robert-Ludlum-Verfilmung „Das Bourne Ultimatum“ („Die Bourne Verschwörung“ läuft auch), Antoine Fuquas Stephen-Hunter-Verfilmung „Shooter“, Peter Keglevics Batya-Gur-Verfilmung „Die Seele eines Mörders“ und Marcel Wehns „Von einem der auszog – Wim Wenders‘ frühe Jahre“.
Es gibt einige weitere selten gezeigte Hitchcock-Filme: seine Daphne-du-Maurier-Verfilmung „Riff-Piraten“, seine Joseph-Conradt-Verfilmung „Sabotage“, seine John-Buchan-Verfilmung „Die 39 Stufen“ und, öfter laufend, seine Frederick-Knott-Verfilmung „Bei Anruf Mord“.
Außerdem sehenswert sind Richard Brooks‘ Frank-O’Rourke-Verfilmung „Die gefürchteten Vier“, Stanley Kubricks Humphrey-Cobb-Verfilmung „Wege zum Ruhm“, die „Nachtschicht“-Filme „Tod im Supermarkt“ und „Der Ausbruch“ von Lars Becker, Robert Altmans John-Grisham-Verfilmung „Gingerbread Man – Eine nächtliche Affäre“ und Richard Fleischers Elmore-Leonard-Verfilmung „Das Gesetz bin ich“.
Auf den ersten Blick unterscheidet sich „Tokio im Jahr Null“ nicht von den vorherigen vier Romanen von David Peace. Wie in den inzwischen für das englische Fernsehen verfilmten Krimis „1974“, „1977“, „1980“ und „1983“ wird die Geschichte in kurzen Absätzen und Dialogen erzählt. Es gibt viele Wiederholungen, die teilweise wegen des geänderten Schriftbildes, sofort auffallen und so dem Werk einen zum Vorlesen einladenden Rhythmus verleihen.
Außerdem wird wieder ein Serienkiller gejagt. War es im Red Riding Quartett der auch in der Realität mordende Yorkshire Ripper, ist es in „Tokio im Jahr Null“ der ebenfalls wahre Fall des Serienkillers Yoshio Kodaira.
David Peace hält sich in seinem neuesten Werk zwar an die Fakten, aber im Mittelpunkt steht nicht Kodaira, sondern der vom Krieg traumatisierte Inspektor Minami. Als er in einem Park zwei weibliche Leichen findet, erinnert er sich an einen früheren Fall. Während der Ermittlungen muss er immer weiter in die Vergangenheit zurückgehen und gegen behördeninterne Schikanen kämpfen. Eine wichtige Akte fehlt. Er soll den Fall schließen. Seine Untergebenen beschweren sich über seine Führungsqualitäten und er wird zu Ermittlungen in die Provinz geschickt. Sowieso gehorchen die Ermittlungen nicht dem Diktat der Beweise, sondern politischen Erwägungen. Gleichzeitig soll eine zweite Säuberungswelle unzuverlässige und störende Polizisten entfernen. Minami glaubt, dass auch er zu den Opfern dieser Säuberung gehören soll.
Außerdem leistet er für einem Gangster Spitzeldienste und er bekommt, als Entlohnung für seinen Verrat, Drogen.
Das klingt jetzt nach der nächsten 08/15-Noir-Version von „Bad Lieutenant“. Daran ändert auch der unverbrauchte Handlungsort nichts. Und dass, wie der Ich-Erzähler Minami mehrmals betont, niemand der ist, der er zu sein scheint, ist für Krimifans auch nicht gerade neu. So weit, so konventionell.
Das Besondere an „Tokio im Jahr Null“ ist, wie immer bei Peace, die Sprache. Denn er schildert den geistigen Verfall von Minami in kurzen Sätzen. Dabei unterscheidet er nicht mehr zwischen wichtigen und unwichtigen Informationen. Alles ist für ihn gleich wichtig. Alles wird in dürren, sich auf die Fakten konzentrierenden Worten geschildert. Gleichzeitig werden bestimmte Worte und Sätze immer wieder wiederholt. Es stellt sich eine bleierne Schwere ein, die den sich langsam ausbreitenden Wahnsinn von Minami kongenial spiegelt.
Das ist brillant durchkomponiert, aber auch über weite Strecken monoton zu lesen. „Tokio im Jahr Null“ ist eine formal bestechende, aber nie wirklich packende humorlos-klinische Studie. Denn letztendlich berührt einem Minamis Schicksal nicht.
Heute Abend stellt David Peace in Berlin seinen Roman vor.
In der Talkshow tritt heute unter anderem Frank Schätzing auf. Er wird einiges über sein neues Buch „Limit“ erzählen. Mir ist es mit über 1300 Seiten ja viel zu dick.
Jessica Schwarz, Jan Josef Liefers und Sting wollen in der Sendung zum 35-jährigem Jubiläum auch aufschlagen.
Biotechniker und Topmanager Mark Whitacre steckt dem FBI, dass sein Arbeitgeber, der Agrarkonzern Archer Daniels Midland, mit den Japanern illegale Preisabsprachen tätigt. Das FBI ist begeistert und lässt Whitacre als Maulwurf arbeiten. Allerdings ist Whitacre nicht so unschuldig-doof, wie er auf den ersten Blick erscheint.
Die Big-Business-Posse basiert auf einem wahren Fall aus den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.
New-York-Times-Finanzreporter Kurt Eichenwald schrieb auch die Enron-Geschichte „Conspiracy of Fools“ (Verschwörung der Narren).
mit Matt Damon, Scott Bakula, Joel McHale, Melanie Lynskey, Ludger Pistor, Clancy Brown
Der König des Vorstadtthrillers ist mit seinem wahrscheinlich ungewöhnlichsten Roman zurück. Denn als Thriller funktioniert „Sie sehen dich“ im Gegensatz zu seinen vorherigen Werken nur leidlich. Es gibt zwar Geheimnisse, Verbrechen und auch einige Morde, aber gerade die Morde interessieren Coben am allerwenigsten.
Es geht, wie schon in dem letzten Myron-Bolitar-Roman „Ein verhängnisvolles Versprechen“, um einen verschwundenen Teenager. Für den Bolitar-Roman griff Coben auf ein wahres Ereignis aus seinem Leben zurück. Und, wenn man weiß, dass Coben selbst Vater ist, ist offensichtlich, dass „Sie sehen dich“ ein Panoptikum der elterlicher Ängste ist. Einerseits wollen sie ihre Kinder beschützen, andererseits geht das nicht, weil diese sich mit zunehmendem Alter der Aufsicht der Eltern entziehen.
Außerdem geht es um all die kleinen Geheimnisse, die es unter der heilen Oberfläche der Suburbs gibt und deren Chronist Harlan Coben seit einem guten Jahrzehnt ist.
In „Sie sehen dich“ installieren die Eltern Mike und Tia Baye auf dem PC ihres Sohnes Adam eine Spionagesoftware. Als sie so herausfinden, dass er und seine Freunde sich auf einer Party betrinken wollen, versuchen sie das zu verhindern. Aber Adam bükst aus und sein Vater beginnt ihn zu suchen. Denn vor der Party gab es noch weitere ihn beunruhigende Nachrichten auf dem PC, die mit dem Tod von Adams Schulkameraden Spencer Hill zusammenhängt.
Zur gleichen Zeit will die Mutter von Spencer Hill herausfinden, wer ihren Sohn in den Tod getrieben hat. Denn sie kann nicht glauben, dass er sich selbst umbrachte und ein zufällig auf einer Internet-Trauer-Seite gefundenes Bild beweist, dass er am Abend seines Todes nicht allein war.
Und Mike Baye, der als Arzt arbeitet, fragt sich, wie er damit umgehen soll, dass das todkranke Kind seiner attraktiven Nachbarin die Frucht eines Seitensprunges ist, von dem der Vater (dem Verbindungen zur Mafia nachgesagt werden) nichts weiß.
Dass zur gleichen Zeit ein Serienkiller Frauen umbringt, ist dagegen zunächst nur ein Problem der Polizei und der bereits aus den vorherigen Romanen von Harlan Coben bekannten Ermittlerin Loren Muse.
Erst gegen Ende verknüpft Harlan Coben die einzelnen Handlungsfäden. Das ist auch der große Minuspunkt von „Sie sehen dich“. Denn die typische Coben-Spannung, die einen dazu bringen soll, das Buch in einem Rutsch durchzulesen, stellt sich nicht ein. Zu übertrieben scheint die Sorge von Mike Baye um seinen Sohn. Denn Adam will nur ein typisches drogenverseuchtes Teenagerwochenende durchziehen und sich von seinem Vater daran nicht hindern lassen. Aber Mike läuft, als sein Sohn reißaus nimmt (und, so müssen wir anfangs vermuten, einfach das geplante Wochenende durchziehen will), wie von einer Tarantel gestochen los. Bis deutlich wird, in welchen Problemen Adam steckt, vergeht einige Lesezeit, die Coben damit verbringt, viele verschiedene Handlungsstränge, die anfangs nicht oder nur sehr lose miteinander verknüpft sind, zu beginnen und einen Psychopathen, der mit seiner Freundin Frauen tötet, in die Vorstadt einfallen zu lassen. Weil dieser es nur auf Frauen abgesehen hat, geht von auch keine Gefahr für Adam aus.
Dieses für Harlan Coben langsame Erzähltempo und sein augenfälliges Desinteresse an Thrill brechen dem Buch nicht das Genick. Denn in „Sie sehen dich“ entwirft Harlan Coben ein präzises Soziogramm der auf den ersten Blick brav-biederen Vorstadt-Mittelschicht, ihrer Geheimnisse und ihrer Ängste. Sie versuchen etwas zu kontrollieren, was so nicht geht. Deshalb gehört auch die Geschichte von einem beliebten Lehrer, der in einem unbedachten Augenblick eine Schülerin beleidigt, und so eine Lawine lostritt, in diese Welt.
In „Sie sehen dich“ geht es in vielen verschiedenen Variationen um die Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern. Es geht um Erziehung. Es geht um die Frage, wie sehr Eltern ihre Kinder beschützen und wie viel Freiheit sie ihnen geben sollen. Es geht um die alltäglichen Sorgen eines Vaters, der feststellen muss, dass seine Kinder erwachsen werden.
Ein versoffener Sheriff, ein behinderter Gunfighter und ein junger Messerwerfer legen sich mit der Bande eines skrupellosen Viehbarons an. Ihre Chancen den Kampf zu überlegen tendieren gegen Null.
Als Howard Hawks „Rio Bravo“ drehte, hatten sie beim Dreh viele gute Ideen, die allerdings nicht in diesen Film passten. Mit Leigh Brackett schrieb er dann, mit diesen Ideen, „El Dorado“; einen weiteren Western-Klassiker. Der dieses Mal sogar sehr witzig ist.
„‚El Dorado‘ ist ein Film gegen ‚Rio Bravo‘, wie ‚Rio Bravo‘ ein Film gegen ‚High Noon‘ war. (…) [‚El Dorado‘ ist] die radikale Entglorifizierung des Westernhelden.“ (Enno Patalas, Filmkritik 10/1967)
mit John Wayne, Robert Mitchum, James Caan, Charlene Holt, Michele Carey, Arthur Hunnicutt, R. G. Armstrong, Edward Asner
Drehbuchautor William C. Martell schreibt in seinem immer lesenswerten „Script Secrets“:
If your protagonist has no past, they also have no present. They won’t seem real to an audience.
Auch „Dirty Harry“ hat eine Vergangenheit.
Das schönste Beispiel für die Vergangenheit des Helden und seines Bedürfnisses, das nie erfüllt wird (weil dann die Serie zu Ende wäre), findet sich in den „Süden“-Romanen von Friedrich Ani. Dort stellt der Held Tabor Süden sich mit einem Satz vor:
Ich arbeite auf der Vermisstenstelle der Kripo und kann meinen eigenen Vater nicht finden.
Heather Graham:I think one of the toughest questions for a writer–or me, at least–is that of how long it takes to write a book. Not one has ever taken the same amount of time, and I think that most writers will agree with this–the time it takes to write a book is not the amount of time we sit at the computer. Books are thought out, plotted, and re-plotted. So, often, we’re in another city–or another room!–and we see something or hear something that is the beginning of a new book while we’re still in the middle of the old one. Life, after all, is a learning circumstance and a teaching session. Our characters come from people we know–old friends, or those we’ve just met–and our stories come from information that is processed into our minds.
Andrew Gross: I do always start with a detailed proposal, which I present to my editor and publisher. It’s usually a synopsis of the overriding concept, the main characters, the conflict, where I see it going. At least half the book. I probably also include an outline of the first ten scenes or so, pretty fleshed out. It’s important to me they buy in. From that point on, I find myself outlining in segments of ten to fifteen chapters, just to stay ahead of myself. Keep me on task. I know where I want to go, but sometimes don’t do the heavy lifting and take the shortcut now that I have several books under me and know the process.
Auf der Seite des HR gibt es etliche Interviews von der Frankfurter Buchmesse. Unter anderem mit Claudia Pineiro (Ganz die Deine; Elena weiß Bescheid), Wolf Haas (Der Brenner und der liebe Gott), Frank Schätzing (Limit), Astrid Paprotta (zum „Tatort: …es wird Trauer sein und Schmerz“ [Vorsicht: das Ende wird verraten]) und Erol Sander (über die „Mordkommission Istanbul“-Filme). Leider kann ich im Moment nicht direkt auf die Videos verlinken.Deshalb müsst ihr in der Box „Die ARD auf der Buchmesse – Im Gespräch mit…“ etwas scrollen.
Zum Erscheinen der deutschen Ausgabe von seinem neuen Roman „Blood's A Rover“ (Blut will fließen) besucht James Ellroy Deutschland. Bis jetzt stehen diese Lesungen fest: MünchenMontag, 25. Januar, 20.00 Uhr LiteraturhausSalvatorplatz 1, 80333 München- HamburgDienstag, 26. Januar, 20.00 Uhr LiteraturhausSchwanenwik 38, 22087 Hamburg-KölnMittwoch , 27. Januar, 20.00 Uhr LiteraturhausSchönhauser Str. 8, 50968 Köln-StuttgartDonnerstag, 28. Januar, 20.00 Uhr LiteraturhausBreitscheidstr. 4, 70174 Stuttgart-Matthias Brandt wird aus der Übersetzung vorlesen und Claudius Seidl wird durch den Abend führen. Soweit das bei James Ellroy möglich ist.-Ich hoffe ja noch auf einen Termin in Berlin. Sonst...-
„Blood's A Rover“ ist der langerwartete Abschluss seiner „Underworld U. S. A.“-Trilogie. Die vorherigen Teile waren „Ein amerikanischer Thriller“ (American Tabloid, 1995) und „Ein amerikanischer Albtraum“ (Cold Six Thousand, 2001) – und wenn die Meldungen aus den Staaten stimmen, dann ist „Blood's A Rover“ erstens verdammt gut und zweitens sollten „Ein amerikanischer Thriller“ und „Ein amerikanischer Albtraum“ unbedingt vorher (zum Beispiel über die Weihnachtstage) gelesen werden.