Die Crime Writers of Canada (CWC) haben auf der Bloody Words Convention ihre diesjährigen Arthur-Ellis-Preise verliehen. Die glücklichen Gewinner der 28. Verleihung sind:
Best Novel
Bury Your Dead, von Louise Penny (Little, Brown UK)
nominiert
Slow Recoil, von C.B. Forrest (RendezVous Crime)
In Plain Sight, von Mike Knowles (ECW Press)
The Extinction Club, von Jeffrey Moore (Penguin Group)
A Criminal to Remember, von Michael Van Rooy (Turnstone Press)
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Best Short Story
So Much in Common, von Mary Jane Maffini (Ellery Queen Mystery Magazine)
nominiert
In It Up to My Neck, von Jas R. Petrin (Alfred Hitchcock Mystery Magazine)
The Big Touch, von Jordan McPeek (ThugLit)
The Piper’s Door, von James Powell (Ellery Queen Mystery Magazine)
The Bust, von William Deverall (from Whodunnit: Sun Media’s Canadian Crime Fiction Showcase)
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Best Non-Fiction
On the Farm, von Stevie Cameron (Knopf Canada)
nominiert
Our Man in Tehran, von Robert Wright (HarperCollins)
Northern Light: The Enduring Mystery of Tom Thomson and the Woman Who Loved Him, von Roy MacGregor (Random House)
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Best Juvenile/Young Adult
The Worst Thing She Ever Did, von Alice Kuipers (HarperCollins)
nominiert
Borderline, von Allan Stratton (HarperCollins)
Pluto’s Ghost, von Sharee Fitch (Doubleday Canada)
Victim Rights, von Norah McClintock (Red Deer Press)
The Vinyl Princess, von Yvonne Prinz (HarperCollins)
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Best Crime Writing in French
Dans le quartier des agités, von Jacques Côté (Alire)
nominiert
Cinq secondes, von Jacques Savoie (Libre Expression)
Vanités, von Johanne Seymour (Libre Expression)
La société des pères meurtriers, von Michel Châteauneuf (Vents D’ouest)
Quand la mort s’invite à la première, von Bernard Gilbert (Québec Amérique)
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Best First Novel
The Debba, von Avner Mandleman (Other Press)
nominiert
The Damage Done, von Hilary Davidson (Tom Doherty Associates)
The Penalty Killing, von Michael McKinley (McClelland & Stewart)
The Parabolist, von Nicholas Ruddock (Doubleday)
Still Missing, von Chevy Stevens (St. Martin’s Press)
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Unhanged Arthur (Best Unpublished First Crime Novel)
Nach acht Minuten stirbt Colter Stevens (Jake Gyllenhaal) bei einem Anschlag auf einen Zug in Chicago. Die vorherigen acht Minuten war Colter damit beschäftigt, herauszufinden, wie er in den Zug der Berufspendler kam. Denn die letzte Erinnerung des US-Army-Hubschrauberpiloten ist ein Feuergefecht in Afghanistan. Die Frau, die ihm gegenübersitzt, kennt ihn. Er aber kennt Christina Warren (Michelle Monaghah) nicht und im Spiegel erblickt er einen fremden Mann.
Nach seinem Tod wird Colter in einer Kapsel, die eine nicht immer einwandfrei funktionierende Mischung aus Hubschraubercockpit und altertümlicher Raumkapsel ist, wach und via Bildschirm erklärt ihm eine andere Frau, dass er sich auf einer Mission befinde und er wieder zurück müsse. Er habe wieder acht Minuten für seine Mission. Er muss herausfinden, wer für den Anschlag auf den Zug verantwortlich ist. Denn der Attentäter plant noch weitere Anschläge und nur Colter kann sie verhindern.
Er wird wieder in den Source Code geschickt.
Denn der Source Code ermöglicht es den Militär-Wissenschaftlern, jemand für acht Minuten in die Vergangenheit zu schicken. Die Gegenwart könne zwar nicht geändert werden (d. h. der Anschlag wird in jedem Fall stattfinden und die Menschen werden in dem Zug sterben), aber die anderen Anschläge können verhindert werden. Der Source Code ist eine parallele Wirklichkeit, in die man, wie in einem Spiel, jemand immer wieder zurückschicken kann. In einem Interview sagt Drehbuchautor Ben Ripley (Species III, Species IV), dass er eine nichtlineare Geschichte wie „…und täglich grüßt das Murmeltier“ (Groundhog Day, USA 1993) erzählen wollte. Science-Fiction-Fans dürften dagegen eher an die Werke von Philip K. Dick, der sich immer wieder mit der Frage, wie real die Realität ist, ob es parallele Welten gibt und wie frei wir in unseren Entscheidungen sind, denken. Auch Ripleys Drehbuch ist ziemlich düster geraten und stellt die eine allgemeingültige Wirklichkeit infrage.
Aber Colter will nicht stupide Befehle ausführen. Er will die Passagiere retten. Vor allem will er Christina, in die er sich verliebt, retten. Und Colleen Goodwin (Vera Farmiga), die ihm als Befehlshaberin die Situation erklärt und ihn immer wieder zurückschickt, beginnt in ihm auch den Mensch zu sehen, den sie immer wieder, mit spärlichen Informationen ausgestattet, in den virtuellen (?) Tod zu schicken. Dagegen ist Projektleiter Dr. Rutledge (Jeffrey Wright) nur an einem Erfolg von seinem Projekt, das hier zum ersten Mal in der realen Welt ausprobiert wird, interessiert.
„Source Code“ ist, wie schon der Debütfilm „Moon“ von Duncan Jones, Science-Fiction-Kino für denkende Menschen, bei dem das geringe Budget (gerade die Effekte bei der Bombenexplosion sind schlecht) durch gute Leistungen der Schauspieler (Michelle Monaghan hat eine sehr undankbare Rolle als blasses Love-Interest; Vera Farmiga, die die ganze Zeit vor einem Bildschirm sitzen muss, ist fantastisch) und ein gewitztes Drehbuch ausgeglichen werden. Denn die Idee der Zeitreise ist zuerst einmal der Aufhänger für einen spannenden Thriller mit vielen falschen Fährten und Überraschungen, und danach ein moralischer Diskurs über Verantwortung (ohne zu moralisieren), Realität und der alten Zeitreise-Frage, ob die Gegenwart verändert werden kann (und muss) und ob wir dann wissen, dass die Gegenwart verändert wurde. D. h. gibt es parallele Welten und wenn ja, wie viele?
Duncan Jones zeigt auch in seinem zweiten Spielfilm, dass ein guter Science-Fiction-Film keine epischen Weltraumschlachten oder ausufernde Kämpfe auf der Erde braucht, sondern nur eine gute Idee. Oder eine alte Idee (Zeitreise in die Vergangenheit ist für SF-Fans wirklich ein alter Hut), der neue Facetten abgewonnen werden. In „Source Code“ gelingt das in neunzig straff erzählten Minuten, die keine Zeit für langwierige Nebengeschichten lassen.
Source Code (Source Code, USA 2011)
Regie: Duncan Jones
Drehbuch: Ben Ripley
mit Jake Gyllenhaal, Michelle Monaghan, Vera Farmiga, Jeffrey Wright, Michael Arden, Cas Anvar
Jesse Stone – Eiskalt (USA 2005, R.: Robert Harmon)
Drehbuch: John Fasano, Michael Brandman
LV: Robert B. Parker: Stone Cold, 2003
Das Städtchen Paradise hat zwei neue Einwohner: die Lincolns. Sie sind Serienkiller und der Polizeichef von Paradise, Jesse Stone, beginnt sie zu jagen.
Neben der erfolgreichen Spenser-Serie und der unter Fans gehassten Sunny-Randall-Serie schrieb Robert B. Parker auch die Jesse-Stone-Romane. In ihnen ist ein geschiedener L.-A.-Cop mit einem Alkoholproblem, der in der Kleinstadt Paradise bei Boston zur Ruhe kommen will, der Held. Gerade die ersten Romane waren düsterer als von Robert B. Parker gewohnt und sorgfältiger konstruiert als die Spenser-Romane, die von Parker teilweise per Autopilot geschrieben werden.
„Stone Cold“ ist der vierte Jesse-Stone-Roman, aber die erste Jesse-Stone-Verfilmung. Der angenehm altmodische Thriller wurde positiv aufgenommen, bis jetzt wurden fünf weitere Jesse-Stone-Filme im US-TV ausgestrahlt und weitere Jesse-Stone-Filme sind geplant.
Mit Tom Selleck, Jane Adams, Reg Rogers, Mimi Rogers
Ach, den Peter Temple muss ich noch lesen. Aber jetzt ist erst mal der neue Roman von Thor Kunkel, „SUBS“, dran. Denn Kunkel präsentiert am kommenden Montag um 20.00 Uhr in Berlin im Grünen Salon (Rosa-Luxemburg-Platz 2, Nähe Alexanderplatz) seinen Roman und ich will die Lesung mit einer kleinen Buchkritik ankündigen. Der neue James Sallis ist noch in den Klauen des Postboten. Friedrich Ani und Daniel Woodrell hab ich ja schon abgefeiert. Don Winslows neuer grandioser Roman „Satori“ ist wohl zu unterhaltsam für die Liste.
Polizist Coleman jagt den Nachtclubbesitzer Simon, mit dem er befreundet ist und der Überfälle begeht. Zwischen den beiden Männern steht Simons Freund Cathy.
Nach „Der eiskalte Engel“ und „Vier im roten Kreis“ war „Der Chef“ die dritte Zusammenarbeit von Alain Delon und Jean-Pierre Melville und zum ersten Mal spielte Delon einen Polizisten. Aber weil es Melville in „Der Chef“ auch um die Austauschbarkeit von Gangstern und Polizisten ging, unterschied Delons Rolle sich kaum von seinen vorherigen Rollen als Gangster. Denn Melville räumt Coleman und Simon etwa gleich viel Leinwandzeit ein.
„Melvilles letzter Film (…) ist ein würdiger Abschluss im Werk eines seines Metiers und seiner Liebe zum Kino sicheren Ultra-Professionellen, der die düstersten und unheimlichsten, aber auch ästhetisch vollkommendsten und menschlichsten Filme schuf, die in Frankreich je gedreht worden sind.“ (Hans Gerhold: Un Flic in „Jean-Pierre Melville, Hanser Reihe Film 27, 1982)
„‚Un Flic‘ ist vermutlich der kälteste Film Melvilles, und Alain Delon gelingt als Chef-Fahnder Edouard Coleman der Pariser Kriminalpolizei eine brillante Charakterstudie über die Einsamkeit und Isolation des professionellen Menschenjägers.“ (Wolfgang Schweiger: Der Polizeifilm, 1989)
Nach der OFDB wurde Jean-Pierre Melvilles letzter Film zuletzt vor zwölf Jahren gezeigt und auf DVD ist er bei uns auch noch nicht veröffentlicht. Also: Aufnahmebefehl.
Mit Alain Delon, Catherine Deneuve, Richard Crenna, Riccardo Cucciolla, Michel Conrad
„Boah, was war das?“ fragte ich mich am Ende von William Gibsons neuem Roman „Systemneustart“. Das soll das neue Werk des Mannes sein, der in den Achtzigern, neben Bruce Sterling, die Stimme des Cyberpunk war und als Science-Fiction-Autor eine Utopie von einem virtuellem Raum, dem Cyberspace, entwarf, die, knapp gesagt, das heutige Internet in all seinen Schattierungen ist. Vor allem die Neuromancer-Trilogie, aber auch die Idoru-Trilogie (die jetzt gesammelt als Taschenbuch erschien), sind zu recht Kultromane für die Science-Fiction-Gemeinde und die Internet-Geeks. Vor knapp zehn Jahren wandte Gibson sich der Gegenwart zu. Immerhin wurden seine Zukunftsvorstellungen ja langsam Realität.
Auch „Systemneustart“ spielt in der Gegenwart und es treten bekannte Charaktere aus seinen beiden vorherigen Romanen „Mustererkennung“ und „Quellcode“ auf. Und es geht wieder um die Welt der Werbung und der Waren.
Hollis Henry soll im Auftrag von Bigend herausfinden, wer der Designer hinter dem Modelabel Gabriel Hounds ist. Denn diese Kleider werden nur an halbseidenen Orten an ausgewählte Kunden verkauft. Es gibt auch keine Werbung dafür. Milgrim, der das vergangene Jahrzehnt in der Drogenrehabilitation verbrachte und einen Blick für Details hat, soll ihr helfen.
Schon diese Prämisse ist etwas haarig. Denn um das Modelabel wird ein Bohei gemacht, als ob es sich um eine Lieferung von illegalen Drogen oder Waffen handelt und der Verkauf von Klamotten ein Kapitalverbrechen ist. Denn es geht in „Systemneustart“ nicht um Industriespionage (was ja bedeuten würde, dass Konkurrenten um einen Markt kämpfen und sich einen Vorteil verschaffen wollen), sondern einfach nur darum herauszufinden, wer die Klamotten entwirft und das ist etwa so gefährlich wie eine Recherche in der städtischen Bibliothek. Aber Gibson inszeniert diese Suche, als ob es um das Ei des Kolumbus oder die drohende Vernichtung der Erde geht; – was dann doch etwas übertrieben-hysterisch wirkt. Jedenfalls für einen Roman, der sich nicht als Komödie oder Satire versteht. Humor ist sowieso in „Systemneustart“ Mangelware.
Stattdessen bewegen sich die blassen Charaktere mit großem Ernst von einem Ort an einen anderen Ort (immer in dieser Welt, nie in den tiefen des Cyberspace) und gefallen sich in ihrer Paranoia. Dafür verfremdet Gibson die Gegenwart bis zum Gehtnichtmehr und, während er mit seinen Cyberpunk-Romanen eine faszinierende, sich aus der Gegenwart speisende Utopie entwarft, hat er in „Systemneustart“ nichts zur Gegenwart und auch nichts zur Zukunft zu sagen.
Bis zum Ende bleibt vollkommen unklar, worum es überhaupt geht (Gabriel Hounds? Militärkleidung? Etwas anderes?) und, damit verbunden, was auf dem Spiel steht. Aber wenn unklar ist, worum es geht, ist einem auch die Geschichte egal.
Auch nachdem einer von Bigends Mitarbeitern entführt wird, wird es nicht klarer und, was beim Benutzen eines so altbewährten Erzählkniffs eigentlich ein Kunststück ist, auch nicht spannender. Es gibt sogar, kurz vor dem Geiselaustausch auf Seite 452 einen absurden Dialog zwischen einigen Hauptcharakteren, der das Dilemma des Buches ziemlich gut zusammenfasst:
„Verstehst du, was er da treibt?“
„Nein, aber es ist kompliziert.“
(…)
„Sie wollen, dass er für Milgrim gehalten wird.“
„Das weiß ich! Aber warum?“
„Jemand hat Bigends Starinformatiker entführt. Die verlangen, dass wir ihnen im Tausch Milgrim ausliefern.“
„Warum denn das?“
„Genau genommen“, sagte Hollis, „hat es wohl etwas damit zu tun, dass du dem Kerl, der euch verfolgt hat, einen Pfeil an den Kopf geworfen hast.“
Und auch wir Leser sind keinen Deut schlauer als Hollis. Außerdem ist uns reichlich egal, ob die Befreiungsaktion à la Schlechte-A-Team-Kopie gelingt oder schiefgeht. Deutlicher kann man wohl das Scheitern eines Romans nicht formulieren. Der Roman ist ein, auf gut fünfhundert, engbebruckte Seiten ausgewalzter literarischer Leerlauf von einem Mann, der das Genre revolutionierte.
„Systemneustart“ liest sich als ob man ein Spiel von Freizeitsoldaten beobachtet, ohne die Regeln zu kennen und die Freizeitsoldaten auch nur gegen imaginäre Gegner kämpfen. Dagegen ist das Beobachten von trocknender Farbe eine hochspannende Angelegenheit.
William Gibson: Systemneustart
(übersetzt von Hannes und Sara Riffel)
Tropen, 2011
496 Seiten
24,95 Euro
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Originalausgabe
zero history
G. P. Putnam’s Sons, New York 2010
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William Gibson: Die Idoru-Trilogie (Virtuelles Licht, Idoru, Futuremantic)
(überarbeitete Neuausgabe)
(übersetzt von Peter Robert)
Heyne, 2011
1056 Seiten
13,99 Euro
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Die Werke von William Gibson
Die Neuromancer-Trilogie
Neuromancer (Newromancer, 1984)
Biochips (Count Zero, 1986)
Mona Lisa Overdrive (Mona Lisa Overdrive, 1988)
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Die Idoru-Trilogie
Virtuelles Licht (Virtual Light, 1993)
Idoru (Idoru, 1996)
Futuremantic (All Tomorrow’s Parties, 1999)
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Die Bigend-Romane
Mustererkennung (Pattern Recognition, 2003)
Quellcode (Spook Country, 2007)
Systemneustart (zero history, 2010)
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Einzelwerke
(mit Bruce Sterling) Die Differenzmaschine (The Difference Engine, 1990)
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Kurzgeschichtensammlung
Vernetzt – Johnny Mnemonic und andere Geschichten (Burning Chrome, 1986)
Mörder ohne Erinnerung (NL/B 2003, R.: Erik van Looy)
Drehbuch: Carl Joos, Erik van Looy
LV: Jef Geeraerts: De zaak Alzheimer, 1985
Ein Auftragsmörder wendet sich gegen seine Auftraggeber, einen Pädo-Ring, und bringt sie um. Zunehmend gehemmt ist er dabei von seinem fortschreitenden Alzheimer.
In Deutschland erlebte der spannende Thriller seine Premiere auf dem Fantasy-Filmfest und wurde anschließend nur als DVD veröffentlicht.
„Geheimtipp“ (Fantasy Filmfest)
„Düsterer, realistisch anmutender Soziokrimi von überraschender Qualität.“ (Just: Film-Jahrbuch 2005)
Jef Geeraerts schrieb seinen Roman lange vor dem Belgien und Europa erschütternden Fall Dutroux.
Auf dem Fantasy-Filmfest 2010 lief „Dossier K. – Das Recht auf Rache“. Die beiden Drehbuchautoren Joos und van Looy schickten, wieder nach einem Roman von Geeraerts, die beiden Polizisten aus „Mörder ohne Erinnerung“ wieder auf die Jagd. Die ersten Kritiken sind vielversprechend.
Mit Jan Decleir, Koen de Bouw, Wernder de Smedt, Jo de Meyere
Auch bekannt als „Totgemacht – The Alzheimer Case“
Red Riding – Yorkshire Killer: 1983 (GB 2009, R.: Anand Tucker)
Drehbuch: Tony Grisoni
LV: David Peacy: Nineteen Eighty-Three, 2002 (1983)
Anwalt John Piggott soll den unschuldig verurteilten, psychisch kranken Kindermörder Michael Myshkin frei bekommen. Gleichzeitig hadert der Polizist Maurice Jobson mit seinem Gewissen. Denn er ist tief in die schmutzigen Geschäfte und verbrecherischen Ermittlungsmethoden der Yorkshire-Polizei verwickelt. Und wieder ist ein Mädchen verschwunden.
Grandioser Abschluss der Verfilmung von David Peaces Red-Riding-Romanen.
Mit Mark Addy, Daniel Mays, David Morrissey, Lisa Howard, Chris Walker, Shaun Dooley, Jim Carter, Warren Clarke, Sean Bean
Ein Buch zum Durchlesen ist Stefan Volks „Skandalfilme – Cineastische Aufreger gestern und heute“ nicht. Es ist eher ein Lexikon, das zum Blättern einlädt; auch wenn der Text arg klein geraten ist und die Bilder eher der Illustration dienen. Denn sie sind in SW und ebenfalls ziemlich klein geraten.
Dafür hat Volk auf etwas über dreihundert Seiten eine sehr informative Chronik des Skandals im Film von den Anfängen bis zur Gegenwart geschrieben. Bis auf ganz wenige Ausnahmen konzentriert er sich dabei auf Filme, die in Deutschland für Aufregung sorgten. So entsteht auch eine kleine Sittengeschichte Deutschlands von „Anders als die anderen“ (über Homosexualität) über „Panzerkreuzer Potemkin“, „Ein andalusischer Hund“, „Im Westen nichts Neues“, „Die Sünderin“ (läuft manchmal im Nachmittagsprogramm), „Baby Doll“, „Das Mädchen Rosemarie“, „Das Schweigen“, „Spur der Steine“, „O. K.“, „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“, „Salò oder Die 120 Tage von Sodom“, „Im Reich der Sinne“, „Die Konsequenz“, „Das Gespenst“ (damals ein Skandal, heute ohne Probleme als FSK-12 auf DVD veröffentlicht), „Die letzte Versuchung Christi“, „Basic Instinct“, „Funny Games“ (das Original), „Baise-Moi“, „Die Passion Christi“ bis hin zu „Tal der Wölfe – Irak“.
Die meisten Diskussionen in der Gesellschaft gab es, wie die Auswahl zeigt, wenn es um Sex, bevorzugt gleichgeschlechtlicher Sex und/oder mit Minderjährigen und/oder um Religion ging. Also Tabus angegriffen wurden. Das waren vor allem moralische Diskurse. Politischer im engeren Sinn wurde es dagegen seltener. Bei dem heute immer noch schockierendem Kriegsfilm „Im Westen nichts Neues“ ging es um die Rolle des Soldaten im Krieg und die Nazis instrumentalisierten den Film schamlos für ihre politischen Ziele, indem sie gegen Aufführungen protestierten. Hier bietet Volk eine tiefen und sicher für die meisten Leser vollkommen unbekannten Einblick in die damalige politische Gefechtslage und die damalige Filmzensur. In „O. K.“ wurde die Vergewaltigung und Ermordung einer Vietnamesin 1966 in Vietnam fiktionalisiert und die Berlinale war, wie einige Jahre später mit „Im Reich der Sinne“, der Auslöser für heftige Diskussionen über den Film und den Umgang mit dem Film. Beide Male kam es auch schon auf der Berlinale zum Eklat.
38 Filme und die durch den Film entstandenen Diskurse werden von Stefan Volk in „Skandalfilme“ ausführlich mit zeitgenössischen Kritiken, einem Ausblick auf die Wirkung des Films und weitergehenden Informationen zum Film und den Machern, vorgestellt.
Außerdem hat Volk mehrere Überblickstexte geschrieben, in denen er die ausgewählten Filme in einen größeren soziokulturellen Zusammenhang stellt (ach, das klingt so wissenschaftlich; besser vielleicht: indem er auch auf andere Filme und die Stimmung in der Gesellschaft eingeht). Jedenfalls ist „Skandalfilme“ auch eine deutsche Sittengeschichte.
Horror- und Action-Filme und die damit verbundenen Diskussionen über Gewalt werden von Volk ignoriert. Das kann man bedauern, aber diese Geschichte ist in anderen Büchern auch gut dokumentiert und hat, wenigstens in Deutschland, niemals, obwohl gerade diese Filme immer wieder mit Verboten und Schnittauflagen zu kämpfen hatten, die großen Diskussionen in der Gesellschaft ausgelöst.
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Stefan Volk: Skandalfilme – Cineastische Aufreger gestern und heute
Regisseurs Solaris will herausfinden, warum Staatsanwalt Traini, der Verbindungen zur Mafia haben soll, in Palermo erschossen wurde.
Selten gezeigter Politthriller von einem der wichtigsten Italo-Politthriller-Regisseure. Damiani war auch für die erfolgreiche TV-Serie „Allein gegen die Mafia“ verantwortlich.
„Damianis intelligente, zynische Spiegelfechterei stellt die Frage nach der Verantwortung des Künstlers/Ermittlers gegenüber der Wahrheit, ihren Trugbildern und Facetten. (…) Darüber hinaus präsentiert Damiani eine in all ihren Schichten heillos verfaulte Welt, der sein Regisseur Solaris wie ein Simplizissimus gegenübertritt. Der Polit-Thriller tendiert bisweilen zur zynischen Farce, was sich auch hier wie bei [Leonardo] Sciascia als konsequent erweist.“ (Horst Schäfer/Wolfgang Schwarzer: Von „Che“ bis „Z“, 1991)
Mit Franco Nero, Françoise Fabian, Pierluigi Aprà, Giancarlo Badessi, Ennio Balbo, Marco Guglielmi
Dark Star – Finsterer Stern (USA 1974, R.: John Carpenter)
Drehbuch: John Carpenter, Dan O’Bannon
Roman zum Film: Alan Dean Foster: Dark Star, 1974 (Reiseziel Ewigkeit, Dark Star)
„Dark Star – Finsterer Stern“ entstand als Abschlussarbeit eins Filmstudiums, wurde zu einem Welterfolg (vor allem gemessen am Budget), einem Kultfilm und dem Grundstein der Karrieren von John Carpenter (sein nächster Film war „Assault – Anschlag bei Nacht“) und Dan’Bannon (Drehbücher für „Alien“, „Das fliegende Auge“ und „Total Recall“).
Die Idee für „Dark Star“ war, eine realistische Version von „2001“ ohne die religiösen Tendenzen zu drehen. Deshalb ist das Raumschiff in „Dark Star“ auch entsprechend versifft und die Raumfahrer sind, nach den vielen Jahren im All, geistig degeneriert. Da bemerkt ein Astronaut, dass sich in einem Bombenschacht eine scharfe Bombe verklemmt hat, die jetzt überzeugt werden muss, nicht zu explodieren.
Der Film war für den Hugo, das Drehbuch für den Nebula Award nominiert.
„Carpenters Film zählt zu den interessantesten Beispielen aktueller amerikanischer Gesellschaftskritik.“ (Fischer Film Almanach 1980; denn der deutsche Kinostart war am 9. Februar 1979)
mit Brian Narelle, Dre Pahich, Cal Kuniholm, Dan O’Bannon, Joe Saunders, Miles Watkins
Es hilft nichts. Ich muss endlich mal wieder meinen Schreibtisch aufräumen. Dabei kann ich dann auch einige Werke, die ich teils schon vor Monaten genossen, aber bis jetzt immer noch nicht besprochen habe, endlich, nicht immer in der gebührenden Länge, besprechen.
Kulturwissenschaftler Terry Eagleton versucht in seinem Essay „Das Böse“ zu erklären, was, wir ahnen e bei dem Titel, das Böse ist. Dabei kann er aus seiner eigenen Biographie als überzeugter Katholik und Marxist schöpfen. Denn er versucht das Böse zwischen diesen beiden Extremen und ihren Welterklärungen zu deuten und zu anderen Begriffen wie „das Schlechte“ und „das Gute“ abzugrenzen.
Aber das Essay ist keine soziologische oder psychologische Abhandlung, sondern eine philosophische Schrift, die ihre These vor allem an verschiedenen Romanen wie Graham Greenes „Am Abgrund des Lebens“, William Goldings „Pincher Martin“ oder Flann O’Briens „Der dritte Polizist“ (Geniales Buch!) prüft.
Eagleton meint: „Das Böse, wie ich es verstehe, ist tatsächlich metaphysisch, insofern es sich gegen das Sein als solches wendet und nicht gegen diesen oder jenen seiner Teile. Grundsätzlich will es das Ganze vernichten Womit aber nicht gesagt ist, dass es zwangsläufig übernatürlich ist oder jeglicher menschlichen Kausalität entbehrt.“
Dabei unterscheidet Eagleton zwischen dem Bösen und dem Schlechten: „Böse Menschen lassen sich von ihrem destruktiven Verhalten nicht abbringen, weil ihre Handlungen keine rationale Grundlage haben. Für sie sind die vernünftigen Argumente, die andere in diesem Zusammenhang geltend machen, ein Teil des Problems. Dagegen ist es theoretisch möglich, mit Menschen zu argumentieren, die skrupellose Mittel anwenden, um rationale oder sogar bewundernswerte Zwecke zu erreichen.“ Das gilt auch für Terroristen.
Das gut zu lesende Buch ist eine inspirierende Lektüre voller Geistesblitze und Bonmots, das, wie es sich für einen philosophischen Text gehört, zum Nachdenken über das Böse in seinen verschiedenen Schattierungen einlädt.
Ich bin kein Freund der Bodensee-“Tatorte“. Genaugenommen finde ich die meisten „Tatorte“ mit Eva Mattes als Kommissarin Klara Blum unerträglich. Die Besten sind gerade so genießbar (und da ist der Konstanz-Bonus schon enthalten. Immerhin habe ich einige Jahre in dieser schönen Stadt, die solche „Tatorte“ nicht verdient hat, verbracht.). Bei „Seenot“ gefielen mir die unendlich langen, atmosphärischen Aufnahmen von Sonnenauf- und -untergängen am See (Man ist ja sooo genügsam.), während ich mich über die episch ausgewaltze falsche Fährte ärgerte und den üblichen kindischen Hickhack unter Kollegen, der anscheinend zu jedem „Tatort“ gehört, tapfer ertrug, während ich mich fragte, wer dieses infantile Gehabe witzig oder auch nur interessant findet.
Susanne Kraft schrieb jetzt in schönstem süddeutschen Barock eine Romanfassung von „Seenot“ und, abgesehen von der gewöhnungsbedürftigen Sprache, gefiel mir die Romanfassung besser als der Film. Ja, im Gegensatz zum Film, erscheint die Konstruktion der Geschichte mit ihren richtigen und falschen Fährten jetzt sogar sehr schlüssig.
Oh, und darum geht es: Zusammen mit ihrem Schweizer Kollegen Reto Flückiger suchen Kommissarin Blum und ihr Adlatus Kai Perlmann den Mörder des Werftbesitzers Urs Stähli. Er wurde auf dem Bodensee ermordet und, wie es sich für einen dieser Whodunit-“Tatorte“ gehört gibt es auch genug Verdächtige, aber wenig Spannung.
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Susanne Kraft: Seenot
Emons, 2010
208 Seiten
8,95 Euro
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Vorlage
Tatort: Seenot (D 2008, Folge 692)
Regie: René Heisig
Drehbuch: Dorothee Schön
mit Eva Mattes, Sebastian Bezzel, Stefan Gubser, Justine Hauer, Ralph Gassman, Hinnerk Schönemann
Genug Verdächtige gibt es auch in dem Frankfurt-“Tatort“ „Bevor es dunkel wird“ mit den Kommissaren Fritz Dellwo und Charlotte Sänger (beide inzwischen im Ruhestand). In einer Armenküche wird eine ehrenamtliche Mitarbeiterin vergiftet. Die beiden Kommissare fragen sich, ob der Anschlag dem Mittagstisch (und damit den Hilfebedürftigen) oder der Toten oder jemand anderes galt und sie einfach von der falschen Frucht gegessen hat.
Nachdem ich mich bei dem Vorgänger des Teams Dellwo/Sänger, Kommissar Brinkmann (aka Der Mann mit der Fliege), immer fragte, ob die Macher eine Parodie auf den konventionellen TV-Krimi (okay, sehr schlechte Parodie) machen wollten oder einfach nur grottenschlechte Krimis abdrehten, war der erste Dellwo/Sänger-“Tatort“ „Oskar“ eine Wohltat. Es ging. Auch die Frankfurter konnten gute Krimis drehen. „Oskar“ ist ein Krimi, der sich mit der deutschen Wirklichkeit beschäftigt, eine Blick auf die Schattenseite der Gesellschaft wirft, ohne in Klischees zu ersticken, die Grenzen des Genres auslotet und auch filmisch in der ersten Liga mitspielt. Zwischen 2002 und 2010 hielten die Frankfurter „Tatorte“ in achtzehn Fällen ein beachtlich hohes Niveau. „Bevor es dunkel wird“ gehört allerdings, weil die Ermittlungen nur den Prinzipien Zufall und Intuition gehorchen, zu den schwächeren Fällen des Teams Dellwo/Sänger.
Diese lasche Konstruktion der Geschichte, die im Film wenigstens teilweise überspielt wurde, fällt bei Uli Aechtners Romanfassung des Films gnadenlos auf.
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Uli Aechtner: Bevor es dunkel wird
Emons, 2010
160 Seiten
8,95 Euro
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Vorlage
Tatort: Bevor es dunkel wird (D 2007, Folge 680)
Regie: Martin Enlen
Drehbuch: Henriette Piper
mit Andrea Sawatzki, Jörg Schüttauf, Peter Lechbaumer, Sascha Göpel, Ina Weise, Fritz Karl
Die zweite Lieferung der „Suite Noire“ besteht aus vier weiteren, ebenfalls verfilmten, jeweils hundertseitigen Krimis, die gelungen verschiedene Spielarten des Noirs bedienen und immer auch eine Hommage an einen anderen Noir- oder Pulp-Roman sind. Bei Didier Daeninckxs „Nur DJs gibt man den Gnadenschuss“ ist auch für uns offensichtlich, dass es eine Hommage an Horace McCoys „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss“ (verfilmt von Sydney Pollack mit Jane Fonda) ist. Die von Daeninckx erzählte Geschichte hat dann, wie auch bei den anderen Hommagen, höchstens sehr entfernt noch etwas mit dem anderen Werk zu tun. In „Nur DJs gibt man den Gnadenschuss“ verliebt sich eine Radiomoderatorin bei einem alternativen Radioprojekt in einen gerade entlassenen Häftling. Der erwirbt schnell das Vertrauen der Mitarbeiter und niemand ahnt, dass er seine eigenen Ziele verfolgt.
Marc Villard erzählt in „Die Stadt beißt“ (eine Hommage an „Der Asphalt-Dschungel“ von W. R. Burnett) die Geschichte der aus dem Kongo geflüchteten Sara, die Malerin werden will, sich aber, als Illegale, als Prostituierte durchschlagen muss und, nachdem ihre Mitbewohnerin ermordet wird, von Allen im Viertel gejagt wird.
„Die Königin der Pfeifen“ von Laurent Martin beginnt mit einer Irritation, wenn man nach einigen Seiten erfährt, dass die Ich-Erzählerin Annabelle ein Mann ist, der sich mühselig das Geld für eine Geschlechtsumwandlung anspart. Da erhält sie (oder er?) eine Chance, schnell viel Geld zu machen.
Romain Slocombes „Das Tamtam der Angst“ erzählt die Geschichte des Künstler Fridelance Ambroise, der von allen immer unterdrückt und über den Tisch gezogen wird. So soll er für ein Taschengeld einen Schmöker, in dem detailliert magische Rituale der Afrikaner geschildert werden, illustrieren und beim Verkauf eines wertvollen Stuhls beschissen werden. Fridelance probiert die Zaubersprüche aus und, nun, es geschehen seltsame Dinge.
Die vier kurzen Romane zeigen die Bandbreite des zeitgenössischen französischen Krimis auf und machen Lust auf weitere Werke der Autoren. Allerdings wurden bislang nur einige Romane von Didier Daeninckx übersetzt.
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Laurent Martin: Die Königin der Pfeifen
(übersetzt von Katarina Grän)
Distel Literaturverlag, 2010
108 Seiten
10 Euro
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Originalausgabe
La reine des connes
Éditiones La Branche, Paris, 2007
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Hommage an „La Reine des pommes“ (The five cornered square) von Chester Himes
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Verfilmung
Die Königin der Pfeifen (La reine des connes, Frankreich 2009)
Regie: Guillaume Nicloux
Drehbuch: Nathalie Leuthreau
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Marc Villard: Die Stadt beißt
(übersetzt von Katarina Grän)
Distel Literaturverlag
108 Seiten
10 Euro
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Originalausgabe
Quand la ville mord
Éditions La Branche, Paris, 2007
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Hommage an „Quand la ville dort“ (The asphalt jungle) von William R. Burnett
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Verfilmung
Die Stadt beißt (Quand la ville mord, Frankreich 2009 )
Regie: Dominique Cabrera
Drehbuch: Dominique Cabrera
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Romain Slocombe: Das Tamtam der Angst
(übersetzt von Katarina Grän)
Distel Literaturverlag, 2010
108 Seiten
10 Euro
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Originalausgabe
Envoyez la fracture
Éditions La Branche, Paris, 2007
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Hommage an „Envoyez la soudure“ (The Victim) von Carter Brown
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Verfilmung
Das Tamtam der Angst (Envoyez la fracture!, Frankreich 2009)
Regie: Claire Devers
Drehbuch: Jean-Louis Benoît, Claire Devers
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Didier Daeninckx: Nur DJs gibt man den Gnadenschuss
(übersetzt von Katarina Grän)
Distel Literaturverlag, 2010
96 Seiten
10 Euro
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Originalausgabe
On achève bien les disc-jockeys
Éditions La Brance, Paris, 2007
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Hommage an „On achève bien les chevaux“ (They shoot horses, don’t they?) von Horace McCoy
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Verfilmung
Nur DJs gibt man den Gnadenschuss (On achève bien les disc jockeys, Frankreich 2009)
Lesbian Vampire Killers (GB 2009, Regie: Philip Claydon)
Drehbuch: Stewart Williams, Paul Hupfield
Jimmy und Fletch landen auf ihrem Spaziergang durch das englische Hinterland in dem Dorf Cragwich, in dem Mädchen an ihrem achtzehnten Geburtstag zu lesbischen Vampiren werden. Jimmy und Fletch nehmen den Kampf gegen die lesbischen Vampire auf.
Was kann bei dem Titel noch schiefgehen? Oder anders gefragt: Wenn interessiert bei dem Titel noch der Film?
„‚Lesbian Vampire Killers‘ hat alles, was ein zünftiger britischer Vampirspaß braucht (…) eine frech-blutige Orgie der Körperflüssigkeiten, in der kein Auge trocken und kein Körper…ähem…ungepfählt bleibt.“ (Fantasy Film Festival 2009)
„Freizügige, geschmacklose Horrorfilmparodie, die Vorgaben des Genres auf recht eindeutige, sexistische Weise interpretiert.“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Paul McGann, James Gorden, MyAnna Buring, Matthew Horne, James Corden, Silvia Colloca, Vera Filatova
Es hilft nichts. Ich muss endlich mal wieder meinen Schreibtisch aufräumen. Dabei kann ich dann auch einige Werke, die ich teils schon vor Monaten genossen, aber bis jetzt immer noch nicht besprochen habe, endlich, nicht immer in der gebührenden Länge, besprechen.
Die Story von „Shadow und der Fluch des Khan“ ist reinster Pulp und von da kommt der Shadow auch. Er ist Lamont Cranston, der als reicher Müßiggänger im New York der dreißiger Jahre die Nachtclubs unsicher macht und als geheimnisumwitterter Shadow (oder auf deutsch „Schatten“) das Verbrechen bekämpft. Jetzt kommt Shiwan Khan, ein direkter Nachfahre von Dschingis Khan, nach New York. Er will die Weltherrschaft. Dabei möchte er, dass der Shadow auf seiner Seite mitkämpft. Immerhin hat auch der Shadow eine Vergangenheit als Bösewicht.
Die Umsetzung orientiert sich an den Dreißiger-Jahre-Serials und hat damit ein angenehm nostalgisches Flair. Dazu trägt auch der Dreh in den Universal Studios, und dass bei den Außenaufnahmen die Kulisse auch immer als Kulisse erkennbar ist, bei. Hier wurde mit erstaunlicher Liebe zum Detail ein New York erfunden, das es so niemals gegeben hat.
Aber weil „Highlander“-Regisseur Russell Mulcahy Regie führte, bleibt „Shadow und der Fluch des Khan“ nicht, wie Francis Ford Coppolas „Einer mit Herz“, im leblosen Kulissentheater stecken. Bei Mulcahy ist die Inszenierung ziemlich modern geraden und die Tricks sind heute immer noch überzeugend.
Nur die von David Koepp, dem zuverlässigen Autor von gehobenem Hollywood-Popcornkino, erfundene Story schwächelt. Denn neben dem Kampf zwischen dem Shadow und Shiwan Khan muss der Shadow sich auch mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen und er verliebt sich in Margo Lane, die seine Gedanken lesen kann (was dann auch der Anlass für einige Screwball-Comedyhafte Wortgefechte ist). In „Shadow und der Fluch des Khan“ gelingt Koepp noch nicht der richtige Mix zwischen dem Hauptplot und den teilweise zu sehr im Zentrum stehenden Subplots. Außerdem sind die Charaktere alle arg zweidimensional geraten.
Dafür herrscht ein mild ironischer Ton mit kleinen Abstechern ins cartoonhafte. So als ob alle einem zuflüsterten: „Wir wissen, dass die Story Unfug ist, aber lass uns einfach zwei Stunden Spaß haben.“
Doch damals half es nicht. Der 45 Millionen teure Film war bei den Kritikern und an der Kasse ein Flop. Heute, zwischen all den Superheldenfilmen, kann „Shadow und der Fluch des Khan“ erstaunlich gut bestehen und, trotz der Mängel in der Story, gefällt mir dieser unterschätze, naive Film, der den Zauber der alten Serials, B-Pictures (weniger) und Noirs (noch weniger) wiederaufleben lassen will, viel besser als einige der hoch budgetierten, bedeutungsschwangeren Comicverfilmungen (ich sage nur „Batman“), die in den vergangenen Jahren in den Kinos liefen.
Shadow und der Fluch des Khan (The Shadow, USA 1994)
Regie: Russell Mulcahy
Drehbuch: David Koepp
LV: Charakter von Maxwell Grant (Pseudonym von Walter B. Gibson)
mit Alec Baldwin, John Lone, Penelope Ann Miller, Peter Boyle, Ian McKellen, Tim Curry, Jonathan Winters
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DVD
Koch Media
Bild: 1,85:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Booklet, Making of, Interviews mit Russell Mulcahy, David Koepp, Martin Bregman, Alec Baldwin, John Lone, Penelope Ann Miller und Jonathan Winters, Musikvideo (Taylor Dayne), Deutscher und Originaltrailer, TV-Spots, Bildergalerie
In „Slow Burn – Verführerische Falle“ spielt Ray Liotta den für das Bürgermeisteramt kandidierenden Staatsanwalt Ford Cole. Er will unbedingt den geheimnisumwitterten Verbrecher Danny Ludin überführen. Aber niemand weiß, wie er aussieht und wo er sich gerade aufhält. In einer Nacht erschießt seine beste Anklägerin, die Farbige Nora Timmer, in Notwehr einen Mann, der sie vergewaltigen wollte. Ein klarer Fall, wenn da nicht ein Freund des Toten in der Polizeistation auftauchen und eine ganz andere Geschichte erzählen würde. Cole versucht die Wahrheit herauszufinden und dabei glaubt er, dass Ludin seine Finger im Spiel hat.
Na, das klingt doch ganz spannend. Aber letztendlich ist „Slow Burn – Verführerische Falle“ nur eine weitere Variante von „Die üblichen Verdächtigen“, in der man als Zuschauer immer zwei Schritte vor den durchgehend unsympathischen Charakteren ist, die einem – was noch schlimmer ist – auch herzlich egal sind.
So funktionieren die Plotwendungen und Enthüllungen dann vor allem als schnell langweilende Taschenspielertricks.
Die Produzenten waren wohl nicht allzu überzeugt von dem Werk. Immerhin wurde der Film bereits 2003 abgedreht und hatte, nach der IMDB, erst 2007 seine US-Premiere.
Slow Burn – Verführerische Falle (Slow Burn, USA 2005)
Regie: Wayne Beach
Drehbuch: Wayne Beach (nach einer Geschichte von Wayne Beach und Anthony Walton)
mit Ray Liotta, LL Cool J, Mekhi Phifer, Jolene Blalock, Guy Torry, Taye Diggs, Chiwetel Ejiofor, Bruce McGill
Ein Team von Abhörspezialisten der Polizei hört eine Investmentfirma, die verdächtigt wird, illegalen Insiderhandel an der Börse zu betreiben, ab. Irgendwann fragen die Polizisten sich, ob sie nicht ihr erlauschtes Wissen gewinnbringend einsetzen sollen. Immerhin können sie etwas Geld gut gebrauchen und sie tun ja auch niemandem weh, wenn sie an der Börse etwas spekulieren. Trotzdem beginnt mit ihrer ersten kleinen Spekulation der Weg in den Abgrund. Denn ihre Geschäfte fallen ihren Vorgesetzten und den Gangstern auf.
„Abgehört – Trau niemals einem Cop“ ist das neue Werk der „Infernal Affairs“-Macher Felix Chong und Alan Mak und wieder begeben sie sich in moralische Grauzonen und treiben ein perfides Spiel mit den gängigen Zuschreibungen von „Gut“ und „Böse“.
Das ist allerfeinstes Hongkong-Kino, das, wie „Infernal Affairs“, weitgehend auf Action und graphische Gewalt verzichtet und ein absolut blödes Cover, das dem Hongkong-Filmplakat entspricht, hat.
Grégoire Vigneron erzählt in seinem Regiedebüt „Spurlos“ die alte Geschichte von dem anständigen Mann, der zufällig ein Verbrechen begeht und sich immer tiefer in Schuld verstrickt. Dieser Mann, der Yuppie Étienne Meunier, hat auch wirklich etwas zu verlieren. Er ist mit der Tochter seines jetzigen Chefs verheiratet und er soll in wenigen Tagen der Chef des Konzerns werden. Den Grundstein für diese Karriere legte er vor fünfzehn Jahren, als er von François Michelet, der ihnen eine Formel für einen Fleckenentferner zuschickte, die Formel stahl, die jetzt die Grundlage für ein Produkt ist, das den größten Teil des Firmenumsatzes ausmacht. Aber diese Tat nagt immer noch an seinem Gewissen.
Jetzt will er sich, auf den Vorschlag seines alten, lange nicht mehr gesehen Schulfreundes Patrick, bei Michelet entschuldigen. Aber das Gespräch eskaliert und am Ende ist Michelet tot; erschlagen von Patrick, der Étienne bei einem Kampf gegen Michelet half. Anschließend drängt Patrick sich in Étiennes Leben. Und dann ist da noch der freundliche Kommissar, der Étiennes Verhalten, wozu auch seine Hilfsbereitschaft gegenüber Michelets Tochter gehört, verdächtig findet.
„Spurlos“ reiht sich in die aktuelle Serie von guten französischen Krimis, die vertraute Genreformen mit neuen Inhalten und Twists füllen, ein. Hier ist es der eher sanfte Noir und Psycho-Thriller mit einem Hauch Hitchcock. Denn egal, was Étienne auch unternimmt, um seine Schuld zu sühnen, ohne zur Polizei zu gehen, führt dazu, dass sein Leben immer bedrohter und er immer verdächtiger wird. Aber wenn er zur Polizei geht, wäre seine Karriere und seine Ehe kaputt. Was soll er also tun? Vigneron erzählt diese Geschichte straff und kurzweilig. Entstanden ist so ein feiner, im besten Sinn altmodischer Thriller, in dem die inneren Konflikte des Protagonisten im Mittelpunkt stehen.
Spurlos (Sans laisser de traces, Frankreich 2010)
Regie: Grégoire Vigneron
Drehbuch: Grégoire Vigneron, Laurent Tirard
mit Benoît Magimel, François-Xavier Demaison, Julie Gayet, Léa Seydoux, Jean-Marie Winling, Dominique Labourier, André Wilms, Stéphane De Groodt, Yves Jacques, Christelle Cornil, Georges Siatidis, William Miller
LV: Anthony Burgess: A Clockwork Orange, 1962 (Uhrwerk Orange)
Der Halbstarke Alex terrorisiert mit seinen Freunden die Gegend. Nachdem er zu einer langen Haftstrafe verurteilt wird, ist er bereit an einem neuen Rehabilitationsprogramm teilzunehmen. Mit fatalen Folgen.
Als „Uhrwerk Orange“ 1971 in die Kinos kam, war er hochumstritten. Zwar sagte Kubrick, sein Film sei eine Verteidigung des freien Willens, aber Gewalt (wenn auch sehr stilisiert) und Beethoven oder „Singing in the Rain“ in einer Szene und der Verzicht auf eine eindeutige Position des Regisseurs im Film war dann für die meisten Kritiker doch zuviel.
Heute ist der stilisierte Alptraum als Meisterwerk der Filmgeschichte anerkannt – und der Roman schaffte es in die Time-Liste der 100 besten englischsprachigen Romane sein 1923.
Es begann mit der „Suite Noire“, einer seit 2007 in der Éditions La Branche von Jean-Bernard Pouy herausgegebenen Reihe von Kurzromanen (oder längeren Kurzgeschichten oder, lose gebraucht, Novellen), die sich am Noir orientieren und jedes Werk ist vom Titel her eine Hommage an einen oft bekannten Noir- oder Pulp-Roman. Deshalb dürfte Krimi-Fans bei vielen Titeln ein wohliger Schauer des Erkennens über den Rücken laufen.
Acht dieser Noirs wurden 2009 als „Suite Noire“ (Originaltitel) oder „Serie in Schwarz“ (Deutscher Titel) verfilmt und die so entstanden, jeweils einstündigen Filme sind für die Freunde des Schwarzen Humors und des Noirs ein Vergnügen. Denn alle Filme, von verschiedenen Regisseuren inszeniert und teils hochkarätig besetzt (so spielen Niels Arestup, Michel Aumont, Lubna Azabal, Sarah Biasini, Manuel Blanc und Francis Renaud mit), wirken, als ob das Team von „Alfred Hitchcock zeigt“ einen Betriebsausflug nach Frankreich gemacht hat. Außerdem haben die „Suite Noire“-Macher eine große Sympathie für Menschen und Milieus, die im normalen bundesdeutschen Krimi nicht vorkommen.
In „Nächste Ausfahrt Mord“ wird ein Vertreter zum Serienmörder. Der karrieregeile Biedermann muss einfach einen dummen Unfall vertuschen. In „Schießen Sie auf den Weinhändler“ bringt der genusssüchtige Weinhändler seine Frau um (denn beim Essen hört der Spaß auf) und engagiert eine junge Herumstreicherin, die etwas vom Essen versteht, als seine neue Köchin. Dummerweise ist sie überhaupt nicht von seinen Schlägen wegen falsch zubereiteter Mahlzeiten begeistert. In „Papas Musik“ will ein finanziell klammer Plattenproduzent seinem Sohn bei der Musikerkarriere helfen. Aber seinem Schicksal entkommt man nicht so einfach.
Das ist im Noir natürlich eine Binsenweisheit, die auch in „Nur DJs gibt man den Gnadenschuss“ auf die sozial engagierte Radiomoderatorin und ihren neuen, gerade aus dem Knast entlassenen Freund zutrifft. Was sie nicht weiß, ist, dass Manu sich an sie heranmacht, weil er von der Polizei dazu erpresst wird den linken Radiosender auszuspionieren. „Die Königin der Pfeifen“ ist die Transsexuelle Annabelle (Gab’s jemals in einem deutschen TV-Film eine Transe als Protagonistin? Ich glaube nicht.). Sie (ähem, er) will vor ihrer Geschlechtsumwandlung in Thailand noch ein richtig großes Ding durchziehen. Aber der Plan ist das eine, die Realität das andere.
„Das Tamtam der Angst“ ist eine herrlich abgedrehte schwarze Komödie, über einen kleinen Buch-Illustrator, der von allen unterdrückt wird. Als er ein Buch über afrikanische Zaubersprüche illustrieren soll, beschließt er, die Flüche auszuprobieren. Mit durchschlagendem Erfolg. „Schönheit muss sterben“ ist ein in Marseille spielender PI-Krimi, in dem der Detektiv sich unwissentlich mit der High Society der Stadt anlegt. In „Die Stadt beißt“ kämpft eine Illegale, die als Prostituierte arbeitete, um ihr überleben.
Alle acht Filme folgen den Vorlagen ziemlich genau. Die Veränderungen verbessern die Geschichten oder sind dem anderem Medium geschuldet. So gibt es in „Schönheit muss sterben“ kein Voice-Over des Protagonisten, sondern der Vater des Privatdetektivs, ein toter Polizist, gibt seinem Sohn während seines ersten Auftrags gute Ratschläge.
In „Nur DJs gibt man den Gnadenschuss“ wird, zum Glück, aus der Undercover-Arbeit von Manu kein Geheimnis gemacht. In „Das Tamtam der Angst“ wird die Beziehung zwischen dem Zeichner und seiner Frau nachvollziehbar und, gerade weil die Macher immer auch eine rationale Erklärung für das Leid der von den Flüchen Betroffenen anbieten, hält der Film wunderschön die Balance zwischen Rationalismus und Aberglaube. In „Schießen Sie auf den Weinhändler“ ist, immerhin sehen wir die Schauspieler, der Aufbau der Geschichte von Anfang an klar. Der Film ist, wie „Nächste Ausfahrt Mord“, ein Fest für die Freunde des Schwarzen Humors. Und dann ist da noch „Das Tamtam der Angst“.
Als Bonusmaterial gibt es zu jedem Film ein kurzes Making of, in dem meistens der Regisseur einiges zum Film erklärt. Das ist wenig, aber fast immer informativ anzuhören.
Serie in Schwarz (Suite Noire, Frankreich 2009)
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DVD
Edel Motion
Bild: 16:9
Ton: Deutsch, Französische (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: –
Bonusmaterial: Untertitelte Making ofs zu jedem Film
Länge: 540 Minuten (4 DVDs)
FSK: ab 16 Jahre
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enthält
Nächste Ausfahrt Mord (Vitrage à la corde)
Regie: Laurent Bohnik
Drehbuch: Laurent Bouhnik, Bibi Naceri
LV: Colin Thibert: Vitrage à la corde, 2007 (Nächste Ausfahrt Mord)
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Schießen sie auf den Weinhändler (Tirez sur la caviste)
Regie: Emmanuelle Bercot
Drehbuch: Emmanuelle Bercot
LV: Chantal Pelletier: Tirez sur la caviste, 2007 (Schießen Sie auf den Weinhändler)
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Papas Musik (La musique de papa)
Regie: Patrick Grandperret
Drehbuch: Patrick Grandperret, José-Louis Bocquet, Emilie Grandperret
LV: José-Louis Bocquet: La musique de papa, 2007 (Papas Musik)
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Nur DJs gibt man den Gnadenschuss (On achève bien les disc jockeys)
Regie: Orso Miret
Drehbuch: Orso Miret
LV: Didier Daeninckx: On achève bien les disc jockeys, 2007 (Nur DJs gibt man den Gnadenschuss)
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Die Königin der Pfeifen (La reine des connes)
Regie: Guillaume Nicloux
Drehbuch: Nathalie Leuthreau
LV: Laurent Martin: La reine des connes, 2007 (Die Königin der Pfeifen)
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Das Tamtam der Angst (Envoyez la fracture!)
Regie: Claire Devers
Drehbuch: Jean-Louis Benoît, Claire Devers
LV: Romain Slocombe: Envoyez la fracture, 2007 (Das Tamtam der Angst)
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Schönheit muss sterben (Le débarcadère des anges)
Regie: Brigitte Roüan
Drehbuch: Santiago Amigorena, Brigitte Roüan
LV: Patrick Raynal: Le débarcadère des anges, 2007 (Landungsbrücke für Engel)
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Die Stadt beißt (Quand la ville mord)
Regie: Dominique Cabrera
Drehbuch: Dominique Cabrera
LV: Marc Villard: Quand la ville mord, 2007 (Die Stadt beißt)
Batman hält die Welt in Atem (USA 1966, R.: Leslie H. Martinson)
Drehbuch: Lorenzo Semple Jr.
LV: Charakter von Bob Kane
Bevor Comicverfilmungen megamillionenteure Blockbuster wurden, waren sie, nun, so etwas wie „Batman hält die Welt in Atem“: bunt, kindisch, billig produziert und wirklich nichts für das intellektuelle Abendgespräch.
Die Story: Batman und Robin kämpfen gegen vier Supergangster (unter anderem dem Pinguin und das Katzenweib), die die Weltherrschaft mit einer Dehydrationsmaschine anstreben.
Die Kritik zu dem Kassenhit (jedenfalls in seiner Heimat): “Der infantile Film nimmt, nicht ohne Überraschungseffekte und eine Spur gelegentlicher Ironie, das Motiv einer alten TV-Serie wieder auf.“ (Lexikon des internationalen Films)
„Was an dem Film so sympathisch berührt, ist, dass er sich in keiner Phase ernst nimmt. Ein Film für Leute mit Sinn für Unsinn. Wackeren SF-Fanatikern wird er freilich auf die Nerven gehen.“ (Science Fiction Times)
Die Folgen: Heute sind die von 1966 bis 1968 ausgestrahlte „Batman“-TV-Serie mit Adam West und Burt Ward und der daraus entstandene Spielfilm „Batman hält die Welt in Atm“ irgendwie Kult. Aber das wird ja über jeden Trash gesagt, wenn nur genug Jugenderinnerungen dran hängen.
Oh, und Lorenzo Semple Jr. schrieb später auch die Drehbücher für „Papillon“, „Zeuge einer Verschwörung“ (Edgar-nominiert), „Unter Wasser stirbt man nicht“ (nochmal Edgar-nominiert), „Die drei Tage des Condor“ (Edgar-Gewinner), „King Kong“ (Okay, der war nichts.), „Flash Gordon“ und „Sag niemals nie“.
Mit Adam West, Burt Ward, Lee Meriwether, Cesar Romero, Frank Gorshin, Alan Napier, Neil Hamilton
1978 war der von Hark Bohm inszenierte Film „Moritz, lieber Moritz“ der erfolgreichste deutsche Kinofilm. Heute dürfte ihn, auch weil er seit Ewigkeiten nicht mehr im Fernsehen lief, kaum noch jemand kennen. Dabei ist der Film über einen Fünfzehnjährigen, obwohl er tief in den bundesdeutschen Siebzigern verwurzelt ist und deshalb an vielen Stellen Patina angesetzt hat, auch heute noch sehenswert. Denn die Probleme, die Moritz mit dem Erwachsenwerden hat, sind universell.
Der introvertierte Moritz Stuckmann ist der jüngste Spross einer Elbdynastie. Sein Vater hat allerdings gerade das Vermögen verjubelt und der Gerichtsvollzieher schnappt sich auch die Stereoanlage von Moritz. Seine Mutter versucht noch den Schein aufrecht zu erhalten. Sein Vater hat resigniert. Seine Oma ist in einem Altersheim und, weil seine Mutter sie nie besucht, muss Moritz allein mit dem Sterbewunsch der Großmutter umgehen. In der Schule ist auch nicht alles rosig. Vor allem der Mathelehrer hat ihn auf dem Kicker. Zum Ausgleich flüchtet Moritz sich in blutige Fantasien, in denen er sich auch an dem Mathelehrer rächt.
Und dann ist da noch seine erwachende Sexualität, die er meistens damit auslebt, dass er seine junge Tante durch Schlüssellöcher beobachtet (Zur Erinnerung: Das war die Zeit vor Internet und VHS. Das war die Zeit der Pornokinos.). Zufällig trifft er die gleichaltrige Barbara. Aber will sie wirklich etwas von ihm?
Seinen einzigen Trost findet er bei einer von ihm gezähmten Ratte und in der Musik. Er spielt Saxophon.
Nach dem Erfolg von „Nordsee ist Mordsee“ beschäftigte Hark Bohm sich auch in seinem nächsten Film mit den Ängsten, Sorgen und Wünschen eines Jungen. Und, wie in „Nordsee ist Mordsee“ war auch „Moritz, lieber Moritz“ stark von Bohms Umfeld, wozu vor allem seine Kinder (die in beiden Filmen mitspielten und ihn beim Schreiben des Drehbuchs und den Dreharbeiten berieten) gehören, beeinflusst. Doch während „Nordsee ist Mordsee“ einen quasi-dokumetarischen Look hatte, sind die filmischen Vorbilder und Reminiszenzen in „Moritz, lieber Moritz“ breiter gestreut. Wenn Moritz Barbara durch Hamburg verfolgt und sich ihr nähert, weht ein Hauch Nouvelle Vague durch den Film. Wenn er seine Tante durch das Schlüsselloch beobachtet, fühlt man sich in einem Softporno („Emmanuelle“ und die Schulmädchenreport-Filme waren Kassenhits. „Der letzte Tango in Paris“ und „Im Reich der Sinne“ sorgten auch für heftige Diskussionen in den Feuilletons.). Die Szenen im noblen Familiensitz mit Blick auf die Elbe, vor allem beim gemeinsamen Essen, erinnern an die Demaskierungen des Bürgertums bei Rainer Werner Fassbinder. Die damals schockierenden Traumsequenzen und der Autounfall (den ich wesentlich graphischer in Erinnerung hatte) sorgten, wie schon bei „Nordsee ist Mordsee“, für Ärger mit der FSK über die Altersfreigabe des Films und damit um die Frage, ob auch Jugendliche im Alter des Protagonisten den Film im Kino sehen durften. Anscheinend wurde er letztendlich ab 12 Jahre freigegeben; – was seltsam ist, weil der Film jetzt eine FSK-16 hat.
Diese Traumsequenzen und die Szenen mit Moritz‘ Oma erinnern etwas an das damalige britische Filme. Das Kriegsspiel der Kinder könnte aus einem Nordirland-Drama sein. Die Folterung des Mathelehrers eine Szene aus „Uhrwerk Orange“.
Dieser Mischmasch aus unterschiedlichen Stilen fügt sich am Ende zu einem Spiegelbild von Moritz‘ Psyche und Bohm erzählt den Film auch konsequent aus Moritz‘ Perspektive.
Bohm sagt im Presseheft, dass es in „Moritz, lieber Moritz“ um Konflikte gehe, die die jugendlichen Zuschauer aus eigenem Erleben nachvollziehen könnten. Deshalb wäre ein Remake der Geschichte von Moritz im heutigen Deutschland, das den Protagonisten genauso ernst nimmt, ein spannendes Experiment.
Anmerkung zum Nachdenken: Der Jugendfilm ist freigegeben ab 16 Jahre. FSK-16-Filme dürfen im Fernsehen erst nach 22.00 Uhr gezeigt werden.
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Moritz, lieber Moritz (D 1978)
Regie: Hark Bohm
Drehbuch: Hark Bohm
mit Michael Kebschull, Kerstin Wehlmann, Kyra Mladeck, Walter Klosterfelde, Grete Mosheim Elvira Thom, Uwe Enkelmann, Dschingis Bowakow, Wolf-Dietrich Berg, Uwe Dallmeier, Marquard Bohm