Alter Scheiß? George V. Higgins: Die Freunde von Eddie Coyle

Higgins - Die Freunde von Eddie Coyle - 2

Es gibt einige legendäre Buchanfänge.

Jackie Brown at twenty-six, with no expression on his face, said that he could get some guns. ‚I can get your pieces probably, six pieces. Tomorrow night. In a week or so, maybe ten days, another dozen. I got a guy coming in with at least ten of them but I already talk to another guy about four of them and he’s, you know, expecting them. He’s got something to do. So, six tomorrow night. Another dozen in a week.’“ gehört dazu. Es ist der Anfang von von „The Friends of Eddie Coyle“ von George V. Higgins, einem Klassiker des Gangsterkriminalromans, der nach seinem Erscheinen 1971 in den USA für frischen Wind im Genre sorgte. Übersetzt ins Deutsche erschien der Roman erstmals zwei Jahre später als „Hübscher Abend bis jetzt“. Jetzt, in der neuen und angenehm flüssig zu lesenden Übersetzung von Dirk van Gunsteren liest sich der Anfang von „Die Freunde von Eddie Coyle“ so:

Jackie Brown war sechsundzwanzig und verzog keine Miene, als er sagte, er könne ein paar Waffen besorgen. ‚Wahrscheinlich kann ich die Dinger morgen Abend liefern. Wahrscheinlich sechs. Morgen Abend. In einer Woche oder zehn Tagen noch mal ein Dutzend. Mein Lieferant bringt mindestens zehn Stück mit, aber vier davon hab ich schon einem anderen Kunden versprochen, und der verlässt sich darauf. Hat was zu erledigen. Also sechs morgen Abend und noch mal ein Dutzend in einer Woche.’“

Gegenüber von Jackie Brown sitzt Eddie Coyle, ein 44-jähriger, verheirateter Gewohnheitsverbrecher mit drei Kindern, der einerseits sein nächstes Ding plant, andererseits eine Verurteilung befürchtet. Denn er wurde mit einem Laster geklauter Ware erwischt und erwartet dafür, angesichts seiner bisherigen Verurteilungen, einen weiteren Gefängnisaufenthalt, den er gerne vermeiden möchte – und da bietet ihm Jackie Brown gerade einen Weg an. Wenn er Detective Dave Foley, für den er ab und an als Spitzel arbeitet, verrät, für wen die anderen Waffen, die Jackie Brown verkaufen will, sind, könnte der ein gutes Wort für ihn einlegen. Soweit der Plan.

Legendär ist der Anfang von „Die Freunde von Eddie Coyle“ nicht, weil George V. Higgins in seinem Romandebüt im ersten Absatz in die Welt und die den Roman bestimmenden Konflikte einführt, sondern weil seine Dialoge – und der Roman besteht fast nur aus Dialogen – wie Abhörprotokolle klangen. Entsprechend schwer ist es, die alltäglichen Gespräche der Gangster und wenigen Polizisten zu übersetzen. Es soll natürlich klingen, Slang soll vorkommen, aber so, dass er nicht zwei Jahre später nur noch gekünstelt und veraltet wirken. Eben das, was heute die Übersetzungen und Synchronisationen von älteren Gangsterfilmen oft so unerträglich macht. Harte Gangster, die „Zuckerpüppchen“ und „flotte Biene“ sagen, sind einfach lächerlich. Diese Fehler vermeidet Dirk van Gunsteren, der bereits „Ich töte lieber sanft“ von Higgins übersetzte.

Higgins, der Staatsanwalt und Anwalt war, porträtierte in „Die Freunde von Eddie Coyle“ die Gangsterwelt als ein redseliges Volk, das sich hemmungslos verrät und die Polizei muss einfach nur abwarten. Denn einer redet immer. Manchmal auch zwei oder drei. Dabei versuchen sie sich, wenn sie in Gesprächen vor mehr oder weniger stark vor sich hin monologisieren, sich vor allem vor sich selbst zu rechtfertigen und so auch die Welt zu erklären. Denn: wie rechtfertigt man einen Verrat?

Gleichzeitig zeichnet Higgins in „Die Freunde von Eddie Coyle“ ein düsteres Bild der USA während des Vietnam-Krieges und vor dem Watergate-Skandal. Bei ihm gibt es keine Ehre unter Verbrechern. Alle sind korrupt. Alle sind nur auf ihren Vorteil bedacht und auch die Polizei hat überhaupt kein ernsthaftes Interesse an der Bekämpfung des Verbrechens. Anstatt selbst zu ermitteln, warten sie ab, wie ihnen Verbrecher und Revolutionäre – wir reden von 1971 – ins Netz gehen.

Diese nihilistische Welt von Eddie Coyle, die erschreckend banalen Intrigen und die Dialoge sind auch heute noch überzeugend. Das von George V. Higgins benutzte Stilmittel, die Geschichte vor allem in realistisch klingenden Dialogen zu erzählen, hat sich in den vergangenen Jahren wegen der vielen Nachahmer abgenutzt.

Aber ein guter Gangsterkrimi ist der Roman immer noch und natürlich muss jeder, der sich auch nur halbwegs ernsthaft mit der Geschichte des Kriminalromans auseinandersetzt, das Buch gelesen haben.

Oder könnt Ihr euch einen Jazzfan vorstellen, der „A love Supreme“ von John Coltrane nicht kennt?

George V. Higgins: Die Freunde von Eddie Coyle

(übersetzt von Dirk van Gunsteren)

Kunstmann, 2014

192 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

The Friends of Eddie Coyle

Alfred A. Knopf, 1971

Verfilmung

(ein toller Film, der endlich mal wieder im TV laufen oder auf DVD veröffentlicht werden sollte)

Die Freunde von Eddie Coyle (The Friends of Eddie Coyle, USA 1973)

Regie: Peter Yates

Drehbuch: Paul Monash

mit Robert Mitchum, Peter Boyle, Richard Jordan, Steven Keats, Alex Rocco, Joe Santos, Mitch Ryan

Hinweise

Fantastic Fiction über George V. Higgins

Krimi-Couch über George V. Higgins

Wikipedia über George V. Higgins (deutsch, englisch)

New York Times über George V. Higgins

Mulholland Books: Brian Greene über George V. Higgins

Elmore Leonard über George V. Higgins

Weekly Lizard: Justin Peacock über George V. Higgins und das Must-Read-Book “The Friends of Eddie Coyle”

National Post: Robert Fulford über George V. Higgins

Meine Besprechung von Andrew Dominiks „Killing them softly“ (Killing the softly, USA 2012)

Meine Besprechung von George V. Higgins‘ „Ich töte lieber sanft“ (Cogan’s Trade, Killing them softly, 1974)

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