Ein Terrorist, ein Ganove, ein „Ausbruch“ – ein neuer Roman von Dominique Manotti

Manotti - Ausbruch

Mit der Politik kam der kleine Ganove Filippo Zuliani erstmals im Gefängnis in Kontakt. Denn sein Zellennachbar war Carlo Fedeli, ein bekanntes Mitglied der „Roten Brigaden“, der ihm abends in der Zelle von seinen Kämpfen mit seinen Gefährten gegen den faschistoiden italienischen Staat und für eine gerechte Gesellschaft erzählte. So erhielt Filippo seine politische Bildung und als er Carlo bei der Flucht beobachtet, flieht er mit seinem Freund, der ihm nichts von der Flucht erzählte. Kurz nach der Flucht trennen sich ihre Wege. Als der ziellos durch Italien wandernde Filippo erfährt, dass Carlo in Mailand bei einem Banküberfall erschossen wurde und er als Mittäter gesucht wird, flüchtet er von Italien nach Paris. Dort wird er von Carlos im Exil lebenden Kampfgefährten aufgenommen, die allerdings wenig mit dem dreiundzwanzigjährigem, ungebildeten Straßengangster zu tun haben wollen. Immerhin vermitteln sie ihm einen Job als Nachtwächter und während der Arbeit beginnt Filippo seine Interpretation seiner Freundschaft und gemeinsamen Flucht mit Carlo aufzuschreiben.
„Ausbruch“, der neue Roman von Dominique Manotti, ist ein Krimi, der kein Krimi ist. Obwohl es um Verbrecher, Terroristen, Verschwörungen, Lug und Trug geht, unterläuft die Geschichte die Genre-Konventionen. Und in Paris verfolgt niemand Filippo, der auch kein Interesse an einer Fortsetzung seines kriminellen Lebens hat. Stattdessen gefällt ihm eine bürgerliche Karriere als Schriftsteller, die dann ganz eigene Probleme hat.
In dem Roman gibt es einen Rückblick auf die Jahre 1987 und 1988, in denen die Geschichte hauptsächlich spielt, den italienischen Terrorismus der siebziger und achtziger Jahre, und das Leben der Flüchtlingsgemeinschaft in Paris, die aus italienischen politischen Flüchtlingen bestand, die während langer, weinseliger Abende philosophierten, politisierten und sich in mehr oder weniger paranoiden Gedankengebäuden verirrten.
Es ist auch ein Porträt der literarischen Szene, in der Menschen ihre Lebensgeschichte mit mehr oder weniger erfundenen Erinnerungen kapitalisieren, und die in den Medien aufgrund ihrer Biographie abgefeiert werden. Hier kann jeder die ihm genehmen Beispiele einfügen. Filippo wird aufgrund seiner rohen, unverfälschten Sprache als literarische Sensation gefeiert. Immerhin schreibt er darüber, wie es wirklich war. Auch wenn einige Namen geändert wurden und „Roman“ auf dem Umschlag steht. Und die Geschichte eines Revolutionärs, der sich mit einem ungebildeten Kleinganoven befreundet und zum schnöden Bankräuber wird, bedient gleich mehrere Erwartungen. Dummerweise nicht nur vom Literaturbetrieb.
Kürzlich spielte David Zeltserman in „Pariah“ äußerst gelungen mit dem Authentizitätswahn des literarischen Betriebes, in dem ein stadtbekannter South-Boston-Gangster für viel Geld seine Geschichte erzählen sollte. Dummerweise hatte der Gangster noch einige Rechnungen offen.
Auch dieser Roman ist absolut empfehlenswert. Dieses Mal gibt es daher einen zweifachen Lesebefehl.

Dominique Manotti: Ausbruch
(übersetzt von Andrea Stephani)
Ariadne, 2014
256 Seiten
17 Euro

Originalausgabe
L’évasion
Éditions Gallimard, Paris, 2013

Hinweise

Ariadne über „Ausbruch“, mit weiterführenden Links zum politischen Hintergrund

Krimi-Couch über Dominique Manotti

Wikipedia über Dominique Manotti (deutsch, französisch)

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Zügellos“ (À nos Chevaux!, 1997)

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